Yumirill / Klang der Glocken

von RSH
GeschichteMystery, Fantasy / P18
25.03.2019
26.03.2020
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Es war wieder einmal ein anstrengender in Tag in Ergamon vergangen, als Sulvian völlig erschöpft nach Hause kam und nur noch ins Bett wollte. Die Suche nach den Mördern von Vater Luric machte den Hauptmann schon völlig wahnsinnig. Seit sie erfahren hatten, dass Vater Luric tot sei, hatten sie bislang nichts erreicht, was ihn oder sonst irgendeinen der Soldaten zufrieden stimmte. Jeder von ihnen wollte die Mörder von Vater Luric so schnell wie möglich ausfindig machen und ihnen dann ihre gerechte Strafe zukommen lassen. Das Problem war nur, dass sie seine Mörder bislang noch immer nicht gefunden hatten und auch keinen Hinweis, der ihnen bei der Suche half. Es war, als wollte eine höhere Macht einfach nicht, dass man sie fand.
Sulvian betrat sein Schlafzimmer, lehnte sein Schwert an eine alte Truhe, in der er einige Erinnerungsstücke aus seiner Kindheit lagerte, setzte sich auf sein Bett und fuhr mit der linken Hand über die weiße Wolldecke, die seine Frau für ihn einst gestrickt hatte. Ein weiteres Erinnerungsstück vergangener Tage, das für ihn aber von ungeheurem Wert war.
Vor drei Jahren war seine Frau an einer Krankheit verstorben, die nicht einmal die Heilerin am Markt zu heilen wusste. Dabei hatte Sulvian seine letzte Hoffnung in diese Frau gesetzt.
Sulvian dachte an die Zeit zurück, in der er seine Geliebte kennengelernt hatte und sie sich sofort ineinander verliebten. Damals war Sulvian noch ein einfacher Soldat und hatte die Frau seiner Träume bei einen Rundgang kennengelernt. Ihr waren zufällig einige Früchte aus ihren Korb gefallen, da war ihr Sulvian sofort zur Hilfe geeilt und half ihr beim Einsammeln des köstlichen Obstes.
Lorina hieß seine Frau. Sie war natürlich äußerst erfreut darüber gewesen, dass ein netter Mann, wie Sulvian es war, ihr dabei geholfen hatte. Als Dankeschön hatte seine zukünftige Frau ihn zum Essen eingeladen, was er natürlich nicht ausschlug.
Auf einmal riss ihn ein lautes Geräusch aus seinen Erinnerungen und brachte ihn wieder in die dunkle Realität zurück.
Als Sulvian erschrocken aufsah, entdeckte er, dass das Schwert, welches einst Reinyk gehört hatte, auf den Boden gefallen war. Zahlreiche Leben musste Reinyk mit diesen Schwert beendet haben.
Aufstehen wollte Sulvian im Moment nur ziemlich ungern. Er wäre gerne noch ein wenig länger in seinen Erinnerungen verblieben, nur würde ihm dieses Schwert, wenn es so auf dem Boden lag, keine Ruhe lassen.
Müde und völlig entkräftet erhob sich Sulvian von seinem Bett und lehnte das Schwert wieder gegen die Truhe. Zuerst lief alles ganz normal, nichts fühlte sich seltsam oder gar verdächtig an, doch plötzlich konnte Sulvian das Schwert nicht mehr loslassen. Seine Hand klebte an dem ledernen Griff des Schwertes fest und ließ ihn nicht gehen. Überrascht versuchte Sulvian, sich mit seiner zweiten Hand zu befreien, doch auch diese Hand blieb an dem Schwert kleben.
„Was zum Teufel?“, sprach er völlig perplex.
So etwas Seltsames hatte der Hauptmann in seinen ganzen Lebensjahren noch nie erlebt.
Blut war mit einem Mal an der Spitze der Klinge zu sehen, das sich langsam seinen Weg nach oben zum Griff bahnte. Dieses Blut war viel dunkler, als es eigentlich sein sollte und konnte unmöglich von einem Menschen stammen. Viel eher gehörte dieses Blut einem Wesen, welches schon seit langer Zeit seine Menschlichkeit verloren hatte.
Völlig gegen die Gesetze der Schwerkraft, bewegte sich das unheimliche Blut auf Sulvians Hände zu.
Als der Hauptmann das sah, gefror ihm das Blut in den Adern. Aus der Überraschung wurde entsetzte Panik. Er wusste, dass das ganz bestimmt nichts Gutes sein konnte und probierte mit aller Kraft, das Schwert loszulassen. Nichts ergab sich aus seinen Versuchen. Panisch begann Sulvian dann das Schwert von Reinyk in die Luft zu heben und er schlug, wie wild geworden, in der Luft herum.
Dieses Blut, welches ihm immer näher kam, spritzte nicht, wie gedacht, im ganzen Raum herum, sondern bahnte sich unweigerlich seinen Weg weiter fort.
„Verdammt, was ist das?“, rief er völlig ängstlich, als er bemerkte, dass die zähe Flüssigkeit ihn gleich erreicht hatte. Er schlug mit aller Kraft gegen seine Truhe, da er hoffte, dass dieses Schwert durch den Aufprall aus seiner Hand gleiten würde.
Die Klinge traf die Truhe mit aller Kraft, schlug eine ordentliche Kerbe hinein und ließ den Hauptmann, mitsamt dem Schwert, das Gleichgewicht verlieren. Er stürzte auf den Boden seines Schlafzimmers, richtete sich schnell wieder auf und sah entsetzt mit an, wie das Blut seine Hände erreicht hatte.
Einen markerschütternden Schrei ließ Sulvian los, als sich das Blut durch seine Hände zu bohren begann und ihn von innen zu verbrennen schien.
Durch die unerträglichen Schmerzen, die Sulvian nie gedacht hätte, dass man diese fühlen konnte, fiel er auf die Knie und rammte dieses von Blut triefende Schwert in die Bretter seines Fußbodens.
Unfähig, irgendwie noch zu reagieren, verharrte der Hauptmann in dieser Postion und sah mit an, wie sich dieses fremde Blut, durch seine Arme bewegte und bereits nach wenigen Sekunden seinen Hals erreicht hatte.
Ängstlich und wohl wissend, dass es aus dieser Situation kein Entkommen mehr gab, ließ Sulvian noch, mit einem letzten Schrei, die ganze Welt wissen, was er gerade durchmachte. Aus aller Leibeskraft und mit Blut, das aus seinen Augen und Ohren herausquoll, presste Sulvian sein gesamtes Leben, seine Gefühle und seine Taten aus seinen brennenden Lungen.
Der Schrei verstummte, die Angst wurde ihm genommen und sein Leben hatte ein unschönes Ende gefunden. Jedoch konnte Sulvian jetzt zu seiner Frau Lorina gehen und sie endlich wieder in die Arme schließen.

Den ganzen Tag lang, hatte Emilia nichts anderes getan, als einen Ausweg aus ihrer hitzigen Situation zu finden. Weder die Gitterstäbe, noch die Mauern, die den Rest ihrer dunklen Zelle umgaben, erwiesen irgendeine Möglichkeit zu entkommen. Emilia war hier gefangen und konnte nichts anderes tun, als angespannt auf den nächsten Schritt zu warten, den sie ganz bestimmt nicht beeinflussen konnte.
Zusammengekauert saß sie da in der Ecke und drehte die Kette ihrer Mutter zwischen ihren dreckigen Fingern. Es war unglaublich, dass dieser schimmernde Mondstein bislang alles mit überstanden hatte. Ihre Mutter war auf diese Weise immer an ihrer Seite und hatte ihr auch damals in diesem Bordell den bringenden Einfall gebracht. Wenn sich also Emilia genug konzentrierte, so dachte sie, dann würde ihr irgendwie einfallen, was sie tun konnte.
Während sie das Geschenk ihrer Mutter in ihren Fingern begutachtete, bemerkte Emilia, wie dumm sie doch war. Es war bestimmt aus diesem Grund, weshalb Emios nicht zur Kathedrale gehen wollte, weil er wahrscheinlich befürchtete, dass sie bereits erwartet wurden. Emilia musste aber unbedingt ihren Sturkopf durchsetzen und war dadurch in die Fänge ihrer schlimmsten Feinde geraten. Sie würde sich am liebsten selbst dafür bestrafen, doch glaubte sie, das bisschen Kraft, welche sie besaß, noch zu gebrauchen. Wenn sie Glück hatte, waren Emios und Loudrig bereits auf dem Weg, um sie zu befreien, bevor die Ältesten sie bei lebendigen Leib verbrennen würden. Wenn Emios sich überhaupt noch die Mühe machen wollte, Emilia zu befreien.

Ängstlich und deprimiert zog Emilia ihre Knie näher an sich und hielt ihre Kette ganz fest, sodass diese zu zerspringen drohte. Ein wärmendes Gefühl konnte sie in ihren Händen spüren und Emilia war kurz daran, die Augen zu schließen. Sich für eine Weile hinzulegen und ein wenig Ruhe zu bekommen, schien für sie eine gute Idee zu sein. Die Sonne war schon längst wieder untergegangen und die ruhige Nacht gab zu verkünden, dass ein weiterer Tag sein Ende fand. Mit der Nacht kam auch die Dunkelheit, die sich wie eine Krankheit im ganzen Kerker ausbreitete. Die Schatten, die zuvor die Sonne noch hervor gerufen hatte, wurden durch die Finsternis verschluckt.
Alles lag in völliger Dunkelheit und die Stille ließ ihr langsam die wohlverdiente Ruhe zukommen.
Völlig unerwartet schreckte Emilia aus ihrem Halbschlaf auf, als sie das Aufschließen einer Tür vernahm.
Zahlreiche Schritte waren zu hören, die sich dem Kerker näherten. Lichtscheine von Fackeln waren zu sehen, die Teile des Kerkers erhellten und Emilia wissen ließen, dass es nun soweit war. Die Ältesten kamen, um sie aus ihrer Zelle zu nehmen und sie als das hinzurichten, was sie war. Ein Kind des Blutes. Nicht in dieser Welt gewollt und keinesfalls geliebt. Niemand, auch wirklich niemand, konnte annähernd verstehen, wie sich Emilia dabei fühlte. Genauso wenig interessierte es jemanden, wie sie in Wirklichkeit war. Sie hatte Vater Luric getötet, trug in sich eine fremdartige Macht, die angsteinflößender nicht sein konnte und doch war sie von Natur aus ein liebenswertes Mädchen, das niemanden sonst etwas getan hätte. Wäre sie nur nie von Zuhause fort gegangen.
Furcht verbreitete sich in ihren schwachen Körper und Emilia probierte, sich kleiner zu machen, damit man sie vielleicht übersah.
Die Schritte stoppten und die Lichtscheine der Fackeln erhellten ihre Zelle.
„Das muss sie wohl sein.“
Als Emilia aufblickte, begann sie sich noch mehr zu fürchten. Zwei ältere Männer, deren Konturen sie im Licht gut sehen konnte, warteten vor ihrer Zelle, mit einem widerwärtigen Blick. Bei sich hatten Vater Kalptus und Vater Reinrich an die fünf Soldaten, die sie nach oben in die heilige Halle bringen sollten. Sich selbst die Hände schmutzig machen, taten die beiden Ältesten ganz bestimmt nicht, sondern überließen das lieber den Soldaten.
Ihre Zelle wurde aufgesperrt. Emilia rührte sich kein Stück, sah nur ängstlich in die zahlreichen Gesichter der Anwesenden, die alle Emilia als eine Abscheulichkeit betrachteten, wie sie im Buche stand.
„Steh auf!“, sprach Vater Kalptus mit befehlender Stimme.
Als sich Emilia noch immer nicht rührte, gab Vater Kalptus ein Zeichen, dass die Soldaten sie aus ihrer Zelle schleifen sollten, damit sie es endlich hinter sich bringen konnten. Keine Minute länger, sollte dieses Ding in den heiligen Hallen ihres Gottes verweilen dürfen.
„Los, beweg dich endlich“, sprach einer der beiden Soldaten, die die unwürdige Aufgabe hatte, Emilia aus ihrer Zelle zu bringen.
Emilia weigerte sich und schüttelte nur ängstlich den Kopf. Sie wollte noch nicht sterben. Es gab noch so viel für sie zu entdecken. Seryll wollte Emilia unbedingt sehen, ihre erste Liebe finden und ein vollkommen neues Leben anfangen. Eines, welches sie normal führen könnte. Diese wenigen Wünsche, die sie hatte, wollte sie wahr werden lassen und jetzt sollte ihr das alles, ihre Zukunft, genommen werden. Das durfte nicht sein, das sollte nicht sein.
Die beiden Soldaten griffen nach der ängstlichen Gestalt in der Ecke, die sich dann auf einmal aus den Fängen der Soldaten befreite und ungewöhnlich schnell aus der offenen Zelle entschwinden wollte. Unglücklicherweise waren die anderen Soldaten, die draußen standen, mit ihren Reaktionen genauso schnell wie sie und packten sie an ihren Armen. Emilia rotierte einmal um ihre eigene Achse und fiel zu Boden.
„Hört auf damit! Lasst mich gehen!“, schrie Emilia panisch, während einer ihre Arme zusammenhielt und ein anderer diese mit einen Seil zusammenband. Jegliche Möglichkeit zu fliehen, wurde ihr verwehrt.
„Hört auf!“, schrie Emilia verzweifelt und wehrte sich wie ein wildes Tier, das in der Falle saß.
Doch die Soldaten, die sie an ihren Schultern abführten, hielten sie mit eisernen Griffe fest und gaben ihr keine Möglichkeit, ihnen zu entweichen. Die Ältesten liefen vor ihnen, in ihren edlen Gewändern aus dunkelroter und schwarzer Seide. Hinter ihnen gingen die drei Soldaten, mit ihren aschgrauen, leichten Rüstungen.
Keiner reagierte auf die verzweifelten Schreie des Mädchen, welches schon gleich in Flammen aufgehen würde. Niemand interessierte sich für Emilia und würde es auch jemals wieder tun.
„Lasst die Glocken erklingen“, befahl Vater Reinrich einem Jüngling, der ihnen die Tür des Kerkers offenhielt.
„Ihr dürft das nicht machen! Ihr dürft es nicht!“, schrie Emilia immer noch und wurde raus aus dem dunklen und kalten Kerker, in einen Gang geführt, an dessen Ende die Treppen waren. Treppen, von denen Emilia wusste, dass diese sie in den sicheren Tod führten.


„Bist du dir sicher, dass du mitkommen willst? Du siehst viel eher aus, als könntest du eine Woche Ruhe gebrauchen“, wollte Emios sicherstellen, dass Loudrig nicht einfach gleich aus Erschöpfung neben ihm umkippte, wenn es zu einen Kampf kommen sollte. Und so wie Emios es bislang mitbekam, würde es auf jeden Fall zu einem Kampf kommen.
Da es bereits einen Tag her war, dass Emilia sich zur Kathedrale begab, vermutete Emios sehr stark, dass seine Schülerin erwischt worden war und eingesperrt wurde. Denn so wie er die Kirche mittlerweile kannte, würden sie alles mögliche versuchen um Emilia dazu zu bringen, ihnen zu verraten, wo sie sich versteckt hielten. Es tat Emios weh, zu wissen, dass Emilia in diesem Moment leiden musste. Obwohl Emilia für ihre Situation selbst verantwortlich war, konnte Emios seine Schülerin nicht einfach in den Fängen der Kirche lassen. Entschlossen, alles zu tun, was nötig war, um sie aus der Kathedrale zu bekommen, war Emios bereit loszuziehen.
„Ich habe schon Schlimmeres als das hier überstanden“, gab Loudrig mit ernster Miene zu, prüfte noch einmal sein Schwert, ob es noch scharf genug war, um einigen Soldaten die Kehle aufzuschlitzen. Für ihn war es schon egal, wen er tötete. Ob Mensch, Bestie oder Dämon. Alles, was sich ihn in den Weg stellte, um zu seiner Familie zurückzukehren, würde er beiseite räumen.
„Wenn du meinst“, sprach Emios und folgte dem Bestienjäger aus der kleinen Hütte, die ihnen als, hoffentlich letztes Versteck dienen sollte. Der Zugang, zu dieser kleinen Hütte, war ziemlich schwer zu finden und auch die Leute, die sich hier auskannten, würden diesen Zugang nicht so einfach ausfindig machen können.
Es war sowieso blanker Zufall, dass sie diese Hütte gefunden hatten. Wäre Lyrria nicht panisch irgendwo abgebogen, weil sie meinte, dass sie noch verfolgt wurden, hätten sie niemals dieses Versteck gefunden.
Gemeinsam bewegten sie sich durch die verwinkelten Gassen von Ergamon, in denen man sich leicht verlaufen konnte und wurden dann von den sanften Lichtern der Laternen, die sich auf der Hauptstraße befanden, begrüßt. Ebenso drangen zahlreiche Lichter aus den umliegenden Häuser der Bürger, die sich, seit dem Vorfall am Gasthaus vom alten Sam, nur noch sehr ungern nachts draußen aufhielten.
Keine einzige Menschenseele war momentan zu sehen, die ihnen irgendwelche Probleme bereiten könnte. Nur betrunkene Männer, die gerade auf dem Nachhauseweg waren, liefen ihnen über den Weg, schenkten ihnen aber keinerlei Beachtung. Diese waren viel zu beschäftigt geradeaus zu laufen und vollbrachten diese schwierige Aufgabe nur mit Ach und Krach.
Mit schnellen Schritten machten sich Emios und Loudrig auf den Weg zur Kathedrale, als die Glocken in den Türmen zu läuten begannen. Lautes Geläut, welches man in ganz Ergamon hören konnte, durchbrach die sonst so stille Nacht.
„Das ist gar nicht gut.“
„Was soll das heißen?“, fragte Emios nach und spürte wie sich sein Magen zu verdrehen schien. Ein Knoten aus Sorge hatte sich in seinem Bauch gebildet und ließ den Magier noch besorgter um Emilia werden. Das gleiche Gefühl, wie damals, als Emios von Branon gefangen genommen wurde, hatte ihn wieder heimgesucht. Es war schon richtig, sich zuerst der Gruppe zuzuwenden, damit diese in Sicherheit sein konnte.
Jetzt aber war Emilia an der Reihe und anscheinend mussten sie sich beeilen, wenn sie sie noch retten wollten
„Dass heißt, dass Emilia vielleicht nicht mehr viel Zeit hat.“
„Worauf warten wir dann? Los jetzt!“, forderte Emios Loudrig auf, sich schneller zu bewegen und sie rannten sofort in Richtung der Kathedrale, in der sich mit Sicherheit Emilia befand und um ihr Leben fürchtete.

„Lasst los! Lasst mich los!“, verlangte Emilia von den beiden Soldaten, die sie zwangen weiter vorwärts zu gehen. Sie wehrte sich immer noch wie verrückt. Aufgeben konnte sie nicht. Auch wenn ihr Körper es nicht mehr lange zuließ, kämpfte Emilia weiterhin gegen ihren sicheren Tod an. Kampflos würde sie sich sicher nicht geschlagen geben. Alles, was in ihrer Macht stand, tat sie, um sich aus den Fänge dieser Verrückten reißen zu können.
Gegen erwachsene Soldaten hatte sie jedoch eine zu geringe Chance, als das sie entkommen könnte.
Das einzige, was wirklich helfen könnte, wäre es, ihre wahre und vor allem furchtbare Macht zu entfesseln und die Leben all dieser Menschen zu beenden. Doch soweit wollte Emilia es auf keinen Fall kommen lassen. Sie versuchte irgendwie anders zu entkommen, ohne ein Blutbad anrichten zu müssen.
Die beiden Soldaten führten Emilia schlussendlich in die riesige Halle, die man als erstes betrat, wenn man durch den Haupteingang kam. Vor den ganzen Reihen von hölzernen Bänken, auf denen sich die Bürger von Ergamon setzten, um zu beten, hatten die Ältesten bereits etwas vorbereiten lassen.
Auf einer quadratischen Fläche, die aus kaltem, schwarzen Stein bestand, hatte man bereits einen Scheiterhaufen für ihre Hinrichtung bereit gestellt. Ein Brandpfahl ragte aus der Mitte heraus, an den man Emilia gleich binden wollte. Es ließe sich auch einfacher gestalten, wenn sich dieses Mädchen nicht so sehr wehrte.
Mit Schweiß auf der Stirn und einer genervten Miene zerrten die beiden Soldaten das Mädchen zum Scheiterhaufen, während ein anderer Soldat ein Seil am Brandpfahl bereit hielt. Zwei weitere Soldaten fanden sich in der Gebetshalle wieder und hatten jeweils eine brennende Fackel in der Hand.
„Nein! Ihr könnt das nicht machen! Bitte!“, versuchte Emilia die Soldaten und die Ältesten zur Vernunft zu bringen, als sie den Scheiterhaufen mit den Fackeln erblickte. Ihre aussichtslosen Worte erreichten nur niemanden. Keiner verspürte auch nur einen Funken Mitleid für das Mädchen, da sie immerhin Vater Luric auf den Gewissen hatte. Ein solches Monster durfte nicht mehr am Leben sein. Zu sehen, wie diese Abscheulichkeit in Flammen aufgehen wird, würde den hier Anwesenden jede Menge Genugtuung geben.
„Lasst mich gehen!“
„Sei endlich still! Du hättest eben nicht in diese Stadt kommen dürfen, du Dämon!“, versuchte Vater Reinrich, völlig genervt von ihr, Emilia endlich zum Schweigen zu bringen. Seiner Meinung nach, gehörte jedes Wesen, welches nicht ihren Konzept entsprach, gleich eliminiert. Dass Branon sie nicht gleich getötet hatte, nahm Vater Reinrich dem Kommandanten auf jeden Fall übel.
„Ich hatte keine andere Wahl. Ich musste in diese Stadt kommen.“
„Hab ich dir nicht gesagt, dass du still sein sollst?“, brüllte Vater Reinrich das Kind des Blutes an und nahm die Fackel, die er von einem der Soldaten zugereicht bekam.
Emilia stolperte über ein herausragendes Holzstück, als sie die Soldaten auf den Scheiterhaufen hinaufgeführt hatten und wurde von den Männern immer noch mit eisernem Griff an den Schultern festgehalten. Ihr sollte keine Möglichkeit geboten werden, aus dieser Situation zu entkommen, sondern sie sollte für ihre Sünden sterben.
Vater Reinrich wollte selbst für den Tod dieses Mädchens verantwortlich sein, so wie sie verantwortlich für den Tod von Vater Luric war.
„Es ist Zeit, dich für deine Taten hinzurichten“, sprach Vater Luric emotionslos, nachdem man diesem Monster das Seil um die Brust und um ihre Arme gebunden hatte. Man zog noch fester an dem Seil, sodass sich die Holzsplitter des Pfahls in den Rücken des jungen Mädchens bohrten.
„Meine Taten? Was habe ich getan, dass ich das verdiene?“
„Du hast Vater Luric ermordet!“
„Aber nur, weil er mich angegriffen hatte. Er war eine verdammte Bestie“, versuchte Emilia ihre Taten zu rechtfertigen und stieß dabei nur auf taube Ohren. Natürlich glaubte ihr keiner auch nur ein Wort.
„Vater Luric soll eine Bestie gewesen sein? Hast du nichts Besseres zu deiner Verteidigung zu sagen, als so einen Schwachsinn?“
„Es ist wahr. Vater Luric war wirklich eine Bestie.“
„Es reicht. Hören wir ihren Lügen nicht mehr länger zu, sondern setzen diesen Dämon endlich in Brand“, verlangte Vater Kalptus von Vater Reinrich und zitterte vor Nervosität.
Seine Knie wurden schon ganz weich und sein Herz pumpte so schnell, dass es für einen alten Mann wie ihn niemals gesund sein könnte.
Vater Kalptus gefiel es nämlich überhaupt nicht, mit einer schrecklichen Kreatur, wie Emilia es war, am selben Ort zu sein. Der Älteste befürchtete, dass wenn sie ihre Hinrichtung noch länger hinauszögerten, sich dieses Mädchen von Brandpfahl losreißen und sie alle umbringen könnte.
„Nein! Tut es nicht! Ich bitte euch!“
„Deine unreine Seele wird diesen Körper verlassen. Und so wie deine dunkle Seele diesen Körper verlassen wird, so verlasse auch diesen Ort und kehre in den Abgrund zurück, aus dem du gekommen warst.
Möge man deine Sünden dir vergeben.“
Alle hatten ihre Augen geschlossen und lauschten der kurzen Rede von Vater Reinrich, die unliebsamer nicht sein konnte.
Gleich danach setzten Vater Reinrich und der andere Soldat den Scheiterhaufen in Brand. Alle sahen dabei zu, wie sich die Flammen ihren Weg zu Emilia fraßen.
„Bitte helft mir! Irgendjemand! Emios! Loudrig!“, rief Emilia verzweifelt, während sich die Flammen den Weg zu ihr bahnten und sie die unerträgliche Hitze bereits spüren konnte.
Ihr Leben fand in wenigen Sekunden ein unerträgliches Ende und dessen war sich auch Emilia bewusst. Niemals hätte sie gedacht, dass sie so enden würde. Lebendig verbrannt war wohl eine der schlimmsten Arten zu sterben, die sich das Mädchen ausmalen konnte.
Und dieses Mal würde Emios sie ganz bestimmt nicht aus dieser Situation retten können. Wahrscheinlich dachte er nicht einmal daran, sie zu retten, sondern überließ Emilia sich selber.
„Bitte! Irgendjemand!“
Immerhin hatte Emilia sich diesen Weg selber ausgesucht und musste nun die Konsequenzen für ihr unüberlegtes Handeln tragen. Doch wenn ein Kind nicht mehr weiter wusste, wenn niemand anders mehr in Frage kam, so gab es immer eine Person, auf die man sich verlassen konnte.
„Mutter! Bitte!“
„Ich brauche dich!“
Der bläuliche Mondstein der um ihren Hals hing, begann, sichtbare Risse zu bekommen.
„Hilf mir!“
„Mutter!“, brachte Emilia mit allerletzter Kraft hervor und der Mondstein zersprang sofort in mehrere kleine Stücke, die in den Scheiterhaufen hinein fielen.
Die Halle wurde von einer plötzlichen Dunkelheit heimgesucht, die sich überall verteilte und jedes Eck erreichte. Alles Licht wurde von dieser Finsternis verschlungen. Die Kerzen, die Fackel, der brennende Scheiterhaufen und selbst das Mondlicht kamen nicht der Düsternis davon.
Völlig panisch blickten sich die Soldaten um und versuchten, etwas zu erkennen. Angespannt und ängstlich zogen sie ihre Schwerter und waren auf einen Angriff vorbereitet. Was sie aber gleich jeden Moment angreifen könnte, konnten sich die Männer nicht vorstellen. Denn das, was sich in der Dunkelheit bewegte, war viel grausamer, als die Bestien, die sie in den Albträumen heimsuchten.
„Wo ist das Mädchen?“, fragte Vater Reinrich nach, nachdem er erkennen konnte, dass der Scheiterhaufen nicht mehr brannte und sich Emilia befreit hatte. Der Brandpfahl war abgebrochen und von dem Mädchen fehlte jede Spur.
„Findet sie und tötet sie sofort! Lasst sie auf keinen Fall am Leben“, befahl Vater Reinrich mit aufgeregter Stimme. Er bemerkte eine erschreckende Aura, die die heilige Halle des Herrn erfüllte.
Langsam begann sich die Finsternis zu verflüchtigen und das fahle Mondlicht schien durch die großen Fenster der Kathedrale.
Endlich konnte Vater Reinrich die panischen Soldaten mit ihren gezogenen Waffen sehen und auch Vater Kalptus, der entsetzt zu einer der Säulen blickte, die sich auf der rechten Seite der Halle befanden.
Hinter diesen Säulen bewegte sich eine grausame Bestie mit Krallen, die so lang wie Schwerter waren, und einem Fell, so schwarz wie die tiefe Nacht. Das Licht des Mondes offenbarte zudem auch, dass die Kreatur zwei lange Schwänze hatte und dass sich auf dem Rücken die Haare aufgestellt hatten. Glutrote Augen starrten zwischen den Säulen hervor und ein triefendes Maul, mit messerscharfen Zähnen, war zu sehen.
„Ihr hättet sie nicht dazu bringen sollen“, gab die Kreatur mit einer fürchterlichen und tiefen Stimme von sich. Derweil bewegte es sich hinter den Säulen hin und her und beobachtete aufmerksam die Soldaten die, mit ihren Waffen in den Händen, zitterten wie Espenlaub. Vater Reinrich fiel auf seinen Hintern, als er die Kreatur entdeckte und konnte es nicht fassen, was sich da gerade vor ihm befand. Die Bestie war doppelt so groß wie ein Mensch, musste sechs Meter lang sein und hatte eine große Ähnlichkeit mit einen Wolf.
„Damit habt ihr selbst den Tod für euch heraufbeschworen. Das wisst ihr“, meinte die Bestie und trat nun aus dem Schatten der Säulen hervor. Sämtliche Soldaten wichen zurück und verspürten, den Drang wegzulaufen. Noch nie hatten die Soldaten der Kirche eine solche furchterregende Bestie zu Gesicht bekommen. Sie waren sich sicher, dass sie hier sterben würden. Es gab keine Chance für sie, gegen ein solches Wesen zu bestehen.
Als die Soldaten zurückwichen, ergriff Vater Kalptus das Wort.
„Was macht ihr denn? Tötet es! Sofort!“
Plötzlich schnappte die Bestie Vater Kalptus mit seinem Maul und zermalmte den Körper zwischen seinen blanken Zähnen, die so groß wie Dolche waren.
Fürchterliche Geräusche waren aus dem Maul zu hören. Man hörte, wie Knochen brachen und Fleisch auseinandergerissen wurde. Blut rann aus dem Maul und besudelte die heilige Halle des Herrn. Fassungslos standen die Soldaten da, wussten nicht, wie sie jetzt reagieren sollten.
In einem kurzen Augenblick wurde das Leben eines weiteren Ältesten beendet.
Die Bestie schluckte den Haufen, der einst einmal Vater Kalptus war, herunter und baute sich vor den ängstlichen Soldaten auf. Die Krallen schlugen auf dem Boden auf und verursachten ein äußerst unangenehmes Geräusch. Die Bestie öffnete sein blutiges Maul, atmete aus und verbreitete den unverkennbaren Duft von Blut und Tod in der Kathedrale.
Sämtliche Soldaten ließen unverzüglich ihre Waffen fallen und begannen daraufhin, zum Haupteingang zu stürmen.
Weit kam keiner der wehrlosen Männer, denn die Bestie war noch lange nicht mit ihnen fertig und schnappte sich einen nach den anderen mit seinen Maul. Zähne bohrten sich in die Soldaten und rissen ihre Körper in zwei Stücke. Noch mehr Blut verteilte sich in der ganzen Halle und die Schreie der Soldaten hallten durch die ganze Kathedrale.
Vater Reinrich hatte sich panisch hinter einer Säule versteckt und rannte, als sich die Möglichkeit bot, einen Treppenaufgang hinauf und verließ dieses Blutbad, so schnell er konnte. Zu seinem Glück entkam Vater Reinrich der hungrigen Bestie, anders als die Soldaten, die von dieser Kreatur auf brutalste Art und Weise verschlungen wurden.


Als Loudrig und Emios den Haupteingang der Kathedrale erreichten, konnten sie bereits die furchtsamen Schreie der Soldaten aus dem Gebäude hören. Die Männer schrien um ihr Leben und verstummten gleich danach, während das Aufschlagen von Krallen die Todesgeräusche begleitete.
Vor lauter Entsetzen blieben Emios und Loudrig auf der leeren Straße stehen und hörten nur zu, wie Leben endeten. Ausmalen, was da drinnen geschah, konnte sich die beiden Männer nicht.
Emios versuchte sich einzureden, dass das nichts mit Emilia zu tun hatte, und dass sie in Sicherheit war.
Loudrig machte den ersten Schritt vorwärts und zog sein heiliges Schwert aus der schwarzen Scheide. Bereit, sich gegen das zu stellen, was da drinnen wütete, war Loudrig bereit, es zur Strecke zu bringen. Was es auch immer sein sollte. Ob Dämon, Bestie oder ob es sich einfach nur um Emilia handelte. Der Bestienjäger würde keinesfalls zögern.
„Warte, Loudrig. Was hast du vor?“
„Was auch immer da drin ist. Ich werde es töten. So, wie es meine Pflicht als Bestienjäger ist“, gab Loudrig als Antwort und ging mit ernster Miene näher auf den Haupteingang zu.
Urplötzlich wurde der Haupteingang zertrümmert und eine riesige, schwarze Bestie befand sich mit Emios und Loudrig auf der Straße und fixierte den Bestienjäger sofort mit seinen glutroten Augen.
„Emilia!“, sprach Loudrig erzürnt ihren Namen aus.
Er war sich sicher, dass es sich um Emilia handeln musste, da er ihren Geruch ausmachen konnte.
Ganz offensichtlich hatte sie die Macht des Meisterblutes genutzt und sich, gemeinsam mit ihren Dämon, in diese Bestie verwandelt. Hätte Loudrig sie einfach schon vorher getötet, dann müsste er diesen Kampf jetzt nicht führen. Loudrig war vom letzten Kampf noch immer ein wenig angeschlagen und hätte nur zu gerne auf einen weiteren Kampf mit einer Bestie verzichtet. Immerhin dachte Loudrig, dass sie es nur mit einigen Soldaten zu tun hätten und nicht mit einer unbekannten Bestie, wie die, die gerade mit triefenden Maul vor ihnen stand.
Aufgeregt bewegten sich die zwei Schwänze der Kreatur hin und her und sahen den Bestienjäger dabei zu, wie er das Drachenfeuer in seiner Klinge entfachte. Die Bestie hatte dieses Schwert sofort erkannt, wich jedoch nicht zurück, sondern wechselte seinen Blick zu Emios über, der noch immer erschrocken da stand und sich nicht rührte.
Emios konnte es einfach nicht fassen, dass Emilia sich in so eine Bestie verwandeln konnte. Das ein solch schlimmer Dämon in ihr schlummerte und nun erweckt wurde. Wie konnte es nur dazu kommen, musste sich Emios fragen und wollte es einfach nicht glauben.
Dabei ignorierte der Magier vollkommen, dass Loudrig kurz davor war, diese Bestie, die auch gleichzeitig Emilia war, zu töten.
„Nun so stehen wir hier, Loudrig. Im Angesichts des Todes wird einer von uns hier sterben“, sprach die Bestie mit tiefer Stimme und atmete aufgeregt ein und aus. Der riesige Brustkorb, der von schwarzen, dichten Fell umgeben war, hob sich und senkte sich sehr schnell.
Emilia hatte absolut keine Kontrolle über ihren Dämon, sondern schlummerte im Verstand der Bestie. Unwissend, was gerade vor sich ging und dass ihr Leben erneut kurz davor war, zu enden.
„Fragt sich nur, wer das von uns sein wird.“
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