Yumirill / Klang der Glocken

von RSH
GeschichteMystery, Fantasy / P18
25.03.2019
28.05.2020
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25.03.2019 3.459
 
„Mama, wann kommt Papa wieder?“, fragte die verängstigte Tochter und blickte ihre Mutter mit ihren leicht rötlichen Augen an. Das Mädchen hatte große Angst. Angst um ihr Leben. Angst um das Leben ihrer Eltern. Sie hatte sich zu ihrer Mutter gesetzte und spürte ihre Wärme; ihre Geborgenheit. Eben dass, was man von einer Mutter am allermeisten brauchte, wenn man Angst hatte. Doch Angst hatte auch ihre Mutter und das war ganz klar ersichtlich. Sie drückte ihr Kind fester an sich und wollte es auch nicht wieder so schnell loslassen. Die Bürger von Ergamon waren hinter ihrer Tochter her und wollten ihr wehtun. Noch schlimmer. Sie wollten sie umbringen.
„Keine Sorge, mein Kind. Dein Vater wird sicher bald wieder kommen“, versuchte sie ihre Tochter zu beruhigen und streichelte sichtlich nervös ihr dunkelbraunes Haar. Ihre Hände zitterten, waren feucht vor Angstschweiß und sie selbst wusste eigentlich nicht wirklich, ob der Vater auch wirklich wieder kommen würde. Wohl möglich wurde er von den aufgebrachten Bürgern erwischt und ohne Rücksicht getötet und sie warteten jetzt auf seine Rückkehr, die niemals stattfinden sollte. Aber daran wollte die ängstliche Mutter beim besten Willen nicht denken. Sie wusste, dass ihr Mann vorsichtig genug war und sich nicht von der wütenden Meute erwischen ließ. Als sie vermehrte Schritte und aufgeregte Stimmen außerhalb des kleinen Hauses hörte, in dem sie sich versteckt hielten, wurde ihr ganz flau im Magen und sie blickte nervös zur einzigen Tür, die hier nach drinnen führte. Ihre Verfolger hatten noch immer nicht aufgegeben. Seit Stunden schon waren die Bürger auf der Suche nach der Familie und wollten sie unbedingt töten. Und alles nur, weil sie ihr Kind in der Nacht des Blutes zur Welt gebracht hatte. Hätte sie es nur einige Stunden hinauszögern können, dann wären sie jetzt nicht in dieser aussichtslosen Lage. Dann hätten sie ein normales und glückliches Leben führen können und müssten nicht um ihr Leben bangen. Warum? Warum passiert das? , dachte sich auf einmal die Frau und umarmte ihre Tochter verzweifelt, die fragend zu ihrer Mutter aufblickte. Sie weinte. Mehrere Tränen kullerten ihre verdreckten Wangen herunter und fielen dann auf den dreckigen Boden. Es war ein ziemlich heruntergekommenes Haus, welches sich die Mutter mit ihrer Tochter als Versteck ausgesucht hatte. Nur winzige, vergitterte Fenster ließen den Schein des Nachtlichts nach innen dringen und offenbarte die Menge an Staub die in der kühlen Luft umherschwirrte. Es war auf keinen Fall ein Ort, wo die junge Mutter die Nacht verbringen wollte. Doch als Versteck reichte es allemal, da der Zugang nicht so einfach anzufinden war.

Warum musste meine Tochter auch von einem Dämon angefallen werden?, fragte sich die Mutter und verspürte eine ungeheure Wut in ihr aufkommen. Sie hasste diese verdorbene Welt. Sie hasste Dämonen, genauso wie Bestien. Sie hasste sogar ihre eigene Tochter. Oder eher viel mehr das, was sie eigentlich war. Nämlich ein Kind des Teufels. Ein Mensch, der bei der Geburt von einen Dämon befallen wurde und somit ein Teil dieses Menschen wurde. Ein Mischling. Eine Ausgeburt aus dem Abgrund. Hasserfüllt blickte sie zu ihrer Tochter herunter und hätte sie am liebsten an Ort und Stelle getötet. Vielleicht würde das ihre Flucht beenden. Wenn sie sie töten würde, wären sie dann erlöst? Hätten sich dann die Bürger damit zufrieden gegeben und das Leben von ihr und das ihres Mannes verschont? Sie könnten dann auch vielleicht von vorne anfangen. Ein neues Kind zeugen. Eines, welches nicht von einem Dämon angefallen wurde. Sie konnte nicht mehr klar denken. Ihr Hass und ihre Furcht beschmutzte ihre Gedanken und ließ sie etwas Unbeschreibliches tun. Etwas, was man niemals seinem eigenen Kind antun sollte. Selbst daran zu denken, war schon eine Untat.
„Mama?“, fragte das Mädchen ungläubig, als ihre Mutter sie mit beiden Händen plötzlich ihren Hals umfasste und fest zudrückte. Ihre Tochter verstand nicht, was da gerade geschah. Warum tat ihre Mutter das? Vergebens versuchte sie den festen Griff ihrer Mutter zu lösen. Ihre Lungen brannten höllisch, kämpften um jeden Atemzug. Schon langsam wurde ihr aber schwindelig und sie dachte, dass ihr kurzes Leben nun endete. Erdrosselt von der eigenen Mutter. Nie im Leben hätte sich das Mädchen gedacht, dass ihre Mutter dazu fähig wäre, sie zu töten. Und doch ließ ihr Hass sie diese grausame Tat vollbringen. Sie war blind vor Wut. Wenn sie dieses Mädchen nie geboren hätte, dann …
„Bitte…lass los“, presste ihre Tochter noch einmal als verzweifelten Versuch mit letzter Kraft hervor und war schon blau angelaufen. Sie hoffte nur, dass diese Worte ihre Mutter noch erreichten, bevor es zu spät war. Auf einmal begann sich der Griff zu lösen und ihre Lungen füllten sich rasch wieder mit staubiger Luft. Ihre Mutter war wieder in die Realität zurück geholt und ihr blinder Hass verflog. Das Mädchen war zwar ein Kind des Blutes, aber trotzdem noch ihre eigene erstgeborene Tochter. Warum also wollte sie sie gerade umbringen? Ungläubig darüber, was sie da gerade im Begriff war zu tun, blickte sie zu ihrer Tochter, die vor ihr am Boden kniete und weiterhin gierig nach Luft rang. Sie hatte noch einmal Glück gehabt. Schon zum zweiten Mal wurde sie von einem ihrer Eltern fast getötet. Und trotzdem liebte sie sie immer noch. Hauptsächlich deswegen, weil sie wusste, dass ihre Eltern nicht wirklich schuld daran waren. Sondern eher viel mehr die Tatsache, dass in ihr etwas schlummerte, was allen Menschen eine instinktive Angst einjagte. Und dieses „etwas“ offenbarte sich als ein Dämon, der sich vor einen Tag in aller Öffentlichkeit zeigte und somit die Jagd startete.

„Es tut mir leid“, sprach die Mutter mit zittriger Stimm und hatte sich auf ihre Tochter gestürzt. Sie umarmte sie wieder fest und begann sofort weinen. Ein Fluss aus Tränen befeuchtete erneut den hölzernen Boden unter ihren Füßen und das Mädchen spürte, wie ihre Lungen sich wieder begannen zu beruhigen. Sie erwiderte ihre Umarmung und war froh, dass ihre Mutter sie wieder liebte. Sie war froh, dass sie noch am Leben war. Die Frage war nur, wie lange das noch andauern würde.
Hastige Schritte drangen von draußen nach drinnen, die direkt auf den einzigen Ein- und Ausgang zukamen. Gespannt blickten beide auf diese hölzerne Tür und hofften darauf, dass es ihr Vater war, der zu ihnen herein kam und nicht irgendwelche Leute, die verschiedene Waffen mit sich führten und darauf aus, diese in ihre Körper zu rammen.
Die Tür wurde aufgerissen und beide freuten sich unglaublich, als sie in das geliebte Gesicht des Vaters blickten, der ebenso glücklich war, dass es seinen beiden Damen gut ging.
„Kommt- Die Kutsche steht bereit“, sprach er mit freudiger Stimme und forderte die beiden mit einer Handbewegung auf, dass sie sich bewegten. Schnell standen beide auf und verließen hastig das verlassene Gebäude
„Papa, dein Arm“, sagte das Mädchen entsetzt, als sie sah, dass sein rechter Arm vollkommen mit Blut getränkt war. Auch die Mutter hatte die Wunde erst jetzt durch das Mondlicht bemerkt und wollte sich diese sofort genauer ansehen. Doch anstatt, dass er sie machen ließ, wehrte er sie mit seiner linken Hand ab.
„Es ist nichts. Einer der Leute hat mich mit einem Messer erwischt und mich eben verletzt. Wir sollten jetzt aber keine Zeit dafür verschwenden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie uns finden“, meinte er nur und beide nickten verständnisvoll. Auch wenn es der Mutter nicht gerade wohl dabei ging, dass ihr Mann mit einer solch schweren Verletzung umher rannte. Sollten sie es schaffen aus dieser Stadt zu fliehen, dann würde sie als allererstes sofort seine Wunde versorgen.
Während sie durch die engen Gassen der Stadt schlichen und dabei versuchten, möglichst unauffällig zu bleiben, waberte ein dichter Nebel durch die Straßen der Stadt. Die kühle Nachtluft ließ alle drei etwas frösteln, da sie ihr Haus überstürzt verlassen mussten und nur recht dünne Kleidung trugen. Obwohl durch den Nebel die Temperatur innerhalb der Stadt ziemlich gesunken war, waren sie dankbar dafür. Ohne den Nebel wären sie niemals so weit gekommen. Denn genauso wie sie konnten ihre Verfolger nicht genau erkennen, wer sich einige Meter vor ihnen befand.
„Wie weit ist es noch?“, fragte die Tochter und blickte zu ihrem verwundeten Vater, der ganz anscheinend wusste wohin sie mussten, wobei man sich hier leicht verlaufen konnte.
„Es ist nicht mehr weit. Wir sollten gleich bei der Kutsche sein“, antwortete er und sie bogen um die nächste Ecke. Mit weit aufgerissenen Augen stießen die drei auf eine Gruppe von Leuten, die auf der Suche nach ihnen waren. Mit Schwertern, Fackeln und Messer waren allesamt bewaffnet und waren darüber erfreut, dass ihre Opfer so freundlich waren und sich ihnen endlich offenbarten.
„Da sind sie!“, rief einer von ihnen und sie kamen auf die drei zu, die wie erstarrt auf der Straße stehen geblieben waren und viel zu erschrocken waren um weiter zu laufen.
„Kommt hier lang“, sagte ihr Vater plötzlich, packte beide an den Händen und stürmte sofort mit ihnen los. Trotz des Schmerzes an seinen rechten Arm, hielt er seine Tochter ganz fest und wollte sie niemals wieder loslassen. Da musste man ihm schon seines Armes berauben, dass dies irgendwie möglich wäre.
Voller Panik rannten sie die neblige Straße hinab und hofften dass sie ihre Verfolger im Neben abschütteln könnten. Nicht auszudenken was geschehen würde, wenn sie sie erwischten. Bei dieser Vorstellung rannten dem Vater zahlreiche Schweißperlen von der Stirn und er begann noch schneller zu werden. Je weiter sie rannten, desto eher verloren sie die Orientierung, bis sie schon bald nicht mehr wussten, wo sie sich befanden. Als der besorgte Vater kurzzeitig nach hinten blickte, sah er wie die Meute immer tiefer im Nebel verschwand. Konnten sie ihnen wirklich entkommen? Gab es für sie wirklich eine Chance lebend aus Ergamon zu kommen? Sie bogen in eine nahe Seitengasse, um neue Kraft zu schöpfen und um sich ein Bild ihrer derzeitigen Position zu machen.
„Das war viel zu knapp“, musste ihr Vater mit nervöser Stimme zugeben und atmete ziemlich heftig. Die kühle Luft des Nebels stach in der Lunge und er fühlte sich, als würde er gleich in Ohnmacht fallen. Die Wunde pochte unaufhörlich vor sich hin und drückte noch immer eine Menge Blut aus seinen Venen, die ihren Weg nach draußen fanden.
„Liebling, geht’s dir auch wirklich gut?“, fragte die besorgte Ehefrau und sah sich nun endlich die Wunde an. Der Schnitt war tief und hatte höchstwahrscheinlich eine Ader getroffen. Sie blickte zu ihm auf, der immer noch stark schnaufend vor ihr stand. Doch er schwankte bereits und hatte schon fast keine Kraft mehr um gerade zu stehen. Auch sein Gesicht war unheimlich blass und sein ganzer Körper zitterte.
„Mir geht es gut. Mach dir keine Sorgen“, schnaufte er nur und versuchte seine Frau zu beruhigen, die aber nicht so dumm war und seinen Worten Glaube schenkte. Selbstverständlich ging es ihm miserabel und seine Wunde gehörte unbedingt behandelt. Andernfalls könnte das böse enden.
„Wir müssen dich sofort zu einem Heiler bringen“, sagte sie und bangte um sein Leben. Sie wollte ihren Mann nicht verlieren. Nicht in dieser schweren Zeit. Sie waren ein so glückliches Paar und hatten auch eine wundervolle Tochter. Warum also musste alles so gehörig schief laufen? Sie verstand diese Welt nicht mehr und wünschte sich einfach nur dass es aufhörte. Im nächsten Moment, bemerkte die verzweifelte Mutter einen Schatten, der sich im Augenwinkel bewegte.
„Keinen Mucks oder ich schneide der Kleinen die Kehle durch“, sprach plötzlich ein dunkel gekleideter Mann und hielt dem jungen Mädchen ein Messer an die Kehle. Um seinen Hals hatte der Fremde eine Kette, an der ein silbernes Kreuz hing. Die Eltern sahen nervös zu ihm und konnten nicht glauben, dass ein Exekutor der Kirche hier in diesen Gassen lauerte. Die Tochter hatte wahnsinnige Angst und blickte mit panischen Augen hilfesuchend zu ihren Eltern, die ebenso wenig wussten was sie zu tun hatten.
„Kommt mit. Ich werde euch zu jemanden bringen, der euch gerne treffen möchte“, sprach er plötzlich, klang dabei viel freundlicher und ließ von dem Mädchen ab. Seine Klinge hatte er in eine kleine ledernen Scheide gesteckt und öffnete die einzige Tür, die sich hier in dieser Seitengasse befand. Die Mutter schloss ihr Kind sofort wieder in ihre Arme und blickte misstrauisch zu dem Exekutor. Wie konnte der Exekutor wissen, dass es sie hierher verschlagen würde und was sollte dieser angsteinflößende Auftritt?
„Was ist? Soll ihr Mann leben oder nicht?“, fragte er nach, als er bemerkte dass sich keiner von den drei rührte und betrat, ohne auf eine Antwort zu erwarten, das Gebäude. Still folgten sie dieser Einladung, den, alles war besser als hier draußen auf den dunklen Straßen umher zu irren und zu riskieren, dass man wieder einer Meute in die Arme lief.
Sie traute diesen Mann instinktiv nicht. Warum half er ihnen? Welche Absichten hatte der Mann?
„Ich entschuldige mich für diese unangenehme Vorstellung meiner Wenigkeit. Aber das war nun mal notwendig, damit sie keinen Laut von sich gaben“, meinte der Mann und schielte zu den drei nach hinten, die ihm durch den kurzen Gang folgten und sich einer offenen Tür näherten, aus denen helles Licht drang.  Der Vater blutete den Boden voll und hätte wohl auch nicht mehr lange zu leben, wenn man nicht schnellstens etwas unternahm.
„Können sie meinen Mann helfen?“, fragte die Mutter besorgt nach, als sie den gut beleuchteten Raum betraten und sich dort umsahen. Das Zimmer schien fast leer zu sein. Nur ein staubiger Sessel, ein altes Bett mit zerrissene Laken und ein kaputter Schrank befanden sich in diesem Zimmer, welches bestimmt seit einer geraumen Zeit nicht mehr verwendet wurde. Es schien auch nicht so, als würde es hier in diesen Gebäude, ein weiteres zugängliches Zimmer geben. Was sollten sie also hier?
„Ich könnte schon. Nur werde ich das nicht“, antwortete er mit einem breiten Grinsen und drehte sich zu ihnen um. Hinter den beiden Elternteilen tauchten zwei weitere Exekutoren der Kirche auf und stießen ihre Schwerter durch den Rücken der beiden. Die Klingen durchstießen ihre Körper und hatten die Lungen der zwei durchbohrt. Ein stechender Schmerz machten sich in ihnen breit und sie blickten zu den Klingen, die aus ihrer Brust ragten. Mit einem kurzen Ruck zogen die Angreifer ihre Schwerter zurück und beide Elternteile sackten zu Boden und schnauften vergebens nach Luft. Das Blut färbte den hölzernen Boden rot und schon langsam wurde ihnen kalt. Schmerzerfüllt blickte die Mutter noch ein letztes Mal zu ihrer Tochter, die nur zitternd da stand und geschockt auf beide herabsah. Ihre Tochter konnte nicht glauben, was da gerade geschah. Sie wich einige Schritte zurück und stieß dann gegen den Exekutor, der sie vorhin aufgelesen hatte.
„Wo wollen wir denn hin?“, fragte er und packte sie an den Schultern. Sie verzog ihr Gesicht und spürte, wie er versuchte, seine Nägel in ihr Fleisch zu versenken, damit sie ja nicht davon laufen konnte. Panisch versuchte sie sich trotzdem von ihm loszureißen, doch sie entkam seinem Griff einfach nicht. Vielmehr half sie ihm dabei, dass sich seine Nägel in ihre Schultern bohrten. Ängstlich blickte sie zu ihm nach oben und war geschockt, als sie seine blutroten Augen entdeckte. Er war kein Mensch. Er war wie sie. Ein Kind des Teufels. Nein. Das war falsch. Er war etwas viel boshafteres als nur das. Dieser Exekutor hatte es tatsächlich geschafft seinen Dämon zu unterbinden und kontrollierte seine vollständige Macht.
„Lass mich los! Bitte!“, schrie sie angsterfüllt und hatte es noch nicht aufgegeben. Sie versuchte alles um zu entkommen. Sie trat ihn und schlug wild um sich. Doch nichts schien zu helfen. Die beiden Mörder ihrer Eltern beobachteten das Schauspiel ausdruckslos und blickten immer wieder kurz zur Tür. Es war ganz klar, dass sie auf jemanden warteten.
„Wieso denn? Du willst doch nicht deinem Schicksal davon laufen, oder?“, fragte er und blickte ebenso kurz zur Tür. Genau in diesem Moment kam ein alter fetter Mann herein. Seine weißen Haare waren gut im Kerzenschein zu sehen und seine Adern stachen aus seiner gräulichen Haut förmlich heraus. Es war ganz klar. Dieser Mann war krank. Und das einzige Heilmittel war es, ein Kind des Blutes zu verspeisen.
Selbst das kleine Mädchen wusste das und versuchte nur noch heftiger, sich zu befreien. Die beiden Exekutoren verschwanden derweil aus dem Raum und ließen die beiden Leichen einfach liegen.
„Hier ist sie, Vater Luric. Das Kind der blutroten Nacht. Genau wie gewünscht.“
„Sehr gut. Verlasse nun den Raum und schließe hinter dir ab. Ich möchte beim Essen meine Ruhe haben“, sprach der kranke Mann und seine Augen begannen wie wild zu glühen. Er war ebenfalls ein Kind des Teufels. Und vermutlich noch ein viel mächtiger und gefährlicher als dieser Arsch von Exekutor. Warum musste überhaupt ein Exekutor von einem Dämon befallen sein? Das war irgendwie ironisch. Das Mädchen verstand sowieso gar nichts mehr. Vater Luric war die ganze Zeit ein Kind des Teufels und ihr war es nie aufgefallen? Wie konnte das sein?
„Sehr wohl“, sprach der Exekutor und schleuderte sie schwungvoll gegen die Wand, wo sie mit ihren Rücken aufprallte und nach Luft schnappte. Sie lag nun am Boden. Ihr gesamter Körper stach vor Schmerzen und sie konnte sich kaum bewegen. Sie blickte zur Tür, die gerade in diesem Moment von ihm verschlossen wurde. Ein Klicken ertönte und sie saß somit nun in der Falle. Alleine mit einem Monster, den sie einst vertraut hatte und von dem sie dachte, dass dieser Mann ein Gläubiger des Gottes der Lebenden sei.
Dieser Gläubiger schleckte sich gerade über die Lippen und begutachtete seine Medizin, die ihm dazu verhalf, noch ein wenig länger zu leben. Für ihn war es allerdings eher ein Festmahl als eine Medizin.

„Bleibt weg von mir“, presste sie panisch hervor und machte sich fast in die Hose. Sie wusste, dass es um sie geschehen war. Ihr Herz pumpte wie wild und ihr ganzer Körper war schweißgebadet. Sie musste von hier fliehen, doch der einzige Ausweg war die Tür, die abgeschlossen war. Ansonsten war der gesamte Raum von der Öffentlichkeit abgeschottet. Ängstlich suchte sie nach etwas was sie nutzen konnte, um sich zu verteidigen, doch hier gab es nicht, was auch nur irgendwie hilfreich sein könnte.
„Diese Angst. Diese Furcht. Ich liebe es“, stöhnte der Dämon hervor.
Das Mädchen erzitterte bei dem Anblick, als er sie lustvoll beobachtete, wie sie sich verzweifelt an ihr jämmerliches Leben klammerte. Dabei hatte das junge Mädchen noch so viel vor. Sie wollte eines Tages unbedingt eine fahrende Händlerin werden, damit sie in die verschiedene Länder reisen konnte. Vielleicht begegnete sie auf ihrer Reise einen geheimnisvollen Fremden, für den sie ihr Herz öffnen und sogar ihr Leben mit ihm teilen würde. Klar war nur, dass all ihre Träume niemals in Erfüllung gehen konnten. Den das Leben, so wie sie es kannte, fand in dieser Nacht sein Ende.
„Wollen wir dann mal mit dem Mahl beginnen“, meinte Vater Luric und entledigte sich seiner Kleider. Plötzlich begann sich sein fetter Leib zu deformieren und nahm eine neue Gestalt an. Sein Körper wurde während der Verwandlung komplett aufgerissen und das Blut verteilte sich im gesamten Raum. Nach einigen Sekunden, widerlichen Geräuschen und einer unheimlichen Vorstellung war er ein scheußliches Ungetüm, welches mit langen scharfen Krallen versehen war. Sein Körper wurde mit langen schwarzen Haaren verziert, die er über den Boden hinter sich her schliff. Die dunklen roten Augen fixierten das wehrlose Mädchen. Dieser Raum glich nun eine Folterkammer. Oder viel eher einem Ort, in dem Vieh geschlachtet wurde.
Ich kann nicht glauben, dass das wirklich geschieht, dachte sie sich und konnte vor entsetzen nicht aufstehen. Gegen so ein Monster hätte sie niemals eine Chance gehabt und trotzdem musste sie es jetzt versuchen. Was blieb ihr auch anders übrig? Das junge Mädchen wollte doch leben. Sie rannte sofort zur Tür und zerrte wie wild an ihr, in der Hoffnung, dass sie diese doch noch aufbrechen konnte. Doch so sehr sie es auch versuchte, es gelang ihr einfach nicht zu entkommen. Verärgert über diese Aktion blickte das Wesen zu ihr.
„Bleib gefälligst hier!“, brüllte es, packte sie und schleuderte sie in eine Ecke. Dabei brach sie sich einige Knochen und wusste dass es vorbei war.
Sofort hatte sich die Bestie auf sie gestürzt und begann seine Beute zu zerfetzen. Verzweifelte Schmerzensschreie drangen nach draußen, die aber niemand jemals vernehmen sollte. Der Geruch von Blut und Tod verteilte sich in den Straßen der Stadt. Die Laute verstummten und wandelten sich in ein heiseres Röcheln um. Ihr gesamter Körper war nur noch ein Haufen von zerborstenen Knochen und herausgerissenen Fleischstücken, die der Dämon achtlos liegen ließ. Die komplette Ecke war in Blut getränkt. Ihr Leben nahm ein tragisches und qualvolles Ende.
Die Kirchenglocken läuteten. Die normalen Bürger wussten nie, warum die Glocken einfach so begannen zu läuten, doch die anderen wussten es ganz genau. Es war ein unverkennbares Zeichen dafür, dass der Dämon sich satt gegessen hatte. Und das Opfer war ein Kind des Teufels. Möge sie in Frieden ruhen.
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