Learning How To Breathe

von yuuyuna
KurzgeschichteRomanze / P12
25.03.2019
25.03.2019
1
2031
 
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Herzlich Willkommen!!
Dies ist mein Beitrag zur Challenge 1 Beginn, 1 Ende, 1 Wort. Es geht darum, ein vorgegebenes Wort im ersten und letzten Satz eines Textes zu verwenden, wobei die Sätze nicht identisch sein dürfen.
Ich wünsche viel Spaß beim Lesen!

Mein Wort ist die Nummer 124: Wesen.

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Menschen waren schon seltsame Wesen. Sie tauchten plötzlich in deinem Leben auf, ganz nebenbei und unerwartet, und warfen alles durcheinander, im ersten, zweiten, dritten Moment. Sie blieben und die Unordnung, die sie geschaffen hatten, ergab Sinn, fühlte sich so neu und so richtig an, so, als würde es nie wieder etwas anderes geben, was die eigene Seele so gut beschreibt. Sie blieben und alles war gut.
Und dann, von dem einen Moment auf den anderen, waren sie fort, genauso plötzlich wie sie gekommen waren, und ließen die Unordnung zurück. Nur Unordnung, ohne irgendjemanden, der einen hindurchführen konnte.
Sie blieben fort, und langsam fügte sich die Unordnung wieder zu etwas zusammen. Langsam formte sich daraus eine brüchige Ordnung, in der man überleben konnte. Langsam lernte man, wieder zu atmen.
Und dann stehen sie plötzlich wieder vor dir, als wäre nicht ein Jahr vergangen, als hätte all das gar keine Bedeutung.
Und wieder schaue ich ihn an und vergesse zu atmen.
Er sieht immer noch genauso aus wie damals, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Die gleiche unauffällige Körperhaltung, die gleichen dunklen Strähnen, die er sich auf die gleiche, gedankenverlorene Art aus den Augen streicht, das gleiche, nicht zu deutende Funkeln in den Augen; ich glaube, sogar das Hemd zu erkennen … Warum kann ich mich daran überhaupt so genau erinnern? Hatte ich schon damals gefühlt, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich ihn sehen würde?
Ich weiß nicht, was ich darüber denken soll. Wie ich mich fühlen soll. Wütend? Erleichtert? Glücklich? Aus irgendeinem Grund sind es alle drei.
Meine Finger krampfen sich um mein Glas, beinahe habe ich Angst, es könne unter der Krafteinwirkung zerspringen.
Unsere Blicke treffen sich, und wieder bleibt die Zeit stehen. Der wummernde Bass in dem halbdunklen Raum tritt in den Hintergrund, die sich bewegenden Gestalten um mich herum verschwimmen – was allerdings auch an meinem nicht ganz unerheblichen Alkoholpegel liegen könnte – und das einzig relevante sind seine Augen, diese braunen Augen, die ich nie ganz verstanden habe.
Und wieder bleibt nur für mich die Zeit stehen. Denn auf seinen Lippen breitet sich ein Lächeln aus, genau das Lächeln, das ich so viele Monate lang gehasst habe, und er schiebt sich geradlinig zwischen den tanzenden Körpern auf mich zu.
Er sagt „Hey“ und seine Worte gehen fast in dem Lärm um uns herum unter – oder der Lärm bloß um mich herum? – und ich versuche mich zu erinnern, ob er jemals „Ich liebe dich“ zu mir gesagt hat. Selbst wenn. Es war immer nur ernst gemeint, wenn ich es sagte.
„Hey“, sage ich.
Er schweigt nicht lange. „Lang ist’s her.“
Kein „Schön, dich wiederzusehen“. Kein „Ich habe dich vermisst“.
„Stimmt“, sage ich, aber eigentlich nur, um irgendetwas zu sagen. Pause. „Du hast dich kaum verändert.“
Er lächelt erneut. „Du dich auch nicht.“
Das verärgert mich. Ich habe mich verändert. Ich habe Monate gebraucht, um dem Chaos, das er hinterlassen hat, zu entkommen, und weitere Monate, um noch einmal neu anzufangen. Ich habe mir die Haare abgeschnitten, meinen Kleidungsstil komplett verändert. Ich bin nicht mehr der gleiche Mensch wie vor einem Jahr.
Ich sehe nicht mehr aus wie der Mensch von vor einem Jahr.
Ich sollte nicht mehr fühlen wie der Mensch von vor einem Jahr.
Ich sollte nicht mehr für ihn fühlen, aber hier stehe ich nun und versuche zu vergessen, dass ein ganzes Jahr vergangen ist.
Ich leere mein Glas mit einem Zug. Ich will diese Unterhaltung nicht. Ich habe Angst vor ihr. Aber noch mehr habe ich Angst davor, dass sie abreißt – es ist, als wäre sie der rote Faden, der mich durch das Durcheinander in meinem Kopf leiten kann.
„Soll ich dir eins mitbringen?“ Ich wedele mit dem leeren Glas hin und her.
„Gerne.“
Ich schiebe mich durch das Gedränge, fort von ihm, und hoffe inständig, ihn in wenigen Minuten wiederzufinden. Warum hoffe ich das eigentlich?
„Hau ab“, schreit mein Kopf mir zu, „hau ab, solange du dazu noch in der Lage bist!“
Ich glaube, ich bin dazu schon lange nicht mehr in der Lage. Nicht seit dem Moment, als ich ihn in dem abgedunkelten Raum wiederentdeckt habe.
Nein, schon viel länger. Seit dem ersten Mal, als ich ihn gesehen habe. Als ich ihm in die Augen, diese dunklen, lebhaften Augen geblickt habe und sein Funkeln gesehen habe.
Ich glaube, das war der Moment, in dem ich mich hoffnungslos in Oliver Broden verliebt habe.

Wir reden über dies und das und alles und jedes und nichts. Über Gott und die Welt und heute und gestern und morgen. Er erzählt von dem letzten Jahr, von neuen Freunden und neuen Bekannten, neuen Erlebnissen, neuen Entdeckungen.
Ich versuche, auch etwas von meinem letzten Jahr zu erzählen. Von all dem, was geschehen ist, all den neuen Erfahrungen, neuen Gefühlen, aber mein Kopf ist wie leergefegt. Habe ich überhaupt etwas erlebt in all den Monaten? Oder war ich nicht viel zu beschäftigt gewesen damit, ihn zu vergessen? Aus all den Scherben ein neues „Ich“ zusammenzubauen?
Sein Leben war weitergelaufen ohne mich; nicht einen einzigen Tag schien er daran verschwendet zu haben, mir, uns nachzutrauern. Aber so ist er schon immer gewesen: eine Person, eine Beziehung, Gefühle – all das ist für ihn nur eine Phase, etwas, das vergeht wie ein Rausch und sofort etwas neuem Platz macht.
Ich frage mich, ob er mit anderen auch so über mich redet wie über die Leute, von denen er mir gerade erzählt.
Ich hatte das alles gewusst. Ich hatte gewusst, dass ich ihm nicht das bedeutete und niemals das bedeuten würde, was er mir bedeutete. Ich hatte das alles von Anfang an gewusst.
Warum hatte ich mich trotzdem auf ihn eingelassen? Warum hatte ich alle Vorahnungen, alle Schutzwälle nach wenigen Tagen so bereitwillig fallengelassen?
Hatte ich all die Warnungen einfach verdrängt, vergessen, ignoriert? Ihn einfach nur für den Moment lieben wollen, egal, welche Zukunft wir haben mochten?
Oder hatte ich tief im Inneren geglaubt, dass es anders laufen würde? Dass er sich ändern würde, für mich, bei mir bleiben würde? Mich lieben würde? Dass ich die Eine sein würde?
Die Eine, die es gar nicht gab? Immer noch nicht, nach all der Zeit?
Mit jedem Glas fällt die Anspannung etwas mehr von mir ab, wird die Welt um mich herum ein bisschen unschärfer, versinke ich tiefer und tiefer und tiefer in seinen Augen. Sie sind der Rettungsring, an den ich mich verzweifelt klammere, und die See, in der ich ertrinke, gleichermaßen, aber es fühlt sich nicht schlecht an. Zum ersten Mal seit einem Jahr atme ich wieder wirklich, aber die Luft, die ich atme, ist er, und sie schmeckt bittersüß nach Verlangen und Angst. Sie schmeckt genauso wie damals, aber dabei trotzdem vollkommen neu.
Irgendwann enden wir abseits der Tanzfläche, abseits der anderen, in einer Ecke nur für uns. Ich weiß nicht genau, wie wir hierhergekommen sind, aber plötzlich spüre ich seine Lippen auf meinen – oder sind es meine auf seinen? – und sie sind sanft und fordernd zugleich und fühlen sich nach Freiheit und Meerwasser auf der Haut und einer leichten Brise an. Ich lasse den Rettungsring los und ertrinke in der See, in ihm, lasse mich einfach sinken, tiefer und tiefer, und es fühlt sich an als würde ich schweben. Fallen oder Fliegen, manchmal ist beides schwer zu unterscheiden – man weiß es erst, wenn man am Grund ankommt.
Als wir den Club verlassen liegt seine Hand in meiner, ganz selbstverständlich, so als würde sie dorthin gehören. Als würde er wieder zu mir gehören.
Vielleicht sollte ich meine Hand wegziehen. Wahrscheinlich sollte ich meine Hand wegziehen. Wahrscheinlich sollte ich das hier zwischen uns, was auch immer es ist, beenden bevor es mich ein weiteres Mal zerstört.
Aber das will ich nicht. Jetzt will ich für den Moment leben und für den Moment lieben und den Moment festhalten, ehe er vorbei ist, und ich will mir keine Gedanken über morgen und übermorgen machen und ich will mir genauso wenige Gedanken machen wie er es tut. Für diese eine Nacht möchte ich auf der anderen Seite sein, möchte die Person sein, die ihn loslässt, nicht die, die losgelassen wird. Ich will erfahren, wie es sich anfühlt, diese Person zu sein. Ich will erfahren, wie es sich anfühlt, er zu sein.
Die Stadt ist vollkommen still und es fühlt sich an, als wären wir die einzigen Menschen der Welt, als wir durch die dämmrigen Straßen wandern. Es ist kühl, ich fröstele, aber ich möchte die Stille, diese wunderbare Stille des wortlosen Einverständnisses zwischen uns, nicht zerstören indem ich etwas sage.
Seine Finger streicheln über meinen Handrücken und ich frage mich nicht, über wie viele Handrücken sie in den letzten zwölf Monaten gestrichen sind. Als er mich küsst frage ich mich auch nicht, wen er in den letzten zwölf Monaten vor mir geküsst hat.
Ich will mir all diese Fragen nicht mehr stellen. Ich will nur noch atmen, denn solange er neben mir steht kann ich das. Ich will unsere Verbundenheit, unsere Stille atmen.
Und in diesem Augenblick zerstört er sie und fragt: „Gehen wir zu dir oder zu mir?“
Ich bleibe stehen ohne seine Hand loszulassen, direkt unter einer flackernden Straßenlaterne, und zwinge ihn somit dazu, auch stehenzubleiben. Ich hebe den Kopf, um ihm in die Augen zu blicken, und sehe das gleiche Funkeln im Schein der Laterne, aber auf einmal kommt es mir gefährlich und angsteinflößend vor, nicht mehr aufregend und abenteuerlustig.
Gehen wir zu dir oder zu mir?
Ich möchte weder zu ihm noch zu mir. Ich möchte einfach weiter hier draußen bleiben, egal ob es kalt oder dunkel oder sonst etwas ist. Ich möchte weiter in dieser Zwischendimension, zwischen heute und morgen, zwischen bleiben und gehen sein, in der ich daran glauben kann, dass wir beide eine Chance haben.
Aber wenn ich jetzt etwas Falsches sage werde ich ihn wieder verlieren. Und ich möchte ihn nicht wieder verlieren. Ich möchte uns nicht wieder verlieren. Denn innerhalb dieser wenigen Stunden im Club habe ich mich ein weiteres Mal in ihm verloren.
Das „meine Wohnung ist gleich um die Ecke“, das er erwartet, liegt mir schon auf der Zunge, aber plötzlich wollen die Worte nicht mehr über meine Lippen kommen. Stattdessen sehe ich all die Monate ohne ihn, all die Scherben, die er hinterlassen hat, Scherben und Splitter und Tränen. Ich sehe all die Wochen, die er mich gekostet hat. Ich sehe den Menschen, der ich vor ihm gewesen bin, und ich sehe den Menschen, der ich jetzt bin, und ich sehe, dass sie nicht die gleiche Person sind.
Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, lehne mich vor und drücke ihm einen Kuss auf die Wange. „Gute Nacht, Oliver.“
Er blickt irritiert. „Was ist los? Wohin willst du?“
Ich löse mich von ihm, löse meine Hand aus seiner, und trete ein paar Schritte zurück. „Ich gehe nach Hause.“
„Was? Warte doch!“
Ich hebe meine Hand zum Abschied, ehe ich den Blick abwende und mich zum Gehen umdrehe, hinaus aus dem Lichtkegel der Straßenlaterne. Immer weiter entferne ich mich von ihm.
Er folgt mir nicht. Ruft mir nicht nach.
Ich widerstehe dem Drang, mich nach ihm umzublicken. Ob er noch immer dort unter der Straßenlaterne steht? Oder sich bereits auf den Weg nach Hause gemacht hat?
Als ich um die nächste Straßenecke gebogen bin fällt mir auf, dass ich immer noch atmen kann.
Ich werde mich nicht wieder in ihm verlieren. Ich werde nicht wieder allein aus der Unordnung hinausfinden müssen, denn es wird keine Unordnung mehr geben. Ich werde mich nicht wieder an den Scherben schneiden, und ich werde mich nicht selbst wiederfinden müssen.
Ich werde nicht wieder verlernen, wie man atmet.
Ein Lächeln breitet sich auf meinen Lippen aus.
Wenn Menschen seltsame Wesen sind, dann war Oliver Broden ein ganz besonderes für mich gewesen.
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