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I won't back down

KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
Collins
25.03.2019
09.05.2019
4
2.054
2
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11.04.2019 765
 
A/N: Danke an Moosmutzel10 und Rosalie18.







Part II


Der Zug würde fahren, in zwei Stunden, hatte man ihm auf Nachfrage mitgeteilt. Das sei zwar außerplanmäßig, doch Bomberangriffe auf die Hauptstadt waren es ebenso; und im Grunde genommen war ihm diese Außerplanmäßigkeit im Augenblick sogar recht, denn so… Er nahm auf einer Bank am menschenleeren Bahnsteig Platz. Andere Fahrgäste würden mit Sicherheit nach und nach eintrudeln, sofern sie noch keine andere Möglichkeit aufgetan hatten, nach London hinein zu kommen, doch er schätzte, dass nicht wenige sich längst zu Fuß oder Fahrrad auf den Weg gemacht hatten und er ungestört bleiben würde. Eine Zeitung hätte er sich kaufen können, aber… Wozu? Wenn er zurück in Kenley war, würden die anderen ihm ohnehin alles Wissenswerte erzählen.

Er lehnte sich im Sonnenschein zurück, genoss die Wärme auf der Haut und dort, wo sie schon unter den Stoff seiner Uniform gekrochen war. Die ganze Zeit in diesem Krankenzimmer hatte ihm gewiss nicht gut getan und der Blick in den Spiegel, während er die Krawatte gebunden hatte, war Bestätigung genug gewesen. Dabei  hätte er im Traum nicht gedacht, seine Haut könne noch blasser sein, als sie es ohnehin schon war. Vielleicht lag es aber genauso in den dunklen Ringen unter seinen Augen begründet, sicher war er nicht, das war er nur in einem Punkt: Er musste wirklich an seinem Erscheinungsbild arbeiten. Wenn er in einer Woche noch aussah, als sei er gerade erst von den Toten auferstanden, war das seiner Diensttauglichkeit nicht gerade zuträglich. Wenn die Sonne ihm etwas Farbe – und sei es nur in Form eines Sonnenbrandes – brachte, war das allemal in Ordnung. Hinter den geschlossenen Lidern tanzten Farben in Punkten, angenehm und leicht, fast so, als würde der Sommerwind Blütenblätter über eine Wiese tragen. Insekten summten, Vögel zwitscherten, von irgendwoher waren Stimmen zu hören, mal lauter, mal leiser, dann wieherte ein Pferd, in einer anderen Richtung krähte ein Hahn. Es war beinahe erschreckend friedlich, wenn man bedachte, dass anderswo in Europa Krieg tobte. Ein Krieg, der, wie die Zeitungen berichteten, auch hier jederzeit wieder erbarmungslos zuschlagen konnte. Womöglich waren in diesem Moment schon die nächsten Bomber der Luftwaffe auf dem Weg hierher, womöglich… Daran wollte er nicht denken, nicht hier, nicht jetzt und erst recht nicht, weil er sowieso keinerlei Einfluss darauf hatte und… Die Gedanken wanderten weiter, ganz unwillkürlich zurück an den Himmel, ins Cockpit seiner Spitfire, doch die unsäglichen Augenblicke im steigenden Wasser übersprang er wohlweislich. Es war anstrengend genug, sie in nächtlichen Alpträumen immer wieder durchleben zu müssen, obwohl er die vage Hoffnung hegte, die Träume würden weniger werden und dann genauso verschwinden wie der Schmerz, vielleicht sogar etwa zur selben Zeit. Dann wäre der ganze Vorfall abgeschlossen, würde ihn nicht länger mit unliebsamen Nachwirkungen behelligen und er könnte ihn vergessen, endlich vergessen. Das hatte er schon an Bord der Moonstone zeitweise getan, erinnerte er.

Es hatte dort etliche Momente gegeben, in denen anderes wichtiger gewesen war.

Der tote Junge unter Deck.

Sein Freund Peter, der es nicht begriffen hatte oder es zu dem Zeitpunkt noch nicht hatte wahrhaben wollen. Welche der beiden Möglichkeiten wahrscheinlicher war, wusste er nicht, doch eine von beiden traf zu, dessen war er sicher.

Mr. Dawson, Peters Vater, hatte es auch gewusst.

Er hatte es in seinem Blick gesehen, als er Peter an Deck gefolgt war; und doch hatten sie beide es dem Jungen verschwiegen. Stillschweigend mussten sie sich darin einig gewesen sein, dass es nicht die richtige Zeit war, den Jungen auf die unumkehrbare, schreckliche Wahrheit hinzuweisen. Einmal ganz davon abgesehen, dass es ihm auch gar nicht zugestanden hätte. Peter, sein Vater und der tote Junge unter Deck waren nichts weiter als eine Gelegenheitsbegegnung gewesen. Menschen, die ihm über den Weg gelaufen waren und dann wieder in der großen Masse aller anderen verschwanden. Auf Nimmerwiedersehen. So wie es Kameraden taten. Sie tauchten auf, blieben eine Zeit lang und verschwanden auf die eine oder andere Art wieder aus seinem Leben, im Krieg schneller und häufiger als es in Friedenszeiten der Fall gewesen wäre. Es war besser, sein Herz an nichts zu hängen, höchstens an das eigene Leben, doch selbst das war heutzutage…

Collins öffnete die Augen, blinzelte ins Sonnenlicht, sah zur Bahnhofsuhr und stellte fest, dass er für eine Weile eingenickt gewesen sein musste.

[700 Wörter]




***


An dieser Stelle möchte ich den besonders neugierigen und/oder experimentierfreudigen Lesern unter euch noch einmal eine andere meiner Geschichten – leider eine, die wohl etwas anspruchsvoller ist – ans Herz legen: Endless Nights [Captain America]
Es würde mich sehr freuen, wenn wenigstens ein paar von euch der Geschichte ein Chance geben würden.
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