Si vis pacem, para bellum

von Calamtha
GeschichteAbenteuer, Romanze / P12
24.03.2019
01.08.2020
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01.08.2020 2.291
 
In jener Nacht erschien Charles die Aussicht auf die endlosen Stunden der Mittelwache etwas weniger freudlos. Schließlich fand sich hier an Bord zumindest ein Mensch, dessen Zuneigung er sich nun wieder sicher ein konnte. Während er in gemessenem Tempo das Achterdeck entlangschritt, drängte sich die Silhouette des Fockmastes ungebeten in sein Blickfeld.
seit sie Lieutenant Benèts Modellversuch in die Tat umgesetzt und glühendes Eisen ins Holz injiziert hatten, stattete Charles dem Mast nahezu täglich einen Besuch ab. Dor verharrte er einige Minuten – die Handflächen am vom Wind und Wetter glatt geschliffenen Holz – und spürte der Hitze nach, die einfach nicht aus dem Material weichen wollte.
Wir riskieren den Feuertod, damit die Passagiere sich nicht über die unkomfortable Überfahrt beschweren.
Die Frustration darüber, dass der äußere Schein wieder einmal höher geschätzt wurde, als ein der Realität angepasstes Handeln, drohte, ihn niederzudrücken. So erschien Edmund gerade zur rechten Zeit.
„Guten Abend.“
„Guten Abend.“ Charles war derart erleichtert über das Erscheinen des Adligen, dass er ihm die zehnminütige Verspätung kurzerhand nachsah. Sie verbrachten die erste Zeit in Stille bis Charles düstere Gedanken allmählich überhandnahmen. „Ich war wieder am Fockmast, Edmund. Das Holz und die Planken darum herum sind noch immer heiß…“
„Ach komm schon! Das Schiff macht Fahrt und hält sich stabil!“, kanzelte Edmund ihn ab. „Lassen Sie es endlich gut sein!“
Charles Erleichterung über die Anwesenheit seines Freundes verwandelte sich schlagartig in Ernüchterung. Zu gern hätte er seinen verletzten Stolz wie üblich hinuntergeschluckt. Doch offenbar hatten die vergangenen Wochen seine Toleranzgrenze gegenüber der Ignoranz und Herablassung seiner Mitmenschen herabgesetzt. So gelang es ihm nicht, diesen Seitenhieb vollkommen kommentarlos über sich ergehen zu lassen.
„Du bist zu spät.“
„Ich habe Mr. Prettiman vorgelesen.“, erklärte der Adlige leichthin.
Dass er sich offenkundig keiner Schuld bewusst war, brachte Charles nur noch mehr gegen ihn auf. Da Edmund fortfuhr, auf dem Achterdeck umher zu wandern, wandte Charles sich um, damit er ihm ins Gesicht sehen konnte. „Ich sage dir das als Freund: Deine Verbindung zu diesem Mann ist gefährlich.“
„Wie bitte?!“
Nun war ihm Edmunds Aufmerksamkeit sicher. Charles verbliebenes Quäntchen Intuition warnte ihn davor, den Faden weiterzuspinnen. Doch in diesem Fall überwog sein gekränkter Stolz den gesunden Menschenverstand. „Er ist gefährlich für dich. Und für deine zukünftige Stellung.“
„Das kann nicht dein Ernst sein!“, entfuhr es Edmund. Der Adlige ließ sich nun endlich dazu herab, seine Wanderung einzustellen und sah ihm ins Gesicht. Er bewegte einige Male die Lippen ohne dass eine einzige Silbe darüber gelangte. Schließlich streifte er seine Schockstarre ab. „Zuallererst möchte ich eines deutlich machen: Mit wem ich meine Zeit verbringe, ist in erster Linie meine Sache. Außerdem hat Mr. Prettiman mich gebeten, ihm beim Aufbau seiner neuen Welt zu helfen. Auch deine Verlobte war ihm willkommen. Sie schien mir nicht abgeneigt.“
Zu gern hätte Charles die Unterhaltung beendet, indem er Edmund über Bord geworfen hätte. Stattdessen erwiderte er gepresst: „Wir sollten Nimue in diesem Gespräch besser außen vor lassen.“ Kopfschüttelnd wandte er sich ab. „Wie kann man die Privilegien, in die man hineingeboren wird, nur so leichtfertig aufgeben?!“
„Dieses Gespräch werde ich mit jemandem wie dir nicht führen!“, versetzte Edmund aufgebracht.
Natürlich nicht. Wie töricht von mir.
Wie so oft nachdem er glaubte, endlich Zugang zu einem anderen Menschen gefunden zu haben, überkam Charles nun das Gefühl, er hätte es wieder einmal besser wissen müssen. Er mochte eine Zeit lang Uniform getragen haben, sich ihre Sprache und Manieren aneignen – doch den Matrosen würde er niemals völlig abstreifen. So verharrte er an der Reling und vermied es tunlichst, Edmund ins Gesicht zu sehen.
Dem Adligen hingegen schien allmählich aufzugehen, dass er weit übers Ziel hinausgeschossen war. Unbeholfen bemühte er sich, das Gespräch auf ein weniger unangenehmes Thema zu lenken. „Kopf hoch!“ Mit ausgestrecktem Arm wies er auf den Horizont. „Ein neuer Tag bricht an!“
Abseits aller erlittener Kränkung zeigte sich der Seemann in Charles in höchstem Maß irritiert über diese Ankündigung.
Wie kommt er nur auf diesen Unsinn?
„Vom Sonnenaufgang trennen uns noch Stunden.“, widersprach er matt.
Doch Edmund beharrte auf seiner Beobachtung, den Blick weiterhin in die Ferne gerichtet. „Ich habe einen Schimmer in der Ferne gesehen.“
Obwohl er davon ausging, dass die eigenen Augen dem Adligen nach all dem Starren in die Dunkelheit sicher einen Streich gespielt hatten, trat Charles zu ihm, um der Sache nachzugehen. Selbst die Möglichkeit, so den Rest des Wachdienstes in relativer Ruhe verbringen zu können, schien ihm diese paar Minuten wert. „Wo hast du den Schimmer gesehen?“
„Dort.“ Edmunds Zeigefinger stach in die Luft.
Sekundenlang sah Charles in die Nacht hinaus, ohne mehr zu erkennen als vereinzelte Schaumkronen, wenn sich in der Nähe Wellen brachen. Dahinter blieb nichts als Schwärze. Dann blitzte – weit in der Ferne – tatsächlich ein Licht auf. Die Erscheinung war derart rasch wieder verschwunden, dass der Matrose sie schon als Einbildung abtun wollte. Doch prompt zeigte sich der Schimmer erneut.
Was sollte zu dieser Stunde Licht reflektieren…?
Als ihm endlich eine Antwort einfiel, verspürte Charles zum ersten Mal seit Jahren an Bord eines Schiffes Übelkeit. „Gott steh uns bei…“ Endlich rang er sich dazu durch, mit den Händen einen Trichter vor dem Mund zu formen und zu brüllen: „Eis!!!“
Wertvolle Sekunden vergingen bis die anderen Mannschaftsmitglieder die Bedeutung seiner Warnung vollends verinnerlicht hatten.
Endlich läutete die Glocke zum Alarm. Auf der Stelle rannten und schrien die Männer durcheinander. Jeder schien der Meinung, noch besser als die anderen zu wissen, was zu tun war. Zur eigenen Überraschung keimte Erleichterung in Charles auf, als er seinen Kapitän – noch schlaftrunken – an Deck stolpern sah. Nun war es an ihm, diesen will gewordenen Haufen zu koordinieren.
Ungeschickt bemühte Anderson sich um den richtigen Sitz seines Hemds. Gleichzeitig gelang es ihm tatsächlich, Charles im Getümmel auszumachen. Stilsicher steuerte er auf seinen ehemaligen ersten Offizier zu. „Summers! Was geht hier vor sich?“
„Mr. Talbot hat Eis am Horizont gesichtet, Sir.“, erstattete Charles zackig Bericht.
Selbst Anderson schien die Lage offenbar prekär genug, um die Herablassung, die er für den Matrosen empfand, ausnahmsweise einmal hintenanzustellen. „Sie haben gute Augen, Mr. Talbot. Zeigen Sie mir, wo.“
Sobald der Adlige ihn ins Bild gesetzt hatte, fand der Kapitän zu seinem Jähzorn zurück. „Hat der verfluchte Ausguck denn keine Meldung gemacht?!“
„Nein, Sir.“, antwortete Charles wahrheitsgemäß, jedoch nicht ohne gewisse Unsicherheit hinsichtlich der Frage, ob eine Erklärung seinerseits hier überhaupt gefragt war.
„Der Trottel muss auf seinem Posten geschlafen haben!“, wetterte Anderson weiter. „Ich werde ihn persönlich in Ketten legen!“ Nachdem er seiner Wut nun einmal Ausdruck verliehen hatte, war er imstande, sich drängenderen Problemen zuzuwenden. „Wir takeln voll auf. Wir brauchen so viel Fahrt wie nur irgendwie möglich.“
Als hätten wir uns niemals mit einem gesplitterten Fockmast herumschlagen müssen.
Wider besseren Wissens trat Charles an seinen Kapitän heran. „Sir, der Fockmast wird dieser Belastung womöglich nicht standhalten…“
Anderson fuhr zu ihm herum. „Herrgott nochmal, Summers! Selbst jetzt können Sie den Versuch nicht unterlassen, Lieutenant Benèt in Misskredit zu bringen…“
„Das ist nicht wahr.“, widersprach Charles. „Es ist nur…“
„Haben Sie einen besseren Vorschlag?“
Der Matrose senkte den Blick. „Nein, Sir.“
„Dann tun Sie Ihre Arbeit!“ Den umstehenden Männern Befehle zubellend schritt Anderson von dannen.
In der Ferne türmte sich silbrig schimmernd das Eis.
*

Wie ein Fluss, der als Rinnsal entspringt und schließlich als reißender Strom die Landschaft teilt, begann die Unruhe an Bord mit Geflüster und Gerüchten. An Deck schlug die Glocke Alarm.
Prompt malten die Passagiere sich in den buntesten Farben aus, mit welchen Grausamkeiten die Natur sie nun malträtieren wollte. Über ihnen kam die Mannschaft stampfend und brüllend in Schwung. Nimue hatte alle Mühe, sich von der gegenwärtigen Panik nicht mitreißen zu lassen. Als die Unruhe in ihrem Inneren kaum noch zu ertragen war, gab sie nicht länger vor, an ihrem Pult irgendwelche Schreibarbeiten zu erledigen, sondern verließ ihre Kabine, um sich selbst ein Bild der Lage zu verschaffen.
Bereits an der Türschwelle blickte sie in ratlose bis verängstigte Gesichter. Einige Menschen irrten umher und verlangten lautstark nach einer Erklärung der Vorkommnisse, ohne von irgendwem eine Antwort zu erhalten.
Als sie Letitia aus Aloisius Kajüte treten sah, entfuhr ihr ein Seufzer der Erleichterung. Ihre Freundin rang offensichtlich gleichermaßen um Fassung wie jeder andere. Mit schreckgeweiteten braunen Augen hielt sie nach etwas unbestimmtem Ausschau, als könnte sie die Gefahr jeden Augenblick aus irgendeiner Ecke heraus anfallen. „Was geht denn hier vor sich?“
Hilflos hob Nimue die Schultern. „Es scheint schlimm genug, um die gesamte Mannschaft aus den Betten zu läuten.“ Im Hintergrund der abstrusen Szenerie, sah sie Edmund die Treppe zum Passagierdeck hinabstolpern. „Womöglich hat er ein paar Antworten für uns.“
Auf der Stelle nahmen die Frauen den Adligen in die Mitte und führten ihn etwas abseits.
„Wir steuern auf Eis zu.“, eröffnete dieser ihnen.
„Großer Gott!“ Letitia umklammerte einen Moment lang Nimues Arm. Die nutzte die Zeitspanne der Schockstarre, um ihren Geist wieder in der Realität zu verankern anstatt sich in unterschiedlichen Horrorszenarien zu ergehen. Ihre Freundin bemühte sich um eine pragmatische Herangehensweise. „Was tun wir?“
„Da bleibt uns nicht viel.“, erwiderte Nimue langsam. „Wir bewahren die Ruhe und stehen der Mannschaft nicht im Weg herum.“
Als wollte sie einen bewussten Kontrast zu ihrer Aussage setzen, kroch Zenobia Brocklebank auf allen Vieren auf die Kabine ihrer Familie zu. Die Frau sah jammervoll aus, vermutlich quälte sie die Seekrankheit. An der Türschwelle bettelte sie unter Schluchzen und Würgen um Einlass. Es war ein mitleiderregender sowie beschämender Anblick.
Eine Weile betrachteten Nimue, Edmund und Letitia die Szenerie bis Letztere zusammenfassend feststellte: „Zumindest unsere Würde kann uns keiner nehmen.“
„Wie römisch.“, scherzte Edmund.
„Ich möchte es als britisch betrachten.“, hielt Letitia schlagfertig dagegen.
Nimue schmunzelte. „Wir sollten deinen Gatten ins Bild setzen.“, ging es ihr auf.
„Er schlief, als ich ging.“, erinnerte sich Letitia. „Aber damit wird es wohl ohnehin vorbei sein.“
Wie in stummer Absprache pilgerten sie hinüber zu Aloisius Kajüte. Sie fanden ihn hellwach vor. „Nun?“, empfing er sie schnippisch. „Wie gehen wir denn jetzt zugrunde?“
„Wir steuern auf Eis zu.“, erklärte Edmund unumwunden.
„Dann also auf diese Weise. Aloisius mahlte mit den Kiefern und blickte starr geradeaus bis er seine Fassung zurückerlangt hatte. Anschließend richtete er das Wort zwar an sämtliche Anwesende, ließ seine Frau jedoch nicht aus den Augen. „Wenn es soweit ist, zieht euch so viel Kleidung an, wie ihr finden könnt. Dann geht zu den Rettungsbooten.“
„Nein.“ Mit ungewohnter Vehemenz schüttelte Letitia den Kopf.
Nimue verspürte Bewunderung für ihre Freundin. Diesem Sturschädel etwas entgegenzusetzen erforderte Mut.
Passend dazu mahnte Aloisius: „Na, na Mrs. Prettiman – lassen Sie mich nicht unwirsch werden.“
Letitia wich keine Handbreit von seinem Lager. „Ich war dir in der kurzen Spanne unseres Ehelebens niemals ungehorsam. Und wäre es sicher auch nie gewesen. Nicht weil irgendein Gelübde es mir vorgibt, sondern aufgrund dessen wer und was du bist. Und genau aus diesem Grund werde ich hier bei dir bleiben.“
Die Eheleute trugen einen stummen, aber nicht minder erbitterten Zweikampf darum aus, wer am Ende seinen Willen durchsetzen würde. Schließlich konnte Nimue förmlich nachverfolgen, wie Aloisius äußere Härte in sich zusammenfiel. Nun trat die Angst zutage, mutterseelenallein in seiner Kabine zu ertrinken. Indem er auf seinem Lager ein Stück beiseite rutschte, um seiner Gattin Platz zu machen, gestand er seine Niederlage endgültig ein.
Letitia ließ sich neben ihrem Ehemann nieder, sah aber noch einmal zu ihnen auf. „Ich wünsche euch viel Glück.“
Ihr wie zugeschnürter Hals, machte Nimue lediglich ein Nicken möglich. Sie und Edmund verließen den Verschlag mit dem Gefühl, dass so Einiges zwischen ihnen ungesagt geblieben war.
Der Adlige wirkte im Zwielicht des Passagierdecks regelrecht fahl, als stünde er kurz davor, zu verschwinden. „Der Kapitän wird die Passagiere ins Orlopdeck schicken. Ich schließe mich ihnen an.“
„Wir sehen uns dort.“, versicherte Nimue. „Ich will nur noch einen kurzen Augenblick mit Charles, um ihm zu sagen, dass…“ Hilflos verstummte sie. „Ich habe keine Ahnung, wa sich ihm sagen will.“
Edmund ließ ein wissendes Lächeln sehen, das seine Augen nicht erreichte. „Er wird es schon verstehen.“
Für einen Moment waren die Grenzen des Anstands bedeutungslos und beide umarmten den jeweils anderen fest.
„Geh schon.“, brummte Edmund mit belegter Stimme, als sie sich voneinander lösten.
Eilig huschte Nimue davon, bevor die Angst es ihr unmöglich machte, noch einen einzigen Schritt zu tun. Sie benötigte einige Zeit, um Charles im Durcheinander des Hauptdecks auszumachen.
Unter lautstarkem Gebrüll scheuchten die Offiziere die Mannschaft umher. Über allem stand Captain Anderson und übertrumpfte sämtliche Anwesende mit Geschrei, Drohungen und der Ankündigung schrecklichster Horrorszenarien, wenn sie ihrer Arbeit nicht etwas schneller nachkämn.
Nimues Verlobter beendete seine Arbeit an den Tauen und fing endlich ihren Blick auf. Im gegenwärtigen Chaos scherte sich niemand darum, dass er seinen Posten verließ. Seine Arbeit war getan, nun blieb ihm genau wie allen anderen nichts übrig, als die Dinge zu erwarten, die da kommen würden.
Sekunden vergingen, in denen sie das Gesicht des anderen studierten. „Wie stehen unsere Chancen?“, presste Nimue schließlich hervor, als die Distanz zwischen ihnen auf ein Minimum dahingeschmolzen war.
„Ich weiß es nicht.“ Charles hob die Hände als wollte er sich ergeben. „Es ist als wäre mir alles entfallen, da sich je erlernt habe. Ich…ich…ich weiß nicht was ich sagen soll.“
„Dann lass uns schweigen.“, schlug Nimue mit brennenden Augen vor. „Es ist schlimm genug, sich mit so etwas konfrontiert zu sehen.“
Während die Welt um sie herum allmählich zu zerfallen drohte, hielten Nimue und Charles sich an den Händen. Schließlich beugte er sich für einen Kuss zu ihr hinab. Sie erkannte, wie es hinter seiner ohnehin brüchigen Fassade brodelte. Er bemühte sich erfolglos um ein Lächeln. „Bitte geh jetzt zu den anderen Passagieren ins Orlopdeck.“ Seine zitternde Stimme drohte, im Lärm der Umgebung zu verschwinden. „Bitte.“
Nimue brachte es nicht über sich, sich noch einmal umzusehen, als sie die Stufen betrat, die sie zurück in den Bauch des Schiffes führten.