Si vis pacem, para bellum

von Calamtha
GeschichteAbenteuer, Romanze / P12
24.03.2019
20.08.2019
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Stunden der Suche verwandelten sich in Tage, doch Wheeler blieb verschwunden. Charles verstärkte ihren Suchtrupp mit dem Schiffsjungen Philipps sowie Fähnrich Willis, doch selbst mit diesen zusätzlichen Augenpaaren blieben sie erfolglos.
Talbot versank über diesem Verlust in grüblerischer Stimmung, suchte entweder Schutz in seiner Kabine oder die Einsamkeit in stillen Winkeln an Deck. Begegneten sie einander doch einmal, sah Nimue dem Adligen die gleiche Befürchtung an, die sie selbst empfand.
Wheeler wird tatsächlich über Bord gegangen sein.
Sie konnte sich diesen Eindruck zwar nicht erklären, doch Nimue meinte, die Abwesenheit seiner Geduld und Freundlichkeit zu spüren, obwohl sich Wheeler mit beiden Eigenschaften niemals in den Vordergrund gedrängt hatte.
Die angenehmen Breitengrade der Äquatorialgegend lagen längst hinter ihnen, sodass sie glühende Hitze und sengende Sonne gezwungenermaßen gegen Windböen samt wiederkehrender Regenschauereingetauscht hatten. Trotz aller Bemühungen, sich Abwechslung zu verschaffen, schien Nimue die Welt auf dieses eine Passagierschiff zusammengeschrumpft.
Das gesamte Konstrukt ächzte und krachte unter den Einflüssen des Wetters, nichts blieb an seinem Platz. Auch sie selbst wurde jede Nacht wie Treibgut in ihrer Hängematte umhergeworfen. Die durchwachsenen Nächte sowie die Heimlichkeiten zwischen ihr und Charles trieben Nimue in Lethargie und Erschöpfung ohne ihren Geist je vernünftig zur Ruhe kommen zu lassen.
Auch diese Nacht kroch dahin. Mit brennenden Augen lag Nimue in ihrer Hängematte. Der Wellengang ließ sie mit der linken Schulter beständig gegen die Wand ihres Verschlags donnern. Als ihre überreizten Nerven ihr endlich einen leichten Dämmerschlaf gestatteten, schwoll die Geräuschkulisse des Schiffes unvermittelt an. Selbst in ihrem desolaten Zustand wurde Nimue nur allzu schnell gewahr, dass es sich nicht um einen der üblichen kleinen Zwischenfälle handelte, die die Abläufe an Bord ein wenig ins Stocken brachten.
Viele eilige Schritte ließen das Deck dröhnen, das Geschrei unter den Männern nahm kein Ende. Das Schiff ächzte wie ein lebendiges Wesen und tat einen Satz nach vorn. Nimue ließ sich von diesem Schwung aus ihrer Hängematte befördern. Zur eigenen Überraschung gelang ihr das Kunststück, nahezu sicher auf den Füßen zu landen.
Hastig schlüpfte sie in ihre Stiefel. Anstatt wertvolle Zeit damit zu verschwenden, sich anzukleiden, warf sie nur rasch ihren schwarzen Reisemantel über das dünne Nachthemd in der Überzeugung, er würde das Nötigste schon verdecken.
Wenn nicht, hat die gelangweilte Oberschicht etwas zu Tratschen.
Was immer die Mannschaft mitten in der Nacht in solche Unruhe versetzte, weckte auch Nimues Lebensgeister. An Deck nahm sie sich Zeit, um das vermeintliche Chaos auf sich wirken zu lassen.
Im starken Wind kämpften die Männer mit den Tauen. Ein Blick in die Takelage ließ Nimue erkennen, dass diesem Durcheinander Methodik zugrunde lag. Die Böen nahmen keine Rücksicht auf die Bauweise des Schiffs und fuhren von der falschen Seite in die Segel. So bemühte die gesamte Mannschaft sich nun fieberhaft, das verbliebene Tuch zu reffen. Ein nicht unerheblicher Teil hing bereits in Fetzen, auch das Tauwerk war in Mitleidenschaft gezogen.
Das kann uns um Wochen zurückwerfen.
Sie widerstand dem Impuls in blinden Aktionismus zu verfallen, sondern zwang sich zu einer besonnenen Entscheidung darüber, wo ihre Tatkraft am Besten aufgehoben war. Nach einer ausgiebigen Betrachtung der Takelage stemmte sie sich gegen den Wind, durchmaß mit ein paar entschlossenen Schritten die Distanz zu ihrem Ziel und ergriff das ausgewählte Tau.
Da jedermann völlig davon vereinnahmt war, seinen Pflichten nachzukommen, fiel es vorerst niemandem ein, ihr angemessenes Verhalten zu predigen oder sie gar des Decks zu verweisen.
Bald protestierten Nimues Arme samt Schultern, indem ihre Muskeln ein Brennen durch die betroffenen Gliedmaßen sandten. Nicht einmal eine Minute verging bis die Haut ihrer Handinnenflächen unter der ständigen Reibung mit dem rauen Tau nachgab. Zähneknirschend gestand sie sich ein, dass sie nicht genug Kraft besaß, um allein gegen den Wind anzukämpfen.
Zu ihrer Erleichterung sah sie Edmund Talbots langbeinige Gestalt an Deck umherstolpern. Bei all den Dingen, die im Augenblick gleichzeitig geschahen, wusste der Adlige offenbar kaum, wohin er sich zuerst wenden sollte.
„Mr. Talbot! Edmund!“ Ächzend suchte Nimue mit den Füßen Halt auf den Planken.
Man musste dem Adligen zugutehalten, dass er ihre Not sofort erkannte. Dennoch verging quälend viel Zeit bis er sich durch all die Menschen, vorbei an flatterndem Segeltuch zu ihr hindurchgekämpft hatte.
„Sie müssen mir sagen, was zu tun ist!“ Talbot war gezwungen zu brüllen, um sich verständlich zu machen.
Nimue empfand Mitleid während sie sein Ringen um Fassung beobachtete.
Er wird kaum verstehen, was hier vor sich geht. Er muss sich die schrecklichsten Dinge ausmalen.
„Nehmen Sie das Tau und ziehen Sie, so fest Sie nur können!“
Ohne zu Zögern legte Talbot die zitternden Hände ans Tau. Gemeinsam gelang es ihnen, eines der Rahsegel zu reffen. Nach getaner Arbeit tauschten beide einen Blick voll erschöpfter Genugtuung. Vorsichtig streckte Nimue die vollkommen verkrampften Finger.
Das Geräusch von berstendem Holz fuhr scharf und stechend in dieses Gefühl der Zufriedenheit. Selbst das Gebrüll der Mannschaft und der heulende Wind traten dahinter zurück. Entsetzt und gleichermaßen fasziniert von den Gewalten der Natur verfolgten Nimue und Edmund wie der Fockmast der Länge nach splitterte. Erst etwa nach der Hälfte nahm die Zerstörung ein Ende. Etliche Männer in der Nähe hatten zur Sicherheit die Beine in die Hand genommen, doch ihre Vorsicht erwies sich als unbegründet. Der Mast gab ein letztes jämmerliches Knarzen von sich und sackte ein paar Grad zur Seite.
Für einen Moment herrschte schockierte Stille, bevor die Anwesenden erneut in Hektik verfielen. Auch Nimue wollte sich gemeinsam mit Edmund nach einer neuen Aufgabe umsehen, doch erneut drehte der Wind, griff nach Segeltuch und Tauwerk und ließ eines der Seile peitschengleich gegen Edmunds Kopf schnellen. Nimue begriff erst, als der Adlige schwankte und schließlich zu Boden ging. Blut floss in dunkelroten Bahnen seine linke Schläfe hinab. Seine Lider flatterten beunruhigend.
Mit klopfendem Herzen ließ sie sich neben ihm auf den Knien nieder. „Mr. Talbot!“ Hilflos rüttelte sie den Adligen an der Schulter. Dessen Kopf rollte zur Seite.
Bevor der Ernst der Situation sie vollends überrollte, schuf Nimue gedanklich etwas Distanz zum gegenwärtigen Chaos.
Jemand muss mir helfen, ihn in seinen Verschlag zu bringen.
Auf ihrer Suche nach einer helfenden Hand zog sie zu ihrem Leidwesen die Aufmerksamkeit des Kapitäns auf sich. Eben noch mit einem Matrosen darum bemüht, das Besansegel zu retten, stampfte Anderson nun zu ihr hinüber. Das rötliche Haar stand ihm wirr vom Kopf. Er hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, seine Uniform vollständig anzulegen. Sein Hemd hing ihm halb zugeknöpft und schief am Körper.
„Miss Tosny! Dies ist kein Ort für Passagiere! Erst recht nicht für…“
„Eine Frau?“, fiel Nimue ihm erbost ins Wort.
„Ganz recht!“, beharrte der Kapitän. „Erst recht nicht für eine Frau!“ Sein stechender Blick glitt an ihr hinab.
Peinlich berührt erkannte sie, was ihr im Eifer der vergangenen Minuten entgangen war: Ihr Mantel stand weit offen und gab den Blick frei auf ihr dünnes Nachthemd. Mit einigen wütenden Handgriffen schloss sie das Kleidungsstück. Diese Mischung aus Ärger und Scham machte jede ihrer Bewegungen seltsam eckig. „So wie sich die Situation für mich darstellt, können Sie im Moment für jede Hilfe dankbar sein.“
„Solche Anmaßungen muss ich mir auf meinem eigenen Schiff nicht bieten lassen!“, fauchte der Kapitän. Nimues aufmüpfige Antwort hatte seine ohnehin schlechte Stimmung noch einmal befeuert.
Sie holte Luft, um ihm eine angemessene Erwiderung entgegenzuschleudern. Diesmal war es Charles, der ihre Aufmerksamkeit zu den Dingen zurückzwang, auf die es im Moment ankam. Der erste Offizier erfüllte seine Position als Bindeglied zwischen der Führung des Schiffs und dessen Passagieren mit Takt und Demut, doch diesmal ergriff er Partei ohne zu Zögern: „Sir, ich bin mir sicher, Miss Tosny hatte nicht die Absicht, Ihre Autorität zu untergraben, sondern wollte sich lediglich nützlich machen…“
Auch wenn ihr bewusst war, dass Charles jedes seiner Worte in bester Absicht hervorbrachte, missfiel Nimue die Art und Weise, in der die Männer von ihr sprachen. Zwar war sie Gegenstand der Unterhaltung, doch keiner der Versammelten schien sich ihrer Anwesenheit wirklich bewusst zu sein.
Captain Andersons Raubvogelblick erhielt etwas Lauerndes. „So viel Zeit Sie auch mit Miss Tosny verbringen, Summers: Gerade Ihnen sollte bewusst sein, dass der elterliche Besitz einer Reederei einem längst nicht die Kompetenz verschafft, sich in die Angelegenheit eines Schiffes einzumischen!“
Nimue achtete peinlich genau darauf, Charles nicht ins Gesicht zu sehen aus Sorge, genau die Panik gespiegelt zu sehen, die sie selbst empfand. Jedes unüberlegte Wort konnte nun eines zu viel sein.
Der erste Offizier tastete sich vorsichtig voran: „Sir, mit Ihrer Erlaubnis geleite ich Miss Tosny zurück in ihre Kabine und trage dafür Sorge, dass Mr. Talbot im Rahmen unserer Möglichkeiten medizinische Hilfe erhält.“
Als sie sich ihrer Fassung wieder annährend sicher war, gestattete Nimue sich einen Seitenblick auf Charles. Diesem gelang das Kunststück zumindest äußerlich in völliger Ruhe der Antwort seines Kapitäns zu harren.
Anderson erlöste sie: „Tun Sie das. Aber verlieren Sie nicht zu viel Zeit.“ Der Kapitän schien vor angestautem Ärger zu vibrieren. Da er sein Pulver in dieser Auseinandersetzung verschossen hatte, widmete er sich nun demjenigen, den er für den Urheber des eigentlichen Schlamassels hielt.
Schlotternd vor Angst harrte Fähnrich Willis in der Nähe aus bis der Kapitän über ihn herfiel. Nimue verspürte Mitleid für den Jungen, der unter der Schimpftirade seines Vorgesetzten zitterte.
„Was haben Sie sich nur gedacht?!“ Andersons Stimme trug weit über das Deck. „Sie hatten Wache!“
Während der Kapitän die Distanz zu seinem Fähnrich kontinuierlich verringerte, schrumpfte dieser förmlich in sich zusammen. „Sir…ich…es tut mir leid…“
Die Unterwürfigkeit des Jungen versetzte Anderson nur noch mehr in Rage. Mit dem Handrücken versetzte er Willis einen raschen, harten Schlag ins Gesicht. Die Bewegung enthielt eine makabre Routine, die Nimue auf den Gedanken brachte, dass es auf diesem Schiff durchaus üblich war, die Hand gegen Untergebene zu erheben. Willis stürzte unter der Wucht der Attacke zu Boden und blieb zur Sicherheit auch dort während Anderson seinen Unmut über ihm ausschüttete: „Sämtliches Segeltuch hängt in Fetzen! Das Tauwerk ist kaum noch zu gebrauchen!“
Endlich ließ er von Willis ab. Stattdessen verlegte er sich darauf, lautstark nach Lieutenant Devrel zu brüllen. Der Offizier torkelte mit verblüffender Geschwindigkeit herbei. Er benötigte etliche Sekunden, um das sich bietende Bild in einen sinnvollen Kontext zu setzen.
„Was hat der Junge schon wieder angestellt?“, lallte er angriffslustig. Die Worte kamen ihm nur schwer über die Lippen.
Wie meist wirkte seine Erscheinung derangiert. Auch er hatte auf seine vollständige Uniform verzichtet, doch wurde schnell offensichtlich, dass dies in seinem Fall weniger der Hektik als reiner Nachlässigkeit geschuldet war.
„Sie sind der diensthabende Wachoffizier!“, begann Anderson seine Gardinenpredigt.
Willis blieb von beiden Männern nahezu unbeachtet. Es war beschämend. Gern hätte Nimue ihm in irgendeiner Form beigestanden, doch ein Teil von ihr schätzte sich glücklicher, Andersons Aufmerksamkeit entronnen zu sein.
Unterdessen protestierte Devrel lautstark und erbost gegen die Anschuldigung seines Kapitäns: „Willis hatte Wache!“
„Die Dienstanweisung untersagt es ganz eindeutig, einen Fähnrich zur See allein Wache stehen zu lassen!“, dröhnte Anderson unbeeindruckt. Er wies auf das Sherry-Glas in der Linken seines Gegenübers. „Außerdem ist das Trinken im Dienst untersagt!“
Zwischen den Männern entspann sich ein hässlicher Disput. Charles nutzte den Lärm zu ihren Gunsten. Er winkte einen wettergegerbten Matrosen heran, der sich trotz der nächtlichen Kühle barfuß an Deck bewegte. Er besaß die Leichtfüßigkeit eines Seemanns, der viel Zeit in der Takelage verbrachte. Jede Bewegung schien geradewegs in den gegenwärtigen Moment eingepasst, nichts erfolgte verfrüht oder verspätet.
Charles neigte sich zu ihm. „Francis, bitte helfen Sie Mr. Talbot hier in seine Kabine und treiben Sie jemanden auf, der seine Kopfverletzung versorgt.“
„Ich wüsste ein, zwei Jungs mit geschickten Händen. Wir werden uns gut um ihn kümmern Sir, versprochen.“
„Sehr gut. Danke, Francis.“
Die schwarzgrauen Strähnen fielen dem Seemann ins Gesicht, als er sich Edmund Talbot über die Schulter wuchtete. Der Adlige murmelte etwas und stolperte an der Seite seines neuen Führers hilflos das Deck entlang.
„Diese Männer mögen keine Ärzte sein, doch sie wissen, wie man auf See überlebt.“, versicherte Charles.
Nimue schenkte ihm ein erschöpftes Lächeln. „Ich vertraue deinem Urteil. Komm, du solltest mich doch zurück in meinen Verschlag geleiten.“
„Natürlich.“ Es gelang dem ersten Offizier nicht zur Gänze, das Lachen aus seiner Stimme zu verbannen.
Dieser Moment ließ eine irrationale Dankbarkeit für das raue Wetter, das ihnen diese gemeinsamen Sekunden beschert hatte, in ihr aufsteigen. Schweigend begaben sie sich zum Passagierdeck der Oberklasse. Ein forschender Blick in jede Richtung verschaffte Nimue so viel Sicherheit bezüglich der Frage, ob sie tatsächlich miteinander allein waren, wie es in der gegenwärtigen Situation eben möglich war.
Kurz entschlossen packte sie Charles am Ärmel, zog den verdutzten Offizier in ihre Kabine und schlug die Tür zu.
„Ist das klug?“, wandte er vorsichtig ein, obwohl die Fröhlichkeit seiner Stimme nicht zur Ernsthaftigkeit seiner Aussage passen wollte.
Auch Nimue hätte ihre Zweisamkeit gern anderweitig genutzt, brachte jedoch so viel Abstand zwischen sich und ihr Gegenüber, wie es der kleine Raum zuließ. „Auch nicht klüger, als dich bei deinem Kapitän schützend vor mich zu stellen. Ich wäre durchaus in der Lage gewesen, mich Anderson allein zu stellen. Nun haben wir seine Aufmerksamkeit erregt.“
Charles erwiderte ihren Blick mit einer eigentümlichen Intensität, die sie erst einmal verstummen ließ.
„Ich werde so lange auf dich achtgeben bis du mich wegschickst. Sofern du das nicht vorhast, wirst du dich daran gewöhnen müssen.“
Gegen ihren Willen empfand Nimue ein eigentümliches Glücksgefühl bei diesen Worten. „Dein Edelmut wird uns noch den Kopf kosten.“, versetzte sie – vorrangig um mehr zu tun als mit einem hirnlosen Grinsen in ihrer Kabine zu stehen.
„Ich bin recht optimistisch, dass es die Sache wert sein könnte.“, erwiderte Charles – nur halb im Scherz.
Während der Dauer der gesamten bisherigen Überfahrt hatte sich zwischen ihnen nichts abgespielt, das die Regeln des Anstands ernstlich verletzte. Nimue sah nichts Verwerfliches daran, einen Mann zu küssen, für den sie ehrliche Zuneigung empfand und Charles nahm geduldig das an, was sie zu geben bereit war.
Doch hatten diese Dinge zwischen ihnen in der letzten Zeit eine Veränderung erfahren, waren schnell und drängend geworden. Auch jetzt sah sie sich nach etwas, das als mehr oder minder unschuldiger Kuss begonnen hatte, eingeklemmt zwischen ihrer Kabinenwand und dem Körper des ersten Offiziers und gestand sich ein, dass ihr nichts davon so unangenehm war, wie es angebracht gewesen wäre.
Atemlos standen sie beieinander – sich der Risiken bewusst, die es mit sich brachte, diese letzte Grenze zu überschreiten und doch unfähig, sich voneinander zu lösen. Nimue rang sich selbst einen Kompromiss ab und zog in einem ersten Schritt die Hände unter Charles Uniformjacke hervor.
„Gütiger…“, murmelte der, tat einen Schritt zurück und sammelte seinen Hut vom Boden.
Auch unter großer Anstrengung gelang es Nimue nicht, sich zu erinnern, wie dieser dorthin gelangt war. Sie hatte den schnellen Herzschlag und die Schwäche in den Gliedmaßen ihrem Mangel an Erfahrung zugeschrieben. Doch Charles Gebaren wirkte auf sie nicht minder fahrig. Diese Beobachtung versetzte sie in einen Zustand überdrehter Heiterkeit.
„Ich sollte nun wirklich…“ Der erste Offizier wies zur Tür. „Gute Nacht.“
Erneut spürte Nimue, wie sich das hirnlose Grinsen auf ihre Lippen schlich. Diesmal sträubte sie sich nicht, sondern verfolgt schlicht, wie Charles hinausschlüpfte.