Si vis pacem, para bellum

von Calamtha
GeschichteAbenteuer, Romanze / P12
24.03.2019
13.09.2020
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24.03.2019 2.015
 
Ich kann mir nicht helfen – sie wirkt irgendwie behäbig.
Prüfend besah Nimue Tosny sich den dreimastigen Klotz von einem Linienschiff und kam rasch zu dem Schluss, dass dieses Gefährt wohl einer Zweckentfremdung zum Opfer gefallen war. Diese schwerfällige, schwimmende Batterie war dafür geschaffen, gegnerische Kriegsschiffe aus dem Weg zu schießen und nicht, um einige hundert Seelen tausende Seemeilen von Großbritannien nach Australien zu bringen.
Diese Feststellung gab ihrer Nervosität neue Nahrung. Im selben Augenblick verspürte sie leichte Verärgerung über die eigene Ängstlichkeit, doch Nimue blieb keine Zeit, diesen Zwiespalt weiter zu ergründen. Eine lärmende Kinderschar bahnte sich mit der ihr eigenen Unbekümmertheit den Weg durch die Masse anrückender Passagiere und schlug Nimue dabei ihre Tasche aus der Hand. Mit einigem Aufwand wuchtete sie sich das lederne Ungetüm zurück auf die bereits schmerzende Schulter.
An Deck gestattete sie sich im Schatten des Hauptmastes einen Augenblick abseits des Gewimmels, um dem Schiff nachzuspüren, dass ihr im nächsten halben Jahr Transportmittel und im Idealfall Heim zugleich sein würde. Sie sah sich in ihrem ersten Eindruck bestätigt.
Dieses Gefährt war alt, aber gleichermaßen auch altgedient und würde unter guter Führung ein verlässliches Transportmittel abgeben.
War die gesamte Familie durch Besitz einer Reederei ins Maritime involviert, wurde einem der Bezug zum Meer quasi aufgezwungen. Nimues Vater war es abgesehen davon noch zusätzlich gelungen, seinem einzigen Kind wenn schon nicht die Liebe zur Seefahrt, dann doch eine gewisse Zuneigung zu diesem Berufszweig und allem was er mit sich brachte, zu lehren.  
Man hatte sich redlich bemüht, das Schiff vor seiner großen Reise instand zu setzen. Etliche Balken und Taue wirkten frisch ersetzt, das Segeltuch noch hell als wäre es nie Wind und Wetter ausgesetzt gewesen. Unter dem Ansturm von Menschen ließ das Schiff erste Lebenszeichen erkennen. Das Material knarrte vernehmlich. Nimue meinte, eine leichte Neigung des Decks zu spüren. Zwischen den Passagieren wuselte die Mannschaft umher, während die Offiziere sich redlich bemühten, notfalls unter lautstarkem Gebrüll, Ordnung in das Durcheinander zu bringen.
Wenige Schritte von Nimue entfernt geriet der Strom der Passagiere immer wieder ins Stocken, da der ein oder andere über ein am Boden liegendes Tau stolperte. Nimue runzelte die Stirn in Anbetracht dieser auf den ersten Blick kleinen, aber nicht ungefährlichen Nachlässigkeit.
Nach einem Augenblick des Haderns stemmte sie sich gegen das Gewühl bis sie den Übeltäter an der Backbordseite erreicht hatte. Mit aller Ruhe, die ihr im gegenwärtigen Chaos möglich war, begann sie das Tau zu entwirren und anschließend möglichst nahe an der Bordwand aufzurollen. Ihre Tätigkeit brachte ihr von Verwunderung bis Abneigung eine breite Sammlung an Reaktionen der Umstehenden ein. Jemand murmelte etwas von „Geißel der Gleichberechtigung“.
Die teils recht bösartigen Worte drangen längst nicht mehr in Nimues Inneres. Mochten derartige Tätigkeiten für eine Frau in dieser Welt auch nicht vorgesehen sein so vermittelten diese Handgriffe ihr doch ein gewisses Vertrauen. Wenn es ihr gelang, diese eine Sache zu bewältigen – mochte sie auch noch so einfach sein – dann war es ihr vielleicht auch möglich Schritt für Schritt die Dinge in Angriff zu nehmen, die notwendig waren, um diese Überfahrt und ihr neues Leben in Australien erfolgreich zu gestalten.
Nach getaner Arbeit wanderte ihr Blick hinauf in die Takelage. Die Höhe der Masten verlieh selbst diesem wuchtigen Kriegsschiff eine gewisse Majestät. Am Besansegel entdeckte sie eine Silhouette, die etwas in ihr anrührte. Eine Zeit lang beobachtete Nimue die Gestalt bis sie sich endgültig sicher war, sie bei dieser Tätigkeit auch schon auf den Schiffen ihres Vaters gesehen zu haben.
Den Kopf in den Nacken gelegt holte sie tief Luft: „Jenkins? Carlisle Jenkins?“
Der Mann in der Takelage hielt inne, um herauszufinden, wer ihn da mitten in den Vorbereitungen zum Ablegen rief.
Breit lächelnd schwenkte Nimue die Arme. Zu wissen, dass ein Mensch, der ihr vertraut war, Teil dieser Fahrt sein würde, dämpfte Nimues Nervosität auf ein erträgliches Maß.
Carlisle Jenkins war bereits kein junger Mann mehr gewesen, als er die Reederei ihres Vaters vor sieben Jahren verlassen hatte. Die Arbeit als Matrose hatte ihm mit der Zeit ein ruhiges, beinahe schicksalsergebenes Auftreten beschert. Doch während Nimue ihn auf seinem Weg hinab an Deck beobachtete, erkannte sie eine neue Bedächtigkeit in seinen Bewegungen, die fast ausschließlich Menschen an den Tag legten, deren Körper mit zunehmendem Alter an Geschmeidigkeit eingebüßt hatten.
„Miss Tosny!“ Jenkins wettergegerbtes Gesicht wurde von einem ehrlichen Lächeln zerteilt. „Hätte Sie kaum erkannt nach all den Jahren…“
Nimue ließ ihm Zeit, seine Betrachtung ihrer Erscheinung abzuschließen. Als sich zwischen ihnen ein erstes leichtes Unbehagen einstellte, ergriff sie die Hand des Mannes. „Wie schön, Sie zu sehen. Es hat meinen Vater damals sehr geschmerzt, Sie zeihen zu lassen. Und mich im Übrigen nicht weniger.“
Scheu erwiderte der Mann den Händedruck. „Ich bin nicht gern gegangen, Miss. Aber meine Frau, meine Charlotte…“
Nimue erinnerte sich verschwommen an die Geschichte einer schleichenden Krankheit, die sich einfach nicht hatte bessern wollen. Man hatte damals einhellig beschlossen, dass die Lösung in einem Umzug in angenehmere klimatisch Bedingungen liegen müsse.
„Hat der Umzug ihr etwas Linderung verschafft?“
In Jenkins Miene zeigte sich eine allumfassende, tiefsitzende Trauer. Offensichtlich begleitete dieses Gefühl ihn seit langer Zeit. Exakt den gleichen Ausdruck sah Nimue regelmäßig im Gesicht ihres Vaters. Er grub Falten, wo sich vorher keine befunden hatten und verlieh dem Betroffenen eine Aura von Schwermut, die manchmal kaum zu ertragen war.
Jenkins ließ ihre Vermutung zu trauriger Gewissheit werden. „Sie hat zwei Jahre tapfer gekämpft…“
In Anbetracht dieser Ungerechtigkeit drohte Nimue zu verstummen. „Ich…es tut mir schrecklich leid. Wie haben es die Kinder verkraftet? Zwei Jungen und ein Mädchen, wenn ich mich recht erinnere…?“
Ihr Gegenüber nahm sich des Themenwechsels dankbar an. „Bei meiner Schwester in Cardiff. Sie sorgt für sie, als wären es ihre eigenen. Und ich kann meiner Arbeit nachgehen.“
„Es muss egoistisch klingen in Ihren Ohren, aber ich bin sehr froh, dass Sie das auf diesem Schiff tun.“, gestand Nimue.
„Ich werde tun, was ich kann, damit es eine sichere Überfahrt wird. Hat mich gefreut, Sie zu sehen, Miss.“ Diesmal war es Jenkins, der ihr nun weitaus weniger scheu die schwielige Hand reichte.
Nimue war fast friedlich zumute, während sie dabei zusah, wie der Matrose sich erneut in die Takelage hinaufschwang. Im Gegensatz zu vielen anderen Passagieren auf diesem Schiff zog es sie nicht in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Australien. Ihr Dasein in England war ein Erfülltes, geprägt von einem liebevollen Heim und dem großen Privileg vieler Möglichkeiten, die einer Frau eigentlich nicht offenstanden. Sie trieb die Vorstellung, dass ein Neubeginn in einem noch recht unbeschriebenen Blatt wie Australien sie von dem Korsett aus Zwängen befreien könnte, in das man sie auch noch jetzt zu stecken versuchte, obwohl sie seit Jahren einer eigenen Arbeit nachging und ihr Leben selbst bestritt. Dennoch hatte sie sich bei jedem getanen Schritt auf den Schutz ihres Vaters verlassen können. Aus diesem hatte Byron Tosny sie zwar schweren Herzens, aber anstandslos entlassen – allerdings nicht, ohne ihr die Erkenntnisse ihrer gemeinsamen Überfahrten in Erinnerung zu rufen:
„Du hast mich auf unseren Schiffen begleitet noch bevor du selbst laufen konntest. Ich habe dich ihre Funktionsweise gelehrt und welche Menschen nötig sind, um sie gut zu führen. Du weißt um die verschiedenen Gesichter, die das Meer dir zeigen kann. Vergiss das niemals. Dann wird es wenig Situationen geben, in denen du dich ausgeliefert fühlen wirst.“
Nimue schulterte ihr Gepäck. Sie besaß das notwendige Rüstzeug für diese Überfahrt. Es war an der Zeit, es anzuwenden.

*


Schon als er im Alter von 14 Jahren zum ersten Mal ein Schiff betreten hatte, hatte sich bei Charles Summers kurz vor dem Ablegen eine manchmal schwer zu verbergende Anspannung eingestellt. Da es inzwischen weder etwas zu verladen noch Passagiere auf Decks und Kabinen zu verteilen oder die Funktionstüchtigkeit des Schiffes zu überprüfen gab, lag das Ablegemanöver vorrangig in den Händen der Mannschaft – mochte er als erster Offizier auch noch so viele Befehle geben. Waren die Männer nicht fähig als Einheit ihre Arbeit zu verrichten, wurde die Passage ungleich gefährlicher.
Zu seinem Leidwesen hatte Charles sich ein bestenfalls marginales Bild der verschiedenen Charaktere machen können, zwischen denen er schlimmstenfalls als Prellbock fungieren musste. In seiner Position sah er sich als Sprachrohr in beide Richtungen, als Ausgleich zwischen den Bedürfnissen der Mannschaft und der Offiziere. Diese Aufgabe ließ sich umso leichter erfüllen, je besser er wusste, mit wem er es zu tun hatte.
Vom erhöhten Achterdeck aus besaß er einen guten Blick auf den jungen Fähnrich Willis, der sich eilfertig durch das Getümmel wand, um irgendeinen Auftrag auszuführen. An Charles rechter Seite verharrte Lieutenant Cumbersham seit Stunden in derselben Haltung, die Stirn in einem Ausdruck grimmiger Konzentration so sehr gefurcht, dass ihm der Hut vom Kopf zu rutschen drohte. Dieses übermäßig ernste Auftreten schien fest in seinem Wesen verankert. Auf ihn würde Verlass sein, wenn es denn einmal darauf ankommen sollte.
Männer wie er bildeten ein angenehmes Gegengewicht zu Menschen wie Lieutenant Devrel, die dank ihres fatalen Temperaments zwar Großes vollbringen konnten, aber auch dazu neigten, schnell zu sterben, wenn sie nicht ein wenig gelenkt wurden.
Charles befürchtete, dass diese Form der Führung von Captain Anderson kaum zu erwarten war. Was er von anderen Mitgliedern der Marine in Erfahrung gebracht hatte, ließ auf einen Träumer ohne übermäßig große Ambitionen schließen. Charles vermutete, dass äußere Umstände ihn in diesen Beruf gezwungen hatten, obwohl er lieber andere Ziele verfolgt hätte. Seine erste und bisher einzige Begegnung mit Anderson hatte ihn in dieser Vorahnung bestätigt. Der Captain wirkte stets, als befände sich ein Teil von ihm weit entfernt vom aktuellen Geschehen. Von den allernotwendigsten Befehlen einmal abgesehen schien er unfähig, auch nur ein aufmunterndes Wort an seine Offiziere oder gar die Mannschaft zu richten.
Charles war unter Cholerikern, Feiglingen und unverbesserlichen Rechthabern gesegelt. Er hatte Kapitäne kennengelernt, die sich bei der Mannschaft anbiederten in der Hoffnung auf eine harmonische Passage, andere wiederum hatten die Grenze zwischen hohem und niederem Stand gar nicht deutlich genug errichten können. Mit jedem von ihnen hatte Charles sich notwendigerweise in irgendeiner Form arrangiert. Andersons passive Weltfremdheit würde ihm allerdings nur schwerlich Ansätze liefern, um gegebenenfalls auf ihn einzuwirken.
Die Kunst der Führung lag darin, das passende Verhältnis zwischen Distanz und Zugewandtheit zu wahren. In seiner Funktion als erster Offizier war er recht sicher, sich die passende Tonalität angeeignet zu haben. Er betete, dass ihm dasselbe gelingen würde, sollte ihm eines Tages doch noch ein eigenes Kommando beschieden sein.
Bevor ihn der Gedanke daran zu sehr bedrückte, richtete Charles den Blick wieder nach vorn und stützte die Hände auf das Geländer, das das Achter- vom Hauptdeck trennte. Backbord wurde der Marsch der Passagiere in unregelmäßigen Abständen unterbrochen. Nach kurzem Suchen erkannte Charles das Problem in einem vollkommen verhedderten Tau. Beim Hinwegsteigen über dieses Hindernis gerieten immer wieder Menschen ins Stolpern.
Nach einem Moment des Ärgers sah er sich nach jemandem um, der diese Nachlässigkeit beheben würde. Bevor er jedoch zu einem Schluss gelangen konnte sah er voller Verwunderung, wie eine Passagierin kurz entschlossen die Richtung änderte, ihr Gepäck beiseite stellte und begann, das Tau zu verräumen. Interessiert stellte Charles fest, dass ihm ihre Arbeit verblüffend routiniert erschien. Dieses seltsame Bild, bei dem nichts so recht zusammenpassen wollte, entlockte ihm ein Lächeln – eine Regung, die sich ungewohnt anfühlte.
Die Erscheinung der Passagierin wirkte auf den ersten Blick schlicht, frei vom Zierrat der Oberschicht. Doch der Stoff ihre dunkelblauen Kleides schien selbst auf diese Entfernung teurer als alles, das sich jemals unter Charles Kleidungsstücken befunden hatte. Sie bewegte sich mit dem natürlichen Selbstvertrauen von jemandem, dem man in seinem Leben niemals Grenzen gesetzt hatte.
Seine Irritation wuchs, als die Frau mit einem ganz und gar nicht damenhaften Winken einen Mann in der Takelage auf sich aufmerksam machte. Nachdem der Matrose seine Arbeit unterbrochen hatte, begannen die beiden eine äußerst herzliche Unterhaltung. Offenbar waren ihr Grenzen auch bei unterschiedlicher Herkunft fremd. Der Anblick verursachte Charles eine Mischung aus Wehmut und Neugier.
Zwar kamen auf einem Schiff die unterschiedlichsten Charaktere zusammen, doch die Interaktionen zwischen den Personen blieben meist derart vorhersehbar, dass Charles sie aus dem Gedächtnis wiedergeben konnte. Nun wagte er die leise Hoffnung, dass das Muster auf dieser Überfahrt womöglich durchbrochen würde.