Du bist die Sternschnuppe, ich das Meer

GeschichteRomanze / P12
24.03.2019
09.09.2019
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Sie stand am Fenster und schaute hinaus, das Licht war ausgeschaltet.
Vorsichtig trat er zu ihr und legte einen Arm um ihre Schultern.
„Du hast lange gebraucht“, sagte sie. „Hast du dich auf dem Weg verlaufen?“
„Ich habe nur geschaut, ob ich den Herd ausgemacht habe“, log Alister. „Man kann nie vorsichtig genug sein, was das angeht.“
„Sehr umsichtig von dir.“
Noa lehnte sich an ihn, ohne, dass sie ihren Blick vom Fenster abwandte. Ihr Spiegelbild sah zurück und irgendwie wirkte es seltsam, sie und Alister so vertraut nebeneinander stehen zu sehen.
Auch Alister schaute auf ihre Reflektion in der Scheibe, er machte sich die gleichen Gedanken wie Noa. Ob er die Situation unterbrechen sollte? Es war nicht unwahrscheinlich, dass sie sonst noch ewig so stehen blieben, wenn keiner von ihnen den ersten Schritt machte.
„Warum siehst du eigentlich so unverschämt gut aus?“, fragte Noa. So viel zum ersten Schritt.
„Die Frage gebe ich gerne zurück“, erwiderte Alister und war froh, dass es nicht mehr so hell war und seine roten Wangen damit unbemerkt blieben.
Noa lächelte nur und machte dann einen Schritt zur Seite, weg von ihm und hin zu ihrem Bett.
„Wir sollten schlafen“, meinte sie. „Oder es wenigstens versuchen.“
Er nickte und folgte ihr. Es war seltsam, wie schnell man sich an einen anderen Körper gewöhnen konnte, denn seine Arme fühlten sich ohne Noa darin unfassbar leer an.
Stumm lagen sie nebeneinander, Noa wusste nicht, wie nah sie ihm kommen sollte. Als es ihr zu unbequem wurde, drehte sie sich auf die Seite und legte vorsichtig einen Arm über Alisters Bauch. Das war besser.
Erst, als sie merkte, dass er die Luft angehalten hatte, rückte sie wieder ein Stück von ihm weg.
„Alles in Ordnung?“, fragte sie, als sie sein erleichtertes Ausatmen hörte.
„Ja“, antwortete er. „Tut mir leid. Ich hatte nicht damit gerechnet.“
„Warn mich nächstes Mal, bevor du erstickst“, schmunzelte sie und drehte sich auf die andere Seite, damit er, wenn er wollte, den Arm um sie legen konnte.
Er zögerte kurz, aber dann folgte er der Aufforderung, lächelte, als Noa seinen Arm festhielt und näher zu ihm rückte – bis ihm diese Nähe nur allzu deutlich bewusst wurde.
Sollte er sie loslassen oder es einfach aussitzen? Würde Noa es bemerken? Natürlich, aber würde sie es auch erwähnen? Oder würde sie gnädig darüber hinwegsehen?
„Gute Nacht, Alister“, sagte sie da. „Danke, dass du nicht im Gästezimmer schläfst.“
„Gute Nacht“, erwiderte er und entspannte sich ein wenig. Wenn sein Körper für Noa kein Problem war, sollte er versuchen, es auch so zu sehen.
Trotzdem war Noas Körper ihm gerade mehr als bewusst. Dass er sie unglaublich attraktiv fand. Dass sie gut roch, sich an ihm gut anfühlte. Sollte er vielleicht doch ein anderes Zimmer beziehen?
Oder war es möglich, dass es Noa vielleicht genauso ging wie ihm, nur, dass sie sich besser im Griff hatte? Die Verlockung war groß, ihre bloße Schulter mit seinen Lippen zu berühren, aber konnte er das wirklich wagen?
Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, gab er der Versuchung nach.
„Warst du nicht derjenige, der eine Zeit lang etwas mehr Abstand wahren wollte?“, fragte Noa, deren Herzschlag einen Augenblick ausgesetzt hatte.
„Soll ich?“, fragte Alsiter und war von seiner Antwort ebenso überrascht wie Noa.
Kurz war sie versucht, ihren Verstand die Antwort geben zu lassen, aber dann übernahm ihr Gefühl.
„Nein“, sagte sie und Alister küsste sich langsam an der Linie ihres Halses entlang, immer darauf wartend, dass er ein Wort des Einspruchs hörte, das nie kam.
Noa genoss es, dass er so vorsichtig war, sich Zeit nahm. Sie hoffte, dass es nicht nur daran lag, dass das alles neu für ihn war.
Ob sie es riskieren sollte, sich auf den Rücken zu drehen? Alister mehr Spielraum zu geben? Oder würde ihn das eher abhalten?
Noa ließ es darauf ankommen und fand ihre Lippen nur Millimeter von seinen entfernt.
Alister wich nicht zurück, wie sie es beinahe erwartet hatte, sondern zögerte nur kurz, bevor er sie küsste.
Noa schlang die Arme um ihn und versuchte, wenigstens noch ein wenig auf die Stimme der Vernunft zu hören, damit ihnen beiden die Situation nicht entglitt.
Als sie sich kurzzeitig voneinander lösten, musste Noa die Frage stellen, weil sie nicht wusste, ob sie später noch dazu kommen würde.
„Bist du sicher, dass du das willst?“, fragte sie. „Wenn nicht ...“ Sie seufzte. „Dann sollten wir jetzt alles ein wenig abkühlen lassen, okay?“
Alister überlegte einen Augenblick, doch dann nickte er.
Noa wusste für einen Moment nicht, was genau er meinte, bis er wieder begann, ihren Hals zu küssen.
Ob sie es ansprechen sollte? Die Sterne aussperren, die Welt draußen, um sie selbst ins Licht zu rücken?
„Alister“, flüsterte sie. „Ich würde dich gerne sehen ...“
Das brachte ihm schlagartig die Ernüchterung.
Alister setzte sich auf und fuhr sich mit der Hand durch seine Haare, verwirrt, als wäre er gerade aus einem Traum erwacht.
Noa bereute ihre Wort sofort angesichts dieser Reaktion, doch sie sah es nicht ein, sich dafür zu entschuldigen.
Alister stand auf und kurz dachte sie, er würde wieder einfach so verschwinden, doch er stellte sich nur vor das Fenster und schaute hinaus.
Noa trat zu ihm und strich sacht über seinen Arm.
„Was ist los?“, fragte sie und Alister seufzte.
„Ich bin nur ein Idiot“, sagte er. „Und ein feiger noch dazu.“
„Die meisten Idioten sind ziemlich mutig“, lächelte Noa. „Weil ihr Herz am richtigen Fleck sitzt und sie ihren angeblich mangelnden Intellekt mit Mut ausgleichen. Entweder bist du ein Idiot oder du bist feige. Oder keins von beiden, wenn es nach mir geht. Also ... was findest du so schlimm daran, dass ich dich sehen möchte?“
„Du wirst mich auslachen“, murmelte er und wandte den Blick ab.
„Werde ich nicht“, versprach Noa und nahm seine Hand, bevor Alister woanders hingehen konnte.
„Ich ...“ Alister holte tief Luft, bevor er sich traute, es auszusprechen. „Ich bin hässlich.“
Noa war kurz davor, ihr Versprechen zu brechen und doch zu lachen. Stattdessen legte sie nur eine Hand an seine Wange und brachte ihn mit sanfter Gewalt dazu, sie anzusehen.
„Du bist nicht hässlich“, sagte sie. „Selbst, wenn du einen Bierbauch hättest oder Haare am ganzen Körper. Ich würde dich trotzdem noch sehen wollen und dir mit Haut und Haar verfallen.“
„Ich bin als Kind und als Erwachsener ziemlich übel gestürzt“, sagte er leise. „Nichts davon ist wirklich gut verheilt ...“
„Zeig sie mir“, verlangte Noa, doch Alister schüttelte den Kopf.
Sie wusste nicht, was sie sonst sagen könnte, um ihn davon zu überzeugen, dass er sich nicht schämen musste.
Kurz erwog sie, sich einfach selbst auszuziehen, aber das hätte Alister wohl nur noch mehr unter Druck gesetzt.
„Okay“, sagte sie resigniert. „Dann ... komm. Lass uns schlafen.“
„Du bist enttäuscht“, stellte er fest und Noa konnte das schlecht verneinen, obwohl sie wusste, wie ungerecht es war.
„Ja“, sagte sie. „Weil du glaubst, ich könnte dich wegen ein paar kleiner Unregelmäßigkeiten nicht mehr wollen.“
„Es ist mehr als das“, widersprach Alister. „Es ist ... das möchte niemand sehen.“
Noa sparte es sich, mit „Doch, ich“ zu antworten, sondern ließ seine Aussage einfach unkommentiert.
Sie zog ihn nur sanft mit sich zum Bett und kuschelte sich in seine Arme, als er neben ihr lag.
"Schlaf gut, Alister", sagte sie noch.
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