Du bist die Sternschnuppe, ich das Meer

von Eosphora
GeschichteRomanze / P12
24.03.2019
09.09.2019
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„Du wirkst nicht sonderlich überzeugt“, meinte Noa und warf ihm einen kurzen Blick zu, bevor sie wieder auf die Straße schaute.
„Bin ich auch nicht“, erwiderte Alister. „Ich habe das Gefühl, wir zwingen uns zu etwas, weil wir der Meinung sind, dass es so sein muss. Dass wir etwas sein müssen, was wir nicht sind. Aber du bist diejenige, die Erfahrung in diesen Dingen hat und ich sollte dir vertrauen. Im schlimmsten Fall ... ich weiß auch nicht. Vermutlich gibt es keinen schlimmsten Fall.“
„Im schlimmsten Fall willst du nichts mehr mit mir zu tun haben, weil ich diejenige bin, die dich bedrängt“, sagte Noa und seufzte. „Tut mir leid. Du hast Recht. Ich will so sehr, dass es funktioniert, dass ich total aus den Augen verliere, was gut für uns ist. Trotzdem ... ich bleibe dabei, dass ich Sean da nicht mit reinziehen will ... Stalker können irre gefährlich werden, es reicht, wenn du betroffen bist ...“
Alister sagte nichts mehr dazu. Es war, wie Noa gesagt hatte, aber immerhin befanden sie sich jetzt auf einer Wellenlänge.
„Ich schlafe wieder im Gästezimmer“, sagte er. „Wir halten es einfach wie in der Woche, als ich dir wegen deiner Verletzung unter die Arme gegriffen habe, einverstanden? Und schauen, was sich entwickelt.“
„Einverstanden“, sagte Noa und versuchte, sich ihre Frustration nicht anmerken zu lassen. Es war einfach eine Katastrophe mit ihnen und jetzt konnte sie Alister nicht mal Vorwürfe machen, weil es völlig vernünftig war, was er sagte.
Alister tat, als bemerke er Noas Stimmung nicht und sah aus dem Fenster. Für den Moment war es besser, sie kamen mit der Situation allein zurecht als sich dem anderen aufzudrängen.
Als sie ankamen, wartete er darauf, dass Noa die Tür aufschloss, betrat jedoch als erster das Haus. Beren und Luthien freuten sich, dass die beiden wieder da waren, schienen ansonsten aber ruhig. Es hatte also keine Zwischenfälle gegeben, wofür Alister sehr dankbar war.
„Ich mache dann mal Essen“, sagte er. „Kümmerst du dich um den Kühlschrank oder soll ich dir erst helfen?“
„Das geht schon“, sagte Noa und ging an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen. Er konnte es ihr nicht verdenken.
Wortlos machte er sich daran, das Essen vorzubereiten, in der Hoffnung, dass es ihm dieses Mal besser gelang als neulich. Das war zwar nicht schwer, aber er wollte trotz allem einen schönen Abend mit Noa verbringen.
Alister hatte an alles gedacht, eine kleine Vorspeise, den Hauptgang und sogar einen Nachtisch – alles möglichst einfach, er war kein Freund unnötigen Risikos.
Nachdem Noa alles entsorgt hatte, was sie entsorgen musste, setzte sie sich auf ihre Couch und schaltete den Fernseher ein. Alister schien noch beschäftigt und den Tisch konnte sie auch später noch decken. Es bestand kein Grund zur Eile.
In den Nachrichten gab es keine Berichte über irgendwelche Vorfälle in ihrer Gegend, was sie einerseits beunruhigte, aber andererseits bedeutete es natürlich, dass dieser Jemand immer noch in der Nähe sein und es auf sie abgesehen haben konnte. Dass sie kein zufälliges Opfer gewesen war.
Um sich abzulenken, begann Noa nun doch, den Tisch zu decken.
Kurz hatte sie überlegt, ob sie nicht wenigstens eine Kerze aufstellen sollte, aber Romantik wäre wohl fehl am Platz gewesen.
Kurz darauf kam Alister mit einem kleinen Topf ins Wohnzimmer.
„Kräutercremesuppe“, sagte er und stellte ihn auf den Tisch. „Ich hoffe, du magst es.“
„Bestimmt“, antwortete Noa und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie unwohl sie sich fühlte.
Es war kaum zu glauben, wie sehr sich die Rollen vertauscht hatten, dass sie auf einmal diejenige war, die tiefere Gefühle hegte und Alister sie auf Abstand hielt.
„Sollen wir uns lieber eine Pizza bestellen?“, fragte Alister, der Noa beobachtet hatte und merkte, dass sie beide gerade wieder in altbekannte Muster verfielen.
Doch der Versuch, die Stimmung ein wenig aufzulockern, schlug fehl.
Noa hielt es nicht länger aus und schlug mit der Faust auf den Tisch.
Beren und Luthien hoben erschrocken die Köpfe, doch Alister zuckte nicht einmal zusammen, sondern legte nur seinen Löffel beiseite und sah Noa abwartend an.
„Tut mir leid“, murmelte sie. „Ich sollte nicht so die Beherrschung verlieren. Das bringt uns – oder mich – keinen Schritt weiter.“
Alister seufzte und griff nach ihren Händen, was Noa dazu brachte, ihn anzusehen.
„Du hast jedes Recht, frustriert zu sein“, sagte er sanft. „Ich bin es auch. Aber ich möchte nicht, dass wir uns aufs Spiel setzen und etwas tun, nur, weil wir glauben, dass wir es müssen. Das kann nicht der Sinn von Liebe sein.“
„Ist es auch nicht“, sagte Noa und sah auf ihre verschränkten Hände. „Trotzdem ...“ Sie mied seinen Blick. „Ich habe Angst, dass du mir entgleitest. Ich weiß, dass das nicht passieren wird, aber so funktionieren Ängste nicht.“
Alister spürte, wie eine Welle von Zuneigung ihn erfasste. Da saß ihm diese wundervolle Frau gegenüber und hatte Angst, dass er sie verlassen könnte, weil alles so kompliziert geworden war und er sich auf die Situation einstellen musste.
„Komm her“, sagte er leise, stand auf und zog Noa zu sich.
Sie folgte seinem Impuls widerstandslos, ließ sich in die Arme nehmen und auf seinen Schoß ziehen.
„Ich weiß, wie furchtbar Ängste sind“, flüsterte er. „Jedes Mal, wenn du fürchtest, dass ich von dir fortgehen könnte ... halt mich einfach fest, okay? Dann weiß ich, was los ist und du kannst dich versichern, dass ich bleibe.“
Sie nickte.
„Das klingt nach einer guten Idee“, sagte sie und lehnte sich müde an ihn. „Ich wollte eigentlich nicht so sein“, murmelte sie. „Dir so auf die Pelle rücken ... weil du schon Recht hattest mit dem, was du im Auto gesagt hast. Aber irgendwie ...“
„Ist schon gut“, erwiderte Alister leise. „Hey ... du rückst mir nicht auf die Pelle. An meinen Gefühlen hat sich nichts geändert, Noa, das weißt du.“ Er küsste sie auf die Wange und lehnte sacht seinen Kopf an ihren.
Sie unterdrückte das Bedürfnis, ihn zu küssen, aus Angst, was darauf folgen könnte. Noa wollte ihn nicht in die Situation drängen, mit ihr zu schlafen, obwohl sie spürte, dass sie genau das jetzt brauchte. Die Nähe zu ihm, die Sicherheit, das Gefühl, sich ganz und gar fallen lassen zu können, die Verbundenheit. Wäre Alister jemand anderes gewesen, hätte sie anders darüber gedacht, das wusste sie. Aber Noa war bewusst, was für einen großen Schritt es für ihn bedeuten musste, und sie wollte ihn keineswegs ausnutzen. Dafür hatte sie zu großen Respekt vor ihm.
„Lass uns essen“, sagte sie darum. „Bevor du dir die ganze Mühe umsonst gemacht hast.“
Noa setzte sich wieder auf ihren Stuhl und hoffte, dass die Suppe wenigstens noch halbwegs warm war.
Alister widersprach nicht, fragte sich allerdings, was in Noas Kopf vor sich ging, dass sie die Situation so plötzlich unterbrochen hatte.
Als ihre Teller leer waren, ging Alister in die Küche, um die Nudeln zu holen, für die er eine Pilzsoße gekocht hatte. Den Nachtisch hatte er in den Kühlschrank verfrachtet, denn er hatte das Gefühl, dass Noa recht schnell schlafen und möglicherweise auch seiner Gesellschaft entfliehen wollte.
„Danke“, sagte Noa, als Alister ihr ihren Teller hinstellte, und riskierte einen Blick zu ihm. Er schien nicht verstimmt zu sein, sondern wirkte sehr entspannt, als ob ihm die Situation nichts ausmachte. Oder als würde er sich für Noa zusammenreißen, damit er ihr Halt sein konnte.
Während sie aßen, überlegte Noa, wie sie sich bei Alister bedanken konnte. Verbal wäre vermutlich ausreichend, aber irgendwie widerstrebte ihr das. Es erschien ihr so wenig für das, was er für sie tat.
Als sie fertig waren, räumte Alister den Tisch ab und überprüfte noch mal, ob die Tür abgeschlossen war.
„Ich gehe ins Bett“, sagte er. „Der Tag war anstrengender als mir lieb war.“
„Gute Idee“, meinte Noa und zögerte. „Bleibt es dabei, dass du das Gästezimmer nimmst? Oder ... leistest du mir Gesellschaft?“
Es war keine gute Idee, das wusste er. Aber konnte er Noa wirklich allein lassen? Wollte er sie allein lassen? Nein. Eigentlich wollte er das nicht.
„Wenn du meine Gesellschaft möchtest ... dann ... gerne“, antwortete er und freute sich, als er sie kurz lächeln sah.
„Bis gleich“, sagte sie und verschwand im Obergeschoss, während Alister sich im Erdgeschoss bettfertig machte.
Als er sich umzog, fiel sein Blick auf sein Spiegelbild, das er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder bewusst wahrnahm. Die feinen und nicht so feinen Narben auf seinem Oberkörper, manche älter als andere, aber alle Erinnerungen an Momente voller Verzweiflung. Ob Noa sie abstoßend finden würde? Attraktiv? Ob sie fragen würde, was geschehen war? Oder würde sie mitleidig sein?
Ob er es wagen sollte, sein Schlafshirt auszulassen? Oder würde das falsche Signale senden und Noa in Verlegenheit bringen? Andererseits wäre es bestimmt schön, ihren Atem auf seiner Haut zu spüren, ihre Hände ...
Schnell zog er sein Shirt über, er wollte gar nicht daran denken, nicht bei ihrer Ausgangssituation. Sie hatten alle Zeit der Welt, sie mussten nichts überstürzen.
Mehrfach wusch er sich das Gesicht mit kaltem Wasser, bis auch der letzte Rest Röte daraus verschwunden war und ging hinauf in Noas Schlafzimmer.
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