Du bist die Sternschnuppe, ich das Meer

GeschichteDrama, Romanze / P12
24.03.2019
09.09.2019
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Was konnte sie anderes tun als zuzustimmen? Das waren immerhin vernünftige Vorschläge und sie hätte nicht gewusst, was sie sonst hätten tun sollen. So würde die Zeit wenigstens schneller vergehen.
„Soll ich heute Abend kochen?“, bot sie an. „Ich bin dir noch ein paar Mal von meinem Unfall schuldig.“
„Nur, wenn du möchtest“, antwortete Alister. „Ich habe auch kein Problem damit, mich an den Herd zu stellen oder dich zum Essen einzuladen. Zwar nicht im Pub, wer weiß, wie Seans Lebensmittel den Stromausfall überstanden haben, aber irgendwas Nettes wird sich hier in der Nähe schon finden.“
Doch Noa schüttelte den Kopf.
„Ich würde lieber hier essen“, sagte sie. „Tut mir leid. Ein anderes Mal, ja?“
Alister hätte sie am liebsten wieder in den Arm genommen, aber er hatte das Gefühl, dass diese Geste sich langsam abnutzte. Also nickte er nur.
„Aber dann koche ich“, sagte er. „Und du sitzt bei mir in der Küche, siehst wunderschön aus und lenkst mich so ab, dass ich das Essen anbrennen lasse. Einverstanden?“
Ein schwaches Lächeln stahl sich auf Noas Lippen.
„Einverstanden“, antwortete sie und ließ sich von Alister auf die Füße helfen. „Aber dafür überraschst du mich mit dem Essen. Ich mag schöne Überraschungen.“
„Klingt fair“, erwiderte er. „Also dann ... Beren und Luthien bleiben hier, den beiden würde es im Auto nur zu warm werden.“
Noa war ihm dankbar für diese Ausrede, warum die Hunde besser bei ihr im Haus blieben.
Der Kühlschrank und das Gefrierfach waren schnell ausgeräumt, Noa hatte kaum noch Lebensmittel gehabt, wofür sie gerade ziemlich dankbar war.
„Wollen wir dann?“, fragte sie, als sie fertig waren, und Alister nickte.
Noa holte ihre Einkaufstaschen und achtete dieses Mal darauf, die Tür hinter sich abzuschließen, auch, wenn es sich seltsam anfühlte.
„Nehmen wir dein Auto?“, fragte Alister.
„Ja ... wir sind mit deinem heute schon genug gefahren, meins wird sonst eifersüchtig“, meinte Noa und schloss auf.
„Spezielle Wünsche, wo du hinmöchtest? Oder reicht irgendein Supermarkt?“, fragte sie, als sie losfuhr.
„Irgendeiner reicht“, sagte er, warf ihr einen kurzen Blick zu und legte dann vorsichtig eine Hand auf ihr Bein, so, wie sie es immer bei ihm getan hatte.
Sie warf ihm ein dankbares Lächeln zu, achtete jedoch nicht weiter auf ihn, sondern konzentrierte sich lieber auf die Straße. Zwar war sie den Weg schon oft gefahren, aber in Fleisch und Blut war er ihr noch nicht übergegangen. Ablenkung jeglicher Art konnte hier potenziell tödlich sein.
Als sie am Supermarkt ankamen, trennten die beiden sich, denn Noa wollte schließlich mit dem Abendessen überrascht werden. Außerdem wollte sie noch etwas besorgen, von dem Alister nicht unbedingt etwas wissen musste. Noa hatte keine Ahnung, wie er auf eine Packung Kondome reagieren würde, aber sie wollte auf Nummer sicher gehen, nur für den Fall der Fälle. Außerdem hielten die Dinger sich ja.
Eine halbe Stunde später trafen sie sich wieder draußen an Noas Auto.
Rasch verstauten sie alles und machten sich auf den Rückweg.
Dieser kleine Ausflug in die Normalität hatte Noa sichtlich gut getan, sie fuhr jetzt sichtlich entspannter und schaltete sogar Musik an.
„Hast du eigentlich schon Pläne für deine Freizeit auf dieser Lesereise?“, fragte Alister. „Etwas, das du gerne unternehmen möchtest?“
„Wir werden die meiste Zeit unterwegs sein, fürchte ich“, antwortete Noa. „Viel Freizeit bleibt da nicht ... vor allem, weil ich gerne mit dem Zug reisen würde. Deutschland ist eine einzige Dauerbaustelle, da muss ich nicht unbedingt mit dem Auto unterwegs sein. Hast du dir schon überlegt, ob und wie du Anette aus dem Weg gehen willst?“
Alister verkrampfte sich.
„Nein“, sagte er. „Ich hoffe einfach, dass sie mich in Ruhe lässt, wenn sie sieht, dass ich mit dir zusammen bin.“
Es fühlte sich merkwürdig an, diese Worte zu sagen, so unecht – und es lag nicht daran, dass er sie vorher nicht benutzt hatte. Etwas daran war falsch. Es fühlte sich nicht so an, als ob er mit Noa zusammen wäre. Eher, als wären sie einfach so irgendwie in diese ... selbst das Wort Beziehung fühlte sich nicht richtig an. Als wären sie einfach so in dieses Verhältnis gerutscht, obwohl er nicht abstritt, Noa von ganzem Herzen zu lieben. Aber all diese Ereignisse hatten diese aufkeimende Romanze überschattet und ihre Gefühle verdrängt.
Und er hatte das Bedürfnis, mit Noa darüber zu sprechen. Zu erfahren, ob es ihr genauso ging. Ob sie vielleicht warten sollten, bis sich alles beruhigt hatte oder ob ihnen dieses ... Etwas, was sie hatten, ausreichte. Alister wusste, dass es bei ihm nicht so war, er wünschte sich die Verbundenheit von ihrer Nacht am Meer zurück. Der Nacht, die er bei Noa geschlafen hatte. Selbst, als sie in das Kaninchenloch getreten und sich den Fuß verstaucht hatte, hatte es mehr Anziehung zwischen ihnen gegeben als jetzt. Allerdings ... wenn es Noa nicht so ging wie ihm ... dann musste er mit dieser Beziehung leben. Er wollte sie nicht enttäuschen oder vor den Kopf stoßen. Und es blieb ihm immer die Hoffnung, dass es besser würde.
„Alister?“, fragte Noa. „Woran denkst du? Du bist so still.“
Sollte er sie anlügen? Nein, das brachte er nicht übers Herz.
„An uns“, sagte er deswegen und hoffte, dass sein Lächeln ehrlich genug war, damit sie keinen Verdacht schöpfte. Es war die beste Antwort, die er ihr geben konnte.
„So?“, fragte sie weiter. „Und was denkst du so darüber?“
War da ein lauernder Unterton in ihrer Stimme? Klang sie plötzlich, als ob sie das nichts anginge?
Er schaute aus dem Fenster, brachte es nicht fertig, sie länger anzusehen.
„Du denkst, es ist ein Fehler?“, interpretierte Noa sein Schweigen.
„Nein“, antwortete er. „Das bestimmt nicht. Und ich zweifle auch nicht an unseren Gefühlen, Noa. Aber ... das alles. Ich weiß nicht. Es ist giftig. Es vergiftet das, was wir haben könnten und macht es zu dem, was wir haben. Wir haben kein Haus gebaut, verstehst du? Von heute auf morgen stand ein riesiger Wolkenkratzer da und alles, was wir getan haben, war festzulegen, welche Fläche das Grundstück haben sollte, auf dem wir bauen. Und jetzt haben wir das und ... ich weiß nicht, was wir damit anfangen sollen.“
Noa seufzte.
„Ich auch nicht“, gab sie zu. „Wir haben so viele Schritte übersprungen ... ich weiß nicht mal, bei welchem wir gerade sind. Langsam verstehe ich, wieso diese ganzen Beziehungen von Promis immer so schnell in die Brüche gehen, glaube ich. Es ist zu viel Input um einen herum, als dass man sich wirklich auf sich selbst konzentrieren könnte ... wahrscheinlich haben wir das gleiche Problem.“
Alister wagte es jetzt doch wieder, in Noas Richtung zu sehen. Ihr ging es genauso wie ihm, das war schon mal eine große Erleichtung. Sie konnten es wieder hinkriegen, irgendwann.
„Fahren wir erst mal nach Hause“, sagte sie. „Wenn du möchtest ... also, ich würde es immer noch schön finden, wenn du wenigstens die Woche über bei mir bleiben würdest, aber wenn es dir lieber ist, dann gehe ich zu Sean. Oder lasse ihn zu mir kommen. Ich will auch nicht, dass du dich in meiner Gegenwart unwohl fühlst.“
Aber Alister schüttelte den Kopf.
„Ich habe gesagt, dass ich in deiner Nähe bleibe. Daran ändert auch dieses Gespräch nichts. Außer, du fühlst dich mit mir nicht wohl, aber ich denke, das hättest du mir schon gesagt. Allerdings ...“ Er zögerte. „Ich habe keine Probleme damit, wenn du Sean fragst, ob er uns Gesellschaft leisten möchte. Vielleicht würde das die Anspannung aus der ganzen Situation nehmen. Und“, er grinste schief, „wenn ich will, kann ich mich sogar benehmen.“
Noa dachte nach. Vielleicht war das keine so schlechte Idee. Andererseits, in ein paar Stunden konnte die Welt schon wieder ganz anders aussehen – und sie merkte, wie sie darauf hoffte, obwohl sie ganz genau wusste, welche Probleme Alister in ihrem Verhältnis sah. Wäre es nicht so deprimierend gewesen, sie hätte über so viel Pech nur den Kopf geschüttelt. Es war überhaupt nicht möglich, dass eine Beziehung so kompliziert war! Das widersprach einfach jeder Wahrscheinlichkeit!
„Wenn es dir nichts ausmacht“, sagte sie dann und fasste sich ein Herz, „würde ich gerne mit dir alleine bleiben. Sollte es Probleme geben, welcher Art auch immer, würde ich Sean ungerne mit hineinziehen. Für dich würde das gleiche gelten, aber leider steckst du schon mittendrin.“
Diese Aussage überraschte Alister. Hoffte Noa doch, dass der Funke wieder aufglomm, noch dazu möglichst bald? Oder war sie einfach zu stur, zuzugeben, dass sie das alles nach den ganzen Schwierigkeiten, die gemeistert zu haben glaubten, doch vor die Wand gefahren hatten?
Er könnte widersprechen. Sagen, dass es ihm lieber wäre, wenn noch jemand im Haus war, einfach, damit es sicherer war, falls der Eindringling wiederkam, aber er wusste, dass Noa das nicht gelten lassen und ihn durchschauen würde.
„Okay“, sagte er. Wer war er, zu widersprechen? Sie hatte ihre Entscheidung gefällt und vielleicht entwickelte sich ja alles ganz anders, als er es sich ausmalte. Wenn er dem Ganzen eine Chance gab.
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