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OneshotRomanze, Sci-Fi / P16
24.03.2019
24.03.2019
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„Komm schon, A.V.A….“
Geschwind rauschten seine Finger über die Tasten. A.V.A. hatte sich zwar problemlos an das USB-Laufwerk des Raumschiffs anbinden lassen, doch die Sicherheitseinstellungen der Tür waren knackiger als er erwartet hatte.
Das Rauschen in seinen Ohren wurde immer schlimmer und er japste unkontrolliert nach der Luft, die ihm aus dem großen Schnitt in seinem Helm immer weiter entwich.
„Ostschleuse geöffnet“, piepste A.V.A. und heftete sich mit ihrem metallenen Exoskelett wieder wie eine Uhr um sein Handgelenk. Eine Karte erschien auf ihrem Bildschirm, doch Packer hörte gar nicht weiter auf ihre Analysen, sondern stürzte durch die sich quälend langsam öffnende Tür und schloss sie, kaum dass er auf der anderen Seite angekommen war.
Schnaufend presste er sich von der anderen Seite mit dem Rücken gegen das Metall und riss sich den kaputten Helm vom Kopf, um tief durchatmen zu können.
„Packer“, fiepte A.V.A., doch er ignorierte sie, nur noch ein paar Minuten, um zur Ruhe zu kommen und Luft zu holen.
Die Scavenger, die ihn und sein Schiff attackiert hatten, hatten ihn übel erwischt. Sein halber Anzug war mit Löchern übersäht und es grenzte an ein Wunder, dass er es durch die Rettungskapsel bis hierher geschafft hatte. Er musste nur hoffen, dass die Crew dieses Schiffes einen streunenden Mechanauten bei sich aufnahm und ihn nicht wie Abfall zurück ins Weltall schmiss.

„Ich habe Lebenszeichen an Bord gesichtet“, teilte A.V.A. ihm mit. „Die Daten sind gemischt. Es besteht eine 65%ige Wahrscheinlichkeit, dass Menschen unter ihnen sind.“
„Gut…“ Packer stieß sich müde von der Wand ab und brauchte noch einen Moment, um sich an die plötzlich eingetretene Schwerkraft zu gewöhnen. Er wankte leicht und hielt sich desorientiert den pochenden Kopf. „Wo finde ich sie?“
A.V.A. verarbeitete seine Anfrage mit einem kurzen Surren.
Packer nutzte die Zeit, um sich in dem neuen Schiff umzusehen. Altmodisch. Dichte Rohre, die sich an den Wänden entlangzogen und ölige Treibgasöffner, die den Sauerstoffzugang leiteten. Definitiv menschliches Handwerk, aber der Besitzer des Schiffes legte entweder viel Wert auf Ästhetik oder hatte sich kein moderneres Schiff leisten können.
„Warnung.“ Er hob verwirrt eine Augenbraue, als sich A.V.A.s Sichtbildschirm rot färbte. „Scavenger geortet. Es besteht eine Wahrscheinlichkeit von 90%, dass gerade ein Kampf sta-“
Der Aufprall von einem Schiff auf ein anderes ließ den Boden unter seinen Füßen zittern.
„Korrigiere. Die Wahrscheinlichkeit eines Kampfes beträgt 95…96…9…9…9“
„Was zum?!“ Packer stieß A.V.A. unsanft an, doch die schlangenhafte Maschine präsentierte ihm nur einen rot leuchtenden Bildschirm, der sich stetig immer weiter mit Neunern füllte.
Er fuhr sich durch die Haare. Kayari-Dung…

Ein weiteres Mal wurde er durchgeschüttelt.
„Wird man diese Scheißteile denn nie los?“
Eilig setzte er sich in Bewegung und hielt mit stockendem Atem nach einem neuen Raumanzug Ausschau. Irgendwo an Bord mussten sie hier doch auch einen Ersatzanzug haben!
Doch je weiter er kam, desto lauter wurden die Geräusche des Kampfes.
Schüsse und Kanonfeuer knallten aufeinander – dazwischen das Knurren einiger außerirdischer Tiere, die er nicht zuordnen konnte.
Er wollte gerade in einen Seitengang einbiegen, als die Decke über seinem Kopf hinab stürzte. Keuchend rollte er sich zur Seite, presste sich eng an die Wand und spürte dennoch den Aufschlag des Metalls und der Rohre auf seinem Fuß und stöhnte vor Schmerz.
Das Brüllen eines Löwen ließ ihn jedoch nicht weiter darüber nachdenken und so fuhr er herum und entdeckte das violette Raubtier, dessen drei Köpfe mit gebleckten Zähnen zum Loch in der Decke starrten und fauchten.
„Kilala!“ ertönte es schockiert von oben und mit einem Satz war eine schmale Gestalt durch das Loch zu ihnen nach unten gesprungen.
Packer drückte sich noch weiter gegen die Wand, doch der Neuankömmlinge stellte sich als menschlich heraus. Es war eine junge Frau mit rostrotem, hochgestecktem Haar. Zahlreiche Schrammen zogen sich über ihre nackten Oberarme, doch der Rest ihres Körpers war von einer braunen Händleruniform verdeckt. Fürsorglich legte sie die Arme um einen der Köpfe der Löwin und versicherte sich, dass es ihr gut ging, ehe sie den Blick mit einem Feuer in den Augen zur Decke wandte.

„Daz wirdst euch eine Lehre zein“, zischte es von oben und noch ehe Packer irgendwie auf seine Anwesenheit aufmerksam machen konnte, waren zwei Scavenger zu ihnen nach unten gekommen und richteten ihre Waffen auf das Mädchen.
„Tch.“ Entgegen ihres starken Auftritts war ihre Stimme hell und mädchenhaft. „Sag nur, wir kennen uns, mein Hübscher?“
Hinter den blau blinkenden Helmen war die Reaktion des Scavengers nicht auszumachen, doch er richtete demonstrativ den Laser gegen ihren Kopf.
„Keine falsche Unschuld“, sagte er, so gute es ihm mit seinen vier Zungen möglich war. „Wir rächens uns für Rasheek.“
„Aber, aber.“ Lieblich legte sie eine Hand ans Kinn und schmuste mit dem dritten der Löwenköpfe. „Die Zufriedenheit unserer Kunden liegt uns am Herzen, aber Vorsicht: Am Ende gibt es noch einen Rabatt auf eure Lebenserwartung~“
Mit einer simplen Handbewegung ihrerseits schoss die getigerte Bestie nach vorne und stürzte sich auf den ersten Scavenger, der seinen Schuss zu spät in ihre Richtung und damit lediglich gegen ein altes Wasserrohr abfeuerte, das sich wie ein Sprenkler über ihren Köpfen entleerte.
„Tötest den Raiju!“, schrie der Anführer aufgebracht. „Das Mädchen lasstst mir!“
„Tut mir leid, mein Freund.“ Nun hatte auch die Händlerin einen Revolver gezückt – ein altmodisches Modell, wie Packer von seiner Position aus erkennen konnte. Keine Laserimplementation und damit vor feindlicher Übernahme geschützt. Sie war klug – in einer Welt, in der alles von Maschinen abhing immer noch autonom handeln zu können war eines der größten Güter, die er sich vorstellen konnte. Ein liebliches Lächeln umspielte ihre schmalen Lippen.
„Unser Personal ist nicht Teil der Warenliste.“

Mit zwei tänzelnden Schritten war sie dem Schuss des Scavengers ausgewichen und feuerte nun selbst zwei Kugeln ab. Laut hallten sie in Packers Ohren wieder und rissen ihn somit in die Gegenwart zurück.
Hastig bearbeitete er A.V.A.s Quelltext, um sie aus ihrer Starre zu lösen, während er sich hinter dem herabgestürzten Metallteil zusammenkauerte und hoffte, die Scavenger würden ihn nicht entdecken. Er hatte weder einen funktionierenden Raumanzug noch eine Waffe bei sich und die Jäger der ersten Flotille suchten schon auf allen sieben Planeten nach ihm – dabei war er fast am Ziel angelangt. Er konnte nicht riskieren, jetzt von den verdammten Müllsammlern gefasst zu werden.

Sein Microcomputer hatte sich mittlerweile wieder gefangen, hatte jedoch noch Probleme damit, hochzufahren und sich zu orientieren.
„Ton aus“, flüsterte er leise in das Mikrofon. „A.V.A., ich brauche den schnellsten Weg hier raus. Sofort.“
Eine kurze Bewegung ihres Sichtfensters, das einem Nicken glich, bestätigte ihm, dass sie die Suche einleitete und so blieb ihm nichts anderes übrig als die Luft anzuhalten und vorsichtig auf das Kampffeld zu linsen.
Nun in beiden Händen mit einem Revolver bewaffnet verteidigte sich die Händlerin scheinbar mühelos gegen die Eindringlinge, während ihr Löwe damit beschäftigt war, diejenigen, die gerade nicht auf sie schossen, davon abzuhalten ihren Kameraden zu helfen. Der erste wurde bereits mit einem lauten Schrei im Maul des Löwen gefangen und durch die Schleuse in die kalten Tiefen des Weltalls befördert. Der andere kämpfte gerade verzweifelt mit einem Stromisierer gegen die scharfen Zähne der Bestie an, doch es kamen bereits weitere Truppen nach.
Aus den Augenwinkeln bemerkte Packer, wie eine Splitterbombe durch das schmale Fenster zu ihnen hinunter geworfen wurde.

Bevor er länger darüber nachdenken konnte, stürzte er hinter dem Wandstück hervor, schnappte sich das Mädchen und warf sich mit ihr zusammen hinter der nächsten Säule in Deckung. Sein Fuß sandte einen stechenden Schmerz durch seinen Körper als er auftrat und so stöhnte er bereits noch ehe die violetten Splitterscherben sich rasiermesserscharf bei der Explosion im Rumpf des Schiffes verteilten. Schläuche platzten auf und der Gestank von Schwefel erfüllte die Luft.
Packer hustete, stieß sich dann aber von der Händlerin weg und reichte ihr die Hand, während er den Fuß leicht anlehnte, um ihn nicht unnötig zu belasten.
Sie starrte ihn überrascht an, registrierte dann aber die Geste und ließ sich auf die Füße ziehen.
„Frag nicht“, sagte er rau, als sie den Mund öffnete und linste zu den Scanvengern die mit ihren Infrarotlichtern die vom Nebel verhüllte Fläche nach ihnen absuchten. „Der Name is Packer.“
„Vanguard?“ fragte sie dann kurz angebunden und reichte ihm eine ihrer Pistolen.
Er schüttelte den Kopf. „Sowas ähnliches.“
„Gut, Packer von sowas ähnlichem wie den Vanguard.“ Sie schmunzelte und das Geräusch ließ seinen Brustkorb flattern. „Schon mal auf einem jupitanischen Raiju geritten?“
„Nein.“ Er sah zu dem violetten Löwen, der sich brüllend gegen die Schüsse wehrte und drei Soldaten mit einem einzigen Schwanzhieb niederfegte. „Hatt‘ ich auch nich‘ vor, ehrlich gesagt.“ Doch sie legte bereits zwei Finger an den Mund und pfiff das Ungetüm lautstark zu sich.
„Entweder das oder wir gehen zusammen mit meiner geliebten Artemis in Flammen auf.“ Die Händlerin seufzte, dann feuerte sie einen gezielten Schuss ab, der einen der Scavenger direkt in den Kopf traf.
„Fuck…“ Packer konnte seinen Augen kaum trauen. „Das is‘ echt gruselig, Lady.“
„Minnow“, stellte sie sich mit einem Zwinkern vor und griff nach seiner Hand. „Wollen wir?“

Packer schob es darauf, dass er zu viel Rauch eingeatmet hatte und der Schmerz in seinem Bein seine Gedanken vernebelte, aber er glaubte, seinen eigenen Herzschlag hören zu können, als sie ihn mit diesem feinen Lächeln musterte.
Er hasste Teamwork.
Und trotzdem ließ er sich von ihr auf den Rücken des riesigen Löwens ziehen, der sich gegen die Schüsse aufbäumte und dann in Richtung Freiheit stürmte.
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