Geschichte: Fanfiction / TV-Serien / Castle / Van Belt

Van Belt

von AngiAngus
GeschichteDrama, Familie / P16
Kate Beckett OC (Own Character) Richard Castle
22.03.2019
25.06.2019
13
51563
 
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Anmerkung: Ich habe diese Geschichte als finale Fortsetzung zu meiner Knockout-Trilogie, die eigentlich nie eine Trilogie werden sollte, geschrieben. Grund dafür sind einige zeitliche Eckdaten, die mit dem Original nicht so wirklich funktioniert hätten, z.B. haben die Hauptprotagonisten 2-3 Jahre früher geheiratet und dementsprechend früher waren auch die Kinder unterwegs.
Wenn man nicht nachrechnet und eventuelle kleine Ungereimtheiten in Bezug zum Original ausblendet (z.B. gibt es kein LokSat), dann kann man diese FF auch gut als Fortsetzung zum Original lesen.

Vielen Dank an melles, die mich bis zum Schluss betatechnisch begleitet hat, obwohl sie, zu meinem Bedauern, mit Castle nichts mehr am Hut haben möchte und zu einem anderen Fandom weiter gezogen ist.


Kapitel 1 - Schrecksekunde

Kate Beckett, Captain des 12. Reviers, kam total geschafft von der Arbeit nach Hause. Da sie die letzten Tage selten vor 20 Uhr das Büro verlassen hatte, wollte sie heute endlich mal wieder zeitig zu Hause sein und in den Genuss kommen, ihre Kinder zu sehen bevor sie schlafend in ihren Betten lagen. Vielleicht konnten sie am heutigen Nachmittag alle gemeinsam noch im Park die ersten Mai- Sonnenstrahlen genießen.  
Es war mucksmäuschenstill in der Wohnung, was eigentlich sehr ungewöhnlich war. So ruhig ging es sonst nur zu, wenn wirklich niemand zu Hause war. Ihr kam die Stille jedoch sehr entgegen. So konnte sie sich die Zeit nehmen, um sich auf der Couch auszustrecken und einige Augenblicke zu verschnaufen.

Die letzten Wochen waren sehr anspruchsvoll und nervenaufreibend gewesen. Ihre Familie war es zwar gewohnt, dass sie oft lange arbeiten musste, dafür gab es dann aber auch zum Ausgleich Zeiten, in denen sie mehrere Tage am Stück zu Hause war oder nur bis mittags arbeiten musste.
Dennoch hatte sie ihrem Mann Rick und ihren Kindern gegenüber in solchen Zeiten wie jetzt ein schlechtes Gewissen und immer wieder waren ihr dann Zweifel gekommen, ob sich Job und Familie auf Dauer vereinbaren lassen würden.
In diesen Momenten hatte sich Rick mehr als nur einmal als ihr Fels in der Brandung erwiesen. Er hatte sie immer wieder überzeugen können, dass ihre Arbeit wichtig war und ein fester Bestandteil in ihrem Leben darstellte.

Kate hatte bereits ein Jahr nach der Geburt von Lily ihren Job wieder aufgenommen. Sie wollte ursprünglich zwar länger zu Hause bleiben, aber ihr war entgegengekommen, dass Captain Victoria Gates zurück zur Abteilung für Innere Angelegenheiten abkommandiert wurde und sich für sie als Nachfolgerin stark gemacht hatte.
Diese einmalige Gelegenheit, die sich ihr damit geboten hatte, wollte und konnte sie nicht ungenutzt an sich vorbeiziehen lassen, also hatte sie die Beförderung angenommen und war somit zum jüngsten Polizeicaptain aller Zeiten geworden.

Sie hatte anfangs zwar Bedenken gehabt, ob es nicht zu früh wäre und ob sie ihre Tochter nicht vernachlässigen würde, aber nicht zuletzt das Zureden von Rick hatte sie in ihrem Entschluss bestärkt.

Als Captain hatte es sich wunderbar angeboten, halbtags oder im Homeoffice zu arbeiten. Den Schreibkram hatte sie meist Zuhause erledigt, wenn Lily geschlafen hatte oder von ihrem Daddy entertaint wurde. Rick hatte diesen „Job“ sehr ernst genommen und ihr in dieser Hinsicht vollkommen den Rücken freigehalten. Eigens für den Job als Daddy hatte er sich zu diesem Zeitpunkt aus dem „aktiven Polizeidienst“ zurückgezogen. Kate wusste, dass er es einerseits bedauert hatte, nicht mehr an ihrer Seite ermitteln zu dürfen, aber andererseits war er Vollblut-Daddy und hatte keine Sekunde bereut, die er mit der Erziehung von Lily verbracht hatte. Er hatte sie genauso vergöttert wie Alexis damals auch und es waren viele Parallelen erkennbar gewesen. Aber es hatte auch Unterschiede gegeben. Er war reifer und erfahrener im Umgang mit kleinen Ladies und er war diesmal nicht alleinerziehend.

Gute drei Jahre nach Lily waren ihre beiden Jungs auf die Welt gekommen. Kate konnte sich noch gut an den Augenblick erinnern, als sie Rick die frohe Botschaft verkündet hatte, dass er bald nicht mehr das einzige männliche Familienmitglied sein würde. Er war so stolz gewesen. Kate konnte es nicht abstreiten, Rick war ein wundervoller Vater. Obwohl er manchmal zu vergessen schien, dass er der Erwachsene war.

Sie musste bei dem Gedanken an Rick und seine „Erziehungsmethoden“ unweigerlich lächeln.

Doch plötzlich wurde sie wieder ernst. Der aktuelle Fall, der sie und ihr Team die letzten Wochen beschäftigte, hatte es in sich. Ein Serienmörder trieb in New York sein Unwesen und es gab immer noch keine wirklich brauchbare Spur.

Die Opfer waren ausschließlich weiblich, brünett und die Hinterbliebenen hatten sie jeweils als stark, selbstbewusst und gerechtigkeitsliebend beschrieben. Des Weiteren wurden an jedem Tatort ominöse Hinweise hinterlassen. Es handelte sich um Zeitungsartikel von Mordfällen der vergangenen Jahre, die Beckett und ihr Team aufgeklärt hatten. Auch die Ähnlichkeiten der Mordopfer zu Beckett waren nicht von der Hand zu weisen. Ebenso sprachen die Zeitungsartikel dafür, dass es etwas Persönliches sein musste. Das waren eindeutig an sie gerichtete Botschaften. Der Täter spielte mit ihr.

Es ließ Kate keine Ruhe, dass sie in diesem Fall nicht wirklich vorankamen. Nicht nur, dass der Police Commissioner ihr Druck machte und die Öffentlichkeit ihr im Nacken saß, nein, auch ihr persönlicher Ehrgeiz verlangte von ihr baldige Aufklärung. Verdammt - es musste doch irgendwo einen Hinweis geben, irgendeine Spur, der man nachgehen konnte? Was übersahen sie?

*****

Kate betrat etwas müde, aber gutgelaunt ihr Schlafzimmer. Fröhliches Kinderlachen verriet ihr, dass ihre Zwillingssöhne dort spielten. Sie war neugierig, was die Vierjährigen wohl diesmal wieder ausgeheckt hatten. Die beiden hatten das Temperament ihres Vaters und das bedeutete, dass man sie nicht allzu lange allein lassen durfte, erst recht nicht im Doppelpack.

Abrupt hielt Kate in ihrer Bewegung inne, als sie die erschreckende Szene vor sich sah.

Jake rief „NYPD, Hände hoch“, während er mit ihrer Dienstwaffe auf seinen Bruder Reese zielte.

Ihre Schockstarre hielt nur einen Bruchteil einer Sekunde, denn der Instinkt einer Mutter sagte ihr, dass sie sofort handeln musste. Sie sprang auf ihren Jungen zu, um ihm die Waffe zu entreißen und rief gleichzeitig „Jake, nein!“ Doch im selben Moment klickte der Abzug.

„Nein!!!“

*****

Kate öffnete die Augen und musste sich orientieren. Ihr Adrenalinspiegel sank und sie realisierte, ihre Jungs waren fast 14 und nicht 4.

Es war ein Traum gewesen.

Sie war tatsächlich hier auf der Couch eingeschlafen. Erleichtert atmete sie tief durch.

Doch sie hatte sofort wieder glasklar das Bild vor Augen, wie Jake mit ihrer Waffe auf seinen Bruder Reese zielte und abdrückte. Ein Schauer lief ihr über den Rücken und ihr Magen verkrampfte sich. Ihr war speiübel und sie hatte plötzlich das ungute Gefühl, dass etwas nicht stimmte.
Beim Aufstehen griff sie zu ihrem Handy, das vor ihr auf dem Tisch lag, und wählte Castles Nummer. Noch bevor er richtig zu Wort kam, brauste sie schon los: „Castle, hast du Zeit?“

„Äh … ja. Ich bin im Büro bei Alexis, wir haben vielleicht eine Spur im …“

Sie unterbrach ihn: „Später, Babe, wo sind die Jungs?“ Sie sah auf die Uhr. Es war 14:45. Das bedeutete...

In diesem Moment wurde ihr Gedankengang von Castle bestätigt: „Sie sind beim Schach-Workshop, wie jeden Mittwoch um diese Zeit. Aber was ist denn los, du bist so…“

„Castle … Rick, hör zu, du bist näher dran, fahr sofort hin und hol sie dort ab. Bitte! Frag nicht, tu es einfach. Ich erkläre es dir nachher. Ich habe ein ungutes Gefühl.“

Da Castle nur zu genau wusste, wie treffsicher Kates Instinkt war, stellte er in der Tat keine Fragen, schnappte sich seinen Autoschlüssel und antwortete: „Okay, ich bin unterwegs.“

„Danke Babe und beeil dich, ja?“

Kate stemmte eine Hand in die Hüfte und wischte sich mit der anderen über die Stirn. Sie wurde das Bild nicht los, wie Jake mit der Waffe in seiner Hand vor ihr stand und sie dann mit seinen großen braunen Augen ängstlich ansah, als sie ihn beim Versuch, ihm die Waffe abzunehmen, zu Boden gestoßen hatte. Und wieder krampfte sich ihr Magen zusammen.

In diesem Moment betrat Lily das Loft. „Hi Mom. Du bist schon da“, freute sie sich.

Kate war erleichtert sie zu sehen und nahm sie in ihre Arme: „Hi Lily-Schatz. Geht es dir gut?“

„Ja, Mom. Wieso fragst du? Ist was passiert?“, löste sich Lily aus der Umarmung. Nicht, dass sie nicht gern von ihrer Mutter umarmt wurde, aber sie spürte die Unruhe, die ihre Mutter ausstrahlte.

„Ähm, nein, doch, ich weiß es nicht…“

„Mom?“

„Süße, ich habe ein ungutes Gefühl. Irgendetwas scheint sich zusammenzubrauen.“

„Mom, am besten wir setzen uns und du erzählst mir der Reihe nach was los ist. Komm.“ Energisch zog die 17-jährige ihre Mutter Richtung Sitzgruppe. Kate sträubte sich zwar zuerst dagegen, da sie aber wieder von Übelkeit und Schwindelgefühl geplagt wurde, gab sie schließlich nach und ließ sich von Lily aufs Sofa drücken.

„Mom, du siehst blass aus“, machte sich Lily Sorgen.

„Mir ist etwas übel, aber das geht gleich wieder.“

„Ich hol dir ein Glas Wasser, warte.“ Mit diesen Worten verschwand Lily Richtung Küche. Als sie mit dem Glas wiederkam, reichte sie es Kate und wartete geduldig bis diese mehrere Schlucke getrunken hatte.

Kate lächelte ihre Tochter an: „Danke, mein Schatz. Es geht mir jetzt schon besser.“

„Und … möchtest du mir erzählen was los ist?“

„Ich habe geträumt … okay der Reihe nach …“, versuchte sie sich zu sammeln. „Als ich vorhin nach Hause kam, war niemand da und ich habe mich kurz hingesetzt … dabei bin ich wohl weggenickt.“

„Und was hast du geträumt?“

„Jake hat auf Reese geschossen.“

„Beim Laser Tag?“

„Nein. Mit meiner Waffe … und sie waren noch klein … etwa vier.“

„Was? Aber das würde er nie tun.“

„Ja eben. Darum bin ich ja so beunruhigt.“

„Aber es war doch nur ein Traum“, versuchte Lily beruhigend zu wirken, obwohl auch sie bereits wusste, dass das Bauchgefühl ihrer Mutter nicht zu unterschätzen war.

„Es ist ganz lieb von dir, mein Schatz, aber das habe ich mir auch schon versucht einzureden. Nur … es war so real … irgendetwas stimmt nicht.“

„Wollen wir die beiden anrufen? Oder Dad?“

„Sie sind beim Schach. Da gehen sie sowieso nie ans Handy. Aber euer Dad ist schon unterwegs und holt sie dort ab.“

„Okay, dann warten wir. Sie sind bestimmt gleich hier“, redete Lily weiter beruhigend auf ihre Mutter ein.

Kate lächelte ihre Tochter gequält, aber dankbar an. Die Fürsorge der 17-jährigen imponierte ihr und sie stellte viele Ähnlichkeiten mit Castle fest, aber ebenso viele mit sich selbst.

Schon als Lily noch klein war, hatte sie Ungerechtigkeit nicht leiden können. So hatte sie es damals nicht verstanden, wieso es Menschen gab, die so arm waren, dass sie auf der Straße leben mussten, während sie selbst alles hätte haben können, was sie gewollt hätte. Sie war etwa 7 Jahre alt gewesen, als sie mit ihr im Restaurant gesessen hatten. Lily hatte draußen einen Obdachlosen sitzen sehen, da hatte sie plötzlich gefragt, ob sie ihm ihr Essen bringen dürfe. Der Obdachlose war genauso verdattert wie Rick und Kate gewesen, hatte die willkommene Mahlzeit jedoch dankbar angenommen. Lilys Eltern hätten stolzer nicht sein können. So war Lily eben.

Das lag wohl daran, dass Kate und Rick ihren Kindern immer vorgelebt hatten, dass es nicht weh tat, wenn man sich als besser betuchter Mensch um die sozial Benachteiligten kümmerte.
Und Jake und Reese waren auch so. Sie hatten in einem kalten Winter ihr Taschengeld zusammengelegt und so viel warme Socken, Handschuhe, Mützen und Schals gekauft, wie nur möglich und hatten sie in einer Wärmestube für Obdachlose abgegeben. Das soziale Engagement war nie abgeebbt. Lily gab lernschwachen Kindern Nachhilfeunterricht und die Zwillinge halfen, wann immer es ihre Zeit erlaubte, in der Obdachlosenküche.
Kate war unheimlich stolz auf ihre Kinder. Sie hatten verstanden, dass nicht alle Menschen das Glück hatten, in einer finanziell abgesicherten Familie leben zu dürfen. Sie bildeten sich auf den sozialen Wohlstand, in dem sie lebten, nichts ein. Im Gegenteil.

Eben noch verträumt und vor sich hinlächelnd, spürte Kate Angst in sich aufsteigen. Ihr Lächeln verschwand und machte einem sorgevollen Blick Platz. Ihr Bauchgefühl hatte sie noch nie getäuscht. Ihre Jungs waren in Gefahr – da war sie sich absolut sicher.    


Durch das Klingeln ihres Handys wurde Kate in die Gegenwart zurückgeholt. Ein kurzer Blick aufs Display und sie erkannte, dass es Castle war. Ohne zu zögern nahm sie hektisch das Gespräch an: „Castle, hast du sie…?“

„Kate, die Jungs sind nicht hier. Sie waren auch nicht hier…“

„Was heißt das, sie waren nicht da?“

„Lass mich doch ausreden. Ich habe mich natürlich schon umgehört. Ihr Freund Toby hat sie gleich nach Schulschluss in einen schwarzen Van einsteigen sehen. Sie haben auf sein Rufen kaum reagiert. Außer Jake … er hat versucht, ihm ein Zeichen zu geben.“

„Was für ein Zeichen? Wir müssen mit dem Jungen reden!“

„Ruhig Kate, das habe ich schon. Alles was er weiß, hat er mir gesagt. Wir müssen ihn nicht noch mehr mit reinziehen. Toby sagte, es sah aus, als wenn Jake sich mit dem Daumen über die Kehle fahren wollte ...“

„Nein! Das heißt, sie sind nicht freiwillig da eingestiegen.“

„Wie es aussieht nicht, nein. Hör zu, ich rufe gleich noch Alexis an. Hannah ist nach der Schule sowieso bei ihr und sie soll dann heute erst mal bei ihr bleiben. Ist Lily schon zu Hause?“

„Ja, ja, sie ist hier.“

„Okay, bleibt da, macht niemanden auf. Ich komme nach Hause.“

Als Kate das Gespräch beendet hatte und fassungslos die Wand anstarrte, fragte Lily vorsichtig: „Mom, was ist los?“

„Anscheinend sind Jake und Reese entführt worden“, antwortete Kate konsterniert.

„Nein. Nicht sowas!“, fing Lily an zu weinen.

Kate nahm ihre Tochter wortlos in den Arm. Zum einen wollte sie Lily beruhigen und zum anderen tat es ihr selbst ebenso gut, etwas Halt zu haben.

*****

Als Rick nach Hause kam, ging er mit hastigen Schritten auf seine Mädels, wie er sie immer scherzhaft zu nennen pflegte, zu und nahm sie in den Arm. Doch Kate löste sich schnell wieder. Zu sehr hatte das Warten auf ihn, gepaart mit der Hoffnung, dass sich bis zu seiner Ankunft alles zum Positiven entwickeln würde, an ihren Nerven gezehrt. „Was ist jetzt genau? Erzähl bitte.“

Castle hob beschwichtigend die Arme: „Zunächst mal, Alexis kümmert sich um Hannah, bis das hier alles geklärt ist. Hannah weiß es noch nicht und Shari auch nicht. Das soll erstmal auch so bleiben.“

Kate nickte wortlos, sie war dankbar, dass Rick sich darum gekümmert hat, dass ihre jüngste Tochter in Sicherheit war und vorerst von den Entwicklungen des heutigen Tages nichts mitbekommen hatte. Shari, die Tochter von Alexis, war nur wenige Monate älter als Hannah und somit verbrachte Hannah sowieso sehr viel Zeit bei Alexis. Daher würde sie sich eher darüber freuen als sich wundern, dass sie dort übernachten durfte.

Kate lächelte kurz, konnte dann aber ihre Sorge um ihre Söhne nicht mehr zurückhalten: „Was hast du noch über das Verschwinden der Jungs?“

„Toby ist ein schlauer Junge. Er hat das Nummernschild fotografiert.“ Castle hielt sein Handy mit dem Foto hoch. „Ich habe es schon Hayley in die Detektei geschickt. Sie hat bisher noch keinen Treffer gemeldet. Es ist wohl besser, wenn sich deine Truppe da auch mal hinter klemmt. Ich habe doch Ryans Nummer, Moment … ich schicke ihm das …“

Kate wartete nicht bis er ausgesprochen hatte, sondern wählte sofort die Nummer vom 12. Revier.

„Ryan hier. Was ist los Captain? Du hast Feierabend.“

„Ja. Hörzu, Jake und Reese sind verschwunden. Ihr Freund hat sie in einen schwarzen Van steigen sehen. Castle hat dir gerade ein Foto mit dem Kennzeichen geschickt.“

„Moment … ja, ist angekommen. Ich kümmere mich sofort darum“, hörte sie ihren Stellvertreter sagen.

„Ach, Kevin, es sieht zwar sehr danach aus, aber noch ist nicht klar, ob es wirklich eine Entführung ist, also bleibt das vorerst unter uns, ja? Bitte noch kein FBI“, bat sie.

„Okay, verstehe. Aber lange werden wir es nicht geheim halten können“, gab er zu bedenken.

„Das ist mir klar, aber…“

„Ist schon gut. Ich verstehe es, wirklich … Und Kate ... Nicht verzweifeln, wir werden die beiden finden, okay?“

„Danke“, brachte sie nur hervor und legte auf. Völlig verunsichert, was gänzlich untypisch für sie war, und den Tränen nah, stand sie wie ein Häufchen Elend mitten im Raum.

Rick hatte inzwischen auf seinem Smartphone alle GPS-Sender, mit denen inzwischen jedes Familienmitglied ausgerüstet war, überprüft. Drei blaue Punkte blinkten hier im Loft und auch alle anderen bewegten sich dort, wo sie sein sollten, bis auf zwei. Jake und Reese. Für diese beiden Sender erhielt Rick nur die Nachricht „Kein Signal“.  

Eine Verlaufsanzeige ergab, dass das letzte gesendete Signal in der Nähe ihrer Schule abgesetzt worden war.

„Mist“, fluchte er, „vermutlich ein Störsender. Wir haben es wohl mit Profis zu tun.“

Ihm war dabei absolut nicht entgangen, dass es seiner Frau gar nicht gut ging, aber das war auch kein Wunder. Seit Tagen war sie im Job wegen dieses Serienmörders eingespannt und nun das Verschwinden der Jungs. Das musste zweifelslos an ihren Kräften zehren. Er schaute kurz zu Lily, die wiederum zuerst besorgt ihre Mutter ansah und dann ratlos zu ihm blickte.

„Habt ihr überhaupt schon etwas gegessen?“, fragte Rick nach. Während Kate im Loft auf und ab wanderte und nicht antwortete, schüttelte Lily wortlos den Kopf.

Rick versuchte, obwohl auch er innerlich sehr aufgewühlt war, Ruhe auszustrahlen. Zum einen wollte er Lily, die aus seiner Sicht ohnehin schon zu viel mitbekommen hatte, nicht weiter verunsichern und zum anderen sah er wie sehr Kate von diesem Vorfall mitgenommen wurde. Er wollte jetzt einfach nur für beide da sein und den Überblick behalten. Außerdem half es niemanden, seinen Söhnen am allerwenigsten, wenn er jetzt auch noch in Panik verfiel. „Okay“ klatschte er in die Hände, „dann kümmere ich mich zuerst mal darum.“ Auf dem Weg zur Küche warf er seiner Frau, die immer noch auf und ab lief, einen besorgten Blick zu.

Kates Handy klingelte und sie nahm hektisch das Gespräch an: „Ryan, was habt ihr?“

„Leider nicht viel. Unter diesem Kennzeichen ist kein Van registriert. Anscheinend sind die Kennzeichen geklaut. Der Van vermutlich auch. Aber wir bleiben dran. Das Kennzeichen stammt von einem weißen Honda Accord. Ich habe schon ein Team losgeschickt. Sie sollen den Eigentümer und die Nachbarn befragen, ob ihnen was Verdächtiges aufgefallen ist. Wenn wir rauskriegen sollten, wem der Van gehört, schicken wir auch da ein Team hin.“

„Okay, ich komme vorbei und …“

„Kate, du hast frei. Und obwohl du mein Captain bist, bestehe ich darauf, dass du zu Hause bleibst. Xavier und ich haben das hier vorerst im Griff. Ruh dich aus. Du brauchst deine Kraft noch. Im Moment kannst du hier nicht vielmehr ausrichten als von zu Hause. Wir müssen warten.“

„Aber...“

„Kein aber! Bitte Kate, ruh dich aus. Völlig von der Rolle bist du uns keine Hilfe.“

Kate spürte wie sich zwei Hände auf ihre Schultern legten und hörte Rick hinter sich sagen: „Er hat Recht Kate. Im Moment können wir nur warten. Und du musst dich ausruhen, Kräfte sammeln. Und vor allem endlich was essen.“

Sie ließ sich widerwillig überreden, nicht zuletzt, weil sie wirklich Hunger verspürte. „Okay, aber du meldest dich, wenn ihr was habt“, wandte sie sich an Ryan.

„Versprochen. Ich habe noch einen Techniker zu euch geschickt, wegen der Anrufrückverfolgung, falls sich doch ein Entführer meldet.“
 
Erst einige Sekunden nach Beendigung des Gespräches ließ sie ihr Smartphone sinken. Dann drehte sie sich zu Rick und ließ sich von ihm umarmen. „Hm, ausruhen. Das ist leichter gesagt als getan“, flüsterte sie.

Rick strich ihr dabei behutsam über den Rücken. Er wusste nicht, was er ihr Aufbauendes hätte sagen können. Dann hörte er sie wieder reden.

„Hunderte Male habe ich anderen Eltern Ratschläge gegeben, wie sie sich verhalten sollen, als sie um ihre Kinder gebangt haben. Hunderte Male habe ich gedacht, ich könne mich in sie hineinversetzen und wüsste was sie fühlen. Jetzt weiß ich, dass ich hunderte Male voll danebengelegen habe. Nichts, gar nichts wusste ich.“

„Doch Kate. Du hast den Leuten das Einzige gegeben was sie brauchten – Hoffnung.“ Er schob sie etwas von sich und sah sie eindringlich an, bis sie endlich zu ihm aufblickte. „So und jetzt komm und iss etwas, das Essen dürfte längst fertig sein. Es ist zwar nur Tiefkühlpizza, aber auf die Schnelle …“

Kate lächelte ihn kurz an und ließ sich bereitwillig zum Tisch ziehen, den Lily in der Zwischenzeit gedeckt hatte.

Beim Essen erzählte Rick, dass er alle Informationen, die ihnen bereits vorlagen, auch an seine Privatdetektei weitergeleitet hatte. Hayley wollte sich sofort die Aufzeichnungen der Verkehrsüberwachungskameras vornehmen.

„Okay, wir müssen alle Mittel einsetzen, die wir haben und wenn wir von zwei Seiten aus ermitteln, warum nicht?“, antwortete Kate.

*****

Der Fachmann für die Telefonüberwachung war kurz nach dem Abendessen eingetroffen. Seit der vermeintlichen Entführung waren nun bereits fünf Stunden vergangen und nach wie vor waren die Jungs weder auf ihren Handys erreichbar, noch konnten sie geortet werden. Entweder befanden sie sich in einem Funkloch, was sehr unwahrscheinlich war, oder das GPS-Signal wurde anderweitig gestört.

Es hatten sich auch sonst keine brauchbaren Neuigkeiten ergeben und auch ein Anruf eines möglichen Entführers war bisher ausgeblieben.

Das war sehr untypisch für einen Entführungsfall und das zermürbte Kate. Ihre Geduld war am Ende.
„Warum meldet sich der Entführer nicht? Wenn es um Lösegeld geht, müsste er sich doch schon längst gemeldet haben…“

„Ruhig Kate, vielleicht ist etwas dazwischengekommen, vielleicht wollen sie uns zappeln lassen, vielleicht ist alles ganz anders, vielleicht…“, versuchte er eine Erklärung zu finden und wurde von Kate unterbrochen.

„Vielleicht, vielleicht, vielleicht, ich verstehe nicht, wie du so ruhig bleiben kannst?!“, wetterte sie genervt.

Wenn sie nur wüsste. Rick war ganz und gar nicht ruhig. Er hatte genauso viel Angst wie sie.
„Kate, es ist nicht wie es scheint. Ich versuche nur so an den Fall ranzugehen wie wir es immer tun, sachlich und mit Überlegung. Ausrasten bringt nämlich keinen von uns etwas.“

Kate sah ihn erst wütend an, dann hellte sich ihr Blick auf, weil ihr etwas klar geworden war. „Ich soll als Polizistin denken und nicht als Mutter – ich verstehe.“ Sie drehte sich um, ging ein paarmal von Ricks Blick verfolgt auf und ab, und stand dann wieder vor ihm: „Danke Babe.“

Er lächelte sie etwas gequält an. „Nicht dafür.“ Anschließend nahm er sie in den Arm. „Kate, ich liebe dich und ich will, dass du dich nicht kaputt machst. Ich habe auch Angst um die Jungs. Aber wir müssen stark bleiben. Wir zusammen.“
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