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Dessert at Midnight

von faded ink
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte, Erotik / P18 / MaleSlash
22.03.2019
18.02.2021
26
112.463
143
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Dessert at Midnight


Prolog


Jays Fingerspitzen fuhren die Konturen des geraden Nasenrückens und der hohen Wangenknochen nach, ohne sie zu berühren. Seine Kuppen hielten wenige Millimeter Abstand zu den feinen, dunklen Härchen, als sie dem Schwung der Braue folgten und touchierten auch nicht die langen, dunklen Wimpern der entspannt geschlossenen Lider. Langsam glitten Jays Finger tiefer und zeichneten die leicht geöffneten Lippen nach, ohne auszutesten, ob sie sich noch genauso weich anfühlten, wie während der unzähligen Küsse in der letzten Nacht. Die Atemzüge, die ihnen entkamen, waren so regelmäßig und ruhig, dass stark zu vermuten war, dass Steven sich noch immer im Tiefschlaf befand.
Auch zerwühlt von der letzten Nacht und aus Augen betrachtet, die nicht mehr vom Alkohol verschleiert waren, war er ohne jeden Zweifel einer der attraktivsten Männer, die Jay je gesehen hatte. Er bereute nicht, dass er ihn in sein Apartment begleitet hatte, doch gleichermaßen hoffte er, dass Steven so betrunken gewesen war, dass er sich nicht mehr daran erinnern würde, wenn er erwachte.
Vorsichtig schob Jay sich auf dem dunklen Seidenlaken zurück und setzte sich langsam auf, um möglichst wenig Erschütterungen auf der Matratze zu verursachen. Innerlich verfluchte er das Rascheln der Sommerdecke, als er sie von sich schob. Mit einem prüfenden Blick über die Schulter schwang er seine Beine über die Bettkante und setzte die Füße möglichst lautlos auf die hellen Fliesen, mit denen das Schlafzimmer ausgelegt war. Die unerwartete Kälte des Bodens ließ Jay gedämpft zischen, doch anstatt dem Impuls nachzugeben, sich wieder auf die Matratze zurückzuziehen, zwang er sich dazu, aufzustehen.
Wo war seine Jeans?
Die Frage drängte sich Jay auf, als er seine Socken und sein Hemd auf dem Designersessel entdeckte, den Steven sich wohl allein aus Stilgründen angeschafft hatte. Das ungewöhnlich filigrane Konstrukt machte nicht den Eindruck, als könne man darauf gefahrlos sitzen. Jay war nicht erpicht darauf, die Tragfähigkeit des seltsamen Sessels auszutesten und schlüpfte lieber so schnell wie möglich und gleichzeitig so leise wie es ging in sein Hemd. Ihm haftete noch der Geruch verschiedener Parfums an, wie er naserümpfend feststellte. Süßliche Damenduftwässerchen hatten sich mit herben Aftershaves in dem Stoff zu einer fast schon abstoßend riechenden Komposition vermengt, die Jay in Erinnerung rief, wie viele Umarmungen er in der letzten Nacht mit Bekannten und Fremden gleichermaßen ausgetauscht hatte. An seinem Hals prangten auch noch die Reste eines roten Lippenstiftabdrucks, wie er feststellte, als er einen kurzen Blick in den gigantischen Spiegel warf, den Steven an seiner Schrankwand befestigt hatte.
Jay konnte sich nicht mehr daran erinnern, wer ihm den Kussmund verpasst hatte, aber das war auch nicht wichtig. Es zählte nur, seine Jeans zu finden und ...
»Haust du schon ab?«, erklang es verschlafen aus dem Bett, dem Jay gerade den Rücken zugewendet hatte und für Steven ungesehen verdrehte er genervt die grauen Augen.
»Ja, ich wollte dich aber nicht extra wecken. Ich habe später noch ein wichtiges Treffen und dafür muss ich Zuhause noch ein paar Dinge durchgehen«, erklärte er und verabschiedete sich endgültig von dem Gedanken, ohne großes Aufsehen aus Stevens Apartment verschwinden zu können, als er ein Deckenrascheln hinter sich vernahm. Steven musste sich aufgesetzt haben, anstatt brav weiterzuschlafen und ihn anstandslos ziehen zu lassen.
»Keine sonderlich kreative Ausrede, wenn du mich fragst«, ließ er Jay wissen und unterdrückte dabei hörbar ein Gähnen, was ihm mehr schlecht als recht gelang.
»Ich wäre froh, wenn es eine wäre«, antwortete Jay ihm und war erleichtert, als er seine Hose endlich entdecken konnte. Sie lag auf der Türschwelle zu Stevens Flur und kurz flackerte vor Jays Augen ein Bild von dem Brünetten auf, wie er vor ihm kniete, während er selbst den glatten Türrahmen im Rücken fühlte. Ein Blinzeln vertrieb den Erinnerungsfetzen und nach nur wenigen Schritten fühlte Jay den groben Jeansstoff zwischen seinen Fingern.
»Aber sieh es positiv. Du musst nicht aufstehen, um mir Frühstück zu machen.«
»Stimmt, aber wenn du dich verpisst, macht mir ja auch niemand Frühstück«, erwiderte Steven noch immer schläfrig.
Jay trieb die Antwort ein Schmunzeln auf die Lippen, welches jedoch schon wieder verschwunden war, als er seinen Reißverschluss zuzog.
»Ich kann dir was bestellen, aber wie gesagt: Keine Zeit, um dir Gesellschaft zu leisten.«
»Schon kapiert«, antwortete Steven ihm und schenkte Jay ein schiefes Lächeln, als dieser sich zu ihm umwendete.
Es war ein hübsches Lächeln, ein wenig halunkenhaft und damit genau das, was Jay gerne an Männern sah. Es passte zu den verwuschelten Haaren, die Steven wild in die Züge fielen und die ihm Jays Meinung nach so viel besser standen als die strenge, gegelte Frisur, die er auf der Party noch getragen hatte. Erneut wurde ihm klar, was Steven für ein guter Fang war und ebenso, dass er sich beeilen sollte, dieses Treffen so schnell wie möglich zu beenden. Er wollte nicht damit anfangen, ihn zu mögen und sich möglicherweise doch noch zu einem gemeinsamen Frühstück breitschlagen zu lassen. Außerdem hatte er in einigen Stunden wirklich einen Termin, den er nicht verpassen durfte, wenn er es sich mit diesem Kunden nicht verscherzen wollte.
»War aber trotzdem eine gute Nacht«, merkte Steven trotz Jays Schweigen an, als dieser auf einem Bein zu balancieren begann, um sich einen seiner Socken überstreifen zu können. »Man könnte fast bedauern, dass du hinter der Kamera bist und nicht vor ihr.«
Das Kompliment ließ Jay einen amüsierten Laut von sich geben und er zwinkerte Steven zu. Er hatte doch geahnt, dass er für ihn kein völlig Fremder war, auch wenn er es auf der Feier noch behauptet hatte.
»Das überlasse ich gerne den Profis«, stellte Jay klar und wechselte sein Standbein. »Aber trotzdem danke.«
»Für die Wahrheit muss man sich nicht bedanken«, erwiderte Steven schulterzuckend. Mittlerweile ruhte er wieder in den Kissen und beobachtete den umgekehrten Strip aus halbgesenkten Lidern. Jay vermutete, dass ihm der Schädel weitaus stärker brummte, als er zeigen wollte.
Steven nagte einige Wimpernschläge an seiner sinnlichen Unterlippe, bevor er abermals schmunzelte.
»Sag mal ...«, begann er etwas leiser und seine Stimme gewann einen verschwörerischen Unterton. »Du hast doch Kontakte ...«
»Munkelt man ...«, gab Jay vage zurück und ließ sich somit auf das Spielchen ein, welches Steven begonnen hatte.
Sie beide wussten, wie der Hase lief und Jay war sehr klar, worauf sein One-Night-Stand hinauswollte. Die meisten Leute, die ihn ansprachen, kamen früher oder später auf dieses Thema zu sprechen. Allerdings gingen nur die wenigsten von ihnen daraufhin mit ihm ins Bett. Womöglich war Steven die Chance, die sich ihm durch ihre Bekanntschaft bot, gerade erst aufgefallen oder er war berechnender, als Jay ihm zugetraut hatte.
»Wenn dem denn so wäre ...« Auch Steven wollte wohl nicht von der Farce ablassen. In seinen Augen, die trotz der Müdigkeit in ihnen das Potenzial besaßen, in ihnen zu versinken, schimmerte Amüsement. »... meinst du, es wäre möglich, wenn du mich mit den Leuten von MforMcon Productions bekannt machst oder dort zumindest mal meinen Namen fallen lässt? Ich liebe die Art, wie sie dort produzieren und es wäre ein Traum, bei der Firma unter Vertrag genommen zu werden.«
Auch diese Bitte war keine, die noch nie an Jay herangetragen worden war.
Das Unternehmen, von dem Steven sprach, hatte einen unfassbar guten Ruf und wohl jeder Newcomer, der im Großraum Los Angeles eine Karriere in der Branche aufzubauen versuchte, gierte danach, unter die Fittiche der Produktionsfirma genommen zu werden. Soweit es Jay einschätzen konnte, hatte jemand wie Steven gute Chancen, aber ein hübsches Gesicht reichte noch lange nicht aus, um an so einen bekannten Schirmherren heranzukommen.
Kein Wunder, dass Steven sich erhoffte, dass Jay seinem Glück einen Schubs in die richtige Richtung geben konnte.
Es tat ihm fast schon leid, Steven genauso enttäuschen zu müssen, wie schon einige Typen vor ihm.
»Sorry«, begann er und richtete vor dem Spiegel noch einmal seine Kleidung. »Ich kenne die Verantwortlichen von MforMcon zwar flüchtig, aber nicht gut genug, um dich vermitteln zu können.«
Durch die Reflexion des Spiegels konnte er beobachten, wie Stevens perfekte Brauen in die Höhe schossen.
»Was? Ich dachte, du wärst mit allen großen Produktionen irgendwie verbandelt«, sagte er irritiert und Jay zupfte grinsend seinen Hemdkragen zurecht.
Dafür, dass er ihn bis gestern Abend nicht gekannt hatte, war Steven wirklich erstaunlich gut über ihn informiert.
»Schon, aber nicht mit denen, die Gay-Content produzieren. Nicht mein Bereich«, antwortete er ihm reinen Gewissens.  
»Ernsthaft nicht?« Steven schien aus allen Wolken zu fallen, denn er setzte sich diesmal ruckhaft auf, wenn er sich daraufhin auch den Kopf halten musste und das Gesicht schmerzhaft verzog. »Aber du bist doch selbst schwul, oder nicht?«
»Bin ich«, bestätigte Jay mit einem knappen Schulterzucken. »Aber ich bin ja auch, wie du selbst schon erwähnt hast, hinter der Kamera und nicht vor ihr tätig. Von daher ist es für meinen Job doch erst recht nicht von Belang, mit wem ich ins Bett steige.«
Er konnte sich nicht zurückhalten, seinem perplexen One-Night-Stand erneut zuzuzwinkern, nachdem er sich von dem Spiegel abgewendet hatte. Er sah zwar nicht aus wie aus dem Ei gepellt, aber für die Fahrt nach Hause sollte es reichen.
»Aber wenn du jemals auf die Idee kommen solltest, in die Het-Sparte zu wechseln, ruf mich an«, bot er Steven scherzhaft an. »Da kann ich sicher was machen.«
»Ich denke dran«, murmelte Steven unüberhörbar enttäuscht.
Allein aufgrund des Tonfalls hatte Jay keinen Zweifel daran, dass er sich nie wieder bei ihm melden würde, aber das war ihm nur recht.
»Okay, dann hören wir vielleicht mal voneinander, hm? Mach dir noch einen schönen Tag.«
Er tippte sich zur Verabschiedung mit zwei Fingern gegen die Schläfe und wünschte Steven im Stillen nur das Beste.
Nur allzu gut wusste er, wie schwer es war, in dem Strom aus all den Glücksrittern, die es in diese Gegend verschlug, nicht unterzugehen. Nur den wenigsten gelang es, sich einen Namen zu machen, der so bitternötig war, um an die Spitze zu kommen und sich dort halten zu können.
Ob Steven zu den wenigen Glücklichen gehörte, denen es gelang, oder zu den Unzähligen, deren Träume zerplatzten wie Seifenblasen, würde sich zeigen.
Eine stimmreiche Verabschiedung seitens der enttäuschten Bekanntschaft blieb aus, denn Steven nickte nur leicht. Wenige Augenblicke später war er aus Jays Leben verschwunden, denn dieser verließ das Apartment ohne die Absicht, eines Tages zurückzukehren.
 
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