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Spiegel seiner Seele

von - Lemmy -
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Severus Snape
22.03.2019
22.03.2019
1
1.819
6
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2 Reviews
Dieses Kapitel
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22.03.2019 1.819
 
Diese Geschichte habe ich für die Challenge 1 Beginn, 1 Ende, 1 Wort  von Liz Tonks geschrieben.

Hierbei geht es um Folgendes:

Man wählt eine Nummer zwischen 1 und 200. Zu jeder Nummer wird ein Wort vorgegeben, das im ersten und im letzten Satz der Geschichte vorkommen muss. Erster und letzter Satz dürfen jedoch nicht identisch sein.

Meine Nummer war die 195 mit dem Wort "Tür".

Ich hatte beim Schreiben den Buch-Snape vor Augen.


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Spiegel seiner Seele


Wutschnaubend stürmte Severus Snape in seine privaten Räume und warf die schwere Tür hinter sich zu, so dass der laute Knall in den Gängen des Kerkers widerhallte. Einen Moment lang wanderte er aufgebracht im Raum auf und ab wie ein gereizter Drache, während er bemüht war, seinen Ärger unter Kontrolle zu bekommen. Wer den Tränkemeister von Hogwarts in diesem Zustand gesehen hätte, wäre vermutlich zu Recht zurückgewichen oder hätte das Weite gesucht. Die dunkle Gewitterwolke, bereit sich zu entladen, war über dem finsteren Haupt des ganz in Schwarz gekleideten Mannes förmlich zu erkennen.

Nach einer Weile hatte Snape sich wieder beruhigt und ließ sich, nun regelrecht ausgepumpt, in einen Sessel sinken, in dem er förmlich in sich zusammensackte. Die Begegnung vor der Großen Halle, die er vor wenigen Minuten gehabt hatte, wühlte noch in ihm, zum einen, weil sie völlig unerwartet gewesen war, zum anderen, weil sie ihn unangenehm berührt hatte. Kurzum: Es war eine Situation gewesen, mit der Snape nur schwer hatte umgehen können.

Hätte er denn aber auch damit rechnen müssen, dass sich ein fahrender Zauberer in Hogwarts herumtrieb, offenbar mit Erlaubnis von Albus Dumbledore, der allerlei Pülverchen, Wässerchen und Tinkturen anbot, die gegen alle möglichen Gebrechen, Probleme und Wehwehchen helfen sollten, und dass dieser ihn plötzlich ansprach, um ihm etwas von seinen Wundermitteln anzudrehen? Aber damit nicht genug! Nach einem prüfenden Blick auf die Gestalt des Tränkemeisters war der fahrende Zauberer auf die Idee verfallen, Snape ein Mittel gegen fettiges Haar verkaufen zu wollen, hatte selbiges wortreich und mit großen Gesten angepriesen, mit der kleinen Flasche vor Snapes markanter Hakennase herumgewedelt und beharrlich ignoriert, dass ein Anflug von Mordlust in Snapes schwarze Augen getreten war, die sich immer bedrohlicher verengt hatten.

Dass Severus es unter Aufbietung all seiner Selbstbeherrschung schließlich geschafft hatte, den nervtötenden Zeitgenossen nicht mit einem Fluch zu belegen, sondern stattdessen lediglich die Augenbrauen hochzuziehen, sich mit einem verächtlichen: „Sie verschwenden Ihre Zeit“ abzuwenden und arrogant erhobenen Hauptes von dannen zu stolzieren, verwunderte ihn noch immer, selbst, als er nun im Schutze seiner vertrauten Umgebung im Sessel saß und die unliebsame Szene noch einmal Revue passieren ließ.

Als er sich wieder beruhigt hatte, fragte er sich, warum ihn das Ganze eigentlich so getroffen hatte – abgesehen davon, dass der fahrende Zauberer ihn mit seinem Verkaufsgefasel genervt hatte. Er hatte Snape als potenziellen Kunden angesprochen, weil ihm dessen Aussehen aufgefallen war. Das wurde dem Tränkemeister nun klar.

Nun, Severus Snape hatte sich noch nie etwas aus seinem Aussehen gemacht, es war ihm im Grunde genommen egal, und er gab nichts darauf. Im Gegenteil, er genoss es, wenn Schüler vor seiner finsteren, abschreckenden Erscheinung Respekt hatten oder gar das Weite suchten! Ein drohender Blick aus kalten, schwarzen Augen, höhnisch gekräuselte Lippen ... all das tat sein Übriges dazu, dass Severus Snape in dem Ruf stand, ein unnahbarer, emotionsloser Menschenfeind zu sein, der alles und jeden hasste und dem man besser aus dem Weg ging. Snape war das nur recht. Er wollte keine Gesellschaft, er wollte allein sein und in Ruhe gelassen werden. Er wollte keine Zuwendung, keine freundlichen Worte, er brauchte keine Freunde. Er verdiente das Leben, das er seit vielen Jahren führte! Ja, er verdiente es.

Wirklich ...?

War er tief in seinem Herzen tatsächlich dieser Mensch, der er glaubte zu sein? Oder redete er sich das nur ein, errichtete absichtlich eine Mauer um sich, trug bewusst eine Maske, um sein wahres Ich zu verbergen? Auch vor sich selbst?

Snape seufzte. Es klang wie ein Schnauben. Er erhob sich wieder aus dem Sessel, trat zu dem kleinen Spiegel, der in einer Ecke an der Wand hing und den er meist ignorierte, und schaute hinein. Sein Gesicht, das ihm normalerweise so egal war, sah ihm entgegen, seltsam verschlossen und betrübt. Die Augen, dunkel, unergründlich und leer, in einem fahlen, schmalen Gesicht, das umrahmt war von ungepflegten, fettigen schwarzen Haaren, bannten seinen eigenen Blick. Aber war dieser Blick wirklich leer? Seelenlos? Kalt? War darin nicht ... irgendetwas?

Snape blinzelte kurz und betrachtete sein Antlitz, horchte in sich hinein, lauschte auf das, was da war ...

Nach einer Weile musste er sich eingestehen, dass sich tief in seinem Inneren, gut verborgen, ein fühlendes menschliches Wesen befand, das sich tief in sich selbst zurückgezogen hatte. Ein Mensch, der sein wahres Selbst verbarg, um sich nicht angreifbar und verletzbar zu machen; dessen Leben bislang eine Abfolge von schlimmen, unschönen Ereignissen gewesen und wahrlich nicht nach Plan verlaufen war. Ein Leben, das Severus Snape am liebsten hinter sich lassen würde.

Der Tränkemeister versuchte sich an einem höhnischen Lächeln, doch es misslang ihm. Nein, er war nicht dieser Mensch, der er vorgab zu sein, damit ihn alle Welt in Ruhe ließ, weil er mit seinen Selbstzweifeln und seiner Schuld allein sein wollte. Zuwendung? Freundschaft, ja sogar Liebe? Das alles verdiente er nicht, nicht nach allem, was er getan hatte.

Ein Anflug von Traurigkeit huschte über Snapes harsche Gesichtszüge, als er an die Frau dachte, die durch seinen Verrat zu Tode gekommen war, die Frau, die er geliebt hatte ... die er noch immer liebte.

Lily.

Er hatte sie an den Dunklen Lord verraten, als er sich in seinen jungen Jahren für die falsche Seite entschieden hatte. Voldemorts Gunst hatte er erringen wollen, nicht ahnend, wie dieser reagieren würde. Erst als der böse Zauberer Lily und ihren Mann James Potter getötet hatte, hatte Snape begriffen, was für einen schrecklichen Fehler er begangen hatte. Doch da war es zu spät gewesen. In diesem Moment war Snapes Leben, das zuvor schon nicht berauschend gewesen war, endgültig zerbrochen, ebenso wie seine Seele. Er hatte sich seine Tat nie verziehen und begonnen, sich selbst dafür zu bestrafen, indem er zu dem Menschen wurde, der er heute war. Er verdiente nichts Gutes, dieser Gedanke hatte sich ihm eingebrannt.

Es war ein unsinniger Gedanke, denn tief in seinem Inneren wusste Snape, dass Lilys Tod nicht seine Schuld war. Doch er schaffte es nicht, für sich die Wahrheit zu akzeptieren. Jegliche Logik setzte da aus. Snape war ein Gefangener seines eigenen Denkens, und allein würde er daraus nicht herausfinden.

Severus betrachtete sein Gesicht, das noch immer traurig wirkte; es war so ganz anders, als wie er es seinen Mitmenschen üblicherweise präsentierte.

Er hatte nie aufgehört, Lily zu lieben, und er würde niemals eine andere Frau lieben als sie.

Ja, er war zu Liebe fähig, er war ein mitfühlender Mensch, nur wollte er sich das selbst nicht eingestehen. Es ging einfach nicht. Zu lange trug Snape nun schon diese Maske, zu massiv war die Fassade, die er um sich herum errichtet hatte. Es stimmte, er war sein eigener Gefangener. Mit seinem Wesen, seinem Auftreten, selbst mit seinem Aussehen bestrafte Snape sich jeden Tag aufs Neue selbst.

Doch sein Spiegelbild zeigte ihm die Wahrheit, und die konnte er nicht ignorieren, so sehr er es auch versuchte.

Eine Weile rang Snape mit sich selbst. Ein unbeteiligter Beobachter hätte dem hageren, verschlossenen Gesicht des Tränkemeisters die subtilen Gefühlsregungen ansehen können – kaum sichtbar, doch vorhanden.

Plötzlich ging ein Ruck durch Severus’ schwarzgekleidete Gestalt, ganz so, als erwache er aus einer Trance, und Momente später hatte er den Raum verlassen.


Als Snape eine halbe Stunde später in den Kerker zurückkehrte, versank er einmal mehr in dumpfes Grübeln. Er hatte den fahrenden Zauberer mit seinem Bauchladen und seinen Wundermittelchen gesucht, er hatte ihn finden und ihm tatsächlich etwas abkaufen wollen. Er war bereit gewesen, sich das Wässerchen gegen fettiges Haar zu kaufen.

Ja, er war dazu bereit gewesen, sich einmal in seinem Leben wirklich um sich selbst zu kümmern, an seiner Erscheinung zu arbeiten, einen ansprechenderen Eindruck zu vermitteln. Ein einziges Mal die Maske der misanthropischen Unnahbarkeit zu lüften, wenn auch nur ein kleines Stück ... weil da plötzlich dieser Gedanke gewesen war, dass er ein solches Leben einfach nicht verdiente. Der Gedanke, nein, vielmehr die Gewissheit, dass er nicht die Schuld trug am Tod seiner geliebten Lily.

Seufzend ließ Severus sich wieder in den Sessel sinken, erschöpft von der Suche, dem Herumlaufen und von dem Gedanken, der ihm, als er vor dem Spiegel gestanden hatte, unvermittelt in den Kopf gekommen war.

Nein, es hätte nicht sein sollen. Der fahrende Zauberer hatte Hogwarts wohl schon wieder verlassen, zumindest hatte Snape ihn nicht gefunden – und vielleicht war das auch gut so! Es war gut, dass er diese Chance nicht hatte ergreifen können.

Es war gut ...

Der Tränkemeister seufzte erneut. Was war nur mit ihm los gewesen, dass er bereit gewesen war, sich selbst zu verraten?

Verraten ...? Wäre es denn wirklich Verrat gewesen? An wem? An sich? Nur weil er zum ersten Mal auf seine innere Stimme gehört hätte, die die Wahrheit über ihn wusste, die er aber immer bewusst zum Schweigen brachte, weil er sie nämlich gar nicht hören wollte?

Die innere Stimme, die flüsterte, dass doch gute Gefühle in ihm seien, ja sogar Liebe, und dass er sich nur deswegen absichtlich so gab, wie er es tat, um sich für etwas zu bestrafen, für das er nichts konnte.

Snape ignorierte sie. Er war noch nicht soweit, die Stimme lauter werden zu lassen oder gar auf sie zu hören. Es war so leicht, sie zu verdrängen und sich stattdessen genau das Gegenteil einzureden wie einen einstudierten Text!

Doch in den Minuten vor dem Spiegel, und das konnte Severus nicht ignorieren, hatte er einen Blick in seine Seele getan, auf eine Weise wie nie zuvor. Der Spiegel hatte sie ihm gezeigt.

Snape legte den Kopf zurück und schloss die Augen, als die Ruhe langsam in ihn zurückkehrte. Er war ein intelligenter Mann, er wusste, was in ihm vorging und dass er sich selbst etwas vormachte, und dennoch war er unfähig, die Wahrheit zu erkennen.

Er brauchte Zeit, einfach noch mehr Zeit, um sich selbst zu verstehen. Um die Wunden endgültig heilen zu lassen. Um sich selbst gegenüber Milde walten zu lassen.

Und um den Gedanken zuzulassen, dass er kein schlechter Mensch war, der das alles verdiente.

Das Bild von Lily erschien vor Severus’  innerem Auge, und er nahm es in sich auf, hielt es fest, bewahrte es ganz dicht an seinem Herzen. Geliebte Lily!

Du bist ein guter Mensch, Severus, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf. Lass es zu, ein guter Mensch zu sein.

Ein Lächeln erschien auf Snapes Lippen, er merkte es selber noch nicht einmal.

Dann erhob er sich aus dem Sessel und verließ ein weiteres Mal seine privaten Räume, um einen Rundgang durch die Gänge von Hogwarts zu machen.

Mit einem dumpfen Klacken schloss sich die Tür hinter ihm.
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