DuWillstEsDochAuch

GeschichteRomanze / P18
Dero
19.03.2019
11.09.2019
32
55860
5
Alle Kapitel
55 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
„Hast du Spaß, Kleines?“

Diese Stimme… verfolgte der Kerl mich etwa?

Gunnar hinter mir rutschte vom Schreibtisch herunter, trat neben mich und sagte: „Vikka, darf ich dir Dero Goi vorstellen? Er ist…“

„Musiker.“, sagte ich atemlos.

„Oh.“, meinte Gunnar und sah mich von der Seite an. „Ihr kennt euch?“

„Das… kann man so nennen.“, murmelte ich und schielte in Richtung Bar. Was würde ich jetzt nicht um einen weiteren Scotch geben, um diesen… ja, wirklich Schock zu verarbeiten! Und dass mein Herz dabei wie wild klopfte, war nicht sonderlich hilfreich.

„Woher?“

„Was?“

„Woher ihr euch kennt.“, lächelte Gunnar mich freundlich an.

„Von…“

„Über gemeinsame Bekannte.“, fiel Dero mir ins Wort und nippte an dem dunklen Rotwein, den er in der Hand hielt.

Gunnar musste lachen. „Doch nicht etwa Oliver? Er kennt wirklich jeden!“

Verlegen strich ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sah zu Boden. Aber wieder war es Dero, der antwortete: „Tatsächlich kennen wir beide Oliver, aber haben uns nicht über ihn kennengelernt. Es war vielmehr eine… gemeinsame Freundin, die uns bekannt gemacht hat.“

Mein Blick, den ich ihm zuwarf, musste missbilligend aussehen, denn Dero verstummte, erzählte nicht weiter.

„Interessant! Stimmt das, Vikka?“, wandte Gunnar sich wieder an mich und ich nickte. „Und in welchem Verhältnis steht ihr beiden zueinander, wenn ich euch so betrachte?“

Augenblicklich setzte mein Herz einen Schlag aus. „Wie… was meinst du?“

„Naja, ihr seht euch nicht einmal richtig an.“, meinte Gunnar. „Und wenn doch, dann ist da eine… gewisse Spannung zwischen euch.“ Ich biss mir auf die Zunge. Er war Regisseur, ein sehr guter sogar, und natürlich beobachtete er alles, was um sich herum geschah. Er konnte in Menschen lesen denn davon lernte er für seine Arbeit hinter der Kamera. Und ich hatte das mal wieder nicht verstanden.

Und Dero? Der räusperte sich, sagte dann aber nichts und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas. Und irgendwie machte mich das auf eine gewisse Art und Weise aggressiv.

„Was?“, fragte ich ihn, stemmte die Hände in die Hüften und legte den Kopf leicht schief, betrachtete ihn. „Was möchtest du sagen?“

„Nichts.“, meinte Dero nur und blickte zwar auf, sah aber durch mich hindurch. „Überhaupt gar nichts.“

Etwas in meiner Brust loderte stechend auf.

„Habe ich… etwas Falsches gesagt…?“, sagte Gunnar vorsichtig und es war klar, dass ihm diese Situation unangenehm war. Dann beschloss er wohl, dass es besser war, die Szenerie in sich abkühlen zu lassen. Er entschuldigte sich bei uns mit dem Vorwand, sich noch etwas zu essen holen zu wollen und verließ die Bibliothek.

Ich holte tief Luft. „Kann ich dich kurz sprechen?“

Dero zuckte gelangweilt mit den Schultern, folgte mir dann aber hinaus in den Gang. Am Ende des Flurs, daran konnte ich mich noch gut erinnern, führte eine Treppe hinunter in den Weinkeller und die Küche. Und in den letzteren Raum führte ich ihn nun.

Die Küche war leer, nur vereinzelte Speisereste und ein paar ungespülte Schüsseln standen noch herum, doch das interessierte mich in diesem Moment herzlich wenig.

„Was sollte das da oben?“, fuhr ich Dero direkt an, sobald er die Tür geschlossen hatte.
Er drehte den Kopf zur Seite und betrachtete mich aus den Augenwinkeln. „Was sollte was?“

„Deine Andeutung schon wieder!“, rief ich und spürte, wie mein Puls in die Höhe schoss, weil er so uninteressiert reagierte. „Dieses Räuspern, was soll das?“

Er zuckte wieder nur mit den Schultern und lehnte sich gegen eine Theke direkt hinter sich. „Das war nur ein ganz normales…“

„War es nicht! Du hast… verdammt, weißt du überhaupt, wer das war??“

Sein Nicken machte mich nur noch wütender. „Gunnar Argnusson war das, ein skandinavischer Regisseur.“

„Genau! Mit dem ich Kontakt knüpfen wollte, da wäre vielleicht eine Kooperation herausgesprungen, aber du hast mich wie einen vollkommenen Idioten aussehen lassen!“

Er hob eine Augenbraue. „Niemand hat dich wie einen Idioten aussehen lassen. Du warst diejenige, die kein vernünftiges Wort mehr herausbekommen hat.“

War das sein Ernst? Beleidigte er mich hier gerade?

„Dann lass mich hier dämlich aussehen, hier sieht es zumindest niemand!“, kochte ich vor Wut. „Scheiße, was ist dein verdammtes Problem??“

Dero blieb ruhig. „Ich habe kein Problem.“

Da explodierte ich. Mit großen Schritten stiefelte ich auf ihn zu, ignorierte, dass ich in meiner Rage eine Schüssel streifte und sie zu Boden warf und baute mich vor ihm auf.

„Und ob du ein Problem hast…!“, zischte ich. „Du behandelst mich wie das letzte Stück Dreck! Du behandelst mich von oben herab, seit du mich von Idas Junggesellinnenabschied abgeholt hast, dann bist du über mich hergefallen und es hat dich nicht einmal ansatzweise interessiert, dass du mir gegenüber zuvor so kalt warst! Du redest mit mir wie mit einem Kleinkind und führst dich auf wie der größte, aufgeblasene Gockel, den ich je erlebt habe!!!“

Wieder sagte er nichts.

„Und nach der Waldgeschichte habe ich nichts von dir gehört, gar nichts! Davor hast du mich beinahe täglich belagert, und…“

„Belagert?“, knurrte er und seine Augen flammten auf. „Belagert? Mach jetzt mal langsam, Kleines, als ob du das nicht gewollt hättest!“

„Nenn mich nicht Kleines!“, brüllte ich auf einmal und war über mich selbst erschrocken, vor allem als er kaum merklich zusammenzuckte. Aber nichts konnte mich stoppen. „Lass es sein! Du machst mich wahnsinnig damit!“

„Beruhige dich, Kl… Vikka.“, korrigierte er sich schnell, stellte sich aufrecht vor mir hin und erst jetzt fiel mir auf, dass er einen halben Kopf größer war als ich. „Ich glaube eher, dass du ein Problem hast.“

„Ja!“, schrie ich und hieb mit der flachen Hand neben ihm auf die Theke. „Ja, ich habe ein Problem, und zwar mit dir! Und ich sage dir was, im Gegensatz zu dir rede ich darüber! Ich verstehe dich nicht, von Anfang an nicht! Was willst du eigentlich von mir? Was bin ich denn anderes für dich als jemand, den man eben mal anruft, wenn du wieder Bock auf Sex hast? Du näherst dich mir an, das kann ich nicht leugnen. Wir vögeln, wir schlafen zusammen ein, wir sitzen in meinem Bett und trinken Kaffee, Wein, essen Pizza, und danach behandelst du mich, wie eine Aussätzige! Und ich verstehe nicht, warum du das tust!“

Er sagte nichts. Einfach nichts. Sah mich nur mit einer ausdruckslosen Mimik an. Und sagte überhaupt nichts.

„Was ist, hast du denn überhaupt nichts dazu zu sagen? Oder hat es dir die Sprache verschlagen?“

Als Antwort verschränkte Dero die Arme. „Ich rede mit dir, wenn du aufhörst, mich anzuschreien.“

„Warum denn? Ich dachte, du stehst darauf, wenn ich schreie!“

Er seufzte. „Das ist jetzt völlig aus dem Kontext gerissen, und das weißt du…“

„Nein! Es passt genau zu dem, um das es hier geht! Alles, was uns verbindet, ist der Sex, mehr nicht! Und eines will ich damit klarstellen. Du widerst mich an. Du widerst mich so sehr an, deine Art widert mich an, dein…“

Da packte Dero mich auf einmal an den Schultern, hielt mich fest und knurrte: „Ich sage es dir noch ein letztes Mal, Vikka. Fahr endlich runter. Vorher werde ich nicht auf deine Vorwürfe reagieren und…“ Er stolperte urplötzlich zurück.

Meine rechte Hand glühte. Ohne dass ich weiter nachgedacht hatte, hatte ich ihm eine schallende Ohrfeige verpasst. Schwer atmend blickte ich von meiner Hand zu ihm. Deros Augen waren weit aufgerissen und langsam wandte sich sein ungläubiger Blick wieder mir zu.

„War das… gerade dein Ernst…?“, keuchte er und etwas blitzte in seinen Augen auf. Ich wich einen Schritt zurück.

„Du… du hast mir wehgetan, verdammt…!“, fluchte ich, konnte aber selbst nicht fassen, was ich gerade eben getan hatte.

Da wurde sein Blick weich und leise murmelte er: „Sorry. Das… wollte ich wirklich nicht. Aber du bringst mich gerade wirklich zur Raserei und das…“

„Ach ja? Ich habe eher das Gefühl, dass es dich überhaupt nicht interessiert, was ich dir gerade um die Ohren geworfen habe.“, stöhnte ich und spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen. Dann kullerten mir auch schon die ersten über die Wangen. „Ich will dich verstehen, Dero. Ich will, dass du mit mir redest. Dass du… mich gleichwertig behandelst und nicht wie ein Spielzeug, das man immer nur dann hervorholt, wenn man gerade Lust darauf hat…!“

Dero sah mich an. Und etwas geschah in ihm. „Es ist nicht meine Intention, dir weh zu tun, Vikka. Das ist das allerletzte, was ich vorhabe.“

„Du tust es aber. Und es macht mich kaputt. Ich habe keine Ahnung, wohin das führen soll, und ich…“ Meine Tränen erstickten meine Stimme und ein Krampf schüttelte mich, als ich all diese Gefühle endlich aus mir heraus lassen konnte. Dann spürte ich, wie er mich umarmte und fest an sich drückte.

Kurz ließ ich es geschehen. Dann schob ich mich von ihm weg, wischte mir mit dem Ärmel die Tränenflüsse so gut wie möglich fort und murmelte: „Lass das sein. Bitte. Ich…“ Ich schluckte schwer. „Ich will das nicht mehr.“

„Vikka, ich…“

„Nein.“, sagte ich bestimmt. „Ich habe so lange darüber nachgedacht. Über alles, was seit dem Moment passiert ist, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe. Und ich bin zu einem Schluss gekommen, an den ich bis vor kurzem nicht einmal ansatzweise gedacht habe.“

„Vikka, lass uns in Ruhe darüber reden.“, suchte Dero meine Aufmerksamkeit, aber ich winkte nur ab.

„Meine Entscheidung ist gefallen. Ich weiß, ich war und bin für dich nicht mehr als nur ein wenig Spaß zwischendurch. Wer weiß, ob du in all den anderen Städten, in denen du bist, nicht auch noch andere Frauen hast. Die nur darauf warten, dass du sie anrufst, wenn du in der Nähe bist. Denen du teuren Rotwein spendierst und Lieferboten ihr Essen abschwatzt, nur um falsche Erwartungen zu wecken.“

Ich konnte ihn nicht ansehen, starrte zu Boden. Das war feige und ich wusste das. Aber zu oft hatten mich seine Augen beeinflusst, sein Lächeln umgarnt und seine Worte berauscht. Aber ich war auch stolz auf mich, endlich den Mut aufzubringen zu sagen, wie es in meinem Inneren aussah.

„Du bist… nur verwirrt.“, sagte er.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin so klar wie schon seit Wochen nicht mehr. Und meine Entscheidung ist… endgültig.“

Langsam sah ich endlich auf. Dero sah aus, als sei etwas in ihm zerbrochen.

„Hör mir… hör mir zu.“, sagte er. „Lass uns von hier verschwinden und wir suchen uns einen ruhigen Ort. Und dann reden wir. Über alles, was du willst.“ Sein Blick flehte mich geradezu an. Seine Körpersprache wirkte dagegen unendlich verkrampft.

Ich seufzte tief. Neue Tränen arbeiteten sich meine Augen empor und ein unangenehmes Gefühl schnürte mir die Brust zu. „Nein. Ich will nicht mehr reden. Wir haben schon geredet. Mehr als einmal. Und ich dachte immer kurz, du würdest dich mir öffnen. Ehrlich zu mir sein. Aber immer, wenn dieser Moment ganz kurz aufleuchtete, hast du ihn wieder weggesperrt, irgendwo in dir drin.“

Ich wandte mich um, erwartete nicht, dass er noch irgendetwas sagen würde. Und tatsächlich. Wie es zuvor schon gewesen war, folgte er mir auch jetzt nicht. Als ich die Türklinke in die Hand nahm, schien er jedoch zu kapieren, was hier vor sich ging.

„Ich weiß, ich kann dir nicht das sagen, was du hören willst. Aber höre in dich hinein. Dann wirst du verstehen. Du gehörst mir, Vikka. Mir und niemand anderem.“

Mit einem müden Lächeln drehte ich mich ein letztes Mal um.

„Jetzt nicht mehr.“
Review schreiben