Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Unverhofftes Wiedersehen

GeschichteLiebesgeschichte / P12
Bibi Blocksberg
18.03.2019
18.03.2019
1
1.195
2
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
18.03.2019 1.195
 
Meine Hände zitterten, mein Atem ging stoßweise. Ein Schluchzen entfuhr meiner Kehle und rasch schlug ich mir die Hand vor den Mund. Bibi durfte nicht wissen, was los war. Wut und Schmerz rangen in meinem Kopf, aber keiner gewann die Oberhand. Wut darüber, dass meine Nichte nichts besseres zu tun hatte, als sich an fremdem Eigentum zu vergreifen. Schmerz wegen... wegen Friedrich. Und dann kam ausgerechnet jetzt Besuch. Das Letzte, was ich jetzt brauchte, war Besuch. Vor allem war nun alles ruiniert. Ich starrte in dem Spiegel über der Kommode, das Makeup verlaufen, die Augen gerötet und jede Falte wie in Stein eingekerbt.
Ein Tränentropfen verließ mein Kinn und fand den Weg auf meinen Pullover. Niemals würde ich aufhören ihn zu vermissen, 30 Jahre lange hatte ich das getan. Mein klopfte schnell, als ich daran dachte wie er mir immer die Hand geküsst und mir dann tief in die Augen gesehen hatte. Oft hatten wir uns nicht gesehen, aber so war es eben. Er ständig auf hoher See und ich allein, wartend. Ich schleppte mich ins Bad, um das Schlachtfeld auf meinem Gesicht zu beseitigen. Nochmal schminken würde ich mich wohl nicht, vorsichtshalber. Ach, Friedrich. Wenn du nur hier wärst. Ich schaffte es kaum das Taschentuch zu halten, mit dem ich mir über die Augen rieb. Und Bibi wusste sicher Bescheid. Wie hatte sie es nur wagen können in meinen Sachen rum zu schnüffeln. Jetzt wusste sie was für eine tattrige, alte, schwache Frau ich war und die einem längst gestorbenen Mann nachweinte. Ich konnte dem Alter nicht davon rennen, genauso wie der Tatsache, dass mein gebrochenes Herz wohl nie heilen würde. Egal, wie sehr ich es versuchte, mich abzulenken. Andere Männer hatten mir nicht das geben können, was er hatte. Ich dachte immer nur an Friedrich, sein Lächeln, seinen Charme, seine Augen, seine Großzügigkeit und daran, dass ich mich wie die glücklichste Frau der Welt gefühlt hab, als ich in seinen Armen lag.  Leben, irgendwie leben ohne ihn. Nach außen hin die Starke, Unerbittliche sein.

Ich hasste es, ich hasste es auf Bibi aufpassen zu müssen. Ich hasste es, dass mein Bruder glücklich war und ich nicht. Irgendwie überleben. Nach den Augen wischte ich mir nun den verschmierten Lippenstift weg. Diese Frau im Spiegel, die es nicht schaffte diesen einen Mann zu vergessen. Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen, er war eben der eine gewesen. Dem Lächeln folgte ein Seufzen, dann das Eingeständnis. So ging es jeden Tag. An ihn denken, erinnern, wissen. Wissen, dass er tot war und nicht wieder kommen würde. Ich spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht. "Luisa!", sagte ich streng zu mir selbst. "Reiß dich gefälligst zusammen." Ich hatte weder Hunger auf Kuchen, noch die emotionalen Ressourcen Bibis Freund kennen lernen zu wollen.

Wieso hatte ich ihr das erlaubt? Wieso tat ich das hier überhaupt? Wenn Bernhard nicht eine Stunde lang auf mich eingeredet hätte, wäre alles gerade viel schöner. Ich atmete tief durch. Der Tisch war gedeckt, das Bad war im Schnellverfahren geputzt worden, die Wäsche war in den Schrank geräumt und die Küche blitzblank. Alles wirkte also nach außen hin absolut kontrolliert, wie es sein sollte. Bibi war in der Küche und legte noch Gaben zurecht. Ich überprüfte nochmal mein Aussehen und gesellte mich dann zu ihr. Nachdem ich ihr eingeschärft hatte sich zu benehmen und ich überraschenderweise von ihr für mein Aussehen und mein Parfüm komplementiert worden war, riss mich das schrille Geräusch der Klingel aus dem Gedanken an Friedrich, wie er mir das Parfüm einst geschenkt hatte. Ich schickte Bibi die Tür zu öffnen und stellte mich in den Flur.

Stark sein, nur für eine Stunde, vielleicht auch für mehr. "Guten Tag", war das erste, was ich von dem Herren hörte, der nun in der geöffneten Tür stand. "Bin ich hier richtig bei Blocksberg?". Die Stimme kam mir bekannt vor, sie rüttelte an etwas in meinen Gedanken. Diese Stimme, ich kannte sie, aber woher. "Ja, ganz richtig. Ich bin Bibi", erwiderte meine Nichte. "Da drin, das ist Tante Luisa, kommen Sie bitte herein." Als Bibi zur Seite trat, konnte ich ihn richtig sehen. Dieses Gesicht, die blitzenden Augen. Ich musste schlucken, mein Herz fing an zu rasen. Das konnte nicht sein. Wie? Sollte das ein schlechter Scherz von Bibi sein. Sie wusste schließlich, wie er aussah..  In den Händen trug er einen Strauß Rosen. "Frau Blocksberg?", fragte er vorsichtig. Er klang sehr nervös und der norddeutsche Akzent wollte nicht in das Bild passen, welches die Situation für mich abgab. "Kommen Sie nur näher, Herr, äh...aber." Als er näher trat wusste ich es, es gab keinen Zweifel. Er war es, die Stimme, der beschwingte Gang, die breiten Schultern und das verschmitzte Lächeln, welches aber gerade eher einen vorsichtigen Anklang hatte.

Wie? Wie konnte er noch am Leben sein? 30 Jahre lang hatte ich um ihn geweint und jetzt stand er einfach da? Ohne Vorwarnung. Tausende Gedanken prasselten auf mich ein, ich verstand nicht. Ich konnte es einfach nicht verstehen. Meine Knie wurden weich und in meinem Bauch schien sich ein Loaufzutun. "Bergmann, Friedrich Bergmann." Er sah mich an und ein herzliches Lächeln entstand auf seinemch  Gesicht, auf diesem unfassbar schönen Gesicht. "Luisa." Er war es. Tränen traten mir in die Augen. Ich konnte ihn nur an starren.

"Ich.. kennst du mich nicht wieder?". Natürlich erkannte ich wieder. Alles in mir war in Aufruhr. Freude, Verwirrung, Wut, alles wirbelte umher, ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. "Ah, Friedrich.. B....b... Bergmann. Friedrich! Friedrich!". Ich konnte es nicht glauben. Wie sollte ich es denn auch glauben? Ich wiederholte seinen Namen, als würde ich ihn und die Situation so besser fassen können. Ihn umarmen, ihn ansehen. Ich musste ihn berühren, wissen, dass er echt war. "Luischen." Ich musste Lächeln und es fühlte sich an, als würde ich dies seit 30 Jahren wieder das erste Mal richtig tun. Sein alter Kosename für mich. "Och, komm in meine Arme." Ich stolperte ihm entgegen. Nie wieder wollte ich ihn loslassen. Er war wieder da, bei mir und als ich ihn umarmte, als ich seine Nähe spürte, seinen Geruch in mich aufnahm, war es so, als wären die letzten 30 Jahre nie gewesen.

"Lass dich küssen." Und wir küssten uns. Ich hatte vergessen, dass Bibi noch irgendwo im Raum war. Sie zählte nicht, nichts zählte. Außer Friedrich und ich. Der Kuss war frisch, minzig, aufregend, neu und vertraut. Mein Inneres, das sowieso schon in Aufruhr gewesen war, bäumte sich auf, wie sich streitende Kobras. Mit geröteten Wangen und heftig atmend löste ich mich von ihm und sah mich um. Bibi war nicht mehr da, wahrscheinlich war sie zu Micha verschwunden. Das war auch gut so. Friedrich lächelte mich warm an. Ich war glücklich, mein Herz hämmerte, meine Hände fanden seine. "Ich dachte, du warst tot", flüsterte ich. "Das dachte ich auch von dir", erwiderte er traurig. "Aber jetzt erzähl mir, was in den letzten 30 Jahren geschehen ist. Ich will alles wissen."
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast