Sündenfall

KurzgeschichteDrama / P18
18.03.2019
18.03.2019
1
1920
2
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
 
"Atme endlich, du gottverdammter Bastard!"
Eto keuchte angestrengt.
Furutas kaputten Körper zur Regeneration zu zwingen war schwieriger, als gedacht. Sie hatte fast keine Kraft mehr. Hatte Unmengen von ihren RC-Zellen in ihn gepumpt. So viele, bis ihr selbst beinahe schwarz vor Augen geworden wäre.
Die Ausläufer ihrer Kagune hatten sich gewaltsam zwischen seine Rippen gebohrt. In seine Oberschenkel, seinen Hals und in den Bauchraum. Es musste von Außen so aussehen, als würde sie versuchen ihn zu töten.
Natürlich würde es das.
Immerhin war sie die einäugige Eule. Ihre einzige Motivation zu handeln bestand daraus zu zerstören. Alles. Alles, was auf dieser verdorbenen Welt wandelte.
Insbesondere, wenn es sich um einen Washuu handelte.
Eto hasste Furuta wirklich mit jeder Faser ihres Körpers. Es hatte sie krank gemacht, ihn ansehen zu müssen. Seine Stimme zu hören. Zu sehen, wie er sich bewegte oder was er sagte. Sie hätte so viel dafür gegeben ihn auszulöschen, sein wertloses Leben zu beenden - doch als sie ihn gefunden hatte, zusammengesunken an einer Wand gelehnt, dem Tod viel näher als dem Leben - da war dieser Wunsch plötzlich verschwunden und hatte nichts als Leere hinterlassen. Eine unvorstellbare, allumfassende Leere. Eto hatte noch nie so empfunden. Es hatte eigentlich immer grenzenlosen Hass in ihrem Inneren gegeben - und das war auch ihr einziger Antrieb gewesen. Sie brauchte diesen Hass wie die Luft zum Atmen. Ohne ihn fühlte sie sich schrecklich verloren.
Nun, da es sowohl die Washuus, als auch V nicht länger gab, wirkte alles sinnlos auf sie.
Eto hatte diesen Tag so oft herbeigesehnt. Hatte ihn sich in den verschiedensten Farben ausgemalt. Aber jetzt... Jetzt war da keine Freude über diesen Triumph. Einfach nichts war geblieben. Nichts. Gar nichts.
Deswegen konnte sie Furuta nicht gehen lassen. Sie brauchte ihn. Ja, sie brauchte etwas, um ihren Hass wieder zu nähren.
Furutas Haut war bereits eiskalt gewesen, als sie ihn fand. Sie hatte es kaum über sich gebracht ihn zu berühren.
Ihre Fingerspitzen hatten erst über seine Wange gestrichen, dann über seine Hände und seinen Hals - alles kalt.
Aber einen Puls hatte sie noch gespürt.
Ganz schwach.
Sofort hatte Eto seinen Körper zur Seite gekippt, ihn vor sich auf den Boden gelegt.
Seine Wunden mussten tief sein, seine Kleidung war von Blut durchtränkt, aber es kam fast kein neues mehr nach. Als wäre er bereits ausgeblutet.
Seine schwarzen Haare waren strähnig und hingen ihm wirr ins Gesicht. Eto hatte sie ihm nach hinten gestrichen, bevor sie die Ausläufer ihrer Kagune ihn ihn rammte.
Furutas Zustand war so schlecht, dass sie mittlerweile allerdings daran zweifelte ihn noch retten zu können. Er atmete kaum noch.
Vielleicht, wenn sie etwas früher gekommen wäre.
Er rührte sich noch immer nicht, sein Körper reagierte einfach nicht auf ihre Zellen.
"Wag es nicht jetzt ernsthaft abzukratzen", zischte Eto und biss verärgert die Zähne zusammen, "Du stirbst gefälligst erst, wenn ich dir die Erlaubnis dazu geben, du dreckiger Mistkerl!"
Eto krallte ihre Finger in seinen schwarzen Anzug. Der Stoff war so sehr in Mitleidenschaft gerissen worden, dass er sich schmierig und unnatürlich dünn anfühlte.
Sie wusste nicht, wie lange sie so verharrte, aber irgendwann fing es an zu regnen.
Die ersten Tropfen nahm Eto gar nicht wahr, erst als der Starkregen einsetzte, der in ihren Ohren rauschte und sie bis auf die Knochen durchnässte.
Trotzdem wich sie nicht von seiner Seite. Aufgeben kam für sie erst in Frage, wenn Furuta ihr ohne jeden Zweifel durch seinen Tod entkommen war. Zumindest hielt sie seinen Zustand irgendwie konstant. Sein Herz schlug noch. Es war anderes als bei Noroi. Sie würde keine willenlos Leiche zurückholen.
"Komm schon", murmelte Eto. Immer und immer wieder.
Die klammen Finger unverändert in seine Kleidung vergraben, hockte sie neben ihn.  
Der Kampf, der hier getobt hatte, war schon lange vorbei. Kaneki Ken und seine Freunde waren fort. Das Schlachtfeld, welches sie hinterlassen hatten lag still dar.
"Wach auf und seh deiner Niederlage ins Gesicht, du Feigling..."
Das sich Furuta so hartnäckig an den Tod klammerte... Aber auch sie hatte Ausdauer. Sie hatte verdammt viel Ausdauer...
Diesen Kampf würde sie nicht gegen ihn verlieren.
Dieses Mal nicht.
Eto verlor ihr Zeitgefühl.
Es mochte eine halbe Stunde gewesen sein oder auch mehrere volle Stunden.
Das einzige, was sie sicher sagen konnte war, dass es noch immer in Strömen regnete.
Furutas Hand zuckte.
Die Bewegung war so minimal, das man sie leicht hätte übersehen können.
Doch Eto registrierte sie sofort.
Ohne zu zögern erschuf sie einen neuen Ausläufer und durchstieß seinen Leib ein weiteres Mal.
Vielleicht war es nur Einbildung, aber sie glaubte das Furutas Herzschlag tatsächlich ein wenig kräftiger geworden war.
Endlich. Endlich zeigten ihre Bemühungen Wirkung.
"Hab ich dich...", kicherte Eto und musste sich beherrschen, um ihn nicht am Kragen zu packen und zu sich hoch zu ziehen. "Hab dich, hab dich, hab dich... Du hast verloren! Versagt! Nicht einmal sterben kannst du richtig!" Etos Stimme klang heiser und vermischte sich mit ihrem Gelächter.
"Los, sieh es dir an! Sieh dir an, wer so gnädig ist dein erbärmliches Leben zu retten!"
Natürlich konnte er sie nicht hören.
Nichts von dem, was sie sagte.
Es dauerte noch eine gefühlte Ewigkeit, bis sich sein Körper schließlich aufbäumte. Furutas Lider flatterten und er gab ein Geräusch von sich, als würde er auf der Stelle wieder ersticken.
Eto drehte ihn eilig auf die Seite, riss ihre Ausläufer aus seinem Körper und versuchte ihn irgendwie dabei zu unterstützen, das Blut und die Gewebsflüssigkeit aus seinen Atemwegen abzuhusten.
"Scheiße ja... Atme. Atme... so ist gut..."
Furuta war nicht bei Bewusstsein. Er schien sie nicht wahrzunehmen, aber sein Körper kämpfte jetzt wieder selbstständig darum am Leben zu bleiben.
Als sie sicher sein konnte, dass er ihr nicht jeden Augenblick wieder entgleiten würde, erlaubte sie es sich ein wenig auszuruhen.
Beobachtete zufrieden, wie Furuta vor ihr versuchte nicht doch noch an dem schleimig-blutigen Gemisch aus seinen Lungen zu ersticken.
Einen Arm hatte er schützend um seinen Bauch geschlungen, die Beine an den Körper gezogen und eine Hand auf den nassen Grund gepresst, als hätte er bereits vor sich aufzurichten.
Es wäre so unglaublich einfach, ihn jetzt doch in die ewigen Jagdgründe zu schicken.
Sie bräuchte nicht einmal ihre Kagune dafür.
Die Gestalt, die sich da so jämmerlich vor ihr auf dem Boden wand, wie ein ekelhafter Wurm, war dermaßen widerlich, dass Eto ernsthaft in Erwägung zog ihn eigenhändig zu töten.
Stattdessen legte Eto jedoch den Kopf in den Nacken und schloss ihre Augen.
Sie war eine verfluchte Göttin.
Ja, das war sie.

Eine Göttin.

Sie konnte entscheiden wer starb und wer noch leben durfte.
Furuta sollte ewig vor ihr auf den Knien rutschen und ihr dankbar sein, dass sie wertlosen Abschaum wie ihm überhaupt ihre Aufmerksamkeit schenkte. Energie an ihn verschwendete.

"Tze", machte Eto abfällig, als Furuta endlich  aufhörte krampfhaft zu husten.

"Jemand wie du ist es eigentlich gar nicht wert... Weiß auch nicht, welcher Teufel mich da geritten hat."

"E...to?"

Seine Stimme war lediglich ein erschöpftes Krächzten.
Sie zuckte, weil er beinahe klang wie ihr Vater. Damals, als er halbtot vor ihr auf den Boden gelegen und aus fast geschlossenen Augen zu ihr aufgesehen hatte.

Ungläubig und unglücklich.

War klar das dieser Bastard keinen Funken Dankbarkeit im Leib hatte.

"Ja, Eto", wiederholte sie klar und deutlich.
"Na, hast du kleine Made mich vermisst?"

"Nicht... wirklich...", presste Furuta angestrengt hervor, bevor er wieder zu husten begann.

"Dachte ich mir", erwiderte Eto nur vergnügt.

"Was ist passiert? Wo ist... Wo ist Kaneki?"

"Kaneki?", wiederholte Eto milde überrascht. Das er ausgerechnet nach ihm fragte...
"Hat er dich etwa zum Sterben zurückgelassen?"

Ganz genau wie sie damals. Kaneki, der strahlende Held, die ach-so-gute Seele.
Derjenige, der alle selbstlos retten wollte. Alle, außer sie beide offensichtlich.

Sie erhielt keine Antwort darauf.
"Meine Güte... siehst du vielleicht scheiße aus", lachte Eto boshaft, als sie sich vergewissert, dass er überhaupt noch bei Bewusstsein war.

Furuta atmete flach. Er hatte die Augen zwar noch halb geöffnet, aber war selbst zu schwach dafür, ihr verbal etwas entgegen zu setzten.
Tatsächlich sah es danach aus, als würde er jeden Moment wieder einschlafen. Sie bezweifelte, dass er ihre Beleidigung überhaupt richtig mitbekommen hatte.
Wie enttäuschend.
Es machte einfach keinen Spaß ihn anzugreifen, sei es körperlich oder mit Worten, wenn er sich nicht wehren konnte.
Vermutlich musste sie sich noch ein wenig gedulden und ihm etwas Zeit geben, um sich zu erholen. Zumindest soweit, dass er vernünftig mitbekam, was um ihn herum passierte.
"Hey!"
Eto legte den Kopf schief und trat gegen Furutas Schulter. Die Bandage um ihren Fuß war locker, nass und schmutzig. So wie all die anderen, die ihren nackten Körper kaum verhüllen.
"Nicht wieder einpennen! Komm schon, gib dir mal ein bisschen Mühe! Ich hab dich doch nicht gerettet, damit du weiterhin toter Mann spielst."
Keine sichtbare Reaktion und nach einer kurzen Zeit, fielen Furuta schließlich endgültig die Augen zu.
Aber er atmete noch. Gut. Sie musste sich wohl fürs erste damit zufrieden geben, dass er  nicht vollkommen kollabierte. Sie hätte nicht erwartet, dass Furuta so fragil war und bei der erst besten Gelegenheit in seine Einzelteile zerbrach. Nicht, nachdem es ihm gelungen war, sie zu Fall zu bringen. Aber jetzt lag vor ihr wahrhaftig ein Häufchen Elend. Und das sie nicht der Grund für seinen Zustand war, ärgerte sie noch zusätzlich.
"Du machst wirklich nichts als Ärger... Verdammter Washuu...", murmelte Eto missmutig. Unschlüssig blieb sie einen Augenblick regungslos sitzen. Der Boden unter ihr war kalt und unangenehm feucht.
Lange konnten sie nicht mehr hier bleiben, so viel war klar.
Immerhin war der Kampf vorbei.
Es war wohl an der Zeit, das Schlachtfeld zu verlassen.
Ein Gedanke, mit dem sich Eto absolut nicht anfreunden konnte.
Leben ohne Krieg... Ohne Tag für Tag kämpfen zu müssen... Das war vollkommen unvorstellbar für sie.
Aber Aogiri hatte sich zerstreut, die CCG existierte nicht länger, V und die Washuus waren ausgelöscht - ja, die Welt stand zwangsläufig vor einem Wandel. Es würde sich nun alles ändern. Absolut alles...
Eigentlich war genau das einmal ihr Ziel gewesen, aber jetzt... Es fühlte sich nicht an, als hätte sie ihr Ziel erreicht, sondern alles verloren.
Merkwürdig... Sie war nicht zufrieden mit diesem Ausgang, konnte nichts Positives daran finden, ganz egal wie lange sie auch darüber nachdachte.
Aber immerhin hätte Arima nun seinen Frieden gefunden. Schade, dass er nicht mehr sehen konnte, was aus dieser Welt geworden war.
Eto lächelte bitter.
Wie unfair...
Nun ja, zu ändern war es wohl leider nicht.
Sie erhob sich, starrte auf Furuta hinunter und überlegte, ob sie ihn einfach hier liegen lassen sollte.
Aber der Gedanke war nur flüchtig und nicht wirklich ernst gemeint.

Sicherlich würde sie einen Weg finden, diese widerliche Leere irgendwie auszufüllen. Sicherlich.