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The Cowboy and the Blues

GeschichteThriller, Liebesgeschichte / P18 / Gen
18.03.2019
16.12.2020
23
61.112
8
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27.03.2019 2.346
 
Die erste Woche kroch träge dahin wie eine aus dem Winterschlaf erwachte Schlange.
Arthur fühlte sich nutzlos, ausrangiert – und in seinem Inneren erstarkte ein ihm bisher unbekanntes Gefühl. Es war Heimweh.
Die Menschen in dieser Zukunft sprachen und kleideten sich nicht nur anders, es schien Rituale und Alltäglichkeiten zu geben, die er nicht kannte. Er hatte immer geglaubt, er wäre in seiner Welt Außenseiter, doch das war nichts im Vergleich zu dem hier.
Natürlich gab es auch Entwicklungen, die praktisch waren und die er verstand. So konnte man sich an Toiletten im Haus gewöhnen, ebenso wie an Hosen, die Träger überflüssig machten. Aber es gab so viel, mit dem er nicht umgehen konnte und was er auch nicht verstand. Da waren zum Beispiel diese rechteckigen Dinger, die nahezu jeder mit sich herumzutragen schien. Selbst die kleine Grace konnte sie problemlos bedienen, nur er schien nichts davon zu verstehen, egal wie oft oder lange er es versuchte.

Jetzt im Augenblick lag Grace auf dem Boden des Wohnzimmers und zeichnete etwas in einen Block.
Ihre Mutter war – wie so oft – arbeiten und hatte ihre Tochter in der Obhut Arthurs und Francis‘ gelassen. Francis war tatsächlich nicht ihr Vater, doch er und Emily führten eine glückliche Beziehung. Es war in der Zukunft also nicht mehr unsittlich, mit dem Menschen, den man liebte, zusammenzuleben, auch wenn man nicht verheiratet war. Das hätte Arthur so einiges ersparen können.

Ein Seufzen erklang von Grace.
„Was hast du?“, fragte Arthur, der gern aushalf, um sich nicht gänzlich unnütz zu fühlen.
„Wir müssen in der Betreuung ein Bild malen. Die besten bekommen einen Preis. Aber ich kriege es einfach nicht hin.“
„Komm mal her.“
Grace erhob sich vom Boden und kam mit dem Block unterm Arm zu ihm.
„Was müsst ihr denn zeichnen?“
„Unser Lieblingstier. Ich wollte ein Pferd malen, aber ich schaffe es einfach nicht.“
„Ein Pferd also. Vielleicht kann ich dir da ein bisschen helfen.“
Grace machte große Augen. „Kannst du gut zeichnen?“
„Nicht besonders, aber ein bisschen. Pass auf, wenn du mir ein bisschen Papier gibst, zeichnen wir zusammen. Was sagst du dazu?“

Grace war ein aufmerksames Kind. Sie hatte Spaß am Zeichnen und mit ein bisschen Anleitung brachte sie ein ganz passables Pferd aufs Blatt, das sie voller Stolz betrachtete.
„Da werden die anderen aber Augen machen.“ Sie lachte fröhlich. „Danke, Arthur.“
Arthur lachte mit ihr. Das war das Schöne bei Kindern; wenn sie lachten, dann lachten sie ehrlich.
Sie betrachtete seine Zeichnung und verglich sie mit ihrer. „Aber deine ist besser.“
„Ich hatte ja auch schon ein paar Jahre mehr Zeit zum Üben“, gab Arthur mit einem Lächeln zurück.
Grace rutsche auf dem Stuhl hin und her. „Meine Kunstlehrerin Miss Grimshaw sagt immer, ich könnte viel besser sein, wenn ich nicht ständig vor mich hinträumen würde.“
„Ich kannte auch mal eine Miss Grimshaw und die hat immer was ganz Ähnliches zu mir gesagt.“
Bei dem Gedanken an seine toten Gefährten wurde dem Cowboy das Herz schwer. Wer hätte geglaubt, dass er den alten Campdrachen mal vermissen würde?

Doch Grace duldete keine Trübsal. „Wenn Mommy heim kommt, zeige ich ihr mein Pferd“, verkündete sie.
„Wo ist eigentlich dein Daddy?“, wollte Arthur wissen und hoffte, dass er das Mädchen mit dieser Frage nicht in Verlegenheit brachte.
Sie hob nur die Schultern. „Ich kenne ihn nicht. Er ist weg, bevor ich geboren wurde.“
„Das tut mir leid.“
Ist nicht so schlimm. Mommy sagt, solange wir zusammen sind, brauchen wir niemanden sonst.“ Sie grinste. „Außerdem habe ich doch Francis. Der ist ein bisschen wie ein Daddy.“

Als hätte der Klang ihrer Stimme ihn herbeigerufen betrat Francis Sinclair durch die Terrassentür, seine Hände waren mit Erde beschmiert. Offenbar hatte er einiges an Gartenarbeit erledigt.
„Hey Gracie. Wenn du deine Lilien pflanzen willst, wäre jetzt der richtige Moment dafür.
„Au ja. Danke, Francis.“ Grace ließ alles stehen und liegen und flitzte in den Garten.
Der Rotschopf sah ihr nach. „Unglaublich, wie die Energie dieses Kindes niemals zu enden scheint.“ Er sah auf seine verschmutzten Hände. „Ich werde mich mal sauber machen. Hättest du Lust auf ein Bier?“
„Klar“ Arthur nahm die Einladung gern an. Nicht nur war die Aussicht auf ein kühles Bier an einem heißen Sommertag verlockend, Francis schuldete ihm noch immer eine versprochene Erklärung für das alles.

Während Francis sich von der Erde befreite, holte Arthur zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank (eine weitere nützliche Erfindung, wie er zugeben musste).
Emilys Gartentür führte nicht auf eine Veranda, sondern auf eine ebenerdige Terrasse, auf der eine Rattan-Sitzgruppe unter einem Sonnenschutz stand.
Die Männer setzten sich so, dass sie Grace dabei beobachten konnten, wie sie mit Schaufel und Händen Löcher in ein kleines Brett grub, um ihre Lilien zu pflanzen.
„Wie geht’s dir?“, fragte Francis nach Minuten des Schweigens.
„Besser“, antwortete Arthur und zu seinem eigenen Erstaunen entsprach das absolut der Wahrheit. Er fühlte sich besser, viel besser. Bis auf ein gelegentliches Husten war nicht mehr viel zu spüren von der Tuberkulose. Wer hätte das für möglich gehalten?
Doch im Moment interessierte ihn etwas anderes.

„Also“, begann er und sah Francis von der Seite an. „Die Schnitzereien im Felsen – haben die etwas damit zu tun, wie ich hierhergekommen bin?“
Francis seufzte. Er schien zu spüren, dass er diesmal nicht um eine Erklärung herumkam. „Ja“, bestätigte er. „Damit lassen sich die Tore zu den anderen Zeitebenen finden.“
Arthur unterbrach ihn mit einer Handbewegung. „Moment, Moment. Fang bitte vom Anfang an und erkläre es so, dass es auch ein ungebildeter Cowboy versteht.“
Francis schien zu überlegen, wo er beginnen sollte. „Pass auf, es gibt verschiedene Zeitebenen oder Dimensionen. Stell dir deine Zeit am besten als eine Art Kiste vor. Neben dieser Kiste gibt es noch unzählige andere, zum Beispiel die, in der wir jetzt sind.“ Er gestikulierte mit den Händen, um die Kisten darzustellen. „Manche dieser Kisten sind nun aber miteinander verbunden durch eine Art Tunnel…“
„Einen Tunnel?“
„Ja, oder ein Loch, wie immer man es nennen will. Weiß man, wo dieser Tunnel sich befindet, kann man von einer Kiste in die andere gelangen.“

Arthur nickte. So weit, so gut. „Aber wie hast du das bitte herausgefunden?“
„Gar nicht.“, entgegnete Francis verhalten und Arthur spürte, dass er sich einem wichtigen Punkt der Geschichte näherte.
„Zumindest nicht allein. Jemand hat mir davon erzählt.“
„Jemand?“
„Ja, jemand. Er hat mir seinen Namen nie genannt. Ich habe ihn auf einer Party kennengelernt und da hat er mir erklärt, wie man mithilfe der Felszeichnungen und deren Koordinaten die Position der Zeitlöcher bestimmt.“
Arthur sah ihn ungläubig an. „Er hat also gesagt: ‚Hey, Sie da drüben! Mir gefällt ihre Frisur, wollen Sie lernen, wie man durch die Zeit reist?“

Francis begegnete seinem Blick völlig ernst. „Ja, so ungefähr war das.“
„Und du hast ihm geglaubt?“
„Ich war jung und voller Träume. Und dumm.“ Bei den letzten Worten verfinsterte sich sein Gesicht. Der Cowboy brauchte nicht viel Fantasie, um sich den Grund dafür vorzustellen.
„Lass mich raten: Sein Motiv war nicht selbstlose Nächstenliebe?“
Einige Augenblicke verstrichen, bevor Francis antwortete; und sich des Pudels Kern von anderer Seite näherte. „Du bist doch so etwas wie ein Revolverheld, nicht wahr?“
„Ja, schon“, entgegnete Arthur. Revolverheld war schließlich ein dehnbarer Begriff.
„Warst du schon mal auf Kopfgeldjagd?“
„Gelegentlich“
„Sehr gut.“ Francis Sinclair drehte sich in seinem Stuhl und beugte sich zu Arthur hinüber. Jetzt kam wohl der verschwörerische Teil der Unterhaltung.

„Dieser Mann, der mir die Sache mit den Toren erklärt hat… Ich habe die Befürchtung, er ist ein Serienkiller. Er verschleppt Kinder und bringt sie in eine andere Zeit, um sie zu quälen und zu töten. Zumindest glaube ich das.“
„Wie kommst du denn darauf? Hast du ihn dabei erwischt?“
„Nicht direkt“, gab Francis zu. „Aber in den Zeitebenen, in denen er unterwegs ist, kommt es auffallend häufig zu äußerst brutalen Morden. Außerdem habe ich das Gefühl, er folgt mir und versucht mir, seine Taten anzuhängen. Und ab und zu gelingt ihm das auch.“ Francis bedachte ihn mit einem waidwunden Blick. „Er kann ohne die Tore reisen. Frag mich nicht, wie er das macht, ich weiß es nämlich nicht.“

Arthur wusste nicht, was er von der Geschichte halten sollte. Ein zeitreisender Mörder, der jungen Männern seine Verbrechen anlastete. Das klang alles ziemlich verrückt und noch vor nicht allzu langer Zeit hätte er nichts als ein verächtliches Lachen dafür übrig gehabt. Doch die letzten Wochen hatten die Grenzen des Wahnsinns in ihren Grundfesten erschüttert und es schien ihm nicht völlig abwegig.

„Und wo komme ich ins Spiel?“, fragte er vorsichtig.
Francis wirkte plötzlich unsicher. „Ich dachte, du könntest mir helfen, ihn aufzuhalten. Ihn von zwei Zeitebenen in eine Falle zu locken.“
Ah ja, darum ging es also. Arthurs Finger deuteten vage auf Francis. „Dein Motiv war also auch nicht reine Nächstenliebe, als du mich von diesem Berg geholt hast.“
„Nein“, gab Francis ohne Umschweife zu. „Ich dachte, wir könnten einander helfen.“
Francis deutete Arthurs nachfolgendes Schweigen als Zweifel und holte zu weiteren Erklärungen aus. „Bitte, Arthur. Ich kann schon nicht mehr in die Zeit zurück, aus der ich abgereist bin, weil er mir da einen Mord angehängt hat und ich gesucht werde. Ich sehe meine Verwandten vielleicht nie mehr wieder. Wenn ich Emily auch noch verlassen muss, weil ihm das hier auch gelungen ist, dann…“ Betreten blickte er in den Garten, wo Grace immer noch eifrig bei der Arbeit war. „Dann weiß ich nicht mehr, wo ich noch hin soll.“

Eine Weile schwiegen die beiden Männer.
Irgendwo auf einer nicht weit entfernten Straße donnerte ein Truck vorbei und Arthur zuckte unwillkürlich zusammen. In dieser Welt war alles laut und schnell, die Menschen schienen keine Zeit mehr für Dinge zu haben, die ihm etwas bedeuteten. Er vermissten den Geruch von warmen Pferdeleibern, ihr Schnaufen und das Hufgetrappel. Er vermisste das Raunen, was von den vorüberrollenden Wagen herunterwehte. Jetzt war da nur noch das Brummen von Motoren und das Quietschen von Reifen. Er hatte Städte immer gehasst und nun schienen sie überall zu sein.

„Ich habe übrigens an Mary Linton geschrieben.“
Arthur verschluckte sich beinahe an seinem Bier. Entsetzt starrte er den anderen an. „Du hast was? Ich meine, wie kommst du denn darauf?“
Francis zuckte entwaffnend mit den Schultern. „Als du in deinem Delirium warst, hast du immer mal leise vor dich hin geredet. Dabei hast du auch eine Mary Linton erwähnt und gesagt, dass du sie liebst. Also wollte ich ihr einen Gefallen zu tun und ihr Bescheid geben.“
Arthur öffnete den Mund, um etwas zu sagen, wusste aber nicht was, weshalb er ihn wortlos wieder schloss. Aus dieser Peinlichkeit kam er wohl so schnell nicht wieder heraus.

„Was hast du denn geschrieben?“, fragte er stattdessen leise.
„Ich habe ihr geschrieben, dass du sehr krank, aber in guten Händen bist. Sie soll sich keine Sorgen machen, aber ich habe ihr aufgeschrieben, wo sie dich finden kann, wenn du zurück bist.“
„Das wird aber nichts nutzen“, fuhr Arthur dazwischen. „Sie will mich nicht wiedersehen.“ Er gab sich Mühe, doch gänzlich konnte er die Bitterkeit nicht aus seiner Stimme verbannen.
„Das… tut mir leid“, entgegnete Francis, bevor er in betretenes Schweigen verfiel.
Der Name Mary Linton traf ihn jedes Mal mehr, als es ihm lieb war. Die Trennung – ihre endgültige Trennung – setzte ihm zu und die Wunde, die ihr Brief gerissen hatte, war tief. Doch er konnte seinen Unmut unmöglich an Francis auslassen, denn er hatte es sicher mit den besten Intentionen getan.

„Wie dem auch sei“, wechselte er das Thema. „Ich sehe, was ich tun kann. Wegen dem Kerl, von dem du erzählt hast.“
Francis‘ Gesicht hellte sich wieder auf. „Wirklich? Ich… es würde mir viel bedeuten, wenn ich nicht jedes Mal über die Schulter sehen müsste, egal, wo ich bin.“ Seine Stirn zog sich in Falten; Arthur konnte nur erahnen, welche Bilder vor seinem geistigen Auge standen. „Nicht auszudenken, wenn er eines Tages Grace als Opfer wählen würde.“
Arthur konnte verstehen, was es für Francis bedeuten musste. Es war eine Sache, selbst in Gefahr zu sein; doch eine völlig anderem wenn es auch Menschen im nächsten Umkreis treffen konnte. Außerdem war er ihm das schuldig, was auch immer Francis‘ Motive bei seiner Rettung waren.
„Wie, denkst du, können wir ihn denn finden, sobald ich zurück bin?“
„Wie gesagt, ich habe das Gefühl, er folgt mir. Ich werde versuchen, ihn so aufzuspüren. Ich hoffe, ich bin schnell genug, um einen weiteren Mord zu verhindern.“

Ihr Gespräch wurde jäh unterbrochen, als Emily auf die Terrasse trat. Wie so oft nach der Arbeit sah sie sehr erschöpft aus, ihr Haar war wieder auf diese unordentliche Weise zu einem Zopf zusammengebunden.
„Ich sehe, die Männer des Hauses arbeiten hart.“ Die Angesprochenen wandten die Köpfe.
„Hi, Emily“, grüße Francis seine Freundin. Er stand auf, trat zu ihr und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen.
Arthur war sich nicht sicher, ob er den Blick abwenden sollte, doch das Paar schien nicht peinlich berührt.

„Mommy!“
Auch Grace hatte ihre Mutter jetzt auch entdeckt und rannte durch den Garten auf sie zu, direkt in ihre ausgebreiteten Arme. „Ich habe Lilien gepflanzt“, verkündete das Mädchen aufgeregt. „Außerdem hat Arthur mir gezeigt, wie man ein Pferd zeichnet.“
„So, kann er das denn?“, fragte Emily lachend.
„Und wie! Komm mit, ich zeige es dir!“
Ihre Mutter ließ sich von ihr ins Wohnzimmer zurückziehen.

Auch Francis wollte ihr folgen, doch Arthur hielt ihn zurück.
„Warte mal, du hast vorhin gesagt, du könntest nicht mehr in deine Zeit zurück. Heißt das, deine Zeit ist nicht meine Zeit?“
„Nein“, gab Francis lächelnd Auskunft. „Denn wie du gesehen hast, war ich im Jahr 1899 noch sehr klein. Das erste Mal gereist bin ich 1927.“
Arthur blieb auf der Terrasse zurück und atmete die warme Luft eines herrlichen Sommerabends, von denen er angenommen hatte, er würde sie nie wieder erleben. Er hoffte bloß, er hatte sich nun nicht in etwas hineinmanövriert, dem er nicht gewachsen war.
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Ihr dürft mich übrigens sehr gern korrigieren, sollten Euch Fehler auffallen. Dabei ist es ganz egal, ob sie inhaltlicher, orthographischer oder grammatikalischer Natur sind.
Zudem verspreche ich, dass die Handlung  auch bald ein bisschen mehr Fahrt aufnimmt, sobald die Exposition steht. :D
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