The Cowboy and the Blues

GeschichteRomanze, Thriller / P18
18.03.2019
09.10.2020
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18.03.2019 2.994
 
Why work so hard when you could just be free?
You got your moment now, you got your legacy.
Let’s leave the world for the ones who change everything.
- Lana del Rey, Swan Song



Können Tote träumen?
Arthur Morgan tat es.

In seinem Kopf rauschten klare Bäche, die Sonne glühte im Westen, Wind säuselte in den Bäumen. Es war sehr schön, aber auch sehr einsam. Immer wieder hörte er Stimmen, die nach ihm riefen, die ihn lockten. John, Abigail, Sadie und Mary. Sie alle waren da, doch er konnte sie nicht sehen, sie nicht erreichen. Er erwiderte ihr Rufen, aber die Worte wurden von seinen Lippen gerissen und ins Land seiner Träume getragen. Irgendwo in der Ferne vernahm er ein dumpfes Donnern wie eine Trommel, die rhythmisch geschlagen wurde. Je länger er umherirrte desto lauter wurde das Donnern, bis es in seinem ganzen Körper zu räsonieren schien. Ein grelles umhüllte ihn, löschte seine Sicht aus.

John, Abigail… Mary… wo waren sie nur? Er fühlte sich allein gelassen. Weggeworfen wie einen alten Hut, den man nicht mehr brauchte. Das Licht wurde greller, das Donnern lauter. Er wollte fliehen, doch das Leuchten umfing ihn, schien überall zu sein.
Das Donnern wurde so laut, dass es in seinen Knochen vibrierte. Licht und Laut vermischten sich zu einem Strudel, der ihn mit sich zog, ihn jedoch nicht ertränkte. Stattdessen stieß sie ihn nach vorn, trieb ihn voran, direkt ins Zentrum der strahlenden Helligkeit, in dem ihn plötzlich Schwärze umfing.
Nein, nicht Schwärze. Es war die Innenseite seiner Lider, hinter denen sich warmes Tageslicht befand.
Arthur Morgan war erwacht.

Wie konnte das sein?
Er war sich sicher gewesen, dass er auf dem Berg sein Ende finden würde und doch war er hier. Wo immer sich „hier“ auch befinden mochte. Er verschob existentielle Fragen auf später und versuchte, mehr über seinen Standort und Zustand herauszufinden.
Er lag in einem Bett, das weicher war als die Unterlagen, auf denen er sonst nächtigte. Ein nicht unbekannter Schmerz hämmerte beim Atmen gegen seine Rippen, wahrscheinlich hatte Micah sie ihm gebrochen. Auch seine Nase fühlte sich geschwollen an, aber er konnte atmen. Außerdem steckte etwas in seinem Arm, doch das würde er erst näher untersuchen können, wenn er die Augen geöffnet hatte.
Kampfblessuren, davon abgesehen fühlte er sich allerdings besser. Nicht gesund, aber besser als die letzten Tage im Camp und das verwunderte ihn.
Er vernahm das Zwitschern von Sommervögeln draußen vor dem Fenster und ganz in der Nähe seines Bettes die Stimme eines Kindes. Was war das für ein Ort?

Arthur öffnete die Augen.
Er lag in einem kleinen Zimmer, das in einem freundlichen Gelbton gestrichen war. Neben seinem Bett war noch Platz für einen kleinen Schrank und eine Kommode; das Fenster war einen Spalt breit geöffnet, die Vorhänge bewegten sich in einer leichten Brise. Das Ziehen in seinem Arm kam von einer Nadel, die in seiner Haut steckte und das Ende eines Infusionsschlauchs bildete. Arthur hatte von dieser medizinischen Technik bereits gelesen, aber bisher noch nie wirklich gesehen.

„Schnell, du musst mit uns zur Schlucht kommen. Dein Bruder ist in Gefahr!“
Die Kinderstimme, die er gehört hatte, gehörte zu einem kleinen Mädchen, das auf dem Boden mit Spielzeugpferden spielte. Arthur musste anerkennen, dass es die hübschesten Spielzeugpferde waren, die er je gesehen hatte. Zwei von ihnen liefen gerade vor seinem Bett in Richtung Kommode, als das Mädchen bemerkte, dass es beobachtet wurde.

„Sie sind ja wach, Mister!“ Sie erhob sich vom Boden und kam an die Seite des Bettes. Dank der Magie des Kinderspiels stoppte die Zeit für die über den Boden eilenden Pferde und das Mädchen konnte sich die Unterbrechung leisten.
Sie musterte ihn aus großen, neugierigen Augen, die Arme hinter dem Rücken verschränkt.
„Hallo, Kleine.“ Arthurs Stimme klang rau, Kehle und Lippen waren fürchterlich trocken. Er glitt mit der Zunge über die spröden Lippen, doch das brachte nichts. „Wie heißt du?“
„Grace“, sagte das Mädchen. „Grace Clark.“ Sie legte den Kopf schief. “Meine Mommy sagt, Sie sind sehr krank.”
“Da hat sie wohl recht. Ist deine Mommy zu Hause, Grace?“

Grace, die er auf etwa sieben Jahre schätzte, schüttelte den Kopf. „Mommy ist noch auf Arbeit, aber ich kann Francis Bescheid sagen, wenn Sie wollen.“
„Das wäre sehr nett von dir.“
„Wollen Sie etwas trinken, Mister?“
Arthur zögerte. Er war sich noch nicht gänzlich sicher, was geschehen war, doch er vermutete, dass er die Gastfreundschaft dieser Leute schon viel zu sehr beansprucht hatte. Doch er fühlte sich ausgetrocknet und ein Becher Wasser würde keinen Unterschied mehr machen.
„Sehr gern“, sagte er daher und Grace verschwand mit wippendem Haar durch die Tür.

Arthur lehnte sich zurück und schloss die Augen. Die Tuberkulose raubte ihm die Kraft, in den letzten Wochen hatte er stark an Gewicht verloren und der Husten brannte in seinen Lungen.
Wie war er hierher gekommen? Seine letzten Erinnerungen waren die aufgehende Sonne in seinem Gesicht und der kalte Fels in seinem Rücken. Dann nur noch Schlieren von Stimmen und Bildern, von denen er aber keine zu fassen bekam.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn an seinen Gedanken.
Herein kam Grace mit einem Tablett in den Händen, auf dem zwei Gläser und eine kleine Karaffe standen. Beim Anblick des Mannes, der hinter dem Mädchen durch die Tür trat, stand Arthur buchstäblich der Mund offen.
„Sie?!“ Bei dem Namen Francis hatte er sich nichts gedacht und ganz sicher nicht Francis Sinclair, den seltsamen Mann mit den Felsschnitzereien, vermutet. „Diese Frau in der Hütte hat behauptet, Sie wären ihr Kind und Sie waren verschwunden!“ In dem Moment, als er es aussprach, wurde Arthur bewusst, wie lächerlich sich das anhörte.

Francis  Sinclair hob beschwichtigend die Hände. „Ich werde Ihnen zu einem späteren Zeitpunkt alles erklären, Mister Morgan, aber es ist ein wenig kompliziert.“
Grace stellte aus Mangel eines Nachttisches das Tablett auf den Boden neben das Bett. Sie füllte mit konzentriertem Gesicht die beiden Gläser und reichte Arthur eines davon.
„Hier Mister. Das ist Gurkenlimonade. Haben ich und Mommy selbst gemacht.“
„Mommy und ich“, korrigierte Francis Sinclair, während er zu Arthur ans Bett trat. „Wie fühlen Sie sich, Mister Morgan?“
„Es geht. Verglichen mit den letzten Wochen.“ Er sah den Rotschopf an. „Haben Sie mich hierher gebracht?“
„Ja. Ich habe Sie beobachtet. Sie und diese anderen beiden Männer.“ Er grinste schief. „Es war gar nicht so einfach, Sie von diesem Berg herunterzubekommen.“

Arthur hielt seinem Blick schweigend stand, obwohl er eine Erwiderung zu erwarten schien. Francis Sinclair war ihm nach wie vor ein Rätsel. Undurchschaubar und merkwürdig, vielleicht sogar verrückt. Er war sich nicht sicher, ob er seinen Lebensabend wirklich in der Gesellschaft eines Wahnsinnigen verbringen wollte.
Francis spürte seine Vorbehalte und räusperte sich. „Ich weiß, das muss verwirrend für Sie sein. Aber ich konnte Sie da nicht einfach zu sterben lassen. Also habe ich Sie zu jemandem gebracht, der Ihnen helfen kann.“
Arthur lachte hart auf, was in einem heftigen Hustenanfall endete. „Die Mühe hätten Sie sich sparen können“, sagte er, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. „Mir kann man nicht mehr helfen. Ich habe TB.“
„Ich weiß“, entgegnete Francis. „Darum musste ich Sie hierher bringen. Hier gibt es jemanden, der Ihnen helfen kann.“
„Sie reden wirres Zeug.“
„Ruhen Sie sich noch ein wenig aus, Mister Morgan. Heute Abend werden wir noch einmal nach Ihnen sehen. Ihre Retterin freut sich sicher, dass Sie wach sind.“

Francis Sinclair wandte sich an Grace, die an ihrer Limonade nippte. „Hatte deine Mom dir nicht gesagt, du sollst hier drinnen nicht spielen?“
„Schon. Aber Camillo sitzt in der Schlucht fest und die ist da drüben.“ Sie deutete auf die Kommode in der Zimmerecke.
Francis hob eine Augenbraue, dann blickte er zu Arthur und zuckte mit den Schultern. Wenn die Schlucht nun einmal dort drüben war, konnte man wohl nichts machen.
„Sie kann ruhig bleiben, wenn sie möchte.“
„Na gut, aber tun Sie mir bitte den Gefallen und husten Sie sie nicht an, ja? Ihre Mutter würde mich umbringen, wenn Grace sich ansteckt.“ An der Tür wandte er sich noch einmal um. „Rufen Sie einfach, wenn Sie etwas brauchen.“

Während Arthur dabei zusah, wie der Schimmel Camillo von den anderen Pferden aus der Schlucht befreit wurde, dachte er über seine neue Situation nach.
Was hatte Francis Sinclair vor, jetzt, da Arthur in seiner Schuld stand? Was waren seine Intentionen, was wollte er von ihm? Sein Leben hatte Arthur in Argwohn getrieben, was die Hilfeleistungen nahezu fremder Menschen anging. Es war ein Irrglauben, zu denken, die Welt wolle einem irgendetwas Gutes. Wenn man nicht auf der Hut war, fand man sich schneller einem Verhängnis nah, als einem lieb war. Diese schmerzliche Einsicht hatte Arthur schon mehrfach gewinnen müssen.

Immerhin schien er nicht zu lügen, denn in den Abendstunden kehrte Francis zu ihm zurück, aber er kam nicht allein. Hinter ihm trat eine zierliche, fast schon kleine Frau ins Zimmer, ihr Gesicht sah müde aus, müde und ein wenig verschlossen. Doch da war etwas an ihr, was sie Arthur sofort sympathisch machte.
„Mister Morgan, darf ich Ihnen Ihre Retterin vorstellen? Doktor Emily Clark.“ Francis sah die Frau nicht ohne einen gewissen Stolz in seinem Blick an, doch die verdrehte nur die Augen.
„Wie fühlen Sie sich, Mister Morgan?“
„Müde“, sagte er wahrheitsgemäß.
„Das ist normal.“, entgegnete sie. „Sie waren so krank, dass ich mir nicht sicher war, ob ich Sie durchbringe. Aber Sie sind ein Kämpfer. Ganz wörtlich, wenn ich mir Ihre Verletzungen so ansehe.“

Arthur betrachtete die Frau, die nun neben seinem Bett stand. Sie war etwa so alt wie er selbst, vielleicht ein wenig jünger. Ihre milchkaffeefarbenen Haare hatte sie unordentlich am Hinterkopf zusammengebunden.
„Sie sind Arzt?“, fragte Arthur interessiert, aber in seiner Stimme schwang wohl auch eine Spur von Überraschung.
„Ob Sie es glauben oder nicht. Ich weiß, was ich hier tue.“, antwortete sie mit einem Schmunzeln um die Mundwinkel.
„Daran zweifle ich nicht.“ Er hatte sie nicht beleidigen oder ihr Können in Frage stellen wollen. Nur hatte er noch nie eine weibliche Ärztin gesehen oder von einer gehört. An welchem Ort war er hier nur gelandet?

Er fragte, nachdem Emily mit dem Handrücken an seiner Stirn rudimentär die Temperatur überprüft hatte.
„In Waldesruh. Früher war hier ein Hillbilly-Dorf namens Butcher’s Creek.“
Arthurs Augenbrauen zogen sich zusammen. „Früher?“
Die Ärztin zögerte. „Was hat Francis Ihnen denn gesagt?“
„Nicht sehr viel, um ehrlich zu sein.“
Emily bedachte mit dem Rotschopf mit einem vorwurfsvollen Blick, sodass der sich sofort in der Defensive sah.
„Ich habe Ihnen doch gesagt, es ist kompliziert. Ich wollte Sie nicht gleich nach dem Aufwachen verwirren!“

„Wo bin ich?“, wiederholte Arthur, diesmal jedoch mit deutlicher Unsicherheit in der Stimme.
„Sehen Sie, die Frage ist genau genommen nicht Wo, sondern Wann.“ Francis konnte am Gesicht des Cowboys ablesen, dass er ihm nicht folgen konnte, weshalb er rasch fortfuhr. „Wie Sie wissen, gibt es im Jahr 1899 für Tuberkulose keine Heilung. Gut also, dass ich Sie an einen Ort gebracht habe, an dem es Rettung für Sie gibt. Nur ist es eben kein Ort, sondern eine Zeit. Ich habe Sie in die Zukunft gebracht.“
Ungläubig blickte Arthur zwischen den beiden hin und her, wartete darauf, dass sie den Scherz auflösen und ihn auslachen würden. Doch die Gesichter blieben ernst.
„Die Zukunft? Also eine Art Zeitreise?“
Das Schweigen genügte als Antwort.
„In welches Jahr?“, fragte er leise, obwohl er sich nicht sicher war, ob er wirklich wissen wollte.
„2019“, entgegnete Francis nüchtern.

Arthur Morgan fühlte sich, als würde er von einem durchgehenden Pferd davongeschleift. Eigentlich hätte er darüber lachen und dann Land gewinnen sollen. Das war viel zu verrückt, um wahr zu sein.
Eigentlich.
Wäre da nicht dieses eigenartige Zimmer mit seltsamen Geräuschen vorm Fenster. Wären da nicht diese Menschen mit ihrer merkwürdigen Kleidung und einer Heilung für Tuberkulose. Wäre er nicht Francis Sinclair als Säugling begegnet.
„Das sind einhundertzwanzig Jahre.“, murmelte er. „Wie kann das sein?“

Francis hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. „Ich erkläre Ihnen alles, aber nicht jetzt. Jetzt müssen Sie erstmal zusehen, dass Sie wieder auf die Beine kommen.“
Emily legte die Hand auf seinen Arm. „Machen Sie sich keine Sorgen, Mister Morgan. Das Schlimmste haben Sie schon überstanden, den Rest schaffen Sie auch noch.“
Gerade war seine Gesundheit so gar nicht das, was Arthur im Kopf herumging. Es gab Drängenderes, über das er nachdenken musste.
Emily zog ihm die Nadel aus dem Arm. „Da Sie wach sind, brauchen Sie die nicht mehr.“
Sie sprachen noch über ein paar Belanglosigkeiten, bevor seine Retter sich verabschiedeten und ihm eine gute Nacht wünschten.
Arthur Morgan blieb zurück in seinem Zimmer in der Zukunft.

**********
„Mister Morgan, wollen Sie vielleicht mit uns frühstücken? Dann sind Sie hier oben nicht so allein.“ Emily war zurück und wirkte nun nach einer Nacht Schlaf nicht mehr so angespannt wie noch am Tag zuvor.
„Ich will Ihnen wirklich nicht noch mehr Umstände machen als ohnehin schon…“
„Das Frühstück macht keine Umstände. Es ist ohnehin immer zu viel, wenn ich mich am Kochen versuche.“ Entwaffnend zuckte sie mit den Schultern.

Arthur zögerte. Er kannte diese Leute kaum, aber sein Magen knurrte und es widerstrebte ihm, tagelang nur das Bett zu hüten.
„Na gut“, sagte er also. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht.“
„Ganz und gar nicht, wir würden uns sehr freuen.“
Sie deutete auf die Kommode. „Da in den oberen Schubladen sind Sachen, die Ihnen passen sollten. Wenn nicht, beschweren Sie sich bei Francis, der hat die nämlich besorgt. Bis gleich dann.“ Sie schloss die Tür, damit er sich in Ruhe umziehen konnte.

Arthur schwang die Beine aus dem Bett und musste prompt den aufwallenden Schwindel niederkämpfen. Er war definitiv noch nicht wieder auf dem Damm. Mit hölzernen Beinen schritt er zur Kommode, um sich seine Sachen zu betrachten. Die Mode war im 21. Jahrhundert definitiv eine andere, aber immerhin schienen Jeans und Hemd noch immer akzeptabel zu sein.
Emily Clarks Haus war klein, aber aufgeräumt. Auf der schmalen Treppe, die hinab ins Wohnzimmer führte, hingen zahlreiche Bilder von Emily, Grace und Francis, auf einigen sah man auch Pferde. Die Bilder waren unglaublich realistisch und in Farbe, was Arthur staunen ließ.
Er fragte sich, ob Francis wohl Graces Vater war. Diesen Gedanken verwarf er jedoch wieder. Wenn sie Emily ‚Mommy‘ nannte, würde sie Francis dann nicht ‚Daddy‘ nennen?

Aus der Küche schlug ihm der Duft von gebratenem Speck und Rührei entgegen, was seinen Magen zu einem überlauten Knurren animierte. Da war er in einer Jahrzehnte entfernten Zukunft gestrandet und ihn plagte ein so banales Bedürfnis wie Hunger. Menschen waren schon merkwürdige Kreaturen.
„Mister Morgan, wie schön! Setzen Sie sich doch schon mal an den Tisch, Kaffee ist auch gleich fertig.“
Er betrat das helle Wohnzimmer mit den riesigen Fenstern und setzte sich an den Tisch. Es war so einiges merkwürdig hier in der Zukunft, doch was ihn am meisten verwunderte, war eine an der Wand hängende Scheibe, auf der ein Mann und eine Frau an einem Tisch standen und über ein Bild eines Mannes mit seltsamer Frisur sprachen. Sie wirkten so echt, als seien sie wirklich da, als säßen sie lediglich hinter einer Fensterscheibe. Aber das konnte nicht sein. Oder doch?

Er konnte den Blick nicht abwenden, bis Francis ihm die Hand auf den Arm legte. „Spannend, was aus den bewegten Bildern Ihrer Zeit geworden ist, nicht wahr?“
Bevor Arthur etwas erwidern konnte, stellte Emily den Frühstücksteller vor ihm ab. „Ich bin keine besonders gute Köchin, aber es sollte essbar sein.“
Für Arthur war es eine der besten Mahlzeiten seines Lebens, er musste sich zusammenreißen, um nicht zu schlingen.
Grace, die noch ihren Schlafanzug mit einer schlummernden Katze darauf trug, blieb offenbar lieber bei Pancakes, auf denen sie reichlich Ahornsirup verteilte.
„Sie haben Hunger, das ist ein gutes Zeichen.“
Arthur schluckte und wischte sich leicht verlegen mit dem Handrücken über den Mund. „Sagen Sie Arthur zu mir. Ich verdanke Ihnen mein Leben und Ihnen mehr als nur einen Gefallen schuldig.“
„Fein, dann bin ich Emily für dich. Mir ist ein Haus ohne Förmlichkeiten lieber.“ Sie lächelte. Heute trug sie ihr Haar offen, zusammen mit einem ärmellosen grün-weiß gestreiften Kleid, das bereits auf knapp der Hälfte ihrer Oberschenkel endete. Im Jahr 1899 hätte sie damit als freizügiges, ehrenloses Weibsbild gegolten und für massiven moralischen Aufruhr gesorgt. Aber das schien sich geändert zu haben.

„Na, noch hast du ja nicht alles überstanden.“, nahm sie den Faden wieder auf. „Tuberkulose ist leider ziemlich hartnäckig, was eine Behandlung langwierig macht.“ Sie stand auf und ging in die Küche, um kurz darauf mit vier Einmachgläsern zurückzukehren, in denen sich unterschiedlich geformte Tabletten befanden.
„In den ersten beiden Monaten sollten sie täglich alle vier nehmen. Danach reichen diese beiden.“ Ihre Finger berührten zwei der Gläser. „Ich habe sie in Gläser gefüllt, damit es im Jahre 1899 weniger auffällt. Du willst doch zurück, oder?“

Arthur nickte und betrachtete mit ungläubiger Faszination die Tabletten in den Gläsern. Diese winzigen Dinger sollten in der Lage sein, Tuberkulose zu heilen? Eine Krankheit, an der in seiner Zeit hunderte Menschen qualvoll starben?
„Den ersten Monat solltest du aber noch bleiben, damit ich sehen kann, wie du auf die Medikamente reagierst. Außerdem bist du danach nicht mehr ansteckend.“
„Das ist nett, Emily, aber ich kann dir doch nicht noch einen ganzen Monat zur Last fallen.“
Die Ärztin winkte ab. „Eineinhalb Wochen sind ja schon vorbei.“
Arthur stutzte. „So lange bin ich schon hier?“
„Daran erinnerst du dich wahrscheinlich nicht mehr, du warst ziemlich weggetreten die ganze Zeit.“ Sie grinste frech. „Du wirst es hier schon überstehen. Sogar Francis hat sich eingelebt.“

Der Angesprochene verdrehte die Augen, zeigte aber mit einem Lächeln, dass er ihr den Spott nicht krumm nahm.
Die Menschen in der fensterähnlichen Scheibe lachten.
Arthur seufzte. Er war schon so manchen Sonntagmorgen in unvorhergesehenen Situationen erwacht, doch das hier war definitiv die seltsamste.

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Na, was glaubt Ihr? Wie wird sich Arthur im Jahre 2019 schlagen? Her mit Euren Meinungen! :D
P.S.: Falls Ihr es noch nicht getan habt, probiert unbedingt mal Gurkenlimonade. Trust me, das schmeckt besser als es klingt.
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