Rote Augen

von chunni
GeschichteRomanze, Angst / P18 Slash
Amerika Deutschland England Japan Preussen Russland
18.03.2019
10.07.2020
24
101.482
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28.03.2019 1.857
 
Dieses Kapitel ist eher ein Übergangskapitel, aber es ist überaus wichtig für den Verlauf der FF. Ich bringe auch gerne Foreshadowing mit ein, also haltet die Augen offen in den weiteren Kapiteln ^^ Ach, und diese ersten Kapitel sind noch relativ kurz, aber wenn Gilberts POV dazukommt, werden sie so 8 bis 10 Word Seiten lang sein...

Kapitel 2


~*~

18.10.2016, 16.22 Uhr

Zuerst hatte sich Arthur Sorgen gemacht, dass das Auto für vier Menschen plus Koffer zu klein wäre, doch diese Zweifel verpufften alsbald. Ihm fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er das Monster von einem Geländewagen sah, das direkt auf dem Parkplatz vor dem Flughafen stand. Wahrscheinlich könnte er sich sogar mit halbausgestreckten Armen auf die Rückbank des schwarzen Toyotas legen, ohne die Seitentüren zu berühren.

Bevor er das Auto jedoch weiter begutachten konnte, fiel sein Blick auf den kleinen, asiatisch aussehenden Mann mit halblangen, schwarzen Haaren, der sich an den offenen Kofferraum lehnte. Seine Augen waren mehr emotionslos als träumerisch auf die Umgebung geheftet, einen Schlüsselbund umgreifend.

Seine Kleidung schien nicht nach modischem Aussehen gewählt worden zu sein und bestand aus einer einfachen, geschlossenen Jacke und Hose sowie robusten Stiefeln. Arthur kam sich mit seinem grüngestreiften Schal und dem hellbraunen Trenchcoat seltsam overdressed vor.

„Hey, Kiku!“ Gilbert winkte übertrieben, ein Grinsen im Gesicht, das so breit war, dass seine Sichtkraft beeinträchtigt sein musste. Der Mann wandte sich ihnen zu, ohne eine Miene zu verziehen.

„Ludwig, Gilbert,“ begrüßte er sie, ihnen der Reihe nach zunickend, bis sein Blick auf Arthur liegen blieb. Die Augenbrauen zogen sich kaum merklich zusammen. Arthur spürte, wie sein Mund trocken wurde und er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Er lächelte, obwohl es sich nicht natürlich anfühlte. Möglicherweise wollte dieser Kiku keine unangemeldeten Mitreisenden, oder beschloss, dass sie den überschüssigen Freiraum brauchten, oder fand ihn als Engländer mit seinen wenigen Deutschkenntnissen suspekt, oder…

Er schüttelte die Gedanken ab und sah in die dunkelbraunen Augen seines Gegenübers.

„Hallo, ich bin Arthur und komme aus England. Ich war in demselben Flugzeug wie die beiden. Ich… sie haben mich freundlicherweise angesprochen und ich muss wirklich dringend und so schnell wie möglich nach München.“

Er wäre auf die Knie gegangen, um zu betteln, wenn es sein musste, wenn er ihn dadurch erreichen konnte. Vor seinem inneren Auge bildete sich das Bild eines grinsenden Alfreds und sein Herz krampfte sich zusammen.

„Ich habe schon gehört, dass es wohl nicht möglich sei, direkt dorthin zu fahren, doch es würde mir viel bedeuten, euch wenigstens ein Stück begleiten zu können. Ich würde mich sicherlich irgendwie erkenntlich zeigen.“

„Schön, dich kennenzulernen, Arthur. Ich bin Kiku,“ antwortete Kiku, während sein Blick langsam von dem die Hände verschränkenden Arthur zu den beiden Deutschen und schließlich zurück wanderte.

„Ich muss zugeben, dass ich etwas überrascht bin…“

Kiku wischte abwesend etwas Staub von seiner Schulter, die Pause so weit ausreizend, dass Arthur unweigerlich an diese schrecklichen Moderatoren von Castingshows erinnert wurde, die den strahlenden Gewinner gleich, direkt nach der Werbung verkündeten.

„Aber Ludwig und Gilbert sind schon so lange meine Freunde, ich würde ihnen mein Leben anvertrauen. Und ich glaube dir, dass du es ernstmeinst. Du kannst gerne mitkommen.“

Der Engländer wollte ihm um den Hals zu fallen, bevor er sich zusammenriss und es bei ausschweifenden Danksagungen beließ. Er beeilte sich den Deutschen zu helfen, die dabei waren, die Koffer in den Wagen einzuladen.

~*~

Es war merkwürdig hypnotisierend, die vorbeirauschenden Bäume und Sträucher zu beobachten, die unbemerkt von der Dunkelheit der Nacht eingefangen worden und nun kaum mehr erkennbar waren. Schemenhaft zeichneten sie sich vor dem tiefschwarzen Horizont ab, nur ab und an von halbbeleuchteten Häusern erhellt werdend. Welche Art von Mensch wohl so allein im Nirgendwo leben wollte?

Sie waren drei Stunden unterwegs, stellte Arthur mit einem Blick auf sein Handy fest, als es zu düster wurde, um aus dem Fenster zu schauen. 19.34 leuchtete ihm entgegen und er dachte daran, was Kiku am Anfang gesagt hatte, bevor er losgefahren war. „Wir brauchen etwa 7 Stunden nach München, wenn wir geradewegs durchfahren. Sagt Bescheid, wenn ihr eine Pause braucht.“

Das war weniger gewesen, als er erwartet und befürchtet hatte, aber dennoch lag nun schon seit mehr als einer Stunde ein unangenehmes Schweigen auf dem Auto und seinen Insassen.

Gilbert und Ludwig hatten ihm vor der Losfahrt den zweiten Vordersitz aufgedrängt. Er hatte sich stirnrunzelnd gefragt, ob sie ihn wirklich den Toyota fahren lassen wollten, bis ihm mit brennendem Gesicht einfiel, dass in Deutschland Rechtsverkehr herrschte. Daraufhin war ihm auch klar geworden, dass er nur vorne sitzen sollte, damit sich die Brüder auf den Hintersitzen ungehört unterhalten konnten.

Zuerst war er verletzt gewesen, dass sie ihn nicht einbeziehen wollten, aber als er sie im Seitenspiegel beäugt hatte, hatte er die ernsten Gesichtsausdrücke gesehen. Vielleicht war es besser, es nicht zu wissen. Kiku konzentrierte sich aufs Fahren, sodass Arthur die Natur beobachtet hatte. Nachdem sie Dortmund verlassen hatten, waren ihnen auffallend wenig Häusern begegnet.

Er hatte das Schweigen bemerkt, welches daraus resultierte, dass Gilbert und Ludwig mit denselben ernsten Mienen dazu übergegangen waren, aus dem Fenster zu schauen. Mit der Beschränkung seiner Aktivitätsmöglichkeiten in Form der Finsternis war die Stille erdrückend geworden.

Zu allem Übel bemerke er, dass er aufs Klo musste. Er rutschte auf dem Sitz hin und her, bevor er sich seufzend eingestand, dass es keinen Sinn ergab. Er konnte es nicht unterdrücken, ganzgleich wie wenig Lust er darauf hatte, die Stimme zu erheben und die Fahrt zu verlängern.

„Entschuldigung,“ meinte er zögerlich und darauf bedacht, nicht zu zeigen, wie unangenehm ihm die Frage war. „Könnten wir vielleicht kurz bei der nächsten Raststelle halten?“

Kiku machte zuerst keine Anstalten, ihn gehört zu haben. Sie passierten ein Schild und Arthur war drauf und dran, sich zu wiederholen, als die Antwort kam. „Zwei Kilometer, in Ordnung?“

„Klar,“ murmelte Arthur, obwohl ihn die Nüchternheit in Kikus Stimme verwirrte. Und war da nicht ein Hauch Besorgnis?

Ein paar Minuten später bog der Wagen auf einen schäbig aussehenden Rastplatz, der sich in der Dunkelheit vor ihnen auftat. Sie waren die Einzigen hier, was das Unwohlsein in Arthur nur verstärkte, das durch die undurchdringliche Schwärze aufgekommen war. Es wäre nicht auf seine To-Do-Liste gekommen, nachts in einem fremden Land von fremden Leuten mitgenommen auf dem heruntergekommenen Klo einer verlassenen Raststätte zu pinkeln. Aber was sein musste, musste sein. Er hoffte, dass er diesen Ort bald verlassen würde.

Diese Meinung schienen Ludwig, Gilbert und der direkt neben den Toiletten parkende Kiku zu teilen. Als sie ausstiegen, blickten sie mit verengten Augen in die Nacht hinaus.

~*~

Angewidert drückte Arthur die Tür mit dem in der Jacke steckenden Arm auf, als er wieder nach draußen schritt, die feuchten Hände am Stoff seiner Hose abwischend. Sein Herz klopfte laut in der Finsternis, die ihm noch undurchdringlicher als zuvor erschien.

Die anderen waren bestimmt schon im Wagen. Er hatte mehrere Minuten damit verbracht, mit den Händen in der metallischen Aussparung herumzufuchteln, bis er den Auslöser für Seife und Wasser gefunden hatte.

Sein Puls beschleunigte sich, als ihm beim Umdrehen ein fürchterlicher Gedanke kam. Was, wenn sie entschieden hatten, dass er unnötiger Ballast war, weggefahren waren und ihn hier zurückgelassen hatten?

Doch diese Angst verflog, als er Kikus Toyota im Schein der dämmrigem Straßenlampe ausmachen konnte, da, wo er abgestellt worden war. Er ging schnellen Schrittes darauf zu, bevor er erstarrte. Wo waren die anderen?

Das Auto war leer, wie Arthur mit einem Blick durch die Scheiben und auf die dunklen Ledersitzen feststellen musste. Ihm wurde übel, als er an einer Tür zog. Verschlossen. Verdammt. Die aufkommende Panik unterdrückend, blickte er sich um. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.

Es gab nur zwei Männerklos und wenn er von der hanebüchenen Idee absah, dass sie sich alle auf dem zusammenquetschten, das Arthur nicht besetzt hatte, mussten mindestens zwei von ihnen in der Gegend sein.

Ein Knall wie bei einem Feuerwerk erschallte, laut genug, um aus nicht allzu ferner Umgebung zu stammen. Er zuckte zusammen.

„Gilbert? Ludwig? Kiku?“ Obwohl es zittrig aus seinem Mund kam, schien das Echo in alle Ecken zu kriechen und nachzuhallen. In der Stille und Finsternis war alles viel lauter und furchterregender und Arthur wollte sich dafür verfluchen, die Stimme erhoben zu haben.

Er kam sich im einzigen Licht der Raststätte vor, als trüge er ein Schild mit den Worten Fang mich um den Hals. In der Dunkelheit der nahen Wälder könnte sich sonst was verstecken und ihn beobachten, aufgeschreckt von dem Geräusch. Doch ohne seine Begleiter kam er nicht weg. Abgesehen von der Tatsache, dass er nicht mit dem Auto fortfahren konnte, waren seine Habseligkeiten, sein Geld und die Papiere im Wagen und Kiku war derjenige mit dem Schlüssel. Er war aufgeschmissen.

Das Schweigen war fast schlimmer als der Moment, indem seine eigene Stimme es gebrochen hatte. Aus dem Licht und näher an den Toyota tretend, konzentrierte sich Arthur darauf, auf Stimmen oder Hilferufe zu achten. Er versuchte seinen Herzschlag leiser zu zwingen, den jeder im nächsten Dorf hören musste und jedes gottverdammte Wesen auf diesem verlassenen Rastplatz.

Sein Herz setzte aus, als ein Knacken durch die Stille hallte wie ein Kanonenschuss. Es passierte so schnell, dass seine Gedanken nicht mitkamen.

Das Auto piepte und leuchtete auf und Arthur war klar, dass jemand es geöffnet haben musste. Ohne nachzudenken, riss er die Tür auf, an die er sich zuvor gepresst hatte, und warf sich auf die Rückbank. Die weitgeöffneten Augen waren, ohne zu blinzeln, dorthin gerichtet, von wo das Knacken gekommen war. Aus dem unbewegten Wald neben den Toiletten.

Nur, dass dieser nicht mehr unbewegt war. Drei Gestalten liefen aus ihm heraus, als wäre der Teufel hinter ihnen her und Arthur erkannte sie, als sie den Schein der Lampe erreichten. Seine vermissten Begleiter.

Sie waren blass, die Gesichter verzerrt, und Arthur fragte sich unwillkürlich, was passiert war und wo sie in der kurzen Zeit gesteckt hatten. In Sekundenbruchteilen hatte Kiku auf dem Fahrersitz platzgenommen und Ludwig war vor seinem Bruder zu ihm auf die Rückbank gesprungen. Arthur wurde bei dem Manöver an die Autotür auf der anderen Seite gedrückt. Er zog eine Grimasse, als er sein Kopf gegen das kühle Fensterglas schlug.

Er konnte nur einen Blick in die Richtung werfen, aus der sie gekommen waren, bevor Gilbert die Autotür zu rammte, das Auto zum Beben brachte und Kiku in mörderischer Geschwindigkeit den Wagen startete. Er riss das Lenkrad herum, drückte in die Pedalen und sie schossen hinweg, den Rastplatz hinter sich lassend.

Dieser Blick reichte aus, um zu erkennen, wovor seine Mitfahrer geflohen waren. Nur etwa zehn Schritte von ihnen entfernt hatte er etwas erspäht, was direkt vor dem Lichtkegel der Straßenlampe scharf abgebremst hatte, als wäre es davor mit aller Geschwindigkeit gerannt. Etwas, das nach einem Menschen aussah und irgendwie auch nicht.

Die matte und wie von dunklen Linien durchzogene Haut hätte er noch auf das dämmrige Licht zurückführen können. Doch die Augen blitzen sogar in der Dunkelheit in einem unnatürlichen Rotton auf, der Arthurs Magen umdrehte und sich mit seiner vollkommenen Emotionslosigkeit in sein Gedächtnis brannte.

Nein, nicht emotionslos, korrigierte er sich umgehend. Sie waren erfüllt von Hunger und Wahnsinn.

~*~
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