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mouth of lies

von anoesis
MitmachgeschichteMystery, Liebesgeschichte / P16 Slash
18.03.2019
07.09.2020
3
17.033
13
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Dieses Kapitel
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07.09.2020 4.816
 
chapter twoˍ july 06. 2018



― crumbled sand castle, who’s a liar ?―


무너진 모래성, who’s a liar ?




Changha zischte schmerzhaft auf, als der Krankenpfleger mit einer in Desinfektionsmittel getränkten Kompresse über die Platzwunde an seinem Wagenknochen entlangfuhr. „Verdammt! Das brennt wie die Hölle!“ Der blonde Mann vor ihm, schenkte ihm ein warmes Lächeln, den Kopf leicht zur Seite geneigt, während sich Changha lauthals über den brennenden Schmerz beschwerte. „Vielleicht überlegst du es dir das nächste Mal besser, bevor du dich erneut auf eine Schlägerei einlässt.“, ertönte die schneidende Stimme von Joy, die ihre Arme streng vor ihrer Brust verschränkt hatte und Changha von der hintersten Ecke des Krankenzimmers verärgert anfunkelte. Changha ignorierte die aufgebrachten Blicke seiner guten Freundin jedoch gänzlich und starrte stattdessen stur auf Hanbin, der seinen Kopf tief gesenkt hatte und schuldbewusst seine Hände betrachtete. Das schlechte Gewissen nagte stark an ihm, weil er einfach weggelaufen war, wie ein Feigling. Als er zurückgekommen war und außer Atem vor Changha zum Stehen kam, war es bereits zu spät gewesen. Und jetzt? Jetzt konnte er seinem besten Freund noch nicht mal ins Gesicht gucken – und Changha hasste es, wie unnachgiebig Hanbin seinem Blicken auswich. Dabei hatte Changha doch darauf bestanden – nein, ihn regelrecht zum wegrennen gedrängt.



Changha. Du solltest dich wirklich weniger prügeln. Dein schönes, junges Gesicht tut mir leid.“, sprach Herr Bang unzufrieden zu ihm, während er vorsichtig das letzte Pflaster an seiner Schläfe platzierte. Changha schaute dem attraktiven Krankenpfleger nur flüchtig ins Gesicht, ehe er seinen Blick erneut und durchdringlich an Hanbin haftete. Seine Wangen hatte er bockig aufgepustet. „Ich werde sicherlich nicht aufhören.“ Hanbins Kopf schnellte nach oben und das erste Mal seit einer geschlagenen halben Stunde schaute er Changha in die dunklen Augen. Hanbin wusste, dass die Worte an ihn gerichtet waren und er wusste auch genauso, welche Bedeutung sie inne trugen. Unzufrieden und bedrückt, zog Hanbin seine Augenbrauen zusammen und versuchte Changha Wortlos mittzuteilen, dass er das nicht wollte. Er wollte nicht, dass sein bester Freund wegen ihm verletzt wurde, nur weil er sich nicht selber wehren konnte. Weil Hanbin nicht wusste, wie er sich vor ihm schützen konnte.



„Hör mal her, du Vollidiot!“, entkam es Joy wutentbrannt, als sie Changha grob am Ohr packte und auf die Beine riss. „Joy! Hey! Lass mich los!“, pampte Changha entrüstet, doch der Griff um sein Ohrläppchen wurde lediglich um einiges fester. Diese Frau konnte einem fast schon Angst machen. „Du machst mir nicht noch mehr Ärger!“, beorderte Joy entschieden, während sie den sich mit Händen und Füßen währenden Changha hinter sich herschleppte. Als sie von seinem Ohr losgelassen hatte, drückte sie ihn mit beiden Händen bereits aus der Tür, halb in die Richtung des Krankenpflegers gedreht. „Ich bringe diesen Jungen noch zur Vernunft. Vielen Dank für Ihre Mühen, Herr Bang. Und vielen Dank, dass Sie das hier für sich behalten.“ Sie verbeugte sich respektvoll und dankbar vor dem kleinen Mann, der sie so breit anlächelte, dass seine zwei tiefen Grübchen zum Vorschein traten. „Ich habe gesagt, dass ich nicht aufhören werde!“, entgegnete Changha motzig, während er regelrecht von Joy aus dem Raum gedrängt wurde, die das eine oder andere Schimpfwort nicht herunterschlucken konnte. Hanbin und Vivi verbeugten sich tief vor dem Krankenpfleger, entschuldigten sich für die Unannehmlichkeiten und folgten schließlich ihren zwei Freunden raus vor die Tür, die hinter ihnen leise ins Schloss fiel.

Changha drückte Joy angeschnappt von sich weg, um sich stattdessen an Hanbin zu pressen, der die beiden grade mit Vivi eingeholt hatte. Auf seinen Lippen lag ein warmes aber schwaches Lächeln, während sich Joy noch immer im Hintergrund lautstark über Changhas Aktion beschwerte.

„Tut das nicht weh, Channie?“, erkundigte sich Hanbin besorgt, der sich kein bisschen gegen den Körperkontakt mit Changha wehrte.  

„Nö, der Junge kann nicht richtig zuschlagen!“, entgegnet Changha mit einem dicken Grinsen auf den Lippen, warf sich die Haare elegant in die Luft und funkelte Hanbin so intensiv an, dass es ihn mit Sicherheit umgehauen hätte, wenn Changha ihn nicht so fest an sich gedrückt hätte.

„Ach ja?“, grätschte Joy dazwischen, die ihn skeptisch musterte und so kurz davor war, die Nerven zu verlieren. „Spiel dich nicht so auf, Junge. Es hat nur noch gefehlt, dass du weinst.“



Ihr solltet mal Jimin sehen!







Bang Chan schaute noch eine kurze Weile zur Tür, die soeben in Schloss gefallen war, bevor das warme Lächeln auf seinen Lippen abklang, jedoch nicht gänzlich verschwand. Seufzend, erhob er sich von dem kleinen, schwarzen Drehstuhl und steuerte den zugezogenen Vorhang an, um diesen leicht aufzuschieben.  Bootwong Kittibun, ein Schüler den er nicht oft hier hatte, im Gegensatz zu Changha, lag nun seit einer Stunde hier und war noch immer nicht zu sich gekommen. Doch das was Chan am meisten verwundert hatte, war die Person, die Kitti in seine Obhut gegeben hatte.







Kitti nahm einen tiefen Atemzug, sich an seine Zimmertür lehnend, die er sachte hinter sich geschlossen hatte. Sein Herz donnerte ihm noch immer wie Wild gegen den Brustkorb, weil er die Szenarien von heute Mittag nicht aus seinen Gedanken schütteln konnte. Nicht eine Sekunde, seitdem er im Krankenzimmer aufgewacht war, konnte er an etwas anderes denken, als an den Jungen, der gegen seine Schulter geprallt war und all das Blut, das an ihm klebte. Alles was danach kam, war für ihn wie in einen der Filmrisse, die man hatte, wenn man die Nacht zuvor sturzbetrunken war und sich am nächsten Tag nur noch in Bruchstücken erinnern konnte – oder wie in Kittis fall, fast gar nicht. Somit tappte er auch wortwörtlich im Dunkeln, was die Person anging, die ihn ins Krankenzimmer getragen haben musste. Kitti beschloss, dass er Herr Bang bei nächste Gelegenheit fragen würde, wer so gnädig gewesen war, ihn nicht auf dem harten Boden liegen zu lassen – anscheinend gab es doch noch nette Menschen an der Akademie, bei dem er sich demnächst bedanken dürfte.

Ein erschöpftes Wimmern stahl sich über seine kleinen, vollen Lippen, als er sich krampfhaft auf die bebende Unterlippe biss, sich tapfer gegen all die aufquellenden Emotionen und die Tränen, die in seinen glasigen Augen glitzerten, wehrend. Dieser Tag hatte ihm emotional ordentlich zugesetzt und grade jetzt wurde ihm bewusst, wie stark seine Kopfschmerzen eigentlich waren. Ob die emotionale Überlastung der Grund für die Schmerzen in seinem Kopf waren, oder ob der Aufprall schlichtweg zu hart gewesen war, konnte Kitti nicht mit klarer Sicherheit sagen – wahrscheinlich spielten beide Faktoren eine große Rolle. Das was er jetzt dringend brauchte war ein Rückzugsort, indem ihm niemand störte, damit er für den Tod seiner besten Freundin trauern konnte. Hätte er vor einigen Monaten nur gewusst, dass Sunmis Tage gezählt waren. Den Schwall an Tränen, die sich über seine Wangen bahnten, konnte Kitti nicht länger zurückhalten – vielleicht versuchte er das auch gar nicht mehr. Er war alleine, für sich, wo ihn niemand sehen konnte.

Still. Geräuschlos tropften die Tränen von seinen Augen, als er sich kraftlos auf sein Bett niederlies. Er hatte nicht die mindeste Ahnung, wie lange er dort saß und lautlos Tränen vergoss und noch weniger wusste er, wann er angefangen hatte markerschütternd zu weinen. Qualvolle Geräusche stahlen sich über seine geschwollenen, geröteten Lippen, während er unter Schluchzern nach seinem Rucksack griff. Irgendwo in den Abgründen seines Rucksacks müsste er noch eine Tüte Chips haben, nach dem er sich auf äußerste sehnte. Seitdem Sunmi gestorben war, hatte sich Kitti all seine Frust und seine Trauer mit Essen kompensieren wollen. Mittlerweile steckte er so tief in diesem Frustessen, dass er seit März fast zehn Kilo zugelegt hatte. Doch auch sein Bemängeln der Gewichtszunahme, konnte ihn nicht davon abhalten mehr zu Essen.

Kittis lautes Schluchzen setzte urplötzlich aus, als er völlig perplex in seinen offenen Rucksack starrte und mit zittrigen Händen eine kleine Box aus brauner Pappe und einen zerknitterten braunen Umschlag herausnahm. Er fuhr sich mit ausgeleierten Ärmeln seines Pullovers, über die geröteten Augen, um die Tränenschicht davon zu wischen, die seine Sicht verschleierte.

Die viel zu eleganten, kursiven Buchstaben standen in einem starken Kontrast zu dem grässlich braunen Umschlag und bildeten das Wort L ü g n e r. Sein Herzschlag stoppte für einige Sekunden, bevor es in unmenschlicher Geschwindigkeit gegen seine Brust hämmerte. Angsterfüllt, riss er den Umschlag auf und zog zwei schneeweiße Blätter hervor.

Wer von euch hat Sunmi getötet? Entlarvt den Mörder, oder ich werde eure schmutzigen Geheimnisse aufdecken. – dein bester Freund.

Kitti war schockiert, entsetzt und wenn er ehrlich sein sollte, wusste er nicht wie er sich fühlen sollte. Mord? Nein. Verdammt! Drei Monate. Seit drei Monaten, versuchte Kitti mit dem Selbstmord seiner besten Freundin zurecht zu kommen, es zu verstehen. Seit drei Monaten, machte er sich untragbare Vorwürfe, beschuldigte sich selber, für den Tod von Sunmi und jetzt soll sie jemand getötet haben? Was für ein kranker Mensch, schickt ihm solch eine Liste? Erlaubte sich jemand einen ekelhaften Streich? Ihm wurde schlecht, doch das was ihn am Ende über die Schwelle brachte, war die erste Zeile in seinem ganz persönlichen Brief.  

Hallo Kittibunny,…

Kitti schleppte sich hastig auf die Beine, ehe er sich über der Mülltonne auf die Knie warf und sich in diese übergab. Er konnte es nicht länger zurückhalten. Die Schuldgefühle, die sich in ihm eingenistet hatten und all die aufwühlenden Emotionen, brachen aus ihm heraus. „Kittibunny“. Augenblicklich blitzen Erinnerungen vor seinem inneren Auge auf, von Sunmi, der sein Spitzname wie Honig über die Lippen ging – und Sunmi, die die einzige Person war, die ihn jemals so genannt hatte.

Sunmi ist am Leben! Das Atmen fiel ihm so unendlich schwer. Nein! Sunmi ist tot! Sie hat sich umgebracht! Wie ein Mantra wiederholte Kitti es in seinem Kopf, immer und immer wieder, versuchte es mit aller Macht in seinen Verstand zu prügeln. Sunmi ist tot! Aber, aber sie hat mein Geheimnis verraten! Sie -, seine Gedanken wurden unterbrochen, als die Tür in sein Zimmer vorsichtig aufgeschoben wurde und das warme Lächeln auf Jaehyuns Lippen für den Bruchteil einer Sekunde, das einzige bisschen an Gefühlswärme war, die Kitti zum ersten Mal seitdem er heute aufgewacht war, verspürt hatte. Doch Jaehyuns Lächeln verblasste in dem Moment, als er Kitti in diesem schrecklichen Zustand erblickte. „Oh mein Gott, Kitti.“ Seine Stimme war gebettet in purer Sorge und obwohl Jaehyun seinen Namen so Sanft wie nur irgend möglich ausgesprochen hatte, zuckte Kitti heftig zusammen.

Wieso war Jaehyun noch hier? Wollte er nicht mit den anderen zum Diner?

Jaehyun hatte sich sofort zu ihm gekniet und behutsam die Hand auf seinen Rücken gelegt, während er ihn sorgenschwer aus seinen dunklen Augen musterte. „Ist alles in Ordnung?“  Die Frage ging komplett an Kitti vorbei, als er sich daran erinnerte, dass er die Zettel achtlos auf seinem Bett hatte liegen lassen. Jaehyun riss seine Augen weit auf, als Kitti ihn von sich stieß, wackelig auf die Beine sprang und eine Packung sowie einige Zettel unruhig in seinen Rucksack stopft. Als Kitti ihn ansah, konnte Jaehyun praktisch all die aufgewühlten Emotionen in seinen dunklen, beinahe schon schwarzen Augen schwimmen sehen. „Kitti. Hey. Ist alles in Ordnung ?“ Ganz gleich, wie samtweich Jaehyuns Stimme auch klang, Kitti schüttelte abwehrend den Kopf, als er einige Schritte zurück wich, der Rucksack fest gegen seine Brust gedrückt. „Ich- … ich…“ Ein dicker Kloß bildete sich in seiner Kehle. Er konnte das hier grade nicht. Er musste hier sofort raus. Jaehyun konnte gar nicht so schnell reagieren, als Kitti ihn zur Seite stießt und fluchtartig das Zimmer verließ.

Kitti !“, rief Jaehyun ihm besorgt hinterher. Als er selber eilig auf den Flur trat, wurde er jedoch von einem total überraschtem Lucas übertönt. „Was stimmt nicht mit dir, man?“ Kitti war nicht die sportlichste Person, aber in der Zeit, in der er den gesamten Flur zurückgelegt hatte, hätte er selbst Lucas eine Konkurrenz machen können. Lucas wandte sich an seinen besten Freund, die Verwirrung stand ihm wie ins Gesicht geschrieben „Was ist denn mit dem los ?“ Jaehyun sah Lucas kurz bedrückt an, ehe sich ein schwaches Lächeln auf seine Lippen schlich „Ich weiß es nicht.“  Lucas zuckte derweil lediglich mit den Schultern, während er seine Hände in seine Hosentaschen gleiten ließ und dem Schülersprechen entgegengrinste, als wäre zuvor kein völlig aufgewühlter Mitschüler an ihm vorbeigestürmt. „Ist nicht unser Problem. Holst du deine Tasche und wir gehen los? Wir wollen unsere gute Jay doch nicht warten lassen.“







ˍ march. 2018



Kitti saß auf seinem Bett, hatte sich die Knie an die Brust gezogen und sein Gesicht darin gepresst, hoffend so die lauten Schluchzer ersticken zu können, die sich über seine Kehle bahnten. Seine schlanken, langen Finger hatten sich verzweifelt in den dunkelbraunen Strähnen seiner Haare verfangen, genauso gnadenlos wie sich die enormen Schuldgefühle in seinen Verstand gefressen hatten.

Als die Tür in sein Zimmer aufgeschlagen wurde, schnellte Kittis Kopf hoch, felsenfest damit rechnend, dass sein Zimmernachbar Jung Jaehyun hereintreten würde. Stattdessen stand Sunmi im Türrahmen. Sie war wunderschön. Wie die dunkelbraunen Locken über ihre zierlichen Schultern fielen, und wie majestätisch sie da stand,  in dem roten märchenhaften Samtkleid von Chanel, das sich perfekt an ihren Körper geschmiegt hatte. Doch, als er ihr ins Gesicht schaute, sah er all die aufgewühlten Emotionen, das pure Entsetzen und das was eben noch so Märchenhaft war, wurde plötzlich wieder zum Alptraum. „Bitte sag mir, dass du nichts damit zu tun hast!“, entkam es Sunmi beinahe flehend über die roten Lippen, als sie die Tür hinter sich schloss, als würde sie ein großes Geheimnis hinter dieser Tür verschließen wollen. Doch die Tränen, die abrupt ihr Ende gefunden hatten, als Sunmi die Tür aufgerissen hatte, strömten ihm nun unaufhaltsam über die roten Wangen.  Die lauten, qualvollen Geräusche, die sich über seine Lippen stahlen, brachen Sunmi nicht nur das Herz, sie bestätigten zu ihrem Entsetzen all ihre Vermutungen und all das, von dem sie hoffte, nicht wahr zu sein. „Oh Kittibunny“ Ihre Stimme war so leise, als sie sich vorsichtig ihrem besten Freund näherte, der sein Gesicht in seine großen Hände gedrückt hatte. Er reagierte nicht. Er weinte einfach nur. Er zeigte auch keinerlei Reaktion, als Sunmi ihre dünnen Arme um seinen zitternden Körper legte und ihn in eine feste Umarmung zog. Selber den Tränen nahe, bettete sie ihren Kopf an seine Schulter und konnte nichts dagegen tun, dass die Person, die unter all den Menschen an der Akademie ihr einziger wahrer Freund gewesen war, vor ihren Augen zerbrach.





ˍ july 09. 2018



„Jungeun! Mehr Power!“ Jiaes Stimme hallte durch den gesamten Trainingsraum der Cheerleader. Der schneidende Ausdruck in ihren Augen, fixiert auf die Blondine, dessen Bewegungen ihre Kraft ab der Hälfte des Trainings verloren hatten. Die Erschöpfung und die Tatsache, dass sie bisher nicht mal eine kleine Trinkpause gemacht hatten, war für Jiae anscheinend nicht Entschuldigung genug, um nicht 150% zu geben. Jungeun hatte in der Tat versucht den Anweisungen von Jiae nachzukommen, aber sie war viel zu geschafft von der extra harten Trainingseinheit am Montag, dass sie mit dem Tempo zurück fiel, genauso wie die meisten anderen im Raum. Die einzigen Personen, die sich heute noch nichts von Jiae anhören durften, waren Naoko und Jinsoul, die alle Bereiche der Choreographie mit einer Perfektion meisterten.

Jiae kam ruckartig zum Stehen, der eisige Ausdruck in ihren dunklen Augen verfinsterte sich so sehr, dass es den meisten Mädchen eiskalten den Rücken runterlief, als sich Jiae vom Spiegel löste und sich zu ihrem Team drehte.

„Ihr seid ein Scherz.“ Der Tonfall in ihrer Stimme war abwertend, ihr Ausdruck noch degradierender als ihre überhebliche Haltung. Die Mädchen machten sich klein bei dem Druck, den Jiaes alleinige Präsenz schon ausübte, und warfen sich unsichere Blicke zu. Nur Naoko stand mit verschränkten Armen zwischen all den verunsicherten Mitgliedern des Cheerleaderteams und beäugte Jiae aufmerksam.

„Die Basketball Season startet in zwei Wochen und bis dahin muss alles perfekt sitzen! Doch alles was ich hier sehe ist die reinste Katastrophe!“ Jiae verschränkte ihre Arme vor der Brust, während sie ihre Augen über die Mädchen fahren ließ, die angeblich ein Team sein sollten. „Keine Ausdauer. Keine Power. Keine Leidenschaft. Das einzige, was ihr in den letzten Monaten erreicht habt, ist fett zu werden.“  Ihr missbilligender Blick fällt auf ein kurzes Mädchen in der letzten Reihe. „Diejenigen, die dem Druck nicht standhalten können, sollten das Team verlassen. Lia, Minnie, Jennie, Irene und Jungeun. Ihr solltet darüber nachdenken. Jinsoul, Naoko gut gemacht. Das wars mit dem Training, geht euch umziehen.“





„Was ist los, Jay?“ Naoko hatte ihre roten Lippen aufeinander gepresst und schaute ihre beste Freundin eindringlich an, so als würde sie eine Erklärung einfordern. „Was soll sein?“, entgegnete Jiae ungerührt, während sie Jinsoul hinterher sah, die als letzte den Trainingsraum verließ, womit Naoko und Jiae alleine blieben. „Seit Freitag verhältst du dich merkwürdig. Hat das etwas mit Jungkook zu tun?“, erkundigte sich Naoko, doch allein der Name des beliebten Schülers, ließ Jiae urplötzlich auffahren. „Ich bin wie immer! Außerdem ist Jungkook nicht der Zentrum meines Lebens! Nicht alles, was mich betrifft, hat etwas mit ihm zu tun!“ Naoko drückt ihre Augenbraue empor, verwirrt über den plötzlichen Ausbruch, aber ganz sicher nicht eingeschüchtert. Ihr waren solche Dinge normalerweise egal, aber Jiae hatte einen anderen Stellenwert bei ihr und deshalb wollte sie gerne wissen, was am Freitag passiert war, um ihre beste Freundin so sehr aufzuwühlen. „Komm schon, Jay. Wir erzählen uns doch alles.“ Es war nicht sentimental dahingeredet und auch sonst klang keine Wärme in Naokos Stimme mit, dennoch wurde Jiae in dem Moment einmal mehr klar, wie viel sie Naoko bedeutete. Und grade, als es den Anschein machte, dass die schützende Wand um Jiae herum bröckeln würde, fixierten ihre dunklen Augen etwas hinter Naoko. Jungkook stand vor dem Eingang des Trainingsraums, auf seinen Lippen lag ein sanftes Lächeln. „Wir reden später.“, hörte Naoko noch, ehe Jiae sich an ihr vorbeischob und wortlos an Jungkook vorbeilief, der seiner besten Freundin reumütig hinterher sah. Er bemerkte noch nicht einmal, dass Naoko zu ihm getreten war. „Was hast du getan?“ – „Ich habe es ordentlich vermasselt, denke ich.“







Als Naoko in der Umkleide ankam, waren die anderen bereits nicht mehr da. Sie dachte noch eine Weile über das Gespräch mit Jungkook nach, ehe sie sich dazu entschloss, noch kurz unter die Dusche zu springen. So wie es nach frischem Schampon roch, waren auch die anderen Mädchen nicht gegangen, ohne sich den ganzen Schweiß vom Körper gewaschen zu haben. Sobald Naoko jedoch ihren Spind geöffnet hatte, fiel ihr ein brauner Umschlag vor die Füße.









ˍ spring 2017



„Hast du gehört, dass Lucas letzte Nacht mit Jinsoul geschlafen hat?“, die honigsüße Stimme ihrer Beifahrerin erklang beinahe schon abwertend, doch Naoko schwieg auf die Aussage hin lediglich, den Griff um das Lenkrad festigend.

„Ich meine, ihr wart ein so tolles Paar gewesen“, sprach die Brünette zart, während sie ihren knallroten Lippenstift mit solch eine Aufmerksamkeit auftrug, dass ihr der frostig Ausdruck von Naokos pechschwarzen Augen vollkommen entging. „Wieso kommst du eigentlich nicht wieder mit ihm zusammen ?

Naoko schob sich die dunkelrot geschminkte Unterlippe zwischen ihre Zähne, als sie ihren leeren Blick auf die Straße richtete, das Gaspedal des Autos vollkommen durchdrückend.

„Er soll zur Hölle fahren. Und du gleich mit ihm.“









ˍ july 09. 2018



Naoko irrte völlig zerstreut durch die Halle der Akademie, in ihrer Hand der zusammengeknüllte Zettel von ihrem angeblichen besten Freund, der sie und ihre Mitschüler nicht nur des Mordes an Sunmi beschuldigte, sondern auch noch jedes kleine, dreckige Detail aus ihrem Leben kannte, von dem niemand sonst Bescheid gewusst hatte, außer dieses Miststück von Sunmi. Die Liste hatte sie nicht hart getroffen, lediglich ein abfälliges Lachen war ihr über die Lippen gerollt, denn schlussendlich war es ihrer Meinung nach nur ein Segen für die Öffentlichkeit, dass Sunmi nicht mehr unter den Lebenden weilte. Naoko hatte gedacht, dass damit auch die Schikanen und Erpressungen aufhören würde, doch mit dem Auftauchen dieses anonymen Freundes und diesen verdammtem Brief, wusste Naoko, dass der Albtraum grade erst begonnen hatte.

Naoko preschte regelrecht über die Flure, noch immer in ihren Trainingsklamotten und zog damit die Aufmerksamkeit ihrer Mitschüler unweigerlich auf sich. Das konnte ihr aber nicht gleichgültiger sein. Sie musste so schnell wie möglich Jiae finden. In ihrer Unaufmerksamkeit lief sie stattdessen einer Person in die Arme, von dem sie sich gewünscht hatte ihn für den Rest ihres Lebens nie wieder sehen zu müssen. Aber das Leben ist ein Arschloch und anscheinend hatte sich Naoko heute nicht schon genügend mit anstrengenden Situation abkämpfen müssen, da stellt ihr der liebe Gott auch noch Wong Yukhei in den Weg. Naoko hatte sich reflexartig an seinem weißen Shirt gekrallt, während er seine Arme fast instinktiv um ihre Taille geschlungen hatte, verhinderte damit erfolgreich, dass Naoko das Gleichgewicht verlor und zu Boden fiel. Seine braunen Augen, hatte er aus Überraschung weit aufgerissen und starrte völlig verdutzt in ihr Gesicht. Das erste Mal in seinem Leben stand er einer Person völlig Sprachlos gegenüber. Sie hatte ihn noch immer nicht losgelassen – und waren das Tränen in ihren Augen? Hatte sie geweint? „Nay?“ Seine Brust, an die Naoko regelrecht gepresst war, vibrierte heftig, als er sprach. Sein Parfüm, seine Stimme, sein Wärme, all das war so vertraut und beinahe gab sie sich diesem sicher wirkendem Hafen hin, bevor sie sich daran erinnerte, weshalb sie überhaupt so fluchtartig die Mädchenumkleide verlassen hatte und noch mehr, in wessen Armen sie sich in diesem Moment befand. Lucas konnte noch nicht einmal blinzeln, als sie ihn grob von sich gedrückt hatte. „Pass gefälligst auf wohin du läufst.“ In jeder anderen Situation, hätte Lucas ihr amüsiert entgegengegrinst und wäre irgendeinen bescheuerten Spruch losgeworden, aber jetzt, wenn ihre Augen verdächtig glitzerten und die sonst so taffe Naoko völlig zerfahren vor ihm stand, machte er sich sorgen. Verwirrt, legte Lucas seine Stirn in Falten, einen Schritt näher an Naoko tretend. „Ist alles in Ordnung ?“  

„Das geht dich ja wohl gar nichts an.“, gab ihm Naoko in einer abwertenden Tonlage zu verstehen, bevor sie sich genervt an ihm vorbeischieben wollte, doch Lucas packte sie wirsch am Handgelenk und hielt sie vom Gehen ab. „Hat dir irgendjemand etwas getan? Ich werde –  “ Noch bevor Lucas seinen Satz zu Ende bringen konnte, entriss sich Naoko von seinem Griff. „Du wirst gar nichts. Du bist der letzte Mensch, der etwas für mich tun sollte! Außerdem, fass mich nur noch einmal an und ich tu dir persönlich den Gefallen und schicke dich Sunmi hinterher, so wie du an ihrem Arsch gehangen hast, wird es dir bestens dort gefallen!“ Naoko wandte sich schwungvoll von Lucas ab, der völlig entsetzt an Ort und Stelle erstarrte und dem sich eilig von ihm entfernenden Mädchen nur hinterher starren konnte. „Was macht diese Bitch schon wieder für eine Szene?“, zischte plötzlich eine ihm nur zu bekannte Stimme, der sein Kopf erschrocken zur Seite fahren lies. Yella, die das Geschehen mitverfolgt hatte, zwischen all den anderen Mitschülern, die sich auf dem Flur tummelten, funkelte ihren besten Freund wütend aus ihren braunen Augen an. Na super. Noch eine Frau, die sauer auf ihn war. „Man. Yella, du hast mich erschrocken – und schau mich nicht so an. Sie hat etwas auf der Seele, sie–“

„Hör auf damit Luc! Hör auf die ganze Zeit Ausreden für dieses Miststück zu finden. Sie behandelt dich die ganze Zeit wie ein Stück Dreck und sie hat keinen verdammt Grund dafür! Wenn ich dieses Mädchen wegen dir nicht irgendwann töte, dann weiß ich auch nicht mehr.“ Lucas wollte einfach nur laut aufseufzen, stattdessen zog er seine Lippen zu einem Grinsen, als er Yella einen Arm um die Schulter legte und mit der freien Hand in die Wangen kniff. „Ich schätze es sehr, dass du mich so liebst, Yel. Aber ich möchte wirklich nicht, dass du wegen mir noch jemanden umbringst.







Changha fuhr sich in jeder Hinsicht erschöpft durch die schwarzen, feuchten Haare und nahm einen großen Schluck aus der fast schon leeren Trinkflasche. Die Tanzstunde heute war durchaus hart und Wortwörtlich schweißtreibend gewesen, sodass Changha nur noch schnell seine Trainingstasche abholen und so bald wie möglich unter der Duschen stehen wollte. Als er die Umkleide erreicht hatte, flog ihm absolut unerwartet die Tür entgegen, vor der er noch grade ausreichend schnell zurückweichen konnte, womit ihm die Tür nur haarscharf verfehlte. „Was zur Hölle“, stieß Changha erschrocken aus, sich die Hand an die Brust pressend. „Sinjae?“ , stellte Changha keine Sekunde später fest, doch entgegen seiner Erwartung, drängelte Sinjae ihn wortlos zur Seite und ließ Changha empört aufschnappen. „Du könntest dich wenigstens Entschuldigen!“, rief er Sinjae pampig hinterher, ehe er völlig angeschnappt die Luft aus seinen Lungen stieß. Unter normalen Umständen verstanden sich die beiden an und sich ziemlich gut, zumindest hatten Changha nie ein Problem mit ihr gehabt. Ihr Verhalten heute ging daher tatsächlich überhaupt nicht – und zum anderen. „Was hat die überhaupt in der Männerumkleide zu suchen?“, murmelte Changha angepisst zu sich selber, ehe er die Tür in die Umkleide aufschob und eintrat. Nach dem Zusammenstoß konnte er es noch weniger erwarten all den Stress von seinem Körper zu waschen. Er hatte sich die Trainingstasche über die Schulter werfen wollen, stockte allerdings, als er bemerkte, dass der Reißverschluss seiner Tasche offen war. Ein ihm unbekannter Umschlag ragte zwischen seinen völlig vertrauten Sachen hervor, welches Changha im vollen Maße konfus, herauszog.

Lügner

Als Changha die Liste mit den potenziellen Mördern in seiner Hand hielt, konnte er sich ein freudloses Auflachen nicht unterdrücken – oder besser, er wollte es nicht. Changha war Sunmi gegenüber unschuldig, also hatte diese Liste auch keinen feuchten Dreck mit ihm zu tun. Vielleicht war es auch der Grund, dass er sich gegenüber Sunmi nicht Schuldig fühlte, dass er den Zettel so herzlos in seiner Hand zerknüllen konnte, womit sich das Thema für ihn auch eigentlich erledigt hätte, wäre da nicht der Brief gewesen, der ihm all seine Sünden vor Augen führte und seinem herrlichen Selbstportrait all die Unschuld nahm.

Lass uns doch deine Erinnerungen an deine große Willkommensparty in Sydney etwas auffrischen. […] – dein bester Freund.







Naoko drückte die Tür zur Toilette der Mädchen im Hauptgebäude auf, ihre schlanken Finger fest um Jiaes Handgelenk geschlungen, bedacht darauf ihrer besten Freundin nicht weh zu tun, aber doch stark genug, dass sie nicht vor ihr flüchten konnte. Die Art, wie Jiae jedoch wortlos und ohne Gegenwehr mitgelaufen war, nahm Naoko die Befürchtung, dass sie dem Gespräch ausweichen würde. „Wir müssen reden Jay und damit kann ich nicht bis zum Schulschluss warten.“ Der unerschütterliche Ausdruck in Naokos Augen und der befehlerische Tonfall in ihrer Stimme, ließ nicht unschwer vermuten, wie wichtig es für Naoko war. Völlig unerwartet trat Jiae näher an ihre beste Freundin heran, schlang ihre zarten Arme um sie und zog sie in eine enge Umarmung, ihren Kinn auf ihrer Schulter gebettet. „Es geht um Lucas, nicht wahr?“, sprach Jiae sanft, während sie der vollkommen verwirrten Naoko über den Rücken streichelte. „Du weißt, ich würde mich nicht zurück halten, wenn du nicht ausdrücklich darum gebeten hättest.“ Jiae wollte nur, dass Naoko wusste, dass sie in jeder Hinsicht und vor allem im Bezug zu Lucas felsenfest hinter ihr stand und ihr Angebot dem Jungen das Leben zur Hölle zu machen nach wie vor nicht abgelaufen war. Die Japanerin hatte die Umarmung kurz aber fest erwidert, ehe sie sich aus den Armen von Jiae gewandt hatte und sie eindringlich musterte. „Es geht nicht um Lucas. Wie kommst du überhaupt darauf?“ Nun war es an Jiae verwirrt zu sein. „Euer Zusammenstoß hat sich wie Lauffeuer verbreitet?“ Naoko verdrehte entnervt die Augen. Natürlich mussten diese minderwertigen Kreaturen sofort ihren Gossip auspacken. Hatten sie nichts Besseres zu tun?

„Aber wenn es nicht das ist, was hat dich denn sonst so aufgewühlt?“ Der fragende, leicht skeptische Blick ihrer besten Freundin brannte sich regelrecht in Naokos ein. Der Blick der Japanerin fiel auf den zerknitterten Zettel in ihr Hand, als sie diesen in Jiaes Hände drückte. Sie beobachtete Jiaes Reaktion, fest damit rechnend, dass die Mauern um Jiae bröckeln würden – doch das taten sie nicht, noch nicht. „Das ist es, oder?“, sprach Naoko mit Nachdruck. „Du hast auch so einen Liste bekommen, und noch mehr als das.“, betonte Naoko in aller Deutlichkeit. Jiae kniff ihre Augen zusammen, der Ausdruck in ihnen war eisig. „Wenn ich herausfinde, wer diese Liste verschickt hat, werde ich als nächstes sein Grab schaufeln“ In ihrer Stimme klang ein bedrohlicher Unterton mit – und Naoko glaubte ihr jedes einzelne Wort, was über ihre rosigen Lippen kam. „Dann werde ich dich sicherlich dabei unterstützen. Aber vorher sollten wir uns alles erzählen, findest du nicht?“ Wenn sie aneinander vertrauen wollten, dann mussten sie beide die Karten offen auf den Tisch legen und das bedeutete im Umkehrschluss, dass sie  keine Geheimnisse voreinander haben durften. Schlussendlich nickte Jiae und willigte damit ein, dass sie Naoko alles erzählen würde, angefangen damit ihre erste Frage zu beantworten.

„Hast du etwas mit dem Mord an Sunmi zu tun?“ Das sollten wir nicht hier Besprechen.“

Der Krach, als einer der Türen zu den Toiletten aufgeschlagen wurde, ließ beide Mädchen erschrocken zur Seite wirbeln. Jungeun stand mit weit aufgerissenen Augen im Türrahmen.

„Was geht hier eigentlich vor sich?!“



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