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mouth of lies

von anoesis
MitmachgeschichteMystery, Liebesgeschichte / P16 Slash
18.03.2019
07.09.2020
3
17.033
13
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5 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
05.12.2019 6.975
 
chapter oneˍ july 06. 2018

You dig deeply into me,


― like the thorn of a red flower stuck in me filled with poison ―






넌 깊이 나를 파고들지  내 안에 박힌 붉은 꽃의 가시같이






Jungeun verbeugte sich tief, auf ihren rosigen Lippen lag ein warmes Lächeln, als sie die unzähligen Komplimente und die Beileidswünsche der an ihr vorbeilaufenden Gäste entgegennahm. „Ein entzückendes Mädchen“, ließ eine ältere Dame verlauten, dabei wischte sie sich mit einem Tuch die frischen Tränen von den Augenwinkeln und widmete sich dann wieder ihrer Begleitung, ein Herr im hohen Alter. Hinter ihnen fixierten ihre dunklen Augen einen großen Jungen, der sich seinen Weg zu ihr hindurchbahnte, immer mal wieder anhaltend, um sich vor bekannten Gesichtern oder älteren Herrschaften zu verbeugen. Jungeun musste augenblicklich schmunzeln. Jaehyun konnte gut mit alten Menschen, vor allem die älteren Damen schienen ganz bezaubert von ihm zu sein, es verübeln konnte Jungeun ihnen nicht, immerhin war er der Traum aller Schwiegereltern: Höflich, aufmerksam und ein waschechter Gentleman. Wer könnte ihm schon wiederstehen?

„Hey“ Seine Stimme war auch heute wieder samtweich und jagte Jungeun ein wohliges Gefühl durch den Körper. „Hi Jaehyun. Wo ist denn Lucas? Euch beide erwischt man kaum ohne den anderen.“ Eigentlich interessierte es sie nicht, wo sich Lucas herumtrieb und was er machte, im Gegenteil es war ihr ganz Recht, dass er mal nicht mit im Schlepptau war. So konnte sie die wenigen Minuten, die sie alleine mit Jaehyun hatte, genießen. Wenn sie ganz ehrlich war, war ihr niemand außer Jaehyun wichtig an dieser Akademie. Doch selbst wenn sie Jaehyun näher stand, als sonst irgendeinem Menschen, konnte sie auch bei ihm ihre Fassade des Mädchens, die sich mit allen verstand und sich um jeden sorgte, nicht fallen lassen. Grade vor ihm nicht, schließlich wollte sie von ihm gemocht werden.

„Komisch, das gleiche hat Lucas auch über uns gesagt.“ Als seine Mundwinkel so nach oben zuckten, wirkte es beinahe schon schüchtern. Seine warmen Augen, in denen sich Jungeun komplett verloren fühlte, blieben so lange an ihren hängen, bis sie seinem Blick auswich. Es gab Tage, wie auch heute, wenn Jaehyun sie so anschaute, da hatte Jungeun das Gefühl, dass auch bei ihm Empfindungen im Spiel waren, die weit über ihre Freundschaft hinausgingen, doch dann sah sie ihn mit dem selben Ausdruck, der selben wärme in den Augen, die anderen Frauen und Männern galten.  

„Lucas und ich, wir sind uns anscheinend ähnlicher, als ich annahm.“

„Das seid ihr. Aber er hätte niemals so eine Rede halten können, wie du eben.“

Seine Arme legten sich vorsichtig um ihren Körper, als er sie in eine zarte Umarmung zog. Sie fühlte sich so wohl in seinen Armen, an seine Brust gedrückt, dem regelmäßigen Herzschlag lauschend.  

Es ist schön zu sehen, dass einige an dieser Akademie noch ein Herz haben.“

Eine Welle aus Schuldgefühlen schlug auf sie nieder, als sie nur noch die kälte ihres eigenen Herzens verspürte. Du bist der einzige, der ein Herz hat Jaehyun.



Ahri hing ihren eigenen Gedanken nach, während sie das Szenario am anderen Ende des Saals aufmerksam beobachtete. Wie er das zierliche, blonde Mädchen anlächelte, bevor er sie in seine Arme zog und damit wohl zum glücklichsten Menschen des Universums machte. Zumindest stellte sich Ahri vor, dass sie sich in dem Moment wahrscheinlich so gefühlt hätte. Ihre zierlichen Hände spielten mit dem schwarzen Haargummi, das fest um ihr zartes Handgelenk saß. Jungeun sah so glücklich aus, da in seiner Umarmung — und er tat es auch.  „Ahri?“ Sie fragte sich zwar immer wieso es ihr nicht gelingen wollte ein einfaches 'Hallo‘ an ihn zu richten, doch genauso oft erinnerte sie sich daran, wie perfekt er doch war und wie viel besser er in ihre Traumwelt passte, als in die reale Welt. „Ahri?“ Auf welche Art und Weise konnte man mit einer Person, die so perfekt war wie Jaehyun, denn in Kontakt kommen?

„Erde an Ahri!“ Als die entnervte Stimme von Jaebum endlich zu ihr hindurchdrang, riss Ahri erschrocken ihren Kopf zu Seite und starrte gradewegs in das besorgte Gesicht von Wonho, direkt neben ihm Jaebum, der sie entsprechend seiner Stimmlage auch derart angepisst anfunkelte. „Alles in Ordnung?“ Unter anderen Umständen, wenn eine andere Person sie gefragt hätte, hätte Ahri über ihre Antwort gründlich nachgedacht, bevor sie etwas gesagt hätte. Aber das vor ihr war Wonho, die erste Person, in die sie am ersten Schultag gerannt war und der sich seitdem zu ihrem besten Freund aufgearbeitet hatte. Er hatte keine anderen Absichten, bis auf die herauszufinden, ob alles in Ordnung war. War es das ? „Ja, ja. Tut mir leid, ich hatte grade über etwas nachgedacht.“ Ein sanftes Lächeln bereitet sich auf den vollen Lippen von Wonho aus, derweilen starrt Jaebum sie lediglich skeptisch an. „Über etwas – oder über jemanden?“, zog Wonho sie auf, vielwissend mit den Augenbrauen wackelnd.  Erwischt wich Ahri einwenig zurück, während ihr Gesicht glühte. Ihre kleine Schwärmerei für Jaehyun war unter ihren Freunden zwar kein Geheimnis, aber es war ihr dennoch peinlich genug. Mit zwei ausgewachsenen Jungs über Mädchenkram zu reden war übrigens genauso unangenehm, wie es sich anhörte. „Ich… also… ich…“, stotterte sie unbeholfen, ehe Wonho ihr sachte über die Haare strich. „Schon gut, schon gut! Ich scherze doch nur!“ Jaebum stieß neben Wonho entnervt und tief die Luft aus seinen Lungen, zog die Augenbrauen zusammen und lehnte sich plötzlich soweit vor, dass Ahri seinen heißen Atem spüren konnte. Die plötzliche Nähe kam so unerwartet, dass sie ihm, neben einem kleinlauten Quieksen,  nur erstarrt entgegenblicken konnte. „Sag mal, wieso wirst du denn so nervös? Wir wissen ganz genau, wen du da in Gedanken ausziehst und—“ Eine kräftige Hand packte Jaebum fest an der Kapuze seines Pullovers, riss ihn ohne Vorwarnung zurück und verhinderte ihn so daran weiter zu reden.  „Belagere sie doch nicht so, Idiot!“

„YA?! Was soll der Scheiß, du Arschloch?!“ Jaebum war genervt und aufgebracht, aber zum Großteil nur genervt. Ein unzufriedenes Seufzen stahlt sich Ahri über die Lippen, als sie Jaebum tadelnd beäugte. „Jaebum, bitte keine Schimpfwörter.“

Jaebum knurrte teils geladen teils belustigt auf, als er Ahri in die Wange kniff.

„Sag du mir nichts von Schimpfwörtern, während du Jaehyun in Gedanken—“ Wonho schnitt ihm erneut das Wort ab, dieses mal indem er ihn kräftig gegen die Schulter schlug. Das schmerzhafte aufzischen von Jaebum entlockte Wohne ein überaus zufriedenes Grinsen.

„Sag mal merkst du noch etwas? Lass sie gefälligst in Ruhe! Ahri ist viel zu unschuldig, um irgendwen in Gedanken—

Die beiden Jungs diskutierten noch eine ganze Weile miteinander, sprangen von Thema zu Thema und am Ende wussten wahrscheinlich beide gar nicht mehr worüber sie sich überhaupt unstrittig waren. Sie konnte nicht anders, als über ihre zwei Idioten zu schmunzeln, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Ende des Saales widmete. Er war nicht mehr da. Stattdessen starrte sie nun der Headcheerleaderin persönlich entgegen, die sich wie eine Königen vor Jungeun aufgebaut hatte und irgendwie verstimmt wirkte. Einige Meter hinter Jiae stand Naoko, die das Geschehen mit ausdrucksloser Miene verfolgte. Ahri schaute sofort weg. Sie wollte nichts wissen, was mit Jiae zutun hatte, aber vor allem wollte sie sich die Königin, die sie so sehr an Sunmi erinnerte, nicht zum Feind machen.

„Immerhin hat sie aufgehört an ihrem Haargummi herumzufummeln.“





Der eisige Blick in Jiaes dunklen Augen, gepaart mit dem lieblichen Lächeln auf ihren kirschroten Lippen, ließ in Jungeun das Blut in den Adern gefrieren. Nur kurz sah sie Jaehyun hinterher, bevor sie erneut Jungeun musterte. „Oh, tut mir Leid, habe ich irgendetwas unterbrochen?“ Das zwanghafte Lächeln auf Jungeun Lippen, wirkte so ehrlich,  als hätte man es für sie Maßgeschneidert. Sie schüttelte ihren Kopf „Ah nein, wir haben nur—“ Ihre Worte, die sie sich im Kopf schön zusammengelegt hatte, wurden  mit einer einfachen Handbewegung Seitens Jiae unterbrochen.

Natürlich nicht. Weißt du, ich bin auch gar nicht hier, weil ich mit dir über den gescheiterten Versuch über deinen Ex hinwegzukommen sprechen möchte.“ Jiae beobachtete zufrieden, wie sich Jungeun bei ihren Worten anspannt, doch den freundlichen Ausdruck konnte sie ihr nicht vom Gesicht wischen. Ganz gleich welches falsche Lächeln vor einigen Sekunden noch die Lippen von Jiae zierte, verblasste so abrupt, dass auch wenn nur kurz Jungeun ihr eigenes fallen ließ. Mit einer Eleganz, die man von Jiae nur zu gut kannte, strich sie ein Teil ihrer dunkelbraunen Haare hinter ihre Schulter, während sich Jungeun unter ihrem abwertenden Ausdruck immer kleiner machte.

„Du kannst es natürlich nicht wissen, wie denn auch? Aber Menschen haben bestimmte Erwartungen an mich. Das verstehst du doch, oder?“ Das charmante Lachen erklang so süß und lieblich, dass Jiae beinahe geglaubt hätte, es wäre nicht nur vorgespielt. Aber eben nur beinahe. „Natürlich verstehe ich das!“ In ihrer Stimme konnte Jiae nichts ausmachen, was auch nur ansatzweise unehrlich oder nach falscher Freundlichkeit klang. Jungeun war gut, in dem, was sie tat, wie sie sich gab und wie sie redete. Menschen schienen ihr sofort zu vertrauen, mochten sie fast auf Anhieb, aber nicht Jiae, doch sie sah wieso alle der Blondine aus der Hand fraßen.

Natürlich verstehst du das.

—Oder etwa doch nicht?“ Jiae machte einen großen Schritt auf sie zu. „Ich habe das ungute Gefühl, dass du nicht verstehen möchtest, dass du nicht an die Spitze gehörst. Kennst du deinen Platz Lip?“ Es war eine Frage, auf die es nur eine richtige Antwort gab, eine Antwort, die Jungeun nicht befriedigte und doch lächelte sie unbeirrt weiter. „Natürlich! Und es tut mir schrecklich Leid, ich dachte, dass ich dir vielleicht eine Last abnehme, schließlich waren du und Sunmi fast wie Schwestern gewesen.“  Honig tropfte von ihren Lippen, diese Freundlichkeit, dieses Verständnis und diese Fürsorge, Jiae glaubte ihr kein einziges Wort und Jungeun wusste, dass sie es nicht tat, wieso also spielten die beiden Mädchen weiterhin dieses Spiel?

„Sicherlich wiederholst du so einen Fehler nicht nochmal.“  In ihren Worten lag eine unausgesprochen Drohung, dass wenn Jungeun es wagen sollte den Fehler zu wiederholen Jiae etwas wegzunehmen, sie das nächste mal mit größeren Konsequenzen zu rechnen hatte. Wie auf Abruf, hackte sich Naoko bei der Königin ein und würdigte Jungeun keines Blickes, als sie diese dort stehen ließen und sie endlich ihre Maske ablegen konnte. Jungeun hasste die beiden, obwohl Naoko war ihr schon fast egal, aber der Zorn und die Wut auf Jiae würde niemals abklingen.  Schon oft hatte Jungeun darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, wenn sie als nächstes Jiaes Trauerrede halten könnte.

Das silberne Cocktailkleid von Louis Vuitton, welches persönlich für sie Maßgeschneidert wurde, schmiegte sich locker um Naokos Körper. Ihre Haltung war Pinnnadelgrade, die Schultern zurückgerollt und das Kinn empor gedrückt. Jay und Nay waren wie ein Markenname auf dem Campus. Auch heute wirkte es nicht so, als würden zwei trauernde Freunde an der Trauerfeier einer verstorbenen Freundin teilnehmen, sondern als würden sie in Kürze eine Modenschau mitlaufen.

„Wenn du sie töten und vergraben möchtest, kannst du auf mich zählen.“ Nur wenige Menschen bedeuteten Naoko wirklich etwas und für diese gäbe es nichts, was die Japanerin nicht tun würde, sei es auch eine nervige Tussi vergraben und sich einwenig die Hände schmutzig zu machen. „Sie ist es sicherlich nicht Wert in einer stillosen Zelle zu landen und jeden Tag dieselben unmodischen Klamotten zu tragen.“ Allein bei dem Gedanken verzog sich Jias Miene, ein unzufriedener Ausdruck fegte ihr über die feinen Gesichtszüge, derweilen zuckte Naoko nicht mal mit der Wimper. „Außerdem ist Mord nicht meine Farbe. Aber Silber ist definitiv deine Farbe., fügte Jiae hinzu und spielte auf das sündhaft teure Kleid an, welches Naoko heute anlässlich der Trauerfeier trug. „Passt doch perfekt zum Konzept des heutigen Tages.“, legte Naoko nach, während ihre dunkelrot geschminkten Lippen beinahe ein Grinsen andeuteten.

„Jay, geh du doch schon mal vor.“ Angesprochene folgte Naokos Blick und blieb an einem großen , dunkelhaarigem Jungen hängen, der sich grade eine Zigarettenschachtel aus der Tasche seiner Lederjacke fischte, während er mit der freien Hand eine bestimmte Person zu sich winkte.  „Ich komme nach, sag Kai er soll auf mich warten, wenn ich mich verspäten sollte.“  

Naoko steuerte den Jungen an, der nun unzufrieden aus der Wäsche guckte. „Was ist los Bruderherz?“  Auf die Frage hin stieß Katashi hart die Luft aus, ehe er die Schachtel Zigaretten wieder einsteckte. „Kein Feuerzeug. Hast du Feuer, Schwesterherz?“, seine Stimme klang viel zu sanft für seine Verhältnisse, als er Naoko den Arm um die Schulter legte. Er hatte eine Zigarette ganz dringend nötig, nach diesem Scheißtag. „Ah warte, ich schau mal unter mein Kleid. Ich könnte dir Alkohol anbieten?“, ließ Naoko ganz nebensächlich verlauten und entlockte ihrem Zwillingsbruder ein amüsiertes Lachen.

„Chanyeol hat heute wohl genug mit Alkohol herumexperimentiert.“  Naoko kniff die Augen nachdenklich zusammen. Was ist ein Chanyeol? „Wer? Willst du nun Alkohol oder nicht?“  Das ließ sich Katashi doch nicht zweimal sagen. „Was denkst du, wen du vor dir stehen hast?“

Seit Stunden hatte Naoko das erste mal wieder so richtig gute Laune, als sie einen winzigen Flask unter ihrem Kleid hervorzog und einen großen Schluck davon nahm, nur um es kurz darauf Katashi in die Hand zu drücken. Erst in dem Moment bemerkte sie den plötzlichen Stimmungswechsel ihres Zwillingsbruders, der sich bedrohlich aufgebaut hatte und seinen tödlichen Blick auf irgendetwas hinter Naoko richtete. Als sie sich umdrehte verhärteten sich ihre Gesichtszüge augenblicklich.

„Verpiss dich, Wong!“

Sie starrte gradewegs Lucas ins Gesicht, der die geknurrten Worte ihres Bruders gekonnt ignorierte und stattdessen Naoko ein total selbstbewusstes und überzeugtes Grinsen schenkte. Wie sehr wünschte sie sich dieses verdammte Grinsen von seiner Fresse zu wischen. „Naoko, kann ich kurz mit dir reden?“ Niemand hätte auch nur ansatzweise so genervt schauen können, wie Naoko in dem Moment, als Lucas sein verdammtes Maul aufriss. „Ich weiß nicht, kannst du das denn?“ Der Sarkasmus in ihrer Stimme war nicht zu überhören, aber der große Basketballer vor ihr ließ sich nicht beirren.

„Wir müssen reden, Nay.“ Entweder war sein Selbstbewusstsein auf einem hochgradig ungesundem Level oder er war einfach nur selten dämlich, sich grade vor ihrem Bruder, der sich hinter ihr merklich anspannte, unterhalten zu wollen. „Ich mache gar nichts und du kannst dich verpissen.“ Sein dämliches Grinsen kotze sie dermaßen an, dass sie fast zur Seite getreten wäre, damit Katashi Abhilfe schaffen konnte. Fast. „Hast du nicht gehört? Du gehst oder du beziehst Prügel.“ Katashi funkelte den großen Jungen geladen an und war so verdammt kurz davor einfach auf ihn loszugehen, als dieser sich erneut an Naoko richtete. „Irgendwann musst du mit mir sprechen.“ Naoko presste ihre Hand fest an Katashis Brust, um ihn davon abzuhalten jetzt noch Dreck zu machen.

„Er ist es nicht wert.“ Ihre kalten, ausdruckslosen Augen taten Lucas schon fast weh, aber eben nur fast. „Lass mich in Ruhe.“, spuckte sie ihm entgegen, packte daraufhin Katashis Arm und zog ihn hinter sich her. „Wenn dieser Bastard dich noch einmal belästigt, bring ich ihn um.“, „Tust du nicht. Wenn ihn jemand umbringt, dann ich.“





Szayella war froh, dass diese elendige Trauerfeier bald sein Ende hatte. Genauso wie Jongin, wollte sie gar nichts erst auftauchen und vor allem wollte sie nicht die trauerden Mitschülerin spielen, aber sie hatte einen Ruf zu verlieren, der ihr ziemlich wichtig war. Deshalb war sie sogar präsent auf einer Trauerfeier von einem Mädchen, dessen Tod ihr nichts als Freude bereitet hatte. Während der Trauerrede von Jungeun, hätte sie sich am liebsten übergeben und auch jetzt noch hatte Yella keine Ahnung über wen Jungeun da geredet hatte, aber es war sicherlich nicht Sunmi. Eins musste Yella der verstorbenen Sunmi jedoch lassen; sie hatte genau dieses perfekte Mädchen gespielt, das Jungeun beschrieben hatte. Jahre lang gab sie sich als einen Engel aus und die meisten  hier hielten sie wahrscheinlich immer noch für das liebreizende, engagierte Mädchen, die keiner Fliege etwas zuleide tun könnte. Yella dachte das damals auch, bis Sunmi vor ihren Augen ihre Maske fallen ließ. Bis zu diesem Zeitpunkt, wusste sie nicht wie wahre Monster aussehen und sie hatte Jimin zuvor schon oft wüten sehen.

Ihr Gesicht erhellte sich schlagartig, als sie die gelangweilte Miene von Jongin erblickte, der sich grade die Ohren von Jinsol zerkauen ließ. „Jongin, gib mir mal bitte dein Handy. Mein Akku ist leer!“ Jongin verdrehte unberührt die Augen, bevor er sein Handy aus der Tasche seiner schwarzen Jeans fischte und es Yella mit den Worten „Du nervst“ in die Hand drückte. Überrascht darüber, dass Jongin ihr zum ersten mal tatsächlich freiwillig sein Handy übergab, legte sie ihre flache Hand an seine Stirn. „Fieber hast du schonmal nicht.“ Jongins Ausdruck blieb unverändert, als er auf Yella hinabsah  und ihre Hand von seiner Stirn wegschob. „Ich habe einfach kein Bock mit dir zu diskutieren, bist viel zu anstrengend.“ Jinsol kicherte im Hintergrund, bevor sie Jongin einen Klaps gegen den Oberarm gab. „Sei nicht so gemein!“ Yella hatte es geschaffte sie ganze zwei Minuten zu ignorieren, sie würde es auch den Rest des Gespräches mit Jongin schaffen.

Jongins Worte waren kalt, aber wie immer brutal ehrlich, so wie man es von ihm gewohnt war und wenn Yella ehrlich sein sollte, traf es sie nicht wirklich hart. Dahingegen war das grelle Kichern von Jinsol um einiges schmerzhafter für ihre Ohren. Sie hatte Jongin schon von Anfang an so akzeptiert, wie er nun Mal war und sie hatte nicht die Absicht ihn zu verändern, nicht das sie oder irgendjemand anderes es jemals schaffen könnte. „Gut für mich“, grinste Yella ihm entgegen, bevor sie sich an seinem Handy zu schaffen machte und ein Spiel öffnete. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Jongin nicht gedacht, dass jemand noch anstrengender sein konnte, als Jinsol. „Bist du nachher auch im Diner 11:11? Dann kann ich dir dein Handy zurück geben. Schau wie du bis dahin klar kommst Ninibär.“ Sie zwinkerte ihm noch kurz zu, bevor sie sich durch die Masse zu Jaehyun durchkämpfte. Sie hatte Lucas schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen und wenn jemand wusste, wo sich der Idiot aufhielt, dann war es Jaehyun.

„Hey Jaebaby! Weißt du wo Lucas ist?“ Jaehyun schaut Yella aufrichtig entschuldigend an, als er leicht mit den Schultern zuckt. Er wog ab, ob er ihr nun tatsächlich sagen sollte, dass er ihn zuletzt mit Naoko gesichtet hatte, oder ob er es doch lieber bei einem Schulterzucken belassen sollte. Nun letzteres wäre ziemlich unhöflich und Jaehyun war alles, aber nicht unhöflich. Am Ende würde Yella es sowieso herausfinden, schließlich hatte Lucas nicht wirklich Geheimnisse vor seiner besten Freundin. „Ich habe ihn zuletzt mit Naoko gesehen.“ Die entspannten Gesichtszüge von Yella spannten sich augenblicklich an. „Wie immer, wollte sie nicht mit ihm reden.“, fügte Jaehyun noch vorsichtig hinzu, beobachtete Yella dabei, wie sie von Sekunde zu Sekunde immer wütender wurde. Schnauben und verständnislos, schüttelte sie ihren Kopf, das Spiel auf dem Handy schon längst vergessen.

„Wieso lässt er es nicht einfach gut sein? Er hat eh etwas Besseres verdient. Jemanden, der es wertschätzt Lucas haben zu können.“ Ein sanftes Lächeln zierte Jaehyuns Lippen, er schaute sie verständnisvoll an, dennoch wollte er nicht noch mehr dazu sagen. Yella schien dies zu bemerken, aber das Thema wollte sie trotz dessen noch nicht fallen lassen. „Kommt er wenigstens zum Diner?“

„Denkst du, er lässt sich die Chance entgehen, es noch ein hundertstes Mal bei Naoko zu versuchen?“, schmunzelte Jaehyun, jedoch fand Yella es alles andere als amüsant. Es frustrierte sie einen solch blinden und dummen besten Freund zu haben, der eins und eins nicht zusammenzählen konnte. „Wenn ich da bin, wird er gar nichts versuchen. Du weißt, ich halte ihn von Dummheiten ab und Nay ist eine ziemlich große Dummheit. Es ist einfach nur Irrsinn.“, brummte Yella genervt bis zum Himmel, während Jaehyun sie mitleidig musterte. „Ich weiß, wie sehr du Lucas liebst Yel. Ich tu es auch. Aber ich kann Naoko verstehen.“ Wenn Yella vorhin wegen Lucas frustriert war, überstieg der Frust, den sie wegen Jaehyun empfand, den von Lucas um Weiten. „Ich liebe dich Jaehyun, aber bitte rede nicht weiter.“ Sie legt eine kurze Pause ein, beobachtet Jaehyuns Reaktion, der ihr lediglich abwartend entgegenblickt. Jaehyun war schon immer ein guter Zuhörer gewesen. „Sie verletzt ihn, obwohl sie sieht, wie viel Mühe er sich gibt!“ Warme Hände legten sich auf ihre Schultern, ein genauso warmes Lächeln bildete sich auf den Lippen ihres Gegenübers. „Vielleicht ist er nicht der einzige, der verletzt ist?“

Yella seufzte unzufrieden auf, als sie nun endgültig das Handtuch warf. Er konnte ein noch so guter Zuhörer sein, aber in einigen Situationen brachte es einfach nichts mit ihm zu reden, denn er würde niemals Partei ergreifen, dafür war er ein viel zu netter Mensch. Ein total hoffnungsloser Fall, würde Yella beinahe sagen. Dennoch störte es sie, dass Naoko sich so viel herausnehmen konnte. Außerdem glaubte sie dem ganzen Scheiß mit Naoko nicht. Dieses Mädchen war einer dieser Menschen, von dem Yella hoffte, dass Lucas niemals mit zusammenkommen würde. Ihr war es auch scheißegal, dass Nay die beste Freundin von Jiae war, schließlich ging es hier um Lucas und für ihn würde sie sich jedem in den Weg stellen.

„Hast du schon wieder Jongin sein Handy abgezogen?“

Yella schaute verwundert zu Jaehyun, dann fiel ihr Blick auf das schwarze Gerät in ihrer Hand, nur um dann wieder dem Schülersprecher entgegen zu grinsen. Irgendwie tat der Gedanke an Jongin ihrer Laune immer wieder gut.

„Dieses Mal hat er es mir sogar freiwillig gegeben.“



Joy schielte rüber zu Changha, als sie unentspannt ausatmete. Bei dem Gesicht, das er zog, könnte man meinen, man hätte ihn tagelang mit schreienden Gören in einen Raum gesteckt. „Zieh nicht so ein Gesicht, Channie“, beorderte Joy, allerdings schaute Changha nur kurz pissig und angespannt zu ihr rüber, bevor er seinen Blick stur geradeaus richtete. „Dieser Tod hat nichts mit mir zu tun, wieso muss ich trotzdem hier sein?“, beklagte er sich bockig und pustete seine Wangen noch einwenig mehr auf. Gefrustet, stützte Joy ihre Hände gegen ihr Becken und schüttelte unglaubwürdig den Kopf. „Etwas mehr Respekt für eine Verstorbene, wenn ich bitten darf!“ Mit der Zunge schnalzend, wendete sich Changha mit urteilender Miene erneut an seine gute Freundin, dabei hatte sich ein verständnisloser Ausdruck in seinen Gesichtszügen gefestigt. „Diese Bitch respektieren? Hell no.“ Er verstand nicht, wieso er jemand wie Sunmi die letzte Ehre erweisen sollte, denn sie war niemand, die das verdient hätte. Joy sog scharf die Luft ein, bevor sie diese genauso hart wieder ausstieß. „Reiß dich gefälligst zusammen. Das schlimmste hast du hinter dir.“, merkte sie an, dennoch stellte es Changha nicht wirklich zufrieden. Immerhin saß er hier noch immer fest, weil die Lehrer sie noch immer nicht entlassen hatten. Seine Laune hatte heute wahrhaftig den Tiefpunkt erreicht.

Neben ihm hatte Joy eine Gestalt fixiert, die sich hastig zwischen der Masse an Menschen durchschlängelte, als hätte er etwas verbrochen und wolle nun so schnell wie möglich von diesem Ort verschwinden. Die Kapuze seiner schwarzen Sweatshirt Jacke hing ihm tief ins Gesicht und er würdigte die drei Jugendlichen keines Blicks, während er an ihnen vorbei stürmte. „Kitti! Warte!“, entkam es Joy etwas lauter als geplant, allerdings schien der Angesprochene nicht anhalten zu wollen. Deshalb fackelte Joy auch nicht lange, um ihm hinterher zu eilen.

Eine kleine Hand zerrte am Ärmel seines schwarzen Hemdes und zog somit Changhas gesamte Aufmerksamkeit, die grade eben noch auf  Joy und dem reichen Schnösel lag, auf sich. Als er herübersah, wurde er mit dem weinerlichen Gesichtsausdruck von Vivi konfrontiert. Ihre bebende Unterlippe hatte sie hervorgeschoben, die Nase gekräuselt und die Augenbrauen in Trauer zusammengezogen. Sie war gefährlich nah dran jeden Moment in Tränen auszubrechen. Allerdings war Changha so verwirrt über die plötzliche Offensive von Vivi, dass er sie eine ganze Weile nur wortlos anstarren konnte. Zugegeben, es war nicht wirklich geistreich und vielleicht stand er so richtig auf dem Schlauch, aber zu seiner Verteidigung: Vivi kam nie von sich aus zu ihm. Sonst saß sie auch immer nur neben ihm und ließ sich ignorieren. Dass sie jetzt die Initiative ergriff, kam so überraschend, dass es Changha total aus der Bahn geschmissen hatte. Genauso starrte er sie auch an; als hätte er eine Irre vor sich sitzen.

„Wen muss ich töten?“ Es war kein Geheimnis, dass Vivi nicht grade zu Changhas liebsten Personen gehörte, aber sie war nun mal ein Teil seines Freundeskreis. Das hatte er schon lange akzeptiert,  deshalb würde er sich auch immer für sie einsetzen. Ganz entgegen seiner Erwartung, deutete sie unauffällig auf Hanbin, der seinen getretenen Blick auf seine Schuhe gerichtet hatte. Er machte einen total verängstigten Eindruck, als hätte er das Bedürfnis im Erdboden zu versinken. Changhas gesamter Körper spannte sich an. Er hielt Ausschau nach einem bestimmten Monster, während er näher an Hanbin trat. Ein bestialische Augenpaar musterte den Künstler zornig, nur um dann direkt in Changshas finstere Miene zu starren. Park Jimin. Wenn Blicke töten könnten, dann wäre Jimin tausend qualvolle Tode gestorben, allein in diesem Augenblick.

Hanbin sah verwundert auf, als sich jemand vor ihn schob und damit die Sicht auf Jimin komplett blockierte. Seine braunen Augen trafen auf die dunklen von Changha, in denen das selbe energische Feuer loderte, wie man es von ihm kannte. Seine Hände waren genauso warm wie der Ausdruck in seinen Augen, als Changha diese an seine Schulter platzierte. „Ich bin hier Hanbinnie, er kann dir nichts tun.“, sicherte ihm Changha zu, den Griff um seine Schultern festigend. Damit gab er Hanbin mehr Sicherheit, als er wohlmöglich vermutete.  Trotz dessen spielten Hanbins Hände unsicher mit dem Saum seines übergroßen Pullovers, näher an Changha tretend. „Danke.“ Auch wenn er sich in der Nähe von Changha immer behütet und beschützt fühlte, konnte er die sich in ihm eingebrannte Angst, die Jimin ihm in den letzten Jahren eingeprügelt hatte, nicht einfach beiseiteschieben. Ein Teil von Hanbin würde sich immer vor dem Monster fürchten, das Park Jimin innewohnte. Deshalb trat er schutzsuchend noch näher an Changha heran, als er vom Seitenwinkel ausmachen konnte, dass sich besagtes Monster von seiner kleinen Gruppe gelöst hatte und gradewegs auf sie zusteuerte.

„DU BIST EIN MÖRDER!“ Hallte es laut durch den großen Saal und zog die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich.

Weder Hanbin, noch Changha, der bei den ängstigenden Worte herumgewirbelt war, hätten in Lebenszeiten gedacht Park Jimins Gesichtszüge vollkommen entgleisen zu sehen. Der erschrockene Ausdruck war binnen bruchteilen von Sekunden zerschellt, stattdessen kroch das furiose Biest in ihm empor und Gott bewahre, nicht mal der übermütige Changha hätte sich Jimin jetzt noch in den Weg gestellt.

Jimin fuhr erbost herum und erblickte die Lärmquelle auf Anhieb. Lee Ilseong, der Vater  von Sunmi, hatte sich gefährlich vor Jungkook aufgebaut und Atmete schwer ein und aus. Jedes einzelne Augenpaar der anwesenden Gäste, lag auf ihnen, schockiert und entsetzt von der Wortwahl und den Beschuldigungen des alten Herren, gerichtet an einen einfachen Jugendlichen. Unaufhaltsame Wut kochte in Jimin auf, als Jungkook unsicher von dem Mann wegtrat, der unbeirrt auf ihn zu stampfte. Aber am meisten brachte der reumütige Ausdruck Jungkooks ihn zum Hochfahren.

Niemand konnte so schnell begreifen was passierte, da hatte sich Jimin zwischen Jungkook und Lee Ilseong geschoben und ihn mit roher Gewalt an den Schultern weggestoßen. Fassungslos, taumelte Ilseong einige Schritte zurück, doch noch bevor er erfassen konnte was grade geschehen war, stand Jimin wieder so dicht an ihm, die Privatsphäre eines alten Mannes komplett ignorierend. Ein grauenhaftes Knurren bahnte sich aus seiner Kehle empor und jagte nicht nur Ilseong eine heiden Angst ein, sondern auch allen anderen, die das furchtbare Geschehen mitverfolgten. „Halt mal die Luft an Alter. Niemand kann etwas für die Labilität deiner verschissenen Tochter.“, grollte er dem Mann mit solch einer Intensität entgegen, dass besagter das Gefühl hatte, die Erde unter ihm würde beben.

„Jimin! Hör auf damit!“ Eine weibliche, mindestens genauso wütende Stimme, mischte sich ein und krallte sich mit ihren Händen am Pullover ihres besten Freundes fest. Jimin erkannte sofort Sinjaes Stimme, die krampfhaft versuchte ihn von dem Mann wegzuzerren, den er grade am liebsten zerfleischen würde. Ganz gleich wie sehr sich Sinjae auch anstrengen mochte, Jimin rührte sich nicht vom Fleck, nicht wenn er nicht selber wollte. Das einzige, was ihn jetzt noch zufrieden stellen würde, war es den alten Pisser vor ihm grün und blau zu schlagen, bis nicht einmal seine heulende Frau ihn wiedererkennen könnte.  „Jimin!“, sprach Sinjae noch einmal mit Nachdruck, während Jaehyun sich gleichzeitig zwischen die zwei Männer drängte. Jaehyun warf Jimin einen eindringlichen Blick zu; „Es reicht jetzt, Jimin.“ Wutschnaubend, schüttelte Jimin die Hände von Sinjae ab, machte auf dem Absatz kehrt und trampelte auf den Ausgang zu, gefolgt von seiner besten Freundin.

„SO KANN ER NICHT ÜBER MEINE TOCHTER SPRECHEN!“, kreischte Ilseong, während sich seine Frau flehend an ihn klammerte und Jaehyun abwehrend die Hände angehoben hatte, um den Mann zu beruhigen. Hätte Sinjae sich nicht erneut an Jimin festgeklammert und ihn tatsächlich gezwungen mit ihr zu kommen, dann wäre er ohne weiteres auf diesen Bastard losgegangen.

„Hören Sie Mr. Lee, wir müssen uns alles beruhigen. Ich verstehe ihre Trauer, aber das ist nicht der richtige Weg.“, argumentierte Jaehyun ruhig, während er der hastig auf sie entgegeneilenden Jiae ein Handzeichen machte, nicht näher zu kommen. Er merkte ihr an, dass sie wütend war, schließlich ging es hier um Jungkook und auch Jaehyun fand, dass er der letzte war, der solche Anschuldigungen verdient hätte, dennoch würde es niemandem etwas bringen, wenn es nach Jimin noch zu einer tatsächlichen Eskalation kommen würde – und so wie er Jiae kannte, würde es das. Zum Glück hatte sie sich entschieden Jungkook hinterherzulaufen, der so beschämt war, dass er raus aus diesem verdammten Saal musste.  

„ERZÄHL MIR NICHTS! ICH WERDE NICHT ZULASSEN, DASS DER MÖRDER MEINER TOCHTER WEITERHIN AUF FREIEM FUß IST !“ Jaehyun erkannte schnell, dass es aussichtslos war, mit diesem Mann zu reden. Er war aufgewühlt, traurig und akzeptierte den Selbstmord seiner Tochter nicht. Aber welcher Vater in seiner Situation, hätte es denn getan? Jungkook war für ihn nur Schuldig, weil er wahrscheinlich die Last nicht tragen könnte, dass er eventuell kein guter Vater gewesen war und er seine eigene Tochter nicht davon abhalten konnte, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Er brauchte einen Schuldigen, damit er sich nicht selber beschuldigen musste.

Es dauerte nicht lange, dass zig Lehrkräfte und der Direktor persönlich auftauchten, um den endzürnten Mann zu besänftigen. Nur ohne Erfolg.



Jimin entrisst sich aus Sinjaes Griff, als sie das Gebäude aus der Hintertür verließen.  Aufgebracht und noch immer brodelnd vor Wut, fuhr er sich durch die pechschwarzen Haare, während Sinjae ihn ununterbrochen aus finsterer Miene anstarrte. „Dieser Bastard, wird sich noch wünschen nicht auf die Welt gekommen zu sein!“ Er sah aus wie ein bestialisches Monster, das nur auf den passenden Moment wartete, um über seine Beute herzufallen. Sinjae überlegte sich genau, was sie dazu sagen wollte, denn im Moment wusste sie nicht, wie ihr bester Freund reagieren würde. „Wieso geht ihr überhaupt dazwischen? Ich hätte ihn—“ Sinjae unterbrach ihn, indem sie plötzlich einen unerwarteten Schritt auf Jimin zumachte, ihn mit ihren kalten Augen brandmarkend. „Was? Auf ihn eingeprügelt? Getötet?“, zischte sie ihm urteilend entgegen und erntete dafür einen unheimlichen, düsteren Blick von Jimin, der nun selber extrem nah an Sinjae trat. Angst Fraß sich durch ihren gesamten Körper, aber sie sah es nicht ein, den Augenkontakt auch nur für eine Sekunde abzubrechen, dafür schnürte es ihr aber die Luft zum Atmen zu. „Manche Menschen verdienen es zu sterben, findest du nicht auch, Sin?“

Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken und obwohl es erst Juli war, fror sie unter den harten Worten ihres besten Freundes. Er war beängstigend und obwohl sie den Jungen vor sich mehr liebte als vielleicht ihr eigenes Leben, würde diese Seite an ihm immer ein Teil sein, der sie in Angst und Schrecken versetzen würde. Sein heißer Atem streifte ihre rosige Wange, als er zitternd vor Zorn ausatmete und seine Hand an Sinjaes Oberarm legte, die unter der Berührung kurz zusammengezuckt war. Sogleich blitzte Reue in den dunklen Augen eines Monsters auf, der niemals gewollte hatte, dass sich der wichtigste Mensch in seinem Leben vor ihm fürchten musste. Aber diese Stimme in seinem Kopf, das Biest in ihm, er konnte es nicht kontrollieren, auch jetzt nicht, während sich allmählich wieder der abscheuliche Ausdruck an die Oberfläche fraß.

Er drehte ihr den Rücken zu, blieb jedoch nach einigen Schritten kurz stehen. „Ich werde nicht zum Diner kommen, diesen Jongin halte ich heute keine Sekunde aus.“ Sinjae spannte sich am ganzen Körper an, als Jimin sie noch nicht mal angucken konnte und erneut zum Gehen ansetzte.

Hast du nicht vom letzten Mal gelernt, Jimin?“ Angesprochener verharrte auf seiner Position, um ihr einen tödlichen Blick über die Schulter zuzuwerfen, nur um sie kurz daraufhin allein hinter dem Gebäude der Akademie stehen zu lassen.



Kitti blinzelte die sich auf bahnenden Tränen hastig weg, als er endlich vor die Tür des Hauptgebäudes der Akademie trat und all die abwertenden Blicke der Anwesenden hinter verschlossenen Türen zurückließ.   Auch wenn er nach außen hin stark zu wirken schien, konnte man ihm anmerken, dass der Tod von Sunmi ihn hart getroffen hatte, wie sehr ihn das alles verletzte und er die ganze falsche Trauer bestimmter Mitschüler nicht länger ertragen konnte. Er wollte nicht hier sein, nicht bei all den Lügnern. Er wollte jetzt nur noch alleine sein, so wie er es die letzte Zeit immer gewesen ist, seitdem Sunmi sich das Leben genommen hatte.

„Hey, Kitti.“, drang nun wahrscheinlich zum zehnten Mal eine weibliche Stimme zu ihm hindurch, was ihn nun doch zum Anhalten animierte. Er schloss kurz seine Augen, um sich zu sammeln, bevor er sich langsam in ihre Richtung drehte. Joy musterte ihn streng, aber keineswegs mit der gleichen Verachtung, die viele der reichen Schüler ihm entgegen brachten. Dennoch fegte ein abschätziger Blick über seine Gesichtszüge, schließlich standen vereinzelnd wichtige Schüler in der Gegend, die nicht unbedingt mitbekommen mussten, dass Kitti ganz nett sein konnte, im Umgang mit der ärmeren Klasse. „Ja?“ Seine Stimme klang nicht so fest und sicher, wie er das gerne gehabt hätte, aber es müsste für den Moment reichen. „Du vernachlässigst den Club sehr in letzter Zeit. Ich erwarte dich morgen in der Clubsitzung.“ Sie lächelte ihn warm an, dass er es beinahe mit einem Lächeln erwidert hätte. Stattdessen nickte er ihr nur kurz zu, ehe er den Weg in Richtung der Unterkünfte für die Schüler einschlug. Er hatte nicht vor morgen im Club aufzutauchen, das wusste auch Joy irgendwie, denn auch wenn er dachte, es gut verstecken zu können, sah Joy, wie sehr diese Trauerfeier und der Tod von Sunmi ihn mitgenommen hatte, immerhin nahm sich die beste Freundin nicht täglich das Leben. Manchmal glaubte Joy, dass Kitti Sunmis einziger wahrer Freund auf der Akademie gewesen war.



Yuqi hatte sich gemeinsam mit Lisa und Taehyung an die Raucherecke gestellt, wo sie gemeinsam darauf warteten, dass Chanyeol zu ihnen stoßen würde. Lisa nahm einen tiefen Zug von ihrer bereits dritten Zigarette und stieß den gräulichen Rauch fast Zeitgleich wieder aus, während sie sich an die Steinwand des Akademiegebäudes lehnte. „Wenn Chanyeol nicht gleich auftaucht, reiß ich das Gebäude nieder.“ Taehyung fischte sich die Zigarette aus Lisas Händen, um selber kräftig daran zu ziehen. „Das war meine letzte Zigarette, Idiot!“, schnauzte Lisa angepisst und schlug ihm die Droge, die er mit einem Zug aufgeraucht hatte, aus der Hand. Das brachte ihr nichts anderes als ein freches Grinsen von Taehyung ein, der daraufhin seinen Arm um die Schulter von Yuqi warf, die ihm einen einfachen Seitenblick schenkte. „Sorry Babe, aber ich konnte nicht wiederstehen.“ Lisa schlug aufgebracht mit den Armen um sich. „Was heißt hier bitte ‚ich konnte nicht wiederstehen‘? Ist meine Zigarette deine verfickte Schlampe oder was?“ Yuqi verdrehte ihre Augen, während sie den kleinen Anhänger ihres Chockers zwischen ihre schmalen Finger genommen hatte und nachdenklich mit diesem spielte. „Ich kann euch einfach eine neue Schachtel besorgen. Wozu all der Stress?“  Ihre beiden Freunde fielen ihr sofort aufgebracht ins Wort. „Eh, das wirst du sicher nicht tun, Q.!“, beschloss Lisa kurzerhand und ließ ihrem Blick nach zu urteilen auch keine Widerrede zu. „Genau. Wir sind nicht wegen deinem Geld mit dir befreundet, Süße. Lass also stecken.“ Yuqi zuckte bloß unberührt mit den Schultern, als sich Taehyung der Blondine anschloss. „Ich mache das, was ich will.“ Das wussten die beiden nur all zu gut, daran musste die Chinesin sie auch gar nicht erinnern, aber sie sollte wissen, dass ihre Freundschaft nichts mit dem Geld auf ihrem Bankkonto zutun hatte.

Zugegeben, es irritierte sowohl Yuqi als auch Taehyung, als Lisa urplötzlich mit den Worten „Der kann jetzt was erleben“ an ihnen vorbeistürmte. Alle Fragezeichen, die sich vorher bei ihnen gebildet hatten, wurden in dem Moment beseitigt, als sie Chanyeol erblickten, der von Lisa kräftig gegen das Schienbein getreten wurde. Chanyeol fuhr aufgebracht auf, als er sich lauthals über die Aggressivität seiner Freundin beschwerte. „Warum schlägst du mich die ganze Zeit?!“ Lisa baute sich vor ihm auf, auch wenn er um einiges größer war als sie, wirkte sie in diesem Moment einfach nur angsteinflößen. „Lass mich nachdenken, vielleicht weil du ein Trottel bist?“ Diese sarkastische Antwort auf seine Frage, stellte den Riesen nicht zufrieden, deshalb schob er sie einfach grimmig beiseite. Er hatte tatsächlich keinen Nerv dazu, noch eine elendig lange Predigt zu hören, nachdem der Direktor ihm ein Ohr abgekaut hatte.

„Taehyung, schieb mal ne‘ Zigarette rü—“ Die Worte blieben Chanyeol in der Kehle hängen, als Yuqi hervorgeschossen war und ihm kräftig eine über die Rübe gezogen hatte. „Wieso schlagen mich heute alle?“, Chanyeol zischte entrüstet auf, während er sich den Hinterkopf kratze. „Ich wusste zwar, dass du ein Idiot bist, aber dass du ein respektloses Arschloch bist, ist mir neu Chanyeol.“, klatschte ihm Yuqi mit eisiger Miene ins Gesicht, während der Große vor ihr immer wütender zu werden schien. Er schnaubte erbost aus, bevor er zum Reden ansetzte. „Ich habe nur das ausgesprochen, was alle in diesem verdammten Saal dachten.“ Yuqi presst ihre dunkelrot geschminkten Lippen zu einer graden Linie. War Chanyeol tatsächlich so begriffsstutzig oder  tat er nur so? „Ihre Eltern waren anwesend!“ Chanyeol zuckte lediglich unbeeindruckt mit den Schulter. Es interessierte ihn genauso wenig, wie der Tod von dieser verdammten Bitch. Yuqi zischte ihn auf Chinesisch an und auch wenn Chanyeol kein einziges Wort verstanden hatte, konnte er erahnen wie sie vor sich hin fluchte und ihn vielleicht sogar beschimpfte. „Sag es doch auf Koreanisch und laut genug, damit ich es auch verstehe!“, ging er aufgebracht gegen seine beste Freundin an, die ihm die härtesten Beleidigungen ins Gesicht fauchte, während nicht nur ihm, sondern auch Taehyung die Kinnlade mindestens acht Meter in die Tiefe klappte und Lisa derweil vor Lachen  kaum mehr atmen konnte.

Taehyung wollte dazwischen gehen, doch Lisa hielt ihn am Kragen zurück, wie als hätte sie ein Kätzchen eingefangen. „Lass sie, sie hat recht. Dieser Idiot wird mit dieser Einstellung noch von der Akademie fliegen.“ Scheiße bauen, Spaß haben und Ärger für die bescheuertsten Aktionen kassieren, war zwar schon immer irgendwie ein Teil ihres Lebens gewesen, aber sie war nicht dumm genug, um sich die Chance hier an der Akademie entgehen zu lassen.

„Und, haben sie dich von der Akademie geschmissen?“ Chanyeol verdrehte genervt seine Augen, während er seine Hände tief in den Taschen seiner Jeans vergrub. „Das wäre doch zu schön um Wahr zu sein. Ich darf jetzt ein halbes Jahr die verdammte Schwimmhalle putzen und jeden Tag zwei Stunden zum Nachsitzen.“, berichtete Chanyeol entnervt und es tat seiner Laune auch nicht gut, als seine Freunde ihn schadenfroh und amüsiert angrinsten. „Wow, ihr findet das auch noch lustig.“ Yuqi zuckte mit der Schulter, als sie ihm wiederholt gegen die Brust klopfte. „Das hast du sowas von verdient, Junge.“



Jiae kam frustriert in ihrem Zimmer an, welches sie sich mit Naoko teilte, nachdem Jungkook darauf bestanden hatte alleine zu sein. Zwar hatte sie ihm mehrfach verdeutlich, dass sie viel lieber bei ihm bleiben wollte, vor allem nach der Sache mit Lee Ilseong, aber auch dieses Mal ließ er es nicht zu, dass sie ihm beistand. Jungkook hatte sie bis zu diesem Zeitpunkt noch nie angeschrien gehabt, aber anscheinend hatte alles sein erstes Mal. Sie verstand, dass sie ihm zumindest für einige Stunden den Freiraum geben musste, den er so dringend nötig hatte, auch wenn sie es nur ungerne tat.

Nur langsam setzte sie sich in Bewegung, um sich ein Outfit für den heutigen Tag aus dem Kleiderschrank herauszulegen. Sich mit Mode zu beschäftigen, war schon immer etwas gewesen, das sie stets aufheitern konnte. Obwohl sich eine riesige Auswahl an Klamotten vor ihr erstreckte, hatte sie sich in kürzester Zeit für die Teile entschieden, die sie heute tragen wollte. Vorsichtig nahm sie die Kleiderbügel mit den besagten Klamotten von der Stange ab und wollte diese auf ihrem schneeweißen Bett platzieren. Eine rote Rose und ein brauner schlecht verpackter Umschlag, ließen sie verwirrt in ihrer Bewegung inne halten, bevor sie ihre Klamotten faltenfrei daneben legte und nach dem Umschlag griff.





Wieso riss die Headcheerleaderin einen grässlichen Umschlag mit zitternden Händen auf, wenn sie noch einige Sekunden zuvor vorgehabt hatte es zu entsorgen?

Wieso bebte ihr gesamter Körper, als sie den für sie persönlich geschriebenen Brief gelesen hatte?

Wieso starrte sie entsetzt und kurzatmig auf eine Liste mit 23 Namen, die in ihr fast eine Panikattacke auslösten?





Ein einziges Wort stand in kurviger, viel zu eleganter Schrift auf dem Umschlag geschrieben, der nun zerrissen auf dem Boden ihres Zimmers lag.

LÜGNER

Darin enthalt eine Liste von potenziellen Mördern und ein persönlich an Jiae gerichteter Brief mit all ihren dreckigen Geheimnis, über die nur eine einzige Person Bescheid gewusst hatte. Sunmi.









Zur selben Zeit, rannte Kitti in eine Person, von dessen Händen frisches Blut tropfte, welches nicht nur sein eigenes war. Mit rasendem Herzen, an Ort und Stelle erstarrt, sah Kitti dabei zu, wie die Gestallt sich immer weiter von ihm entfernte, eine Blutlinie hinter sich herziehend.

Blut. Blut. Blut. Überall wo Kitti hinsah, war Blut.

Sein Gesicht verlor jegliche Farbe, bevor er in sich zusammensackte und regungslos auf dem Boden aufschlug.
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