Die Darcys auf Pemberley Teil XXIX

von Bihi
GeschichteRomanze, Familie / P16
17.03.2019
26.05.2019
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Nach vier weiteren Tagen machten sich die Verwandten aus dem Süden wieder auf den Weg. Nur Lydias Zofe und ein weiteres Dienstmädchen wussten von dem blinden Passagier – und Annie, die sich gewundert hatte, warum Jenny sich ihre Mahlzeiten auf die Kammer mitnahm. Das Dienstmädchen war die Tante und war deshalb für unbedingt vertrauenswürdig gehalten worden. Sie half Jenny, Nahrung zu Morgana zu schmuggeln. Mit ein paar Brocken Schottisch gewann Annie deren Vertrauen und erfuhr dann – auf Englisch – worum es ging. Am Abend vor der Abreise packte Jenny die Truhen so, dass eine fast leer blieb. Da hinein kamen am Morgen zwei Morgenmäntel – und Morgana. Damit sie genügend Luft bekam, na, zumindest Luft, die hoffentlich genügte, wurde ein Gürtel eines der Morgenmäntel eingeklemmt. So, wie die Diener an der Truhe zu schleppen hatten, war auch klar, warum die Truhe nicht mehr richtig geschlossen werden konnte. Da es etwas schwierig war, eine derartig schwere Truhe auf das Kutschendach zu wuchten, wurde sie kurzerhand auf der Dienerbank festgeschnallt. Jenny setzte sich daneben und versicherte, dass es ihr gar nichts ausmache.
Die Karawane wurde wieder von Mr. Durthy begleitet. Er sah die Truhe auf der Dienerbank und konnte sich vorstellen, warum sie dort war. Als man so weit von Ardmore entfernt war, dass es keine unmittelbaren Probleme mehr geben konnte, ließ er die Karawane anhalten und erklärte: „Wenn Morgana vorsichtshalber in einer Kutsche mitfahren darf, statt auf der Dienerbank, kann man sie jetzt herauslassen. Seid aber vorsichtig, wenn Konstabler die Karawane anhalten. Es könnte sein, dass Sean eine flüchtige Leibeigene suchen lässt. Zuzutrauen ist es ihm, weil eine gelungene Flucht gegen sein Ehrgefühl ginge.“
       
Morgana wollte nicht in einer Kinderkutsche mitfahren – noch nicht. Das ginge erst in England. Sie wollte bei ihrer neuen Herrin mitfahren. Als die Fahrt weiterging – mit der Truhe jetzt auf dem Kutschdach und sowohl Jenny als auch Morgana bei Lydia – erklärte die Kleine endlich, warum sie nicht mit den Kindern fahren wollte: „Falls ein Konstabler kommt, muss ich mich unter langen Röcken verstecken!“
Jenny lachte: „Gut, aber kriech bei mir unter, ja? Bei Mrs. Markwood gehört es sich nicht.“
Lydia wurde nun neugierig: „Woher kennst Du den Trick denn?“
„Das ist doch kein Trick! Das ist ein Befehl von Mama. Na ja, also eine Spielregel, aber vielleicht gilt die auch in richtig?“
„Was war das für ein Spiel?“
„Also, das war im Winter. Mein Papa war krank im Bett und meine Mama spielte mit mir 'Wir laufen heimlich nach England'. Und dann hat sie gesagt, wenn sie Konstabler sagt oder flüstert, muss ich mich schnell unter einem langen Rock verstecken. Aber nicht ihrem, da hockt schon Angus. Und es geht nur einer unter einem Rock. Aber das geht ja sowieso nicht. Sie ist ja nicht da. Und dann hatte ich immer gewartet, dass sie das Spiel wieder mit mir spielt, so richtig lange, aber sie hatte zu viel zu tun. Dann hatte der Herr meinen Papa wieder gepeitscht und meine Mama auch. Dann war Mama auch krank, dann mochte sie nicht mit mir spielen. Das war eigentlich doof. Aber ich durfte den Hirsebrei für alle kochen, also Mama, Papa, Bridget, Angus und ich, kochen. Das ist toll, weil ich doch jetzt groß bin und das darf. Und wohin fahren wir jetzt? Nach Aberdeen wäre nicht so gut, sagt meine Mama immer. Edinburgh ist besser, das ist weiter weg, sagt meine Mama. Aber ich weiß nicht, ob das Schottland oder England ist.“
„Wir fahren noch weiter als Edinburgh, wir fahren erst nach Pemberley in England zu Lord Darcy und dann nach London, wo wir wohnen. Deine Mama weiß es schon, der haben wir es heimlich erzählt, und sie hat es erlaubt.“
Sie musste ihre Eltern verlassen, strahlte aber, dass sie jetzt das Spiel 'in richtig' spielen durfte – ohne laufen, sondern sogar in einer Kutsche, wie sie freudig betonte. Sie hatte zweimal Veranlassung unter Jennys Rock zu schlüpfen. Ja, sie machte sich wirklich gekonnt schmal. Lydia wunderte sich, wie das ging, aber die Hauptsache war ja, dass es ging. Lord Darcy hatte, als sie angehalten wurden, laut gefragt, warum er von Konstablern aufgehalten wurde. Morgana tauchte blitzschnell ab.
Die Konstabler wollten alle Kutschen nach einem Flüchtling durchsuchen, das wollte Lord Darcy nicht zugeben. Er hatte inzwischen von Annie den Hintergrund erfahren.
Mr. Markwood lehnte sich aus dem Fenster: „Ich denke, wenn wir die Konstabler durch die geöffneten Fenster hereinschauen lassen, sollte es doch den Männern genügen. Dann vergeuden wir keine Zeit und können schnell weiterfahren – nach einer angemessenen Entschuldigung seitens der Konstabler.“ So wurde es dann gemacht. Die Konstabler entschuldigten sich tatsächlich sehr höflich, was Fitzwilliam verwunderte: Ein Dank für die Kooperationsbereitschaft war üblich, aber warum sollten sie sich dafür entschuldigen, dass sie doch nur ihre Pflicht getan hatten?
Beim zweiten Mal tat er also, was er gleich beim ersten Mal hätte tun sollen: „Kann ich bitte Euren Befehl sehen?“
„Wieso wollt Ihr unseren Befehl sehen?“
„Weil ein Lord Darcy sich nicht einfach so durchsuchen lässt, ohne dass er die Berechtigung dafür erkannt hat. … So so, Sean Ardmore befiehlt die Suche nach einem entlaufenen Leibeigenen. Da sollten doch wenigstens einige Merkmale aufgeführt sein, damit man weiß, ob es der Gesuchte ist, oder? Warum hat er nicht mit seinem Rang unterschrieben? Das ist doch so üblich, nicht wahr? Rang und Nachname. Wo ist die nächste Konstablerwache, dass ich mich nach dem Rang Eures Vorgesetzten erkundigen kann?“
„Milord, das ist ein Missverständnis, Mr. Ardmore ist nicht der Vorgesetzte, er ist der Bittsteller.“
„Und der darf Konstablern einen Befehl geben? Ich wollte doch Euren Befehl sehen, nicht wahr?“
„Ähm, den haben wir auf der Wache vergessen.“
„Den Befehl lasst Ihr liegen und die Anfrage, die wie ein Befehl formuliert ist, nehmt Ihr mit? Zu welcher Einheit gehört Ihr überhaupt? Die Uniform des Empires ist eine andere, die von Aberdeenshire habe ich in den letzten Tagen gesehen, vor vier Stunden wurde ich von Konstablern angehalten, die eine andere Uniform trugen, sodass ich annahm, es sei die von Argyll. Eure sieht wiederum anders aus!“
Die Konstabler wechselten bedenkliche Blicke: „Nichts für ungut, ein englischer Lord wird wohl kaum einem schottischen Leibeigenen zur Flucht verhelfen.“ Damit galoppierten die Konstabler wie auf Kommando davon, allerdings nicht nach Norden, woher sie den Flüchtling erwarteten, sondern nach Süden, woher sie gekommen waren.
Bevor die Karawane zum vorbestellten Gasthof kam, wurde auf einer übersichtlichen Strecke angehalten. Morgana bekam ein Kleid von Silvia und sollte in der Kinderkutsche mitfahren. Anders bekam man sie ja nicht zur Übernachtung ins Gasthaus.
Silvia fand die Verkleidung spaßig. „Weißt Du was? Wir spielen jetzt, Du bist meine Schwester und heißt … Lizzy, klar?“
„Nee, lieber Jenny, weil die mir so lieb geholfen hat!“
„Gut, dann bist Du jetzt Jenny!“
Der Gastwirt lächelte nur gutmütig bei der Wuselei und bemerkte gar nicht, dass da ein Kind mehr als angekündigt wuselte. Morgana wuselte nicht so richtig, ließ sich aber willig von Silvia mit ziehen.
Fitzwilliam fragte nach dem Weg zur Wache, weil er sich über die Sicherheit der Strecke bis zur Grenze informieren wolle.
Lord Darcy trat in den Wachraum ein und zeigte seine Visitenkarte vor. Er fragte sehr höflich nach dem Leutnant, der auch sofort geholt wurde. Hm, noch eine andere Uniform. „Guten Abend, Herr Leutnant. Ich bin mit einer ziemlich großen Reisegruppe unterwegs und wollte mich nach der Sicherheit der Strecke nach Süden erkundigen. Ich bin heute von zwei Gruppen Konstablern aufgehalten worden, die alle nicht die regulären Uniformen trugen, wie ich gerade entdecke. Ich ließ mir ohne einen schriftlichen Befehl keine Durchsuchung gefallen und wollte mich eigentlich für meine Widersetzlichkeit entschuldigen. Aber nun glaube ich eher, dass es Banditen waren, die nur eine Möglichkeit suchten, uns ohne Waffengewalt auszurauben. Da ist mir die Frage nach der Sicherheit des Weges nun umso wichtiger, wie Ihr Euch vorstellen könnt.“
„Milord, das ist leider durchaus eine Möglichkeit. Könnt Ihr die Uniformen beschreiben?“ Während er der Beschreibung lauschte, zogen sich seine Augenbrauen unwillig zusammen: „Danke, da weiß ich schon, wer das zumindest bei der ersten Gruppe gewesen sein könnte. Die zweite ist mir noch unbekannt, aber wir werden unser Augenmerk darauf richten, keine Sorge. Soweit mir bekannt, ist die Strecke nach Süden sicher. Ich werde Euch vorsichtshalber einen Passierschein ausstellen. Ob er aber bei Banditen hilfreich ist, kann ich nicht versprechen.“
Bevor Fitzwilliam gehen konnte, kam Susan herein mit zwei Zeichnungen: „So sahen die Sprecher aus, die anderen Gesichter habe ich in der Eile nicht zeichnen können. Aber die Uniformen stimmen.“
Der Leutnant sah sich die beiden Zeichnungen an: „Die Herren, oder besser Banditen, sind mir unbekannt. Die Uniformen übrigens auch. Die gibt es in Schottland meines Wissens nicht. Die zweite ähnelt aber einer bestimmten Livree. Darf ich die Zeichnungen behalten, Madam?“
„Natürlich, ich habe sie für Eure Verwendung angefertigt.“
Nun gingen Fitzwilliam und Susan. Fitzwilliam war froh, den Passierschein zu haben. Den konnte er einsetzen, falls eine echte Kontrolle käme.

Am nächsten Tag bat Morgana darum, dass sie wieder in der Kinderkutsche fahren dürfe, sobald sie in England seien. Das sei lustiger, aber nicht gut in Schottland. Das wurde ihr versprochen.
Sechs Stunden später war es soweit und alle waren darüber froh, nicht nur Morgana. Sie zog diesmal fröhlich in die Kinderkutsche um und bestand darauf, wieder Jenny genannt zu werden.

Als sie schließlich auf Pemberley ankamen, staunte sie nur: „Das gibt noch mehr Häuser wie Ardmore Castle?“
Fitzwilliam lachte: „Ja, aber ich kann mit Stolz sagen, es gibt wirklich nicht viele davon.“
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