Sleepwalk

von HDYFND
GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P18 Slash
Dr. Hannibal Lecter Will Graham
17.03.2019
16.08.2019
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Sleepwalk




Kapitel Eins




››You're a paper doll
I'll fold you how I want
You're not my noose
I tied this knot ‹‹



Die robuste Holztür glitt mit wohlbedachtem Schwung auf und offenbarte den Mann, der sich hinter ihr verbarg. Der diese Tür Tag um Tag öffnete, mit stets derselben Kraft, mit stets derselben Geschwindigkeit. Eine über die Jahre eingeschliffene Bewegung, tief in den neuronalen Netzen seiner Basalganglien verankert.
Erst jetzt bemerkte Will die wundervolle Dichotomie: Tür geschlossen, Tür geöffnet. Unsichtbares wurde sichtbar. Aus Nacht wurde Tag, aus Schmerz Hoffnung.
Aus dem Nichts wurde Doktor Hannibal Lecter.
Sie vermeiden Augenkontakt.
Ob er von dieser Bewegung träumte?
››Guten Abend, Will. Kommen Sie herein.‹‹
Ein Lächeln, das die Augen nicht zu erreichen vermochte.
Der tänzelnde Akzent zog Wills Aufmerksamkeit auf sich und den willenlosen Mann an unsichtbaren Fäden in die Praxis seines Therapeuten.
Das goldene Licht der untergehenden Sonne ergoss sich nahezu waagerecht in die Praxisräumlichkeiten des Psychiaters.
Der Geruch nach blankpoliertem Walnussholz.
Erst, als er die Tür hinter sich schließen hörte, wurde Will bewusst, dass er sich bewegt hatte.
Augen sind verwirrend.


Hannibal musterte Will. Nicht heimlich, doch gleichfalls nicht unverhohlen. Ein Blick im Schutzmantel professioneller Beobachtung.
Langsam ließ sich der Psychiater in seinen angestammten Leder-Sessel sinken, ohne die Augen von Will zu lösen. Spürte die Kälte des robusten Stoffes durch die Fasern seines Anzugs dringen. Hannibal überschlug locker seine Beine, bettete ineinander verschränkte Finger auf seine Oberschenkel.
Dort ließ er sie ruhen.
Und wartete.
Und schwieg.
Der Agent bewegte sich langsamen Schrittes durch die Praxis, als müsse er mit jeder einzelnen Bewegung eine unmenschliche Kraft in sich mobilisieren. Der Bart seit Tagen nicht mehr getrimmt. Die kurzen, braunen Locken schien er sich zwar am Morgen gekämmt zu haben, doch von der ihnen aufgezwungenen Ordentlichkeit war nun nicht mehr als eine blasse Erinnerung geblieben. Vermutlich hatte er sich die Haare gerauft. Hannibal sah den Mann deutlich vor seinem inneren Auge, die Hände in den weichen Locken vergraben, als wolle er sie sich mitsamt allen Gespinsten seines Cortex herausreißen, sich davon erlösen. Wills Augen waren von tiefen dunklen Augenringen umrahmt, Zeichen seiner quälenden Schlafstörung. Koffein und Schweiß dünsteten aus jeder Pore seines Körpers. In Hannibal erweckte es das überwältigende Bedürfnis, den Mann in eine Dusche zu zerren und ihm all den Ballast von Körper und Seele zu schrubben, bis nichts mehr als seiner reinen, herben Essenz übrig war. Unverdeckt, unverfälscht.
Der Mann, der sich durch seine Praxis kämpfte, schien in den letzten Wochen um Monate, Jahre gealtert. Schließlich drehte sich Will zu ihm, hielt für einen flüchtigen, nahezu intimen Moment Augenkontakt, bevor sich dessen Blick in der Musterung des Teppichs zu seinen Füßen verlor.
››Ich schlafwandle.‹‹
Eine klare Aussage, knapp und gefasst, doch hätte sie nicht unergründlicher, nicht beunruhigender sein können. Hannibal beugte sich nach vorn, legte seine Unterarme auf den Oberschenkeln ab.
››Wann sind Sie geschlafwandelt, Will?‹‹
Der Angesprochene strich mit seinen Handflächen abwesend über seine von Jeansstoff verhüllten Oberschenkel.
››Letzte Nacht. Es war das erste Mal.‹‹
››Was ist passiert?‹‹
››Ich weiß, dass ich zu Bett gegangen bin und sehr schlecht geschlafen habe. Dann bin ich unweit meines Hauses eine Straße entlanglaufend wachgeworden. Alles dazwischen liegt im Nebel. Da sind… da sind… ‹‹ Wills Mundwinkel zogen sich in Erzürnung über sein Unvermögen, das Erlebte zu greifen, auseinander. Hände ballten sich zu Fäusten, ließen wieder locker, hoben sich in die Luft, als könnten sie es besser erklären. ››Da sind Fragmente, doch ich… ich kann nicht sagen, ob… ob ich davon irgendetwas tatsächlich so getan oder… wahrgenommen habe, oder ob es lediglich Traumbilder waren.‹‹ Zwei müde Hände wischten grob über die verspannten Gesichtszüge, Fingerspitzen verharrten an den Schläfen, hinter denen Hannibal reißende Kopfschmerzen vermutete. Die Worte finden nur schwerlich den Weg über seine Lippen. ››Ein Streifenwagen der Polizei hat mich eingesammelt.‹‹
Wills anthrazitfarbenes Hemd war verknittert, als hätte er es erst zerknüllt und dann angezogen.
››Hatten Sie in Ihrer Kindheit Phasen von Somnambulismus?‹‹
Zögerndes Innehalten beim Versuch, weit entfernte, kaum greifbare Erinnerungen heraufzubeschwören.
››Nein, nicht… nicht, dass ich mich erinnern könnte.‹‹
››Wissen Sie von jemandem aus der Familie, der Schlafwandler war?‹‹
Will schüttelte lediglich seinen Kopf, unfähig, die eigene Unwissenheit in Worte zu kleiden. Hannibal sah die markante Kiefermuskulatur des Jüngeren hervortreten, als dieser seine Zähne aufeinanderbiss. Abermals strichen unruhige Handflächen über Oberschenkel, bis Wills Blick von etwas Unsichtbarem außerhalb der Praxisfenster angezogen wurde.
››Schlafwandeln wird bedingt durch die Unfähigkeit des Gehirns, aus dem Tiefschlaf aufzuwachen. Ihr Körper ist wach, doch ihr Gehirn weiterhin in den Fängen des Schlafs. Sie sollten zusätzlich einen Neurologen zu Rate ziehen, da Schlafwandeln auch auf organische Ursachen rückführbar sein kann. Bei bestimmten Epilepsien -‹‹



››If this won't be
Our fingers locked together
Then this is total war
Method not objective‹‹



Das Licht, das durch die hohen Fenster drang, glühte mittlerweile im kräftigen Rotorange der untergehenden Herbstsonne. Optimistisch und warm. Dieser kurze, köstliche Moment, so vergänglich, dass er schon beim verzweifelten Versuch, ihn einzufangen, verloren war.
Will wollte auf das Fenster zugehen, sich das lebendige, wärmende Licht in sein Gesicht scheinen lassen, doch er schaffte es nicht, sich von der Stelle zu lösen. Seine Füße einzementiert.
Er steckte fest.
Es war ihm nicht vergönnt.
Licht.
Sein Blick sank zu seinen Füßen, glitt über die abgewetzten schwarzen Converse. Beide Schleifen waren schief gebunden.
Schief.
Ein…
Samtenes Geweih
… kaum zu greifendes Gefühl von Angst.
Was war nur los mit ihm?
Will.
Ja, sein Name war Will.
Bei jeder Bewegung seines Kopfes machte es den Anschein, als habe sein Gehirn Mühe, dem Blickfeld seiner Augen zu folgen. Wills visueller Fokus verschob sich ruckend, wankend, hatte Mühe, sich von einer Stelle zu lösen, um an einer anderen anzukommen. Es musste am Schlafmangel liegen. Das einlullende Zwielicht in Lecters Praxis war seinem Zustand kaum zuträglich. Es weckte in ihm das Bedürfnis, seine Augen zuschließen, doch er war sich nicht sicher, ob er sich immer noch in der Realität befinden würde, sobald er die Augen wieder öffnete.
Die bleierne Müdigkeit drohte, ihn zu überwältigen.
Einschlafen.
Sein Blick fiel auf Hannibal, nach einer Möglichkeit suchend, sich an das Hier und Jetzt zu klammern, bemerkend, dass die Grenzen immer mehr verwischten.
Stürzen.
Ohne es zu wollen verhedderte sich Wills Aufmerksamkeit im feinen, dezent-grauen Karonetz, welches sich unauffällig über den marineblauen Anzug des Therapeuten spannte, welches sich an den Falten und Gliedern des Mannes dehnte und stauchte. Wills Augen versuchten, sich zu befreien, hangelten sich an den feinen Linien entlang, bis sie an der Knopfleiste des Sakkos angekommen waren. Ein Knopf offen, einer geschlossen.
Offen. Geschlossen. Offengeschlossenoffenge-
››Will, sind Sie bei mir?‹‹
-schlossen.
Seine Augen folgten der Stimme, hoben sich mühsam, synchron zur Bewegung, als der Psychiater sich betont langsam aus seinem Sessel erhob, als wolle er ihn nicht erschrecken.
Plötzlich…
Nicht erschrecken.
… stand Lecter vor ihm.
Will sog überrascht Luft in seine Lungen, seine Muskeln verkrampften.
Wann hatte der Arzt sich bewegt?
Zwei schwarze Abgründe eröffneten sich direkt vor seinen Augen, fixierten…
››Will?‹‹
… ihn. Drangen ungehindert in seine Seele.
Wills Augen brannten hinter schweren Lidern.
Offen, geschlossen.
Schwer, schwerer.
Er begann zu sinken, tief, tiefer.
Dann, Wärme.
Allumfassende Wärme.
Einschlafen…



››You can't ever say that
I'm breaking the rules
If I can't glue them back together […]
Scars on my fingers, bruises, my neck
Crashin' my trains, warship my wreck‹‹



Einem Impuls folgend betteten sich Hannibals Hände an Wills Wangen, als der Blick des Jüngeren unsteter wurde, als sich seine Augäpfel weit nach oben drehten, seine Lider sich flatternd und zuckend schließen wollten.
Sich schlossen.
Sich nicht wieder öffneten.
››Will, hören Sie auf meine Stimme. Bleiben Sie bei mir.‹‹
Hannibals Stimme, beherrscht, erhaben, doch das dunkle Timbre begann zu brechen.
Er hätte es kommen sehen müssen.
Der unsichtbare Sog entstand auf dem Nichts, überfiel sie mit hinterlistiger, unausweichlicher Wucht.
Spannung glitt aus Wills Körper, als sei sie aus seinen Gliedern geflossen. Hannibal begriff binnen Millisekunden, verstand, dass er Will die Fesseln der ihn infizierenden Ohnmacht entreißen musste, bevor es zu spät war, bevor Will auch noch die Überreste der fragilen Bindung zur Realität verlor.
Hannibals Rechte schloss sich um Wills Kiefer, grub die Finger in die sanfte Haut, die sich unter dem weichen Bart versteckte, während sich sein linker Arm um die schmale Taille schlang. Festen Schrittes drängte er den schwächer werdenden Körper rückwärts, Schritt um Schritt, überbrückte die kurze Distanz bis er ihn unter Nutzung des entstandenen Schwungs gegen die Sprossen der in seinem Büro aufragenden Holzleiter pressen konnte.
Die Wucht der Kollision drängte den Hauch eines Aufstöhnens über trockene Lippen.
Wills Lider zuckten.
Hannibals Stimme hob sich.
››Bleiben Sie wach!‹‹
Die Spannung in seinem linken Arm wurde nahezu unerträglich, als die Finger seiner linken Hand Wills Hüfte packten, sich in dem kraftlosen Fleisch vergruben. Der raue Stoff des grauen Baumwollhemds fügte sich dem Griff, reizte Hannibals Handinnenfläche, als sei er einzig dafür geschaffen worden. Unter Nutzung seines Körpergewichts stieß Hannibal den Weggetretenen nochmals gegen die Leiter, spürte, wie die Knochen seiner eigenen Finger gleichfalls mit dem Holz kollidierten und blitzartige, köstliche Schmerzen durch die Nervenbahnen seiner Hand und seines Armes jagten.
Das Keuchen war schmerzerfüllt, drängte sich ungehemmt aus Wills Kehlkopf, befreite sich durch geöffnete Lippen. Lider flatterten, Atem stockte.
››Kommen Sie, Will. Wachen Sie auf. Sie schaffen das.‹‹
Schwache Hände hoben sich, verirrten sich auf Hannibals Oberkörper, versuchten ihn kraftlos wegzuschieben, von sich zu drücken.
War er bei sich?
Verstand er, was geschah?
››Ha-‹‹
Ein kläglicher Versuch des Sprechens.
Scheiterte.
Sich krümmende Finger, unwirsche Bewegungen, sich öffnende Augen. Wills schwarze Pupillen verschlangen das glänzende Azur beinahe vollständig.
Hannibal presste sich an ihn. Erst jetzt bemerkte er, dass die Sonne nun gänzlich untergegangen war, der Nacht ihren Platz räumte, dunkel und dunkler. Einzig die Lampe auf seinem Schreibtisch war eingeschaltet, malte einen verhaltenen goldfarbenen Glanz in die weitläufige Praxis.
Die Finger, die sich in Wills Hüfte verkrampft hatten, ließen zaghaft locker. Erlaubten es dem Arm des Therapeuten, sich wieder um die Taille des Jüngeren zu schieben, unsicher, ob Will sein Gewicht allein würde halten können. Die Hand, die Wills Kiefer fest umgriffen hatte, lockerte sich gleichfalls. Behutsam ließ Hannibal seine Finger verweilen, Daumen auf einer Wange, kühle Fingerspitzen auf der anderen.
Will schien es zu beruhigen. Die Hände des Profilers hielten nun vollständig inne, hörten auf, Hannibal von sich drücken zu wollen. Blieben träge auf Höhe der Schlüsselbeine liegen.
Erschöpft.
Wie sein Geist.
››Will, wissen Sie, wo Sie sind?‹‹
Die Augen des Angesprochenen drehten sich nach oben, für einen kurzen Moment, irrten umher; zarte Funken der Besorgnis, dass Will ihm wieder entgleiten würde, zuckten knisternd durch Hannibals Blutbahn, doch schließlich fanden sie einander, sahen einander an, hielten sich fest.
Augen waren in der Tat verwirrend.
››Ja, ja ich -‹‹, ein kratzendes Keuchen presste sich widerwillig über seine Stimmbänder, ››bin in Ihrer Praxis. Hannibal.‹‹ Die Nennung seines Vornamens ließ unwillkürlich jede einzelne Muskelfaser seines Körpers verkrampfen, eine zarte Kolik, die sich in einem ihn überlaufenden Schauer wieder löste.
Sein Blut begann zu kochen.
Kupfergeruch stieg in seine Nase.
Will schien noch Mühe zu haben, in die Realität zurückzufinden, doch er erkannte ihn, wusste, wo er war. Ein gutes Zeichen. Die Brust des Jüngeren hob und senkte sich deutlich schneller als Hannibals, presste sich unstet gegen den robusten Oberkörper, der ihn gegen die Leiter gedrückt hielt. Fügte sich einem schnelleren Takt, ausgelöst durch das Bedürfnis nach Sauerstoff und Leben.
››Sind Sie wieder bei mir, Will?‹‹
Der Blick des Jüngeren, von diesen Worten ins Gesicht gezeichnet, grub sich mit scharfen Klauen in Hannibals Brust, wo einst sein Herz geschlagen haben musste. Bevor er begriff, was geschah, stahl sich eine Träne aus Wills Augenwinkel, ergab sich der Schwerkraft, bis sie den Zeigefinger erreichte, der noch immer an Wills Wange ruhte.
Die Gesichtszüge des Geschwächten schoben sich unter einer Woge der Panik auseinander.
Der Blick, flehentlich.
››Ist es… ist es real?‹‹
Heißer Atem strich in gekeuchten Stößen über Hannibals Gesicht, seine geöffneten Lippen.
Der Riss, der unter Wills Worten, unter seiner Nähe, unter seiner bloßen Existenz, in Hannibals Fassade aufklaffte, jagte eine Eruption des Schmerzes durch seine Seele. Ließ die Grundfeste seines Seins erschaudern, von denen er stets überzeugt war, dort keinerlei Empfindungen vorzufinden. Nichts, was zerbrechen konnte.
Doch es gab nichts, das Will Graham in ihm nicht zerbrechen konnte.
››Es ist alles real. Sie sind es. Ich bin es, Will.‹‹
Es war zu viel, zu nah, zu-
Hannibal blickte unablässig in die vor Tränen schimmernden Augen, hing an ihnen, war gefangen in den funkelnden Abgründen.
Er konnte nicht sagen, ob er nicht bereits hineingestürzt war.
Unter einer weiteren, tosenden Woge brach seine Fassade ein weiteres Stück. Am Boden berstende Trümmer, Staub wirbelte durch seinen kollabierenden Geist. Hannibal spürte das dumpfe Brennen in seiner Lunge.
Zu viel.
Zuvielzuvielzuviel.

Er versuchte, sich zu entfernen, Distanz zu schaffen. Seine rechte Hand löste sich von der weichen Haut, entließ das vertraute Gesicht aus seiner Berührung. Strich über Wills linke Schulter, seinen Oberarm hinab. Verweilte.
Zu nah.
Zunahzunahzu-

Verzweifelte Finger packten Hannibals Revers, krallten sich haltsuchend fest.
Es war Wills Geruch, der sich ungehindert in die tiefsten, entlegensten Winkel seines abscheulichen Geists drang.
Unter der Last des Chaos‘ in seinem Hirn sank Will nach vorn, sank Hannibal entgegen. Eine Nasenspitze, die eisiger nicht sein konnte, strich für den Bruchteil eines Augenblicks über Hannibals glühende Wange, unbeabsichtigt, schwach. Den Versuch wiederspiegelnd, einen zum Bersten gefüllten Kopf aufrecht zu halten.
Die Haare wirr, die Lippen spröde.
Der Vorhang fiel.
Und Licht.
Will war gleißende Helligkeit, blendete ihn, unausweichlich, allumfassend, bis er jeden einzelnen Schatten aus Hannibals finsterer Seele verbannen würde, bis nichts mehr verborgen wäre. Bis es nichts gäbe, als Klarheit. Bis er sich kopfüber in Hannibals Existenz gestürzt und sein Innerstes nach außen gestülpt hätte.
Unter der federleichten Bewegung von Fingerspitzen, die sich an Hannibals Hinterkopf legten, sich zaghaft in das volle Haar schoben, zerbarst dessen Fassade, klaffte schamlos auf, stürzte unter den Ausläufern des unausweichlichen Bebens in sich zusammen. Der Mundwinkel seiner geöffneten Lippen strich an der markanten Linie des Kiefers des Jüngeren entlang, der sich unter dem Schatten der Berührung den Atem anhielt.
Hannibal keuchte lautlos auf, als Will sein vor Tränen feuchtes Gesicht seitlich in die Halsbeuge presste.
››Will.‹‹
Jede einzelne Zelle seines Körpers vibrierte.
››Hannibal.‹‹
Sie hielten aneinander, unfähig, sich zu lösen. Kehrten der Wirklichkeit den Rücken, ergaben sich ihrer eigenen Realität. Einer Realität, in der Regeln von Ethik und Moral keine Anwendung fanden. In der keine Dichotomien existierten, kein Gut oder Böse, kein Richtig oder Falsch.
Es existierten nur sie.
Sie stürzten über die Klippe.
Und sie fielen, fielen, fielen.


››Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt.‹‹

Hermann Hesse




A/N:
Verwendeter Songtext: Marylin Manson ›Warship My Wreck‹