Doppeldate

von mandiese
GeschichteRomanze, Freundschaft / P18
Fernando Alonso Mark Webber OC (Own Character)
17.03.2019
23.05.2020
157
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23.05.2020 3.238
 
22.5.2020

Liese

Es ist kurz nach drei Uhr morgens und ich wurde gerade vom Klingeln meines Telefons geweckt. Bin ich doch gerade erst vor einer Stunde eingeschlafen. Desto weiter die Schwangerschaft fortschreitet, desto schlechter und weniger schlafe ich. Vor allem, weil unser Mädchen sehr nachtaktiv ist und dann ständig in meinem Bauch trainiert. Vor allem Kickboxen. Verschlafen schaue ich aufs Display, eine unbekannte Nummer. Ich hebe ab und melde mich fragend, aber auch ein wenig besorgt. „Hallo?” Es könnte ja etwas mit Mark sein, immerhin haben die heute Nachttraining am Nürburgring.

Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine ernste, tiefe Stimme. „Sind Sie Frau Weber?”

„Ja”, sage ich vorsichtig. In mir kriecht gerade Angst hoch. Aber wieso sollte mich jemand Fremder anrufen, wenn Mark einen Unfall hatte. Das würde sicherlich einer vom Team machen. Und vor allem ist das eine österreichische Nummer und der Mann am anderen Ende hat einen hiesigen Dialekt.

„Hier spricht Bernd Rieger von der Polizeidienststelle in Bergdorf”, sagt der Mann ganz ruhig. „Stimmt es, dass Sie unter anderem die Obsorge über eine gewisse Jemma Burns haben?”

„Ja, wieso?”, frage ich nach.

„Wir haben Jemma, gemeinsam mit ein paar weiteren Jugendlichen, vor einer Stunde am Dorfplatz aufgegriffen.”

Plötzlich sitze ich senkrecht im Bett. „Wie bitte? Das kann doch nicht sein. Einen Moment bitte.”

So schnell wie es mir mein Bauch möglich macht, springe ich aus dem Bett und laufe die drei Stockwerke hinunter in ihr Zimmer. Auf dem Weg dahin frage ich den Polizisten: „Ist ihr etwas passiert? Geht es ihr gut?”

Etwas sanfter antwortet er mir: „Ja, es geht ihr gut. Sagen wir mal, sie ist etwas angeheitert.”

Währenddessen bin ich in ihrem Zimmer angekommen und kann mich davon überzeugen, dass er die Wahrheit sagen muss. Denn das Zimmer und ihr Bett sind leer und eines der Fenster steht offen.

Geduldig fragt mich Herr Rieger jetzt: „Nehme mal an, Sie haben sich gerade vergewissert, ob sie in ihrem Zimmer ist?”

„Ja!”, antworte ich kurz angebunden.

Sofort spricht er weiter: „Würden Sie bitte zu uns kommen und die junge Dame abholen. Da können wir dann auch gleich alles Weitere besprechen.”

Na großartig! Dieses Luder. Ich muss mich wirklich beherrschen, dass ich nicht dem Polizisten gegenüber laut werde.

„Ja natürlich. Das kann nur etwas dauern, ich muss noch …”

„Wäre nett, wenn sie sich etwas beeilen könnten, die anderen Eltern sind schon alle am Weg. Und wir hätten sie gerne alle gemeinsam hier”, fällt er mir dann ins Wort.

Sag mal, geht’s dem noch gut? Am liebsten würde ich ihn fragen, ob die anderen Eltern auch ein Kleinkind zuhause haben, hochschwanger sind und eigentlich bin ich kein Elternteil von Jemma. Die kann was erleben. Wo ist Mark, wenn man ihn braucht?

Etwas schnippisch antworte ich: „Ich tue mein Bestes!”

Sofort lege ich auf, bevor ich mich noch mehr aufrege. Denn wenn er mich weiter so bedrängt, kommt eine Strafe wegen überhöhter Geschwindigkeit und Beamtenbeleidigung dazu.

Etwa zwanzig Minuten später bin ich auf dem Weg. Matthew war ja so gar nicht begeistert, als ich ihn aus dem Schlaf geholt habe. Glücklicherweise ist es Sommer und recht warm, so konnte ich ihn direkt in seinem Pyjama ins Auto setzen. Ich habe mir noch schnell ein paar bequeme Shorts und ein weites T-Shirt angezogen, die Wickeltasche geschnappt und schon saßen wir im Auto.

Als ich vor dem Revier ankomme, parken dort schon einige Autos. Alle Parkplätze sind belegt. Der einzige, der noch frei ist, ist so schmal, dass weder ich aus dem Auto komme noch könnte ich Matthew herausnehmen. Somit parke ich mich frech quer vor zwei anderen Wagen.

Mittlerweile schon etwas gehetzt, und auch verschwitzt, und mit einem ziemlich raunzigen Matthew am Arm, rausche ich in die Dienststelle hinein. Dort werde ich sofort von einer jungen Polizistin angesprochen. „Kann ich Ihnen helfen?”

Etwas außer Atem antworte ich: „Ja, ich möchte zu Herrn Rieger.”

Sie sieht mich etwas komisch an und meint: „Sie meinen wohl Bezirksinspektor Rieger?”

Wuh, hat mich die Kleine gerade getadelt. „Ja, wahrscheinlich. Er hat sich mir nur als Rieger vorgestellt”, gebe ich in einem herablassenden Ton zu verstehen.

Nochmals ein abwertender Blick. Wenn die so weiter macht, putz ich sie gleich. „Verdammt, reiß dich zusammen!”, rede ich mir zu.

Während ich ihr folge, fängt Matthew immer mehr zum Raunzen an.

Im nächsten Raum, der anscheinend das Dienstzimmer von ‘Bezirksinspektor’ Rieger ist, sehe ich mich sogleich einer Riege von vier Elternpaaren gegenüber, wohlgemerkt beide Elternteile. Aufgereiht sitzen sie vor mir und schauen mich alle mit großen Augen an, als wäre ich ein Alien aus einer anderen Welt. Schnell begrüße ich die Anwesenden mit einem lauten ‘Guten Morgen’. Die Antworten fallen eher leise bis gar nicht aus. Mein Blick schweift durch den Raum, während mir die Kleine mehr oder minder befiehlt, hier zu warten. Außer den Eltern kann ich sonst niemanden entdecken, auch keinen freien Sessel. Es dauert eine Weile, bis einer der Väter gneist, dass es vielleicht ganz höflich wäre, der Hochschwangeren mit Kind am Arm einen Platz anzubieten. Sogleich springt ein weiterer Vater auf, damit ich Matthew neben mich setzen kann. Die Blicke der Frauen dazu sind mehr als eindeutig. Entschuldigung, dass ich existiere.

Gerade als ich meinem Kleinen ein Flascherl in die Hand drücke, damit er sich etwas beruhigt, kommt ein Polizist zur Tür herein. Ich schätze ihn auf etwa fünfundvierzig. Ein stattlicher Mann, sicher zehn Zentimeter größer als ich. Die tiefe Stimme passt zu ihm. Sofort geht er auf mich zu. „Sie müssen Frau Weber sein.” Er stellt sich als Bezirksinspektor Rieger vor.

Umständlich will ich mich erheben, um ihn zu begrüßen, aber er deutet mir, sitzen zu bleiben, als er meinen kugelrunden Bauch sieht. Er wirkt jetzt etwas sanftmütiger als noch zuvor am Telefon.

Als er sich hinter seinen Schreibtisch gesetzt hat, will er aber dann natürlich noch meinen Ausweis sehen. Er kommt noch einmal zu mir und nimmt ihn mir ab.

„Gut, gut”, sagt er leise, als er ihn überfliegt. „Also Jemma Burns ist momentan unter ihrer Obhut. Ist es richtig, dass ihr Lebensgefährte der Onkel von Jemma ist?”

Ich nicke nur.

„Und der ist momentan nicht hier oder greifbar?”, will er dann wissen.

Muss der das jetzt vor allen hier fragen. Das geht doch die nichts an. Aber ich versuche nicht schnippisch zu antworten. Die Antwort kommt dann auch eher gequält, weil Matthew gerade auf mich raufkrabbelt und mir ziemlich fest auf den Bauch drückt. „Nein, er hat gerade beruflich in Deutschland zu tun.”

Jetzt blickt dieser Rieger wieder von meinem Ausweis hoch und zu mir. „Am Wochenende?”

Boah, geht’s noch. Der weiß doch mittlerweile sicher, wer Jemmas Onkel ist, oder nicht? Da bleibt eine schnippische Antwort nicht aus. „Es gibt auch Leute, die hauptsächlich am Wochenende ihre Brötchen verdienen”, und in Gedanken spinne ich weiter, „oder eigentlich den Champagner.” Er selbst arbeitet doch auch am Wochenende.

Ich mutiere gerade wieder zur Zicke. „Reiß dich zusammen! Hier geht es um Jemma und nicht um dein gekränktes Ego”, denke ich mir weiter.

Bevor der werte Herr Inspektor jetzt aber noch weiter bohrt, habe ich bereits ein Dokument aus meiner Tasche gekramt, eine Art Obsorgebescheinigung, in der Leeanne und Dean bestätigen, dass wir für die Zeit des Aufenthalts von Jemma bei uns ihre ‘Erziehungsberechtigten’ sind. Umständlich stehe ich auf, nachdem ich Matthew einfach auf den Boden gesetzt habe und übergebe den Zettel dem Uniformierten. Kurz sieht er auf und ich sage: „Da steht alles drinnen, was Sie wissen müssen.”

Er nickt mir dankend zu und überfliegt das Dokument. Auf einmal bleibt er mit großen Augen an einer Stelle hängen und zieht die Augenbrauen hoch. Jede Wette, er hat gerade Marks Namen gelesen. Bevor er den jetzt hier auch noch verlautbart, will ich sowieso noch was wissen. „Wo ist eigentlich Jemma?”

Jetzt stimmen auch die anderen ‘Erziehungsberechtigten’ mit ein und wollen das über ihre Kinder wissen. Haben die das vorher noch nicht erfragt? Ungläubig schaue ich in die Runde.

„Die Kinder liegen in unseren Zellen beziehungsweise in einem Büro, damit sie sich ihren Rausch ausschlafen können.”

Das wird ja immer schöner. Zuerst war sie nur angeheitert, jetzt hat sie schon einen Rausch? Matthew wird immer unruhiger und ich will jetzt endlich wissen, was los oder passiert ist, damit ich dann endlich wieder mit ihm nach Hause kann. Und vielleicht auch mit Jemma.

„Wären Sie bitte so freundlich, uns mitzuteilen, was passiert ist. Ich nehme mal an, die Formalitäten sind jetzt geklärt”, frage ich höflich nach.

Bezirksinspektor Rieger nickt zustimmend, steht auf und stellt sich an die Vorderseite seines Schreibtisches, die Arme vor seiner Brust verschränkt. Macht der da gerade einen auf Steve in Hawai’i Five-0? Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu lachen anfange.

„Wir haben Ihre Kinder, Nichte”, der Blick geht zu mir, „vor etwas mehr als einer Stunde am Dorfplatz aufgegriffen. Sie hatten eine Flasche Vodka bei sich und es roch auch nach Gras. Eine weitere, leere Flasche Vodka lag am Boden. Einen Joint oder Gras konnten wir aber nicht sicherstellen.”

Schweigen im Raum, bis auf Matthew, der das so gar nicht lustig findet. Um ihn zu beruhigen, stehe ich auf. Aber es nutzt nichts. Eine der Mütter hat dann Erbarmen und will ihn mir eine Weile abnehmen, aber darauf steigt mein Junior nicht ein.

Daher wende ich mich mit einer Bitte an den Polizisten. „Darf ich jemanden anrufen, der mir den Kleinen abnimmt?”

Ich komme mir vor, als wäre ich die Delinquentin und nicht Jemma. Irgendwie bin ich es ja auch, weil offensichtlich habe ich meine Aufsichtspflicht vernachlässigt. Rieger nickt kurz. Sofort wähle ich Alois’ Nummer. Er ist der Einzige, der mir hier in der Nähe eingefallen ist. Ich hoffe, er hört auch das Telefon und hebt ab.

Puh, Glück gehabt. Nach nur ein paar Mal Läuten ist er schon dran. Kurz erkläre ich ihm, dass ich seine Hilfe brauche und schon ist er auf dem Weg. Ich gehe weiter mit Matthew am Arm auf und ab und muss auch immer wieder beruhigend über meinen Bauch streichen. Die Madame da drinnen gibt gerade wieder Gas. Ständig kann man irgendwo eine Beule auf meiner gewölbten Bauchdecke erkennen und ich vor allem spüren. Mittlerweile ist mir schon leicht übel davon.

Bis Alois da ist, vergehen keine zehn Minuten. In der Zeit erklärt uns dieser Rieger, wie das Ganze weitergehen wird. Mittlerweile steht auch diese kleine Polizistin von vorhin hinter ihm. Auch ganz wichtig, mit verschränkten Armen.

„Die Ausgehzeiten für Jugendliche sehen vor, dass sie im Alter von vierzehn bis sechzehn Jahren um spätestens ein Uhr morgens zuhause sein müssen. Alle, von uns aufgegriffenen, hier sind fünfzehn und es war bereits halb zwei. Dazu kommt noch, dass es ein allgemeines Konsumverbot von gebranntem Alkohol, in dem Fall Vodka, unter achtzehn Jahren gibt. Somit liegen in allen Fällen zwei Verstöße gegen den Jugendschutz vor. Normalerweise kommt es in solchen Fällen zu einer Organstrafverfügung, die sich zwischen zwanzig und hundert Euro belaufen kann.” Als er das mit dem Vodka sagt, muss ich mich doch tatsächlich zusammenreißen, damit ich nicht laut lospruste. Minna und Kimi wären da kein gutes Vorbild.

Gerade als der Herr Bezirksinspektor mit seinem Vortrag fast fertig ist, schneit Alois herein. Sobald Matthew ihn sieht, streckt er sofort seine Arme nach ihm aus. Noch während er mir den Kleinen abnimmt, schaut er zu dem Polizisten. „Bernd, was ist denn hier los? So einen Aufstand musst aber nicht machen, wegen ein paar angeheiterter Kinder.”

Angesprochener lächelt Alois an und sagt: „Servus Alois! Hab ich eh nicht vor. Ich war noch nicht fertig.” Wieder zu uns gewandt erklärt er: „Da dies bei allen fünf das erste Vergehen ist, sehe ich natürlich von einer Strafe ab. Ich wollte nur klarmachen, wie das Gesetz aussieht, und dass sie bei einem weiteren Vorfall nicht so glimpflich davonkommen.”

Nachdem wir alle diverse Protokolle unterschrieben haben und ich auch meine Ausweise und Papiere wiederhabe, werden uns die jugendlichen Übeltäter übergeben. Übel und übergeben sind gute Stichworte. So wie Jemma aus der Wäsche schaut, wird sie das sicher noch tun. Hoffentlich nicht im Panamera. Ohne ein Wort zu ihr, im Gegensatz zu den anderen Eltern, die ihre Kinder entweder bemitleiden oder mit Vorwürfen überhäufen, dränge ich Jemma zum Ausgang. Draußen wartet Alois auf uns, mit einem schlafenden Matthew am Arm. Zu Jemma sage ich nur: „Einsteigen!”

Mit gesenktem Kopf folgt sie meiner Aufforderung, während ich mich kurz an Alois wende. „Danke dir, du bist ein Schatz! Aber bitte kein Wort zu Mark, vorläufig zumindest nicht.”

Alois lacht nur. „Geht eh nicht, dein Mann versteht mich ja nicht.”

Dann will ich noch wissen. „Woher kennst du den Rieger?”

„Ach, der ist mit mein Buam Schul gangen”, erklärt er mir. Da wird einiges klar und ich muss lächeln. Vielleicht hat Alois uns alle vor einer Strafe bewahrt.

Gleich darauf verfrachte ich Matthew in seinen Kindersitz. Glücklicherweise ist er jetzt so erschöpft, dass er einfach weiterschläft.

In dem Moment, wo ich die Hintertür schließe, kommen die anderen Eltern zur Tür heraus und einer der Väter fängt doch gleich zum Rummaulen an. „Was ist denn das für ein Trottel, der mich da eingeparkt. Ein Porsche, ist ja klar, so ein Angeber. Den zeige ich gleich an.”

Ich richte mich auf und schaue provokant in seine Richtung. „Der angeberische Trottel bin ich. Und hätten Sie alle nicht so deppert geparkt, hätte ich vielleicht auf dem Parkplatz da drüben auch noch meinen Platz gefunden. Aber ich bin ja schon weg. Und wenn Sie mich trotzdem anzeigen wollen, tun Sie sich keinen Zwang an. Ist heute eh schon egal. Und die Strafe zahle ich aus der Portokasse.” Dabei drehe ich mich auch schon weg und steige ins Auto ein. Im Augenwinkel kann ich Alois lachen sehen.

Im Auto spricht mich Jemma sofort an. „Liese, ich ….”

Mit einem Ruck drehe ich mich zu ihr und pflaume sie an: „Halt die Klappe, ich will jetzt nichts hören.” Im nächsten Moment drücke ich aufs Gaspedal, damit ich von dort wegkomme. Um dann doch noch was zu ihr zu sagen. „Sag rechtzeitig, wenn du dich übergeben musst, denn wenn du hier reinspeibst, werde ich erst richtig sauer.”

Auf dem Rückweg nachhause, gehen mir so viele Gedanken durch den Kopf. Habe ich etwas falsch gemacht? Habe ich etwas übersehen? Jemma ist zwar noch nicht lange bei uns, aber bisher hat sie nicht den Eindruck gemacht, so drauf zu sein. Und sollte sowas in Australien schon mal passiert sein, hätte Leanne uns sicher darüber informiert. Wir haben Jemma zu Anfang die Regeln, auch die im Rahmen des Jugendschutzes, die bei uns herrschen, erklärt und sie hat diese ohne Murren akzeptiert. Auch gab es von Seiten der Schule bisher keine Beschwerden.

Und auch habe ich von Mark, seinen Eltern und natürlich von ihren Eltern gehört, dass sie sehr brav sei. Hatte sie alle getäuscht oder ist irgendwas vorgefallen? Oder wollte sie einfach einmal nur cool sein? Ich hab auch schon viel Blödsinn gemacht und auch des Öfteren einen über den Durch getrunken. Aber da war ich schon um einiges älter.

Zuhause angekommen, lege ich erstmal Matthew in sein Bettchen und schicke Jemma unter die Dusche. Keine drei Minuten später höre ich schon, wie sie über der Kloschüssel hängt. Sie wird am Morgen trotzdem leiden und nicht nur wegen der Übelkeit und der Kopfschmerzen. Alois hat nämlich vor ein paar Tagen unsere große Wiese gemäht und morgen werde ich Jemma dazu einteilen, Heu zu machen. Angeblich soll es ziemlich heiß werden.

Ich bin so zornig auf sie. Wieso schleicht sie sich einfach weg? Wenn sie sich mit Freunden treffen will, kann sie ja fragen. Versteh einer Teenager. Vor allem ich, die nie so war. Ich beschließe sie für den Rest der Nacht in Ruhe zu lassen.

Am frühen Morgen, es ist gerade mal sieben Uhr, wecke ich sie mit einem lauten ‘Tagwache’. Auch wenn ich selbst total k.o. bin, muss das sein. Sofort scheuche ich sie rauf.

„Du wickelst jetzt zuerst einmal deinen kleinen Cousin, dann fütterst du ihn und machst für uns Frühstück. Ich werde in der Zwischenzeit eine Dusche nehmen.”

Ohne Murren und mit gesenktem Kopf gehorcht Jemma meinen Befehlen.

Gleich nach dem Frühstück schicke ich sie raus auf die Wiese, damit sie dort das trockene Gras zusammenrechen kann. Ich hingegen setze mich mit Matthew auf eine Picknickdecke unter einem schattigen Baum und sehe ihr zu.

Nach einem schnellen Mittagessen schicke ich sie auf ihr Zimmer. „So, jetzt wird dein Kopf ja wohl wieder klarer sein. Also kannst du darüber nachdenken, was du da angestellt hast. Und wenn du eine plausible Erklärung dafür hast, kannst du gerne zu mir kommen und mir diese darlegen.”

Während Matthew seinen Mittagsschlaf hält, lege auch ich mich hin und bin bald eingeschlafen. Als ich nach über zwei Stunden wieder munter bin, rufe ich zuerst einmal Mark an. Aber ohne ihm zu sagen, was letzte Nacht vorgefallen ist. Solche Sorgen kann er vor einem Rennen nicht gebrauchen.

Wieder unten im Wohnzimmer stößt auch Jemma zu mir. „Können wir reden?”

„Ja”, erwidere ich kurz angebunden.

„Es tut mir leid, Liese.” Dann Schweigen, mehr kommt nicht.

Jetzt werde ich etwas laut und frage sie: „Was tut dir leid? Dass du dich davongeschlichen hast? Dass du dich angesoffen hast? Oder dass ich dich mit einem Kleinkind am Arm und hochschwanger mitten in der Nacht auf dem Polizeirevier abholen musste? Hmm? Was denn von alledem? Und ‘es tut mir leid’ ist keine Erklärung für dein Verhalten.”

Eingeschüchtert sieht sie zu mir auf. „Ich hab keine Erklärung. Es war einfach nur dumm von mir.”

„Ja genau, das war es, dumm, einfach nur dumm”, fahre ich sie an, aber schon etwas ruhiger. Ich darf mich nicht so aufregen. Ich brauche keine Sturzgeburt, wenn keiner da ist. Schon gar nicht, wenn Mark fehlt.

„Und es tut mir wegen allem leid, Liese. Soweit habe ich nicht gedacht”, gibt Jemma noch vorsichtig von sich.

Ich schüttle nur den Kopf und versuche ruhig durchzuatmen.

Jemmas Blick ist jetzt mehr hilfesuchend als reumütig. „Wirst du es Onkel Mark erzählen?”

„Werde ich wohl müssen, er ist dein naher Verwandter und …”

„Bitte nicht! Ich verspreche, mich zu benehmen. Keine solchen Dummheiten mehr. Das wird sicher nicht mehr vorkommen. Ich tue auch alles für dich, helfe wo es geht. Aber bitte sag Mark nichts. Er würde wütend werden und mir ist es so schon peinlich genug”, fleht mich Jemma verzweifelt an.

Ich denke nur, dass er auch allen Grund dazu hätte, wütend zu sein. Ich schüttle den Kopf und sage zu Jemma: „Ich überlege es mir noch. Hast du irgendjemandem in der Schule erzählt, wer dein Onkel ist?”

Jemma schüttelt den Kopf. „Nein, weil ihr mir geraten habt, ich sollte es vorerst nicht tun.”

Gut, wenigstens etwas. So wissen die Eltern der anderen Kinder nicht Bescheid. Vor allem auch, weil der Polizist seinen Namen nicht vor allen verlautbart hat. Ich hatte nämlich das Gefühl, er war knapp davor.

„Dann belassen wir es auch dabei”, mache ich Jemma nochmals klar.

Damit ist die Unterhaltung für mich fürs Erste beendet. Später schaut auch noch Alois vorbei, ob es uns wohl gut geht und hält Jemma auch noch eine wohlgemeinte Moralpredigt. Auch wenn sie so gut wie nichts versteht, ist an seiner Gestik, Mimik und Stimmlage recht gut zu erkennen, was er meint. Zum Abschluss tätschelt er ihr noch auf die Schulter und sagt: „Mach so einen Blödsinn nie wieder!”

Am nächsten Morgen beim Frühstück erkläre ich Jemma, dass ich Mark vorläufig nichts erzählen werde. Sollte aber nur die kleinste Kleinigkeit vorfallen, kann sie es vergessen.
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