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Eskalation

von reinimax
KurzgeschichteFantasy / P16
16.03.2019
16.03.2019
12
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Sadracs Schwert spaltete dem Echsenmenschen den Schädel. Der Dunkelelf lächelte zufrieden, zog die Klinge mit etwas Mühe heraus und blickte sich um. Das war der Letzte gewesen. Die Lichtung war mit Leichen übersät. Hunderte von Echsenmenschen, doch auch ihre Streitmacht hatte große Verluste erlitten. Die Hälfte der Speerträger lag tot oder schwer verwundet am Feld. Einige Soldaten wanderten über den blutgetränkten Boden und versetzten ihren Kameraden, die zu schwach waren um aufzustehen, den Todesstoß. Speerspitzen zuckten auf und ab und die Leben von Druchii erloschen. Sadrac wendete den Blick ab. Im Gegensatz zu vielen anderen Angehörigen seiner Rasse fand er keinen Gefallen an einem solchen Anblick. Aber er wusste, dass es notwendig war. Die meisten hätten ohnehin nicht überlebt. Und sie konnten sich keine Verzögerungen leisten, indem sie auf Verletzte Rücksicht nahmen. Jetzt wo sie hatten, weswegen sie hierhergekommen waren, galt es so schnell wie möglich zurück zu den Schiffen zu gelangen ehe sich die Wilden zu einem erneuten Angriff sammelten.
Sadrac besah sich die weniger schwer Verwundeten und zweifelte nicht daran, dass noch mehr sterben würden bevor sie den Strand erreicht hätten. Sie würden ein gnadenloses Marschtempo anschlagen, so schnell es eben ging mit all den erbeuteten Schätzen. Wer nicht mithalten konnte würde zurückfallen und im Dschungel sein Ende finden. Niemand konnte auf  die Hilfsbereitschaft oder gar das Mitgefühl des anderen zählen – die Druchii kannten solche Sentimentalitäten nur vom Hörensagen und verabscheuten sie zutiefst.
Je weniger Überlebende die Schiffe erreichten, desto mehr Beute blieb denen, die es schafften. Die Starken würden umso mehr belohnt werden, während die Schwachen vernichtet würden. So war das Wesen seiner Rasse. Sadrac fürchtete seinen eigenen Untergang nicht. Er hatte so lange überlebt und war in diese Position gekommen – er besaß die Stärke, die seine Kultur voraussetzte. Er würde weiterhin gedeihen.
Sadrac blickte hinüber zu Lord Taranis. Sein Herr lag nur wenig entfernt, inmitten des größten Leichenhaufens auf der Lichtung. Leblose Augen waren zum Himmel gerichtet, die einst so noblen und arroganten Züge zu einer Grimasse verzerrt. Die prächtige schwarze Rüstung des Adligen war mit Blut und Schlamm verschmiert und beinahe bis zur Unkenntlichkeit verbeult. Sie hatte ihn schlussendlich nicht schützen können.
Der Dunkelelf dachte an die Implikationen – gegenwärtig und zukünftig. Er war der Gefolgsmann von Lord Taranis gewesen. Ein landloser Ritter, der durch einen Treueschwur sein Schwert und sein Leben im Austausch für Sicherheit und die Chance auf Reichtum verkauft hatte. Er war ein begnadeter Schwertkämpfer, doch Sadrac wusste, dass niemand in der Gesellschaft der Druchii lange auf sich allein gestellt überleben konnte.
Die direkte Implikation war, dass Sadrac als letzter überlebender Gefolgsmann von Lord Taranis die Führung übernehmen würde. Er wünschte sich, jemand anderem das Kommando zu überlassen. Es lag ihm nicht zu führen. Doch er wusste, dass von ihm erwartet wurde, sich notfalls mit Gewalt an die Spitze der verbliebenen Streitmacht zu setzen. Hinter jemand anderem zurückzutreten würde ihm als Schwäche ausgelegt werden – eine tödliche Sünde in der Kultur der Dunkelelfen. Nein, Sadrac konnte es sich nicht leisten, schwach zu erscheinen. Kein Druchii konnte das.
Die indirekte Implikation war, dass Sadrac im Falle einer erfolgreichen Rückkehr nach Naggaroth, der Heimat der Dunkelelfen, großen Reichtum besitzen würde. Der Tod hatte seine Bindung an Taranis gelöst. Er war frei, sein Vermögen zu nutzen um sich seine eigene Herrschaft aufzubauen. Der Druchii verscheuchte die Gedanken. Sie waren unpraktisch. Er musste sich auf das konzentrieren, was vor ihm lag. Sein Blick glitt über die Lichtung und musterte die Überlebenden.
Vaerlac zog gerade das geschwungene Entermesser aus der Brust eines seiner Korsaren und wischte die Klinge an der Kleidung des Toten sauber. Die Dunkelelfenpiraten gingen nicht sanfter mit ihren Verwundeten um als Lord Taranis‘ Speerträger. Als seine Speerträger, korrigierte sich Sadrac in Gedanken. Vaerlac war der Anführer der Korsaren und Kapitän der kleinen Flotte, die sie hierher gebracht hatte. Ein schlanker, etwas untersetzter Elf mit sehnigen, wettergegerbten Gliedmaßen und harten Gesichtszügen. Sadrac hatte schon auf der Überfahrt seine aufbrausende und gewalttätige Art kennengelernt. Vaerlac war selbst für einen Druchii grausam und brutal. Einige mochten ihn wegen seiner Methoden gar als wahnsinnig bezeichnen. Doch bisher war er sein Geld wert gewesen. Die Blicke der beiden Dunkelelfen trafen sich. Hass und Verachtung funkelten in den schwarzen Augen des Korsaren, doch Sadrac konnte nicht erkennen ob sie ihm galten oder bloß eine Attitüde waren, die sein Volk häufig zur Schau stellte. Er vermutete jedenfalls, dass Vaerlac vor allen anderen seinen Führungsanspruch anfechten würde.
Sadracs Blick glitt weiter und blieb an Vileena haften. Die Hauptfrau der Söldnerarmbrustschützen hatte die grazilen Hände in die Hüfte gestemmt und blickte angewidert auf die Leichen der Echsenmenschen, während ihre Soldaten mit blitzenden Dolchen das Schlachtfeld nach Beute und Verwundeten absuchten. Sie bedachte ihn mit einem Lächeln als er in ihre strahlend blauen Augen sah und er erwiderte es zögerlich. Sadrac fühlte sich zu dieser Frau hingezogen, die eine kühle Aura der Schönheit umgab, doch er war sich nie sicher ob sie Gefühle für ihn hegte oder nur mit ihm spielte. Nun da Lord Taranis tot war würde sich Vileena ihm gegenüber vielleicht anders verhalten. Jedenfalls war Sadrac sicher, dass sie ihn unterstützen würde, wenn nicht um seinetwillen dann doch zumindest um Vaerlac eines auszuwischen. Die Dunkelelfin machte kein Geheimnis daraus, dass sie den Korsarenkapitän zutiefst verabscheute.
Sadrac blickte zu Yrduna. Sie lehnte auf ihren Stab gestützt und wirkte erschöpft. Ihr langes Haar war verklebt und Schweiß glänzte auf der nackten Haut ihrer grazilen Gliedmaßen. Sie war wie immer sehr freizügig gekleidet, was abgesehen von ihren weiblichen Reizen auch ihren besonderen Status unterstrich. Der schlanke, bleiche Körper wirkte zerbrechlich, doch Sadrac lief ein eiskalter Schauer über den Rücken als er an die Macht dachte, die darin pulsierte. In diesem Moment drehte der Wind und wehte ihm den Gestank von verbranntem Fleisch entgegen. Die Sprüche der Zauberin hatten ein wahres Massaker unter den Feinden angerichtet. Im Gegensatz zu Vaerlac und Vileena kommandierte sie keine Truppen, doch es wäre töricht, ihr deshalb weniger Bedeutung beizumessen. Sadrac musterte sie intensiv, doch sie hatte die Augen geschlossen und schien seinen Blick nicht zu spüren. Doch wer wusste schon was im Kopf einer Zauberin vorging? Yrduna war ein Mysterium für den Dunkelelfenritter, ihre Ambitionen unergründlich und ihre Motive zweifelhaft. Sie war die unbekannte Variable in dem Schachspiel der Intrigen, das sich schon bald zwischen den verbliebenen Anführern der Streitmacht entfalten würde und ihre Aktionen mochten wohl den Fall des einen und den Aufstieg des anderen bedeuten. Wen würde sie unterstützen? Oder wollte sie gar selbst die Führung übernehmen? Nun, er würde es schon bald wissen, dachte Sadrac.
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