Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Shadowrun: Wie man es nicht machen sollte!

GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16 / Gen
OC (Own Character)
15.03.2019
29.03.2019
3
10.727
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
29.03.2019 4.441
 
„Sieht eigentlich ganz normal aus, findet ihr nicht?“, fragte Rachel fröhlich und linste durch das Fernglas in seiner Hand. „Findet ihr nicht?“
     „Hmpf.“
     „Ach komm. Nur weil ich die Kaffeemaschine ein wenig …“
     „Spülwasser.“, sagte Dem verärgert.
     „Ich weiß, aber …“
     „Spülwasser.“, sagte der männliche Zwilling erneut und klang sogar noch verärgerter als zuvor. Cipher linste zu den beiden Elfen hinüber und tauschte einen Blick mit Evilon, der seine neue Persona Mr. Evil mit Freuden adoptiert zu haben schien, die er dem Zwerg gestern Abend verpasst hatte. Auch wenn er später zu verstehen gegeben worden war, das er es nicht mochte, mit Spitznamen versehen zu werden.
     Der Magier hatte sich entschuldigt und sich im Nachhinein wahrscheinlich darüber mehr Gedanken darüber gemacht, wie er die süße Elfenschmidt hätte besser rumkriegen können. "Nach ihrer Kommlinkverbindung zu fragen, um sie zum Essen auszuführen, war auf jedenfall nicht gerade die beste Wahl, Alter", dachte Rachel und versuchte erneut, sich mit ihrem Bruder wieder zu versöhnen. Doch dieser war eisern und hatte auf Durchgang geschaltet. „Sie dir das mal lieber an, Schwesterherz.“, sagte er stattdessen kaltherzig und reichte ihr sein Okulus Bionics- Fernglas mit verstellbarer Größenfunktion.
     Rachel nahm es und sah hindurch.
     „Hm. Zwei Orks. Einer jünger, als der andere.“, sagte sie und fuhr über das Gelände. „Mehrere PKW und Stellplätze. Sonst nichts.“
     „Mir gefällt das nicht.“, sagte Cipher ungewohnt ernst und strich über seine neue Schutzweste in Mattschwarz, welche heute Morgen zusammen mit den Ares Predator und mehreren Magazinen mit Mark IV Durchschlagsmunition zu Kurt geliefert worden waren. Der Magier hatte einfach nur gelächelt und sich sofort daran gemacht die Sachen unter ihnen allen mit dem präzisen Verständnis eines Mannes, der wusste wie das richtig gemacht wurde, aufzuteilen. Dabei waren sie auch endlich auf seinen Hintergrund bei der MET2000 und seine Familiengeschichte mit der familieneigenen Destillerie, sowie dem Clinch mit der Cosa Nostra zu sprechen gekommen.
     Rachel kam nicht umhin mit Cipher mitzufühlen, als er die Schlacht gegen die italienische Mafia und dem anschließendem Deal mit der roten Vhori erwähnt hatte. Die Sache, das ihr bedämmelter Zwilling auch diesen Sergej im South End kannte, machte die Sache auch nicht gerade rosiger.
     Ihr ging es jedoch dennoch die Galle hoch, als er bei erstbester Gelegenheit mit ihr geflirtet hatte, weil er gestern nicht bei der Schmidt gelandet war. Den Professor und die beiden Frauen aus dem Alkoven hatte sie jedenfalls nach dem Treffen mit der Elfe nicht mehr finden können. Kurt hatte nur gesagt, was für ein glücklicher Bursche der Mann sei. Mehr auch nicht.
     "Männer."
     „Wir sollten das Innere trotzdem mal abchecken. Nur so zur Sicherheit.“, meinte Evilon und nickte dabei den beiden Zwillingen zu. „Am besten bevor wir uns einen Kampfplan zusammenschustern.“
     „Askennen?“, fragte Dem nun doch einigermaßen fröhlich.
     „Gute Idee.“, meinte Cipher nickend und holte tief Luft. „Also wer macht mit?“
     „Hmpf. Irgendwann stopfe ich dir noch dein vorlautes Maul, Cipher.“, fauchte Rachel und bedachte den Menschenmagier mit einem giftigen Blick. Dieser lachte unverhohlen und knackte kurz mit den Halswirbeln.
     „Ha. Da wärst du aber die Erste, Schätzchen.“, erwiderte er und sah in Richtung des Lagerhauses am Pier. Rachel und Dem taten es ihm nach. Augenblicklich als sie ihren Schutzpatron anrief, färbte sich ihr Blickfeld mit einem graugrünen Schleier und entblößte ihre Sicht zu dem Astralraum. Der Ebene, von wo die Magie in die sechste Welt strömte. Die Elfe setzte sich wieder das Ocular vor die Augen und spähte hindurch.
     „Nichts.“, sagte sie. „Keine magischen Strömungen im Inneren.“
     „Yep. Bei mir genauso.“
     „Ebenso.“, sagte Cipher mit einem Tonfall, der ihr sämtliche Haare zu Berge stehen ließ. Sie war versucht, ihm eine schneidige Antwort zu geben, als sie plötzlich ein weißes Schimmern am Rande ihrer Wahrnehmung wahrnahm. Jemand mit ungeheurer Macht war da draußen und beobachtete sie. Rachel schluckte. Sie konnte sich noch gut an ihre Freundin erinnern, welche bei ihrem ersten Askennen durch ein Wizkid mit ungeheurer Macht erblindet war und im Nachhinein wegen ihres fehlendem Augenlichts eine Kugel im Schädel erhalten hatte und nun seit geraumer Zeit noch immer auf der Intensivstation lag. Dennoch, wenn sich ein mächtiger Magier in der Nähe befand und sie ihn wahrnahm, dann galt das auch anders herum.
     "Zuviel hängt davon ab, das wir diesen Job so sauber wie möglich hinter uns bringen!"
     Rachel holte tief Luft und riskierte einen Blick zur Seite. „AH!“
     „Rachel?“, rief Evilon erschrocken. „Was ist los?“
     „So grell!“, rief die Elfe. „So grell!“
     „Hmpf. Dann schau einfach nicht hin.“, sagte Cipher seufzend und knackte mit den Fingerknochen. „Kann halt nichts dafür.“ Rachel fluchte einige Obszönitäten in die Luft, bevor sich ihre Sicht wieder klärte und sich die graugrünen Schleier des Astralraums verzogen, um die bunte Mischung aus allerlei Farbtönen der normalen Welt wieder durchzulassen. Die Elfe keuchte. Sie hatte gewusst, das ihr neuer Begleiter für ihr Team kein Schwächling oder Amateur war, aber die Macht, die sich in diesem Mann befand, hätte eigentlich sämtliche Barrieren sprengen müssen, die sich zwischen ihm und seiner Umwelt befanden.
     "Wie schafft er das nur am Leben zu bleiben, ohne alles um sich in einer magischen Explosion selbst zu vernichten?"
     Cipher richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Gelände. „Die Orks sind kein Problem. Zumindest der Jüngere der Beiden. Der Ältere ist der, der mir am meisten Kopfzerbrechen bereitet.“, meinte der Magier zähneknirschend. Rachel rieb sich die Augen und massierte sich die Schläfen, um das bissige Gefühl in ihrem Hinterkopf loszuwerden, das ihr „Blick zur Seite“ bei ihr ausgelöst hatte. Genau in diesem Moment meldete sich Dem zu Wort.
     „So wie ich das sehe, haben wir mehrere Optionen.“, sagte der männliche Elfenzwilling vorsichtig. „Wir können wie die letzten Volltrottel auf das Gelände fahren und wild um uns ballern, um damit garantiert Alarm auszulösen und dabei wahrscheinlich alle draufzugehen – was ich gerne vermeiden möchte.“
     Rachel gab das Fernglas ihres Bruders an Evilon weiter, welcher ungewöhnlich schweigsam vor sich hin murmelte. „Oder wir gehen es schlau an.“, sagte Dem und zeigte auf seine Schwester. „Erinnerst du dich an Kassel?“
     „Die Höllenhunde?“, fragte Rachel selbstironisch. „Aye, natürlich erinnere ich mich an die. Wieso?“
     Dem grinste über beide spitzen Ohren, wie ein Kleinkind, das jemand ein Haufen Caramelbonbons gegeben hatte. „Ich denke, wenn wir schon in Unterzahl sind, dann könnten ein paar Kläffer durchaus nützlich sein, oder nicht?“
     Cipher drehte seinen Kopf zum dem Zwergensanitäter herum und tippte ihm auf die Schulter. „Was war damals in Kassel passiert?“, fragte der Magier mit hochgezogener Augenbraue. Evilon sah zu Rachel, welche nur betroffen aufseufzte.
     „Glaub mir, das willst du nicht wissen.“, sagte die Elfe. „Das willst du wirklich nicht.“

Ramiel biss sich auf die Unterlippe, als Dem seinen alten Chevrolet die Auffahrt entlang fuhr und das Tor, ein normales Gitter mit Rollen, regelrecht zu Metallschrott verarbeitete. „Wo hast du Fahren gelernt, Alter?“, rief er mühselig und betete, dass die Schinkensandwichs von heute Morgen im Magen an Ort und Stelle blieben. Im Nachhinein hätte er doch darauf bestehen sollen, was diese Kasselsache denn gewesen war. Hatte er aber nicht. Allerdings hatte der Magier nun eine gute Vorstellung davon, was damals in der radioaktiven Seuchenschutzzone abgelaufen war.
     Er hatte seinen dunklen Mantel mit dem rotgrünen Innenfutter aus Seide abgelegt und seine Finger um den Griff der Ares Predator V gelegt, die er heute morgen aus dem Sortiment der Schmidt selbst zugeteilt hatte. Schwer atmend dachte er an die Panzerbrecher mit Quecksilbersprengkopf, welcher bei Aufprall auf das Ziel explodieren würden. Die beiden Orks würden eine böse Überraschung erleben, wenn er näher an sie herankam.
     „Festhalten!“, rief der männliche Elfenzwilling und drehte das Lenkrad herum.
     Augenblicklich kam der Wagen in einer der Parkbuchten zum stehen. Jemand im Innenraum fluchte. Ramiel lächelte nur. Dann fuhr ihm ein Schauer über den Rücken. Ein farbloses Funken und eine kurze Litanei in Elfensprache erhellte sein Blickfeld, bevor sich die Fahrertür öffnete und die Elfe ein Wort sagte. „Fertig.“
     Ramiel sah durch das Heckfenster zu den beiden Orks hinüber. Der Jüngere der Beiden hatte sein Sturmgewehr angelegt. Zielte aber noch nicht. "Fehler", dachte der Magier und spürte, wie der Zauber der Elfe sich auf das Gehirn der beiden Orks legte. Der Magier hatte erwartet, dass die beiden Orks sich bei dem Anblick, der sich ihnen bieten würde, sie sofort wild drauflos feuern würden. Doch die Reaktion des jüngeren Hauerschweins übertraf jegliche Szenarien, die sich der Runner in seinem militärisch denkenden Kopf zurecht gelegt hatte.
     Der junge Ork drehte komplett am Rand und ließ sein Sturmgewehr fallen, bevor er sich nach hinten auf den Rücken fallen ließ und mit seinen Händen den Höllenhund von sich runter zu befördern versuchte. Der Junge konnte weder fühlen noch sehen, das sein Angreifer nicht real war und er `nur´ in einer Illusion gefangen war.
     "Armes Schwein", dachte Ramiel den Kopf schüttelnd und bemerkte erst jetzt, das er sich hinter einem der nahestehenden Wagen Deckung gesucht hatte, wobei er eigentlich gar nicht gemerkt hatte, wie er den `gepanzerten´ Wagen seines Mitrunners verlassen hatte. Er sah sich um. "Echt jetzt?", dachte er sprachlos. Entsetzt musste er feststellen, das sich der Rest der Truppe noch im Wageninneren befand und darüber beriet, wie sie nun vorzugehen hatten. Die Versuchung den andren Dreien zu sagen, sie sollten endlich ihre Pavianärsche aus dem Oldsmobile bewegen, war sehr groß. Anderseits …
     Ramiel drehte den Kopf über das moderne, kantige Chassis des Wagens, hinter ihm und schätzte die Zahlen ab. "Hoffe die Dinger gehen auch auf Entfernung hoch", dachte er und ihm kam plötzlich der Gedanke an seine Exfrau wieder in den Sinn und wie gerne er sie gerade dabei gehabt hätte. Sabs war eine Sprengmeisterin wie sie im Buche stand und doch sah die Frau noch immer buchstäblich umwerfend aus. Im Nachhinein war es ein Fehler gewesen, sie mit der Elfentänzerin zu betrügen. Wobei er hatte feststellen müssen, das nicht nur ihre selbstgebastelten Sprengsätze hochexplosiv waren. Doch die Dinge waren nun einmal so, wie sie waren und nicht anders.
     Vorsichtig wie tausende Male zuvor auf einem der zahllosen Schlachtfelder in seiner Militärischen Laufbahn legte Ramiel die Ares mit dem Lauf auf die Deckung und zielte auf den älteren Ork. Ein kurzes Stoßgebet zur Ursprungsformel aller Realität richtend, drückte der Kampfmagier den Abzug. Die Lautstärke der Ares Predator V war trotz der Schreie des jungen Orks klar und deutlich zu hören. Er drückte den Abzug genau zweimal, bevor er sich wieder in Deckung begab.
     „Was zum …“, konnte er die Stimme der Elfenmagierin in seinem Rücken reden hören.
     „Was tust du da?“, rief nun auch Evilon, Mister Evil, entgeistert.
     „Den Job.“, antwortete Ramiel und lächelte grimmig zu dem Rest des Teams hinüber. Dann erschallte der Laut eines Schmerzensschreis und ein nasses Klatschen die Luft, bevor sich die Stille wie ein Leichentuch über die großen Parkplatz und das Lagerhaus legte. "Hm", dachte er, "das ging ja flott."
     Vorsichtig spähte er über den Wagenrand empor und sah wie der ältere Ork sich fluchend das rechte Bein hielt, während er mit einer anderen Hand versuchte, Gürtel und Hemdärmel vom seiner Oberbekleidung abzureißen, um das Blut aufzuhalten, welches sich in einer großen Lache um ihn herum ausbreitete.
     „Kniescheibe.“, sagte der Zwerg abschätzend. „Und Glückstreffer.“
     „Und?“
     „Ich sage nur, das es eine Meisterleistung ist mit einer Predator auf Siebenhundertfünfzig Meter treffsicher zu sein. Das ist alles.“, antwortete Evilon trotzig und bewegte seine in den grünen Ganzkörperanzug gekleidete Persönlichkeit nun ebenfalls aus dem Wagen. Ramiel konnte sehen, wie die Elfenzwillinge auf der Fahrerseite ausstiegen und sich akribisch in ihrer Muttersprache unterhielten. Einmal mehr wünschte sich der Magier die Flötentöne der Spitzohren verstehen zu können und hechtete den beiden dann hinterher zur Häuserecke, wobei er sich fest mit dem Rücken gegen das Wellblech drückte.
     „Na das lief doch wie am Schnürchen.“, meinte er lächelnd und sah zur der Elfe.
     „Fabelhaft.“, meinte Tabulah Rasa sarkastisch und schnaubte.
     „Hör auf damit Schwesterherz. Er hat uns eine Menge Arbeit erspart. Also wo lang?“, fragte Dem in die Runde. Evilon hob abrupt die Hand.
     „Ich denke, ich gehe mal zur Rückseite und prüfe dort, ob die Luft rein ist, okay?“
     „Mach aber hin. Je mehr der Rest darin Zeit hat, sich zu sammeln, je mehr Ärger haben wir am Haken.“, mahnte Ramiel nur angespannt. Der Zwerg nickte nur und verschwand kurzerhand um die Häuserecke. Der Magier sah zu seinem elfischen Gegenstück neben ihn und atmete den Duft von verschiedenen Beeren ein, welcher wohl eine Art elfisches Parfüm darstellen sollte. Grinsend sah er in ihr Gesicht.
     „Nach dir, Herzchen.“, sagte er und trieb der Elfe alles Blut aus dem Gesicht.
     „Wehe du starrst mir auf den Hintern, Affenjunge.“, zischte die Elfe zu ihm hinauf und ging langsam mit ihrem Bruder voraus. Ramiel folgte einige Sekunden verspätet auf. Ein Geräusch ließ ihn herumfahren.
     „Hey, ich bin's!“, meinte Evilon hastig und hob die Hände.
     „Mach das nicht nochmal, bitte.“, antwortete der Magier fluchend die Waffe senkend.
     „Kann ich nicht versprechen, Alter.“
     „Hmpf.“
     Ramiel biss die Zähne zusammen und rückte zusammen mit seinem zwergischen Kameraden zu den beiden Zwillingen auf, welche eifrig damit beschäftigt waren, das elektronische Schloss der Lagertür zu knacken. Wobei er sehen konnte, das Dem angespannt mit der Zunge schnalzte, was ihn selbst tierisch auf den Wecker ging. „Wie lange?“, fragte der Magier ungeduldig.
     „Oh. Jetzt?“
     Ein triumphierendes Klicken des Türmechanismus drang an die Ohren der Anwesenden und Dem machte sich eifrig daran die Tür aufzustemmen. Was als nächstes geschah, brachte lauter unangenehme Erinnerungen aus etwaigen Kriegszonen zurück, die Ramiel unter enorm vielen Schichten von Therapiesitzungen vergraben hatte. Das Tor war eine Schulter breit geöffnet, als Dem abrupt mit dem Kopf nach hinten auf das Pflaster geschleudert wurde. Gleichzeitig spürte er, wie etwas ihm in im haarscharf über der Schulter im Blech einschlug. Fluchend wand er sich um und feuerte zwei weitere Kugeln ab, welche die Schädelbasis verfehlten und stattdessen einen Millimeter unter dem Schienbein des älteren Orks einschlugen.
     Die Wucht des Einschusses hallte gedämpft an seine Ohren und nahm einen abgehakten Aufschrei neben sich wahr, als er in Gedanken auch schon die Elfe an der Schulter festhielt. „Nicht.“, sagte Ramiel zischend. „Evil?“
     „Er lebt.“, sagte der Zwergensanitäter abschätzig. „Zumindest hebt sich sein Brustkorb.“
     Ramiel dachte daran, dem Zwerg hinterher daran zu fragen, woher er das Sanitätshandwerk gelernt hatte, um auf den ersten Blick sagen zu können, das jemand auf diese Entfernung noch atmete. Doch dann sah er wie Dem sich den Ärmel seines Hemds abriss und die Fetzen hastig auf die Wunde drückte.
     Die Angst war dem Mann buchstäblich ins Gesicht geschrieben. "Zäher Bursche", dachte Ramiel anerkennend und ließ den weiblichen Zwilling wieder los um sich dann an ihr vorbei zu drängeln, wobei er versehentlich mit der Hüfte ihren Busen streifte. Doch die Magierin war zu betäubt und mit dem Wohlergehen ihres Bruders beschäftigt, als das sie ein Wort der Erwiderung deswegen zu ihm ablassen konnte.
     „Wie lange?“, fragte Tabulah atemlos und blickte ihrem zwergischen Freund panisch in die Augen. „Wie lange kann er …“
     Doch die Frage wurde im Keim erstickt, als Ramiel die Hand ausstreckte. „Feuriga.“, murmelte der Magier nur und trat im nächsten Moment um die Ecke …
     … nur um im nächsten Augenblick in den doppelten Lauf einer Versatrix Nullfünf-Schrotflinte zu blicken, welche ein Troll – ein wirklich großer Troll – mit vernarbtem Gesicht und einem hässlichem Lächeln auf ihn gerichtet hielt. Doch letzteres verschwand augenblicklich, als der Troll den Feuerball in der linken Hand seines Gegners sah. „Oh Fuck …“
     Welche Obszönitäten der Troll auch von sich geben wollte, er bekam keine Gelegenheit dazu. Der Feuerball, ein beeindruckendes Konstrukt von der dritten Stufe und von der Größe eines Kleinwagens schwang im nächsten Moment mit der Hand direkt in seine Richtung, als der Troll auch schon erneut feuerte.
     Ramiel hatte das Gefühl, sein Herz würde stillstehen oder zumindest sein Hirn würde über den gesamten Bereich des Kopfsteinpflasters und den anderen Elfenzwilling verstreut sein. Doch er lebte. Und sah, wie die riesige Flammenkugel sich den Weg am Troll `vorbei´ bahnte. Augenblicklich spürte er, wie sich der Entzug in seinen Gliedmaßen breitmachte und er mit klingelnden Ohren in die Knie ging. "Noch nicht", dachte er verbissen. "Noch nicht!"
     „Feuriga!“, brüllte Ramiel ernüchternd und versuchte den Tinnitus in seinem Ohr abzuschütteln, welcher sich rasant auf all seine Sinne ausweitete. Auch war das Mana, das nun in seinem Körper fehlte, war ein weiterer Faktor, der die Erschöpfung rapide beschleunigte. Schon schlichen sich verräterische Gedanken der Müdigkeit in seinen Kopf. Worte des Sanftmuts drangen an sein Gehör, die ihm sagten, er solle sich ergeben, da er bald sowieso sterben würde.
     Brüllend warf er den Feuerball.
     Diesmal traf er.
     Schreiend ließ der Troll die Schrotflinte fallen und schlug sich auf sämtliche Teile seines Körper, um die gierigen Flammen zu löschen, die sich über ihn hermachten. Cipher sackte indes zusammen. Der erneute Entzug war doch ein wenig zu viel des Guten gewesen – selbst für einen Kampf gestählten Magier wie ihn.
     Lautes Gefluche drang an seines Ohren und er drehte sich um.
     Seine Augen weiteten sich, als er auf das blutverschmierte Gesicht von Tabulah Rasa starrte, welches zwar noch immer auf ihrem Schultern steckte, doch am Halsansatz sich deutlich scharlachrot färbte. „Verdammt.“, fluchte Cipher und merkte dabei, das er wieder einwandfrei hören konnte. „Sanitäter!“
     „Was glaubst du, wohl was ich hier mache?!“, meinte der Zwerg noch immer vor sich hinfluchend. „Ich muss zurück. Ich habe mein …“
     Dem Magier fielen die Schuppen von den Augen. „Sag jetzt nicht, das du dein Erste Hilfe-Set im Auto vergessen hast?“
     Peinlich berührt blickte der Zwerg zu Boden. „Echt jetzt?“, fragte Ramiel verbissen und überprüfte das Magazin seiner Ares Predator. „Das wird ja immer besser.“
     Ramiel überlegte, ob er den neuen experimentellen Heilzauber ausprobieren sollte, den er letzte Nacht gelernt hatte, um seiner Kollegin zu helfen. Als die Elfe auch schon die Hand auf die Wunde drückte und ein einziges Wort in ihrer Muttersprache murmelte.
     Sofort legte sich ein hellgrünes Licht wie aus einem Mitternachtstraum auf die Wunde und verschloss die Verletzung fürs erste. Wenn der Spruch auch rustikal zu sein schien und nicht für solche Zwecke gemacht worden zu sein schien. Ramiels Blick wanderte zu dem Zwerg, welcher noch immer in seinen dichten Bart hinein Entschuldigungen murmelte.
     „Spar dir die Entschuldigungen, Alter und hilf ihnen einfach.“, zischte der Magier fluchend.
     „Zumindest wird es nicht schlimmer.“, sagte Evilon sich am Hinterkopf kratzend.
     Ein hohes Surren durchdrang die Luft. „Ne'ne?“
     Ramiel folgte dem Geräusch und drehte den Kopf zur Decke hin. Was er sah, ließ ihn den Kopf gegen das Schott sacken lassen. Eine ferngesteuerte Hammerdrohne mit eingebauten Rotoren in den Flügeln koppelte sich von der Decke ab und schwebte einige Meter über dem Erdboden in der Luft herum. Der Lauf des am Unterbaus montierten schweren Maschinengewehrs zielte genau auf ihn.
      „Du und deine große Klappe.“
      Der Zwerg sagte nichts. Vielmehr stellte sich Ramiel vor, dass der haarige Bastard sich einmal mehr peinlich berührt in den Bart lächelte. Obwohl nicht religiös, fing der Magier an zu beten. Ein weiteres, der vielen Rituale, die er sich im Laufe seines Lebens angewöhnt hatte, wenn sein Leben auf der Kippe stand oder er früher in brenzligen Situationen gesteckt hatte. Jedes Mal war er überzeugt gewesen, das es nun aus war und er seine Familie niemals wieder sehen würde. Doch jedes Mal war es anders gekommen und ein blöder Zufall hatte ihnen wie bei einer dieser billigen Superheldenvids, wo dem Helden jedes Mal durch Zufall der Arsch gerettet wurde, gerade das passierte.
      „Amen.“, sagte Ramiel und sah sich schon im Himmelreich wieder, als das Undenkbare eintrat.
     Grell zischte der Kugelblitz an seinem Kopf vorbei und blendete ihn für den Bruchteil einer Sekunde, sodass er seine Hand vors Gesicht halten musste, um seine Augen zu schützen, als auch schon das vertraute Geräusch eines fehlerhaften Motors wie süßlichste Musik an seine Ohren drang. "Das darf doch jetzt nicht wahr sein!"
      Doch als der Magier den Blick wieder klar auf die Drohne richtete, konnte er sehen, das diese gefährlich in der Luft schwankte – und schließlich eine Sekunde später auf dem Boden der Tatsachen zerschellte. „Ha. Hab's noch drauf.“, ertönte eine vertraute Stimme im Flötenton in seinem Rücken.
     Ramiel drehte sich um und sah noch wie Dem lächelnd den Kopf auf das Pflaster fallen ließ und Evilon sich sofort seiner annahm. „Er lebt.“, sagte der Zwerg nach einer kurzen, aber ausführlichen Untersuchung. „Aber er ist bewusstlos und braucht dringend einen Ripperdoc oder er kratzt uns ab.“
     „Hmpf. Okay. Sonst noch wer?“
     „Ich.“, sagte Tabulah mit schwacher Stimme und richtete sich einigermaßen auf. „Das Paket?“
     „Da drinnen.“, sagte Ramiel lächelnd und freute sich ob der Tatsache, dass die Elfe einigermaßen wieder auf den Beinen war. Das Gefühl überlebt zu haben und das viele Adrenalin in seinen Adern ließen ihn wieder ebenfalls auf die Beine kommen. Mit aller Kraft drückte sich der Magier gegen das Tor.
      Die Scharniere des Schiebetors kreischten, als sich die Lücke weiter vergrößerte. Ramiels Blick fiel auf einen Sockel, wo das besagte Ziel einfach dalag. Es war tatsächlich wie die Schmidt gesagt hatte. Es war nichts weiter als eine schmucklose schwarze Kiste, welche äußerlich absolut schmucklos wirkte.
      "Was immer da drin ist, die Dame hofft besser, das es den Inhalt wert ist oder ich werde dem Auftraggeber ordentlich den Marsch blasen!" Katsching! "Oh, bitte. Echt jetz'?"
     Ramiel sah ungläubig zur Seite, wo der Troll – welcher erstaunlicherweise trotz ungelöschter Flammen am Leben war – wieder seine Schrotflinte in die Hand genommen hatte und diese auf den Kopf des Magiers gerichtet hatte.
     „Wag es.“, sagte der Troll wütend. „Ich warte.“
     Im hinteren Bereich des Lagerhauses wurde eine Tür geöffnet. „Stopp!“, befahl jemand hinter dem riesigen Ungeheuer. Eine Hand fasste ihn bei seiner eigenen. Tabulah schluckte unüberhörbar. Und auch Evilon schien sich nun in die Hosen zu machen, als ein weiterer Ork mit einer Ares Predator II im Anschlag hinter dem Riesen hervorkam. „Was zur Hölle wollt ihr von uns?“, brüllte er.
     „Oh, das ist echt klassisch.“, meinte Ramiel grinsend. „Ihr Leut' bewacht 'ne Kiste und denkt nicht einmal daran, das jemand kommen würde, um diese sich unter den Nagel zu reißen?“
     „Das ist es worum es geht?“
     Der ungläubige Blick des Orks ließ sein Grinsen nur noch breiter werden. Selbst die Nähe der Schrotflinte und ihres – immer noch brennenden – Besitzers konnten daran wenig ändern. Neben ihm räusperte sich die Elfe höflich, wobei sie seine Hand intuitiv drückte. "Lass mich das bitte machen."
      „Ihr guten Männer.“, begann Tabulah freunlich zu reden an. „Es ist offensichtlich, das wir alle einem riesigen Missverständnis zum Opfer gefallen sind. Oder?“
     „Ah, was?“, fragte der Troll verständnislos und zeigte mit dem Doppellauf auf seine toten Kameraden außerhalb der Lagerhalle. „Missverständnis am Arsch, Spitzohr. Das hier is' …“
      „Halt die Klappe, Dicker und lass die Dame ausreden. Oder hat dir deine Mama keine Manieren beigebracht?“ Ramiel konnte sehen, wie sich die Adern trotz der Flammen unter der Haut des Metamenschen anspannten, als sich auch schon wieder seine Hand meldete. "Okay, ich hab's ein bisschen übertrieben, aber ich hab recht. Oder nicht?"
     „Ihr guten Herren. Offensichtlich sind wir alle im selben Gewerbe tätig, was heißt wir können doch sicher weiteres Blutvergießen vermeiden, bevor wir alle dran glauben müssen.“, fuhr die Elfe mit ruhiger Stimme fort. Der Ork hatte nun die Waffe auf ihren Schädel gerichtet. Aber seinem Gesicht war anzusehen, das er Tabulahs Meinung teilte. Auch Ramiel kam nicht umhin sich zu fragen, was hier gespielt wurde.
     Denn hier war definitiv, was Oberfaul.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast