Shadowrun: Wie man es nicht machen sollte!

GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16
15.03.2019
29.03.2019
3
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Das Wetter war wolkig, aber warm. Warm genug um im Schlafanzug hinauszugehen.
     Evilon legte sich deshalb lächelnd in den Schaukelstuhl auf seiner Veranda im Altona-Stadtviertel und genoss das Wetter, welches sich zur Zeit über der Stadt zusammenbraute. Es lenkte ihn durchaus von dem Gedanken an Nanashi, den Decker, ab, welcher sich seit geraumer Zeit wieder in der Stadt befand, nachdem er und die anderen nach einem missglückten Run den Auftrag erteilt hatten, ihn eigentlich für immer verschwinden zu lassen. Sein alter Trollfreund, welcher sie früher bei den Runs begleitet hatte, lag deswegen im Streckverband im Krankenhaus nebst der komatösen Magierin, welche sich noch immer von der Schusswunde in ihrem vorderen Membrallappen erholte.
     Noch heute bekam der kaum ein Meter dreißig große Zwerg mit der grünlichen Synthhaut das Kotzen, als er in den Nachrichten von den Hundertdreiundvierzig Toten gehört hatte, die Nanashis Spambombe dem Helikopterpiloten geschickt hatte. Selbst die Rettungsmannschaften waren unter den Todesopfern.
     Es war einfach zu viel.
     Einfach zu viel.
     Evilon nippte an dem Kaffee in seiner Hand und sah gebeutelt in den wolkenverhangenen Himmel, als das Kommlink an seinem Handgelenk piepte. "Suchst du Arbeit? Ich hab'n Run für dich, wenn du interessiert bist. Heute zwanzig Uhr bei mir. Kurt."
     Seufzend leerte Evilon die Kaffeetasse in seinen Händen und ging wieder hinein, wo er sich duschte, anzog und frühstückte. Kurt war der Eigentümer eines kleinen Nachtklubs in Hamburg, wo gelegentlich Runner ihr nächtlich Brot verdienen konnten. Es war jedoch auch ein Ort, welcher bei vielen Leuten … „sehr speziell“ gehandhabt wurde. Ausstellung im Etablissement waren durchaus gängig, was dazu führte, dass der Name des Ladens häufig geändert wurde, um passend zu klingen. Ein Tick, den Kurt auszutreiben, schon viele gescheitert waren.
     Lässig ging er in die Küche und machte sich Frühstück. Bis Zwanzig Uhr war es noch ein ganzes Stück und er konnte deshalb eine Menge Zeit totschlagen. "Wette die anderen sind auch mit von der Party", dachte Evilon lässig und biss in sein Frühstücksbrot.

Ratternd weckte das Geklingel des Weckers die Elfe aus ihrem Schlaf, wobei Rachel Tabaluha Scarlett wusste, das sie zu spät ins Bad kommen würde, da ihr Zwillingsbruder Dem wieder einmal vor ihr dort sein würde, und das gesamte heiße Wasser aufbrauchen würde, das er in die Finger bekam. Dennoch erhob sich die zierliche Elfe mit der ranken Alabasterhaut und den langen kastanienbraunen Haaren aus dem weichen Federbett und streckte die Glieder in die Luft, wobei ihr großer, runder Busen deutlich unter dem Nachthemd hervorgehoben wurde.
     Schnaubend ging sie den Flur hinunter.
     Der Geruch von frischem Kaffee hallte durch die Luft, als sie in die Küche trat, welcher auch gleichzeitig für sie und ihren Bruder als Wohnzimmer fungierte und sah, wie der technobegeisterte Snob eingestöpselt auf der Couch lag und sich offensichtlich durch die Matrix surfend auf der Suche nach neuen Ramsch begab, welchen er in ihrem gemeinsamen Zuhause verkaufen konnte.
     Noch immer klingelte ihr Nova Air Kommlink an ihrem Handgelenk.
     "Lust an bezahlter Arbeit?", fragte die Nachricht. Rachel seufzte. Es war offensichtlich, das sie die Nuyen gebrauchen konnte. Die Miete zahlte sich schließlich nicht von selbst. Grimmig griff sie nach der Kaffeetasse ihres Bruders und füllte sich einen weiteren Becher der braunen Flüssigkeit in das Behältnis, bevor sie in Richtung Badezimmer ging. Die Tür verschloss. Die Hüllen fallen ließ und den Rest des warmen Wassers verbrauchte.
     Sie biss sich verspielt auf die Unterlippe, als die Stimme ihres Bruders durch das Apartment hallte. „Rachel!“, rief ihr männlicher Zwilling aufgeregt. „Ich hab'ne Nachricht von Kurt bekommen. Er fragt ob, wir uns für bezahlte Arbeit interessieren!“
     Grummelnd antwortete die Elfe unter der Dusche. „Natürlich, du Holzkopf.“, rief Rachel zurück und griff sich die Duschlotion aus dem metallenen Wandkorb und rieb sich ihren Körper mit der durchsichtigen Flüssigkeit ein. An einigen Punkten ihres Körpers entfuhr ihr ein leichtes Seufzen und Wohlgefallen machte sich in ihrem Bauch breit.
     „Soll ich ihm sagen, das wir …“
     „Ja!“, brüllte die Elfe aus vollem Hals und wusch sich die Lotion vom Körper, wobei sie merkte, wie das warme Wasser allmählich kälter wurde. Fluchend schaltete sie das warme Wasser ab und betete zu ihrem Schutzpatron, er möge ihr Kraft geben, bevor sie sich ein Handtuch krallte und sich ihren Körper trocken rubbelte. Sie würde wirklich ein ernstes Gespräch mit ihrem Bruder über das Thema lange Duschen am morgen wechseln müssen, wenn sie fertig war.
     Rachel stellte sich vor den Spiegel und besah sich die vielen Narben auf ihrem Bauch, Brust und Armen, welche von allen möglichen Verletzungen stammten, die sich während ihrer Karriere in den Schatten der ADL zugezogen hatte. Einige waren durch dumme Fehler entstanden. Andere weil sie den falschen Leuten vertraut hatte. Doch allesamt waren das, was Rachel ausmachte.
     Sie war stolz darauf.
     „Rachel! Wo ist mein Kaffeebecher?“, brüllte Dem durch die Wohnung. Das Gebrüll wurde lauter, je näher er kam. Seufzend öffnete, noch immer nackt, die Badezimmertür und reichte ihrem Bruder besagtes Behältnis.
     „Hier.“, sagte sie und knallte die Tür wieder vor seiner Nase zu, um sich wie jeden Morgen ihrem Gesicht und den dazu benötigten Schminkutensilien zu widmen. Schließlich musste sie schön aussehen, um wenigstens den Tag zu überstehen. Schließlich hing ihr Leben am seidenen Faden.
     Sie hatte keine Ahnung, wie richtig sie lag.

Das erste was Ramiel Brenner feststellte, war das es in seiner Wohnung stark nach verkohltem Fleisch roch. Als er die Augen aufmachte, starrte er grummelnd auf den verkohltem Mafiosi in der Ecke, welcher nach allen Regeln der Kunst nur noch ein Haufen Asche war. Als Ramiel die Beine ausstreckte, konnte er sogar noch sehen, wie plötzlich die Leiche eines weiteren Mafiosi von der Decke fiel.
     „Fuck.“, fluchte er verschlafen und schlug die Decke zurück.
     Das Ausmaß des Schadens war enorm. Er hätte diesertage eigentlich wissen müssen, das Feuerbälle und hochprozentiger, unsynthetischer Absinth eine besonders labile Mischung ergaben. Einmal mehr verfluchte er die Hartnäckigkeit der italienischen Mafia – der Cosa Nostra – dafür, das sie dem Chaosmagier selbst nach der letzten Lektion, die er ihnen im Auftrag des Vhor erteilt hatte. Doch die verdammten Sizilianer waren nun anscheinend erst recht auf Rache aus, da ihnen mit dem ungerächten Tod eines weiteren Dons, die Ehre ihrer Familie nicht gedient war.
     Ramiel jedoch war es egal.
     Für ihn zählte nur, so viele Italiener wie möglich ins Grab zu befördern, wie er konnte, damit so etwas wie die Sache damals in Heimsdorf nie wieder passieren konnte. Noch immer müde erhob er sich von seiner Liegestatt und überlegte, ob er die Putzkolonne rufen sollte, die für ihn aufräumen konnte, während er im Bad seine Morgentoilette verbringen konnte.
     Ramiel entschied sich spontan dagegen und ging in die Küche.
     Grummelnd aß er das letzte Schinkensandwich in seinem Kühler und ging ins Bad, um überschüssiges Wasser abzulassen und sich den Schmutz von letzter Nacht abzuwaschen, bevor er sich dem Unheil in seinem Wohnzimmer annahm. Als er fertig war, griff er zu Handputzzeug und Wasser und entfernte mühsam, aber diszipliniert die Überreste der beiden Mafiosi von der Wand, dem Boden sowie der Decke, bevor er sie in das Loch im Vorgarten seiner Harburger Wohnung warf.
     Ramiel wartete einige Minuten. Dann noch eine.
     Und noch eine.
     Und noch eine.
     Dann erklang ein zufriedenes schmatzendes Geräusch, welches er zufrieden als das Kauen und Brechen von Knochen erkannte, welches nur ein Ghul fertigbringen konnte. Er erinnerte sich noch, als die Biester sich letzten Sommer in die Arkologie geschlichen hatten, als wegen eines Hitzeschlags und einem verdammten Donnervogel einer Nachbarin das Sicherheitssystem des Blocks ausgefallen war und die hungrigen Mäuler aus der Kanalisation in den Komplex eingedrungen waren.
     Seine Nachbarin, Mrs. Stumkater, war von einem besonders großen Exemplar gebissen worden, welches sich später bei einer Nachfolgeuntersuchung als ihr geliebter, vor vielen Jahren verschwundener Ehemann herausstellen würde. Ramiel hatte es zu diesem Zeitpunkt wenig interessiert. Das Biest war offensichtlich der Anführer der Meute gewesen – also hatte er es mit einem Feuerball gegrillt. Mrs. Stumkater war heulend zusammengebrochen. Aus Mitleid hatte er ihr den Rat gegeben, von der Bildfläche zu verschwinden, anstatt sich von den anrückenden Sicherheitskräften eine Kugel zwischen die Augen verpassen zu lassen, um wieder mit Edward vereint zu sein. Nun lebte sich auf der Südwestseite Hamburgs in einer angenehmen Kleinwohnung in einer lange aufgegebenen Arkologie mit anderen ihrer Art – einer davon war ihre Nichte – und schickte ihm hin und wieder Dankensgebungen, dafür das er ihr und ihrer neuen Familie hin und wieder etwas zu essen per Lieferservice schickte. Dennoch kam Ramiel nicht umhin an den riesigen Stapel Autos denken zu müssen, welcher sich unweigerlich dort über die Jahre angesammelt hatte.
     Während er so wieder hineinging und die letzten Überreste des Massakers beseitigte und sein Bett machte, dachte er darüber nach, wie er seinem Onkel das Ableben der dieswöchigen Lieferung erklären sollte, als sein Kommlink den Oldi „I have the Power“ spielte, den er als Klingelton missbrauchte.
     Als er hinsah, leuchtete deutlich die Kontaktadresse von Khalid, dem Schieber seines Vertrauens, auf. "Na klasse", dachte er und gab einen Text ein, ohne die Nachricht an sich zu lesen, da er glaubte zu wissen, was er wollte:
                                                                                                     
                                                                                                           „Hey, Khalid,
                                  falls du fragst: ja, ich habe mir damals Geld von den Italienern geliehen, als es um die
                                   Familienbrauerei ging, okay? Ich habe jedoch mit der Vory de Zykone einen Deal am
                                 Laufen, der mir gestattet, den Bastarden ordentlich den Hintern aufzureißen, während
                               mich der Vhor vor deren Einfluss beschützt. Also brauchst du dir keine Sorgen zu machen,
                                                  wenn ein paar von den Spinnern bei dir im Laden vorbeischauen.
                               
                                                                                                                  Cipher

Dann schickte er die Nachricht ab.
     Überraschenderweise jedoch, kam wenig später eine weitere Nachricht an. Verwirrt beschloss Ramiel sie diesmal zu lesen. Beide Nachrichten. Die erste war überraschenderweise nicht, was er eigentlich erwartet hatte:

                                                                                                           „Hey Cipher,
                              ich bin's. Du, ich hab'n Job für dich oben nahe Altona in einer Kneipe bei so'nem Typen
                              namens Kurt. Der sucht noch Leute für einen Job und so. Bei dem ist viel Geld zu holen,
                                         also benimm dich bitte diesmal, okay? Die Adresse lautet Kurts Kneipe *****.
                                                                        Und bitte, tu nichts unüberlegtes diesmal.
                                                                                                     
                                                                                                                Khalid

„Hmpf.“, murmelte Ramiel seufzend und öffnete die zweite Nachricht. Der kurze Klappentext, den Khalid ihm geschickt hatte, entlockte ihm ein Schmunzeln:

                                                                                                     „DU HAST WAS???“

Grinsend schloss Ramiel das Nachrichtenfenster und schnappte sich seinen Mantel. Er musste noch einkaufen und griff sich seinen Credchip, als er die Wohnung verließ. Ging dann jedoch noch einmal zurück, um eine Einkaufstasche zu holen, bevor er seine Wohnung wieder verschloss.
     Draußen vor der Tür ging er nochmal zum Loch im Vorgarten und sah hinunter.
     Lächelnd und mit einem Salut ging er von dannen. In seinen Gedanken dachte er noch einmal daran, wie nützlich Ghule im allgemeinen doch waren, wenn es um die beiläufige Entsorgung von genetischen Beweisen ging, als er spontan beschloss, was er für heute Abend kaufen würde.
     „Wird Zeit für etwas Schinken heute Abend.“
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