Obsidian Princess

GeschichteRomanze, Fantasy / P18
15.03.2019
19.03.2019
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Hallo, liebe Leserschaft und die, die neu hinzu finden!

Wer mich bereits kennt, weiß, dass ich ein hilfloses Opfer meiner fantastischen Gedanken bin und diese gerne mal unters Volk bringe.
Ebenso bin ich Freund und Feind heiliger Schriften, Gebräuche und Bekenntnisse.
Ich vergöttere alles, was böse ist und verteufele, was heilig gesprochen wurde.

Dementsprechend findet man nicht Michael an erster Stelle, sondern Luzifer.
Es sind keine Elfen, welche meine Wälder regieren, sondern Gnome.
Und es sind keine Prinzessinnen, die einen Ritter zum Schutze haben, sondern Lordschaften, die einer Kriegerin den Hof machen.

Ich wünsche euch viel Spaß mit meinem kleinen Feuerteufel Helena und dem geheimnisvollen Fledermann, der eher weniger voller Geheimnisse steckt. Zumindest, wenn es nach ihm ginge.


Diejenigen, die bereits AWARE gelesen haben: Der Name meiner Protagonistin ist Zufall, die Entstehung der Geschichten weit auseinander. Aber es hat mich dermaßen amüsiert, dass ich es nicht ändern konnte. Außerdem hat der Name Helena eine Bedeutung, die plotrelevant ist. =)

Natürlich schließe ich mich der breiten Masse an und gebe wenigstens einen Vorschlag zur musikalischen Untermalung. Eines der Lieder, die ich beim Schreiben vermehrt gehört habe: https://www.youtube.com/watch?v=Cr-0pViV2Pg



~*~




Sie nannten mich Hexe, Verfluchte, Besessene. Für manche war ich auch der Teufel höchstselbst. Unkreativ geradezu plump versuchten sie, etwas scheinbar Bösem, einen Namen zu geben. Ich wurde dem Teufel nicht annähernd gerecht. Und glaubt mir, ich weiß zu genau, wie der Teufel aussieht. Das Gesicht einem Engel würdig; der Körper kraftvoller als der eines ausgewachsenen Stiers; die Reißzähne schärfer als jede Klinge aller Zeitalter.

Viele Jahre später glaubten die Menschen, die mich jemals zu Gesicht bekommen haben, sogar, ich sei von Gott geschickt worden, um seine Kinder auf die Probe zu stellen. Ein Irrsinn, der sich erst über Jahrhunderte hinweg legte, um sich schlussendlich neuem Irrsinn zu unterwerfen.

Wir richteten nicht aufgrund von Emotionen. Wir töteten nicht, weil es uns eine höhere Macht befahl. Wir besaßen nichts, mit dem wir hätten verhandeln können. Das Einzige, was uns geschenkt wurde, war unser Leben und die Fähigkeit, gegebene Umstände zu nutzen. Kein Mensch war jedoch in der Lage, mit seiner eingeschränkten Sicht zu erkennen, welche Mittel uns gegeben wurden.

Man gab mir vielen Namen, über sehr viele Jahre hinweg. Durchschnittlich hatte der Mensch 28.800 mögliche Todestage. Ich hatte beinahe das Siebenfache hinter mir, und ein Ende schien noch nicht in Sicht zu sein.
Doch jeder, der glaubte, dass wir Gottes Segen oder Fluch für die Menschen waren, der irrte. Denn es gab etwas, das weitaus gefährlicher war und im Verborgenen darauf lauerte, sich am Elixier des Lebens bedienen zu können.
Und wir warteten darauf, dass sich diese Gefahr aus dem Schatten wagte, um sie von den Menschen fernzuhalten. Wir waren keine Jäger oder Mörder, wir waren Beschützer.

Zumindest habe ich das einst geglaubt. Ich bin gefolgt, habe Befehle ausgeführt, nur um am Ende festzustellen, dass nichts ist, wie es scheint oder man es gern hätte. Genauso, wie unsere Existenz.


~*~



London, 2016

,,Hast du einen Schluck Wasser für mich?“, meine Freundin fuhr sich seufzend durchs Haar, nur um genervt festzustellen, dass es federleicht zurück in ihr Gesicht fiel. Mein gedehntes ,,Nein“ ließ sie erneut aufseufzen. Es waren bestimmt über 35 Grad und ich wusste, dass Ella diese Temperaturen überhaupt nicht ertragen konnte. Mir hingegen machten sie nichts aus. Ich war die Hitze gewohnt, liebte sie, suchte sie. Und natürlich befand sich in meiner Handtasche eine 500 Milliliter Flasche voller spritzigem Mineralwasser. Doch nur ein Idiot würde ihr freiwillig das nasse Element in die Hand drücken. Wir waren beide beinahe im selben Jahr geboren. Damals war die Inquisition in seiner Blütezeit gewesen und es war ein Wunder, dass wir das überstanden hatten. Mehr oder weniger.


Rom, 1501

Ich rannte. Ich rannte so schnell, wie meine Beine mich tragen konnten, doch das Schlagen der Hufe in meinem Rücken wurde immer lauter. In der Dunkelheit war es mir kaum möglich zu sehen, wo ich hinlief. Einzig das Wissen, dass sich hier ein kleiner Wald befand, in dem ich eine verschwindend geringe Möglichkeit hatte, den Augen meiner Verfolger zu entkommen, ließ mich in diese Richtung laufen. Bäume und Büsche sollte sie dazu zwingen von ihren Pferden zu steigen und mich zu Fuß weiter zu jagen. Nur so erweiterte sich dieses kleine Bisschen Überlebensmöglichkeit. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war es dieser bescheuerte Nachbarbursche gewesen, der uns verraten hatte. Ella und mich. Er hatte es gesehen. Wie wir im kleinen Hof hinter der Scheune miteinander gespielt hatten, obwohl es uns verboten war. Täglich hatte meine Mutter mir gesagt, dass ich aufpassen musste; dass ich mein Umfeld mit Vorsicht behandeln sollte; dass ich nicht auffallen durfte. Demut und der stetige Verlust eines eigenen Willens waren es, die ich tagein, tagaus ertragen musste. Doch dafür lebte ich. Meine Eltern besaßen einen kleinen Bauernhof, auf dem sie Schweine züchteten und mit dem Fleisch handelten, sowie einen beachtlichen Gemüsegarten, in dem ich mich viele Stunden am Tag aufhielt. Es war kein hohes Leben, das wir führten, aber ein gutes. Und nun war alles vorbei. Meine Mutter hatten sie geholt, noch während ich aus der Hintertür geflüchtet und davongelaufen war, und ich wagte nicht zu hoffen, dass sie dem 'Prozess' entkam. Mit einem flüchtigen Blick über die Schulter konnte ich noch immer den kleinen Punkt am Rande des Dorfes erkennen, der lichterloh brannte, mein Heim zerstörte. Der Wind auf der Kuppe trug das Hundegebell meiner Jäger hinter mir her, ließ mich schneller laufen.

Dieser verfluchte Junge hatte mir wahrscheinlich unbewusst alles genommen, was mein Leben ausmachte, als er der Kirche erzählte, was er zu sehen geglaubt hatte. Auf dem Hof, direkt hinter unserer Scheune, war Ella lachend über die sengende Glut gelaufen. Sie hatte etwas getan, was uns verboten war, und nun zahlten wir dafür. In dieser Zeit lachte man nicht, wenn man eine Frau war. Frauen verließen noch nicht einmal freiwillig das Haus, schon gar nicht ohne Gatten in Begleitung. Sie dachten nicht nach und sprachen auch ihren Wunsch nicht aus. Der eigene Wille war verboten. Aber was man unter keinen Umständen tat, war über die heiße Glut zu tanzen und dabei zu lachen, als gäbe es nichts, was freudvoller sein konnte. Er wurde uns nicht einfach irgendwann zuteil, dieser Fluch. Wir waren damit geboren worden und nur zu spät hatten unsere Eltern damals gemerkt, zu was wir imstande waren und welche Gefahr von uns ausging, wenn wir gesehen wurden.  






,,Ich geh' kaputt, ohne Scheiß“, ich sah hinüber zu meiner fluchenden Freundin, die sich nun gequält das braune Haar zu einem Zopf band, um es wenigstens etwas aus ihrem Gesicht zu halten. Das war gewiss nicht die schönste Situation, in der wir hier saßen, doch manchmal musste man auch unliebsame Dinge in Kauf nehmen, wenn man Erfolge sehen wollte. Und wenn es sich dabei um Sommerhitze und dem Geruch von gegrillten Würstchen handelte. Die setzten mir persönlich mehr zu, als die Hitze. Ich hasste Fleisch! Und noch mehr hasste ich es, wenn es verbrannt roch! Wie das Fleisch der Frauen.





Immer tiefer lief ich in den kleinen Wald hinein und ignorierte dabei die Äste, die mir peitschend ins Gesicht schlugen. Dieser Schmerz war nichts im Vergleich zu dem, was auf mich warten sollte, wenn sie mich erwischten. Mittlerweile benötigte es noch nicht einmal den Wind in meinem Rücken, um das Gebell laut an meine Ohren zu tragen. Sie holten mit großen Schritten auf, obwohl es hier auf Pferderücken unwegsam war. Im Vorteil, weil sie täglich flüchtende Frauen jagten, ich aber nur ein einziges Mal um mein Leben rennen musste. Und dann ging alles so schnell. Ich hechtete gerade um einen Baum herum, um die Richtung zu wechseln, als ein scharfer Schmerz meinen Oberschenkel packte und mich zu Boden gehen ließ. Augenblicklich spürte ich das warme Blut die Seite meines Schenkels hinablaufen und wie es meinen zerrissenen Rock tränkte. ,,Ich habe sie, die Hexe!“, rief ein Mann, der viel zu schnell an meine Seite getreten war, noch weit bevor ich die Möglichkeit hatte, mich aufzurappeln. Die Männer schmissen mir vulgäre Flüche entgegen, bespuckten mich und traten nach mir, obwohl ich schon längst nicht mehr in der Lage war, mich zu wehren. Meine Hände fesselten sie hinter meinem Rücken und zerrten mich den gesamten Weg zurück in das Dorf. Die Wunde machte es mir beinahe unmöglich, mit ihnen Schritt zu halten, doch darauf nahmen sie keine Rücksicht. Sie lachten, wenn ich schrie und fluchte; verhöhnten mich, wenn ich um mein Leben flehte; beschimpften mich jedes Mal, wenn ich beteuerte, keine Hexen zu sein. Den ganzen verfluchten Weg lang, der sich plötzlich wie ein Tagesmarsch anfühlte.

Doch noch in der selben Nacht kamen wir zurück zum Dorf. Sie zerrten mich durch die Straßen, vorbei an den geifernden Massen, vorbei an den heruntergebrannten Balken, die einst mein Heim dargestellt hatten. Jeden Vormittag waren neue Scheiterhaufen auf dem Dorfplatz errichtet worden, genau dort, wo in der Nacht zuvor Frauen um ihr Leben gebettelt hatten. So auch in dieser Nacht. Es waren zwei, direkt nebeneinander. Weit genug getrennt, um einen möglichen Blickkontakt der 'Hexen' zu vermeiden, aber nah genug, damit die eine das Leid der jeweils anderen zu deutlich hören konnte. Und ich wusste genau, für wen diese Scheiterhaufen waren. Sie hatten nicht vor, meiner Mutter und mir überhaupt einen Prozess zu gewähren. Ich war bei der Tat gesehen worden, mir die Zeit zu schenken, den Vorwurf abzustreiten, für sie undenkbar. Vermutlich konnten sie es nicht riskieren, dass Gesehenes als Feuerprobe anerkannt und ich somit freigesprochen würde.

Noch während sie mich unter den Flüchen und Verwünschungen der anwesenden Männer den Reisighaufen hinauf zerrten, entblößte die Masse meine Mutter, die nicht weniger mitgenommen wirkte, als ich. Ihr langes, rotblondes Haar war abgeschnitten worden. Haar, welches sie Zeit ihres Lebens verstecken musste, um nicht alleine der Farbe wegen hier zu landen. Und nun war ich es, die Schuld an ihrem Tode tragen sollte. Der Christ, der mich an dem Pfahl festgebunden hatte, zog mir das Kopftuch herunter und präsentierte der Menge mein ebenfalls rotblondes Haar und strich es vor, über meine Brust, damit auch ja der Letzte sah, dass ich eine Hexe war. Die Rufe wurden lauter, die Schaulustigen unruhiger. ,,Verbrennt die Hexe!“ und ,,Fahr zur Hölle, Teufelsbuhlerin!“, waren mitunter die nettesten Dinge, die sie meiner Mutter und mir zuriefen. Ihre grünen Augen waren unentwegt auf meine gerichtet, als hörte sie gar nicht, was man ihr wünschte. In diesem Moment zählte nur ich, ihre Tochter, und das Schicksal, das uns beide erwartete. Doch lag nicht ein Funken Verurteilung oder Zorn in ihrem Blick. Nur die Liebe, die eine Mutter für ihre Tochter empfinden konnte.

Nachdem die Männer auch sie festgebunden hatten, suchte ich unter den Dorfbewohnern nach dem Antlitz meines Vaters und fand es viel zu schnell. Regungslos stand er unter ihnen und beobachtete, wie seine Gattin und Tochter verbrannt wurden. Er hielt meinem Blick stand, bis das Knistern unter mir und der Gesang vor mir immer lauter wurden. Als mir der erste Rauch in die Nase stieg und die Wolle meines Rockes sich langsam kräuselte, verstummten sie. Schlagartig war es vorbei mit dem Lobsang an den Herrn, weil er ihnen half, die Welt von der Hexerei und dem Teufel zu befreien. Denn weder meine Mutter, noch ich, schrien. Wir bettelten nicht um unsere Leben und nahmen auch die Angebote, zu gestehen und der Verbrennung zu entkommen, nicht wahr. Zu oft hatten wir des nachts gehört, wie Frauen sagten, was man ihnen in den Mund legte, in der Hoffnung, dem Feuertod zu entkommen. Oh, sie entkamen den Flammen. Aber nur, um am nächsten Morgen im Fluss, mit einem Stein an den Füßen, ertränkt zu werden. Sie ließen uns nicht die Wahl, zwischen leben und sterben. Wir konnten uns lediglich aussuchen, wie wir sterben wollten. Ich wählte das Feuer und sie gewährten es mir.

Wieder begannen sie zu grölen, nachdem meine Mutter nun doch dem Feuerschmerz nachgab und schrie, als die Zungen ihre Haut versengten. Sofort begann ich ebenfalls laut zu schreien, darüber zu klagen, welche Schmerzen ich empfand und um Gnade in der letzten Sekunde zu betteln. Trotz meiner eigenen, drangen die Schreie meiner Mutter zu mir hindurch, und es zerriss mir das Herz zu wissen, dass sie diese Qualen erlitt. Dennoch versuchte ich mich irgendwie zu konzentrieren. Gut dreißig Herzschläge hatte ich Zeit, bis ich verstummen musste. Herzschläge, die ich fast gar nicht wahrnahm, unter den tosenden Flammen und den hilflosen Rufen von ihr, die unaufhörlich um ihr Leben bettelten. Der Rauch brannte in meiner Nase und der Geruch von verbranntem Fleisch ätzte an meinem Sinn. Und ganz plötzlich war es still neben mir, einzig das Jubeln und Knistern waren noch zu hören. Ein letztes Mal schrie ich aus vollem Halse, erhaschte den Blick meines Vaters, bevor ich ebenfalls verstummte. Sie hatten sie mir genommen. Und jeder von ihnen sollte ihr Schicksal teilen.  






Jemand stieß mir schroff in die Seite. Kopfschüttelnd löste ich meine Gedanken von den Erinnerungen und verdrängte den Geruch der Würstchenbude, der mich erst zurück in meine Vergangenheit versetzt hatte. Ella deutete auf einen jungen Mann mit Kopfhörern. Grinsend wippte er offensichtlich zum Takt der Musik und tänzelte um die Passanten herum, wich ihnen elegant aus. Für ihre Augen musste er ein Teenager gewesen sein, der die Schule schwänzte und sich lieber laut Musik hörend in der Innenstadt herumdrückte. Sein dreckig-blondes Haar war zerzaust, wie die Jugend es eben in diesem Sommer trug, die Hose hing im viel zu weit an den Beinen, seine Hände in deren Taschen vergraben. Im Leben wäre ich nicht darauf gekommen, dass es sich bei ihm eben nicht um einen Teenager handelte, der einfach keine Lust auf Unterricht hatte. Ich ließ mein Zippo auf und zu schnappen und beobachtete ihn dabei, wie er den Piccadilly Circus in Richtung Regent Street überquerte. Langsam griff ich meine Handtasche und erhob mich, um Ella das Zeichen zu geben, ihm zu folgen.





Das Feuer hatte schon lange die Stricke um meinem Körper, sowie meine Kleidung, verbrannt, sodass es mir möglich war, im Schutze der Flammen an die Seite des Scheiterhaufens zu krabbeln. Mir blieb nur wenig Zeit, in der sie hoch genug waren, um meine Flucht vor den Augen der Menge zu verbergen. Einzig die Christen im Rücken meines mutmaßlichen Feuertodes blieben, die mir den Weg in die Freiheit versperren sollten. Doch als ich von dem brennenden Holz herabkletterte, befand sich kein bewaffneter Mann vor mir. Einzig eine Frau, mit schwarzem Haar, das ihr bis zur Taille reichte, stand dort. Mit vor der Brust verschränkten Armen und einem unangemessen zufriedenem Lächeln beobachtete sie meinen Fluchtversuch. Kurz blieb ich stehen, gab ihr die Zeit, meinen nackten Körper zu begutachten, festzustellen, dass ich nicht eine einzige Brandwunde trug, nur einen tiefen Schnitt am Oberschenkel, ehe sie blitzschnell nach meinem Handgelenk griff und mich fort zerrte. Fort von dem Ort, an dem ich hatte sterben sollen. Der Ort, der mir dennoch das Leben genommen hatte, obwohl ich atmete.  





Völlig unbedarft tänzelte er weiter vor uns herum. Ignorierte die Beschimpfungen, wenn er doch mal jemanden anrempelte. Vermutlich, weil er sie entweder nicht hörte, oder gewohnt war, dermaßen angegangen zu werden. Unser Vorteil, wenn er nicht wahrnahm, was um ihn herum geschah. Für sie war er ein Teenager, für uns ein Verurteilter. Und Verurteilte teilten 'ihr' Schicksal!
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