Ob das ein Fehler war, fragst du?

GeschichteAllgemein / P12
15.03.2019
15.03.2019
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Du siehst deine Schwester nicht an. Du willst nicht ihr Entsetzen sehen, die Angst in ihren Augen, die sie zu unterdrücken versucht. Aber sie schafft es nicht, das weißt du, auch ohne sie anzusehen.

,,Wieso hast du das getan?" Sie sieht dir in die Augen, das weißt du genau, aber du schaust nicht hoch.  Ihre Stimme enthält Anklage und Verwirrung, du hast immerhin etwas getan, wofür du dreißig Jahre Haft bekommen hast.

Du hast jemanden umgebracht.

Sie hat es verdient, davon bist du überzeugt. Sie hat es verdient, keine Strafe der Welt wäre gut genug für sie gewesen. Das grenzenlose Entsetzen, als sie ihren letzten Atemzug tat, die unglaubliche Angst, als sie die Erkenntnis erlangte, dass sie gleich sterben würde, das war die richtige Bestrafung.

,,Sie hat es verdient." Du sprichst zum ersten Mal seit Tagen, deine Stimme ist rau und tief. Du nimmst einen Schluck Wasser aus dem Glas, das vor dir steht und konzentrierst dich auf die  umher schwappende Flüssigkeit darin.

Das maßlose Entsetzen steht deiner Schwester im Gesicht, sie hat die Augen weit aufgerissen und ihr Mund steht offen. Du würdest ihr gern sagen, wie dämlich das aussieht, wie verwundbar sie sich jetzt gerade zeigt.

Aber du lässt es.

,,Wie...wie kannst du so was sagen?", fragt sie flüsternd. Lehnt sich über den Tisch und fixiert deinen Blick so, dass du es nicht wagst, wegzugucken. ,,Sie war deine Mutter!"

Ja, da hat deine Schwester Recht. Du hast deine Mutter umgebracht, aber das ändert nichts an deiner Meinung, dass sie genau das verdient hat. Du hast immer noch die Narben von den Schlägen und den Stichen, von den Schuhen und den Bierflaschen, die sie auf dich geworfen hat.

Deine Schwester wurde verschont, du weißt nicht, wieso. Aber du wirst es auch niemals erfahren, denn die einzige Person, die dir das sagen könnte, ist tot. Du hast sie getötet und du findest immer noch, dass es gut so ist.

,,Sie hat mir Dinge angetan, von denen du nie etwas mitgekriegt hast." Deine Stimme ist unerbittlich, sie richtet deinen grenzenlosen Hass auf die tote Person nach außen, lässt ihn zu deiner Schwester gelangen. ,,Oder hast du jemals gesehen, wie sie mich geschlagen hat?"

Unglauben, das ist das Einzige, was du an deiner Schwester siehst. Sie kann dir nicht glauben, sie will es nicht. Du deutest auf die Narbe in deinem Gesicht, die Narbe, die du hast, seit du vier Jahre alt bist. ,,Hat sie dir jemals erzählt, woher ich das hier habe?"

Deine Schwester schüttelt wortlos den Kopf, während sie auf deine Narbe starrt. Es ist dir unangenehm, diese offenen Blicke zu spüren. Aber du siehst, dass sie nun ein klein wenig deinen Standpunkt versteht.

Sie vertritt ihn nicht, aber sie versteht ihn.

Ein Polizist kommt herein, die Besuchszeit ist zu Ende. Deine Schwester drückt deine Hand, aber sie umarmt dich nicht. Dazu ist ihr Misstrauen und ihre Angst noch zu groß, und du kannst ihr nicht einmal Vorwürfe machen.

/././././.

Deine Zelle ist langweilig. Meistens starrst du die Wand an, denkst nach oder denkst eben nicht nach. Aber egal, was du am Tag auch tust, schlafen kannst du nicht. Immer wieder siehst du das zu Tode verängstigte Gesicht deiner Mutter vor dir, das blitzende Messer und das rote Blut.

Es ist furchtbar.

Du kannst mit niemandem darüber reden, seit dem Mord ist ein Jahr vergangen. Anfangs hat deine Schwester dich noch besucht, aber sie hat jetzt einen Ehemann und ist umgezogen. Sie kommt nicht mehr, und du weißt, dass du sie wahrscheinlich nie wiedersehen wirst.
Du hast dreißig Jahre bekommen. Das ist eine lange Zeit und danach ist zu viel passiert, als dass man die Familienbande noch retten könnte.

Diese Erkenntnis macht dich ein wenig traurig, aber diese Traurigkeit wird von der Genugtuung überschattet, die du verspürst.

Sie hat bekommen, was sie verdient hat, und allein das zählt.
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