Perfect Blue Eyes

von -Anima-
GeschichteAllgemein / P18 Slash
14.03.2019
14.03.2019
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Früher muss die Welt einfach großartig gewesen sein. Früher gab es für die Menschen nur braune, blaue und grüne Augen und niemandem haben diese Details viel bedeutet. Manchmal haben sich die Menschen für ihre schönen Augen gegenseitig Komplimente gemacht, aber niemand wurde damals aufgrund seiner Augenfarbe ausgeschlossen oder misshandelt. Die Menschen von damals hätten unsere jetzige Gesellschaft wahrscheinlich für vollkommen verrückt gehalten. Und ich würde ihnen Recht geben.
Früher stand im Ausweis die Augenfarbe, um Menschen leichter identifizieren zu können. In meinem Ausweis steht jetzt nur noch eine Ziffer. Eine 13 auf der Martin-Schultz-Skala, ein mittlerer Braunton. Eine der häufigsten Augenfarben auf der Welt. Diese Zahl, die die Farbe meiner Iris beschreibt, soll festlegen, auf welche Schule ich gehe, welchen Beruf ich später ergreife. Diese Zahl soll bestimmen, in wen ich mich mal verliebe, wen ich mal heirate. Diese Zahl hat mein ganzes Leben im Griff.
Aber ich lasse mir das nicht gefallen. Genau wie meine Vorfahren nehme ich mein Schicksal selbstbestimmt in die eigene Hand und lasse mir von niemandem vorschreiben, was ich bin und was nicht.
Deshalb bin ich jetzt hier, am St. Rozendal Internat in Central City. Wenn es nach der Regierung ginge, wäre ich jetzt in den Slums im Süden, nachts zum Schlafen in einer Barracke mit dutzenden anderen zusammengepfercht, tagsüber in irgendeiner lauten, überfüllten Schule mit hunderten armen, unkonzentrierten Schülern mit überforderten, genervten Lehrern.
Aber ich lebe nicht in diesem Dreck. Ich bin hier. An der St. Rozendal wird das Essen in der Kantine von Sterneköchen zubereitet, die Klassen sind angenehm klein, die Lehrer haben die beste pädagogische und fachliche Ausbildung genossen, die Flure sind aus Marmor und sie blinken und blitzen wie Sterne, die Klassenräume haben modernste technische Ausstattung. Es ist alles einfach schlichtweg perfekt.
Und diese Welt wäre mir nie eröffnet worden, wenn ich mich an die Spielregeln gehalten hätte. Es brauchte ein paar... Tricks. Die Menschen sehen mich an und sie denken, ich gehöre seit der Geburt hierher. Denn ich trage 1a Light Blue über den Augen. Die seltenste und königlichste Farbe, die einen mit der Geburt in die Oberschicht katapultiert. Es ist nicht leicht, eine so perfekte Linse zu erhalten. Glaubt mir, ich musste ganz schön viel Mist durchmachen um an dieses Ding zu kommen. Ich habe Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin...
Aber das war es alles wert, wenn ich bedenke, wo ich jetzt bin.
Lächelnd esse ich mein Steak, das Fleisch ist perfekt durchgebraten und schmilzt mit einer Geschmacksexplosion auf meiner Zunge. Ich liebe diese Kantine. Meine Mitschüler sind schon dran gewöhnt, wie es scheint. Sie unterhalten sich und genießen ihr Essen nur beiläufig, ohne es wertzuschätzen. Aber diese verwöhnten Schnösel mussten auch nicht zeitweise auf der Straße leben und sich von Katzenfutter ernähren...
Ich versuche die Gedanken abzuschütteln. Während des Schulalltags bemühe ich mich, keine Sekunde an meine Vergangenheit zu denken. Ich muss mich einfach in jeder Hinsicht konzentrieren und so tun, als würde ich hierher gehören. Ich befürchte, jemand könnte meine niedere Herkunft eines Tages aus meinem Gesicht ablesen und mich verdächtigen, ein Betrüger zu sein... Ich darf diesen Status auf keinen Fall verlieren, ich will nie wieder zurück in die Slums.
Aber es ist auch verdammt schwer, sich anzupassen. Ich bin erst ein paar Tage hier, aber es gab schon einige ärgerliche Zwischenfälle. Ich glaube, die Jungs hier können wittern, dass ich nicht so richtig dazugehöre. Ein paar von denen wollten mich verprügeln, aber zum Glück bin ich für mein Alter ziemlich groß und konnte sie zurückschlagen. Jetzt lassen sie mich zwar in Ruhe, aber ich bin gleich von Anfang an als Freak und Einzelgänger abgestempelt. Beim Mittagessen sitze ich immer ganz alleine.
Prüfend lasse ich meinen Blick durch die noble Kantine schweifen. Meine Augen zieht es besonders zu dem Tisch mit den 1a-Jungs. Sie haben die gleiche Augenfarbe wie ich, ein kristallklares, helles Blau – zumindest wenn es nach meinem gefälschten Ausweis geht.
An dieser Schule werden nur die Elite-Farben aufgenommen, 1 & 2 – unterschiedliche Ausprägungen von Blue, 3 – Blue-Grey und 4 – Grey. Die Colors bleiben meistens unter sich. Aber ich wurde nicht in die Clique aufgenommen, ganz im Gegenteil. Die 1a-Kerle waren es, die mich als erstes herausgefordert haben.
Sie sind hier die Obersnobs, sie halten sich für die Krone der Schöpfung, für die besten Menschen auf der Welt. Und die Farbskala, die nun unser aller Leben bestimmt, gibt ihnen recht und hält alle schönen Dinge des Lebens für sie bereit: Reichtum, Macht, Anerkennung.
Ich beobachte die 1a-Gang. Auf mich losgegangen sind Jake und Aron, die trotz ihrer hübschen, klaren Äuglein keinen sonderlich intelligenten Eindruck machen. Aber der Anführer scheint dieser Milan zu sein. Er ist ein wenig kleiner als seine Kameraden, aber er hat es faustdick hinter den Ohren. Seine Augen sind absolut makellos, nicht mal auf Reklametafeln oder bearbeiteten Fotos habe ich jemals solche Augen gesehen... Das ideale Aushängeschild der 1a-Farbgruppe. Aber in Milans Augen liegt eine ziemlich offene Grausamkeit... Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll... Aber als seine groben Handlanger auf mich losgingen, hat er so ein schmieriges, selbstgefälliges Lächeln auf den Lippen gehabt... Es hat mir eine Gänsehaut verpasst, ich war so von den Socken, dass mich der erste Schlag von Jake direkt am Kinn getroffen hat, ohne dass ich mich wehren konnte. Mir tut immer noch der Kiefer weh...
Milan nimmt meinen Blick wahr. Verdammt, ich hab wohl ein bisschen zu offensichtlich rübergestarrt.
Genervt schaue ich weg, aber aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Milan mich grinsend annickt. Obwohl ich Jake und Aron in ihre Schranken verwiesen hab, scheint er immer noch auf Konfrontation aus zu sein.
Ungerührt hebe ich die Hand und zeige ihm meinen Mittelfinger. Milan fängt an zu lachen, ich kann ihn durch den ganzen Speisesaal hören. Fuck... Ich krieg schon wieder eine Gänsehaut... Irgendwas am Klang seiner Stimme macht mich ganz irre... Mit roten Wangen mampfe ich mein Essen weiter verstohlen und einsam in mich rein.




Leider kann ich Milan nicht entkommen, dieses Arschloch ist mit mir in einer Klasse. Nach der Mittagspause haben wir zusammen Geschichte. Unser Lehrer Mr. Bonham, ein 4er mit grauen Augen, erzählt uns zurzeit von der Phase der großen Überbevölkerung im 22. Jahrhundert und vom glorreichen System, das uns schließlich aus der Katastrophe herausgeführt hat: Das Kastensystem nach der Martin-Schultz-Farbskala.
"Gut, fassen wir nochmal die Ergebnisse der letzten Doppelstunde zusammen...", murmelte Mr. Bonham. "Die Menschen vermehrten sich Ende des 22. Jahrhunderts zu stark und drohten die Ressourcen der Erde vollständig aufzubrauchen. Es gab Versorgungsengpässe, Energiekrisen und schreckliche Hungersnöte. Kann mir jemand sagen, welche Länder damals besonders betroffen waren?"
Ich räuspere mich und hebe den Arm. "Die Länder, die man damals als Entwicklungsländer bezeichnete. Insbesondere in afrikanischen Staaten waren die Geburtenraten sehr hoch. Aufgrund von zahlreichen Flüchtlingswellen waren aber auch bald Eurasien und Amerika von den Menschenmassen überfordert und es konnten nicht mehr alle Personen ausreichend mit Nahrung, sauberem Wasser und Medizin versorgt werden."
"Korrekt, Jaden. Welches Ereignis verschlimmerte die Zustände?"
"Internationale Streitigkeiten über die Flüchtlingskrisen führten zu einem Krieg zwischen Eurasien und Amerika!", sagt ein 2er Mädchen in der ersten Reihe. "Der Krieg kostete Amerika sehr viel Geld und nun gab es noch weniger Ressourcen, um die vielen Menschen zu versorgen."
"Das stimmt. Könntest du mir aber bitte noch sagen, wie man Amerika damals korrekt nannte?"
"Äh..."
"USA. Die United States of America", erklärt Bonham. Früher haben die Menschen sich noch über ihre Herkunft definiert, über ihren "State", über ihr Land. Jetzt definieren wir uns nur noch über Farben. Deswegen ist unser Land jetzt natürlich UC – wir sind die United Colors.
"Heute werde ich euch erzählen, wie die damalige Regierung zusammengesetzt war und wie Präsident Davenport die Martin-Schultz-Skala zur Regulierung der Bevölkerung einführte."
"Nehmen wir auch die Frühlings- und Herbst-Proteste durch?", fragt jemand am äußersten Rand meiner Reihe. Natürlich kenne ich diese widerliche Stimme, aber ich gucke trotzdem rüber und sehe Milan, der die Beine auf sein Pult hochgelegt hat und auf seinem Kugelschreiber rumkaut.
"Äh... Ja, sicherlich, die stehen ebenfalls auf dem Lehrplan."
"Mein Vater hat gesagt, es wäre sehr wichtig für mich, zu lernen, dass es damals der dunkeläugige Abschaum war, der Terror und Chaos im Land verbreitet hat."
"In der Tat, die Anhänger der damaligen Protestbewegungen waren natürlich hauptsächlich die unteren Zahlen der Martin-Schultz-Skala... Menschen mit braunen Augen", erklärt Bonham. "Sie mussten im Zuge der strikten Farbpolitik vieles aufgeben."
"Diese Menschen waren egoistisch und geizig...", seufzt Milan. "Sie wollten ihr Eigentum nicht teilen, obwohl es dem Allgemeinwohl der ganzen Bevölkerung diente. Es ist wirklich gut, dass sie nun in den Slums schmoren..."
Ich nage wie blöd auf meiner Unterlippe rum. Dieser eingebildete Dreckskerl...! Er findet, dass das gerecht ist? Er findet es angemessen, dass in den Armutsvierteln Kinder in den Armen ihrer weinenden Mütter verhungern und sterben, während er sich den Bauch mit bestem Essen vollschlägt und jeden Tag sorglos durch die schönste Schule der Welt stolzieren darf?
"Nun, gewissermaßen hast du Recht, aber wir werden dieses Thema noch ein wenig differenzierter beleuchten. Und deine Wortwahl gefällt mir nicht, Milan. Könntest du übrigens auch bitte mal deine Füße vom Tisch nehmen?"
"Das Thema differenzierter beleuchten?", säuselt Milan bedrohlich. "...Wollen Sie etwa andeuten, das Farbsystem wäre nicht fair, Mr. Bonham?"
"N-nein, das... Das habe ich nicht gesagt!", verteidigt unser Lehrer sich rasch. Diese Mahnung zieht immer, vorallem wenn ein 1a sie ausspricht. Man muss vorsichtig sein, was man über die Farbpolitik der UC sagt...
Mr. Bonham sieht jetzt diskret über Milans unmögliches Verhalten hinweg. Milan grinst, holt eine Nagelfeile aus seiner Tasche und widmet sich seiner Maniküre, während er weiterhin seine blankpolierten, schwarzen Lackschuhe auf dem Tisch hat.
Eines muss man ihm lassen, dieser Milan weiß, wie man Leute einschüchtert. Aber hätte er nicht die 1a-Augenfarbe, würde sich das auch niemand von so einem Giftzwerg gefallen lassen...
Mr. Bonham fährt mit dem Unterricht fort und ich tippe brav meine Notizen auf meinem Laptop mit, ich schreibe die damaligen Regierungsmitglieder auf, die Grundzüge der frühen Farbenpolitik... Aber plötzlich beginnen die Worte vor meinen Augen zu verschwimmen. Fuck...! Meine Linse...! Irgendetwas stimmt da nicht...
Ich darf mir aber auf keinen Fall was anmerken lassen. Sie brennt und fühlt sich gereizt an. Hoffentlich sind meine Augen nicht rot...
Als die Schulklingel schrillt, tränt mein rechtes Auge und eine kleine unerwünschte Träne kullert über meine Wange, keuchend halte ich mir eine Hand vor die Augen.
Und dann spüre ich, wie mich jemand anstarrt. Intensiv und durchdringend. Es kommt von der Seite... Ich weiß schon genau, wer mich da anglotzt. Milan... Er hat auf einen Fehltritt von mir gewartet, er hat mich schon im Blick, seit ich hier an der Schule aufgetaucht bin.
Nervös stehe ich auf und renne so schnell wie möglich zu den Toiletten.
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