Romantik ist für mich ein Weißwein und Cheeseburger -Karate Andi

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18
14.03.2019
22.04.2019
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Auch, wenn die Geburtstagsfeier von Jürgen, den Nadine wohl nie kennenlernen würde, für sie ein großer Flop war, hatte sie etwas aus dem Abend gelernt. Beim nächsten Mal, wenn sie eine Einladung bekam, sollte sie nicht aufgrund der Nettigkeit, dass man sie dabei haben wollte, einfach zusagen. Vom Pepp sollte sie in Zukunft auch erst einmal die Finger lassen, das hatte ihr nämlich in Kombination mit dem Alkohol noch ziemliche Magenschmerzen vorm Einschlafen bereitet. Michelle war im Nachhinein nicht so begeistert von Nadines Abgang, aber wirklich leid tat es Nadine nicht. Die beiden einigten sich einfach darauf, demnächst mal einen entspannteren Abend gemeinsam zu verbringen.

Nadines folgende Woche bestand unter anderem daraus, jeden Tag mit ihren Eltern zu telefonieren und ihnen zu versichern, dass alles in Ordnung war. Auch, wenn sie nicht genau wusste, ob das denn stimmte. In der Arbeit lief es gut und sie unternahm hier am Nachmittag definitiv öfter mal was, als früher. Aber komisch kam ihr das Ganze immer noch vor. Sie vermisste ihre Eltern, sie hatte nie ein wirkliches Problem mit ihnen gehabt. Trotzdem redete sie sich schon seit Ewigkeiten ein, auf eigenen Beinen stehen zu wollen. Nun war es endlich soweit, und sie fühlte sich bereits in der zweiten Woche leicht überfordert. Wie viel Haushalt so eine kleine Wohnung doch mit sich brachte! Im Moment war sie noch total penibel, was Sauberkeit anging. Viel Zeit, um die Wohnung dreckig zu machen, hatte sie aber auch gar nicht. Denn die letzten Nachmittage verbrachte sie eigentlich immer mit Sabrina. Entweder in einem Café oder bei ihr Zuhause. Sabrina hatte eine schöne kleine Einzimmerwohnung. Zwar ein kleines Bisschen nerdig eingerichtet, aber so war sie eben. Auf jeden Fall hatte sie ein riesiges, gemütliches Sofa. Das war Nadines Meinung nach immer das Wichtigste.

Da Nadines Leben in Berlin bisher noch nicht viel mehr hergab, unterhielt sie sich neben Musik sehr viel über die Arbeit mit Sabrina. Auch ihre Freundin erzählte gerne etwas aus ihrem Alltag, die beiden waren nach kürzester Zeit schon ein gut eingespieltes Team. Dabei hatte Sabrina immer definitiv die interessanteren Geschichten, immerhin arbeitete sie neben ihrem Psychologie-Studium in einem Hipster-Cafe. Da konnte Nadine mit ihrem Bürojob nicht mithalten. Im Allgemeinen war Nadines Arbeit nicht gerade facettenreich, sie konnte sich aber trotzdem nicht beschweren. Das wichtigste für sie war es immer schon gewesen, dass es mit den Kollegen klappt. Und das tat es definitiv. Am Anfang hatte sie etwas Angst vor der „Berliner Schnauze“, doch die machte sich hier im Betrieb nicht sonderlich bemerkbar. Es kamen sowieso viele Mitarbeiter ursprünglich aus ganz anderen Gegenden, genau wie sie.

Scheinbar war es in ihrer Abteilung ein Brauch, regelmäßig zusammen in die Kneipe zu gehen. Die Idee fand sie eigentlich nicht schlecht. Sie musste nur aufpassen, dass sie sich nicht zu sehr die Kante gab. Man musste bei so etwas immer ein Mittelmaß finden, nämlich zwischen Spaß und Blamage. Über die Einladung freute sie sich sehr. Ihre Kollegen gaben sich wirklich alle Mühe, Nadine in ihre Gruppe zu integrieren, was bisher auch gut klappte. Selbstverständlich gingen sie an einem Freitagabend etwas trinken. Unter anderem, weil sich immer mindestens ein bis zwei Leute so hoffnungslos volllaufen ließen, dass sie am nächsten Tag zu nichts mehr fähig wären. Gute Voraussetzungen also. Nadine war, wie immer, als eine der ersten beim Treffpunkt. „Klaus-Jürgen Brink“ war der Name der Kneipe, die sich in Neukölln befand. Der Name "Jürgen" würde sie wohl bis ans Ende ihrer Tage verfolgen und ein ewiges Mysterium bleiben. Die Gegend hier kannte sie schon, denn der Laden befand sich unmittelbar vor der U-Bahn-Station Hermannplatz. Da, wo letzte Woche auch der grandiose Geburtstag stattfand.

Es nah ganz nett aus hier drin. Altmodisch und rustikal. Nur das Nötigste befand sich im Raum und groß war es auch nicht. Das war gut, denn wenn zu viele Leute reinpassten konnte es schnell zu laut für Nadine werden. Der Teammanager ihrer Abteilung, Robin, war als einziger mit ihr schon da. Die zwei begaben sich an einen großen Ecktisch auf dem ein „Reserviert“-Schild stand. Sofort stürmte ein Mann, vermutlich Mitte 50, auf ihn zu und begrüßte ihn herzlich. Vielleicht war das der Besitzer. Diese Abteilungsevents fanden hier wohl öfter statt, denn Robin und der Mann mit Halbglatze verstanden sich sehr gut. Damit es für Nadine nicht unangenehm wurde, stellte Robin die beiden vor: „Das ist übrigens unsere neue Kollegin, Nadine! Und Nadine, das ist Kalle!“ Nadine und Kalle gaben sich grinsend die Hand. Sein Händedruck war fast ein bisschen fest für Nadines zarte Hände, dafür war er sehr herzlich. „Freut mich sehr! Dann wird man dich bestimmt jetzt auch öfter hier sehen, oder? Außer natürlich, wir verschrecken dich heute sofort“, lachte Kalle. „Mich verschreckt man nicht so leicht“, entgegnete Nadine grinsend und sah zur Getränkekarte, die vor ihr auf dem Tisch lag. Keines der Biere hatte sie jemals zuvor schon einmal getrunken. Sie kannte ja fast nur bayerische Sorten. „Du bist nicht von hier, stimmt's? Wo kommst du her?“, fragte Kalle interessiert nach. „Nähe München“, grinste sie und wartete direkt auf einen dummen Kommentar bezüglich des Bieres aus ihrer Heimat. „München, ahh. Schön“, meinte Kalle stattdessen, „Aber ihr trinkt doch alle nur Helles, oder?“ Nadine nickte. Am liebsten hätte sie einfach ein Augustiner oder etwas dergleichen getrunken, aber sie musste sich ja anpassen. Es gab schließlich schon genug sture Bayern. „Nein, heute trinkst du Pils, wie jeder andere hier auch!“, lachte er und verschwand hinter dem Tresen, wo er einer der Bardamen die Bestellung mitteilte. „Für dich das Übliche, Robin?“, rief er Nadines Kollegen noch zu, der nur nicken musste, um ebenfalls sein Bier zu bekommen. „Siehst du, alles ganz entspannt hier“, meinte Robin zu Nadine. „Hab ich nicht anders erwartet“, versicherte sie ihm.

Jetzt trudelten nach und nach auch ihre anderen Kollegen ein. Zwischenzeitlich entdeckte Nadine noch ein paar unbekannte Gesichter, die stellten sich allerdings gleich vor und setzten sich dazu. Manche brachten wohl noch ihre Freunde mit. Hätte Nadine das gewusst, hätte sie Sabrina direkt Bescheid gesagt. Nun ja, dann wusste sie das eben für nächstes Mal.

Das Pils schmeckte ihr zwar nicht so sonderlich gut, für ungenießbar hielt sie es aber auch nicht. Alles Gewöhnungssache, redete sie sich ein. So wie diese ganze Stadt eben. Sie war nun einmal ein bisschen verwöhnt und wählerisch in der Hinsicht. Wo sie doch sonst nicht so offen gegenüber ihren Kollegen war, klappte es heute eigentlich ganz gut. Überraschenderweise interessierten sich die Leute am Tisch sehr dafür, wieso sie aus Bayern weggezogen ist und wie es ihr hier gefiel. Die Fragen konnte sie zwar immer noch nicht so sonderlich gut beantworten, aber hier wurde sie irgendwie verstanden. Auch, wenn eigentlich alle älter waren als sie, wusste keiner bisher so recht, was er eigentlich gerade so mit seinem Leben machte und wo die Reise hinging. Mit dieser allgemeinen Verpeiltheit konnte sie sich gut identifizieren. Obwohl es für sie ein bisschen zu bitter schmeckte, trank Nadine nach und nach drei Pils. Dass die Wirkung des Alkohols zunahm, merkte sie hauptsächlich, wenn sie auf die Toilette ging und Geradeaus-Gehen zur Herausforderung wurde. Das hieß für sie noch lange nicht, dass sie betrunken war. Den Gleichgewichtssinn verlor sie immer relativ schnell. Deswegen war sie immer wieder froh, wenn sie danach wieder an ihrem Platz saß. So langsam wurde es immer voller hier in der Kneipe. Zum Glück war Nadine nicht mehr so nüchtern, dass viele Menschen sie verunsicherten und die Lautstärke sie störte.

Da sie von ihrem Platz aus genau in Richtung Eingangstür sehen konnte, hatte sie den genauen Überblick, wer die Kneipe wann verließ oder betrat. Im Moment sah es eher danach aus, als würde sich der Raum kontinuierlich füllen. Gerade kam eine kleine Männergruppe rein, die wie Stammgäste aussahen. Nadine machte es daran fest, dass sie ziemlich viele Leute herzlich begrüßten und gut zu kennen schienen. Beim stillen Beobachten der Leute wurde sie kurz stutzig. Der eine kam ihr doch bekannt vor! Das war doch der Typ von Jürgens Geburtstag, mit dem sie sich am Ende so gut unterhalten hatte! Auch er erkannte sie scheinbar wieder. „Hey, dich sieht man jetzt wohl auch öfter hier, oder wie?“, begrüßte er sie, „Die Welt ist echt klein“ Jetzt wusste Nadine auch, welchen Laden er meinte, als er nach dem Geburtstag noch in eine Kneipe gehen wollte. „Ja, wirklich, was für ein Zufall!“, entgegnete sie und rutschte ein Stück zur Seite mit ihrem Stuhl, weil sich die kleine Männergruppe aufgrund des Platzmangels noch zum Tisch dazu setzte. Jetzt wurde es zwar ein bisschen eng, aber wenigstens hatte sie noch einigermaßen ihren Freiraum und sie kuschelte nicht unfreiwillig mit irgendeinem Fremden. „Wie lang warst du dann noch auf der Feier?“, fragte der Typ, dessen Name Nadine noch nicht einmal kannte. „Nicht mehr lang. Ich hab' mir dann n Taxi nach Hause genommen“, erzählte sie. Auch, wenn sie keine Lust hatte, über diesen Abend zu sprechen. „Wärst du doch noch hier her gekommen!“, lachte er, „Da ging's noch richtig ab, du“ „Nächstes Mal weiß ich Bescheid“, stellte sie grinsend fest und nahm den ersten Schluck ihres mittlerweile vierten Bieres. Danach war bestimmt Schluss für sie, das merkte sie jetzt schon. „Für dich auch ein Pils, Jan?“, fragte einer der für Nadine fremden Männer ihren aktuellen Gesprächspartner. „Klar“, antwortete er nur und widmete sich wieder Nadine. „Jetzt weiß ich auch mal deinen Namen“, stellte sie fest. „Siehst'e mal“, meinte er, „Ich aber deinen noch nicht“ „Nadine“, antwortete sie. „Ein schönes Tattoo hast du da, Nadine“, entgegnete er sofort und sah in die Richtung ihres rechten Arms. Dort befand sich ein Muster, das mit schwarzer Tinte gestochen wurde, mit blumenartigen Verschnörkelungen. „Schön, dass es dir gefällt“, bedankte sie sich, „Aber bevor du fragst, es hat keine besondere Bedeutung. Ich fand es einfach nur schön“ „Es muss ja auch nicht immer alles eine Bedeutung haben“, winkte er ab. Bereits jetzt bekam er sein Pils in die Hand gedrückt, woraufhin er sich zufrieden bedankte. „So, Feierabend. Prost“, meinte er und stieß mit jedem um sich herum an, inklusive Nadine. „Für mich ist auch bald Feierabend. Das ist schon mein viertes“, lachte Nadine und nahm einen Schluck. „Nach vier Bier fängt der Abend doch erst an, dachte ich“, reagierte er auf ihre Aussage. „Nicht für mich“, stellte sie klar.

Jetzt war sie wirklich schon sehr gut angetrunken. Das merkte sie vor allem, wenn sie den Kopf schnell bewegen musste, um kurz jemand anderem zuzuhören. „Hast du auch Tattoos?“, fragte sie Jan, um zum vorherigen Thema zurückzukehren. Sie merkte im selben Moment, was für eine langweilige Smalltalkfrage das war. Aber er reagierte zum Glück lässig. „Schon ja“, entgegnete er, „Die kann ich dir jetzt aber nicht zeigen. Dafür müsste ich mich zu sehr ausziehen“ „Okay, das lassen wir mal lieber“, lachte sie. „Ich hab mehrere kleine, mein Kumpel macht das immer für mich“, fügte er noch hinzu. Jetzt wurde es interessant. Nadine wollte sich nämlich sowieso bald wieder tätowieren lassen. Allerdings gab es in Berlin so viel Auswahl, dass sie sich gar nicht entscheiden konnte, in welches Studio sie gehen sollte. „Das ist cool, wenn man so jemanden kennt. Ich würd' mich ja auch noch mal tätowieren lassen, aber ich kenne halt kein Studio“, gab sie ihm subtile Hinweise. Er verstand zum Glück sofort, worauf sie hinauswollte, und meinte: „Wenn du magst, kann ich ihn ja mal fragen, ob er Zeit für dich hat. Dann kriegst du bestimmt auch 'n Rabatt“ Nadine grinste ihn an: „Das wär super. Findet man dich in Instagram oder so? Dann kann ich dich deswegen ja mal anschreiben“ „Ne, ne. Gib' mir lieber deine Nummer und ich melde mich, wenn er Zeit hat“, antwortete er. Ohne zu zögern speicherte sie ihre Nummer in sein Handy ein, das er ihr dafür gab. Mit den Worten „Normalerweise geb' ich Männern nicht so schnell meine Nummer“, gab sie ihm lächelnd sein Mobiltelefon zurück. Er erwiderte daraufhin nur ein gespielt eingebildetes „Tja“.

„Komm, Jan“, rief ihm einer seiner Kumpels zu, „Unser Stammplatz ist frei!“ „Sorry, da muss ich wohl mit“, meinte Jan zu Nadine, „Ich melde mich!“ „Okay, super“, sagte sie und rutschte wieder näher an den Tisch heran, nachdem jetzt wieder mehr Platz für alle vorhanden war. „Na, schön geflirtet?“, fragte Robin lächelnd nach. Wäre das jetzt von Jenny gekommen, wäre sie vermutlich genervt gewesen. Bei ihm aber wusste sie ja, dass es mehr oder weniger Spaß war. „Es ging um ein Tattoo“, versicherte sie ihm, woraufhin er scherzhaft abwinkte. „Originell“, sagte er dazu nur und widmete sich dann wieder anderen Themen. Je leerer Nadines Bier wurde, desto sicherer wurde sie sich, dass sie nach diesem Getränk heimfahren würde. Ein paar Leute waren bereits vor einer Stunde gegangen, was sie sehr wunderte. Sie war ausnahmsweise mal nicht die Erste, die den Drang hatte, nach Hause zu gehen. Den letzten Schluck im Glas ließ sie übrig, das schaffte sie nicht mehr. „Bei wem soll ich zahlen?“, fragte Nadine bei Robin nach, weil sie von mehreren Kellnerinnen gleichzeitig bedient wurden. Ihr Kollege winkte nur ab: „Der erste Besuch ist kostenlos. Der geht auf mich“ Das wollte sie zwar eigentlich nicht, aber er ließ es sich nicht ausreden. Im Hinterkopf hatte sie den Gedanken, dass er als Teammanager sowieso viel mehr verdiente, als sie. Zumal er schon ungefähr zehn Jahre länger im Unternehmen war. Das linderte ihr schlechtes Gewissen. „War echt schön, dass du da warst. Nächstes Mal wieder, oder?“, wollte Robin zur Verabschiedung von ihr wissen. „Klar, immer wieder gern“, versicherte sie ihm und verabschiedete sich noch von den anderen. Auch von Jan, allerdings nur mit einem kurzen Winken über drei Tische entfernt. Sie hoffte, er würde sich wirklich melden wegen dem Tattoo. Schon vor Ewigkeiten hatte sie ein Motiv gesehen, dass ihr total gefiel. Wieder eine Art Musterung, wie an ihrem Arm. Die wollte sie allerdings um ihr Fußgelenk haben. Mit Blättern und Blüten. Irgendwie sagten ihr diese floralen Tattoos sehr zu. Mit einem guten Gefühl fuhr sie nach Hause.

„Alter, ich hab nicht geflirtet“, musste Jan seinen Kumpels versichern, „Ihr wisst doch, dass ich nicht auf der Suche bin“ So wirklich überzeugen konnte er mit seinen Aussagen scheinbar nicht. Er steckte sich eine Zigarette an und lehnte sich zurück. Zum Glück hatte sich in dieser Raucherkneipe nie etwas verändert. Weder das Ambiente, noch die Tatsache, dass man drinnen qualmen konnte, wie man wollte. Dementsprechend hatten die meisten hier auch einen ordentlichen Raucherhusten. Das gehörte eben dazu. Tatsächlich war er einer der jüngsten im Publikum hier mit seinen knapp 30 Jahren. Die meisten erklärten diesen Laden schon zu ihrer Stammkneipe, da war er noch nicht einmal geboren gewesen. So langsam gingen die meisten normalen Menschen heim und übrig blieben die alt eingesessenen Alkoholiker. Ob er da jetzt dazu gehörte, oder nicht, konnte er nicht wirklich auseinanderhalten. Aber es gab einige Leute, die viel öfter hier waren, als er. Die meisten davon hatten vermutlich keinen Job. Aber das wusste er nicht so genau, denn hier sprach man nicht über so etwas. Man sprach eigentlich über gar nichts so wirklich. Außer, jemand hatte eine wirklich schlimme Krise. Die meiste Zeit wurde nur Quatsch geredet, deshalb gefiel es Jan auch so gut. Außerdem war es eine nette Abwechslung zum Zu-Hause-Rumsitzen und vor dem Fernseher auf der Couch Bier zu trinken und zu kiffen. Nach Hause wollte er sowieso nicht gern. Da war er entweder alleine oder er wurde von seinem Mitbewohner genervt. Der verlor nämlich scheinbar so langsam die Kontrolle über sein Leben. Sein Leben als Drogendealer, wohl gemerkt. Jan wollte nicht ausziehen, weil er gut mit ihm befreundet war und über ihn sehr günstig Stoff beziehen konnte. Das waren beides Dinge, die er eigentlich nicht aufgeben wollte. Auch, wenn es in der Wohnung nur tragbares Licht und keine Gardinenstangen gab. Zugegeben, es war schon eine ziemliche Drogenhöhle. Überall standen Bierflaschen und sogar der Grill wurde als Aschenbecher benutzt. Frauenbesuch konnte man so sicherlich nicht beeindrucken. Das wollte Jan aber auch nicht. Er hatte genug von Beziehungen und dem ganzen Kram. Dass seine letzte in die Brüche gegangen war, weil seine Freundin ihn betrogen hatte, war für ihn Grund genug, die Suche nach der Richtigen auf Eis zu legen. Und das für unbestimmte Zeit. Immerhin war er für sie von Leipzig nach Berlin umgezogen. Die Trennung war jetzt zwei Jahre her, und es hatte auch fast so lange gedauert, bis er endlich damit klar kam. So schnell würde er niemanden mehr an sich ran lassen. Jetzt konnte er sich seit einiger Zeit zu hundert Prozent auf seine Musik konzentrieren und das zahlte sich auch aus. „Auf dein neues Album!“, stieß er mit seinen vier Säuferkollegen am Tisch mit einem Schnaps an, obwohl er sich geschworen hatte, nie wieder welchen zu trinken. Vermutlich würde sich keiner von denen sein Album mehr als einmal anhören, weil sie keine Hip Hop-Fans waren. Aber Hauptsache, es gab wieder einen Grund zum Saufen.
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