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Resilienz

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Het
Carly Crow Hogan Saiga
14.03.2019
14.03.2019
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1.922
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Das Wasser wich in alle Richtungen, zog meine Schuhe schonungslos in Mitleidenschaft.
Ächzend lief ich durch den Regen, hielt irgendwie meine Tasche fest über dem Kopf. Hinter den Tropfen auf meiner Brille erkannte ich meine Zuflucht, das Café war die Rettung, die ich gesucht hatte.
„Igitt!“, entfuhr es mir, als ich endlich angekommen war und mich unter dem Vordach des Gebäudes unterstellen konnte. Ich nahm ich die Tasche von meinem Kopf runter und hing sie mir wieder um.
Um mich herum standen noch andere Menschen, die dasselbe Leid mit mir teilten. Durch dieses Sauwetter liefen nur noch die, denen es nichts ausmachte. Die den Regen vielleicht sogar liebten.
Ich nahm meine Brille ab und wischte sie notdürftig an meinem Pullover ab. Doch es brachte nicht allzu viel, wie ich feststellen musste. Meine Klamotten waren komplett durchnässt. Flüchtig sah ich durch die Straßen, wie viele Menschen ein Dach über dem Kopf gesucht hatten. Der Wolkenbruch hatte uns alle überrascht. Einige standen alleine da, andere mit ihren Kindern. Und Paare. Unendlich viele Paare lagen sich in den Armen, hatte ich das Gefühl.
Sie waren überall, egal wo ich hinging, egal was ich tat. Sie waren irgendwie immer da, als verfolgten sie mich. Sie nervten mich nicht bloß, sie waren lästig. Wie kleine Mücken, die mich immer wieder stachen, sich in meine Haut bissen, mir mein Blut aussaugten und schlussendlich eine lästige Wunde zurückließen.

Welches Café war das hier überhaupt? Ich rümpfte meine Nase und betrat das Gebäude. Es sah nobel aus, der Innenarchitekt hatte wohl viel Wert auf Glas gesetzt. Doch als ich mich umsah, erblickte ich an einem der vielen besetzten Tische ein Gesicht, das ich kannte. Auch er hatte mich gesehen und winkte mir zu. „Hey, Carly! Lange nicht gesehen!“
Ich ging zu ihm hin. „Crow, was machst du denn hier?“, fragte ich dabei. Er lehnte sich zurück und seufzte. „Eigentlich wollte ich mich hier mit Ushio treffen, aber er hat mir gerade gesagt, dass er sich verspätet. Das Wetter eben.“
„Aha“, murmelte ich. „Du kannst dich ruhig setzen, wenn du willst!“, fügte er dann hastig hinzu. „O-okay“, lächelte ich, nahm meine Tasche von den Schultern und nahm auf dem Stuhl ihm gegenüber Platz. „Danke. … I-Ich finde es übrigens schön, dass du die Menschen hier als Polizist beschützt. Das habe ich dir noch gar nicht gesagt.“
Da lehnte Crow sich wieder zurück und schob die Tasse Tee auf dem Tisch vor sich hin. „Na ja, es war schon eine gute Entscheidung. Aber ich habe vor, andere Wege zu gehen.“
Perplex sah ich ihn an. „Wieso denn? Was hast du vor?“
Hinter Crow machte mich plötzlich eine Kellnerin auf sich aufmerksam und zeigte auf die Speisekarte. Genauer gesagt auf den Tee. Ich nickte und sie verschwand lächelnd hinter dem Tresen. Kurz drehte Crow sich um, wandte sich dann aber wieder mir zu. „Ja, ich … Ich wollte mit Ushio über meine Kündigung sprechen. Ich habe vor in die amerikanische Profiliga einzusteigen.“
Diese Worte. Entsetzt sah ich ihn an. Das war keine bloße Überraschung, es war ein Déjà-vu. Das hatte ich schon mal gehört.

Ich fliege nach Amerika, um wieder der König der Duelle zu werden. Der Beste der Besten.
Ich brauche keine Frauen, die sind unwichtig. Einzig die Duelle zählen.
Ich liebe das Duellieren. Mehr will ich nicht.


„Carly? Alles gut?“
Crows Stimme holte mich aus meinen Gedanken zurück. Erschrocken blinzelte ich. „Was? Ja, alles gut.“
Doch Crow sah mich mit diesem Blick an, der mich beinahe durchdrang. „‘Tschuldigung“, sagte er dann. Aber ich schüttelte meinen Kopf. „Schon gut, das ist doch nichts Schlimmes. Im Gegenteil, ich freue mich für dich.“
„Bist du dir sicher?“
Ich nickte. „Natürlich. Was denn sonst?“
Wieso war ich überhaupt so dumm, diese Frage anzuhängen? Crow sah es als Einladung, so wie er schmunzelte. „Es ist wirklich schwer zu verkennen, wie sehr du in ihn verliebt bist.“
In diesem Moment kam die Kellnerin zurück, dieses Mal mit einer Tasse Tee, die sie mir vorsetzte. Ich lächelte ihr zu. „Danke.“
„Gerne doch“, antwortete sie. Sie ging wieder und ich konnte endlich ziellos mit dem Löffel im Tee rumrühren. Es war wie eine Art Zwang. Vielleicht konnte ich so den Tatsachen entfliehen. Ruhe finden und einen kühlen Kopf bewahren. „Schön, dass es wenigstens alle wissen.“
Crow trank etwas von seinem Tee, dabei beobachtete er meine Handbewegungen. „Jack weiß es auch, ganz sicher. Er ist nicht so dumm, wie er sich manchmal stellen kann.“
Jack. Da war er schon wieder. Ausgesprochen verursachte sein Name schlimmere Stiche als gedacht. Als würde er mir das Messer hinterrücks in mein Herz rammen. Mit all seiner Gewalt und Brutalität.
„Jack …“, murmelte ich. „Hoffentlich besiegst du ihn, vielleicht kommt er vor Scham ja wieder nach Neo Domino zurückgekrochen.“
Nun musste Crow lachen. Und auch mir entlockte es ein kleines Grinsen. „Mach dir keinen Kopf, er wird so oder so zurückkommen, alleine weil er noch ein Duell gegen Yusei zu bestreiten hat.“
Mein Lachen erstarb. Da war es schon wieder. Duell. Das Duellieren. Es ging nur um das Duellieren, alles drehte sich darum, Monster zu beschwören, Karten zu legen, sich zu bekämpfen. Sie hatten alle nichts anderes mehr im Kopf. Seltsam, wie lästig es mir plötzlich war. Genau genommen hatte mir das Duellieren Jack weggenommen.
„Klar, wegen des Duells“, zischte ich, rührte weiter mit dem Löffel. „Sicher auch deinetwegen“, führte Crow hinzu. Jetzt wollte er mich wohl aufmuntern. „Jack ist nicht der Typ, der sich mit Frauen anfreundet. Und dir vertraut er, vielleicht sogar mehr als Yusei und mir.“
„Und dennoch ist ihm das Duellieren wichtiger als seine Freunde“, entgegnete ich ihm. „Nein“, drang es an meine Ohren. Seine Stimme war mitfühlend. „Das Duellieren ist seine große Leidenschaft, für die er lebt. Aber seine Freunde sind ihm wichtiger und da gehörst du auch zu.“
Auch wenn es ehrlich klang, es kam nicht von Jack selbst. Ich konnte es bloß belächeln. „Ich bezweifle es langsam immer mehr. Er kann mir ja nicht mal sagen, was ich für ihn bin. Er kann bei seinen Duellen bleiben und ich kann weiter in Ruhe meinem Beruf nachgehen.“
„Das klingt aber ganz schön verbittert.“
Ich sah von meinem Tee auf zu Crow. Wieso hatte er so einen besorgten Blick aufgesetzt? Hastig starrte ich wieder in meinen Tee hinein. „Vi-vielleicht habe ich einfach gelernt.“
Doch Crow widersprach prompt. „Es klingt eher wie der missglückte Versuch, Jack zu hassen.“ Dann hörte ich, wie er an seiner Tasse nippte. Vielleicht war der Tee noch so heiß, dass ich mir die Zunge daran verbrannte und mir die Wörter endlich verkneifen konnte. Wann hatte das Gespräch diese Form angenommen? Wie? Ich schluckte, trank nicht. Ich kaute auf meiner Unterlippe rum, Crow mussten einige Gedanken in den Kopf geschossen sein, als er mich dabei anstarrte. Ich spürte, dass er es tat. Schließlich rang ich mich dazu durch, etwas zu sagen. „Ich habe keine Ahnung. Ich sollte wohl eher einsehen, dass seine Leidenschaft gewonnen hat. Ich habe in seinem Leben einfach keinen Platz. Zumindest nicht den, den ich gerne hätte.“
Jetzt wusste er mit einem Mal nicht mehr, was er dazu sagen sollte. Wie er mir widersprechen und alles schönreden konnte. Die Wahrheit war eben härter. Und sie tat weh.
„Ist auch egal. Soll Jack doch machen, was er will, ich habe mein eigenes Leben“, sagte ich. „Klar“, ertönte es wieder von Crow. „Ihr solltet mal miteinander reden, und zwar ernsthaft. Könnte doch sein, dass es die ganze Sache in ein anderes Licht rückt.“
„Reden? Mit Jack? Was soll das denn bitte bringen? Der lässt doch höchstens im Duell mit sich reden und ich bin keine wirklich gute Duellantin.“
Er seufzte. „Ein Versuch wäre es immerhin wert.“
Dann schaute er auf, doch nicht zu mir. „Hi, Ushio!“
Sein eigentlicher Gesprächspartner war da. Ich schluckte und nahm einen großen Schluck meines Tees.
„Ganz schön schlimmes Wetter draußen, was? Hallo!“, sagte er, noch klang seine Stimme ganz froh. „Carly, was machst du denn hier?“
Ich trank meinen Tee aus und erhob mich, damit Ushio seinen Platz bekam. „Altlasten loswerden anscheinend. Ich will euch nicht weiter stören, danke für das Gespräch, Crow.“
Sie beide sahen mich verwundert an. „Kein Problem“, murmelte Crow. „Wir sehen uns.“
„Ja“, erwiderte ich und nahm Tasche und Tasse. „Bis dann.“

So ließ ich sie zurück, es war auch besser so. Crow hatte etwas wirklich Ernstes zu besprechen. Ich stellte die Tasse auf dem Tresen ab und legte ein paar Yen dazu. Flüchtig warf ich den beiden noch einen Blick zu, bevor ich das Café verließ, doch sie waren schon längst mit anderen Dingen beschäftigt.
Draußen war es wieder hell. Die Sonne schien durch die Wolken und der Regen ließ langsam nach. Nur die Straßen boten eine letzte Spur auf das Unwetter. Und überall waren diese nervigen Mücken. Es schmerzte. Ich hätte eine von ihnen sein können. Dann hätte ich den ganzen Schwarm womöglich gar nicht mehr wahrgenommen. Aber stattdessen gehörte ich zu den Menschen, die sich von ihnen stechen ließen. Wann waren die ganzen Wunden überhaupt entstanden? Wenn ich genau darüber nachdachte, konnte ich es mir selbst nicht beantworten. Ich wusste es nicht, ich hatte es erst gesehen, als sie plötzlich da waren.
Ich seufzte, wann war ich bitte losgegangen? Ich war auf dem Weg nach Hause, keine Frage. Langsam trabte ich vor mich hin, als wollten meine Füße mir sagen, dass ich nach Hause sollte. Das war immerhin eine richtige Zuflucht. Nur meine.
Hätte ich Crow sagen sollen, dass Jack mein Herz zu Boden geworfen und es als Fußabtreter benutzt hatte? Oder … wusste er das bereits? Er wusste so einiges, von dem ich nicht erzählt hatte. War ich denn so einfach zu durchschauen?

„Aua!“
Erschrocken wich ich zurück, irgendwo war ich gegen gelaufen. Ich rieb mir über die Nase und guckte hoch. Das war kein Etwas, das war ein Jemand. Schmunzelnd sah er zu mir herab, nahm seinen Helm vom Kopf. „Immer schön aufpassen, junge Dame!“, lächelte er. „V-verzeihung, da-das, das tut mir leid!“, stotterte ich hervor. Schnell wollte ich weitergehen, doch ich wurde zurückgezogen. „Halt, stopp!“, rief der Kerl. „Deine Tasche hängt in meiner Jacke!“
Wieder drehte ich mich um, geriet bloß weiter ins Stottern. „O-oh Mann, das … e-es tut mir wirklich leid, i-ich hoffe, es ist a-alles heile geblieben!“
Als ich einen Schritt näher kam, konnte er die Haken meiner Tasche aus seiner Jacke holen. „Ach, alles in Ordnung.“
„A-aber ich habe Ihre Jacke kaputt gemacht!“, entfuhr es mir, als ich die Löcher betrachtete. Aber der Mann konnte darüber lachen. „Hey, ich flicke meine Sachen nicht zum ersten Mal. Die hat schon viel abbekommen, keine Sorge.“
Ich wusste nicht so recht, was ich antworten sollte. Erst jetzt fiel mir auf, dass sein ganzes Aussehen von zerfetzten Sachen bestimmt war. Aber … er kam mir bekannt vor, irgendwo hatte ich ihn schon mal gesehen.
„So, ich muss weiter“, sagte er schließlich und lief geradewegs auf einen Laden zu. „Man sieht sich bestimmt nochmal, die Stadt ist kleiner, als man annimmt!“
„Ja! Klar“, murmelte ich zuletzt und ging einen Schritt weiter nach Hause. Doch da drehte er sich im Gehen noch einmal um. „Bevor ich es vergesse, ich bin Saiga!“
„Äh … C-carly“, antwortete ich ihm und sah dann zu dem Ladenschild. Kinderbekleidung.
Mit einem Lächeln ging ich weiter durch die letzten Pfützen, die nur noch meine Schuhsohlen darin versinken ließen. Crows Idee war es, den Knoten der Vergangenheit zu lösen. An sich klang es nach einer guten Idee.
Vielleicht war es eine bessere Wahl, den Knoten in den Müll zu schmeißen und Antihistaminika zu kaufen.
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