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H.O.T.D - All Dead's World

Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Horror / P18 / Gen
Saeko Busujima Takashi Komuro
13.03.2019
13.03.2019
12
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Spring of the Dead

In der Nacht vor dem Tag, an dem das Ende seinen Anfang nahm, konnte ich keinen Schlaf finden.
~ Takashi Komuro ~

Es war warm, die Sonne schien und eine leichte Brise wehte die unzähligen Blüten der Kirschbäume durch die große dynamische Stadt, die, ebenso wie die weiße Blütenpracht, im Frühling erwachte. Das Blau des Ozeans, der sich um die lebhafte Metropole schmiegte, funkelte mit der Sonne um die Wette.
Es war ein perfekter Frühlingsbeginn und läutete nicht nur das Aufleben aus dem Winterschlaf ein sondern auch den Anfang des neuen Schuljahres.
Der Sportlehrer der High School nutzte den schönen Tag um den Unterricht Draußen stattfinden zu lassen. »Gut!«, rief er seinen Schülern zufrieden zu. »Und jetzt laufen wir alle noch eine Runde. Los, strengt euch an.«
Der Rest der Schülerschaft befand sich in den verschiedenen Gebäudekomplexen, welche durch schmale, überdachte Brücken miteinander verbunden waren. Diese Schule gehörte zu den besten dieses Inselstaates und befand sich auf einem riesigen, gepflegten Areal, welches, in einem der Außenbezirke, am Rande der weitläufigen Großstadt lag.
Alle hockten fleißig in den verschieden Klassenzimmern und folgten den Ausführungen ihrer Lehrer. Alle, bis auf einer.
Takashi kümmerte der Unterricht wenig. Die Lehrer waren es auch schon gewohnt, dass er immer wieder schwänzte. Daher stand er, statt in seinem Raum zu sitzen, im zweiten Stock auf einer der Außentreppen, eines der Schulgebäude, zum Lehrerparkplatz hin, und blickte ins Leere.
Seine dunkelbraunen, wilden Haare wehten leicht in der frischen Brise. Doch er bekam es nicht mit, sah nicht einmal die Schönheit dieses Tages. Er schwelgte in der Vergangenheit …
»Wenn wir beide groß sind, heirate ich dich, Takashi«, hörte er im Kopf die zarte Stimme von der damals siebenjährigen Rei.
Er sah sie beinah vor sich, wie sie damals nach der Schule auf dem Spielplatz gestanden hatten, während die Sonne unterging. Reis nussbraunen Haare hatten ihr liebreizendes Gesicht mit den kupferbraunen, hellen Augen umrahmt und sie hatte ihn angelächelt.
»W-Wirklich?«, hatte Takashi, unerfahren und naiv wie er damals gewesen war, stotternd gefragt. »Versprichst du mir das?«
Auch wenn er zu dem Zeitpunkt so jung gewesen war, hatte er dennoch schon gewusst, dass er dieses hübsche, liebevolle Mädchen liebte.
Lachend hatte Rei ihm ihren kleinen Finger entgegengestreckt. »Großes Ehrenwort«, schwor sie und besiegelte diesen wichtigen Eid mit dem ineinander verhaken ihrer kleinen Finger.
Takashi war an diesem Tag auf Wolke Sieben geschwebt. Er würde seine Rei heiraten. Sie würden für immer zusammen sein und auf Ewig glücklich.
Doch es kam alles anders. Knapp zehn Jahre später war der Traum von der ewigen Zweisamkeit vorbei. Aus. Der Vorhang war gefallen. Die Seifenblase geplatzt. Und Takashi wusste nicht einmal warum. Nur wann es dazu gekommen war.
Sie hatten vor über einem Jahr am Aushang, an dem die Jahresprüfungsergebnisse der Schüler hingen, gestanden.
»Warum verflucht noch mal hast du diese schlechten Noten?«, hatte Takashi Rei verblüfft gefragt. Er konnte es nicht glauben, dass sie so miserable sein sollte. Nicht Rei. Sie war nicht nur bildhübsch sondern auch verdammt klug. »Gerade du, die Musterschülerin?«, fügte er scherzhaft an, um seinen Worten die Schärfe zu nehmen.
Aber Rei, die schon seit Monaten so komisch gewesen war, stand mit gesenktem Kopf vor ihm, sah ihm nicht in die Augen, und dann stieß sie ihm das Messer in die Brust. »Das würdest du nicht verstehen«, meinte sie nur und ging einfach weg.
Von da an war alles vorbei. Er hatte versucht mit ihr zu reden, immer und immer wieder, doch sie wich ihm aus, hielt sich regelrecht von ihm fern. Und dann war sie auch noch ein Semester auf einer anderen Schule gewesen.
Takashi verbrachte seine Zeit darum mit seinem besten Freund Hisashi. Was einfach war, schließlich waren sie im gleichen Jahrgang und gingen in die gleiche Klasse. Sogar zusammen mit Rei, als diese, nach einem halben Jahr, wieder hier auftauchte.
Aber Takashi merkte schnell, dass sein bester Freund nicht der nette Typ war, für den er ihn gehalten hatte. Er hatte ihn erwischt. Zusammen mit Rei. Einmal auf der Straße, als sie lachend bei einem Bahnübergang standen. Es war eindeutig gewesen. Die beiden waren ein Paar. Sein bester Freund und die Liebe seines Lebens hatten ihn hintergangen.
Wir haben uns ein Versprechen gegeben, dachte Takashi. Und derjenige der es bricht, muss eintausend Nadeln schlucken. So war die Abmachung der beiden gewesen, wenn sie einen Schwur geleistet hatten. Ein uraltes Versprechen, dessen Bruch ein schweres Vergehen war.
»Bläst du schon wieder Trübsal?«, erklang eine hohe Stimme.
Takashi blickte seufzend nach links, wo die so vertrauten Laute hergekommen waren. Ein schlankes, hübsches Mädchen, deren langen, hellen, rosafarbenen Haare zu den Seiten gebunden war, stand neben ihm.
Sie trug natürlich ihre Schuluniform. Die weiße, langärmlige Bluse, mit den schwarzen Applikationen am Kragen, der Krawatte und dem dazu passenden schwarzen Faltenrock.
»Saya«, grüßte er mehr gelangweilt als erfreut.
Jede Schule hatte ihre eigenen Farben für die Uniformen, auch wenn sie sich vom Design meistens glichen. An dieser High School bestand das Farbspektrum jedoch nur aus schwarz und weiß. Allerdings nur bei den Mädchen. Die Jungs dagegen trugen ausschließlich schwarze Hosen mit dazu passender Jacke. Das T-Shirt konnte man frei wählen – solange es niemand sah.
Bei so einem warmen Wetter hatten es die Mädchen daher eindeutig besser.
»Immer wenn dir eine Laus über die Leber gelaufen ist, kommst du hier her«, meinte Saya. »Ich finde das ziemlich kindisch.« Ihre hellbraunen Augen wurden schmal und sie trat näher an ihn heran. »Deine schulischen Leistungen sind alles andere als toll. Du solltest nicht ständig den Unterricht schwänzen und lieber Nachhilfe nehmen.« Sie beugte sich mehr zu ihm. »Oder willst du in die Geschichte eingehen als der mieseste Schüler dieser Schule?«
Takashi sah sie noch kurz an, bevor er seinen Blick wieder abwandte. »Das Schuljahr hat doch erst angefangen«, maulte er. »Was soll der Stress?«
»Ich bin auf dieser Schule, weil ich so clever bin, nicht weil ich Glück hatte«, teilte sie ihm mit.
»Warum reibst du mir das immer wieder unter die Nase?«, wollte Takashi wissen. Seit dem Kindergarten waren Saya und er Freunde, doch sie konnte es nie lassen mit ihrem ach so hohen IQ anzugeben.
Wenn die wüsste, würde sie ihn nicht so nerven.
Saya verschränkte ihre Arme vor der Brust. »Ich mag keine Dummköpfe.«
Takashi zog eine Augenbraue hoch. Diese Aussage warf noch mehr Fragen auf, als das sie beantwortet wurden. Wenn die gute Saya keine Dummköpfe mochte, warum verflucht noch mal kam sie dann ständig zu ihm?
»Vor allem solche nicht, die nicht schnallen, dass sie nur Stroh im Hirn haben«, fuhr Saya fort. »Aber, da du ein Dummkopf bist, der ganz genau weiß, dass er dumm ist, reduziert es deine Dummheit auf ein für mich erträgliches Maß, du Dummkopf.«
Aha, das war ja mal eine logische Erklärung.
Takashi wandte sich ab, stützte seinen Ellbogen auf das Geländer und lehnte sein Kinn dagegen. Er war diese Ansprachen von Saya schon gewöhnt und wusste, dass bei ihr am besten Ignorieren half. Dann verlor sie in der Regel recht schnell ihr Interesse.
Und siehe da, es funktionierte wieder einmal.
Saya verzog ihr Gesicht. »Voll daneben«, maulte sie. Nur weil er mal enttäuscht worden ist. Sie wandte sich ab, warf ihm noch ein »Dummkopf« zu und ging dann schnellen Schrittes weg.
Saya würde es niemals zugeben, aber sie mochte Takashi; sehr sogar. Darum ging sie auch in dieser ruppigen Form mit ihm um. Saya war bewusst, dass er nicht dumm war, im Gegenteil. Sie wusste sogar, dass Takashi ziemlich klug war. Aber bedauerlicherweise zeigte er dies nie, vor allem nicht wenn es um schulische Dinge ging. Er gehörte zu denen mit den schlechtesten Noten. Und das schlimmste war, dass er dies nicht nur wusste, sondern ihm auch völlig gleich zu sein schien.
Auf der anderen Seite jedoch, zählte er auch zu den am bestaussehendsten Jungs der Schule. Takashis Eltern hatten eine Weile in Amerika gelebt und waren erst kurz nach seiner Geburt hier hergezogen, daher hatten sie auch ein andere Mentalität in verschiedenen Bereichen. Dies hatten sie auch ihrem Sohn beigebracht, welcher der strengen, gehorsamen Disziplin dieses Landes daher trotzte. Oder anders ausgedrückt: Er war ein Rebell. Dazu war er hochgewachsen, sportlich muskulös, hatte ein Gesicht wie diese Models in den Zeitschriften, wilde, dunkelbraune Haare, die ihn verwegen aussehen ließen, warme lichtbraune Augen und eine sanfte, leicht rauchige Stimme, die wie raue Seide über einen strich. Außerdem war er ruhig und wirkte immer nachdenklich, beinah schon schwermütig. Wie die großen Poeten der Vergangenheit.
Dies alles waren Gründe für die meisten Mädchen an der Schule für ihn zu schwärmen und die wildesten Geschichten über ihn zu erfinden.
Doch Takashi hatte nur Augen für eine. Ein Mädchen das – wie Saya fand – eine arrogante, blöde Kuh war, die Takashi einfach nicht verdient hatte. Vor allem hatte Rei vor einem Jahr eine unglaublich schlechte Prüfungsleistung abgeliefert. Es war Glück für Rei, dass es hier zu Lande kein Sitzenbleiben gab. Selbst mit so einem grottenschlechten Ergebnis wurde man in die nächste Jahrgangsstufe versetzt. Allerdings verfolgte einem jedes einzelne Zeugnis bis zum Rest seines Lebens. Jede höher Schule, jeder zukünftige Arbeitgeber würde dieses Zeugnis sehen und sich genau überlegen ob man aufgenommen oder eingestellt werden würde. Rei hätte es in der Zukunft nicht leicht, selbst wenn sie ein Semester auf dieser anderen Privatschule, wo sie gute Ergebnisse ablieferte, verbracht hatte.
Sie war einfach nicht für einen Mann wie Takashi geeignet. Und eines Tages würde Saya ihm das auch klar machen.
Takashi seufzte, sobald Saya weg war. Sein Blick ging erneut ins Leere. Eine weitere Erinnerung blitzte in seinen Gedanken auf.
»Ich habe damals unendlich viel für dich empfunden«, hatte Rei erst vor Kurzem zu ihm gesagt, als er sie wegen Hisashi angesprochen hatte. »Aber du hast es nicht bemerkt.«
Sie war aus dem Klassenzimmer gegangen und hatte ihn einfach stehen gelassen.
»Nicht bemerkt«, wiederholte er verdrießlich.
Sie war es die nicht bemerkt hatte, was er für sie empfand. Takashi hatte versucht noch einmal mit ihr zu reden, doch Rei hatte ihn abermals von sich gestoßen. Sie ließ es einfach nicht zu, dass er mit ihr sprach, alles klären konnte.
Das war so was von frus–
Ein Geräusch riss ihn aus den Gedanken. Er blickte nach rechst, runter zum großen, eisernen Flügeltor des Schulgeländes. Ein Mann stand außerhalb und stieß immer und immer wieder gegen das geschlossene Gatter.
»Was ist denn mit dem los?«, wunderte sich Takashi.
Nach einer Weile kam eine Lehrerin, zusammen mit einem der Hausmeister, sowie zwei weiteren Lehrern, ans Tor.
»Hören Sie sofort auf damit, Sie Rüpel«, beschwerte sie sich, während sie ihre Brille richtete. »Was soll das Geklopfe?«
Mit leerem Blick, aus milchig weißen Augen, schaute der Mann vor dem Gatter sie an. Er wirkte in seinem dunklen Anzug überhaupt nicht so wie einer dieser Randalierer, eher wie jemand der brav und anständig seiner Büroarbeit nachging.
»Überlassen Sie ihn mir«, meinte der Sportlehrer und spannte seine Muskeln an um der hübschen Frau zu imponieren. »Ich bring ihm Manieren bei.« Er ging ans Gatter.
Was er nicht sehen konnte war die große, klaffende Wunde am Rücken des Mannes, wo der dunkle Stoff der Jacke bereits von Blut durchtränkt war.
Der Sportlehrer streckte seinen Arm durch die Gitterstäbe und packte den Mann am Hemd. Mit einem Ruck zog er ihn ans Gatter. Der Mann stieß heftig gegen die Eisenstreben. Ein kleiner Blutschwall schoss aus seiner Nase und sein Kopf fiel in den Nacken.
»Keine unnötige Gewalt«, schimpfte die Lehrerin. »Das dulde ich nicht an unserer Schule.«
Der Sportlehrer hielt den Typen immer noch an dessen Hemd fest, lockerte aber seinen Griff etwas.
Plötzlich packte der Mann seinen Arm mit beiden Händen und biss tief in sein Fleisch. Blut quoll in einem Schwall aus der Wunde und der Sportlehrer brüllte auf. Er entwand sich dem Griff, taumelte nach hinten und fiel zu Boden. Schmerzerfüllt schrie er, während er versuchte die schwere Blutung an seinem Arm mit der anderen Hand zu stoppen.
Takashis Augen weiteten sich entsetzt.
Die Lehrerin und die anderen zwei Männer starrten fassungslos auf den am Boden liegenden Sportlehrer, der sich auf dem Beton krümmte und dessen Schreie langsam verklangen. Dann bewegte er sich nicht mehr.
»Um Himmelswillen, er ist tot«, hauchte der Hausmeister entsetzt.
»Das ist unmöglich«, flüsterte die Lehrerin verstört. »An einem Biss stirbt man doch nicht.«
Auf einmal zuckten die blutverschmierten Finger des Sportlehrers leicht.
»Er hat die Hand bewegt!«, rief die Lehrerin. »Er ist am leben.«
Die Lider des Sportlehrers flatterten und öffneten sich dann. Milchig weiße, leere Augen rollten unkontrolliert in ihren Höhlen.
»Ich bin so froh«, teilte die Lehrerin ihm mit und kniete sich zu ihm. »Kann ich Ihnen helfen?«
Plötzlich packte der Sportlehrer sie an ihrer Bluse, zog sie zu sich und biss ihr kraftvoll in den Hals. Die Frau schrie schrill auf, während eine Blutschwall sich über den Mann und den Boden ergoss.
Ungläubig wich Takashi zurück. Mit geweiteten Augen beobachtete er, wie der Sportlehrer der schreienden Frau das Fleisch mit den Zähnen runterriss und es aß, während die anderen beiden Männer völlig geschockt daneben standen.
Takashi wusste nicht, was genau da gerade passiert war, doch eines war ihm klar: Er musste hier weg, und zwar schnell.
Er wirbelt herum, rannte die Treppe hoch, stieß die Tür zum Gebäude auf und sprintete den Gang entlang. Eines der Klassenzimmer war sein Ziel, denn ohne Rei würde er nicht fliehen.
Takashi riss die Tür auf. Erschrocken sahen alle zu ihm.
»Was soll das?«, beschwerte sich der Lehrer. »Zuerst schwänzt du schon wieder den Unterricht und jetzt störst du ihn auch noch. Verdammt noch mal, Takashi, du nimmst dir langsam zu viel raus.«
Takashi jedoch achtete nicht auf ihn, sondern ging geradewegs zu Rei.
»Komm, wir müssen fliehen«, sagte er entschieden, packte sie am Arm und zog sie vom Stuhl hoch.
»Was redest du da?«, fragte Rei perplex.
Saya, die ebenfalls im Zimmer saß, stand wütend auf, blieb aber wo sie war. Am liebsten wollte sie Takashi jetzt eine reinhauen. War der denn jetzt total irre geworden?
Die anderen Schüler fanden das ganze amüsant und tuschelten miteinander.
Der hochgewachsene, anthrazithaarige Hisashi erhob sich und ging zu den beiden. »Was soll das, Takashi?«
Er sah zu ihm. »Am Schultor wurde eine Lehrerin umgebracht.«
Ein erschrockenes Japsen kam aus verschiedenen Richtungen. Ungläubiges Gemurmel erklang.
Saya schaute Takashi mit schmalen Augen an und runzelte die Stirn. Stimmte das wirklich?
Hirano blickte verstohlen zu Takashi. Er hatte schon viel von diesem rebellischen Schüler gehört und bewunderte ihn heimlich für sein selbstsicheres Auftreten, die scheinbare Leichtigkeit mit der dieser durch sein Leben ging, und vor allem für sein gutes Aussehen. Mit Übergewicht, einer Brille und langen, struppigen, dunkelbraunen Haaren galt Hirano selber nicht gerade als Frauenschwarm. Wohingegen Takashi wahrscheinlich an jedem Fingern ein Mädchen hatte.
Doch nun? Takashi wirkte wie ein Verrückter. Aber auf der anderen Seite klang er auch verdammt ernst.
»Was?«, fragte Hisashi fassungslos. »Stimmt das auch wirklich?«
»Natürlich stimmt das«, meinte Takashi ungeduldig. »Warum sollte ich lügen?«
Rei riss sich verärgert von ihm los. »Was hast du für ein Problem?«, keifte sie. »Du kannst doch nicht einfach so reinplatzen und –!«
Takashi verpasste ihr ohne Vorwarnung eine Ohrfeige. Er hatte keine Zeit jetzt mit ihr eine Diskussion zu beginnen. Etwas in ihm riet zur Eile.
Es war mucksmäuschenstill im Raum. Fassungslos sahen ihn alle an. So hatten sie Takashi noch nie erlebt. Auch wenn es einige Gerüchte über ihn gab, hatte Takashi noch nie die Hand gegen jemanden erhoben, schon gar nicht gegen ein Mädchen.
Rei öffnete ihren Mund um weiter zu protestieren.
»Sei still«, fuhr Takashi sie an. »Und komm endlich.«
Er griff sie erneut am Arm und wandte sich um.
Hisashi stand wie versteinert da. So kannte er seinen Freund nicht. Es gab wirklich nur wenige Dinge die es vermochten Takashi aus der Ruhe zu bringen. Vor allem hatte er niemals seine Hand gegen ein Mädchen erhoben, oder gegen sonst jemanden. Takashi war kein sonderlich gewalttätiger Typ, regelte die Dinge lieber mit Worten. Doch nun hatte er ohne zu Zögern zugeschlagen. Da stimmte etwas nicht. Ganz und gar nicht.
Takashi sah ihn mit festem Blick entschlossen an. Hisashi musterte ihn mit seinen hellbraunen Augen. Dann traf er eine Entscheidung.
Zu dritt verließen sie zügig das Klassenzimmer. Ignorierten dabei die empörten Rufe des Lehrers und rannten den Gang zur hinteren Treppe des Gebäudes entlang.
»Sag schon, was genau ist passiert?«, wollte Rei wissen.
»Am Schultor stand ein Mann und wollte rein«, berichtete Takashi während des Laufens. »Er hat … Er hat den Sportlehrer gebissen, mehr hab ich nicht gesehen. Aber auf einmal brach der Sportlehrer schreiend zusammen und kurz darauf bewegte er sich nicht mehr. Als er doch wieder zu sich kam … Er hat die Lehrerin, die bei ihm war, getötet. Jetzt bringen sich die Lehrer gegenseitig um.«
»Klingt unwahrscheinlich«, meinte Rei.
Hisashi konnte es auch nicht wirklich glauben, aber er kannte Takashi, und war sich bewusst, dass dieser sich so eine Geschichte bestimmt nicht ausdenken würde. So absurd es auch klingen mochte.
An einen der Hausmeisterkammern, die auf jeden der Schulflure verteilt waren, blieb er stehen und öffnete die Tür.
»Was ist?«, wunderte sich Takashi. »Suchst du was oder willst du jetzt putzen?«
Hisashi warf ihm einen verärgerten Blick zu. »Wenn die Geschichte stimmt, brauchen wir Waffen.« Er nahm sich einen der Schrubber und brach den Besen ab. Somit hatte der lange Holzstab eine scharfe Eisenspitze.
»Für dich«, teilte er Rei mit und reichte ihr die provisorische Lanze.
Takashi sah eine Sporttasche, die wohl einer der Schüler am Treppenabsatz vergessen hatte. Aus der Tasche ragte ein Baseballschläger, den er sich griff.
»Und du?«, fragte er Hisashi.
»Ich kann Karate, ich brauche keine Waffe«, sagte dieser ein wenig überheblich.
Takashi zog eine Augenbraue hoch. War sein Freund schon immer so arrogant gewesen? Oder hatte er sich erst in den letzten Wochen so entwickelt?
»Wir müssen möglichst schnell raus hier«, entschied Hisashi.
»Rufen wir meinen Vater an«, schlug Rei vor. »Er ist bei der Polizei und kann uns bestimmt helfen.«
Takashi reichte ihr sein Handy. Auch wenn es in der Schule verboten war, hatte er seines immer dabei. Er war eben gerne auf mögliche Eventualitäten vorbereitet.
Rei nahm es entgegen und wählte sofort die Nummer der Polizeistation, wo sich ihr Vater im Moment befinden sollte. Nach dem zweiten Klingeln sprang das automatische Ansageband an.
»Hier ist die Nummer der Polizei, im Moment sind alle Leitungen besetzt. Bitte bleiben Sie am Apparat oder versuchen Sie es später noch einmal.«
»Oh nein«, hauchte Rei fassungslos.
»Was ist?«, fragte Takashi.
»Alle Notrufleitungen sind besetzt.«
So etwas war noch nie vorgekommen. Eventuell musste man ab und zu ein paar Klingeltöne warten bis jemand ranging. Aber dass alle Leitungen belegt waren? Nein, dies war wirklich noch niemals dagewesen.
Aus den Lautsprechern der Schule ertönten die vertrauten Knackgeräusche, welche signalisierten, dass das Mikrofon eingeschaltet wurde.
»Durchsage an alle Schüler«, erklang die Stimme des Direktors. »Auf dem Schulgelände finden gewalttätige Übergriffe statt. Alle Schüler folgen den Anweisungen der Lehrer und verlassen sofort die Schulgebäude. Ich wiederhole. Auf dem Schulgelände …«
»Endlich haben sie es kapiert«, meinte Takashi.
»… Alle Schüler folgen den Anweisungen der Lehrer –« Ein Rascheln unterbrach die Ansprache, gefolgt von einem schrillen, elektronischen Pfeifen der Lautsprecher.
Takashis Augen wurden schmal. Konnte es sein, dass … was immer es auch war, schon bis zum Zimmer des Direktors vorgedrungen war? Sein Raum lag eigentlich ziemlich hinten, bei einem der Gebäude. Doch dafür stand die Tür des Sekretariats auch immer offen. Nicht so wie beim Haupteingang.
Gespannt warteten alle auf die Fortsetzung der Rede vom Direktor. Dann stieß dieser einen erschrockenen, panischen Schrei aus.
»Hilfe! Ahhh! Aufhören!«
Hirano nutzte die Gunst, dass alle abgelenkt waren, und krabbelte auf allen Vieren aus dem Klassenzimmer raus. Er hatte Takashi ebenfalls folgen wollen, da dieser so völlig ernst und glaubhaft gewirkt hatte. Aber er hatte sich nicht getraut. Nun wo jedoch alle erstarrt waren und den verzweifelten Ausrufen aus den Lautsprechern lauschten konnte er sich unbemerkt wegschleichen.
Fast unbemerkt.
»Hirano«, sprach Saya ihn an. Sie war ebenfalls kurz nach Takashi aus dem Raum gegangen. Als einer der besten Schülerin dieser Schule konnte sie jederzeit das Klassenzimmer verlassen, ohne das jemand etwas sagte. Weil alle davon ausgingen, sie würde die Waschräume aufsuchen.
Erschrocken wandte Hirano sich um. Saya kam zu ihm und kniete sich neben ihn.
»Ach du bist es«, sagte er beruhigt.
»Psst«, machte sie. »Verschwinden wir.«
»Ich halte das nicht mehr aus!«, schrie der Direktor verzweifelt. »Hilfe!«
Saeko, die gerade im Trainingsraum war, erhob sich mit ihrem Holzschwert in der Hand.
»Ich sterbe!«, rief der Direktor.
Die blonde, vollbusige Schulärztin, Frau Dr. Marikawa, die ein kleines Schläfchen an ihrem Schreibtisch gehalten hatte, schreckte von den Schreien auf.
»Was ist?«, fragte sie verschlafen.
Der Todeskampf aus den Lautsprechern hatte mittlerweile seinen Höhepunkt in einem letzten, schmerzerfüllten Schrei erreicht. Dann herrschte völlige Stille.
Alle Schüler und Lehrer waren erstarrt.
Die Kreide auf einen der Pulte eines Lehrers rollte langsam zur Kante hin. Der Mann bemerkte es nicht. Das weiße längliche Röhrchen fiel über die Platte, auf den Boden und zerbrach dort mit einem knackenden Geräusch, das, obwohl es so leise war, wie ein Donnerschlag im Raum hallte.
Und dies war ein Startsignal. Die Schüler fingen an zu schreien und stürmten panisch aus dem Zimmer. Ihnen folgten alle anderen Klassen. Kreischend, schubsend, sich gegenseitig weg stoßend und um sich schlagend rannten alle durch die Gänge. Diejenigen, die das Pech hatten hinzufallen, wurden von ihren Mitschülern einfach totgetrampelt. Einige stürzten die Treppen runter, brachen sich Knochen. Andere schubsten und stießen jeden zur Seite um möglichst schnell zum Ausgang zu gelangen. Es war wie in einem Kriegsgebiet. Es gab keine Freunde mehr, es hieß nur noch: Jeder gegen Jeden.
Takashi, Rei und Hisashi, die sich in einen der wenigen Gänge befanden, die unbenutzt von der panischen Meute blieben, beobachteten das Treiben.
»Hier entlang«, meinte Hisashi auf einmal, wandte sich um und rannte los. In die entgegengesetzte Richtung.
»Sollten wir nicht lieber zum Ausgang laufen!«, rief Takashi ihm nach.
»Die Gänge sind voller Schüler!«, rief er zurück. »Wir gehen durch die Verwaltung!«
»Hisashi hat recht«, meinte Rei. »Komm schon mit. Wir sollten machen was er sagt.« Sie rannte ihm nach.
Takashi war anderer Ansicht. Er wollte zu einem Ausgang, möglichst schnell raus aus dem Gebäude und runter von diesem Gelände. Allerdings hatten sie wahrscheinlich wirklich keine Chance, bei der Massenhysterie die um sie herrschte.
»Schon gut, schon gut«, maulte er und sprintete den beiden nach.
Sie rannten den Gang entlang, durch eine Glastür auf einen der Außengänge, die sich zwischen den Gebäudekomplexen befanden.
Doch weit kamen sie nicht. Ein Mann schlürfte dort herum. Seine Bewegungen waren unkoordiniert, wirkten mehr so als würde er fremdgesteuert werden.
Die drei blieben stehen.
»Das ist Akisaka«, meinte Rei. »Unser Mahtelehrer.«
Da erst sahen sie das Blut, welches dem Mann an der linken Körperseite herunterlief. Akisaka bemerkte im Gegenzug die drei und kam auf sie zu.
»Vorsicht!«, warnte Hisashi. »Er greif uns an.«
Akisaka riss seinen Mund unnatürlich weit auf, während er auf sie zu torkelte. Seine Augen waren fast ganz weiß und leer. Er streckte seine Arme aus und wollte Rei greifen. Sie schwang den Stock in ihren Händen und wich zurück.
»Nein. Nicht. Gehen Sie weg.«
»Los, stich zu«, befahl Hisashi.
Fassungslos erstarrte Rei.
»Trau dich! Mach ihn fertig!«
Akisaka griff mit beiden Händen den Stab und Rei taumelte leicht zurück.
»Nein«, hauchte sie. Dann fing sie sich wieder, hielt den Stock eisern fest und drückte dagegen. Mit einem schnellen Ruck entriss sie ihm den Stab.
»Nicht mit mir«, meinte Rei entschlossen. »Ich gehöre zum Lanzenkampfsportteam.« Sie schlug ihm den Stab auf den Kopf und stieß die Spitze gleich darauf tief in die Brust des Mannes.
»Super«, freute sich Takashi.
Reis Augen hingegen weiteten sich. Mit diesem Stoß hatte sie das Herz getroffen, eigentlich müsste Akisaka tot sein, doch er bewegte sich weiter. Ohne Mühe schob er Rei, die den Stab immer noch festhielt, einfach nach hinten, in dem er schlichtweg vorwärts ging, während er versuchte sie mit den Händen zu packen. Durch eine ruckartige Bewegungen vom ihm beförderte er Rei gegen die halbhohe Seitenmauer der Brücke auf den Boden.
Sie ließ den Stab kurz los, griff ihn sich jedoch gleich wieder. Akisaka wedelte mit den Armen, wollte Rei packen, doch durch den Stock, der immer noch tief in seiner Brust steckte, konnte Rei ihn von sich halten. Noch.
»Ich habe sein Herz durchbohrt!«, rief sie. »Wieso bewegt er sich dann noch?«
Hisashi packte Akisaka von hinten, in dem er einen Arm um dessen Hals schlang und den anderen um den Brustkorb, dann zerrte er ihn von Rei weg.
»Zieh die Stange raus!«, wies er sie an.
Sie tat es.
»Hisashi, bleib weg von ihm!«, rief Takashi, der schon einmal gesehen hatte, was passierte, wenn man so jemanden zu nahe kam.
»Nur keine Angst, mit dem werde ich schon fertig«, meinte Hisashi lächelnd.
Akisaka verharrte auf einmal ruhig, dann drehte er den Kopf nach links, immer weiter und weiter, in einen unnatürlichen Winkel.
»Der hat ja …« – Hisashi nahm seinen Arm um den Hals von Akisaka, positionierte ihn bei der Brust und versuchte mit der anderen Hand, dessen Gesicht wieder wegzudrücken – »wahnsinnig viel Kraft.«
Hisashi kam nicht gegen die übernatürliche Körperkraft von Akisaka an und so biss der einstige Mathelehrer ihn tief in den Oberarm.
»Scheiße!«, fluchte Takashi und rannte zu ihnen. »Lass Hisashi los!« Er schlug mit dem Baseballschläger auf Akisakas Kopf. Doch dieser biss nur fester zu.
»Hisashi!«, rief Rei und stieß ihre provisorische Lanze in den Rücken des Lehrers. Aber dies half ebenfalls nicht.
»Das gibt es nicht«, meinte Rei panisch. »Akisaka müsste längst tot sein!«
Takashi erstarrte, als er die Lage vollends begriff. »Er ist auch tot. Die Toten können sich bewegen.«
Akisaka biss noch fester zu. Blut spritze hervor und Hisashi schrie auf.
»Oh nein«, sagte Rei fassungslos. Sie ließ den Stab los und rannte zu ihm. Verzweifelt versuchte sie Akisaka von Hisashi wegzuzerren. »Takashi, hilf mir! Los!«, schrie sie ihn an. »Zeig das du ein Mann bist!«
Doch er konnte sich nicht bewegen. Viel zu geschockt war er von der ganzen Situation. Tote die herumliefen und Menschen bissen? Sie auffraßen? Das konnte doch gar nicht sein. So etwas gab es nicht.
»Hör auf zu glotzen!«, fauchte Rei. »Komm her!«
Takashi schüttelte den Kopf, packte den Schläger fester, stürmte zu ihnen, holte aus und schlug mit so einer Wucht zu, dass der Kopf von Akisaka zersplitterte und sein Blut überall hinspritzte. Der Lehrer fiel auf den Boden und blieb endlich liegen.
»Hisashi, bist du okay?«, fragte Rei beunruhigt.
Takashi blickte von Akisaka zu den beiden.
»Ist nur eine oberflächliche Wunde«, versicherte Hisashi, während er sich den Arm hielt. »Nicht weiter schlimm.«
Ein Schrei von einem Mädchen ertönte. Die drei sahen in die Richtung. Eine ihrer Mitschülerinnen, die auf einen anderen Außengang war, wurde von einem Jungen auf den Boden gedrückt.
»Nein, bitte nicht beißen«, flehte sie. »Nicht beißen.«
Er biss ihr die Kehle auf.
Geschockt sah Rei zu, wie der Junge dem Mädchen mit seinen Zähnen ihr Fleisch von den Knochen riss und es auffraß.
Auch weitere dieser Untoten konnten sie im Gebäude erkennen. Es schienen immer mehr zu werden.
»Mit so vielen können wir es unmöglich aufnehmen«, stellte Takashi fest.
»Wir gehen aufs Dach«, entschied Hisashi.
»Aufs Dach?«, wunderte sich Rei.
»Wir bleiben dort bis Hilfe kommt«, meinte er. »Vielleicht können wir die Sternenwarte als Zuflucht nutzen.«
So schnell sie konnten liefen sie über die Brücke, in eine der anderen Bauten, durch die Gänge, die Treppe hoch und auf das Gebäudedach. Am Geländer, welches das Dach umzäunte, blieben sie stehen und blickten schockiert auf die Stadt.
Es war ein Ort der Verwüstung. Überall brannten Feuer. Schreie ertönten. Sirenen erklangen. Wilde Hupkonzerte erhoben sich auf den Straßen. Die lebhafte Stadt, die berühmt war für das emsige Treiben ihrer Bewohner, war binnen kürzester Zeit zum Schauplatz eines Kriegsgebietes geworden.
»Was zum Teufel …?« Takashi sprach die restlichen Wörter nicht aus, zu entsetzt war er über diesen gravierenden Wandel seiner Heimat. »Ich begreife nicht, was da los ist.«
»Vor einer halben Stunde war doch alles noch ganz normal gewesen«, meinte Rei fassungslos.
Ein starker Windstoß kam auf und Rei taumelte. Hisashi griff nach ihr und hielt sie fest.
Die drei sahen sich um, zu der Quelle des Luftstroms. Vier Helikopter flogen knapp am Dach vorbei.
»Hubschrauber?«, wunderte sich Hisashi. »Die gehören zur Staffel unserer Armee. Woher kommen sie? Hier in der Nähe sind jedenfalls keine stationiert.«
Rei schwang wild mit den Armen in der Luft herum. »Hey! Rettet uns!«
»Sinnlos«, meinte Hisashi. »Sie sind bestimmt nicht hergeflogen um uns von einem Dach zu retten. Das ist ein Sondereinsatz. Die Armee hat jetzt andere Aufgaben zu bewältigen, als drei Schülern zu Helfen.« Er deutete runter. »Nicht einmal dort unten schreitet man ein. Seht ihr, nicht einmal auf der Straße entkommt man ihnen.«
Sie beobachteten wie diese Kreaturen sich über die wenigen verbliebenen Lebenden auf dem Schulgelände hermachten. Die Schreie wurden immer weniger, während die Untoten mehr wurden.
»Nein! Ich will nicht gefressen werden!«, rief eine Schülerin, die Sportkleidung trug und von drei dieser Monster festgehalten und bei lebendigem Leib aufgefressen wurde.
»Genauso wenig wie in der Schule«, fuhr Hisashi fort.
Und er hatte recht. In den Gebäuden selber waren kaum noch Lebende unterwegs.
Zwei Mädchen rannten durch die Gänge, ihre Finger miteinander verschränkt.
»Wenn wir zusammenbleiben, schaffen wir es«, meinte die Schwarzhaarige von ihnen.
»Na klar«, stimmte die Brünette zu. »Beste Freundinnen lassen sich doch niemals im Stich.«
Die Schwarzhaarige blieb unerwartet stehen. Sie blickte nach unten. Einer der Untoten lag auf der Treppe, links von ihr, und hatte sie am Bein gepackt. Ruckartig riss er sie auf den Boden.
»Nein!«, kreischte sie und hielt sich an der Hand ihrer Freundin fest. »Hilf mir, Misusu! Ich will nicht sterben! Zieh mich hoch! Bitte zieh mich hoch!«
»Lass mich los«, fauchte Misusu kalt.
Geschockt blickte die Schwarzhaarige sie an.
»Loslassen hab ich gesagt!« Misusu trat mit Wucht in das Gesicht ihrer Freundin.
Diese ließ sie los und wurde von den Untoten nach unten gezogen und aufgefressen, während sie vor Schmerzen kreischte.
Misusu wich nach hinten und wurde am Kopf gepackt. Drei weitere Untote standen hinter ihr und fingen an sie aufzufressen.
In einem anderen Komplex lief ein Lehrer durch die Gänge, auf eine Tür zu. Das Milchglas des Türenfensters splitterte als einer der Untoten mit dem Kopf voran dagegen stieß. Der Lehrer wich schnell zurück.
»Hier sind sie auch schon«, meinte er.
Er taumelte weiter durch die Gänge und fing an zu lachen. »Das kann alles gar nicht wahr sein. Genau, ich schlaf noch und habe einen Albtraum.«
Er ging an seinen Schülern vorbei die damit beschäftigt waren das Fleisch von den Knochen ihrer Mitschüler mit den Zähnen herunter zu ziehen und es zu fressen.
»Gleich klingelt der Wecker und ich wach auf«, sagte der Lehrer und kletterte auf den Fenstersims eines offenen Fensters im vierten Stock. »Ich Frühstücke, gehe zur Schule und lege den Anfängern den ersten Test vor.« Er sprang aus dem Fenster und landete Kopf voran auf den Boden, der durch die Wucht des Aufpralls aufplatzte.
In einem weiteren Gebäude stand Saeko auf einer der Treppen, während ein Untoter auf sie zukam und ein Junge unten beim Treppenabsatz auf den Boden lag und gerade von zwei weiteren Untoten gefressen wurde. In geübter Manier hob sie ihr Übungsschwert aus Holz hoch. Kampfbereit stellte sie sich dem Untoten.
»Es ist wie eine Krankheit«, meinte Hisashi auf dem Dach, während sie weiter die Zerstörung beobachteten. »Wenn diese Dinger –«
»Dinger?«, unterbrach Takashi.
»Wie soll ich sie sonst nennen?«, wollte Hisashi wissen. »Sie fressen Menschen, deshalb bezeichne ich sie als Dinger.«
»Wie wäre es mit Zombies?«, schlug Takashi trocken vor. »Jedenfalls kommt es mir so vor.«
»Da hast du recht«, stimmte Hisashi zu. »Doch das hier ist kein Film oder PC-Spiel, auch wenn der Angriff von … Zombies ausgeht. Wer von ihnen gebissen wird, erhebt sich wieder als Untoter. Ich weiß zwar nicht warum, aber man kann sie vernichten in dem man ihren Kopf zerschmettert.«
»Leg das zentrale Nervensystem lahm und der Körper hört auf sich zu bewegen«, meinte Takashi.
»Ja«, stimmte Hisashi zu.
Schritte erklangen hinter ihnen und sie wandten sich um. Sechs der Untoten, die einmal Schüler gewesen waren, schienen ihnen gefolgt zu sein. Nun versperrten sie den Weg zur höher gelegenen Sternenwarte. Und weitere Zombies kamen aus dem Treppenhaus hier raus.
»Und was machen wir jetzt?«, wollte Rei wissen.
»Wir laufen da hoch und verbarrikadieren die Treppe«, entschied Hisashi.
Takashi umfasste den Schläger fester und beugte sich leicht nach vorne.
»Los geht’s«, befahl er und sprintete voran.
Rei und Hisashi hinter ihm her.
Sie blieben nicht stehen oder wurden langsamer. Im Laufen schlug Takashi jeden der Untoten, die ihm zu Nahe kamen, gnadenlos mit dem Baseballschläger die Schädel ein. Damit räumte er für Rei und Hisashi den Weg frei.
»Beeilt euch!«, rief er.
Sie kamen zur Treppe, die von zwei weiteren Zombies blockiert wurde. Dem Jungen schlug Takashi sofort den Kopf zu Brei, das Mädchen schleuderte er mit einem geschickten Manöver über seinen Rücken, wandte sich um und zertrümmerte auch ihren Schädel, während Hisashi, dem es durch die Verletzung langsam schlechter ging, und Rei die Treppe hoch liefen.
»Alles okay, Hisashi?«, fragte Takashi besorgt, als er sah wie sein Freund immer schwächer wurde.
Er rannte an Rei, die stehen geblieben war, vorbei und stützte Hisashi.
Rei wandte sich zu einem Zombie zu, der ihnen hinterher kam. Mit einem Kampfschrei stieß sie die Spitze ihrer Lanze in die Brust des Jungen.
»Bist du verrückt?«, fragte Takashi entsetzt. Schließlich hatten sie schon längst festgestellt, dass diese Taktik völlig sinnlos war.
»Aber«, begann Rei.
Der Zombie packte den Stab, riss ihn ihr aus den Händen und schlug den Stock kräftig in ihren Magen. Rei wurde gegen die Wand der Sternenwarte geschleudert und landete auf den Boden.
Sie blickte auf. Mit weit aufgerissenem Maul kam der Zombie zu ihr. Wobei seine unkoordinierten Bewegungen plötzlich schneller und gezielter wurden.
»Nein! Nicht!«, schrie sie und hielt sich die Arme vors Gesicht.
Takashi ließ seinen Freund los und wollte zu ihr. Doch Hisashi schubste ihn zur Seite und schnappte sich dabei den Baseballschläger.
»Rei!«, rief er und lief die Treppe runter.
Hisashi holte aus und schlug dem Zombie den Schädel ein. Rei blickte auf, fing an zu lächeln und erhob sich.
»Hisashi«, sagte sie überglücklich und ging zu ihm.
»Man kann sie vernichten, in dem man ihren Kopf zerschmettert«, meinte er.
Ach ne, auch schon gemerkt, dachte Takashi sarkastisch. Dabei rieb er sich den linken Oberarm, mit dem er, durch Hisashis Aktion, gegen die Mauer geprallt war.
Hisashi ging ein paar Stufen runter. Mit einem Karatetritt stieß er ein Zombiemädchen weg. Diese landete mit dem Kopf voran auf ein Eisengitter.
»Rei! Hisashi! Kommt, da entlang!«, rief Takashi ihnen zu.
Die beiden gingen an ihm vorbei, wobei Rei Hisashi, der Takashi den Baseballschläger zurück gab, stützte. Sie stiegen die letzten Stufen hoch und bogen um die Ecke des kleinen Gebäudes der Sternenwarte.
Takashi blickten ihnen kurz nach und dann wieder zurück.
»Oh Mann, Scheiße«, fluchte er, als immer mehr Zombies auf die Treppe zukamen. »Was geht hier ab? Was zum Teufel ist hier los?«
Er wirbelte herum und lief die letzten Stufen hoch. Oben angekommen schob er zusammen mit Rei und Hisashi, in Windeseile alles vor die Treppe was sie in die Finger bekommen konnten. Und dies war eine ganze Menge. Die Hausmeister nutzten die Sternenwarte augenscheinlich als eine Art kleines Lager von alten Tischen und Stühlen. Außerdem gab es noch verschiedene Stangen, Schaufeln und Spanngurte. Alles wurde vor die Treppe gestapelt, miteinander verhakt und festgezurrt, so dass der Weg blockiert war.
»Wie konnte das passieren?«, fragte Rei unter Schock stehend.
»Es muss eine Erklärung dafür geben«, meinte Hisashi. »Wenn wir sie wissen, können wir auch eine Lösung dafür finden.« Er fing an schwerer zu Atmen. »Seht mal nach ob hier irgendwo ein Feuerzeug oder Streichhölzer liegen. Wir brauchen unbedingt Licht, sonst sind wir ihnen hilflos ausgeliefert sobald es dunkel ist.«
Hisashi fing an zu Husten und spuckte dabei Blut. Kraftlos ließ er sich zu Boden sinken.
Erschrocken kam Rei zu ihm. »Was hast du? Takashi, was stimmt nicht mit ihm?«
Doch dieser antwortete nicht. Er stand ein paar Schritte von den beiden entfernt und sah entsetzt auf seinen Freund.
Schwer atmend lehnte sich Hisashi mit den Rücken gegen das Eisengitter der Dachumzäunung. Da Begriff Rei es ebenfalls. Ihre Augen weiteten sich.
»Du auch? Wie … Wie kann das sein? Du bist doch nur … ganz leicht gebissen worden.«
»Es ist genau wie in den Filmen«, keuchte Hisashi. »Ein Biss genügt und du bist erledigt.«
»Filme sind nur Fiktion«, meinte Rei verzweifelt. »Sie sind doch keine Realität.«
»Es ist aber Realität«, widersprach Hisashi und blickte zu seinem Freund. »Takashi, ich brauche deine Hilfe.«
»Was kann ich tun?«, wollte er wissen.
Hisashi deutete runter. »Wenn ich von hier oben runter falle und mit dem Kopf am Boden aufpralle müsste er … zerschmettert sein.« Er keuchte.
Takashis Augen weiteten sich.
»Was redest du da!«, kreischte Rei.
»Bitte! Ich will keiner von denen sein!«, bat Hisashi schreiend und spuckte gleich darauf Blut.
»Hisashi!«, rief Rei.
Er hustete und krümmte sich vor Schmerzen.
»Hisashi!«
Erneut schoss ein Schwall Blut aus seinem Mund.
»Bitte, Takashi, tu es für mich.« Hisashi sah zu seinem Freund der zur Salzsäule erstarrt war. »Ich will bis zum Ende, ich selbst sein.« Abermals hustete er heftig.
Hisashi fiel nach vorne, keuchte, schrie und krümmte sich am Boden.
»Nein, du darfst nicht sterben«, flehte Rei.
Takashi biss die Zähne zusammen.
»Bitte, bleib bei mir!«, kreischte Rei.
Doch Hisashi hörte auf zu atmen und bewegte sich nicht mehr. Rei kniete neben ihm und weinte. Takashi dagegen wurde auf einmal völlig ruhig, fast schon gelassen. Er beobachtete wie Hisashis Finger anfingen zu zucken und packte den Baseballschläger fest mit beiden Händen.
»Geh beiseite«, wies er Rei kalt an.
Überrascht sah sie zu ihm. Langsam kam Takashi auf sie zu.
Schützend lehnte sich Rei über Hisashi. »Das darfst du nicht! Er wird sich nicht verwandeln. Bestimmt nicht. Er wird keiner von diesen Untoten. Hisashi ist etwas Besonderes!«
»Geh zur Seite«, befahl Takashi hart.
Langsam fing Hisashi an sich wieder zu bewegen.
Lächelnd schaute Rei zu ihm. »Ich hab’s ja gewusst. Hisashi ist noch am Leben. Er hat sich nicht in –« Sie stockte als sie die milchig weißen, leeren Augen ihres Freundes sah.
Takashi packte sie, riss sie hoch und stieß sie einige Schritte von Hisashi weg. Dieser erhob sich mit unkoordinierten Bewegungen.
»Hisashi?«, fragte Rei. »Was ist mit dir?«
Ein knurrendes Brummen kam von ihm.
Sie bewegte sich zu ihm hin. »Du bist doch kein –?«
Takashi packte Rei und hielt sie fest, während sie beide mitansahen wie ihr Freund langsam auf sie zu torkelte.
»Oh bitte, sag mir, dass das nicht wahr ist«, flehte Rei.
Takashi ließ sie los und stellte sich schützend vor sie.
»All dies scheint mir wie ein Traum«, meinte er und hob den Schläger. »Wie ein Albtraum.«
»Takashi«, hauchte Rei und Tränen liefen ihr die Wangen herunter.
»Tut mir leid«, sagte er.
»Tu es nicht«, flehte Rei.
»Aber es ist Realität!«
Takashi stürmte zu Hisashi und zertrümmerte ihm mit dem Schläger den Schädel.
Rei stieß einen schrillen Schrei aus.
Hisashis Blut spritzte auf den Boden und sein lebloser Körper fiel um. Keuchend stand Takashi über ihm.
Taumelnd ging Rei auf die Knie. »Warum?«, fragte sie. »Musste das sein?«
»Hätte ich es nicht getan, hätte er dich gebissen«, erklärte Takashi.
»Aber ich wollte nicht von dir gerettet werden. Es hat mir das Herz gebrochen, Hisashi in diesem Zustand zu sehen. Wenn das jetzt unser neues Leben ist, dann wäre ich lieber von Hisashi gebissen und einer von ihnen geworden.«
»Ich glaube nicht, dass er das gewollt hätte.«
»Was weißt du schon, Takashi«, sagte Rei hart. »Mich täuscht du nicht.«
Er sah zu ihr.
Mit einem beinah irren Blick schaute sie ihn an. »Ich hab dich durchschaut. Mir ist klar was in Wirklichkeit dahinter steckt. Du hast Hisashi gehasst, weil er mein Freund war. Hab ich recht?«
Seine Augen wurden schmal. Er hatte gerade seinen besten Freund erschlagen müssen, weil dieser darum gebeten hatte, weil dieses Ding, zu dem er geworden war, sie sonst beide getötet hatte und sie hielt ihm vor, dass er ihn gehasst hätte? Nein, es tat ihm unendlich weh. Aber Rei hatte ganz offensichtlich ihre eigene Meinung dazu.
Ohne ein Wort wandte Takashi sich ab und schritt zu der Blockade an der Treppe.
»Hey, warte. Wohin gehst du?«, wollte Rei wissen.
»Du kannst meinen Anblick nicht mehr ertragen«, sagte Takashi ruhig. »Ich geh runter und erledige so viele von ihnen wie möglich.«
Er fing an die Spannbänder voneinander zu lösen.
»Was?«, rief Rei, sprang auf und lief zu ihm. »Bist du verrückt geworden? Das schaffst du nicht alleine, das sind zu viele.«
Takashi achtete nicht auf sie.
»Hey, warte«, flehte Rei. »Takashi.«
Er kletterte auf einen Tisch um die Schnüre der oberen Blockade zu lösen.
»Geh nicht ohne mich!«, schrie Rei, stürmte zu ihm und hielt ihn am Arm fest. »Es tut mir leid! Was ich da eben sagte, habe ich nicht so gemeint.«
Fast schon gelangweilt sah er sie an.
Rei umschlang seinen Arm mit ihren beiden Händen und drückte ihn fest an sich, während abermals Tränen an ihren Wangen herunterliefen. »Bitte, bitte, lass uns zusammenbleiben. Ich flehe dich an.«
Takashi kletterte wieder runter und nahm Rei in seine Arme. Nach kurzem Zögern erwiderte sie die Umarmung und drückte sich fest an ihn.
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