Feuer und Eis

von Tesse
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
12.03.2019
16.03.2019
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Valentino hatte nicht zu viel versprochen. Er hatte ihn nach dem Essen in ein prächtiges Zimmer führen lassen. Für einen Moment waren seine Sorgen vergessen und neugierig schaute Herbert sich um. Eigentlich war es ein Saal. Fasziniert schritt er die Bücherregale entlang. Es war alles da: Die Schriften von Francesco Petrarca , Leonardo Da Vinci, Aufzeichnungen aus der Hand Pietro Aretinos. Ehrfürchtig griff er einen Band Dante Aliguieris, und begann darin zu blättern.

„So sehr verlang' ich nach dem schönen Licht
Der Augen, die mich trügerisch entseelen,
Daß, unbekümmert um erneutes Quälen,
Sich Bahn zu ihm die heiße Sehnsucht bricht.“1
Herbert drehte sich um. Vor ihm stand ein hochgewachsener, Mann und blickte ihn aus dunklen Augen von unnatürlich faszinierender Tiefe an.  Lange schwarze Haare fielen glänzend wie ein Wasserfall auf breite, markant gezeichnete Schultern hinab. „Ein schönes Werk. Und wahre Worte.“ „Ihr versteht Euch auf die Kunst?“, fragte Herbert erstaunt. „Aber sicherlich.“ Der Mann lachte leise. Wortlos lief, nein, schwebte er, fast engelsgleich, durch den Saal und setzte sich an den schwarzen Flügel. Wortlos begannen seine schlanken Finger über die Tasten zu schweben und die süßeste Melodie zu spielen, die Herbert je vernommen hatte. Langsam, ehrfürchtig trat er an die Königin der Instrumente heran und lauschte. Schnell, und doch unendlich elegant, strichen die Finger des Mannes über die Tasten. Herbert hielt den Atem an und schloss die Augen. Sämtliches Grauen, welches ihm auf dem Weg hierhin begegnet war, wurde zart hinweg geweht wie die  sanfte Wärme eines Kaminfeuers in der Nacht. „So etwas schönes habe ich noch nie vernommen!“, sagte er schließlich, als der Mann geendet hatte. „Von wem ist das?“ Der Mann blickte ihn an und lächelte geheimnisvoll. „Meine Eigenkomposition!“, sagte er. „Das ist… phantastisch“, flüsterte Herbert. Der Mann lächelte erneut und begann, ein weiteres Lied anzustimmen. „Verdi“, murmelte Herbert. „Darf ich?“ Der Mann nickte leicht und Herbert setzte sich neben ihn auf den mit Samt bespannten Stuhl. Langsam berührten seine Finger die Tasten und er begann, sich in die Klänge einzufügen. So saßen sie eine Weile da und spielten. Schweigend. Und doch fühlte Herbert sich auf einmal von einer Ruhe und Harmonie erfüllt, wie er sie lange nicht mehr gefühlt hatte. Die Töne wurden schneller und lauter, und langsam ging der Mann in ein düstereres trauriges Stück über. Herbert lächelte und passte seine Melodie an. Er atmete tief ein. Ein markanter, und doch zarter Duft stieg ihm in die Nase und schien seine Sinne zu benebeln, als sich ihre Hände wie zufällig berührten. Unwillkürlich zuckte Herbert leicht zurück, als hätte ihn ein Funken gestreift. Der Mann lächelte erneut und ließ das Lied enden.
Als der letzte Ton verhallt war, blickte er Herbert an. „Wie heißt Ihr überhaupt?“, wisperte Herbert leise und wunderte sich selbst über seinen Tonfall. „Verzeiht, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt.“ Der Mann erhob sich. „Alejandro.“ Ein Lächeln huschte über Herberts Gesicht. „Ich bin…“ „Ich weiß er ihr seid.“, sagte der Vampir und seine Augen blitzten. „Ich habe viel von euch gehört.“ „Ach wirklich…?“, murmelte Herbert und blickte in seine Augen. Er hatte das Gefühl, in dieser Tiefe unendlicher Dunkelheit zu versinken. Die Minuten schienen still zu stehen. Langsam hob er seine Hand und berührte den Arm des Vampirs. „Und Ihr versteht Euch auf die Kunst!“ Alejandro lachte. „Sí, das sagtest du bereits!“ Er blickte ihn an. Lange und schweigend. Die Luft schien vor Hitze zu glühen, als sich ihre Gesichter näherten. Und ohne eine Vorwarnung fasste er den Erbgrafen an der Hüfte und lies seine Lippen mit seinigen verschmelzen.
Alejandro lächelte innerlich. Der erste Schritt war getan.



1 Aus: Dante Alighier's lyrische Gedichte,Übersetzt und erläutert von
Karl Ludwig Kannegießer und Karl Witte. Zweite, vermehrte und verbesserte Auflage, Erster Theil: Text, Leipzig F. A. Brockhaus 1842
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