Die Stadt auf dem Seerosenblatt

GeschichteFantasy / P6
12.03.2019
26.04.2019
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Bei der folgenden Geschichte handelt es sich um ein Märchen, das eigentlich den Umfang eines Romans hätte annehmen sollten, dann aber als Fragment liegen blieb; da ich es jedoch schade um die einst begonnene Geschichte fand, habe ich mich nun entschlossen, Die Stadt auf dem Seerosenblatt in wesentlich kürzerer Form als ursprünglich vorgesehen doch noch zu erzählen und vor allem auch zu vollenden.


Die Stadt auf dem Seerosenblatt


Der goldene Ring


Vor langer Zeit, in jenen längst entschwundenen Tagen, als es noch keine Mobiltelefone gab und dafür in manchen Wohnzimmern noch Schwarzweißfernseher herumstanden, lebte in einem kleinen Ort namens Ulmendorf ein elfjähriger Junge, der Sebastian hieß. Sebastian war ein recht stiller und einsamer Junge, der keine echten Freunde in der Schule hatte; mit seinem Stiefvater und seinem gleichaltrigen Stiefbruder Sven kam er auch nicht besonders gut aus.
Sebastian und Sven waren so verschieden, wie es Jungen ihres Alters nur sein können. Schon äußerlich sahen sie sich kaum ähnlich, denn Sebastian war blond, blauäugig und sehr mager, während Sven zwar auch blaue Augen, aber schwarze Haare und kräftige, muskulöse Arme und Beine hatte. Sven war auch sehr sportlich und spielte Fußball und Tennis; Sebastian dagegen stellte sich immer furchtbar ungeschickt an, wenn er mit einem Ball in Berührung kam. Im Gegensatz zu Sven, der gut mit Hämmern, Sägen und anderen Werkzeugen umgehen konnte, war Sebastian auch handwerklich ungeschickt, was sein Stiefvater, der selbst Handwerker war, ihm übelzunehmen schien; dafür zeigte er sich von den für gewöhnlich hervorragenden Zensuren, die Sebastian aus der Schule mitbrachte, wenig beeindruckt und nahm andererseits keinen Anstoß an den fast immer schlechten Zeugnissen Svens. Sven nahm auch nur selten einmal ein Buch in die Hand, während Sebastian eine ganze Reihe von Büchern besaß, die er (sofern sie ihm nicht von seiner Mutter geschenkt worden waren) aus eigener Tasche bezahlt hatte, da sein Stiefvater immer sehr knausrig war, wenn es darum ging, Sebastian etwas zu schenken, während er längst nicht so genau auf das Geld achtete, wenn Sven einmal einen Wunsch vorbrachte.
Auch in anderen Dingen hatte sein Stiefvater wenig Verständnis für Sebastian. Daß Sebastian Briefmarken sammelte, hielt er für überflüssig, daß Sebastian in seiner Freizeit gern vor sich hin träumte und sich dabei Geschichten ausdachte, hielt er sogar für bedenklich, und wenn Sebastian an manchen Abenden den Mond oder die Sterne mit einem Fernglas betrachtete, fragte er oft: „Was bringt denn das finanziell?“
Sebastians einziger echter Freund war ein alter Mann namens Thomas Schmidt, der ganz in der Nähe ein kleines Haus bewohnte und sich stets freute, wenn Sebastian ihn besuchte. Dann bot er Sebastian fast immer Kuchen an, den er selbst gebacken hatte, und im Sommer durfte Sebastian nach Herzenslust seine Beerensträucher abernten. Da Herr Schmidt ebenfalls Briefmarken sammelte, tauschten sie manchmal auch Marken aus. Außerdem erzählte Herr Schmidt gern Geschichten, die er sich zum großen Teil selbst ausgedacht hatte; manche von ihnen waren lustig, andere eher traurig, einige auch spannend, doch Sebastian hörte sie sich alle recht gern an, zumal Herr Schmidt eine Stimme hatte, die nicht nur angenehm klang, sondern auch sehr wandlungsfähig war: er verstand es, boshafte Kobolde, die auf Schabernack aus waren, hell kichern oder zarte Burgfräulein verängstigte Entsetzensrufe ausstoßen zu lassen. Besonders stolz war er darauf, daß er wie ein Hund bellen konnte, und er bellte tatsächlich so gut, daß die Hunde in der Nachbarschaft empört darauf antworteten.

Eines Morgens wachte Sebastian auf und beschloß, am Vormittag wieder einmal seinen Freund zu besuchen. Es war ein warmer Tag im Juli, und Sebastian hatte Ferien; er konnte also tun und lassen, was er wollte.
Nachdem er sich ein wenig im Bad gewaschen hatte, fuhr Sebastian mit seinen schlanken Beinen in seine kurzen blauen Jeans hinein und zog sich dann ein quittengelbes T-Shirt an; dann ergriff er eines seiner Briefmarkenalben und blätterte darin herum. Sein Blick blieb an einzelnen Marken hängen: auf einer roten Marke für 20 Pfennig war ein Leuchtturm zu sehen, auf einer ebenfalls roten Marke für 60 Pfennig war ein Röntgengerät abgebildet. Über den Wert der einzelnen Marken wunderte er sich manchmal, und dies tat er auch diesmal: denn während ein Weltraumlabor auf einer 40-Pfennig-Marke abgebildet war, kostete eine andere, auf der ein Heizkraftwerk dargestellt war, eine ganze Mark mehr. Ein Weltraumlabor war doch viel interessanter und eindrucksvoller als ein doofes Heizkraftwerk, warum war es dann auf der preiswerteren Marke? Wenn es nach Sebastian gegangen wäre, hätte die Marke mit dem Weltraumlabor die teuerste von allen sein müssen.
Er blätterte weiter zu den Seiten, in denen er ungarische Marken einsortiert hatte, die er früher einmal von einer freundlichen Nachbarin geschenkt bekommen hatte und auf denen „Magyar Posta“ stand. Eine von diesen Marken nahm er heraus, da er Herrn Schmidt fragen wollte, ob er diese Marke besaß; andernfalls würde Sebastian sie ihm schenken.
Er ging in die Küche, trank ein Glas Orangensaft und aß ein wenig; dann brach er auf. Nachdem er die Haustür geschlossen hatte, lief er zur Gartenpforte, wobei er die warmen Wegplatten unter seinen nackten Füßen spüren konnte; Sebastian lief gern barfuß und zog sich während der Sommerferien kaum einmal seine Turnschuhe an.

Während er sich seinem Ziel näherte, war er so vergnügt, daß er am liebsten gepfiffen hätte; nur leider konnte Sebastian nicht pfeifen - dies war eine der wenigen Fähigkeiten Svens, um die er seinen Stiefbruder wirklich beneidete. Als er schließlich das von einem Jägerzaun eingegrenzte Grundstück erreicht hatte, stieß er die Gartenpforte kurz entschlossen auf und eilte zur Haustür, wo er den Klingelknopf drückte. Sebastian wartete eine Weile ab, aber niemand öffnete. Das beunruhigte ihn nicht besonders; vermutlich war Herr Schmidt zur Zeit nicht im Haus, sondern im Garten. Sebastian ging nun hinter das Haus, um dort zu suchen. Er ließ sich Zeit dabei, denn der Weg hinter das Haus führte über einen mit Moos bewachsenen Abschnitt des Grundstücks, auf dem er ausgesprochen gern herumlief; das Moos fühlte sich so angenehm unter seinen bloßen Füßen an.
Sebastian hatte die richtige Vermutung gehabt: er fand Herrn Schmidt schließlich an den Stachelbeersträuchern. Herr Schmidt war ein schlanker Mann mit schütterem, schneeweißen Haar, der mit einem karierten Hemd, grünen Latzhosen und Gartenclogs bekleidet war. Als er Sebastian bemerkte, begrüßte er seinen jungen Gast erfreut: „Hallo Sebastian, wie schön dich zu sehen! Willst du ein paar Stachelbeeren pflücken? Dann bedien dich!“
Einer solchen Einladung konnte Sebastian unmöglich widerstehen. Herr Schmidt besaß zwei Stachelbeersträucher: einen, der rote Beeren trug, und einen, dessen Beeren immer grün blieben - wobei diese sogar noch besser schmeckten, wie Sebastian aus Erfahrung wußte. Er griff sofort zu und begann damit, sich nach Herzenslust mit Beeren vollzustopfen.
Nachdem er ausgiebig von den Stachelbeeren genascht hatte, zog er die Briefmarke aus der Hosentasche seiner Shorts heraus und fragte Herrn Schmidt: „Haben Sie eigentlich schon diese Marke?“
„Ich glaube nicht“, erwiderte Herr Schmidt, der sichtlich erfreut aussah. „Gehen wir doch einfach mal ins Haus und prüfen nach!“
Sie gingen ins Haus hinein; ihr Weg führte sie durch eine Diele, die äußerst schlicht eingerichtet war und in der sie sich nicht lange aufhielten. Das Wohnzimmer war dagegen großzügiger eingerichtet: hier gab es eine schöne Kommode aus Kirschholz, ein Sofa, das möglicherweise ebenso alt war wie Sebastians Gastgeber, einen runden Holztisch, an den vier Stühle angelehnt waren, einen alten Schwarzweißfernseher und einen Schaukelstuhl, der vor dem Fernseher stand; außerdem noch drei Bücherregale. Sebastian ließ gern Blicke über die in diesen Regalen versammelten Bände schweifen, und ab und zu lieh er sich auch mal ein Buch aus. Er wußte, daß Herr Schmidt seine Bücher an sich nur selten verlieh, doch wenn Sebastian gern ein Buch mit nach Hause nehmen wollte, erhob Herr Schmidt nie Einwände.
Herr Schmidt zog nun die oberste Schublade der Kommode heraus, entnahm ihr ein braunes Briefmarkenalbum und unterzog seinen Bestand an ungarischen Briefmarken einer genauen Prüfung. Sebastian betrachtete unterdessen eines der Bücherregale und entdeckte dabei ein Buch mit dem wunderschönen Titel Der Zauberberg.
„Darf ich mir dieses Buch ausleihen?“ fragte er.
Herr Schmidt wandte sich seinem Gast zu, um zu sehen, von welchem Buch Sebastian sprach, und sagte dann: „Oh, da hast du dir eines meiner Lieblingsbücher ausgesucht. Du darfst es dir natürlich ausleihen, allerdings fürchte ich, daß es nicht ganz ist, was du dir darunter vorstellst. Es geht um einen jungen Mann, der seinen Cousin in einem Lungensanatorium besucht, es ist also keine Geschichte, um der es um Zauberer, Feen oder Elfen geht; und es gibt viele lange Sätze darin. Aber du kannst ja gern einmal reinschauen.“
Sebastian mochte Herrn Schmidt auch deshalb so gern, weil er nie sagte: „Dafür bist du noch zu jung“, wie es sonst so viele Erwachsene bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit zu tun pflegten. „Ich nehme es mal mit“, meinte Sebastian und fügte noch hinzu: „Wenn es mir nicht gefällt, bringe ich es Ihnen wieder zurück.“
„Tu das“, antwortete Herr Schmidt und vertiefte sich dann wieder in sein Briefmarkenalbum, bis er zufrieden verkündete: „Diese Marke besitze ich tatsächlich noch nicht. Vielen Dank für dein schönes Geschenk!“
Sie setzten sich anschließend noch eine Weile auf dem uralten Sofa nebeneinander und sprachen über allerlei Dinge, bis sich Sebastian wieder verabschiedete.

Als Sebastian zu Hause eintraf, legte er erst einmal das Buch auf den Tisch in seinem Zimmer; dann begab er sich kurz ins Wohnzimmer und wunderte sich zunächst darüber, daß Sven in der Zeitung las; sein Erstaunen legte sich jedoch, als er bemerkte, daß Sven in den Sportteil vertieft war.
„Hallo Sebastian“, sagte Sven kurz, als er Sebastians Anwesenheit bemerkte, dann wandte er sich wieder dem Bericht über das Wimbledon-Endspiel zu und murmelte dabei: „Diesmal hat McEnroe Connors ja regelrecht plattgemacht...“
Sebastian konnte sich recht gut vorstellen, wie dieser Connors sich dabei gefühlt haben mußte, da er selbst von Sven jedes Mal „plattgemacht“ wurde, wenn er einmal mit seinem Stiefbruder Tennis spielte.
Sebastians Mutter trat ein und begrüßte ihn so herzlich, wie es niemand sonst in der Familie tat. Dann fragte sie: „Wo hast du denn heute früh gesteckt? Warst du wieder bei Herrn Schmidt?“
„Na klar. Ich bleibe jetzt auch gar nicht lange, ich will nachher noch draußen ein wenig spielen.“
„Wo denn?“
„In der Schloßruine.“ Die Schlußruine lag in der Nähe des Stadtrands von Ulmendorf und war bei vielen Kindern ein beliebter Spielplatz.
„Nun gut. Aber denk dran, daß du nicht in die Kellerräume gehen darfst!“ Sein Stiefvater hatte Sebastian ausdrücklich verboten, in den Kellerräume zu spielen, angeblich, weil dies zu gefährlich war; Sebastian glaubte aber, daß er dies in Wirklichkeit nur deshalb getan hatte, weil es ihm Spaß machte, Sebastian irgend etwas zu verbieten.

Sebastian hielt sich nicht lange zu Hause auf, sondern machte sich bald auf den Weg und erreichte schon nach einer knappen halben Stunde die Schloßruine, die gerade dann, wenn man sie vom Süden aus betrachtete (wie es Sebastian im Moment tat), sehr eindrucksvoll aussah.
Zwischen ihm und der Ruine floß allerdings ein Bach gemächlich dahin, dessen Wasser sich kräuselte und dabei im Sonnenlicht glitzerte. Es gab zwar eine Brücke, die auf das gegenüberliegende Ufer führte; diese Brücke war allerdings fast drei Kilometer entfernt, und sie zu überschreiten, hätte für Sebastian einen beträchtlichen Umweg bedeutet. Er tat daher das, was er im Sommer immer tat, wenn er die Schloßruine besuchte: er lief einfach in den Bach hinein, da er wußte, daß das Wasser hier selbst an der tiefsten Stelle kaum mehr als knietief war, so daß er den Bach bequem durchqueren konnte, ohne daß auch nur seine kurzen Hosen dabei naß geworden wären.
In der Ruine selbst war es deutlich kühler als im Freien; am deutlichsten war der Unterschied am Boden zu spüren. Sebastian begab sich in den Westturm, der noch vollständig erhalten war; dabei stellte er sich vor, daß in einem Raum, den er nur „das Zimmer mit der roten Tapete“ zu nennen pflegte, eine schöne Prinzessin von einem scheußlichen Drachen gefangen gehalten wurde. Er ergriff einen Stock, den fraglos irgendein anderer Junge in der Ruine zurückgelassen hatte, fuchtelte heftig damit herum und rief: „Haltet aus, Hoheit! Ritter Sebastian ist schon zu Eurer Rettung unterwegs!“
Er riß die Tür des Zimmers auf und traf erwartungsgemäß den Drachen an, der ebenso rot wie die Tapete war und ein gräßliches Fauchen von sich gab. Schnaubend hob das Scheusal seinen Kopf und riß seinen furchtbaren Schlund auf; der junge Ritter wußte, daß er jetzt schnell handeln mußte, wenn er nicht verbrannt werden wollte. Beherzt stieß er dem Drachen sein Schwert in die Brust, der daraufhin unter heftigen Zuckungen zu Boden stürzte.
Die gerettete Prinzessin floß über vor Dankbarkeit, doch Sebastian verneigte sich nur und entgegnete bescheiden: „Ich habe nur meine Pflicht getan, Hoheit.“
„Oh nein“, erwiderte die Prinzessin. „Ihr habt euch als besondere Belohnung einen Kuß verdient.“
Sebastian spitze seine Lippen, doch plötzlich durchfuhr ihn der furchtbare Gedanke, daß sich noch andere Kinder in der Schlußruine aufhalten könnten - womöglich sogar Kinder aus seiner Klasse. Unruhig sah er sich um, ob irgend jemand ihn gehört oder sogar gesehen hatte, während die Prinzessin verschwand, so wie ein Traum sich nach dem Erwachen auflöst. Zum Glück war er jedoch allein.
Sobald er sich gewiß war, daß er in der Schloßruine allein war, kehrte sein Mut wieder zurück. Sebastian erinnerte sich nun an eine sehr hübsche Murmel, mit der er im vorigen Jahr einmal hier gespielt hatte, die dann aber die Treppe hinuntergekullert war und sich vermutlich immer noch in den Kellerräumen befand, wenn sie nicht inzwischen von einem anderen Kind gefunden und mitgenommen worden war.
Er beschloß auf einmal, seine Murmel zu suchen.
Während er die Treppe hinabstieg, stellte er zu seiner Erleichterung fest, daß es in den unteren Räumen kleine Fenster gab, durch die immerhin soviel Licht hereinfiel, daß er sich dort unten ohne Taschenlampe zurechtfinden würde. Am Ende der Treppe führte ihn sein Weg zunächst mitten durch ein Spinnennetz, das er vorher nicht bemerkt hatte und das nun an ihm klebte. Anschließend lief er mit vorsichtig tastenden Schritten in den düsteren Räumen herum (und war sich nun sicherer denn je, daß es nicht besonders gefährlich war, diese Gewölbe zu betreten); an einer Mauer bemerkte er einen ziemlich zerschlissenen Vorhang aus blauem Samt, dessen Zweck sich ihm nicht so recht erschloß, denn hinter dem Vorhang befand sich ganz offenbar nur graues Mauergestein.
Er fand jedoch keine Spur von seiner Murmel und wollte seine Suche gerade aufgeben, als er bemerkte, daß sich ein winziger Gegenstand unter seinem nackten Fuß befand. Es war nicht seine Murmel, denn diese hätte er viel deutlicher spüren müssen. Trotzdem war er neugierig, und so trat er beiseite und hob das Ding auf, das sich als ein Ring herausstellte.
Ein Ring gehörte nicht gerade zu den Dingen, die überall in großer Menge herumliegen wie Kastanien, Eicheln oder Bucheckern im Herbst es tun. Der Fund eines Ringes war auf alle Fälle etwas besonderes. Da es hier im Gewölbe doch recht düster war, beschloß Sebastian, den Ring die Treppe mit hinaufzunehmen und ihn sich vor der Ruine im Tageslicht etwas genauer anzusehen.
Es war ein goldener und sehr schöner Ring, in den ein kleiner grüner Stein eingefaßt war, der ein wenig funkelte, wenn die Sonne auf ihn fiel. Sebastian fragte sich kurz, ob dies womöglich sogar ein kostbarer Smaragdring war; allerdings kam ihm dies nicht sehr wahrscheinlich vor, denn der Stein sah irgendwie nicht wirklich wie ein Smaragd aus. Während er den Ring betrachtete, spürte er einen immer stärker werdenden Drang, sich diesen an den Finger zu stecken. Schließlich wurde das Bedürfnis so stark, daß er ihm nachgab und den Ring über seinen Finger streifte. Zu seiner eigenen Überraschung gelang ihm das problemlos; er hatte zuvor den Eindruck gewonnen, der Ring wäre zu weit für seinen Finger, doch tatsächlich paßte er wunderbar.
In dem Moment, in dem Sebastian den Ring an seinem Finger spüren konnte, geschah etwas seltsames: eine Zuversicht, wie er sie kaum einmal in seinem Leben verspürt hatte, durchströmte ihn, und er hatte plötzlich das Gefühl, daß ihm fast alles gelingen könnte.
Als er den Ring wieder abzog, verschwand dieses Gefühl sofort, stellte sich aber von neuem ein, als er ihn ein weiteres Mal an den Finger steckte. Sebastian hatte immer mehr den Eindruck, daß es wirklich ein ganz besonderer Ring war, den er soeben gefunden hatte. Er zog ihn wieder ab und verstaute ihn in seiner Hosentasche, denn er wollte ihn nicht unbedingt Sven zeigen, und seinem Stiefvater schon gar nicht.
Dafür beschloß er, am nächsten Tag Herrn Schmidt zu besuchen und ihm dabei seinen Fund zu zeigen.
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