Sünde

OneshotRomanze, Schmerz/Trost / P16
Meliodas
10.03.2019
10.03.2019
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Die Sonne ging langsam unter und färbte den Himmel in einem tiefen gold-orangefarbenen Ton. Die schweren Wolken, die ein Gewitter in der Ferne ankündigten, zeichneten sich mit einem dunklen grauviolett deutlich von der warmen, hellen Farbe des Hintergrunds ab, fast so, als wollte der Himmel sie loswerden. Ihnen vermitteln, dass sie nicht in das idyllische, scheinbar perfekte Bild passten.

Zwei Tage.

Er wandte den Blick vom Himmel ab und bereitete seinen Körper darauf vor, von dem tief hängenden Ast, auf dem er saß, hinunter zu springen, hielt jedoch im letzten Moment noch einmal inne und hob den Kopf noch einmal. Das, was zuvor ein Ausdruck von vielleicht bedauernder Gleichgültigkeit in seinen grünen Augen gewesen war, verwandelte sich für einen Moment in ehrliche, reine Niedergeschlagenheit und Trauer.

Zwei Tage waren bereits vergangen.

Morgen würde er zum achtundfünfzigsten Mal zusehen, wie Elizabeth starb.

Aus den Augenwinkeln konnte er im schwächer werdenden Licht den Griff seines Schwertes auf seinem Rücken erkennen, als er den Kopf ein Stück zur Seite drehte. Der rote Stein flackerte, als besäße der Drache tatsächlich so etwas wie Leben in sich. Dieser Anblick schaffte es, Meliodas etwas abzulenken.

Es wäre das letzte Mal.

Das war es wenigstens, was er sich einzureden versuchte.

Vielleicht war er einfach zu dumm oder zu blind, um die Wahrheit zu akzeptieren, aber kein rationales Denken und keine Erfahrung der Welt hätten ihm die Hoffnung nehmen können bei dem Gedanken daran, dass der Fluch seine Wirkung verlieren würde.

Es tut mir leid, Elizabeth.

Er hatte ihr versprochen, dass er den Fluch brechen würde, und jetzt sah es ganz so aus, als ob er dieses Versprechen nicht halten könnte. Doch der Gedanke daran, auf ewig in diesem Kreislauf festzustecken, machte ihn verrückt. Und schließlich…

Elizabeth würde normal weitermachen, richtig?

Ohne jemanden, in den sie sich in jeder Form wieder verliebte.

Ohne jemanden, der sie irgendwann gewollt oder ungewollt daran erinnerte, wer sie wirklich war.

Ohne jemanden, der sie beschützte…

Unwillig schob Meliodas den letzten Gedanken beiseite. Ohne ihn würde Elizabeth in ihren Menschenleben jemand anderen finden, einen Menschen, in den sie sich verlieben könnte, und einen Menschen, der sie beschützen würde.

Diese Vorstellung tat weh, doch noch schlimmer war der Gedanke an die endlosen Jahre und Kreisläufe, die noch vor ihm lägen, und die Male, an denen er noch einmal die Frau, die er über alles liebte, sterben sehen würde.

Meliodas schloss kurz die Augen, bevor er endgültig vom Ast hinunter auf den Boden glitt und sich von seinem neuen Standpunkt aus noch einmal umsah.

Die Welt wirkte so friedlich.

Meliodas blinzelte, als er etwas Warmes, Nasses auf seiner Hand spürte. Über die Innenseite verliefen einige klare, feine Kratzer, aus denen zu dunkles Blut auf den Boden tropfte. Er sah zur Seite. Es war ihm überhaupt nicht aufgefallen, dass er die Fäuste so fest geschlossen hatte, dass seine Fingernägel in das Fleisch seiner Handflächen eindringen konnten.

Dabei gab es doch keinen Grund, Angst zu haben, oder?

Schließlich würde Elizabeth dieses Mal nicht allein sterben.

***


Über Nacht waren die Wolken weiter zu ihnen gezogen. Der Himmel war ein Meer aus allen Grautönen und der Geruch nach Regen lag in der Luft.

Meliodas passte dieses Wetter ganz gut. So war er allein auf diesem Hügel am Waldrand nahe der Siedlung, in der Elizabeth lebte.

Wie lange er schon auf der den Häusern abgewandten Seite des Hügels mit den Armen hinter dem Kopf verschränkt im kühlen Gras lag und in den dunkler werdenden Himmel blickte, wusste Meliodas nicht ganz. Er hatte kein Zeitgefühl mehr.

Eine Stimme in seinem Kopf redete auf ihn ein, dass er endlich aufstehen sollte und zur Siedlung gehen, Elizabeth noch einmal sehen und in ihren letzten Momenten bei ihr sein. Doch er musste nicht einmal dagegen ankämpfen. Mit jedem Atemzug, der verging, wuchs das Gefühl, dass er unmöglich noch einmal zu den Menschen, zu Elizabeth gehen könnte. Siebenundfünfzig Bilder schossen an seinen Augen vorbei, siebenundfünfzig Tode, die er seine geliebte Elizabeth bereits hatte sterben sehen.

Er wollte das nicht noch einmal erleben, egal, was das bedeutete.

Bitte vergib mir. Es tut mir so leid.

Meliodas richtete sich auf und griff nach seinem Schwert, das neben ihm lag. In seiner Hand fühlte es sich kalt und rau an. Er zögerte kurz.

Alle seine Herzen… mit einem einzigen Schwert?

Leicht wäre es ganz bestimmt nicht, aber auch nicht unmöglich. Einmal zerstört könnten sich seine Herzen nicht regenerieren, und dieses Schwert war keine normale Waffe. Der Griff war ein Teil des Dämonensiegels und die Klinge besaß Fähigkeiten, die Meliodas selbst noch nicht ganz kannte. Wenn ihn irgendetwas töten könnte, dann wäre es dieses Schwert.

Der Fluch würde nicht brechen. Aber wenigstens könnte Elizabeth als Mensch glücklich werden.

Er hatte sich auf eine Flut an Gedanken, Erinnerungen und Emotionen eingestellt, doch als er die Klinge des Drachenschwerts an seine Brust setzte, dort, wo eines seiner Herzen sein musste, war sein Kopf vollkommen leer. Der Schmerz, als er es durch seine Haut drückte, war heftiger als erwartet und er keuchte unwillkürlich auf. Nicht...

Ob sein Herz zerstört war, konnte Meliodas nicht bestimmen. Alles in seinem Körper war dieser scharfe Schmerz und alles in seinem Kopf eine leise Stimme, die immer wieder die gleichen Worte wiederholte. Weiter… beeil dich.

Ohne die Klinge richtig herauszuziehen, was in einem blutigen Schnitt quer über seiner Brust resultierte, setzte er zu seinem zweiten Herz an.

Alles, was Meliodas einen Hinweis darauf gab, wie viel Zeit womöglich schon vergangen war, war die Stimme, die ihn weiterhin zur Eile antrieb. Und selbst hier war er sich nicht sicher, ob er ihren Erwartungen gerecht werden konnte. Das Gras um ihn herum hatte sich von seinem Blut dunkel gefärbt, mit jedem Herz schien seine Kraft etwas nachzulassen. Nach dem fünften Stich glitt ihm der Drachengriff kurz aus den Händen und Meliodas schaffte es nicht, ihn rechtzeitig aufzufangen. Das Schwert fiel zu Boden.

Es war das erste Mal, dass der Dämon einen Moment innehielt. Er wusste, dass die Verzögerung Auswirkungen auf die magischen Kräfte in dieser Klinge haben könnte, die magischen Kräfte, die ihm die Hoffnung machten, vielleicht doch sterben zu können, doch in diesem Augenblick brachte er die Kraft nicht auf, das Schwert aufzuheben und seine letzten beiden verbliebenen Herzen endgültig zu zerstören. Für diesen Moment saß er einfach nur da und hörte dem Geräusch seines aus seinem Körper fließenden Blutes zu, während die Welt vor seinen Augen immer wieder schärfer und unschärfer wurde.

Als er das Gefühl hatte, wieder genug Kraft aufbringen zu können, um sein Vorhaben zu beenden, griff er wieder nach dem Drachenschwert. Diesmal war sein Verstand völlig leer, nicht einmal die Stimme schaffte es noch, zu ihm durchzudringen, als er die Klinge ein sechstes Mal durch seinen Körper stieß. Der Schmerz fühlte sich dumpf und entfernt an, als wäre es überhaupt nicht mehr sein eigener Körper, der verletzt wurde.

Nur noch eines.

Blut sammelte sich in seinem Mund und er hustete. Seine Hände zitterten, als er die Klinge diesmal ganz aus seinem Bauch herauszog und sie an die Stelle setzte, wo sich sein letztes Herz befand. Er schloss die Augen. Das wäre dann wohl der Moment der Wahrheit. Und dabei wusste er nicht einmal, ob er den Schmerz spürte, als das Schwert in sein Fleisch schnitt, oder ob es eine der anderen Verletzungen war. Aber was bedeutete das jetzt sowieso noch?

„M-meliodas?“

Die leise, vertraute Stimme war es, die Meliodas’ Sinne zurückkehren ließ. Er öffnete die Augen, und obwohl seine Sicht immer noch unklar und verschwommen war, konnte er einige Schritte entfernt von ihm Elizabeth erkennen, die ihn mit erschrocken geweiteten Augen ansah. Augen, in denen in beiden das Symbol der Göttinnen zu erkennen war.

„Du…“ Meliodas hustete, mehr Blut spritzte auf den Boden. Die Klinge löste sich aus der siebten Verletzung, die vielleicht nicht einmal tief genug gewesen war, um sein Herz überhaupt zu erreichen. Das kreischende Meer in seinem Kopf, das er eigentlich während seines Selbstmordes erwartet hatte, setzte nun ein. Tausend Dinge, die er zu Elizabeth sagen könnte, schossen durch seine Gedanken, doch keines von ihnen blieb lang genug, als dass sein vernebelter Verstand es hätte begreifen können.

Elizabeth schien es ähnlich zu gehen. Sie sah sich einmal kurz nach beiden Seiten um, dann machte sie einige Schritte auf Meliodas zu. „Nicht sprechen… bleib ruhig, ja?“ Sie senkte den Blick und starrte einige Sekunden lang wie hypnotisiert seinen blutverschmierten Körper an. „Ich… kann das heilen.“

Ohne selbst ganz zu wissen, woher er diese letzten Kräfte nahm, stand Meliodas auf. Seine Beine zitterten, doch er schaffte es, so stehen zu bleiben und die Hand mit dem Schwert ein Stück zu heben, sodass die Klinge auf die junge Frau vor ihm zeigte.

Er würde Elizabeth niemals verletzen.

Nicht einmal in Dämonengestalt, ohne Kontrolle über seine Emotionen, Kräfte und Verstand, hatte er ihr je wehgetan. Er liebte Elizabeth über alles, und unter keinen Umständen der Welt würde er sie in Gefahr bringen oder angreifen.

Aber irgendwie musste er sie in diesem Zustand davon abhalten, seine Wunden zu heilen.

„Bitte…“ Elizabeth legte eine Hand auf die Klinge und Meliodas wich zurück. Für einen Sekundenbruchteil gaben seine Beine nach, doch er schaffte es, sich noch zu fangen.

„…tut mir leid, Elizabeth…“ Seine Stimme klang brüchig und tonlos, doch in ihm fanden sich noch genug Lebensgeister, um weiter zu sprechen. „Ich weiß, dass ich dir versprochen habe…“ Er brach abrupt ab und hustete. „…versprochen habe, dass ich diesen Fluch breche, aber vielleicht… ist es ja so das Beste…“

„Ganz bestimmt nicht!“ Meliodas glaubte sehen zu können, wie sich Elizabeths Augen mit Tränen füllten. „Wo soll das denn bitte das Beste sein? Wenn du glaubst, dass ich dich hier einfach sterben lasse-“

Was dann passierte, geschah viel zu schnell, als dass Meliodas hätte rechtzeitig erfassen und verstehen können, was gerade vor sich ging.

Elizabeth hob eine Hand und helle Funken bildeten sich in der Luft, die sich bald zu einer kleinen Kugel sammelten.

Ark...

Ein zu heftiger Angriff damit würde ihn töten, das war Meliodas genauso bewusst wie Elizabeth. Doch das hier war viel zu schwach, als dass es größere Auswirkungen auf seinen körperlichen Zustand haben könnte. Allerdings würde es Elizabeth vermutlich sehr wohl genug Zeit verschaffen, um wenigstens einen Teil seiner Verletzungen zu heilen…

Meliodas schloss die Augen vor dem Licht und hob das Schwert höher, um Elizabeths Ark damit wenigstens teilweise abzuwehren.

Und dann wurde es plötzlich still.

Das grelle Licht, das auch seine geschlossenen Lider nicht ganz hatten fernhalten können, verschwand. Verwirrt und vielleicht auch etwas unsicher öffnete er die Augen wieder.

Er wünschte sich nicht, dass er sie geschlossen gehalten hätte.

Er wünschte sich nicht, dass er überhaupt nie dieses Schwert gehoben hätte.

Er wünschte sich nicht, dass Elizabeth ihm an diesem Tag nicht begegnet wäre.

Sein Kopf, nein, die ganze Welt um ihn herum, alles war vollkommen leer.

Meliodas stand immer noch zitternd auf dem Hügel, die rechte Hand mit dem Drachenschwert ausgestreckt. Das Schwert, das in Elizabeths Brust steckte.

Ein metallisches Geräusch ließ die Zeit wieder einsetzen, als die Klinge zerbrach. Scheinbar hatte die magische Waffe dem Ark doch nicht standgehalten.

Elizabeth brach zusammen und auch Meliodas ging auf die Knie, weniger seiner Verletzungen wegen. Der körperliche Schmerz war vergessen.

Wie war das möglich?

Mit aufgerissenen Augen starrte er Elizabeths leblosen Körper an. Er… er hatte sie doch noch nie verletzt! Wie hatte das nur geschehen können?

Das war ich.

Der Gedanke wiederholte sich in seinem Kopf, immer wieder, und mit jedem Mal schien er ein klein wenig lauter zu werden.

Elizabeth ist tot… ich habe sie getötet.

Zum achtundfünfzigsten Mal sah er ihren toten Körper vor sich, doch daneben die blutverschmierten Überreste der zerbrochenen Drachenklinge.

Drei Tage waren vergangen.

Elizabeth war gestorben.

Aber so… Vielleicht war es der Schock darüber, was er getan hatte, vielleicht war es der Blutverlust, der Meliodas endgültig hinfallen ließ, den Drachengriff immer noch in der Hand.

Ob es nur der Wind in den Bäumen war, der sich in seinem langsam dunkler werdenden Bewusstsein wie Worte anhörte, wusste Meliodas nicht, doch es kam ihm vor, als würde er eine vertraute Stimme hören. „Gut gemacht, Meliodas. Ich wusste, dass das früher oder später passieren wird.“

„Wa-“ Der Versuch zu einer Antwort endete in einem erstickten Geräusch, als sich sein Mund wieder mit Blut füllte. Meliodas hustete. „Was soll das heißen?“

Irgendwo zwischen den dunklen Wolken bildete sich eine gigantische Silhouette. „Wie lange hast du noch vor, dieses Spiel weiterzuführen? Du hast es gesehen. Das hier ist deine Natur.“

Natur?

Meliodas wollte den Kopf drehen, wollte Elizabeth ansehen, doch er schaffte es nicht, die Bewegung zu Ende zu führen.

Das ist meine… Natur? Aber das...

Noch einmal spürte Meliodas, wie sich Blut in seinem Mund sammelte, doch er bewegte sich nicht. Der Glanz wich aus seinen Augen, als sein letztes, noch nicht vollends zerstörtes Herz langsam immer schwächer wurde. Das Blut bahnte sich seinen Weg von seinem Mundwinkel über seine Wange auf den Boden.

Auch, wenn es meine Natur ist...

Die Silhouette verschwand, falls sie überhaupt je da gewesen war. Meliodas’ Sicht wurde unscharf und er versuchte zu blinzeln, doch es fühlte sich plötzlich so an, als würde irgendeine größere Kraft seine Augenlider nach unten drücken.

Ich habe die Frau, die ich über alles liebe, verletzt...

Der Griff seiner rechten Hand, mit der er immer noch das Drachenschwert festhielt, wurde lockerer. Er schaffte es, die Augen noch einen Spalt weit zu öffnen, doch alles, was er sah, war die dunkle, in sich verschwimmende Wolkenmasse. Irgendwo in der Ferne ertönte der erste Donner.

Es ist… eine Sünde. Ich hätte sie beschützen müssen.

Er kämpfte nicht mehr dafür, die Augen offen zu halten. Stattdessen ließ er zu, dass sie sich langsam schlossen und ihn in Dunkelheit hüllten, Dunkelheit, die Meliodas begrüßte wie noch nie zuvor.

Es ist… meine Sünde.

Mit dem ersten Regentropfen, der auf dem Boden aufkam, wurden die Muskeln in seiner Hand endgültig schlaff. Sein letztes Herz hörte endgültig auf zu schlagen, hier, neben Elizabeth und dem Drachenschwert mit der abgebrochenen Klinge.
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