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nostra itinera

von Skillz
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Han / Han Jisung Lee Know / Lee Minho
10.03.2019
12.04.2020
38
116.205
32
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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31.01.2020 3.827
 
Chan setzte die Flasche in die Mitte von unserem Kreis und lächelte. ,,Seht das nicht nur als Spiel an, sondern auch als neues Kennenlernen.” Er hockte sich im Schneidersitz hin und nickte Jeongin zu. ,,Ausnahmsweise fängt der Jüngste an.”

Angesprochener beugte sich nach vorne und drehte die Glasflasche, ehe sie vor Seungmin zum Stehen kam. ,,Wahrheit oder Pflicht?”, fragte er.

Der andere überlegte kurz und entschied sich für Wahrheit.

Daraufhin kratzte sich Jeongin am Kopf. ,,Oh man, ich bin so schlecht, wenn es um so etwas geht”, meinte er lachend, aber auch etwas verlegen.

,,Macht nichts. Wir können uns auch zusammen was überlegen”, meinte Woojin.

Daraufhin grübelten alle ein wenig, doch scheinbar schien niemand wirklich kreativ zu sein. Wir redeten ohnehin recht viel in der Gruppe, zumindest war das so gewesen, bevor alles ein einziges Chaos geworden war.

Vielleicht animierte uns Chan genau deswegen zum Spielen? War allerdings schwierig abzuschätzen, welche Fragen im ,,grünen Bereich" lagen.

Letztendlich schnippte Jeongin mit den Fingern. ,,Was war dein früherer Berufswunsch?”

Seungmin blinzelte. ,,Das ist ja eine langweilige Frage”, mokierte er, schmunzelte dennoch, ,,Ich habe früher davon geträumt, Baseballspieler zu werden. Ich habe schon von klein auf viel gespielt.”

,,Und wieso hast du das dann nicht weiter verfolgt?”, hakte Jeongin nun doch neugierig nach.

Seungmin sog scharf die Luft ein und wandte den Kopf zur Seite. ,,Nur eine Frage ist erlaubt”, wich er aus und drehte die Flasche, bevor man sich weiter erkundigen konnte.

Als Nächstes erwischte es Felix, der Pflicht wählte. Seungmin tippte auf seinem Handy und gab es anschließen Felix. ,,Das hier ist ein koreanisches Gedicht. Du musst eine Brücke machen und das ganze Gedicht vorlesen.”

,,Ist das ein Spiel oder eine Schulstunde?”, murmelte Felix, aber eine wirkliche Wahl hatte er ja nicht, weswegen er sich schlichtweg ergab und die Pflicht erfüllte. Gegen Ende war sein Kopf ganz rot, aber er schaffte es trotzdem.

,,Du bist extrem flexibel”, merkte Hyunjin an, ,,Das ist echt beeindruckend.”

,,Kommt vom Taekwondo, schätze ich”, antwortete Felix daraufhin geschmeichelt und drehte die Flasche.

Es wurden unschuldige Fragen gestellt wie ,,Was ist dein Lieblingskuchen?” und ,,Welches Tier wärst du am liebsten?”, genauso wie weiterhin lustige Pflichten gegeben wurden, sodass zum Beispiel Changbin einmal einen Handstand gegen die Wand machen und dabei durch einen Strohhalm ein ganzes Glas Wasser trinken durfte. Oder Jeongin musste drei Bücher auf seinem Kopf stapeln und fünf Runden um den Couchtisch laufen (was er mit äußerster Bravour meisterte).

In der Zwischenzeit hatten wir uns auch kleine Snacks geholt, damit die Unbeschäftigten was zu knabbern hatten.

,,Ich nehme Pflicht”, sagte Hyunjin, nachdem die Flasche ihn auserkoren hatte.

Changbin überlegte eine ganze Zeit lang. ,,Oh, ich weiß was. Sing’ Jisungs Highnote im zweiten Pre-Chorus aus Hellevator.”

Hyunjin hob die Augenbraue an. ,,Du willst mich wohl umbringen.” Trotzdem räusperte er sich und begann, zu singen. Wie zu erwarten, kratzte er bei der Highnote ziemlich ab und hörte auf, bevor es schlimmere Folgen für seine Stimmbänder gäbe.

Derweil lachte sich Jisung scheckig, weil er es scheinbar sichtbar genoss, wie Hyunjin scheiterte.

Der andere grinste ihn daraufhin nur an und es entstand wieder ein klammes Gefühl in meiner Magengegend. Ich zog die Knie an und schlang die Arme um meine Beine.

,,Wir spielen schon seit mehr als einer halben Stunde”, stellte Hyunjin mit Blick auf sein Handy fest, ,,Wird Zeit, die Unschuldsrunde zu verlassen.” Mit diesen eher mysteriösen Worten ließ er die Flasche kreisen, welche wieder auf Felix landete.

,,Okay, ich habe keine Lust nochmal Pflicht zu wählen”, seufzte Felix, ,,Ich nehme Wahrheit.”

,,Mit wem von uns würdest du am liebsten Körper tauschen?”

Die Frage war überraschend und um Einiges kreativer als die Vorherigen, weswegen Felix sich Zeit nahm, darüber in Ruhe nachzudenken. ,,Ich glaube, Chan Hyungs. Weil er so fit ist.”

Daraufhin lachten alle und Chan kratzte sich am Kopf.

,,Also nur für meinen Körper. Wie oberflächlich." Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht.

Ein paar Runden verstrichen, bis ich an der Reihe war, zu drehen. Es traf Chan. Ich beschloss, mich Hyunjin anzuschließen und von den Standardfragen der harmlosen Runde abzuweichen, sobald der Leader Wahrheit wählte. Ich wählte die Klassiker-Frage schlechthin.

,,Bist du verliebt?”

Chan, der gerade etwas trank, verschluckte sich prompt und hustete sich die Seele aus dem Leib. Sein Gesicht wurde schlagartig rot, während er das Glas absetzte und etwas unruhig hin und her wippte.

,,Also das zählt ja glatt als ein Ja”, neckte Hyunjin, woraufhin Chan nur eine seiner Locken zwirbelte, bis er realisierte, dass das seine Nervosität umso offensichtlicher machte.

,,Vielleicht”, meinte er relativ schüchtern, bevor er lachte, trotzdem mit einem Hauch Unsicherheit.

Möglichst unauffällig linste ich zu Woojin, der sich jedoch leise mit Jeongin unterhielt, als ginge ihn das Ganze überhaupt nichts an. Wahrscheinlich tat ihm der Gedanke, dass es jemand anderes sein könnte als er, schlichtweg weh. Aber er war echt gut darin, das alles zu überspielen.

Möglicherweise hätte ich auch einfach direkt fragen sollen, in wen Chan verliebt sei, aber ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass ich Bestätigung erhalten könnte.

Chan gab in der nächsten Runde Jisung als Pflicht, jeden einmal aus der Runde zu kuscheln.

Als er bei mir ankam, sahen wir uns kurz in die Augen. Er hatte einen etwas entschuldigenden Blick, was ich wiederum komisch fand. Es war nämlich meine Schuld gewesen, weil ich nur Stuss geredet hatte. Unsere Auseinandersetzung war nur wenige Stunden her, aber ich vermisste ihn bereits.

Er zog mich in eine flüchtige Umarmung und mied Augenkontakt, da ihm die Situation sichtbar unangenehm war.

Nach dem nächsten Drehen deutete der Flaschenkopf auf Woojin. ,,Tja, die letzten Runden wurde häufiger Wahrheit gewählt. Ich hebe die Pflichtquote an", meinte er verschmitzt.

Jisung tippte sich ans Kinn und linste für einen Moment zu mir herüber.

Ich hob die Augenbrauen an. Irgendwie erschien es mir, als würde er kommunizieren wollen.

,,Küsse einen Member deiner Wahl für drei Sekunden auf die Wange."

Stille kehrte in der Runde ein.

Indes konnte ich aus dem Augenwinkel erkennen, dass Chans Gesicht nahezu Feuer fing. Da konnte er es noch so gut verstecken wollen.

Ich schluckte schwer. Also dachte Jisung auch, dass Chan insgeheim in Woojin verschossen war. (Gut, wahrscheinlich dachte das jeder in dieser Runde.) Und weil er die Vorlage hatte, dass Chan verliebt war, nutzte er das, um das Fass zum Überlaufen zu bringen.

Seltsamerweise spürte ich eine Art Verbundenheit zwischen uns, denn sowohl er als auch ich schienen die beiden in die ,,richtige" Richtung schubsen zu wollen.

Woojin nahm die Aufgabe gelassen hin und stand auf, ging ein paar Schritte und ließ sich wieder auf den Boden sinken.

Es könnte eine harmlose Aktion sein, aber sie war wahnsinnig irritierend - denn er saß unmittelbar vor mir.

,,No homo", meinte er und grinste mich an.

In jeder anderen Situation hätte ich gelacht, doch gerade war ich schlichtweg irritiert.

Er lehnte sich nach vorne und legte die Lippen auf meine Wange.

Laut zählten die anderen bis Drei, woraufhin er wieder abließ.

Alle starrten ihn danach wie gebannt an.

,,Was denn?" Woojin schnalzte mit der Zunge. ,,Ich habe nur meine Aufgabe erfüllt."

Chan war nun ganz ruhig. Man konnte anhand seines Ausdrucks erahnen, dass er damit gerechnet hatte, geküsst zu werden. Eigentlich hätte er sich auch direkt ein Schild mit dem Schriftzug Ich bin verknallt in Kim Woojin. umhängen können. Es hätte absolut keinen Unterschied mehr gemacht.

,,Mal sehen, wer als Nächster dran ist", fuhr Woojin locker fort und griff an die Flasche.

Ich hielt mir in Verwirrung die Wange und sah ihn an. Mir war bewusst, dass er mich gewählt hatte, weil wir uns am nächsten standen, wir uns vertrauten und er das tun konnte, ohne dass es im Anschluss komisch zwischen uns werden könnte. Allerdings war die gesamte Lage bizarr, da ich nicht verstand, warum er die Pflicht bei mir erfüllt hatte anstatt bei Chan, obwohl das DIE Gelegenheit gewesen wäre.

Anhand von Jisungs Gesichtszügen konnte ich sehen, dass auch er sich das ganz anders vorgestellt hatte.

Chan stand wortlos auf und flüchtete nahezu aus dem Zimmer.

Perplex  schauten sich alle gegenseitig an, während Jisung und ich wissende Blicke austauschten.

,,Stimmt etwas nicht mit ihm?”, fragte Jeongin besorgt.

,,Ganz offensichtlich”, murmelte Seungmin, woraufhin wieder ein seltsames Schweigen entstand.

,,Woojin, geh’ ihm hinterher”, meinte ich.

Schwer seufzte Angesprochener. Man merkte, dass er deutlich mit sich rang, ehe er sich erhob und Chan tatsächlich folgte.

,,Sieht wohl so aus als wäre die Runde beendet.” Seungmin erhob sich und gähnte. ,,Vielleicht sollten wir dann schlafen gehen.”

Es dauerte nicht lange, bis sich die Runde auflöste und die meisten in ihren Zimmern verschwanden.

Vielleicht war es etwas komisch, aber die Spannung zwischen Jisung und mir schien nun ein wenig aufgehoben.

Zumindest rutschte er über den Boden zu mir heran und legte die Arme um meinen Hals. ,,Tut mir leid.”

Ich schüttelte den Kopf. ,,Dir muss es nicht leidtun. Ich muss mich entschuldigen.” Ich sah ihn sanft an. ,,Aber mir ist kalt. Lass uns vielleicht erst mal ins Bett gehen.”





Chan saß auf dem Dach und starrte auf einen unsichtbaren Punkt in der Luft.

Es war mittlerweile ziemlich dunkel, aber die Lichter der Stadt erleuchteten die Nacht. Der Wind hier oben zeigte Erbarmen und wehte nicht sonderlich oft, war aber kalt genug, um ihn zum Frösteln zu bringen.

Seine blassen Wangen waren bereits gerötet und er umschlang den eigenen Körper, in der Hoffnung, sich irgendwie ein wenig vor der Kälte zu schützen.

,,Du wirst noch krank.”

Er schloss die Augen und atmete in einem langen Zug aus. Irgendwie hätte er damit rechnen müssen, dass ihm Woojin hinterher ginge. Ob er jetzt froh darüber war oder nicht, konnte er selbst nicht wirklich beurteilen.

Auch als der andere sich neben ihn setzte, visierte er diesen ach so interessanten imaginären Luftpunkt. Kurz darauf spürte er, wie ihm etwas um die Schultern gelegt wurde, weswegen er den Kopf doch zu ihm drehte.

Woojin hatte um sie beide eine Decke geschlungen und rückte dementsprechend dicht heran, sodass ihre Oberschenkel sich aneinander drückten.

Verlegen wollte Chan abrücken, unterließ es jedoch, sobald nochmals eine Böe aufkam.

,,Ich verstehe dich nicht”, fing Woojin an, zu sprechen.

Beschämt senkte Chan den Kopf. ,,Ich mich auch nicht.”

Schwer seufzte Woojin und legte den Kopf in den Nacken, blickte gen Himmel, an dem man leider Gottes keine Sterne erkennen konnte, weil die Stadtlichter zu hell waren.

,,Scheinbar mag ich es nicht, wenn du andere … küsst”, entkam es Chan drucksend.

,,Aber wenn ich dich küssen will, dann verkloppst du mich mit einer Gitarre.” Man hörte aus Woojins Stimme ein amüsiertes Lächeln heraus.

Ruckartig drehte sich Chan zu ihm um. ,,Das war doch keine Ab…” Er realisierte, wie nah sein Gesicht an Woojins war, so nah, dass ihre Nasen fast zusammen stießen, woraufhin er sich wieder schnell abwandte. ,,...sicht.”

Die seltsame Atmosphäre hielt weiterhin an, aber Woojin ergriff trotzdem die Initiative, indem er die Hand auf Chans Oberschenkel legte und sich nach vorne beugte, ganz dicht an ihn heran kam.

Chan spürte bereits den Atem auf seinen Lippen und drehte in einer minimalen Bewegung den Kopf zur Seite, aber die Geste reichte als Ablehnung.

Woojin wich jedoch nicht zurück, sondern hielt nur inne, blickte Chan direkt an. Sein Atem war flach. Man hörte ihn kaum.

Erst nach etlichen Sekunden realisierte Chan, dass die Unterlippe seines Gegenübers zitterte.

Ein fast schmerzlicher Laut entkam Woojins Mund, ehe er die großen Hände auf Chans Schulter ablegte und den Kopf senkte.

Mehrmals blinzelte Chan, saß nun wie versteinert da.

Es war das erste Mal, dass er Woojin wirklich verzweifelt sah. Normalerweise war er gefasst, aber nun erkannte Chan, wie nahe die Situation dem anderen ging.

In seinen Augenwinkeln bildeten sich Tränen, doch hatte er keinen Mut, sie freizulassen. Er hob die von der Kälte betäubte Hand und legte sie unter Woojins Kinn, hob es an und sah ihn mit sanften Augen an.

Sie verharrten ein bisschen so, spürten nur den Atem des jeweils anderen auf ihrer kalten Haut.

Chan kräuselte die Lippen leicht, ehe er sich vorbeugte und sie auf die von Woojin presste.

Der war zu langsam, um zu reagieren. Bevor er auch nur ansatzweise erwidern konnte, lehnte sich Chan wieder zurück. Er hatte sogar die Augen geschlossen und schien das nachwirkende Gefühl zu genießen. Woojin fand es süß, wie seine Augenlider leicht flatterten und er die Lippen noch immer leicht gespitzt hatte. Als wäre er ganz überwältigt.

,,Jetzt verwirrst du mich wirklich”, hauchte er, woraufhin Chan die Augen öffnete.

Der geriet daraufhin in leichte Panik. ,,Sorry! Sorry, ich … oh mein Gott”, murmelte er und wollte abrücken, vergaß, dass sie beide noch in die Decke eingewickelt waren, weswegen er nach hinten fiel und Woojin direkt mit zog, sodass sie schlussendlich in einem Knäul da lagen.

Zum Glück hatte sich Woojin rechtzeitig abfangen können, weswegen er die Hände links und rechts von Chans Kopf abgestützt hatte. ,,Wieso entschuldigst du dich denn?”

Chan schlug sich die Hände vors Gesicht. ,,Man, ich bin so blöd. Als hätten wir nicht schon genug Probleme.”

Und Woojin verstand. Er setzte sich auf und zog Chan an beiden Händen zu sich. ,,Du musst das alles nicht alleine machen, Chan.”

Noch immer verlegen spielte Chan nun am Zipfel der Decke. ,,Ja, ich weiß. Aber es ist nur so viel und ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Und du machst alles nur noch schlimmer.”

Woojin runzelte die Stirn, musste aber schmunzeln. ,,Tut mir leid?”

Chan winkte umso peinlich berührter ab. ,,Nein, so meinte ich das nicht, sondern … Scheiße, ich weiß gar nicht, wie ich das sagen soll.”

Der Bang Chan hatte Probleme damit, sich passend auszudrücken? Das war durchaus ein Spektakel für sich.

,,Du musst gar nichts sagen”, erlöste Woojin ihn von seinem Gestotter und zog ihn provokanterweise auf seinen Schoß.

Chans Wangen waren nun nicht mehr nur rot von der Kälte, aber er wehrte sich nicht.

,,Geh' einfach mit dem Flow.”

Nun prustete er doch. ,,Mit dem Flow? Wenn schon, bin ich der Rapper von uns beiden.”

,,Ich wette, dass ich mit der Zunge genauso geschickt umgehen kann wie du.”

Von diesem Kommentar geschockt schlug Chan ihm reflexartig gegen die Brust. ,,Woojin!”

,,Was? Die Kinder sind nicht da. Ich kann sagen, was ich will”, entgegnete Woojin frech und schlang die Arme um Chans Hüfte. ,,Weißt du, ab und an solltest du so richtig schön egoistisch sein.” Er küsste seine Wange, quasi eine Art Wiedergutmachung für die Pflicht, die er vorhin ausgeführt hatte.

,,Es ist okay, Chan. Wir tun nichts Verbotenes.”

Daraufhin nickte Chan nur, konnte keinen Ton mehr sagen, weil seine Kehle nahezu ausgetrocknet war. Er spielte mit Woojins Haaren und rutschte unruhig auf dessen Schoß hin und her, noch immer etwas überfordert mit dem Übertreten all dieser Grenzen, die er sich einmal selbst gesetzt hatte.

Woojin erlöste ihn von dieser Anspannung, indem er ihn dieses Mal küsste. Zuerst sanft, beruhigend und dann immer hitziger, bis die beiden nicht mehr die Finger voneinander lassen konnten, ihre Lippen sich nahezu lechzend gegeneinander bewegten als hätten sie nur auf diesen einen Moment hingearbeitet. Als gäbe es nur diese eine Chance.

Trotz des Windes wurde es warm unter der Decke, aber Woojin zog sie umso dichter um sie, damit die Wärme auch bewahrt bliebe. Ansonsten war er vollkommen damit beschäftigt, Chan für sich zu beanspruchen und scheute überraschenderweise nicht davor zurück, die Berührung auszuweiten, indem er den anderen versuchte, in einen Zungenkuss zu verwickeln.

Chan war sichtlich überfordert, da er mit einem derartigen Wandel nicht gerechnet hatte. Sonst war Woojin ruhig und zurückhaltend, allerdings sah es nicht so aus als hätte der länger Lust darauf, dieses Image zu pflegen. Zögerlich ließ er sich darauf ein und schob die Schuldgefühle möglichst beiseite, küsste Woojin irgendwann nicht mehr nur, sondern atmete ihn nahezu ein, wollte so viel wie möglich von ihm haben und für sich behalten.

Aus Luftmangel lösten sie sich irgendwann.

Während Woojin mit dem Daumen über Chans geschwollene Unterlippe fuhr, wanderte seine Hand über den starken Rücken bis hin zum Gürtel, bevor er diesen geschickt öffnete.

Warm atmete Chan gegen seinen Finger und krallte die Hände in Woojins Oberschenkel. In seinen Augen befand sich ein tiefer See, dunkel, aber dennoch mit klarem Wasser, weil er bewusst handelte, bewusst atmete, bewusst Gedanken festsetzte. Und er hatte mehr denn je das Verlangen die ganze Erfahrung, die er in diesen 21 Jahren verpasst hatte, nachzuholen, von aller Verantwortung abzulassen und rein nach Gefühl zu agieren.

Woojin hatte gerade mal die Fingerkuppen unter seinen Hosenbund gesetzt, als sie Schritte vernahmen.

Eine Sekunde dauerte es, bis die Alarmglocken in ihren Köpfen schrillten.

Unter Getuschel und sich verhakenden Beinen sowie Armen setzten sie sich wieder ordentlich hin und bedeckten ihre Körper so gut wie möglich mit Decken, damit der geöffnete Gürtel im Verborgenem bliebe.

Es war Changbin, der aufs Dach getreten war.

,,Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich nochmal ins Studio gehe. Hab’ dort meinen Laptop vergessen. Du arbeitest hier weiter?”

Chan nickte und besprach kurz und bündig mit seinem Freund, wie sie sich die Arbeit aufteilen wollten. Kurz darauf verschwand Changbin auch wieder.

Anschließend räusperte Chan sich und machte mit klammen Fingern seinen Gürtel wieder zu. ,,Ja, dann muss ich wohl wieder an die Arbeit, hm?” Er lächelte verklemmt und erhob sich mit wackeligen Beinen.

Kurz dachte Woojin, dass alles auf Reset gesetzt wäre. Dass die letzten fünfzehn Minuten quasi gelöscht werden würden. Dass Chan weiterhin abweisend bliebe und sich einzig und allein seiner Arbeit widmen würde. Dass Woojin noch immer bei jeder Trainingseinheit mit ein paar Metern Entfernung Chan stumm bewundern müsste.

Aber als der Jüngere ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange gab, bevor er verschwand, wusste Woojin, dass sich in Zukunft wohl doch einiges ändern würde.








Es gab nichts Schöneres als Jisung im Arm zu halten, während er gegen meine Halsbeuge atmete. Es war warm und verursachte ein angenehmes Kribbeln, fast als läge eine Wärmflasche auf meinem Bauch.


Wir befanden uns in meinem Zimmer, weil Woojin und Chan nicht da waren und ich nicht alleine sein wollte, unter anderem aus Angst vor meinen Albträumen.

,,Es ist komisch”, flüsterte Jisung, ,,Woojin und Chan sind nicht mal zusammen. Aber ihre Liebe ist so … erwachsen. Und tollpatschig.”

,,Was meinst du damit?”, wisperte ich und strich mit der Hand durch sein Haar.

,,Die Art, wie sie miteinander umgehen. Sie sind wie der Schatten des jeweils anderen. Wenn Chan etwas macht, dann ist Woojin bei ihm, um ihn zu unterstützen. Wenn Woojin etwas macht, dann steht Chan im Hintergrund, aber beobachtet ihn ganz genau. Sie sind selbstständig, voneinander isoliert. In den richtigen Momenten sind sie allerdings … Eins.”

So wie Jisung redete, verstand ich plötzlich, wieso er Musik schrieb. Es war nicht nur bloßes Business. Es war seine Art, seine verworrenen und zugleich Sinn machenden Gedanken preiszugeben.

,,Chan hat nur Angst”, murmelte er und setzte sich auf, damit er mich ansehen konnte, ,,Ziemlich unfair, nicht?”

,,Er hat es sich ausgesucht, Leader zu sein”, gab ich zu Bedenken, ,,Er weiß, welche Opfer er bringen muss. Vielleicht findet er sich deswegen damit mehr oder weniger gut ab.” Nicht, dass es dadurch automatisch gerechtfertigt war, dass er sich ständig Schuld auflud, Verantwortung trug und nie mehr als fünf Stunden in der Nacht schlief.

Jisung zumindest schien zu verstehen, auf welche Art ich es meinte, und nickte daher nur. ,,Das hört sich vielleicht böse an, aber ich bezweifle, dass das zwischen den beiden lange halten wird.”

Dagegen konnte ich nicht einmal großartig etwas einwenden. Zwar kannte ich Chan noch nicht so lange wie Jisung, allerdings hatte ich bereits gemerkt, dass oftmals bei ihm sein Verantwortungsbewusstsein überwog, geplagt von Perfektionismus und dem Drang, für jeden da zu sein, während niemand ihn hielt. Außer Woojin.

Aber wie lange das Chan noch zuließe, war die andere Frage.

,,Und glaubst du, dass das zwischen uns halten wird?”, fragte ich noch immer mit gesenkter Stimme. Wahrscheinlich waren wir paranoid dafür, dass wir uns die ganze Zeit derartig leise unterhielten, aber die Wände waren auch nicht sonderlich dicht und eine schäbige Holztür konnte auch nicht unbedingt viel dämpfen.

,,Was ist das denn genau?”, stellte Jisung die Gegenfrage und deutete mit der Hand zwischen uns beiden hin und her.

Ich zuckte leicht mit den Schultern. ,,Alles, was du willst.”

,,Bin ich nicht zu kindisch für eine Beziehung?” Ein wenig amüsiert schmunzelte Jisung.

Ich seufzte leise. ,,Du bist jünger, aber ich bezweifle, dass du weniger an Lebenserfahrung als ich hast.”

Jisung wollte sich als dumm darstellen, aber ich hatte diese Masche schon längst durchschaut.

Nachdenklich fuhr er mit dem Zeigefinger Muster auf meiner Brust. ,,Ich hätte das vorhin nicht so runterreden sollen. Was du erreicht hast, meine ich. Du warst immerhin lange Zeit Backup-Tänzer. Muss auch anstrengend gewesen sein. Ich hatte wenigstens relativ von Anfang an meine Freiheiten.”

,,Jisung, du musst uns nicht vergleichen. Dein Leben und mein Leben sind gleichwertig. Also hör’ auf damit.” Ich strich ihm eine Haarsträhne hinters Ohr.

Manchmal verstand ich ihn wirklich nicht. Mal war er fröhlich, mal war er extrem nachdenklich. Seine Stimmungen erlebten des Öfteren 360 Grad Wendungen und stellten alles auf den Kopf. Zwar hatte ich immer gedacht, dass wir uns gut verstanden, aber das sagte offensichtlich nichts darüber aus, wie gut wir uns im Endeffekt kannten.

,,Du tanzt ja schon ziemlich lange. Warst du auch an Wettbewerben beteiligt?”

Ich nickte. ,,Hm ja, ich war mal mit meiner Crew auf einer Audition zu World of Dance.”

Daraufhin weitete Jisung die Augen. ,,Wow, das ist ja krass. Du hast dich scheinbar auch viel herumgetrieben.”

Ich lächelte etwas belustigt. ,,Ach, eigentlich wollte ich einfach nur tanzen und hab die Gelegenheiten genutzt, die sich ergeben haben.”

Jisung schwang sein Bein über meine Hüfte, sodass er auf mir liegen konnte. ,,Und so nebenbei bist du mal eben Trainee geworden.”

,,Ja, warum nicht? Wenn man gerade nichts Besseres zu tun hat”, scherzte ich herum.

Tatsächlich hatte ich mir nie viele Gedanken darum gemacht, ob etwas richtig war oder nicht. Ich tat es einfach. Und wenn es nichts für mich war, dann wechselte ich eben.

Möglicherweise war das ein Unterschied zwischen uns: Während Jisung viel nachdachte, handelte ich impulsartig. Nicht im Sinne von übereilig, sondern nach Eingebungen. Sobald sich eine Chance zeigte, ergriff ich sie, dachte selten ein zweites Mal darüber nach, ob mich das langfristig erfüllen könnte. Ansonsten käme ich nie zu etwas, weil ich zwar ehrgeizig, aber nicht immer fokussiert war.

,,Könntest du dir einen anderen Beruf als Idol vorstellen?”, fragte Jisung.

Ich nickte. ,,Sicher. Es gibt Hunderte von Möglichkeiten. Das ist eine davon.” Ich neigte den Kopf zur Seite. ,,Du etwa nicht?”

Jisung schüttelte den Kopf. ,,Zumindest keine komplett andere Nische. Ich will weiter Songs produzieren und sowohl rappen als auch singen.” Ein verlegenes Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit.

,,Weißt du, ich glaube, dass ich im letzten Leben Künstler war. Deswegen habe ich mich in diesem Leben für die Musik entschieden.”

So ganz wusste ich nicht, was Jisung damit meinte, aber er wirkte so verträumt, dass ich nichts sagte und ihm diesen Gedanken ließ.

,,Okay, Picasso.” Ich knuffte ihn, ,,Lass uns aber langsam schlafen gehen.”
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