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nostra itinera

von Skillz
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Han / Han Jisung Lee Know / Lee Minho
10.03.2019
12.04.2020
38
116.205
32
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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25.12.2019 3.876
 
Das erste Mal seit Ewigkeiten trainierten wir wieder in gepflogener Manier. Jeongin durfte unter Schonung mitmachen. Nachdem er und Chan beim Arzt gewesen waren, war sein Sportverbot aufgehoben worden. Da er sich die Tage zuvor so gut ausgeruht hatte, war seine Verletzung erstaunlich gut verheilt, allerdings durfte er sich natürlich trotzdem nicht überanstrengen.

,,Das war gut, Leute. Zehn Minuten Pause und danach üben wir nochmal den Anfang mit der Dance Break”, orderte Chan an, ,,Die Formation war etwas off.”

Jisung nahm seine Wasserflasche und trank einen Schluck daraus, ehe er an der Schulter angetippt wurde.

Mit etwas ernsthaftem Blick stand Hyunjin ihm gegenüber. ,,Ji, wir müssen reden.”

Ein wenig skeptisch schob Jisung seine Hand weg. ,,Meinetwegen. Aber nur, wenn du aufhörst, mich ,Ji’ zu nennen.”

Daraufhin verdrehte Hyunjin die Augen, allerdings war ihm anzusehen, dass er ein Lächeln unterdrücken musste.

Draußen angekommen lehnte sich Jisung an die Wand und verschränkte die Arme. ,,Also, spuck’s aus.”

Lange fuchtelte Hyunjin nicht ums Thema herum, sondern kam direkt auf den Punkt.,,Ich habe den Instagram-Beitrag gesehen.”

,,Welcher Instagram-Beitrag?”

,,Der von Minho und dir.”

Kurz weiteten sich Jisungs Augen in Verwirrung. Warum sollte Hyunjin ihn auf so etwas ansprechen?

Sofort spannen sich irgendwelche komischen Gedankengänge in seinem Kopf zusammen, angefangen damit, dass Hyunjin ihn eventuell aufziehen wollte oder dass er insgeheim eifersüchtig war und nun hier stand, um doch seine Liebe kundzutun?

,,Was kümmert es dich?”, giftete er nun ein wenig zurück.

Hyunjin runzelte die Stirn. ,,Ich mache mir Sorgen. Die Ketten, die ihr tragt?” Er machte ein Schnittbewegung mit einem imaginären Messer durch seine Kehle. ,,Jisung, wenn Chan das herausfindet … Wenn JYP das herausfindet, dann haben wir ernsthafte Probleme.”

Verlegen griff Jisung an seine Kette griff und spielte ein wenig daran herum. ,,Was kümmert es dich?” Nach wie vor fühlte er sich ein wenig … unsicher. Was wollte Hyunjin von ihm?
,,Weil es sonst unsere ganze Gruppe affektiert?”, stellte Hyunjin die rhetorische Frage, ,,Ich verstehe, dass ihr euch mögt und es schwierig ist, aber … manchmal muss man sich einfach zurückhalten.”

,,Ja? Niemand sagt dir, dass du dich zurückhalten musst”, provozierte Jisung ihn und schürzte die Lippen.

,,Was?”, hakte Hyunjin nach, ,,Also soll ich zu Seungmin und ihm meine Liebe hier und jetzt gestehen?”

Darauf trat Stille ein, in der Jisung ihn beinahe fassungslos anschaute. Seine Hände zitterte, als er realisierte, dass er absolut nichts mehr hier verstand.

,,Ich dachte, dass du …”

,,Dass ich dich mag?”

Daraufhin verschluckte sich Jisung fast an seinem Speichel. ,,Woher-”

,,Seit ich mit Chan gesprochen habe, verhältst du dich ganz anders. Es hat ein wenig gedauert, bis ich es verstanden habe, aber dann war mir klar: Du hast unsere Konversation belauscht.” Ein wenig nachdenklich ging Hyunjin den Gang auf und ab, während er den Boden fixierte.

Nun bereute Jisung all die Male, in denen er Hyunjin als dumm bezeichnet hatte, denn verdammt, den Jungen konnte man wirklich nicht eben mal verschaukeln.

,,Ja, okay”, gab er zu und vermied Hyunjins Blick, ,,Ich verstehe es nur nicht. Ich wusste nicht, dass du und Seungmin ...”

,,Oh was? Nein, ich wollte dich nur schocken”, meinte Hyunjin lachend, ,,Man, dich kann man echt leicht verarschen.”

Nun rollte Jisung mit den Augen und trat Hyunjin spielerisch gegen das Schienbein. ,,Ich versteh es trotzdem nicht. Wenn du scheinbar niemanden magst, dann …”

Und da unterbrach Hyunjin ihn bereits wieder. ,,Jisung, ich mag dich, aber nicht so, klar?”

Diese Worte musste Jisung erstmals verarbeiten, ehe er die Stirn runzelte und ihn verständnislos anschaute. ,,Das macht noch immer keinen Sinn. Wieso greifst du mich dann so an?”

,,Das wollte ich nie. Es war eigentlich nur das Necken und du hast es ernst genommen. Ab da … habe ich es scheinbar auch ernster genommen.” Er legte die Hand in den Nacken und plusterte die Wangen auf. ,,Ich hatte wahrscheinlich Angst, dass du mich nicht leiden kannst, deswegen wollte ich dir zuvorkommen. Um mich zu schützen.” Vorsichtig legte er die Hand auf Jisungs Schulter. ,,Du bist großartig, weißt du das? Das ist so frustrierend und beeindruckend. Ich wusste einfach nicht, wie ich damit umgehen sollte, so gerne mit dir befreundet zu sein, während ich gleichzeitig Konkurrenz wollte.”

Überrascht blickte Jisung zu ihm auf und formte mit seinem Mund ein kleines ,,o”, ehe er fast peinlich berührt lächelte. ,,Also ist mein Tanzen gar nicht so schrecklich?”

,,Du vergisst oft die Schritte”, erwiderte Hyunjin, woraufhin Jisung ihn ein wenig muffelig anschaute. Leise lachte er. ,,Aber du bist ein toller Tänzer.”

Erneut trat seltsame Stille ein, in der jeder seinen eigenen Gedanken nachhing.

,,Und was tun wir jetzt?”, fragte Jisung.

,,Keine Ahnung … Ich denke nur, dass du nochmal mit Minho reden solltest.”

,,Aber den Instagram-Beitrag zu löschen, wirkt nur noch verdächtiger.”

Hyunjin tippte sich ans Kinn. ,,Das stimmt auch wieder … Hey, vielleicht fällt mir auch was ein. Dann können wir nochmal darüber reden.”

,,J-Ja, klar.” Nun grinste Jisung doch breit. Er konnte noch immer nicht fassen, auf was für komische Weise sich diese Rivalität zwischen ihnen nahezu in Luft aufgelöst hatte. Obwohl er noch immer misstrauisch war. Denn an sich war es doch wohl kaum möglich, diese Differenzen ohne Weiteres einfach aus dem Weg zu räumen, oder?

Möglicherweise hatten sie diesen riesigen Streit zwischeneinander doch wirklich gebraucht, um mal wirklich unter Schock gesetzt zu werden.

,,Hyunjin, wenn ich irgendwas für dich tun kann, dann sag’ mir Bescheid.”

Der Größere tippte sich ans Kinn und legte einen demonstrativ nachdenklichen Ausdruck. ,,Schreib’ einen Liebessong, den ich Seungmin vorsingen kann.” Er grinste und wuschelte sich durchs eigene Haar.

Jisung blickte ihn belustigt an. ,,Weißt du, so wie du rum scherzt, glaube ich tatsächlich, dass was an der Sache dran ist.”

Hyunjin machte eine wegwerfende Handbewegung und prustete. ,,Ja, genau. Wer’s glaubt.” Er nickte in Richtung Tür. ,,Jetzt lass uns rein gehen, bevor Chan uns wieder die Hölle heiß macht.






,,Leute, guckt euch das mal an!”, rief Seungmin und hielt das Handy in die Höhe.

,,Du solltest vielleicht in den Journalismus übergehen, falls wir die Survival-Show vermasseln”, meinte Changbin, woraufhin er ein paar Lacher erntete.

Seungmin verdrehte die Augen. ,,Du kannst dich gerne melden, wenn du sinnvolle Beiträge hast”, murrte er, ,,Twitter ist gerade voll am Spinnen. Es hat was mit unserem letzten Instagram-Beitrag zu tun.”

,,Aber der letzte Beitrag war ein Selfie von mir”, meinte Chan verwirrt und griff nach Seungmins Handy.

,,Nein, es gab einen neuen Post”, erklärte der und überließ dem Leader sein Handy.

Ein wenig skeptisch scrollte Chan durch und weitete dann die Augen. ,,Oh … sh-” Als er aufsah und direkt mich fixierte, sank mir das Herz in die Hose und ich wusste, dass Jisung und ich in Schwierigkeiten stecken mussten.

,,Hä, was ist denn los?”, fragte Jeongin.

Mittlerweile checkten auch andere Member ihre Handys und ich konnte nicht widerstehen und musste auch an mein Smartphone.

Seungmin hatte in der Zwischenzeit sein Handy wieder von Chan bekommen und hatte ein paar Tweets an alle gesendet.

Ich klickte einen der Posts an und spürte in der nächsten Sekunde, wie ein kalter Schauer über meinen Rücken lief. Es gab sowohl einige koreanische als auch englische Posts, wobei die Englischen derzeit scheinbar mehr Likes hatten.

Look at this! MinSung has matching chains, so cute!

Guys, I found out that their chains are actually created for couple. It has the symbolism auf opening the heart of the other. It is a sign for trust.


Darunter waren oftmals herangezoomte Bilder des Posts, der die Anhänger unserer Ketten zeigte. Manche Tweets hatten sogar als Vergleich aus dem Internet die Ketten herausgesucht mit der Beschriftung couple chains, genauso wie deren Beschreibung.

Schwer schluckte ich und packte das Handy wieder weg.

Alle starrten entweder Jisung oder mich an.

,,Ich glaube, wir müssen reden”, meinte Chan seufzend.

,,Hach, das ist eine lustige Geschichte!", meinte Jisung und grinste breit, bevor er laut lachte. Einen Ticken zu laut.

Niemand lachte mit. Denn es war kein Stück lustig.

Das schien auch Jisung zu bemerken, woraufhin er die Schultern hängen ließ. ,,Wieso guckt ihr so? Ist es denn so überraschend, dass wir verliebt sind?"

Ich hätte nicht gedacht, dass er es so direkt formulieren würde. Es war keine Sache, über die man mal nebenbei sprach. Zumal ich keine Ahnung hatte, was die anderen überhaupt davon hielten, dass sich zwei Jungs mochten.

Schwer schluckte ich und ließ meine Augen unruhig hin und her wandern, kaute auf der Innenseite meiner Wange und wusste nicht wirklich, wohin mit mir und diesem unfassbaren Gefühlschaos.

Am liebsten hätte ich jetzt etwas gegessen. Weil mir nichts Besseres einfiel. Weil ich wenigstens für kurze Zeit all diesen Mist vergessen könnte. Weil das die Möglichkeit war, zu entfliehen.

Ich blieb stumm und merkte erst nach ein paar Sekunden, dass Jisung scheinbar eine Bestätigung von mir wollte. Ich nun von meiner Seite aus zugab, was ich empfand.

Doch was genau empfand ich?

Vor lauter Furcht vergaß ich beinahe all die Schmetterlinge in meinem Bauch, die er hervorrief. Stattdessen entstand dort ein tiefes schwarzes Loch, das alles an Kummer verschlingen wollte.

Bevor irgendjemand etwas sagen konnte, erhob Chan die Stimme wieder: ,,Es ist okay. Das alles sind nur Gerüchte." Er schloss die Augen und musste sich scheinbar selbst kurz wieder beruhigen. Er hatte einen extrem ernsthaften Ausdruck auf dem Gesicht: die Mundwinkel etwas nach unten gezogen, die Stirn gerunzelt, die Augen zu Schlitzen verengt.
,,Und das zwischen euch ist auch okay, solange ihr es verheimlicht vor JYP und es vor allem die Gruppe nicht betrifft, klar?"

Jisung und ich schauten uns an, ehe wir beide automatisch nickten. Ich dachte dabei nicht einmal sonderlich viel. Alles zog an mir gerade wie ein Schleier vorbei.

,,Dann trainieren wir weiter", beschloss Chan und klatschte in die Hände. Nahezu war es surreal, wie schnell das Thema abgehandelt worden war.

Und das taten wir auch. Nur war es merkwürdig von der Stimmung her. Jeder schien ein wenig abgedriftet zu sein. Sogar Chan, was man daran merkte, dass er kaum Fehler der anderen ansprach, sondern einfach weiter machte mit dem Training.

Ich fühlte mich schrecklich. Einmal mehr wurde die Harmonie der Gruppe geschädigt. Und es tat einfach nur noch weh.

Jisung konnte mich kaum ansehen und das war ihm nicht einmal zu verübeln. Nur ich war irgendwie das Gegenteil und musste andauernd zu ihm herüber linsen. Ich hatte keinen blassen Schlimmer, wie ich es schaffte, dieses Training zu überstehen, ohne größere Fehler zu machen. Mein Kopf drehte sich andauernd um die Reue, diesen Post gemacht zu haben, aber ich hatte wirklich nicht gedacht, dass die Leute so ausrasten könnten, wegen ein paar Ketten.

,,Das reicht für heute”, beschloss Chan und trank einen Schluck aus seiner Wasserflasche, ,,Sollen wir heute Abend was Entspanntes machen? Einen Spieleabend oder so?” Er klang gegen Ende immer zögerlicher, wahrscheinlich weil er sich fragte, ob das überhaupt eine gute Idee war.

Dennoch stimmten wir zu.

Daher machten wir uns fertig, duschten auch hier, weil es mehr Platz gab, und kehrten anschließend zurück nach Hause.

Viele zogen sich dort dann nochmal in bequemere Klamotten und verteilten sich auf die Zimmer, um nach möglichen Spielen zu suchen. Wir fanden unter anderem Uno, Jackstone und sogar Twister.

,,Wieso haben wir diese Spiele nie benutzt?”, fragte Jeongin verwundert und zog aus dem Schrank eine Schachtel ,,Mensch, ärgere dich nicht” heraus.

,,Wahrscheinlich haben wir über ihre Existenz vergessen, seit wir so fokussiert auf …” Hyunjin hielt inne. Scheinbar fiel ihm auf, dass man nur schwer sagen konnte, dass alle nur aufs Training fokussiert seien, denn das war alles, aber nicht wahr.

,,Chan hat hauptsächlich die Spiele angesammelt über die Jahre, die er hier war”, erklärte Woojin, der soeben das Zimmer betreten hatte, ,,Und sie dann hier verstaut, weil er nicht alles bei uns im Zimmer aufbewahren kann.” Er kniete sich hin und zog eine Kiste unterm Bett hervor, wo nochmal ein paar Brettspiele drin waren. ,,Manches hat er auch geschenkt bekommen von Gruppen, die ohne ihn debütiert haben.”

Daraufhin entstand eine gewisse Spannung im Raum.

Woojin stand auf. ,,Sorry, ich wollte die Stimmung nicht versauen”, entschuldigte er sich und nickte mit dem Kopf in Richtung Wohnzimmer, ,,Kommt, lasst uns doch raus gehen.”

Hyunjin, Jeongin und Woojin verließen das Zimmer, während Jisung auf dem Bett sitzen blieb.

Ein wenig unsicher kam ich auf ihn zu und hockte mich neben ihn. Ebenso zögerlich legte ich meine Hand auf seine und umschloss sie. ,,Ist alles in Ordnung?”

Langsam hob er den Kopf an und blickte mir ins Gesicht. ,,Kann jemals irgendetwas wieder in Ordnung sein?”

Überfordert blinzelte ich. ,,Ja, sicher. Wenn wir es durch die Survival Show geschafft haben.”

Jisung atmete hörbar aus. ,,Wie lange werden wir es danach durchhalten? Ich kann nicht ewig meine Gefühle verstecken.”

,,Die anderen wissen doch jetzt Bescheid”, hielt ich dagegen und runzelte die Stirn.

,,Nein, ich meine vor der Öffentlichkeit. Andauernd wird uns eine Kamera ins Gesicht geschoben und ich weiß nicht, wie …” Er brach ab und rückte ein Stück von mir weg.

Schweigsam saß ich da. ,,Ich weiß auch nicht, wie das klappen soll.”

,,Also willst du Schluss machen?”

Ich wurde ganz ruhig und zog meine Hand zurück. ,,Und was ist mit dir?”

Jisung schnalzte mit der Zunge. ,,Man, das war ein Test!”, echauffierte er sich, ,,Um zu gucken, wie viel dir daran liegt. Ich will natürlich nicht, dass wir Schluss machen.” Verzweifelt sah er mich an. ,,Wenn du nicht daran glaubst, dann funktioniert das von vorneherein nicht.”

Das Schlimme an der Situation war, dass ich verstand, dass ich nicht einmal an mich glaubte. Wie sollte ich nur ansatzweise dann an ein ,,uns” glauben? Wenn ich ständig strauchelte und versagte. Egal, wie oft ich aufstand, es war irgendwie ständig zum Scheitern verurteilt.

Jisung schloss die Augen, kniff sie kurz darauf zusammen und biss sich auf die Unterlippe. ,,Du kannst es jetzt sagen.”

Mein Blick verweilte auf seinem Gesicht und ich bekam einen traurigen Ausdruck. In diesem Moment wirkte er fragil. Dieser fröhliche, aufgedrehte Junge war zurückgetreten.

Stattdessen sah man das Innenleben. Es war chaotisch und verworren, ein wenig erbärmlich vielleicht. Lechzend nach dem Leben, während er es abstieß.

Und ich realisierte, dass es mir nichts ausmachte. Dabei hatte ich gedacht, ihn so sehr wertzuschätzen, weil er das Gegenteil von mir war. Die Sonne, die fröhlich strahlt und immer lacht, sich nichts anhaben lassen kann und schneller handelt, als sie denkt.

Es hatte so viel Sinn ergeben. Ich war der Mond und Jisung meine Sonne, zwei Kontraste, die zusammenpassten.

Doch ihn so zu sehen, minderte dieser Anschwall an Wärme in meiner Magengrube und das Kribbeln und Zucken in meinem Brustkorb nicht im Mindesten.

Vielleicht waren die Gefühle zu Jisung so stark, weil wir uns irgendwo und irgendwie ähnlich waren.

Der Mond ist immerhin nicht nur der Mond, sondern wird von der Sonne angestrahlt.
Deswegen … passte es.

,,Minho, entweder du sagst es jetzt oder …”, murmelte Jisung und krallte die Finger im Bettlaken fest.

Ein wenig beschämt senkte ich den Kopf. ,,Okay. Ich liebe dich.”

Stille.

Jisung hielt inne und schlug die Augen auf. ,,Das habe ich nicht gemeint.”

,,Das war aber das, was ich sagen wollte.” Mir war die Situation peinlich, weswegen ich aufstand, aber Jisung griff nach meiner Hand, zog sich daran hoch und schlang die Arme um meinen Oberkörper, legte den Kopf in den Nacken und schaute mir direkt in die Seele.

,,Minho, ich bin sehr verliebt in dich. Aber …”

,,... du liebst mich nicht.”

,,Das weiß ich nicht. Schließ’ es nicht aus.” Er fuhr mit der Hand in meinen Haarschopf. ,,Ich bin nur ein dummer Teenager.” Ein wenig amüsiert lächelte er. ,,Und ich will nicht so schnell erwachsen werden. Ich habe Angst davor, 20 zu werden.”

Aber das war genau die Grenze, die uns trennte. Sie hatte mich bis dato nicht gestört, aber jetzt tat sie es.

,,Dann hättest du mich vielleicht nicht küssen sollen”, raunte ich.

,,Gehört es nicht zum Teenagerdasein, sich den Weg zur Liebe zu bahnen? Kann man nicht einfach verliebt und glücklich sein? Warum muss man denn so viel über alles nachdenken?”, stellte er die Gegenfrage.

,,Weil das Leben nicht unendlich ist, Jisung. Es nagt ständig an dir und verfolgt dich, lauert hinter allen Ecken, nur um dich an deinen tiefsten Punkten zu erwischen. Du bist so gefangen in deinen Gedanken und siehst keinen schönen Ausblick mehr.” Es war vielleicht doch falsch gewesen, ihm so etwas wie Liebe zu beichten. ,,Das Leben kann nicht immer im Moment stattfinden. Manchmal hat der Mensch an dieser zeitlichen Begrenzung zu leiden voller Dinge, die er bereuen könnte, kapier’ das doch endlich!” Ein wenig zerknirscht war ich schon.

Plötzlich redeten wir scheinbar aneinander dermaßen vorbei, obwohl wir vor wenigen Sekunden noch auf einer Wellenlänge kommuniziert hatten.

War das wieder der Altersunterschied? Ich wusste es nicht.

Jisung bekam einen leidenden Ausdruck. ,,Ich habe das schon lange kapiert, bevor du überhaupt ins Entertainment gekommen bist. Ich stecke hier fest seit ich fucking 14 Jahre alt bin. Als du noch Backup-Dancer warst, habe ich schon eigene Musik produziert, also erzähl’ mir nichts von ,Das Leben kann so grausam’ sein, klar?” Ich merkte, dass er nun doch die Tränen unterdrückte. Es war überhaupt überraschend, mit was für einer festen Stimme er sprechen konnte. ,,Das erste Mal in meinem Leben habe ich eine Gruppe voller Leute, die so ticken wie ich, die das lieben, was ich liebe und ich werde das im Moment genießen. Das kann mir niemand wegnehmen.” Und damit ließ er von mir ab, um ins Wohnzimmer zu gehen.

Seungmin fing die vier Steine auf und schüttelte sie ein wenig in seiner Hand. Dabei blieb seine Miene konzentriert. Dann warf er alle fünf in die Luft und fing sie sogleich wieder alle ein.

Daraufhin ging ein Johlen durch die Gruppe und die Member klatschten begeistert.

Es war beeindruckend, welche Fingerfertigkeit Seungmin besaß, nur leider blieb kaum Platz in meinem Kopf, um das großartig zu bewundern.

Ich stand auf und trottete in die Küche, um mir etwas zu trinken zu holen. Kaum hatte ich mir mein Glas am Becken eingefüllt, hörte ich Schritte hinter mir. Irgendwo hoffte ich, dass es Jisung war, damit ich mich direkt entschuldigen wollte, aber es war wohl logisch, dass er mich mied.

Ich drehte mich um und schaute Woojin an. ,,Wieso bist du nicht draußen bei den anderen?”

,,Dasselbe könnte ich dich fragen”, meinte er und lächelte.

,,Hab’ mir nur was zu trinken geholt”, antwortete ich lahm und trank fast demonstrativ einen Schluck.

Woojin kam näher auf mich. ,,Ich wollte mich entschuldigen. Diese Kettenidee war einfach nur blöd von mir. Das alles wäre dann gar nicht passiert.” Tief atmete er durch. ,,Ich dachte seltsamerweise, dass es der Gruppe helfen würde, wenn es bei euch glatt liefe.”

Nun war das gegenteilige Ergebnis herausgekommen, aber Woojin war der allerletzte, den man für irgendetwas beschuldigen konnte, also warum sah er mich nur so reuevoll an?
,,Ich war unvorsichtig”, hielt ich dagegen, ,,Du trägst keine Schuld.”

Woojin raufte sich die Haare. ,,Doch, irgendwo schon. Ich hatte fast gehofft, dass die Ketten zeigen, was abgeht. Nur nicht in ... so einem großen Umkreis.”

Mit einem riesigen Fragezeichen sah ich ihn an.

,,Chan hat schon lange geahnt was abgeht und sich Sorgen gemacht. Ich dachte, wenn es herauskäme, dann wäre alles besser, weil es das Gemeinschaftsgefühl stärkt. Nur war mir klar, dass ihr es weiterhin verheimlichen wollt und …” Er brach ab, merkte scheinbar, dass er viel zu viel redete, gerade für seine Verhältnisse.

Ich stellte das Glas ab und legte die Hand auf die Schulter. ,,Woojin, danke für deine Hilfe.”

Perplex sah er mich an. ,,Was?”

,,Du machst dir solche Sorgen, dass du dir hinterrücks irgendwelche abenteuerlichen Pläne ausdenkst, damit es leichter für uns wird, während du selbst in Stress gerätst.” Breit lächelte ich ihn an. ,,Wirklich. Danke.”

Man sah ihm wirklich an, wie Erleichterung über ihn fegte.

,,Aber ist es nur die Gruppe? Oder hat es auch was mit Chan zu tun?”, hakte ich nach und hob die Augenbraue an.

Woojin wurde rot.

Das war das erste Mal, dass ich ihn erröten sah.

,,Ich mache mir Sorgen um ihn, weil er immer so viel Last zu tragen hat. Ich greife ihm halt unter die Arme”, flüsterte er und kratzte sich verlegen am Kopf. Leise lachte er. ,,Es macht keinen Sinn, sich drumherum zu reden, was?”

Bestätigend nickte ich.

,,Gut, ich mag ihn.” Er räusperte sich. ,,Sehr”, hing er kleinlich an.

Breit grinste ich, weil ich das doch extrem süß fand. Und es zeigte mir auch: Es war nicht schlimm, einen anderen Jungen zu mögen. Es war nicht falsch, einen anderen Jungen zu mögen. Es war auch nicht ekelhaft, einen anderen Jungen zu mögen. Es war nur … anders. Aber nicht minder schön.

,,Und wann willst du es ihm sagen?”

Er schlug mehrmals mit den Augen auf. ,,Sagen? Ich kann das doch nicht sagen.”

,,Warum denn?”

,,Er hat zu viel um die Ohren und … naja, er erwidert meine Gefühle auch nicht.” Man merkte, dass ihm das Thema naheging an der Art, wie er nun stand.

Ich konnte seine Zweifel nachvollziehen. Zu den typischen Problemen kam hinzu, dass Chan wirklich vielbeschäftigt war. Wahrscheinlich hatte er nicht einmal Zeit, über so etwas nachzudenken.

,,Aber das kann man ja nie endgültig wissen, wenn man nicht nachfragt.”

Woojin schluckte. ,,Ich …”

Leicht neigte ich den Kopf zur Seite. ,,Was?”

,,Ich habe versucht, ihn … zu küssen”, murmelte er, ,,Keine Ahnung, ich weiß, dass es dumm war.”

Ein wenig aufgeregt hüpfte ich auf der Stelle und griff an seine Schultern. ,,Wann? Wann? Wo? Wie? Was?”

,,Gestern. Er hat mir beim Songwriting geholfen und Gitarre gespielt. Ich hab mich wohl einfach einlullen lassen und dann …”

Es war schlimm, wie hibbelig ich wurde, aber die Neugierde brannte mir beinahe schon unter den Fingernägeln. ,,Und dann?”

,,Ist er panisch geworden und hat mir die Gitarre versehentlich ans Bein geschlagen.”

Wäre es nicht so verzweifelt, hätte ich gelacht, weil die Vorstellung witzig war. Aber Woojin so vor mir zu sehen, ließ mich das Lachen herunterschlucken.

,,Ich hätte auch gar nicht ...  Ich wollte auch nie … Und er …” Mittlerweile formte er nicht einmal mehr richtige Sätze und ich erkannte eine derartige Verletzlichkeit in ihm, von der ich behaupten würde, dass sie kaum jemand zu Gesicht bekam.

Ein wenig überwältigt von diesem Ausdruck überbrückte ich den letzten Abstand und legte meine Arme über seine Schultern, platzierte eine Hand zwischen seinen Schulterblättern und die andere auf seinem Hinterkopf, um ihn in eine Umarmung zu ziehen.

Woojin erwiderte nahezu reflexartig und presste mich an sich. ,,Ich baue in letzter Zeit so viel Mist. Ich habe keine Ahnung, wohin mit mir”, wisperte er und ich schloss die Augen, merkte, dass mir selbst der Schmerz durch den Körper zuckte.

,,Alles wird gut”, hauchte ich, ,,Ich habe keine Ahnung, wann und wie. Aber alles wird gut.” Ein paar Tränen krochen mir in die Augen, weil ich diese Umarmung selbst so sehr gebraucht hatte.

Woojin zog die Arme fester um mich und vergrub das Gesicht in meiner Halsbeuge.

Eine Weile standen wir so da und spendeten uns somit Trost.

Bis wir erneut Schritte vernahmen und uns voneinander lösten.

Peinlich berührt stand Chan in der Küche. ,,Sorry, ich wollte nur was zu trinken holen.” Er vermied Woojins Blick und zwirbelte um seinen Zeigefinger eine seiner Locken. ,,Die anderen wollten Wahrheit oder Pflicht spielen. Wollt ihr mitspielen?”

Und woran ich mich noch lange erinnern würde, war Chans Blick, den er mir zuwarf. Er war tief, ja nahezu unendlich.

Aber vor allem tot.
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