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nostra itinera

von Skillz
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Han / Han Jisung Lee Know / Lee Minho
10.03.2019
12.04.2020
38
116.205
32
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Dieses Kapitel
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30.10.2019 4.084
 
Die nächsten Tage waren extrem seltsam.

Ich hatte das Gefühl, dass jeder in seiner eigenen Blase lebte. Wir redeten, aber wenn, dann auch nur das Nötigste. Es war schwierig, irgendwo anzusetzen, denn dass wir Dinge zu klären hatten, war jedem klar.

Jisung und ich hatten ebenso kaum noch gesprochen. Wahrscheinlich brauchten wir beide Zeit, noch immer geschockt von der Konversation, die wir heimlich belauscht hatten.

Ob ich es bereute oder nicht, wusste ich auch nicht so recht.

Ich verstand es aber auch nicht so ganz. Hyunjins Aussage war so vage gewesen. Er mochte also Jisung. Aber war es mögen oder mögen-mögen? Man konnte immerhin auch verwirrt sein, wenn man platonisch viel für jemanden empfand.

Beispielsweise fühlte ich mich auch stark von Woojin angezogen, ohne verliebt in ihn zu sein. So weit war ich nämlich schon. Vielleicht war ich verwirrt, aber ich konnte zumindest ausdifferenzieren, dass ich für Jisung anders empfand als für die anderen Member. Denn im Endeffekt mochte ich alle. Es ging nicht um ,,besser” oder ,,schlechter”, sondern eben ,,anders”.

Und genau dieses ,,anders” war so verzwickt.

Es war neu, es war schön, es war grausam. Vor allem machte es alles unnötig komplizierter und baute immer mehr Druck auf meiner Brust aus. Ich wusste kaum damit umzugehen und hätte am liebsten mein Herz herausgerissen und direkt aus dem Fenster geworfen, damit ich mich nicht mehr mit dem Kram beschäftigen müsste.

Aber die Empfindungen waren da.

Ich war verliebt. Und nicht nur das: Ich war in einen Jungen verliebt.

Nicht, dass es mich störte. Mich störte eher die Tatsache, dass ich damit aus dem Rahmen fiel, denn faktisch gesehen, war der Großteil der Menschen heterosexuell. Und mich somit unfreiwillig abzugrenzen (egal, ob man akzeptiert wurde oder nicht) addierte den Stress immer weiter zu einem wackeligen Turm hinauf.

Das Training lief solala. Zumindest konnte Jeongin genesen, aber selbst darüber schienen sich die Wenigsten noch Gedanken zu machen aufgrund der Tatsache, dass die Vibrationen des Streits noch immer in der Luft lagen und uns allesamt paralysierten, quasi zu Zombies machten, die Punkt für Punkt ihrer To-Do-Liste abarbeiteten.

JYP kam sogar ab und an zu Besuch vorbei, dann tanzten wir ihm ein bisschen was vor und er bemängelte ein paar Dinge, ehe er uns wieder alleine ließ. Grundsätzlich wirkte er aber zumindest nicht vollkommen unzufrieden.

Wir saßen am Tisch beim Abendessen. Wie gewohnt war es ruhig und man konnte nur das Klappern von Geschirr vernehmen. Nach und nach wurden wir fertig und stapelten unsere Schüsseln aufeinander.

Auf einmal klatschte Chan die Hände auf den Tisch. ,,Ich hab’s satt!”

Unverwandt starrten wir alle auf ihn und warteten darauf, dass er mehr sagte. Die Aktion war überraschend gekommen, aber so wirklich wollte sonst niemand was zu dieser Aussage beisteuern.

,,Leute, so geht es nicht weiter. Unsere Gruppendynamik ist echt kacke.” Chan ließ sich auf die Couch plumpsen.

,,Erzähl’ mir mal was Neues”, murrte Seungmin und klapperte mit den Stäbchen.

Chan seufzte schwer und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. ,,Hört zu, es tut mir wahnsinnig leid, was ich da abgezogen habe.”

,,Und wieso entschuldigst du dich jetzt?”, hakte sich Jisung ein, ,,Du hattest keine Schuld an dem Streit. Sondern ich.”

,,Aber ich auch”, gab Hyunjin zu.

Daraufhin schauten sich beide an. Ziemlich lange. Begleitet von nichts außer Stille.

Ich spürte das schmerzhafte Krampen in meiner Seite und plötzlich hatte ich das Gefühl, Laser aus meinen Augen schießen zu können. Ich wollte es nicht zugeben, aber ich war so was von eifersüchtig. Etwas anderes zu behaupten, wäre absolut lächerlich.

,,Ja, schon”, bestätigte Jisung.

Erneute Stille.

Und dann lachte Hyunjin. Er fucking lachte einfach.

Irritiert schauten sich die anderen Member an, unfähig zu realisieren, was hier gerade passierte.

,,War klar, dass du so was sagst”, meinte Hyunjin schmunzelnd und erhob sich, nahm den Stapel an Schüssel in die Hand und trug diesen in die Küche.

Auch Jisung schien ein wenig verwirrt zu sein. ,,Das gilt aber nicht als Entschuldigung, oder?”, warf er als allgemeine Frage in den Raum.

Woojin schüttelte den Kopf und schien selbst ein Lächeln zu unterdrücken. ,,Ich befürchte Nein.”

Und das war genau diese halbe Gruppen-Konversation, die dafür sorgte, dass wieder mehr Schwung in unser Team kam. Es war total abstrus und auch ein wenig witzig, sowie bittersüß und überraschend, aber durch diese merkwürdige Situation war es leichter, wieder miteinander umzugehen.

Jeder konnte beobachten, dass Jisung und Hyunjin dabei waren, sich gegenseitig zu verzeihen. Und das freute mich. Gleichzeitig wusste ich aber auch nicht, was ich nebenbei empfand.

Es war eine verzerrte Eifersucht, denn worauf ich genau eifersüchtig war, wusste ich auch nicht so ganz.





Es war während des Trainings, als mich Woojin ansprach.

Wir wärmten uns auf und ich konnte aus der Ecke beobachten, wie Jisung auf Hyunjin zuging und ihm was ins Ohr flüsterte, ehe der Größere ihn durchs Tanzstudio jagte. Sie zankten sich, aber etwas war neu: Sie lachten dabei.

Ich merkte, dass Chan sie scharf im Auge behielt. Scheinbar war er dem Ganzen misstrauisch gegenüber, aber da keine Fäuste durch die Lüfte flogen, hielt er sich zurück.

,,Du musst dir keine Sorgen machen. Ich denke nicht, dass Jisung in Hyunjin verliebt ist.” Woojin lehnte sich gegen den Spiegel und lächelte.

,,Was? Ich … Das habe ich gar nicht gedacht.” Ich wurde rot und wandte den Kopf ab, starrte auf meine Füße und wusste nicht genau, was ich denken sollte. Es störte mich definitiv, dass sich die beiden so gut verstanden und ich hasste diese Tatsache. Denn es sollte mich eigentlich einfach nur freuen.

,,Ich habe eine Idee”, meinte Woojin und hockte sich neben mich, ,,Wie wäre es, wenn du ihm etwas schenkst?”

,,Schenken?”, wiederholte ich.

,,Ja. So was macht man, wenn man verliebt ist.”

Ich schob seinen Arm runter und rutschte ein wenig weg. ,,Ich bin nicht verliebt”, verneinte ich reflexartig.

Waren wir so offensichtlich?

Ich versuchte, mir nicht allzu viel anmerken zu lassen.

Woojin rollte spaßhaft mit den Augen. ,,Nein, natürlich nicht.” Er grinste mich an und zwinkerte mir zu.

Am liebsten hätte ich ihm einen Nackenklatscher gegeben.

,,Okay, Leute”, zog Chan die Aufmerksamkeit auf sich, ,,Jeongin und ich gegen heute Nachmittag zum Sportarzt, um zu gucken, ob er wieder mittanzen kann. Deswegen habt ihr nochmal frei.”

,,Das ist die Gelegenheit”, flüsterte mir Woojin zu, ,,Du könntest in die Stadt und nach etwas gucken.”

Ich zog die Schultern hoch. Eigentlich war die Idee gar nicht so doof, aber ich hatte ja gar keine Ahnung, was ich ihm schenken sollte. Käme es auch nicht irgendwie dämlich herüber, so etwas aus dem Nichts zu machen?

,,Ich kann mitkommen, wenn du möchtest”, schlug Woojin vor.

Ich wollte ,,Nein” sagen, aber dann hielt ich inne.

Was sprach denn eigentlich dagegen? Ich wollte Jisung ja doch deutlich machen, dass er mich ernsthaft interessierte. Und Hyunjin war leider lustig und charismatisch, hübsch und all das Zeug, was einen um den Finger wickeln konnte. Ich hatte nicht als Intention, ihn nun als Konkurrenten anzusehen, dennoch hatte ich Angst.

Jisung hatte immerhin  geweint, als er gehört hatte, dass Hyunjin ihn mochte.

Ich schnaubte leise und fuhr mir durchs Haar. ,,Ja, lass uns gehen.”

Wir verabschiedeten uns von den anderen und gingen zu zweit schon einmal vor, um im Dorm unsere Sachen zu packen und uns fertig zu machen.

,,Wieso willst du mir unbedingt helfen?”, fragte ich, während ich meinen Geldbeutel in den Rucksack steckte.

Woojin lächelte mich an, ehe er sich abwandte, um seine Jacke anzuziehen. ,,Du bist mir wichtig, Minho.”

Es waren rührende Worte, aber gleichzeitig rief es ein unbehagliches Gefühl in mir hervor.

Woojin war nicht bekannt dafür, seine Gefühle so offenkundig zu teilen. Er war sensibel und auch aufmerksam, aber normalerweise schwenkte er nicht wirklich mit Worten um sich. Dafür war er zu … ruhig.

Es irritierte mich, aber ich wollte auch nicht nachhaken, aus Angst, das könnte alles nur noch seltsamer machen.

Also nahmen wir die nächste Bahn und machten uns auf den Weg in die Stadt, wo wir begannen, verschiedene Läden abzuklappern. Mein Budget war nichts das Größte, aber das Geld sollte reichen, um etwas Schönes kaufen zu können, wobei ich absolut keine Vorstellung davon hatte, was es sein könnte.

,,Jisung trägt doch auch gerne Schmuck”, fiel Woojin ein, ,,Vielleicht ein Ring?”

,,Das sähe so aus wie eine Hochzeitspun”, meinte ich und prustete.

,,Stimmt auch wieder.” Er grinste. ,,Aber vielleicht finden wir ja trotzdem im Schmuckladen was. Die haben auch günstigere Sachen, die trotzdem schön aussehen.”

Ich nickte auf den Vorschlag hin und betrat mit ihm einen Juwelier.

Das Angebot war massiv und bei manchen Preisen drehte sich in meinem Kopf das Gehirn um. Allerdings gab es zum Glück auch ein Abteil, wo die Ketten weniger üppig waren und die Kosten sich entsprechend senkten.

,,Echte Silberketten”, stellte Woojin fest, ,,Die sind auch echt schön. Schlicht, aber schön.” Er betrachtete die Exemplare näher. ,,Es gibt auch welche im Partnerlook.”

,,Wie kitschig”, kommentierte ich.

,,Aber süß.”

Da musste ich ihm wiederum zustimmen, weshalb ich mich auch nicht sofort davon abwandte, sondern die Angebote genauer betrachtete. Es gab ganz unterschiedliche Motive, die ich allesamt schön fand. Sie waren schlicht und klein, aber extrem niedlich.

Nach zehn Minuten hatte ich mich für ein Paar entschieden und ging damit zur Kasse.

Die Verkäuferin dort verpackte die Ketten in einem schönen Kästchen und überreichte mir dieses. ,,Da wird sich Ihre Freundin aber wahnsinnig freuen”, meinte sie lächelnd.

,,Ähm, ja genau”, erwiderte ich eher nuschelnd und schob das Geld über den Tresen, ehe ich das kleine Tütchen nahm, Woojin ans Handgelenk griff und mit ihm den Laden verließ.

,,Dir ist es peinlich?”, fragte er, sobald wir ein Stück gelaufen waren.

,,Ja. Nein. Also … Jisung ist mir nicht peinlich. Ich bin mir selbst peinlich.” Ich merkte bereits, wie ich mich um Kopf und Kragen redete. Darum hielt ich einfach meinen Mund.

,,Wieso? Was ist denn?” Besorgt sah er mich an und hockte sich mit mir auf eine Bank im Stadtpark.

Tief atmete ich ein und plusterte die Wangen auf. ,,Das ist … halt nicht normal. Die Leute akzeptieren es nicht.”

,,Die Tatsache, dass es nicht normal ist im Sinne, dass es nicht so häufig auftritt, ist nicht schlimm.” Woojin legte den Arm um meine Schultern. ,,Dass die Leute dagegen sind, ist schlimm. Aber das ist nicht deine Schuld.”

Verwundert sah ich ihn an. Eigentlich hätte es mich nicht überraschen dürfen. Woojin war so lieb und tolerant, respektvoll und offen. Wie hätte ich auch nur eine Sekunde daran zweifeln können, dass er so etwas in die Richtung verwerflich fand?

Ich schluckte schwer und blickte zu Boden. ,,Selbst wenn es nicht meine Schuld ist, ist das Problem trotzdem da.”

,,Das stimmt. Aber Probleme kann man lösen. Dazu gibt es die immerhin.” Er schmunzelte und schaute zum Horizont.

,,Der Himmel sieht wunderschön aus.” Er holte sein Handy heraus und schoss ein Foto von der Aussicht. ,,Stays freuen sich bestimmt, wenn wir uns mal wieder auf Instagram melden, nicht?”

Ein kleines Lächeln schlich sich auf mein Gesicht, bevor ich nickte.

Daraufhin stellte er es auf Selfie-Modus und machte ein paar Bilder, die wir dann betrachteten und nahezu analysierten. Es war lustig und unbeschwert. Das, was mir ein bisschen gefehlt hatte.

,,Okay, ich nehme die beiden, ja?”, fragte er und ich nickte.

Kurz darauf lud er den Beitrag hoch und zeigte mir die Beschreibung.


Manchmal muss man sich eine Auszeit nehmen und diese mit wichtigen Menschen verbringen~ Hoffentlich hattet ihr einen schönen Tag!
#straykids #shopping #woojin #minho


,,Das hast du schön ausgedrückt. Ich fühle mich geehrt.” Neckend stieß ich ihn an.

,,Ja klar, du Spinner.”

Wir machten uns auf den Nachhauseweg und sprachen dabei über belanglose, einfache, aber auch schöne Themen. Wahrscheinlich war das vorhin im Park schon zu viel an Tiefe gewesen, weswegen wir das nun mit Spaß ausgleichen wollten.

Dennoch gingen mir unterschiedlichste Gedanken dabei durch den Kopf.

Sobald wir zu Hause waren, grüßte Woojin, indem er in den Flur hinein rief. Es gab ein sehr heimisches Gefühl ab.

Im Wohnzimmer angekommen sah ich Jisung und Felix auf der Couch sitzen. Sie zockten scheinbar wieder zusammen.

,,Oh, ihr seid wieder da”, stellte Felix fest und warf den Controller zur Seite, ehe er aufstand, ,,Hunger? Chan hat gekocht, bevor er gegangen ist.”

Ich schüttelte den Kopf, während Woojin das Angebot annahm.

Felix schob den Älteren an den Schultern in Richtung Küche, um ihm was zu essen zu besorgen.

Schmunzelnd sah ich hinterher und setzte mich dann zu Jisung aufs Sofa. Ich freute mich schon darauf, ihm das Geschenk zu geben. ,,Hey. Wie war dein Nachmittag?”

,,Wunderbar”, kam es trocken zurück.

Fragend runzelte ich die Stirn. ,,Ist was?”

Jisung schüttelte den Kopf.

Als ich seine Hand nehmen wollte, zog er diese weg.

,,Jisung?”

,,Du scheinst aber einen schönen Tag gehabt zu haben”, sprach er ohne Zusammenhang.

Ich zog die Schultern hoch. ,,Schätze schon. Wieso?”

,,Ich hab’ vorhin Woojins Instagram-Beitrag gesehen”, murmelte er und sah auf den Bildschirm des Fernsehers.

Ich verstand sein Problem immer noch nicht. Wieso schien er so sauer auf mich zu sein? Sollte ich nicht eher sauer darauf sein, dass er die Sache mit Hyunjin nicht klären konnte, obwohl er und ich das Gespräch zwischen ihm und Chan gehört hatten?

,,Ja, und? Jisung, wenn du ein Problem hast, dann sag’ es mir.”

Der Jüngere schien zu zögern und zog die Beine an sich. Er flüsterte etwas, aber ich konnte es nicht ganz verstehen.

Daher lehnte ich mich weiter nach vorne. ,,Hm? Sprich’ bitte deutlich.”

Ich meinte, ihn schlucken zu hören, ehe er ansetzte: ,,Mich hast du noch nie gefragt, ob wir zusammen ausgehen wollen.” Auf die Worte hin schien er sich so sehr zu schämen, dass er aufspringen und flüchten wollte.

Schnell packte ich seine Hand und zog ihn zurück.

Er landete halb auf mir, aber das war mir eigentlich gerade Recht, weil ich ihn somit besser festhalten konnte. ,,Ist es das? Bist du etwa eifersüchtig?”, flüsterte ich in sein Ohr und konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.

,,Was? Bild’ dir nichts ein”, entgegnete Jisung, aber ich konnte sehen, wie seine Ohren ein wenig rot wurden.

Ich kicherte leise und wog ihn in meinen Armen. Es tat gut zu wissen, dass er ähnliche Empfindungen wie ich hatte und es scheinbar nicht sonderlich mochte, wenn meine Aufmerksamkeit woanders lag. Ich hatte nur nicht geahnt, dass er so stark darauf reagieren würde. ,,Du musst nicht eifersüchtig sein.”

,,Du findest das lustig”, jammerte Jisung und kämpfte sich frei, bevor er sich erhob und aus dem Wohnzimmer ging.

Belustigt rollte ich mit den Augen und folgte ihm, ehe ich ihn an der Hand nahm und mit in mein Zimmer schleifte. Bevor er irgendetwas sagen konnte, drückte ich ihm das Kästchen in die Hand.

Perplex hielt er dieses.

,,Für dich”, half ich ihm daher auf die Sprünge und setzte mich auf mein Bett, von wo aus ich ihn betrachtete.

Er drehte das Geschenk ehrfürchtig in den Händen und schien ein wenig überfordert zu sein.

,,Hab’ ich heute gekauft”, erklärte ich und hockte mich in den Schneidersitz, ein wenig nervös. Was, wenn er das Geschenk Schrott fand?

Ein tiefer Rotschimmer machte sich auf seinen Wangen breit und er murmelte: ,,Seit wann so romantisch?”

,,Seit … ich dich geküsst habe?”, kam es langsam von mir zurück.

Daraufhin wurde er nur noch röter und stammelte vor sich hin.

,,Du musst nichts sagen”, sagte ich amüsiert, ,,Mach’ es einfach auf.”

Er nickte und schlurfte langsam auf mich zu.

Automatisch rutschte ich an die Wand und setzte mich breitbeinig hin, damit er sich dazwischen hocken konnte.

Er lehnte gegen meine Brust und nahm den Deckel ab. Lange inspizierte er die beiden Schmuckstücke und fischte sie dann heraus. ,,Hast du allen Ernstes Partnerketten gekauft?”, war das Erste, was er sagte.

Ich gab einen empörten Laut von mir. ,,Hast du was daran auszusetzen?”

Jisung schüttelte den Kopf und legte sich die eine Kette um. Er hatte sich für das Herz mit dem Schlüsselloch entschieden.

Im Gegenzug gab er mir die mit dem dazugehörigen Schlüssel, welchen ich ebenso sofort umlegte.

Schließlich drehte er sich ein wenig zu mir und betrachtete meinen Hals. ,,Steht dir gut.”

,,Dir steht’s noch besser.”

,,Ich weiß.” Er streckte frech die Zunge raus. Sein Blick wurde anschließend weicher. ,,Tut mir leid, dass ich so doof reagiert habe.”

,,Macht nichts. Hätte vielleicht ähnlich reagiert.”

,,Nein, hättest du nicht. Weil du nicht so kindisch bist.” Er lehnte sich etwas nach vorne und fuhr mit der Hand über meinen Brustkorb, was mir eine Gänsehaut verpasste.

,,Kindisch sein darfst du. Du bist erst 17, erwiderte ich, ,,Lass’ dir Zeit mit dem Erwachsen werden.”

Leise kicherte Jisung. ,,Ich versuche es.” Mit seiner noch freien Hand drehte er den Anhänger zwischen Daumen und Zeigefinger. ,,Die Ketten sind wunderschön. Danke, Hyung.” Daraufhin lehnte er sich noch ein ganzes Stück nach vorne, bis sein weicher Mund auf meinen traf.

,,Jetzt kann ich mir einbilden, dass wir zusammen sind”, meinte er und grinste, sobald er sich gelöst hatte.

Ich wurde leicht rot. ,,Wieso willst du es dir nur einbilden?”

Überrascht sah er mich an. ,,Oh, ich dachte …”

Stille trat ein.

Jisung wurde unruhig. Er rieb ständig seine Füße aneinander und knetete seine Hände, wusste offenbar nicht, was er noch großartig sagen sollte.

Es fühlte sich falsch an, einfach zu fragen, ob er mit mir zusammen sein wollte. Wären wir normale Menschen, vielleicht. Dann könnte ich sagen ,,Scheiß auf die Leute.” Aber diese Leute waren mitunter unsere Fans, also konnte man nicht einfach … naja ,,einen Scheiß” darauf geben.

,,Ach, ich bin nur ein dummes Kind. Du sollst nicht mit einem dummen Kind zusammen sein”, meinte er keck und umarmte meinen Torso.

,,Du bist alles, aber nicht dumm”, protestierte ich.

,,Das finde ich süß, Hyung, aber da bin ich trotzdem anderer Meinung.” Er setzte sich etwas weiter auf und legte die Hand in meinen Nacken.

Ich fand es einerseits schrecklich süß, wenn er mich Hyung nannte. Andererseits war es schrecklich-schrecklich, weil er dadurch auch eine gewisse Distanz aufbauen konnte, sobald er mich nicht mehr bei meinem Vornamen ansprach.

Ich wollte das ausdiskutieren, weil ich dieses ständige Hin und Her satt hatte. Immerhin war ich mir die ganze Zeit sicher gewesen, dass Jisung genau auf diesen Beziehungskram hinauswollte. War ihm das zu viel Druck? War er doch zu jung dafür?

Man, ich hatte doch selbst keine Erfahrung in so etwas.

Bevor ich noch irgendwelche Argumente bringen konnte, verschloss er wieder unsere Lippen zu einem Kuss. Es war aber kein süßer, netter Kuss, sondern ein ,,Ich lenke dich jetzt ab, damit du nicht weiter mit mir diskutieren kannst”-Kuss. Und das wusste ich.

Dagegen unternehmen wollte ich trotzdem nichts.

Ich ließ mich davon mitreißen und zog ihn dichter an mich, ehe ich die Augen schloss und den Kuss erwiderte. Allmählich gewöhnten wir uns wohl an diese Empfindung, weil wir mehr miteinander arbeiteten und nicht mehr jede Geste so ungelenk wirkte. Es war noch immer ab und an ein wenig seltsam, aber vor allem warm und geborgen.

Irgendwann löste ich mich jedoch und hielt ihn von mir ein Stück entfernt. ,,Jisung, wir müssen darüber reden. Ich will nicht, dass wir so tun als wäre das ein Spiel.”

,,Ich halte das überhaupt nicht für ein Spiel”, entgegnete er und setzte sich rittlings auf meinen Schoß, wobei es ihm scheinbar völlig egal zu sein schien, dass jede Sekunde jemand reinplatzen könnte.

,,Dann rede mit mir.” Erwartungsvoll sah ich ihn an und platzierte meine Hände an seiner Hüfte.

Er legte den Kopf schief und rümpfte die Nase. ,,Willst du jetzt hören, wie unsterblich verliebt ich in dich bin?”

,,Das wäre ein super Anfang”, erwiderte ich sarkastisch, ,,Nein, aber im Ernst. Ich will wissen, was du mit all dem beabsichtigst.”

,,Nichts.” Er legte die Arme um meinen Hals. ,,Du kennst doch den Spruch ,Schmetterlinge im Bauch haben’, ja? Naja, ich finde das Gefühl ziemlich belastend, deswegen versuche ich, was dagegen zu unternehmen.”

Seine Worte deuteten darauf, dass er Tiefes empfand. Vielleicht sogar genauso, wie ich für ihn empfand, aber es war nicht eindeutig. Er war wohl nicht umsonst Rapper geworden, immerhin konnte er sehr gut drumherum reden und Andeutungen machen, ohne etwas Handfestes hervorzubringen.

Es trieb mich schier in den Wahnsinn.

,,Jisung, ich bin verliebt in dich”, sagte ich daher, weil ich merkte, dass mein Gegenüber nicht von sich selbst aus was sagen würde.

Daraufhin schwieg er, fixierte irgendeinen Punkt neben sich. ,,D-Das freut mich”, stotterte er.

Ich war verwirrt darüber, wie unsicher er plötzlich wirkte. Vielleicht, weil ich meine eigene spielerische Art abgelegt hatte und mich nun ernsthaft mit ihm unterhalten wollte. Für mich war das ein wichtiges Thema und ich wollte auch nicht ständig scherzen. Es ging hier um viel. Nicht nur um uns. Es ging um Stray Kids, unser Umfeld, unsere Familien … Ich hatte ja keinen blassen Schimmer, wie es außerhalb in seinem Leben aussah. Dass irgendjemand solch eine Art von Liebe duldete, war hier ohnehin recht unwahrscheinlich.

Ich musste wissen, ob er damit einverstanden war, Risiken einzugehen.

Beruhigend strich ich über seinen Rücken, sobald er anfing zu zittern. ,,Alles ist gut. Du musst nicht jetzt gleich antworten. Ich wollte es dir nur sagen.”

Er nickte und biss sich auf die Unterlippe. ,,Kannst du mich nochmal küssen?”

,,Seit wann so formal?” Bevor er etwas erwidern konnte, beugte ich mich nach vorne und gab ihm den gewünschten Kuss mitten auf den Mund.

Ich hatte noch immer keine Antwort von ihm. Ich konnte nur anhand seiner Reaktion spekulieren und hoffen, dass er sich nicht auf etwas einließ, über dessen Konsequenzen er sich nicht vollends bewusst war.

Jisung vertiefte den Kuss und griff in meinen Haarschopf, woraufhin mir ein Ächzen entkam.

Ich presste den Rücken an die Wand und bewegte meinen Mund gegen seinen, bis ich versehentlich mit den Zähnen seine Unterlippe streifte.

Er bebte kurz, ließ aber dennoch nicht von mir ab, sondern öffnete erwartungsvoll den Mund.

Ich küsste drum herum und leckte dann mit der Zunge vorsichtig hinein, zögerlich und langsam, bis er sich nach vorne lehnte und unsere Lippen wieder in süßem Kontakt verschmelzen ließ.

Es war ein wenig komisch, die Zunge in seinem Mund zu haben, aber ebenso berauschend und Adrenalin fördernd. Es sendete kleine Elektroschocks durch meinen Körper.

Wohlig seufzte er auf und krallte die Hände in mein Shirt, bevor er den Kuss unterbrach und stattdessen meine Wange entlang küsste, weiter wanderte bis zu meinem Kieferknochen und diesen dann liebkoste.

Ich neigte den Kopf zur Seite, um ihm mehr Freiheit zu lassen und genoss die zarten Berührungen. Es entspannte mich und ließ meine Gedanken etwas abdriften. Ich gelangte in eine Art Trancezustand.

,,Was ist das eigentlich mit Hyunjin?”, erkundigte ich mich in einem freien Atemzug. Es war ein Impuls gewesen, danach zu fragen, jetzt, wo wir einen seltenen Augenblick der Zweisamkeit ergattert hatten.

,,Was sollte mit ihm sein?” Jisung schaute mich an und fuhr mit den Händen unter mein T-Shirt, wo er die Haut abtastete.

,,Naja, er mag dich. Ist das nicht seltsam für dich, das zu wissen?” Ich hob die Augenbrauen an.

Er hielt inne und schien zu grübeln. ,,Es ist seltsam, ja. Ich muss mit ihm nochmal reden. Seit dem Gespräch mit Chan ist er so komisch zu mir.”

,,Der Streit hat viel aufgewirbelt.”

,,Allerdings. Ich fühle mich noch immer schlecht deswegen.” Er griff an meinen Hosenbund und zerrte daran.

Reflexartig hielt ich seine Hände fest. ,,Langsam.”

,,Ich werde ja noch steinalt, bevor du dich endlich mal zurücklehnst.” Leicht schmollte er, was mich zum Kichern brachte, weil es so niedlich aussah.

,,Du scheinst wohl zu vergessen, dass wir mit anderen Leuten hier wohnen.” Ich schob ihn von mir runter und hielt ihn auf der Matratze fest.

,,Du magst wirklich kein Risiko, hm?” Er schob sein Knie zwischen meine Beine und grinste frech, als mir ein Keuchen entkam.

Ich atmete mehrmals durch und erwiderte dann das Grinsen. ,,Ich hatte schon eine Eliminierung hinter mir. Natürlich mag ich es nicht, Risiken einzugehen.”

Scharf sog er die Luft ein. ,,Hast du gerade ernsthaft einen Witz über deine Eliminierung gemacht?”

,,Mein Humor ist so schwarz wie mein Herz.”

Jisung lachte und zog mich zu sich, um mich wieder zu küssen.

Ich ging kurz darauf ein, schob ihn jedoch zurück, weil ich Schritte hörte. Schnell setzte ich mich auf und legte die Decke über meinen Schoß, just in dem Moment, wo sich die Tür öffnete und Woojin im Rahmen stand.

,,Oh, hi. Störe ich?”

Jisung und ich schauten uns erst gegenseitig und dann ihn an, bevor wir synchron den Kopf schüttelten.

Er betrachtete uns kurz und lächelte. ,,Ah, Jisung scheint das Geschenk zu gefallen.”

Angesprochener lächelte und spielte mit dem Anhänger.

Doch, der heutige Ausflug war das Ganze hier definitiv wert gewesen.
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