Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

nostra itinera

von Skillz
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Han / Han Jisung Lee Know / Lee Minho
10.03.2019
12.04.2020
38
116.205
32
Alle Kapitel
57 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
19.10.2019 3.223
 
,,Chan, wir können das erklären”, fing ich an zu sprechen, aber mein Hals trocknete aus und ich hatte keinen blassen Schimmer, was ich noch großartig sagen sollte.

Hyunjin kniff die Lippen zusammen, welche nun erstaunlich schmal wirkten. ,,Ja, das ist nur ein Missverständnis.” Er zwang sich zu einem Lächeln und sah Chan aus möglichst klaren, unschuldigen Augen an. In jedem anderen Fall hätte ich ihm das auch abgekauft, wenn ich nicht gerade eben noch gesehen hätte, wie er kurz davor gewesen war, Jisung in Stücke zu reißen.

Jisung derweil hatte nur den Kopf gesenkt und scharte beschämt mit dem Fuß.

Bei Chan dagegen bildeten sich Tränen in seinen Augenwinkeln, woraufhin wir alle ein wenig schockiert nach Luft schnappten. Chan weinte eigentlich nie vor uns.

Nie.

Wir wussten, dass er es manchmal heimlich tat und wir ließen ihn, da uns bewusst war, wie unangenehm es ihm war. Aber gerade seit meiner und Felix’ Eliminierung hatte er keine Tränen mehr zeigen wollen. Es war ein unausgesprochener Schwur, den er nun vor Augen aller Anwesenden brach.

,,Stopp. Ich will keine Lügen mehr”, hauchte er und schniefte leise.

Die Stille wog auf uns als wären wir mehrere hundert Meter in der Meerestiefe.

,,Wieso? Wieso lügt ihr mich so an? Was mache ich denn falsch?” Er wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. ,,Ich weiß, dass ich in letzter Zeit streng war, aber wenn etwas nicht stimmt, dann könnt ihr doch immer mit mir reden.”

Ich hatte Angst, dass er im nächsten Moment wirklich in einen Heulkrampf ausbrechen könnte. Es war unerwartet, wie schnell die Tränendrüsen bei ihm reagiert hatten, aber gleichzeitig war es nachvollziehbar. Niemand hätte es ihm übel genommen, hätte er jetzt hemmungslos angefangen, zu weinen, aber er schlug sich wacker.

Erst jetzt schien sowohl Hyunjin als auch Jisung klar zu werden, was sie unserem Leader damit eigentlich antaten. Und Chan wirkte müder als jemals zuvor. So unsagbar müde. Ich hatte das Gefühl, dass er im Prinzip nur eine Leiche war.

,,E-Es tut uns leid”, nuschelte Jisung und schien selbst die Tränen vor Schuld zu unterdrücken.

Hyunjin hatte dagegen schon längst angefangen, stumm zu weinen.

Mit verzerrter Miene umschlang Jisung seinen eigenen Körper. ,,Wir wollten aufhören, uns zu hassen, aber es geht einfach nicht.”

Chan knirschte mit den Zähnen und ballte die Hände zu Fäusten. ,,Verdammt, ihr seid BRÜDER! Ist euch das bewusst? Ich habe euch in diese Gruppe gesteckt, damit ihr zusammen lebt und miteinander wächst. Warum? Warum zur Hölle hasst ihr euch? Hasst man denn auch seine Familie oder was?” Nun war er derjenige, der seine Emotionen nicht mehr zurückhalten konnte. Es war als würde alles in ihm explodieren wollen. ,,Was? WAS IST DENN FALSCH MIT EUCH?” Er schrie mittlerweile so laut, dass wir alle einen Kopf kleiner wurden, Jisung und Hyunjin vielleicht sogar um Zwei.

Chans Stimme brach unter seinem Wutausbruch und er wischte sich mit der Hand über die laufende Nase. Die Ader an seinem Hals pulsierte deutlich und seine Knie zitterten vor Adrenalin.

,,Chan”, versuchte es Changbin, ,,Dieser eine Konflikt ist …”

,,Es ist nicht ein Konflikt, es sind schon hunderte von Konflikten!”, entgegnete Chan verzweifelt und weinte nun bitterlich, ,,Ich halte das nicht mehr aus!”

Ich brauchte kurz, um das zu verarbeiten, bis ich verstand, was seine Worte bedeuteten: Er wusste wahrscheinlich schon deutlich länger als ich von Hyunjins und Jisungs Streitereien. Und ich Idiot hatte mir ständig darüber Sorgen gemacht, ob ich es ihm erzählen sollte oder nicht. Ich hatte immerzu gedacht, dass ich die größte Last mitunter trüge, weil ich Bescheid wusste.

Wie naiv.

,,Denkt ihr, ich bin blöd? Ihr versprecht mir, dass ihr euch bessern werdet, aber nein, stattdessen kriege ich andauernd eure Streitereien mit. Und sie sehen immer gleich aus. Nichts bessert sich, egal, was ich sage, tue, will oder was auch immer!” Er schüttelte den Kopf. ,,Ich bin es leid, Leader zu sein und ich bin es leid, dass Stray Kids scheinbar wirklich zu verwahrlosten Kindern werden.” Mehr hatte er nicht zu sagen und wollte aus dem Zimmer stürmen, als er gegen Woojin stieß, der unmittelbar hinter ihm stand.

,,Da legt man sich einmal mit Kopfhörern aufs Bett und dann geht die Welt unter”, meinte dieser und seufzte schwer.

Ratlos sahen wir ihn alle an, ein wenig überfordert von seinem plötzlichen Auftauchen.

,,Felix kann bei dem Krach nicht lernen.” Sanft lächelte er uns alle an. ,,Deswegen beruhigen wir uns jetzt alle und gehen dann schlafen, okay?”

Wie in Trance nickte jeder von uns und sah dabei zu, wie Woojin Chan an der Hand nahm und mit sich zog.

• •
• •
• • • • •
• • •


,,Du hättest nicht so austicken dürfen”, meinte Woojin sanft und zog die Decke fester um die beiden.

Das Dach war zum Glück noch offen gewesen, weshalb sie sich nach oben unter den dunklen Himmel gesetzt hatten. Aufgrund der Stadtlichter konnten sie leider keine Sterne erkennen, aber es war trotzdem schön.

Chan fröstelte noch immer und rollte sich leicht zusammen, ehe er den Kopf auf Woojins Schulter ablegte. ,,Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Da ist wohl irgendeine Sicherung durchgebrannt.”

Leicht nickte Woojin und lehnte den Kopf gegen seinen. ,,Ich verstehe das. Aber ich denke nicht, dass das klug war.”

,,Natürlich war das nicht klug. Aber das ist der Punkt.” Chan hob wieder den Kopf an und legte diesen leicht in den Nacken, um hinauf zu blicken. ,,Ich muss immer effizient handeln. Ich kann nie das machen, was ich willl.”

Leise seufzte Woojin und schloss die Augen. Natürlich verstand er, was Chans Problem war. Dennoch änderte das nichts an der so ziemlich beschissenen Lage.

Chan schlug die Hände vors Gesicht und atmete hörbar aus. ,,Man, und dann ist da noch die Sache mit Minho und Jisung …”

,,Du findest es schlimm?”, fragte Woojin und neigte den Kopf zur Seite. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Chan dagegen war, wenn sich zwei Jungs mochten. Sonst war sein Gegenüber so offen für … naja, alles. Und irgendwie gäbe das einen kleinen Riss in seinem Herzen, wenn Chan nun sagen würde, dass er so etwas komisch oder gar widerwärtig fände.

,,Als Bang Chan nicht”, antwortete Chan und ließ sich wieder gegen Woojin sacken, ehe er nach dessen Hand griff, ,,Aber als Leader schon. Wir sind uns nicht einmal sicher, ob wir debütieren und schon gibt es solche Probleme.” Er schloss die Augen. ,,Ich freue mich für die beiden. Ich weiß … jeder weiß, dass sie zusammengehören. Das wusste jeder, bevor sie es wussten.” Chan biss sich auf die Unterlippe. ,,Aber ich habe so Angst. Ich habe Angst, wieder alle zu verlieren.”

,,Vorhin klang das aber so als würdest du …”

,,Manchmal wünsche ich es mir auch”, unterbrach Chan ihn, ,,Mittlerweile liebe ich aber nicht nur die Musik, sondern auch euch.”

Leise lachte Woojin, gerührt von diesen Worten, woraufhin er seine Finger mit denen von Chan verschränkte. Er wollte die Hand des anderen nie wieder loslassen.

Diesen zerbrechlichen, zarten Zustand von Chan durfte nur er mitbekommen (eventuell ja auch noch Changbin?) und das schätzte er wahnsinnig. Weil Chan in diesem Augenblick so schön war, dass er am liebsten aufhören würde zu atmen, in der Hoffnung, die Zeit bliebe dann ebenso stehen.

Nur für die beiden.

,,Ich will nur das Beste. Nicht das Richtige, sondern das Beste für unser Team”, gab Chan zu, ,,Und ich weiß nicht, ob es das Beste ist, sie machen zu lassen. Sie sind ja nicht dumm, aber es ist so … durcheinander.”

Woojin biss sich auf die Unterlippe. ,,Hmh, ja, hast Recht. Also eigentlich wäre es besser, wenn sie sich trennen würden?”

,,Natürlich wäre es einfacher für mich, aber das Leben ist nicht so und ich würde sie niemals dazu zwingen wollen. Es kann nicht alles zu meiner Gunsten laufen, das wäre unfair.” Chan löste sich von Woojin und stand auf.

Es konnte nicht alles nach Chans Nase laufen, das war Woojin klar.

Deswegen war er sich auch sicher, dass er selbst nun eingreifen müsste.

• •
• •
• • • • •
• • •


Ich weiß nicht mehr genau, wie es passiert war.

Mittlerweile saß ich auf der Couch und starrte abwesend auf den Fernsehbildschirm. Die Packung an Reiswaffeln war leer und lag auf dem Tisch. Einen Apfel und fünf Milchbrötchen hatte ich auch gegessen, aber das Loch in meinem Bauch war noch immer da. Das ganze Essen hatte die Leere in mir nicht gefüllt und zusätzlich schob ich schlechtes Gewissen aufgrund des unnötigen Konsums.

Zwischendurch hatte ich die Tränen nicht unterdrücken können. Dennoch weinte ich stumm und wickelte die Decke enger um mich. Wie viel Uhr es war, wusste ich nicht und gerade war es mir egal. Auch wenn ich müde war, hatte ich nicht die Motivation, aufzustehen und ins Zimmer zu gehen. Ich wollte schlichtweg alleine sein.

Sobald ich Schritte hörte, schnappte ich mir die Packung und versteckte sie unter der Decke, wischte mir die Tränen weg und kuschelte mich auf der Couch ein. Es war mir unangenehm, meinem Körper zu zeigen.

Überrascht hob ich den Kopf an, als ich erkannte, dass Woojin im Wohnzimmer stand.

,,Wieso bist du noch wach?”, fragte ich perplex.

,,Dasselbe könnte ich dich auch fragen.” Er lächelte sanft und kam auf mich zu. ,,Darf ich?” Dezent deutete er auf den Platz neben mir.

Langsam nickte ich und rückte zur Seite, wobei die leere Packung raschelte. Peinlich berührt senkte ich den Kopf.

,,Schon okay”, meinte Woojin und setzte sich unter die Decke. Er legte den Arm um mich, woraufhin ich mich an ihn lehnte und die Augen schloss. ,,Ich esse auch manchmal aus Frust.”

Verlegen lächelte ich. ,,Ja, ich bin einfach sehr überfordert.” Zögerlich schlang ich die Arme um Woojin. Der andere war warm und seine Umarmung einnehmend. Dennoch deutlich anders als bei Jisung. Woojin war nahezu beschützerisch und wie ein riesiger Teddy.

Wenn Chan ihn immer so umarmen durfte, war ich wirklich glücklich für ihn.

,,Verständlich. Es ist auch derzeit … schwierig.”

,,Das ist ja noch nett ausgedrückt”, erwiderte ich, ,,Alles geht den Bach hinunter. Was sollen wir nur ohne Leader tun?”

,,Chan will nicht aufhören. Das war nur so daher gesagt”, beruhigte er mich.

Irgendwo war mir das bewusst gewesen, aber die Worte hatten mir trotzdem Angst gemacht. Für mich war Chan immer unfassbar stark und unabhängig gewesen, jemand, der mich inspirierte. Ihn so zerbrechen zu sehen, zerbrach auch mich.

Chan war mehr als ein Leader. Er war der Klebstoff unserer Gruppe.

,,Minho, beruhige dich”, versuchte Woojin mich zu besänftigen. Tatsächlich beruhigte es mich ein wenig und ich entspannte meine verkrampfte Körperhaltung.

,,Ich mache mir Sorgen”, redete Woojin.

,,Ich mir auch.”

,,Nein, ich meinte, dass ich mir Sorgen um dich mache.” Verwirrt blickte ich ihn an. ,,Tut mir leid. Ich … wusste das nicht.” Wie denn auch? Bis jetzt hatte ich den Eindruck, dass Chan einen Großteil in Woojins Gedankenwelt einnahm. Dass er da noch an mich dachte, wäre mir nie in den Sinn gekommen.

,,Wenn du Probleme hast, kannst du mit mir darüber sprechen.”

Es war seltsam, wie fürsorglich und vor allem verantwortungsbewusst er dabei klang. Das war das erste Mal, dass jemand auf diese Weise nach meinen Problemen fragte. Er war verlockend, hier und jetzt alles rauszulassen.

Doch ich traute mich trotz allem nicht. Egal, wie sicher und wohl ich mich fühlte, irgendetwas blockierte mich. Irgendetwas in mir misstraute der Situation gewaltig.

,,Dasselbe gilt für dich. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass dich etwas bedrückt”, fing ich an und setzte mich weiter auf. ,,Chan hat vorhin geweint und geschrien. Wenn du so gelassen reagierst, muss das doch kompensiert werden.”

Woojin zuckte mit den Schultern und senkte den Kopf. ,,Dass er mir vertraut, kompensiert es. Es lässt mich nachts ruhig schlafen.”

Aus seinem Mund klang das so herrlich ehrlich und auch … verliebt.

Ich kam nicht umhin, das so zu empfinden, denn die Art, wie Woojin indirekt seine Abhängigkeit simpel und klar darstellte, war tiefromantisch für mich.

Schwer schluckte ich und spürte, wie trocken meine Kehle eigentlich war. ,,Woojin, liebst du Chan?”

,,Ja.”

Ich hielt gespannt die Luft an.

,,Ich liebe euch alle.”

Daraufhin atmete ich aus.

Er hatte es nicht verstanden.

Sollte ich die Frage einfach wiederholen? Das wäre jedoch peinlich.

,,Das ist schön”, antwortete ich daher und zwang mich zu einem Lächeln. Wäre Woojin in Chan verliebt, dann hätte ich mir bei ihm Rat wegen Jisung holen können. Sofern ich mich getraut hätte. Aber nun fiel das eher ins Wasser (obwohl ich noch immer glaubte, dass er auswich). Wie hatte ich mir nur ausmalen können, es wäre so einfach? Natürlich war es nicht normal, dass man sich eben mal in einen der Member seiner eigenen Gruppe verliebte.

,,Ja. Ich will für jeden da sein”, sprach Woojin weiter und strich mit der Hand über meine Schulter, ,,Besonders für dich.”

Leicht zuckte ich zusammen und runzelte die Stirn. Das verwirrte mich nun mehr. Ja, wir hatten schon viel geredet und ich konnte ihm auch Einiges anvertrauen, aber diese Ansicht war mir dennoch neu. ,,Wirklich? Wieso?”

,,Du scheinst extrem angespannt zu sein”, erklärte er, ,,Ich will, dass du mir vertraust.”

Verlegen senkte ich den Kopf. ,,Verstehe.” Mehr sagte ich dennoch nicht.

Woojin lachte leise, aber sanft. ,,Wenn du nicht jetzt reden willst, ist das auch okay.”

Deshalb schwiegen wir. Wir schwiegen solange, bis ich kurz vorm Einschlafen war und Woojin mich an meinem Handgelenk zum Schlafzimmer zog, wo er mich in mein Bett bugsierte und ich dem Land der Träume verfiel.

• •
• •
• • • • •
• • •


Schwer atmend wachte ich auf, weil meine Albträume dieses Mal wirr ineinander übergelaufen waren. Wie aufgewühlt ich noch von gestern war, hatte sich deutlich darin widergespiegelt.

Angewidert davon schüttelte ich den Kopf als könnte ich die grausamen Erinnerungen daran verscheuchen, ehe ich die Decke zurück warf und aufstand. Es war vielleicht sechs Uhr morgens, allerdings könnte ich ohnehin nicht länger schlafen.

So leise wie möglich schlich ich mich aus dem Zimmer und ging ins Badezimmer, um Zähne zu putzen und zu duschen. Ich wusste nicht, wieso, aber ich fühlte mich total unwohl. Vielleicht lag es daran, dass ich letzte Nacht zu viel gegessen hatte und ich mich deswegen träge und schwer fühlte. Ich seufzte leise angesichts dieser hässlichen Empfindung und zog mich an.

Danach wollte ich in die Küche gehen, um mir wieder Tee zu machen. Bereits von der Ferne hörte ich allerdings Geräusche daraus. Ich beschleunigte meine Schritte mit einer Vorahnung und sah dort tatsächlich Jisung stehen, wie er sich Toast machte.

Jedoch hatte er mir wohl gehört, weil er inne gehalten hatte und sich langsam umdrehte. ,,Oh, Minho”, flüsterte er, sobald er in meine Richtung blickte, ,,Konntest du wieder nicht schlafen?” Er biss in eine Toastscheibe und lächelte. Das Lächeln wirkte seltsam verzerrt.

,,Jisung, ist alles okay?”, fragte ich gerade heraus und kam auf ihn zu, ehe ich die Hand auf seine Schulter legte.

Ein wenig unsicher zuckte er mit den Schultern, ehe er die Lippen zusammen kniff. ,,Um ehrlich zu sein, fühle ich mich schrecklich. Wie konnte nur alles so schiefgehen?” Er schloss die Augen und atmete tief durch. ,,Ich habe es wirklich versucht. Aber Hyunjin und ich missverstehen uns scheinbar immer.”

Er schlang die Arme um mich und hielt sich an mir fest.

Ihn derartig verwundbar zu sehen, war etwas Neues für mich und ich wusste nicht so recht, wie ich damit umgehen sollte. Zögerlich legte ich meine Arme ebenso um ihn.

,,Wenn du jetzt nichts mehr mit mir zu tun haben willst, kann ich das auch verstehen”, flüsterte er und schaute mir dann ins Gesicht, ,,Ob mir das gefallen wird, ist dann wohl eine andere Sache.” Schwach lächelte er.

Ich strich ihm vorsichtig über die Wange noch immer überrumpelt von der ganzen Situation. Was sollte ich tun? Ich war keineswegs sauer auf ihn, sondern lediglich verzweifelt und frustriert. Es waren so viele kleine oder größere Faktoren, die alles verknoteten, verstrickten und verkomplizierten.

Ich platzierte einen sanften Kuss auf seinen Mund, was ihm einen überraschten Laut entlockte. ,,Weißt du, vielleicht hätte ich dir helfen sollen, anstatt zu sagen, dass du alleine das Problem mit Hyunjin lösen musst.” Ich fuhr mit den Fingern durch sein zerzaustes Haar. ,,Niemand sollte so etwas alleine durchmachen. Es tut mir leid.”

Die Worte sprudelten nur so aus mir heraus. Zuvor hatte ich mir gar keine Gedanken gemacht, was ich hatte sagen wollen, aber alles was ich von mir gegeben hatte, entsprach der Wahrheit. Ich glaubte, aus dem Stegreif genau das sagen zu können, was ich auch wirklich empfand.

Ich griff nach seiner Hand. ,,Komm, lass uns zu Hyunjin gehen und das gemeinsam besprechen”, forderte ich ihn auf und zog ihn aus der Küche.

,,Aber Minho, es ist noch so früh. Er schläft bestimmt noch”, wandte Jisung ein, aber ich merkte, dass sein Hauptanliegen die Furcht war.

,,Ich bezweifle, dass er diese Nacht ein Auge zumachen konnte”, erwiderte ich und lotste ihn in Richtung vom Schlafzimmer.

Jedoch verlangsamte ich mein Tempo, sobald ich bemerkte, dass die Tür zu diesem Zimmer bereits ein Spalt breit offen war. Daraus drang Geflüster.

Es dauerte ein bisschen, aber ich registrierte die Stimmen als die von Hyunjin und Chan. Letztere Erkenntnis verwirrte mich, weil ich mir so sicher gewesen war, dass ich ihn noch hatte schlafen sehen. Vielleicht war er in der Zwischenzeit aufgestanden?

Anhand der Tatsache, dass sie flüsterten, machte ich fest, dass der Rest des Zimmers noch schlief.

,,Hyunjin, ich wusste nicht, dass du so empfindest.”

,,Woher denn auch? Ich habe nie etwas gesagt.”

,,Aber das solltest du. Jisung wird Verständnis haben.”

Jisung und ich sahen uns gegenseitig an.

Ich wusste, dass wir beide dieselben Gedanken hatten. Einerseits wäre es vollkommen daneben, einer Konversation zu lauschen. Andererseits brannte uns die Neugierde zu stark unter den Fingernägeln.

Wir zogen uns beide bis zur Wand zurück und lehnten uns gegen diese, damit wir auch ja nicht in den Blickwinkel der beiden Sprechenden rückten.

,,Ich verstehe aber immer noch nicht, wieso du ihn dann immer so runtergemacht hast.”

Gespannt horchte ich genauer hin.

Ein Seufzen erklang, während mutmaßlich die Bettdecke raschelte. ,,Er ist so … perfekt. Es ist frustrierend. Er kann gut rappen, singen und tanzen. Wenn wir alle in einem Raum sind, dann kann ich nur ihn ansehen und es ist unerträglich, weil er so bewundernswert ist. Irgendwie wollte ich deswegen immer mit ihm befreundet sein, aber gleichzeitig fand ich ihn so unausstehlich.”

Eine Gänsehaut überzog meine Arme.

,,Vielleicht … vielleicht wusste ich einfach, dass ich nie an ihn herankommen könnte. Deswegen habe ich erst angefangen, ihn wegen seinem Tanzen zu hänseln. Und er hat irgendwann angefangen, zurückzufeuern. Ist ja logisch.” Pause. ,,Es ist definitiv meine Schuld, dass es soweit gekommen ist, aber ich habe mich nie getraut, zu sagen, was ich eigentlich denke. Ich dachte, es wäre lächerlich und deswegen war es einfacher, ihm zu sagen, dass ich ihn für alles hasse.”

,,Also hasst du ihn nicht?”

,,Irgendwo schon. Wenn er dumme Witze reißt, wenn er hyperaktiv ist, wenn er sich andauernd ablenken lässt. Manchmal ist er wirklich der nervigste Mensch auf der Welt. ”

Ein unterdrücktes Kichern kam von Jisung. Aber eventuell hatte ich es mir nur eingebildet.

Hyunjin schien mit den nächsten Worten zu hadern, da er mehrmals ansetzte. ,,Aber manchmal … ist er auch der einzige Mensch.”

Daraufhin herrschte absolute Stille. Man hätte die bekannte Stecknadel fallen hören.

Mir blieb jedenfalls völlig die Luft hin, während mein Gehirn versuchte, das alles zu verarbeiten.

Als ich den Kopf leicht zu Jisung drehte, merkte ich, dass diesem die Tränen in Strömen über die Wangen liefen. Er hatte die Augen geschlossen und den Kopf nach vorne geneigt, während seine Unterlippe zitterte.

,,Chan Hyung, ich glaube, ich mag Jisung einfach sehr.”
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast