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nostra itinera

von Skillz
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Han / Han Jisung Lee Know / Lee Minho
10.03.2019
12.04.2020
38
116.205
32
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Dieses Kapitel
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10.03.2019 1.701
 
,,Ich habe mich dazu entschieden, euch eine zweite Chance zu geben.”

Es war dieser Satz, der mein Leben drastisch änderte.

Aber es war nicht die erste Wende, die ich erlebt hatte. Nur war die Erste deutlich schlimmer gewesen.

Seit dem Tag, an dem ich eliminiert worden war, schlief ich schlecht und quälte mich durch die Stunden, die ich mit Produktivität zu füllen versuchte. Denn auch, wenn ich schon eine ganze Weile nicht mehr zu Stray Kids dazu gehört hatte, hatte mein Training nicht aufgehört und war sogar noch intensiver geworden, als ich erfahren hatte, dass Felix ebenso aus der Show geflogen war.

Gemeinsam hatten wir uns eine Routine aufgebaut, mit der wir uns erhofften, wieder etwas Sinn in unseren Alltag zu bringen. Gegenseitig hatten wir uns über den anfänglich viel zu großen Schmerz hinweg getröstet, der jedoch nicht hatte verblassen wollen.

Ich hatte getanzt, bis ich drohte, ohnmächtig zu werden.

Ich hatte gesungen, bis meine Stimme heiser wurde.

Ich hatte mein Bestes gegeben, bis ich abends totmüde ins Bett fiel.

Wie es Felix ging, wusste ich nicht. Ich hatte aber mitbekommen, wie viel er Koreanisch geübt hatte, um vor allem seine Aussprache zu verbessern. Das Maß an Arbeit, Zeit und Nerven, die er da rein gesteckt hatte, war nicht abzumessen.

Meine Gedanken waren dunkel.

Selbst jetzt, wo JYP vor uns saß und uns freundlich anlächelte, glaubte ich, zu ertrinken.

Neben der Freude, die ich empfand, schlichen sich - ohne dass ich es aufhalten konnte - Zweifel mit ein.

Denn er sagte selbst: Sollten wir es vermasseln, müssten wir diese grausame Erfahrung, alles, was einem lieb und teuer ist, zu verlieren, erneut erleiden.

Und das könnte meine Psyche kein weiteres Mal. Denn am Abgrund hatte ich mich bereits genug gesuhlt und ich wusste nicht, wie lange ich es noch ertragen könnte, jeden Morgen aufzuwachen mit der Angst, einmal wieder nichts an diesem Tag zu erreichen.

Leicht schüttelte ich den Kopf und bemühte mich darum, JYP anzulächeln und ihm zu danken. Denn ich war dankbar.

War ich wirklich.

Erneut bei Stray Kids zu sein war das, was ich mir doch ständig sehnlichst wünschte. Also wo lag das Problem?

Ich folgte mit Felix dem Leiter des Entertainments, der uns zum Proberaum führte, in dem sich der Rest der Gruppe wahrscheinlich auf den Broadcast vorbereitete. Die letzte Mission in dieser gesamten Show.

Bereits vor meinem inneren Auge sah ich, wie sie alle Probleme hatten, sich neu zu formieren.

Ich selbst war jahrelang in einer Tanzgruppe gewesen und sobald auch nur einer fehlte, konnte es wahnsinnig umständlich werden, sich die Positionen neu einzuprägen.

Und dass Stray Kids das bis zur Vorführung der Mission zu fixen hatte, war durchaus eine Herausforderung. Aber JYP war nie dafür bekannt gewesen, es einem leicht zu machen.

Während wir zum Raum liefen, hallten die schmatzenden Geräusche, die unsere Füße auf dem Boden verursachten, in meinen Ohren. Derweil war mein Kopf gefüllt von viel und doch nichts.

Zumindest nichts Brauchbarem.

Ich dachte nämlich an viele, belanglose Dinge und musste immer wieder die Hände zu Fäusten ballen, wobei ich bemerkte, dass die Innenflächen etwas schwitzig geworden waren.

Für den Bruchteil einer Sekunde schloss ich die Augen und versuchte, mir selbst motivierende Sprüche einzutrichtern.

Sprichwörter sind oftmals überfüllt mit Klischees und leicht dahin gesagten Wörtern. Etwas, das mich schon immer unfassbar aufgeregt hatte, besonders, wenn es mir jemand im Moment der Verzweiflung gegen den Kopf warf.

Aber dieses Mal war ich so froh, dass es sich als Wahrheit bewährte.

,,Wenn wir fallen, können wir entscheiden, ob wir liegen bleiben oder aufstehen.”

Es klang wie ein heuchlerisch heroischer Spruch. Dennoch hatte er irgendwo seinen wahren Kern.

Gerade die Tatsache, dass Felix und ich es ja doch geschafft hatten, bewies es.

Ja, wir Zwei hatten tatsächlich eine zweite Chance erhalten, mit der wir JYP beweisen konnten, dass wir zu Stray Kids gehörten. Wir hatten die Möglichkeit, zu zeigen, wie viel besser die Gruppe mit neun Mitgliedern war.

Aber es gab ein mordsmäßiges Problem.

Ich hatte Angst.

Angst, wieder zu versagen.

Angst, im falschen Augenblick einen Patzer zu machen.

Angst, erneut die Menschen um mich herum zu enttäuschen.

Es lähmte meine Muskeln, meinen Verstand, absolut alles. Denn mit diesem Druck war gewiss nicht zu spaßen.

Und doch war ich unfassbar glücklich, da meine Gedanken allmählich zu dem Wesentlichen hinüberwanderten.

Meiner Familie. Die ich hatte schmerzlich zurücklassen müssen. Kaum zu glauben, dass ich sie wiedersehen könnte. Es war wie ein Traum die letzten Nächte gewesen und nun war er greifbar, spürbar, wahrnehmbar.

Mein Herz raste und hüpfte in meinem Brustkorb, gab eine Art Schlagzeugkonzert und wummerte ununterbrochen in meiner Emotionswelt. Wahrscheinlich hatte die ohnehin Diabetes, weil die Stimmungskurve wie ein unregelmäßiger Blutdruck auf und ab schwang.

,,Seid ihr so weit?”, riss mich der Leiter des Entertainments aus den Gedanken. Er wirkte durchaus gelassen und ja, auch freundlich, was angesichts seiner üblichen Strenge etwas befremdlich war.

Meine Kehle war zu trocken, daher nickte ich nur. Ansonsten wäre lediglich ein Krächzen, das eine Bestätigung hätte nachahmen sollen, entwichen.

JYP erklärte uns noch, dass er erst einmal mit den anderen alleine reden wollte, bevor er uns hereinholen würde.

Wir gaben kaum einen Mucks von uns, sondern nickten nur bestätigend.

Daraufhin betrat er den Raum und zog die Tür leise hinter sich zu.

Automatisch atmete ich hörbar aus und lächelte Felix nervös an, der meinen Ausdruck erwiderte.

,,Unglaublich, oder?”, murmelte er und legte Zeige- und Mittelfinger an seinen Hals, wahrscheinlich um - wie so oft - seinen Puls zu checken. ,,Wie kannst du nur so ruhig sein?”

Leise lachte ich und nahm seine Hand, um sie auf meine Brust zu legen. Somit konnte er die schnellen Schläge spüren, mit welchen mein lebensspendendes Organ wie verrückt Blut durch Arterien und Venen trieb. ,,Ich habe eher Angst, dass ich mich gleich übergebe.”

Felix schien erheblich erleichtert darüber zu sein, dass er nicht der Einzige war, der in seiner Aufregung badete. Er löste seine Hand und benutzte sie dazu, sie mit der anderen zu verschränken. Bestimmt war er so unruhig, dass er beschloss, es sei die beste Lösung.

Die Sekunden wurden zu Minuten und ich fragte mich, wie lange es noch dauern würde. Vielleicht war mein Zeitgefühl aber auch schlichtweg unsensibel und es waren um die dreißig Sekunden vergangen, in denen ich schon kirre wurde.

Trotz meiner erwartungsvollen Haltung, zuckte ich kaum merklich zusammen, sobald das Klicken der Tür uns symbolisierte, dass wir eintreten sollten.

Ich straffte die Schultern, tat einen tiefen Atemzug und schritt dann voran, ehe ich über die Türschwelle ging.

Für einen Moment wurde ich leicht geblendet, da das Licht auf dem Flur recht schwach gewesen war und im Kontrast dazu der Raum gut erleuchtet wurde.

Das Grinsen wollte gar nicht mehr von meinem Gesicht verschwinden, sobald ich den Rest der Gruppe sah.

In einer Reihe standen alle nebeneinander und es war amüsant, anzusehen, wie sich ihre Gesichter aufhellten als hätte jemand bei ihnen die Sonne angeknipst.

Latentes Gelächter kroch durch den Raum, aber wir versuchten alle, uns noch irgendwie zusammenzureißen, da wir nicht alleine waren.

,,Ich hoffe, ihr nutzt eure Chance.”

Synchron nickten alle enthusiastisch und starrten JYP an, hingen nahezu an seinen Lippen, da dieser offensichtlich mehr zu sagen hatte.

Er erklärte uns, dass er trotz dessen, dass wir wieder zu neunt waren, Auftritte zu siebt erwartete, damit er besser beurteilen könnte, bei welcher Mitgliederzahl er es belassen wollte.

Alle stimmten zu und bedankten sich mehrmals, während JYP den Raum verließ.

Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, grinsten wir uns alle an. Keine Sekunde später lagen wir uns in den Armen und drückten uns zu einem riesigen Knäul zusammen.

Wie hatte ich diese Nähe nur vermisst. Diese Geborgenheit war unbezahlbar.

Am liebsten hätte ich geweint, aber das wäre irritierend gewesen in all der Freude. Und Tränen hatte es bei meinem und auch Felix’ Abschied zu Genüge gegeben. Es war Zeit, dass wieder eine Ära voller Freude anbrach.

Eine Sache verwirrte mich jedoch deutlich.

Als Jisung lachend losging, dachte ich für eine Sekunde, dass er zu mir käme, jedoch fasste er stattdessen Felix an die Arme, zog ihn zu sich her und konnte gar nicht mehr aufhören, zu strahlen.

Nicht, dass es mich großartig störte. Es fiel mir nur auf.

Changbin schaute mich warm an und nahm mich dann schließlich in eine ausgiebige Umarmung, die ich zu gerne erwiderte. Hatte es ihn doch erstaunlich hart getroffen, dass ich gegangen war.

Während der 3:3:3 Mission waren wir eng zusammen gewachsen, da er mir viele Tipps gegeben und mich immer unterstützt hatte. Ehe ich es mich versehen hatte, waren wir enge Freunde geworden.

,,Wow, die miese Bromance ist eine akzeptable geworden”, kommentierte Jeongin etwas vorlaut, was aber die Gruppe erneut zum Lachen brachte.

Hyunjin wuschelte ihm durch die Haare, aber mehr um ihn zu ärgern, dafür, dass er so frech war.

Ich konnte nur grinsen, weil es mich glücklich machte, zu sehen, wie gut sie doch zusammengehalten hatten, obwohl die Abwesenheit von zwei Mitgliedern in das Band offensichtliche Löcher gerissen hatte.

Doch nun könnten wir daran arbeiten, es zusammenzuflicken.

Mir fiel auf, dass Chan die ganze Zeit abseits stand und uns einfach beobachtete. Er wirkte um ehrlich zu sein so als müsste er gleich weinen. Aber er blieb stark.

Wir hielten unsere Hände in die Mitte und schauten unseren Leader erwartungsvoll an, woraufhin der sich zu uns gesellte.

Dann zählte er langsam auf Drei, damit wir ein ,,Stray Kids, fighting!” zum Besten gaben und somit offiziell wieder eine Gruppe wurden.

Zum ersten Mal war mein Herz wieder etwas leichter und ich fühlte mich nicht komplett nutzlos und alleine gelassen auf dieser Welt.

Klang vielleicht überdramatisierend, allerdings waren die vergangenen Wochen wirklich schlimm gewesen - voller Selbstzweifel und auch Abscheu gegenüber mir selbst. Vorwürfe, nicht hart genug gearbeitet zu haben.

Doch jetzt konnte ich das alles wieder geradebiegen, wenn ich doch nur fokussiert bliebe.

,,Lasst uns unser Bestes geben”, murmelte Chan.

Schweigen trat ein und wir sahen ihn erwartungsvoll an.

,,Hey, erwartet keine kitschige Rede von mir!”, meinte er und hob die Hände, was uns in Gelächter ausbrechen ließ.

Das war das erste Mal seit Langem, dass ich wieder so herrlich lachen konnte. Dennoch hatte ich in demselben Moment Angst, mir könnte diese Euphorie und Freude ohne Weiteres ein zweites Mal genommen werden können.
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