Abendhimmel

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
10.03.2019
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Ein warmer Windhauch strich über die weiten Felder hinweg und streifte sanft seine weiche, sonnenbeschienene Haut. Einen Schwall süßlicher Luft in sich aufsaugend, lag er auf dem Rücken und blickte hinauf in das lodernde Inferno des Abendhimmels, das sich weit über ihm erstreckte.
Es war einer der letzten Sommertage des Jahres gewesen, der sich nun mit langsamen, bedächtigen Schritten seinem Ende zuneigte und die Welt ringsherum in ein Spiel aus Farben und Feuer eintauchte.
Seine Gedanken flogen, trugen ihn fort und brachten unweigerlich die Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit zurück, die ihm in diesem Moment so greifbar und nah erschien, dass er für einen Augenblick sogar glaubte, seine Hand spüren zu können, die ihm bedächtig und mit gleichmäßigen Bewegungen durch das dichte, braune Haar fuhr. Nur einen ganz kurzen Moment lang fühlte sie sich echt an, diese Berührung – das Zeichen ihrer innigen Verbundenheit, das er hier inmitten dieses Weizenfeldes so oft mit ihm geteilt hatte.
Einen kurzen Moment lang nahm er seinen Geruch wahr, diesen unverwechselbaren Duft nach Aftershave, der seine sämtlichen Sinne stets berauscht und beflügelt hatte. Einen Moment lang konnte er seinen warmen Atem im Nacken spüren, diese freche, manchmal auch so nervige Geste, mit der er ihn so oft aufgezogen hatte und bei der er sich nie hatte vorstellen können, dass er sie jemals vermissen würde.
Doch genau das tat er. Er vermisste sie. Er vermisste das spitzbübische, ungenierte Grinsen in seinem Gesicht, das er stets dabei gehabt hatte. Er vermisste die starken und doch so zarten Hände, die sich so oft tief in seinem dichten, dunkelbraunen Haar vergraben hatten. Vermisste die warme, wohlvertraute Stimme, die ihm so manches Mal eine Gänsehaut über den Körper gejagt hatte mit ihrem Klang. Die kleinen, fast unscheinbaren Lachfältchen auf seinem Gesicht, die sich jedes Mal gebildet hatten, wenn sie zusammen hier gewesen und ihre Zeit miteinander geteilt hatten. Und sogar seine lästige Angewohnheit, ihm mit der feuchten, speicheldurchtränkten Zunge über die Wange zu schlecken und seine Spuren darauf zu hinterlassen, fehlte ihm in diesem Augenblick.
Wie oft waren sie früher zusammen hier gewesen – mitten in den Weizenfeldern – und hatten unbeschwerte, aufregende Momente miteinander geteilt? Wie oft hatten sie sich heimlich davongeschlichen, um sich hier zu verabreden, während ihre ahnungslosen Eltern rein gar nichts davon mitbekommen hatten? Wie oft hatten sie sich hier gemeinsam fallen lassen, waren sich nah gewesen und hatten sich einander bedingungslos hingegeben? Wie oft hatten sie hier zusammen übernachtet, mitten unter dem Sternenmeer, bis der Anbruch des neuen Tages sie wieder getrennt und einen weiteren Tag lang auf zwei völlig verschiedenen Wegen hatte gehen lassen?
Er konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen. Er wusste nicht, wie viele von diesen heimlichen Treffen es gegeben hatte, hier, an ihrem kleinen, geheimen Ort. Hier, an dem Platz, an dem alles einmal begonnen hatte. An dem sie sich das erste Mal in die Augen gesehen hatten. Den ersten, schüchternen Kuss getauscht hatten. Und sich das erste Mal ganz ungeschminkt nahe gekommen waren.
In seiner Erinnerung jedenfalls kam es ihm viel zu wenig vor. Sie hatten viel zu wenig Zeit miteinander und füreinander gehabt. Viel zu viele Tage damit verbracht, es zu verheimlichen, sich nichts anmerken zu lassen und so zu tun, als wäre nichts, um nicht die Verärgerung und Ablehnung ihrer Eltern auf sich zu ziehen. Um ihr junges, unbeschwertes Glück nicht in Gefahr zu bringen.
Weil sie beide immer gewusst hatten, dass keiner von ihnen es je verstehen würde. Dass man ihnen verbieten würde, sich zu treffen und ihre Liebe zu leben. Dass die Gefühle, die sie füreinander hatten, verboten und tabu waren.
Sie durften sich nicht lieben. Nie und nimmer hätten ihre Familien es zugelassen, dass ausgerechnet der Sohn aus gutem Hause sich mit einem Bauernbengel vom Land herumtrieb. Mit einem, dem das Verbrechen buchstäblich ins Gesicht geschrieben stand. Einem, der als Hure verrufen war, als unterster Fußabtreter der Gesellschaft. Dem der Stallgeruch und die schlechten Manieren anhafteten. Der in der Schule als schwule Missgeburt betitelt wurde. Und dem man gefälligst mit Verachtung und Abscheu zu begegnen hatte, so wie jedem, der sich nicht lückenlos in das perfekte Gesellschaftsbild einfügen wollte.
Er, Viktor Engel, Sohn eines ortsbekannten Landwirtes und Trinkers, war ein Nichts. Er war verrufen und geächtet – nicht nur aufgrund seiner einfachen Herkunft, sondern besonders deshalb, weil seine Liebe dem männlichen Geschlecht galt. Und der einzige Grund, warum er halbwegs geduldet wurde, war das Ansehen seiner Mutter, die als ortsansässige Schneidern einen anerkannten Status besaß. Sie allein war das Einzige, das seine schlichte und ungeliebte Familie davor bewahrte, verstoßen und ausgegrenzt zu werden.
Jedoch hatte ihn selbst das nie davor geschützt, als Dorfgespött angesehen und regelmäßigen Übergriffen ausgesetzt zu sein. Und hierbei zählte die Betitelung als männliche Hure noch zu den harmlosen Beleidigungen und Anfeindungen.
Gewalt gegen ihn war quasi an der Tagesordnung, Spott und Ausgrenzung schlugen ihm von allen Seiten entgegen. Selbst von seinem Vater wurde er geächtet – und hatte es einzig und allein dem guten Herz seiner Mutter zu verdanken, dass dieser ihn nach seinem Coming-out nicht hingerichtet hatte. Sie war der einzige Mensch des ganzen Dorfes, dem er vertrauen konnte, der ihn nicht mit Verachtung und Häme bestrafte, sondern sich um einen offenen Umgang mit seiner „Krankheit“, wie es im Volksmund gerne genannt wurde, bemühte.
Sie machte sich nichts daraus, dass er Männer liebte, hatte ihn deshalb nie schief angesehen oder verspottet, sondern nahm ihn ganz einfach so an, wie er war. Angesichts der Tatsache, dass niemand sonst sich großartig um ihn kümmerte, war das zwar nur ein schwacher Trost, aber allemal besser als gar nichts.
Und Viktor erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem er sein Herz ausgerechnet an den Jungen verloren hatte, der selbst für die Mädchen in unerreichbarer Ferne lag: Damian Prinz, der Sohn eines erfolgreichen und angesehenen Immobilienmaklers.
Der erste Mensch in Viktors Leben, der seine ganze Welt völlig auf den Kopf gestellt hatte. Ein einziges, freundliches Zwinkern beim Sportunterricht hatte ausgereicht – und schon war das Herz des braunhaarigen Sechzehnjährigen wie Wachs zerschmolzen.
Ohne dass er selbst richtig gewusst hatte, wie ihm geschah, hatte er sich in den schwarzhaarigen Schönling mit den tiefblauen Augen verliebt, der mit seiner sympathischen, offenen Art nahezu jeden in seinen Bann ziehen konnte, wenn er es wollte.
Aber dass es je wahr sein würde, dass Damian ihm je Beachtung schenken würde, daran hatte Viktor in seinen kühnsten Träumen nicht geglaubt. Zumindest nicht solange, bis sie sich eines Nachmittags auf der Schultoilette begegnet waren.
An diesem einen, besonderen Tag, hatte sich das Leben des sechzehnjährigen Jungen für alle Zeiten verändert. Denn das Zeichen, das Damian ihm geschickt hatte, war viel mehr gewesen als tausend Worte es jemals hätten sagen können.
Der zarte, bedächtige Kuss, wenngleich auch nur auf die Wange, hatte den heimlichen Traum, den Viktor geträumt hatte, von einem Moment zum nächsten Wahrheit werden lassen.
Und das Lächeln, das der Andere auf den Lippen gehabt hatte, verriet ohne jeden Zweifel, dass er es absolut ernst meinte. Mit flüsternder, zärtlicher Stimme hatte er Viktor von diesem Platz erzählt, mitten in den Weizenfeldern, zu dem er kommen sollte, wenn er bereit war, mehr zu erfahren.
Und wenngleich der Sechzehnjährige verunsichert gewesen war, ob Damian es ernst meinte oder ihm lediglich einen Streich spielte, hatte er sich am Abend still und leise aus dem Haus geschlichen und war zu besagtem Ort gegangen, den der Andere ihm genannt hatte.
Er wusste selbst nicht, was ihn trieb, zumal er sich eigentlich sicher war, dass es sich hierbei nur um einen Trick handeln konnte – schließlich war Damian, selbst falls er sich für Männer interessierte, bestimmt nicht scharf auf einen unfähigen, geächteten Bauernburschen wie ihn.
Und nichtsdestotrotz hatte in Viktor doch eine kleine Hoffnung gebrannt, dass der Andere nicht gelogen hatte, wenngleich diese Idee ihm völlig illusorisch erschien. Warum auch sollte Damian – ausgerechnet Damian Prinz – sich für ihn interessieren? Für einen Burschen vom Bauernhof, dem der schlechte Ruf vorauseilte, wohin er ging? Das war absurd.
Mit gemischten Gefühlen im Bauch hatte er sich schließlich auf den Weg gemacht – die Strecke war nicht allzu weit, nur eine knappe Viertelstunde Fußmarsch von seinem Haus entfernt –, zu dem besagten Feld, in dem Damian versprochen hatte, auf ihn zu warten.
Sein Herz schlug dabei so schnell wie noch nie, schließlich hatte er keine Ahnung, was ihn gleich erwarten würde, ob der Andere die Wahrheit sagte oder ihn doch in eine Falle locken würde. Aber dieses Risiko, beschloss Viktor für sich, musste er eingehen.
Nach einigen Schritten durch das dicht bewachsene Feld entdeckte er schließlich drei zu einem Pfeil angeordnete Äste, die ihm als Wegweiser dienen sollten. Zweimal rief er laut nach dem Anderen – die einzige Antwort aber, die er bekam, war das leise Rauschen des Windes, der durch das Feld strich.
Aus irgendeinem Grund bekam Viktor es plötzlich mit der Angst zu tun und der Mut, den er bis zu diesem Moment noch gehabt hatte, war dahin, sodass er sich rasch dazu entschied, wieder umzudrehen.
Bevor er dies jedoch in die Tat umsetzen konnte, griff plötzlich eine Hand nach ihm und zog ihn einige Schritte zwischen dem Weizen hindurch, der Viktor etwas unsanft ins Gesicht peitschte.
Einen kurzen Augenblick schloss er die Augen – und als er sie schließlich wieder öffnete, glaubte er fast, selbigen nicht ganz trauen zu können: Vor ihm stand tatsächlich Damian, sein schwarzes, weiches Haar umspielte zärtlich sein Gesicht, welches von einem breiten, erfreuten Lächeln geziert wurde.
Sein Oberkörper wurde teilweise von einem karierten Hemd verdeckt, bei dessen Knöpfen er sich jedoch nicht die Mühe gemacht hatte, sie zu schließen, sodass Viktor einen Blick auf seine nackte Brust erhaschen konnte.
Seine weitere Bekleidung bestand nur aus einer abgetragenen Jeans, die über seiner schmalen Hüfte wie angegossen saß und von einem Gürtel gehalten wurde, der jedoch nur notdürftig verschlossen war.
Viktor brauchte einen Moment, um das Bild, das sich ihm hier gerade bot, richtig erfassen und begreifen zu können. Er stand tatsächlich Damian Prinz gegenüber. Dem Jungen, der ihm am Nachmittag leise ins Ohr geflüstert hatte, sich hier mit ihm zu treffen. Dem Jungen, der Viktor verzaubert hatte mit seiner Art und dem süßen, verspielt wirkenden Lächeln auf seinem Gesicht. Und ausgerechnet er hielt ihn gerade an der Hand. Ausgerechnet er hatte ihn hierher bestellt.
„Hallo Viktor“, zerbrach er schließlich die Gedanken des Braunhaarigen, noch immer mit einem Lächeln auf seinem schönen Gesicht. „Ich freue mich sehr, dass du meiner Einladung gefolgt bist. Ich dachte schon, du würdest nicht kommen“.
„Damian...“, gab der Angesprochene zögernd zur Antwort, noch immer nicht im Klaren, ob diese Situation Realität oder Fiktion war. „Ich...“.
Noch bevor Viktor den Satz zu Ende sprechen konnte, legte Damian ihm einen Finger an die Lippen und schüttelte lächelnd den Kopf. „Gleich“, flüsterte er dann leise, dicht in das Ohr des Anderen. „Erst möchte ich dir noch etwas geben“.
Und kaum hatte er das gesagt, wiederholte er, was er am Nachmittag getan hatte und beschenkte Viktors Wange mit einem erneuten Kuss.
Dieser konnte daraufhin nicht anders als rot zu werden und seinen Blick zu senken, wobei er erst jetzt den kleinen Korb bemerkte, der direkt neben Damians Füßen stand.
„Du bist ja richtig verlegen“, stellte der Schwarzhaarige daraufhin fest und lächelte entzückt. „Das ist ja süß“. „Damian...“, wiederholte Viktor und räusperte sich nervös, noch immer nicht in der Lage, den Anderen anzusehen. „Warum...? Was... was wollen wir hier?“.
„Zeit miteinander verbringen“, antwortete der Angesprochene leise und schmunzelte. „Ich weiß nämlich, dass du dir das insgeheim schon lange wünscht. Genau wie ich mir auch“.
„Du...?“, fragte Viktor überrascht und musterte sein Gegenüber, woraufhin Damian jedoch nur lächelnd nickte. „Ich mag dich“, erklärte er ihm dann mit flüsternder Stimme. „Sehr, um ehrlich zu sein. Und ich weiß, dass du mich auch sehr magst. Und weißt du auch, woher?“.
Ahnungslos und leicht verwirrt schüttelte Viktor den Kopf, woraufhin das Grinsen des Anderen nur breiter wurde. „Weil ich deine Gedanken lesen kann“, gab er dann bekannt und konnte dabei ein Lachen nicht zurückhalten.
„Was...?“, fragte Viktor nach, um sicherzugehen, dass er richtig verstanden hatte. „Du... du kannst meine... was?“.
„Das war ein Scherz“, klärte Damian ihn rasch auf, entzückt von seiner Schüchternheit. „Ich kann deine Gedanken nicht lesen. Aber wenn ich es könnte, würde da jetzt ganz sicher groß und breit stehen: 'Ich liebe Damian'. Hab ich Recht?“.
„Woher... woher weißt du von meinen...?“, wollte Viktor wissen, der zunehmend nervöser wurde. „Von deinen Gefühlen für mich?“, erkundigte der Andere sich und gluckste, was der Braunhaarige nickend bestätigte.
„Ich bin schließlich nicht blind“, ließ der Andere ihn wissen und zwinkerte. „Ich habe genau gesehen, wie du mich neulich beim Sportunterricht angeschaut hast. Und ich habe gemerkt, wie nervös du manchmal bist, wenn wir miteinander reden. Da habe ich eins und eins zusammengezählt. War jetzt nicht so besonders schwer“.
Er machte eine kurze Pause und wurde einen Moment lang ernst, senkte hierfür sogar seinen Blick. „Etwas schade ist nur...“, begann er dann und stieß ein teilweise gespieltes Seufzen aus.
„Was?“, wollte Viktor angespannt wissen, woraufhin Damian sein Schauspiel aufgab und wieder zu lächeln begann. „...dass du es nicht bemerkt hast“, gab er dann zur Antwort und schnappte sich eilig die Hand des Braunhaarigen. „Du warst so damit beschäftigt, deine Gefühle vor mir zu verstecken, dass du überhaupt nicht gesehen hast, dass es mir ganz genau so geht“.
„Wa-was...?“, wiederholte Viktor überrumpelt und starrte sein Gegenüber mit großen Augen an. „Ich war und bin jedes Mal genauso nervös wie du“, antwortete der Andere und zuckte verlegen die Schultern. „Weil ich dich mindestens ebenso gern habe wie du mich. Aber das hast du wohl nie so richtig registriert, oder?“.
„Du...?“, wollte Viktor perplex wissen. „Du... hast... mich... gern?“. „Sehr“, gab Damian offen zu und schmunzelte verlegen. „Aber ich habe mich nie getraut, etwas zu sagen. Du weißt, wie die Leute sind. Sie hätten angefangen zu reden. Und außerdem wusste ich auch nicht, ob du mich überhaupt magst. Aber seit einiger Zeit, da weiß ich es ganz sicher“.
„Woher?“, fragte Viktor nach, woraufhin der Andere einen zusammengefalteten Zettel aus seiner Tasche zog und ihn dem Braunhaarigen reichte. „Erkennst du das wieder?“, wollte er dann wissen und lächelte schüchtern. „Weißt du noch, was das ist?“.
Der Sechzehnjährige nahm das Stück Papier an sich und klappte es auf – und sofort dämmerte ihm, was der Andere meinte. Es handelte sich um einen Brief, welchen Viktor heimlich während des Nachmittagsunterrichts geschrieben hatte, anstatt sich, wie eigentlich gedacht, um seine Hausarbeiten zu kümmern – und den er im Anschluss unter der Bank versteckt hatte. Und genau dort hatte Damian ihn auch gefunden.
„Wie... wie bist du daran gekommen?“, fragte Viktor schließlich und fühlte, dass ihm die ganze Sache mehr als peinlich war. „Zufall“, entgegnete der Andere mit einem verlegenen Lächeln. „Wirklich nur reiner Zufall. Ich habe ihn im Klassenraum unterm Tisch gefunden. Eigentlich wollte ich ihn wegschmeißen. Aber nachdem ich bemerkt hatte, dass er an mich adressiert ist, musste ich ihn einfach lesen. Bitte entschuldige“.
Aus irgendeinem Grund fühlte Viktor sich völlig ertappt und war vergeblich bemüht, eine Erklärung zu suchen – doch der Schwarzhaarige blieb ganz gelassen und entspannt. „Du musst nichts erklären“, ließ er den Anderen dann wissen. „Ich bin froh, dass ich ihn gefunden habe. Jetzt weiß ich wenigstens, dass mein Herzrasen, wenn ich in deiner Nähe bin, nicht ganz vergeblich ist“.
Mit diesen Worten griff er nach der Hand des Braunhaarigen, noch ehe dieser sie zurückziehen konnte, und streichelte sie bedächtig mit seiner eigenen. „Ich weiß, wie es ist“, sagte er dann. „Und ich weiß, was die Leute reden. Aber seit ich deine Zeilen gelesen habe, ist mir das alles egal. Ich liebe dich, Viktor. Dich und niemand anderen. Und wenn du mir die Chance dazu gibst, dann zeige ich dir, dass ich es absolut ernst meine“.
„Damian... ich...“, stieß Viktor leicht überfordert hervor. „Ich weiß gar nicht... ich...“. „Lass es uns nur versuchen“, bat der Andere ihn und reichte ihm schüchtern noch einmal die Hand. „Lass uns einfach diesen Abend miteinander verbringen. Lass uns nicht an die anderen denken, nicht daran, was daraus wird, sondern einfach nur diesen Moment erleben. Und was daraus wird, das sehen wir schon. Einverstanden?“.
„Ich...“, wiederholte Viktor, noch immer unsicher, als Damian ihm erneut den Arm entgegenstreckte. „Wenn du es willst, dann gib mir die Hand“, flüsterte er dann und schmunzelte schüchtern. „Gib mir die Hand und ich verspreche dir, dass ich sie nicht mehr loslasse. Lass uns einfach unsere Zeit teilen. Ganz egal, was daraus wird. Ich verspreche dir, dass du es nicht bereuen wirst“.
Der Braunhaarige zögerte und dachte einen Moment lang nach, bevor er sich schließlich dazu durchrang, alle Bedenken über Bord zu werfen und Damian zu vertrauen. Selbst wenn es nur bei diesem einen Abend bleiben würde – um dem Jungen seines Herzens ganz nah zu sein, war es das auf jeden Fall wert. Und alles, was danach kam, würde man dann sehen. Was jetzt und hier zählte, waren einzig und allein ihre Gefühle. Und die beruhten, wie Viktor jetzt wusste, auf Gegenseitigkeit.
Behutsam legte er seine Hand in Damians und versuchte ein zögerndes Lächeln, welches der schwarzhaarige Schönling glücklich erwiderte. „Ein Versuch“, fügte er dann hinzu und näherte sich dem Braunhaarigen noch ein paar Schritte. „Einfach so aus Liebe“.
In dieser Nacht, die Viktors Leben für immer veränderte, sprühten die Funken zwischen Damian und ihm so heiß wie Feuer. Nicht nur, dass die beiden ihren ersten Kuss miteinander teilten – auch das von Damian organisierte Picknick genossen sie in vollen Zügen.
Sie waren sich so nah, für ein paar wenige Stunden, vergaßen alles um sich herum und ließen sich ganz auf den Moment ein, ohne dabei über Konsequenzen oder ihre Eltern nachzudenken. Und es fühlte sich richtig an. Jede einzelne Sekunde lang.

Mit der Zeit wiederholten sich derartige Treffen immer häufiger und aus den Weizenfeldern wurde ihr eigenes, kleines und privates Liebesnest, von dem nur sie allein etwas wussten und das nie irgendjemand anders entdecken würde. Sie verbrachten Nachmittage, Abende und Nächte an diesem Ort, wobei weder Damians, noch Viktors Eltern ahnten, wie tief und innig ihre Verbindung zueinander war, da sie nach außen hin lediglich die zwei Schulkameraden spielten, die sich einfach gut verstanden.
In Wirklichkeit aber waren sie viel mehr als das – und in fast jeder warmen Sommernacht lebten sie aus, was tagsüber als verboten galt, wofür die Menschen des Dorfes allenfalls Verachtung und Abscheu übrig hatten.
Sie liebten sich, spielten und verführten, wodurch ihre Verbindung zueinander mit jedem einzelnen Tag noch stärker und fester wurde. Aus den zwei anfänglichen Liebhabern wurden Liebende, denen das Schicksal diese paar Stunden bis zum Morgen überließ, um sich einander zu geben, was sie brauchten und wonach sie sich sehnten.
Über fast drei Monate hinweg lief dieses Spiel nahezu perfekt. Damian und Viktor trafen sich meist am Abend in den Weizenfeldern, während ihre ahnungslosen Familien sie jeweils in ihren Schlafzimmern vermuteten. Und was sie dort zusammen erlebten, war viel schöner und aufregender als sie es sich je in ihren Träumen hätten ausmalen können. Sie vertrauten einander jedes Geheimnis an, lachten und liebten sich durch den Sommer, der in ihren Augen endlos zu sein schien, so wie auch ihre Liebe zueinander endlos war.
Auch wenn das Leben im Dorf seinen gewohnten Gang ging und Viktor nach wie vor Zielobjekt von Anfeindungen und Spott war – jeden Abend, wenn er sich mit Damian traf, fiel all das von ihm ab und es war, als würde er eine ganz andere Welt betreten, in der es nur sie beide gab. Und das bedingungslose Urvertrauen, das sie inzwischen zueinander aufgebaut hatten.
Auch für Damian waren diese Stunden ein Ausbruch und er genoss es, die Zeit mit seinem „Vickie“, wie er seinen Freund spielerisch zu nennen pflegte, zu teilen. Zwar regte sich ab und zu der Wunsch in ihm, sich nicht mehr verstecken zu müssen, doch er wusste genau, dass dieser unerfüllt bleiben würde.
Schließlich war er der Sohn von Arnold Prinz, einem angesehenen Immobilienmakler. Und der Sohn eines Arnold Prinz durfte keine Schwuchtel sein. Sein Vater würde ihn köpfen, ganz zu schweigen von den Leuten aus dem Dorf. Er bekam schließlich mit, wie diese Menschen seinen Freund behandelten. Viktor war für sie eine lebendige Zielscheibe, an denen sie ihren ganzen Hass und ihre Abneigung ausließen.
Manchmal brachte es Damian fast um, mitanzusehen, wie sein Partner verspottet und gehänselt wurde, wie herablassend und unwürdig man ihn behandelte. Und mehr als nur einmal hatte er schon den Wunsch gehabt, ihm beizustehen, ihn zu verteidigen und sich zu ihm zu bekennen, damit endlich Schluss war mit diesen herzlosen Mobbingattacken.
„Na, Viktor, heute schon nen Schwanz im Schlund gehabt?“. „Wie viele Hintern hast du denn heut schon genommen? Und wie viele haben deinen genommen?“. „Hey Viktor, was machst du denn, wenn dein Pimmel mal stecken bleibt? Ist das dann ein Verkehrsunfall?“.
Solche und ähnliche dumme Sprüche bekam der Sechzehnjährige so gut wie jeden Tag zu hören. Und wenngleich seine Mutter darum bemüht war, für ihn da zu sein, predigte ihm vor allen Dingen sein Vater, seine „Krankheit“ doch endlich behandeln zu lassen.
Viktor war nicht verletzt darüber, denn er hatte sich angewöhnt, solche Kommentare einfach an sich abprallen zu lassen – es machte ihn einfach nur wütend, mit welcher Selbstverständlichkeit und vor allem Selbstgerechtigkeit die Menschen im Dorf sich anmaßten, über das Leben eines anderen urteilen zu können. Ja, er liebte Jungs. Ja, er küsste sie. Und ja, er vögelte auch mit ihnen. Aber war er deshalb ein anderer Mensch?
Manchmal war er so wutgeladen über die Engstirnigkeit und Ignoranz der Leute, dass noch nicht einmal die nächtlichen Treffen mit seinem Freund ihn richtig zur Ruhe bringen konnten. Oft schüttete er Damian sein Herz aus, welcher sich als empathischer, liebevoller Zuhörer herausstellte, der seine Wut sehr gut nachvollziehen konnte.
Und eines Nachts schließlich heckten die beiden Jungs einen Plan aus, um der Situation ein Ende zu machen und ein Zeichen zu setzen. Sie wussten beide, dass das, was sie taten, menschlich war – und es war endlich an der Zeit, das den Leuten auch beizubringen.
Zwar erforderte die Umsetzung ihres Vorhabens von Damian allen Mut, doch mit seinem Vickie an der Seite wusste er, dass er stark genug war, es durchzuziehen. Der Plan war relativ einfach: Damian wollte seinem Vater einen Brief schreiben, in welchem er sich zu seiner Liebe bekannte und ihn darüber hinaus in Kenntnis setzte, dass er fortgehen würde und genug davon hatte, sich verstecken zu müssen. Er wollte mit Viktor durchbrennen. Mit allen Konsequenzen.
Zwar wussten beide nicht, ob dieses Vorhaben glücken oder das Geld reichen würde, doch sie waren sich sicher, dass es irgendwo jenseits dieses Dorfes einen Ort geben würde, an dem sie ihre Liebe leben konnten, ohne dafür verurteilt und bestraft zu werden. Und so beschlossen sie schließlich, es eiskalt durchzuziehen.
Entweder, der Plan funktionierte – und ihre Aktion würde die Menschen des Dorfes wachrütteln. Oder sie würden an einem anderen Ort ihr Glück finden, an dem keiner sie für ihre Liebe zueinander schief ansah oder verspottete. So oder so – in jedem Falle konnten sie bei diesem Plan nur gewinnen.

Einige Tage später schließlich, nachdem alles von Anfang bis Ende durchdacht und vorbereitet war, schrieb Damian einen Brief an seinen Vater, in dem er ihn über seine Beziehung zu Viktor aufklärte und auch seine Absichten, wegzugehen offenlegte. Er schrieb von einem geheimen Ort, an dem sie die Nacht verbringen und im Morgengrauen schließlich aufbrechen wollten, sofern seine Eltern seine Beziehung nicht akzeptieren würden.
Um ihnen hierfür die Möglichkeit einzuräumen, nannte er einen neutralen Ort und einen Zeitpunkt, an welchem sie ihm ihre Entscheidung mitteilen sollten. Danach würde er entweder bleiben oder mit Viktor gehen.
Soweit war alles eingefädelt, die notwendigsten Sachen der beiden waren ebenfalls gepackt – und gegen Abend, der von einem feuerroten Himmel ausgeleuchtet wurde, machte Damian sich schließlich auf den Weg zu seinem Freund, der an ihrem Treffpunkt auf ihn wartete.
Zuvor hinterlegte er noch den Brief bei seinem Vater – entschlossen und nicht ahnend, welche Reihe von Ereignissen er damit in Gang setzen würde. Danach lief er zu den Weizenfeldern, in denen ihn bereits sein braunhaariger Freund erwartete, welcher ebenso seine nötigsten Sachen gepackt hatte und zum Aufbruch bereit war.
Sie redeten noch einmal über alles, stärkten sich gegenseitig und sprachen sich Mut zu, bis sie sich schließlich zu entsprechender Zeit auf den Weg machten, um sich mit Damians Vater zu treffen und zu hören, wie seine Entscheidung ausgefallen war.
Der Treffpunkt hierfür war eine abgelegene Landstraße, die der Schwarzhaarige bewusst gewählt hatte, um von niemandem gestört zu werden. Sein Freund begleitete ihn, fest seine leicht zitternde Hand haltend, die er vor Anspannung nicht ruhig halten konnte.

Als sie nach einer Weile Fußmarsch schließlich ihr Ziel erreichten, war noch niemand zu sehen, sodass sie sich entschieden, noch ein wenig abzuwarten. Falls er tatsächlich nicht kommen würde, wovon die beiden ausgingen, würden sie zurück zu den Feldern gehen, dort übernachten und im Morgengrauen in ihr neues Leben aufbrechen.
Die Zeit verging und die Sonne stand bereits so tief am Himmel, dass sie das komplette Waldgebiet, das an die Straße angrenzte, in feuerrotes Licht einhüllte. Ihre Schatten dehnten sich in die Länge, während sie warteten – und keiner der beiden bemerkte den Mann, der sich von hinten an sie heranschlich.
Erst seine tiefe, brummige Stimme, die laut über das einsame Stück Straße hallte, ließ die beiden Jungs herumfahren und ihm in die Augen starren. In ihnen spiegelte sich blanker Hass, der sich vor allem gegen Damian richtete – seinen bis vor wenigen Stunden noch heißgeliebten Sohn.
Erschrocken bemerkte Viktor, dass der Ältere ein Schlachtermesser in seiner Hand hielt, mit welchem er, wie sich bereits erahnen ließ, nichts Gutes im Schilde führte. Doch das Entsetzen darüber schnürte ihm die Kehle so stark zu, dass er noch nicht einmal schreien konnte.
Und selbst falls ihm das gelungen wäre, hätte ihn hier an diesem verlassenen Ort sowieso niemand gehört.
„Pa-Papa!“, rief Damian raus, nachdem er den ersten Schreckmoment verdaut hatte, die Situation unterschätzend. „Was... was?“. Der ältere Mann stieß einen Aufschrei aus, dann holte er mit seiner freien Hand den Brief aus der Tasche seiner Jacke und knallte ihn den beiden Jungen vor die Füße.
„Du fickst Kerle?!“, wetterte er mit dröhnender Stimme und stierte dem Schwarzhaarigen finster in die Augen. „Du gottverdammter Bastard fickst Kerle?!“. „Papa, ich...“, entgegnete Damian zitternd, wurde jedoch von einem erneuten Aufschrei unterbrochen.
„Wie kannst du das tun?!“, schrie der Ältere seinen Sohn an und schwang dabei das Messer in seiner Hand. „Wie und wo hast du dich mit dieser ekelhaften Krankheit angesteckt? Warum tust du uns das an?!“.
„Papa...“, versuchte Damian es erneut, doch abermals kam er nicht dazu, sich auszusprechen. „Du Bastard!“, zeterte sein Vater weiter und ging einen Schritt auf ihn zu. „Seit wann bist du so? Seit wann hast du diesen Virus? Warum bist du nicht zum Arzt gegangen? Warum tust du das? WARUM?!“.
Dem Schwarzhaarigen kamen daraufhin die Tränen und er knickte ein, doch Viktor half ihm schnell wieder auf die Beine und stützte ihn. „Fass ihn nicht an!“, schrie Damians Vater daraufhin laut und schwang erneut sein Messer. „Fass ihn nicht an, du gottverdammte Hurenschwuchtel! Du bist schuld! Du hast ihn angesteckt!“.
Noch bevor Viktor eine Verteidigung vorbringen konnte, ging Damians Vater mit dem Messer auf ihn los und verfehlte ihn um Haaresbreite. Der Braunhaarige wehrte sich und versuchte, ihn von sich wegzuschubsen, wobei die Messerklinge seinen rechten Arm einritzte.
Sie rangelten sich heftig und Damian versuchte, seinem Vater das Messer abzunehmen, was ihm allerdings zweimal misslang. Beim dritten Versuch griff er direkt in die Klinge und schnitt sich den Zeigefinger ein – doch nichtsdestotrotz kämpfte er weiter um das Messer.
Auch Viktor versuchte sein Bestes und rempelte Damians Vater mehrfach an, wurde jedoch jedes Mal zurückgeschleudert und ging zu Boden. Gerade als er aufspringen wollte, um seinem Freund zu helfen, wurde dieser, wenn auch ungewollt, von dem Messer in die Brust getroffen und krümmte sich zusammen.
Ein Keuchen drang aus ihm heraus, kurz bevor er zu Boden ging und das Messer sich noch tiefer in seinen Körper bohrte.
Viktor standen die Haare zu Berge und er hechtete hinüber zu seinem Partner, welcher fast kaum noch bei Bewusstsein war.
„Damian!“, schrie er ihn an und ging neben ihm auf die Knie, tränenüberströmt und außer Atem. „Damian, nein!“.
„V-Vick-ckie...“, brachte der Andere geschwächt hervor, wobei Blut aus seinem Mund tropfte. „Pss“, flüsterte der Braunhaarige schluchzend und streichelte ihn. „Pss. Alles wird gut. Alles wieder gut, okay?“.
Er sah auf und blickte hinüber zu Damians Vater, welcher etwas benommen von dem Gerangel war. „Machen Sie!“, schrie Viktor ihn an. „Holen Sie Hilfe! Schnell!“.
Doch der ältere Mann blieb reglos an seinem Platz und starrte nur mit leerem Blick auf seinen Sohn hinunter, der zunehmend schwächer wurde.
„Machen Sie, verdammt noch einmal!“, brüllte Viktor noch lauter und unter Tränen. „Er braucht Hilfe! Sofort!“.
Dann wandte er sich wieder an seinen Freund und streichelte behutsam sein weiches Gesicht. „Alles wird gut“, versprach er ihm aufgelöst. „Alles wird gut, okay? Bleib bei mir. Bleib einfach bei mir, ja?“.
„Vi-ckie...“, wiederholte Damian schwach und versuchte, seine Hand zu heben. Viktor nahm sie sanft in seine eigene und streichelte sie, woraufhin Damian ihn einen Augenblick lang anlächelte.
„Ich... ich liebe... dich“, hauchte er dann mit letzter Kraft, bevor ihm die Augen zufielen und sein Kopf zur Seite kippte.
„Nein...“, rief Viktor erst leise, dann lauter. „Nein, Damian. Nicht einschlafen. Bleib wach. Du musst wach bleiben, hörst du?! Damian! DAMIAN!“.
Er rüttelte den schwarzhaarigen Jungen an den Schultern, doch von diesem kam keine Reaktion mehr. Er war eingeschlafen. Für immer.
„Damian!“, brüllte Viktor aus Leibeskräften und schüttelte den reglosen Körper des Anderen. „Nein! Nein, das kannst du nicht tun! Wach auf! Ich brauche dich! Wach auf!“.
Seine Versuche blieben erfolglos und er vergrub reflexartig den Kopf in den Händen, an welchen Blut klebte, das so rot schimmerte wie der Himmel, der sich über ihnen erstreckte.
Dann stieß er einen fürchterlichen Schrei aus und sank zusammen, hatte keine Kraft mehr, sich noch länger aufrechtzuhalten.
Die Ereignisse überschlugen sich, als auch Damians Mutter und die Polizei, welche sie nach dem plötzlichen Verschwinden ihres Mannes informiert hatte, hinzukamen.
Viktor registrierte von den weiteren Geschehnissen fast nichts – er sah immer noch das leere Gesicht seines Freundes vor sich und hörte in seinem Ohr die letzten Worte, die dieser zu ihm gesagt hatte. Völlig benommen und traumatisiert tastete er nach der Hand seines Geliebten, die sich noch immer warm anfühlte und umschloss sie ganz fest, während er leise seinen Namen wiederholte.

In der darauffolgenden Zeit nach diesem Abend verlor Viktor sein Leben und dessen Sinn zunehmend aus den Augen. Nicht einmal zu Damians Begräbnis hatte er gehen können – ihm hatte jegliche Kraft dazu gefehlt.
Er saß fast Tag und Nacht zu Hause in seinem Zimmer, weinte sich die Augen leer – und jeden Abend, bevor es dunkel wurde, ging er hinaus zu den Weizenfeldern, die er die halbe Nacht lang durchstreifte, um nach seinem Freund zu suchen.
Weder seine Mutter, noch sonst irgendjemanden, ließ er an sich heran – und noch nicht einmal die Tatsache, dass sein Vater inzwischen gelernt hatte, seine Homosexualität zu akzeptieren, machte den Verlust seiner großen Liebe, den er erlitten hatte, wieder gut.
Wochen und Monate rauschten an ihm vorbei, ohne dass er selbst es richtig registrierte – und dennoch machte er sich noch immer jeden Abend auf den Weg zu ihrem Plätzchen, selbst in den kühlen Wintermonaten, in denen alles verschneit und zugefroren war.
Damian war nicht tot, davon war er fest überzeugt. Er hatte sich versteckt, irgendwo zwischen den Feldern – und wartete darauf, dass sein Liebster zu ihm kam und ihn abholte.
Viktor suchte ihn fast zwei Monate lang, Abend für Abend, doch kehrte jedes Mal erfolglos nach Hause zurück. Und erst kurz vor Ende des Jahres, als er zum allerersten Mal gemeinsam mit seiner Mutter zum Friedhof ging und Damians Grab sah, welches mit einer dichten Schneedecke verhüllt war – erst da begriff er, dass sein Freund nicht zurückkehren würde. Er war nicht mehr hier.
Er hatte eine andere Welt betreten. Eine Welt, in der das ganze Jahr die Sonne schien.

Je mehr Zeit verstrich, desto besser lernte Viktor, wieder zurück ins Leben zu finden. Kurz nachdem er zum ersten Mal das Grab seines Freundes besucht und ihn die Realität eingeholt hatte, war er depressiv geworden und hatte damit begonnen, sich zu ritzen.
Für seine Familie war es ein besorgniserregender Zustand – für ihn jedoch war jede Wunde wie eine Befreiung, die ihn von dem eigentlichen Schmerz, den er verdrängen wollte, ablenkte.
Erst durch psychologischen Beistand und eine tiefe Auseinandersetzung mit den Geschehnissen jener Nacht gelang es Viktor, das Erlebte zu verarbeiten und zu akzeptieren. Er fing wieder an zu leben, weil er wusste, dass dies bestimmt in Damians Sinne war und er sicher nicht wollte, dass es ihm schlecht ging. Auch seine Ausflüge zu ihrem Plätzchen fanden mit der Zeit ein Ende und der Braunhaarige schaffte es, den Verlust anzuerkennen.
Er fand in den Alltag zurück, lernte wieder lachen und gewann sogar neue Freundschaften dazu, nachdem das Mobbing und die Ausgrenzung nach den Ereignissen dieser Nacht ein abruptes Ende genommen hatten.
So schmerzlich es auch war, dachte Viktor, aber so hatte die Sache zumindest einen Funken Gutes in sich, sofern man es überhaupt so nennen konnte.
An einer Sache jedoch veränderte sich über all die Zeit hinweg nichts: Damian war seine große Liebe. Und er würde immer seine große Liebe bleiben. Den Brief, welchen er ihm geschrieben und mit dem alles begonnen hatte, hatte er sicher verwahrt in seinem Zimmer – als Erinnerung an die unvergesslich schönen Stunden, die er mit Damian verbracht hatte. Denn diese Erinnerungen konnte ihm keiner nehmen.
Nicht die Zeit, nicht das Leben – und auch nicht der Tod.

Als ein neuer Sommer ins Land zog, ging Viktor jeden Tag zum Friedhof und brachte Damian eine frische Rose. Dazu zündete er eine Kerze an und sagte jedes Mal dazu die Worte: „Ein Feuer für meinen Engel. Damit sein Licht ewig leuchtet“.
Dieses Ritual führte er Tag für Tag aus, ohne dessen auch nur im Geringsten müde zu werden, weil er genau wusste, dass Damian es spüren konnte. Genau wie Viktor auch ihn spürte. Er war immer in seiner Nähe. Das brauchte ihm niemand zu sagen. Das wusste er.
Abends machte er sich dann meistens auf den Weg zu ihrem Platz in den Weizenfeldern, an denen er auch eine frische Rose hinterlegte. Er legte sie an genau der Stelle ab, an denen sie sich zum ersten Mal getroffen hatten und blieb dann meist noch eine Weile dort sitzen, bis die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war.
Und nicht anders war es an diesem Abend, an dem die Erinnerung an seinen geliebten Freund so nah und greifbar schien, dass er für einen Moment lang sogar Damians Wärme spüren konnte.
Eine kleine, bittersüße Träne verselbstständigte sich dabei und lief lautlos seine Wangen hinunter, doch Viktor lächelte, während er sich all die schönen Momente ins Gedächtnis rief, die sie hier zusammen erlebt hatten.
Damian war der erste Junge, den er wirklich geliebt hatte. Der erste, mit dem er alle Tabus gebrochen und seinen Gefühlen vertraut hatte. Der, in dessen Armen er gelegen hatte, als die warme Sommernacht sich über das Land ausbreitete. Der erste, dem er sich wirklich voll und ganz geöffnet hatte. Und mit dem er auf ewig dieses süße, wunderschöne Geheimnis teilen würde, das außer dem Abendhimmel niemand kannte.
Und der Abendwind sang es ihm jedes Mal aufs Neue vor, erzählte von der unsterblichen Geschichte, die Damian und ihn verband. Nur er allein wusste, wie sehr sie füreinander gebrannt hatten. Und nur er allein kannte die Antwort auf all die Fragen, die Viktor ruhelos im Kopf herumgeisterten. Die Frage danach, wo Damian jetzt war. Ob er jetzt Flügel hatte. Ob in der Welt, in die er gegangen war, die Sonne niemals unterging. Ob er Viktor möglicherweise auch so sehr vermisste wie er ihn. Und ob er auf ihn warten würde.
Der Braunhaarige wusste, dass der brennende Abendhimmel ihm all diese Fragen beantworten konnte. Aber er schwieg. So wie er es seit jeher getan hatte. Damit ihr schönes Geheimnis auch für alle Zeiten eines blieb.
Und er wusste auch, dass es Damian gut ging. Er spürte einfach, dass es ihm gut ging. Auch wenn er ihn nicht erreichen konnte – auf irgendeine Art war er immer da. Seine Welt lag weit entfernt – und trotzdem war sie ihm so hautnah, dass er sie fast berühren konnte.
Und eines Tages, daran glaubte er fest, würde er Damian wiedersehen. Eines Tages würde er auch in diese Welt gehen. Eine Welt, in der das ganze Jahr die Sonne schien.
Und dann würden sie sich noch einmal in den Armen liegen. Irgendwo, weit draußen, in den Weizenfeldern.
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