Ein Blick

von aurely
GeschichteRomanze, Fantasy / P16 Slash
Engel & Dämonen
09.03.2019
24.07.2019
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Leicht zuckte er zusammen, riss die Augen auf. Er wusste nicht, was ihn aufgeweckt hatte, nur, dass er sich nicht viel ausgeruhter fühlte. Aber das war nicht wirklich schlimm, damit kam er klar.
Mit einem Engel, der sich an ihn schmiegte, hatte er schon eher ein Problem. Ganz vorsichtig setzte er sich auf, lehnte sich an das kalte Kopfteil des Bettes.
Wie hatte es nur dazu kommen können?
Und wie würde es weiter gehen?
Hel hatte mit ihrer Frage ins Schwarze getroffen. Wer war er. Nicht mehr der Dämon, der einfach nur blind folgte. Dazu erinnerte er sich an zu viel. Aber auch nicht mehr der Mensch, der er gewesen war, bevor ...
Dazu erinnerte er sich an zu viel.
Er unterdrückte ein Lachen, rieb sich über die Stirn.
Und blickte zu dem Engel an seiner Seite.
Betrachtete den Weißhaarigen eine ganze Weile, so friedlich und zufrieden und voller Vertrauen neben ihm schlafend. Die sanften, ebenmäßigen Züge, weiß-silbrige Haut, so makellos, rote volle Lippen, goldstrahlende Augen- Moment-
„Wie lange bist du schon wach? Wie lange siehst du mich schon an?"
„Hm, ungefähr eine halbe Stunde", erwiderte der Dämon ruhig.
„Du weißt, dass das schräg ist. Verrückt. Gruselig. Ja?"
„Jetzt wo du es sagst ..."
Schnaubend kuschelte er sich wieder ins Kissen, grinste leicht. „Ich habe das Gefühl, ich werde niemals wieder richtig wach. Und dabei bin ich ein Höherer."
„Es ist noch Nacht, schlafe weiter, Tyriel."
„Hmmm ... Höhere schlafen nicht." Entgegen seiner Aussage schloss er die Augen wieder.
Seltsam. Dass er so ruhig neben ihm liegen konnte.
Es dauerte nicht lange, da fing der Engel an zu zucken, das Gesicht zu verziehen.
... Was er wohl diesmal dachte ... träumte? Er wusste, er sollte das wirklich nicht tun ... Dennoch, ein misstrauischer Teil von ihm konnte nicht anders, ließ ihn ebenfalls die Augen schließen und sich konzentrieren.
Und es raubte ihm beinahe sofort den Atem.
Das ... das Gefühl? ... das
Gefühl zu erwachen, seine Erschaffung, so wundervoll, das vereinen zweier Lebensessenzen, so-
Schmerz pulste durch seinen ganzen Körper und er fiel, fiel, fiel unendlich nach unten ins Nichts, in die Dunkelheit, in Kälte und Leere ...
Schwärze ... nichts nichts nichts
Wasser sprudelte um ihn herum, nein, nicht nur um ihn, auch in ihm, seine Lungen füllten sich mit altem, brackigem, abgestandenem Wasser- gurgelnd schlug er um sich, durchstieß die Wasseroberfläche, spuckte und hustete Flüssigkeit aus. Orientierungslos und panisch kämpfte er sich vorwärts, es schien ewig zu dauern, bis er festen Boden unter den Füßen hatte ... und er wusste auch nicht, ob das wirklich besser war ... er wusste gar nichts ... keine Worte
wieso kannte er jetzt so viele Worte? ... nicht wo er war, geschweige denn was überhaupt ... er wusste nur, dass er gerade erwacht und glücklich, jetzt aber ganz alleine und kalt und nass war ...
Zeit verging und er passte sich an, lernte im Wald zu überleben ...
Irgendwann standen sie vor ihm- andere wie er und doch ganz anders. Mitleidig nahm man ihn auf, den verwilderten, ungezähmten, unvollendeten Engel. Brachte ihm Worte bei und wie er sich zu benehmen hatte. Was er war und woher er kam. Ihm, dem jüngsten Höheren, dem einzigen Höheren, der bis vor kurzem noch niemals wirklich den Himmel gesehen hatte, dessen Lebensessenzen niemals-

Irgendjemand schubste ihn vom Bett, riss ihn damit aus den Gedanken.
„Was fällt dir ein?!“, fauchte Aro. Seine Stimme klang erstickt, er hatte sich noch nicht ganz von dem eben erlebten erholt.
Der Engel gab ein Geräusch von sich, das erschreckende Ähnlichkeit mit einem Schluchzen hatte. Er saß halb abgewandt vor ihm auf dem Bett, die Knie hatte er angezogen und seine Haare verdeckten sein Gesicht wie ein Vorhang.
Weinte er? Das wäre doch etwas übertrieben.
Noch etwas aus dem Gleichgewicht rappelte er sich auf. „Tyriel?" Vorsichtig berührte er ihn am Arm.
Doch der Engel zuckte zurück, presste sich ans andere Ende des Bettes. „Fass mich nicht an! Fass mich nicht an!" Heftig schüttelte er den Kopf, seine Hände zuckten nach unten, krallten sich in die Decke. „Wieso hast du das getan? Wieso hast du das wieder getan?"
„Was denn? Ich habe lediglich deine Gedanken abgefang-“, als er den Blick des Engels sah, verstummte er, verdrehte die Augen. „Gut. Es tut mir leid. Es geht mich nichts an. Zufrieden?“ Das war ihm überraschend leicht über die Lippen gekommen.
Etwas gefasster, jetzt aber sichtlich wütend sah Tyriel auf die Bettdecke. „Da hast du verdammt nochmal recht. Es geht dich nichts an, gar nichts! Bitte, jetzt kannst du dich ja über mich lustig machen ... über den Möchtegern-Höheren, über den Straßenköter, über den unzivilisierten Wilden!"
Kurz entschlossen setzte er sich wieder auf das Bett zurück, packte den Engel bei den Schultern und brachte ihn so dazu, ihn anzusehen. „Hör mir jetzt genau zu, du dummer Engel, denn ich sage das nur ein einziges Mal. Hör auf dich so herabzusetzen. Gut, du bist nicht wirklich wie irgendein anderer Höherer ... oder ein Engel- oder sonst irgendjemand, dem ich jemals begegnet bin. Aber, bei den sieben  Höllen, das macht nichts! Das ist ganz gut. Dass du anders bist, wusste ich schon vorher. Es ist einer der Gründe, wieso ich noch an deiner Seite bin- du bist kein kaltes, arrogantes Arschloch. Du hast mir eine Chance gegeben, verdammt nochmal, du- jeder andere Höhere wäre sich zu schade dafür, jeder andere Engel hätte mich einfach vernichtet. Und das alles, um deine Geschwister zu retten ... Kein anderer Engel kann dir auch nur annährend das Wasser reichen!" Schwer atmend verstummte er, immer noch die Schultern des Engels umfassend. Innerlich verfluchte er sich. „Zumindest charakterlich nicht- abgesehen von deiner Naivität ... Und was das Kämpfen betrifft ...“, versuchte er etwas zurückzurudern.
Wie amüsant. Keine Sorge, ich glaube, du müsstest dem Verrückten schon buchstabieren, was du für ihn empfindest. Von alleine käme er da niemals darauf ...
Überrumpelt riss er die Hände zurück, versuchte den Teufel aus seinem Kopf zu verdrängen.
Ein leises Klopfen an der Tür. „Alles in Ordnung bei euch?", kam die ungewohnt zaghafte Frage durch das Holz.
Aro räusperte sich erneut. „Äh, ja. Natürlich.“
„Verzeihung, falls wir dich geweckt haben sollten“, fügte Tyriel an.
„Kein Problem. Dir geht es also wieder besser, Cin?“
„Ja. Tut mir leid, dass ich gestern-“
Jetzt drang ein leises Lachen durch die Tür. „Dafür brauchst du dich wirklich nicht zu entschuldigen. Ich bereite mal den Frühstückstisch vor." Schritte entfernten sich.
Der Engel hatte ihn keine Sekunde aus den großen goldenen Augen gelassen und fing jetzt leise an zu reden. „Das war nett. Nicht nur für einen Dämon, meine ich. Wirklich nett. Es ist nur ... wenn ich dir etwas von meiner Vergangenheit erzählen wollte, hätte ich das getan ... vor allem das ..."
„Verzeih mir, Tyriel. Du solltest an dem Schutzschild deines Geistes arbeiten."
„Hmpf. Den habe ich. Trotzdem sickern die Knotenpunkte, die emotionalsten Momente meines Lebens, fast immer durch. Und ich bin wohl etwas nachlässig geworden in deiner Gegenwart."
Er wusste nicht ganz, was er darauf erwidern sollte, aber etwas anderes beschäftigte ihn sowieso. „Ist das der Grund, weswegen du noch am Leben bist? Weil deine beiden, äh, Lebensessenzen niemals wirklich ... verschmolzen sind?“
Die Miene des Engels verfinsterte sich kurzzeitig. „Ja, richtig. Du hast mir damals nur einen Teil genommen. Der andere reicht aus, um mich am Leben zu erhalten. Dennoch. Es schränkt mich ein, was das Ausführen von Zaubern betrifft.“
Einige Zeit saßen sie schweigend da.
Plötzlich grinste sein Gegenüber verschmitzt, ein Funkeln trat in seine Augen. „Wie wäre es, wenn du mir als Gegenleistung etwas aus deiner Vergangenheit erzählst?"
„Was willst du denn wissen?", hakte er vorsichtig nach. Halb froh, dass er so einfach vom Haken schien, halb besorgt über die Frage.
„Wie du zu einem Dämon wurdest. Ich meine, du warst einmal ein Mensch, richtig? Und du erinnerst dich wieder, nicht?"
Er erstarrte, seine Kehle war wie zugeschnürt. Das war etwas, das er lange ganz weit weg in den dunkelsten Winkel seines Geistes geschoben hatte.
„Oder auch nicht, tut mir leid", entschuldigend hob der Andere die Hände.
Das Bild der kleinen braunhaarigen jungen Frau mit dem verschmitzten Lächeln entstand wieder vor Aros innerem Auge.
„Sia. Aspasia. Sie ... hat mir alles bedeutet ... Ich habe sie so sehr geliebt- Aber ich konnte- ich konnte sie einfach nicht beschützen- ich ... Sie haben sie überfallen, sie ausgeraubt und ... sich mit ihr vergnügt. Und dann haben sie sie getötet. Und ich konnte nichts tun- ich habe zu Hause gesessen, nur ein paar Straßen weiter und ich ... Ich habe mir Sorgen gemacht und habe sie gesucht ... und sie gefunden ... zu spät, viel zu spät." Er atmete tief durch, unterbrach für einen Moment seinen Redeschwall. „Dann habe ich mich auf die Suche nach ihren ... Mördern gemacht, sie gejagt, bis ich sie endlich in den Händen hatte. Sie hatten keinen schnellen und auch keinen schönen Tod. Aber das hat es auch nicht besser gemacht. Also habe ich allem ein Ende bereitet ... Tja, so hat sich der Teufel meiner angenommen ..."
„Das- tut mir leid ... Hattet ihr keine Kinder?"
„Kinder? W- ah, nein." Matt lächelte er. „Sia, sie war meine kleine Schwester. Ich hatte keine Frau, keine Liebste.“
„Eine Liebste? Er hat im Laufe der Zeit mit einigen, ähm, Personen das Lager geteilt, aber bis jetzt war bestimmt niemals Liebe im Spiel“, mischte sich Hel ein, die unbemerkt das Zimmer betreten hatte und jetzt am Türrahmen lehnte. „Das Frühstück ist fertig.“
„Halt die Klappe“, knurrte er ungehalten, erinnerte sich daran, dass er sowieso noch wütend auf sie war.
Vielleicht irre ich mich auch. Wahrscheinlich könnte man es ihm buchstabieren und er würde es trotzdem nicht verstehen.
Hatten sie  beide wirklich nichts Besseres zu tun, als ihm auf die Nerven zu gehen? Was für ein schlechter Scherz.
„Hmm. Es heißt, Menschen lieben auf eine interessante Art und Weise ...“, fuhr Hel fort. „Und es heißt auch, Nyx wäre dazu nicht im Stande. Zu lieben. Wie sieht es bei Höheren aus?"
„Helena“, zischte er warnend. Verschwunden schien die Zaghaftigekit.
„Was denn, ich bin nur neugierig.“
„Liebe?" Tyriel stieß ein ziemlich verkrampftes Lachen aus und setzte sich im Schneidersitz auf das Bett. „Mal überlegen. Für die meisten Engel bin ich zu seltsam. Menschen und alle anderen Arten sind zu kurzlebig- ich bin der Ansicht, etwas lieber nicht erst zu erfahren, wenn man es doch verliert. Und für Dämonen auf der Seite des Lichts bin ich meist nicht ... das, was man sich unter einem idealen Partner vorstellt."
„Nun, du bist definitiv hübscher anzusehen als die meisten Dämoninnen, das könnte wohl ein Problem sein.“ Das hatte er sich nicht verkneifen können. Auch nicht den bedeutungsvollen Seitenblick zu Hel. Bevor er sich’s versah landete ein Kissen in seinem Gesicht.
„Idiot!", lachte der Engel und ließ sich einfach rückwärts fallen, gähnte herzhaft. „Frühstück hört sich eigentlich ganz gut an."
„Du bleibst schön im Bett und ruhst dich aus."
Bevor der Engel etwas erwidern konnte, war der Dämon schon aufgesprungen und, Hel vor sich herschiebend, aus der Tür verschwunden.
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