Wie die Sonne und der Mond

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
09.03.2019
16.03.2019
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~ Ihre Sicht ~

In den nächsten zwei Tagen hatte ich keinerlei merkwürdige Begegnungen mehr mit Matteo. Ich ging ihm aus dem Weg, denn ich wusste, er würde wieder unhöflich sein, wenn ich versuchen würde ihn anzusprechen. Doch komischerweise wünschte ich mir jedes Mal, wenn er an mir vorbei lief, dass er mir seine Aufmerksamkeit schenkte. Merkwürdig, sonst war Aufmerksamkeit das letzte was ich wollte.

Gerade verließ ich zusammen mit Lee den großen Tanzsaal. Wir hatten gerade eine ziemlich anstrengende Ballettstunde hinter uns gebracht und begaben uns ziemlich erschöpft Richtung Umkleideraum.

Wir betraten die große, helle Kabine und ließen uns erstmal auf einer der Bänke nieder. Etwas außer Atem lehnte ich meinen Kopf zurück und lächelte Lee dann an. Diese trank gerade aus ihrer Wasserflasche.

,,Das war doch gar nicht so schlecht, oder? Dafür, dass das Schuljahr gerade erst angefangen hat sind wir schon wieder echt gut dabei.'' meinte ich optimistisch. Lee nickte nur und stellte dann die Flasche beiseite. ,,Stimmt. Aber ich wollte dich noch etwas fragen.'' Ich nickte, um ihr anzudeuten, dass sie einfach fragen sollte.

,,Was ist zwischen dir und Matteo vorgefallen?'' Sie sagte das ganz ruhig und in keinster Weise vorwurfsvoll, und doch hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich ihr nichts von meinen Begegnungen mit Matteo erzählt hatte. Immerhin war sie meine beste Freundin. ,,Vilu?'' riss sie mich aus meinen Gedanken. Als mir auffiel, dass ich noch gar nichts geantwortet hatte, blickte ich hoch, direkt in ihre Augen.

Lee's Augen waren dunkelbraun, fast schwarz. Ihr Blick war fokussiert und ruhig, jedoch durchdringend. Wenn Lee mich ansah, kam es mir immer so vor, als könne sie direkt in meine Seele schauen. Ich fasste mich jedoch recht schnell wieder.

,,Wieso fragst du?'' Wieso war ich denn so nervös? Ich könnte es ihr doch ganz einfach erzählen, oder? Lee würde wegen meinem peinlichen Verhalten nicht lachen, sie lachte nie Menschen aus. ,,Es war bei dem Treffen mit den Jungs auf der Wiese offensichtlich, dass eine gewisse Spannung zwischen euch herrscht. Außerdem fällt es auf, dass du ihm aus dem Weg gehst.''

Ich blickte zu Boden, dann wieder hoch zu Lee. War mein Verhalten ihm gegenüber wirklich so auffällig? Ich wusste es nicht, jedoch konnte Lee mir vielleicht weiterhelfen was das anging. Deswegen fing ich an zu erzählen. Ich erzählte ihr von der Begegnung im Musikraum und der gescheiterten ''Versöhnung'' auf dem Schulhof. Sie hörte mir die ganze Zeit zu und unterbrach mich nie. Lee war ein sehr angenehmer Gesprächspartner.

Als ich fertig war, lächelte sie mich nur an. ,,Er ist neu hier, er muss sich erstmal einfinden. Wahrscheinlich war er einfach nur etwas überfordert, neue Schule, neue Menschen und so weiter. Sein komisches Verhalten dir gegenüber wird er wahrscheinlich bald wieder abstellen, lass ihn erstmal ein paar Wochen hier sein. Und falls nicht, versuche noch einmal mit ihm zu reden.'' Ich grinste. Lee hatte Recht, wahrscheinlich machte ich mir wieder einmal viel zu viele Gedanken. Noch eine Schwäche von mir.

,,Du hast Recht, wahrscheinlich mache ich mir nur zu viele Gedanken. Ich warte einfach ab. Danke.'' Ich umarmte sie. ,,Gern. Und wenn du reden willst, komm zu mir, okay?'' ,,Mach ich.''

Ich habe die beste Freundin der Welt.

                                                                      ~

Nach dem Ballettunterricht hatten wir eine Musikstunde. Lee und ich betraten gemeinsam den großen Musiksaal und setzten uns auf unsere Plätze vor der Bühne. Juna, Stella und Chiara waren schon da, also begrüßten wir uns erst einmal alle.

Unauffällig inspizierte ich die Sitzreihen hinter mir und sah, dass Matteo fast genau hinter mir saß. Etwas unangenehm war das schon, vorallem weil ich seinen brennenden Blick in meinem Rücken spüren konnte. Ob ihm aufgefallen war, dass ich ihm aus dem Weg gegangen war? Wohl kaum, für ihn war ich schließlich ebenfalls wie Luft.

Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, betrat Leonardo den Saal. Leonardo war der Direktor der Musikschule und unser aller Vorbild. Er war schon etwas älter, um die 65 Jahre ungefähr. Sein rundes Gesicht zierten mehrere Falten und sein weißes Haar war sorgsam gerichtet. Auf der Nase trug er eine rundliche, schwarze Brille, während er uns freundlich anlächelte.

,,Guten Morgen, Schüler.'' Er stellte sich auf die Bühne, als er mit uns sprach. ,,Heute möchte ich euch mitteilen, was euch in diesem Schuljahr bei uns erwarten wird.'' Leonardo hielt diese Art von Rede jedes Jahr, jedoch fand niemand es in irgendeiner Weise langweilig. Er erzählte uns von den Themen im Unterricht, von den Prüfungen und von den Aufführungen, die uns bevorstanden. Er erzählte das alles so begeistert, dass sich die Begeisterung auch auf uns übertrug.

,,Denkt daran, dass ihr alle es verdient habt hier zu sein und dass ihr die besten Ergebnisse erzielt, wenn ihr alle zusammen arbeitet und euer Bestes gebt. Denn egal was passiert, gebt niemals euren Traum von der Musik auf, niemals!'' schloss er seinen kleinen Vortrag ab. Er sah uns so liebevoll an wie ein Vater seine Kinder und in gewisser Weise nahm Leonardo auch eine Vaterrolle im Leben eines jeden hier ein. Daher applaudierten wir für ihn und seine ermutigenden Worte.

,,Jetzt lasst uns aber Musik machen! Lee, Carlos, kommt auf die Bühne und spielt uns etwas vor!'' Die beiden lächelten sich an und bestiegen dann gemeinsam die Bühne. Lee nahm sich ein Cello und Carlos nahm hinter dem Schlagzeug Platz. Sie spielten ,,Summertime Sadness'' von Lana Del Rey und auch wenn ein Cello und ein Schlagezug eine seltene Kombination waren, klang es gut. Ihre Stimmen waren zusammen im Einklang und sie sahen während ihrer Performance so glücklich aus, dass ich das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekam.

Zum Abschluss applaudierten wir alle für die Zwei und ich zwinkerte Lee unauffällig zu, woraufhin sich ein leichter Rosaschimmer auf ihren Wangen ausbreitete. Doch wenige Sekunden später lag ihr Blick schon wieder auf Carlos.

~ Seine Sicht ~

Eigentlich könnte ich mich jetzt schon auf den Weg nach Hause machen, hätte ich vorhin nicht meine Partituren im Musikraum liegen gelassen. Genervt von dieser Tatsache lief ich schnellen Schrittes zum besagten Musikraum. Es gab hier Dutzende, diesen einen fand ich jedoch am schönsten.

Ich lief ohne zu schauen ob sich jemand darin befand hinein und hielt aprupt inne. Erstarrt in meinen Bewegungen sah ich zu dem Flügel in der Mitte des Raumes. Dort saß Valerie und spielte eine wunderschöne Melodie.

Sie hatte mir den Rücken zugedreht, dennoch betrachtete ich sie etwas genauer. Ihre hellbraunen, welligen Haare fielen locker von ihren Schultern herunter und ihr schmaler Rücken war ein wenig gekrümmt. Das war selten, denn sonst saß sie immer kerzengerade. Nicht, dass ich darauf achten würde.

Ich konzentrierte mich weiter auf die Musik, die sie spielte und kam nicht dumherum daran zu denken, wie präzise und fein sie das Instrument beherrschte. Die Töne klangen sauber und befanden sind genau im richtigen Rythmus. Sie war wirklich talentiert.

Dennoch war ich ihr gegenüber misstrauisch. Na gut, ich vertraute eigentlich so gut wie keiner Person. Aber irgendetwas an ihr war anders als an den anderen. Ich wusste nicht genau was es war, aber es fesselte mich. So sehr, dass ich mich immer öfter dabei erwischte, wie ich sie heimlich anstarrte oder darüber nachdachte, wie schön sie war. Das wollte ich aber gar nicht, denn ich hielt nichts von Romantik und anderem unnötigem Zeug wie diesem. Ich war auf keinen Fall verliebt, das war vollkommen auszuschließen. Dennoch verzauberte sie mich irgendwie.

Dummerweise war ich wohl in Gedanken etwas zur Seite gekippt, weshalb ich den dämlichen Notenständer lauthals zu Boden riss. Valerie hörte sofort auf zu spielen und drehte sich erschrocken um. Als sie mich erblickte, sah sie mich verwirrt an.

,,Matteo? Was machst du denn hier?'' fragte sie verwundert. Mir war die Situation furchtbar peinlich, das konnte ich aber ziemlich gut überspielen. ,,Ich hab meine Partituren hier vergessen und wollte sie holen, aber dank deinem schlechten Timing musste ich warten bis du das Stück zu Ende gespielt hast.'' Mit hochgezogenen Augenbrauen sah sie mich an, bis sie einen Stapel Papier von der Oberseite des Flügels nahm und ihn mir reichte.

,,Ach, die gehören dir. Das wusste ich nicht. Hier, bitte.'' sagte sie stumpf. Mich wunderte es, dass sie sich nicht über meine Formulierungen aufregte, das hatte bis jetzt jeder getan. Doch im nächsten Moment tat ich etwas unbedachtes.

..Du spielst gar nicht so schlecht wie ich dachte, ich bin beeindruckt.'' Seit wann machte ich denn Komplimente? Das war mir gerade einfach rausgerutscht. Skeptisch blickte sie mich an. ,,Was meinst du damit?''

,,Na, was wohl. Du siehst aus wie das typische weinerliche, niedliche Mädchen von nebenan, dass von Mami und Papi alles bekommt, was es will. Du kriegst vielleicht nur etwas Aufmerksamkeit, weil du ganz passabel Klavier spielen kannst, mehr aber nicht. Du bist nichts Besonderes.''

Sobald ich diese Worte ausgesprochen hatte, wich sie einen Schritt zurück, so als ob sie etwas getroffen hätte. Ihr Gesicht war etwas blasser geworden, ihr Mund leicht geöffnet und ihre Augen groß. Eine Zeit lang starrten wie uns so an, dann blickte Valerie zu Boden und schluckte einmal.

Im nächsten Augenblick griff sie nach ihrer Tasche und stürmte aus dem Raum, ohne mir einen weiteren Blick zu schenken. Jedoch hätte ich schwören können, etwas in ihren Augen glitzern gesehen zu haben. Sie wird doch wohl nicht weinen, oder?

Ich stand noch mehrere Minuten so da und fragte mich, warum ich mich so verdammt schlecht fühlte. Normalerweise war es mir egal, wie Menschen sich fühlten, wenn ich ehrlich zu ihnen war. Das war einfach meine Art. Doch jetzt fühlte ich mich ganz und gar nicht gut. Im Gegenteil, mein Kopf schmerzte etwas und mein Magen zog.

Stimmte es denn? Dass sie nichts Besonderes war? Eigentlich nicht, denn sie beschäftigte mich wie zuvor noch niemand. Jedoch hatte ich das Bedürfnis gehabt, mein indirektes Lob an sie wieder zurückzunehmen und dies schien mir ein guter Weg gewesen zu sein.

Langsam ließ ich mich auf dem Klavierhocker nieder. Warum habe ich so ein schlechtes Gewissen? Hat es sie verletzt, was ich gesagt habe? Und wie wird sie in Zukunft dann mit mir umgehen?

Dies alles waren Fragen, auf die ich keine Antworten fand.
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