Götterherz

von -Anima-
GeschichteHumor, Romanze / P18 Slash
09.03.2019
09.03.2019
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Wie sollte man auf so eine Nachricht reagieren? Was sollte man tun, wenn man am Küchentisch saß, sein übliches Müsli mampfte und die Eltern einem plötzlich erzählten, dass man die Wiedergeburt eines Gottes sei?
Jay wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Seine Eltern hatten sehr ernste Mienen aufgesetzt, sie hatten in so dumpfem und seltsamem Ton mit ihm gesprochen... Es klang aufrichtig. Und warum sollte sich irgendjemand einen so absurden Scherz erlauben? Aber... wahr sein konnte das doch auch nicht, oder?
"Ist das euer Ernst?", stieß Jay hervor und die Milch lief ihm über die Unterlippe, beschämt nahm er sich ein Taschentuch und wischte sich ab.
"Das ist mit Sicherheit ein Schock...", murmelte seine Mutter Sophia und legte sanft die Hand auf seinen Arm.
"Ich weiß, es klingt seltsam. Aber vor etwa einem halben Jahr hat uns der Beauftragte eines Forschungsinstitutes kontaktiert. Er hat uns einige Beweise gezeigt", erklärte sein Vater.
"Was...? Warum habt ihr mit das denn nicht gesagt!? Und... Beweise? Wie soll man sowas denn beweisen?", brummte Jay.
"Du hast dich doch immer gefragt, was es mit dieser eigenartigen Formation von Muttermalen an deinem Nacken auf sich hat..."
"Willst du mir jetzt erklären, das sollen göttliche Pünktchen sein?", spottete Jay.
Jays Vater Greg lehnte sich seufzend zurück. "Ich kann mir vorstellen, wie du dich fühlst. Wenn ich du wäre, dann würde ich wahrscheinlich auch mit Sarkasmus reagieren."
Seine Mutter lehnte sich zu ihm. "Wir haben uns das Infomaterial des Forschungsinstituts sehr lang studiert und uns viele Gedanken darüber gemacht. Wir wollten dich erst jetzt informieren, sobald wir ganz sicher waren, dass diese Berichte stimmen."
"Warum denn an meinem Geburtstag?!"
"...Weil uns ehrlich gesagt ein wenig die Zeit durch die Finger rennt..." Gregs Wangen bekamen nervöse, rote Flecken und Jay zuckte zusammen. Das war immer ein schlechtes Zeichen...
"Hör mal, mein Junge... Es ist wichtig, dass du so bald wie möglich mit dem Forschungsinstitut in Kontakt trittst. Als Wiedergeburt eines Gottes hast du gewisse Fähigkeiten... Es ist wichtig, dass du sie kontrollieren lernst!"
"...Moment mal... Gewisse Fähigkeiten? Sowas wie Magie?" Jay hob die Augenbrauen. "Ich weiß, ich hab euch mit 10 mal gebeten, mich nach Hogwarts zu schicken, aber-... heute ist doch gar nicht der erste April, wieso zieht ihr so einen Scherz mit mir ab?"
Greg und Sophia blickten einander sorgenvoll an.
"Es tut mir so Leid, Schatz!", sagte Sophia. "Da ist etwas, das wir dir nicht gesagt haben, weißt du...?"
"Was denn? Hat Lord Voldemort etwa meine echten Eltern umgebracht und ihr seid nur meine Ersatzeltern?"
"Schluss jetzt mit den Albernheiten!" Greg verpasste seinem Sohn einen kleinen Klaps auf den Hinterkopf. "Das ist kein Witz! Ich werde es dir zeigen!"
Er holte seinen Laptop, baute ihn auf dem Frühstückstisch auf und öffnete eine Videodatei. Jay wurde ganz unwohl dabei, doch sein Dad ließ ihm keine Zeit, sich darauf vorzubereiten, er spielte den kleinen Film einfach ab. Am Anfang wirkte es wie ein normales Familienvideo, so wie man sie eben macht, wenn die Kinder noch klein und süß sind. Jay sah sich selbst, er war zu diesem Zeitpunkt vielleicht zwei Jahre alt gewesen. Er saß auf einer Matte, lachte, spielte mit seinem Lieblingskuscheltier Hase Bubu. Gerade, als er seinen Vater fragen wollte, was an diesem Video denn so wichtig sei, begann Hase Bubu zu schweben, völlig unerklärlich! Keine Fäden, keine Tricks – zumindest nicht, soweit Jay erkennen konnte. Er hörte einen Aufschrei seiner Mutter im Hintergrund, dann brach die Videoaufnahme ab.
"...Was... was soll das...? Ist das wirklich so passiert?", hauchte Jay ungläubig. Er hoffte noch immer auf eine Aufklärung dieses Scherzes, aber seine Eltern nickten mit betroffenen Mienen.
"Das ist etwa drei oder vier Mal passiert, als du noch ganz klein warst... Wir wussten nicht, was wir tun sollten, an wen wir uns wenden sollten... Wir dachten schon, wir würden verrückt werden! Als du älter wurdest, sind diese merkwürdigen Dinge nicht mehr geschehen, also haben wir es wohl... verdrängt. Wir waren froh, dass es vorbei war und wollten dich einfach ein normales Leben führen lassen. Aber dann kamen diese Forscher auf uns zu und anscheinend gibt es für all das eine Erklärung..."
"Und... was soll ich jetzt tun?", fragte Jay kleinlaut. "Wollen die jetzt Experimente mit mir machen?"
"Nein, nein, so ist das nicht!" Sein Vater legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Hör mal, es gibt da eine Einrichtung in Nevada... Da sind Jugendliche untergebracht, die ebenso wie du gewisse spezielle Begabungen haben..."
"A-aber... was!? I-ich wollte doch im Herbst aufs College, nach New York-"
"Es tut mir so Leid, Jay..." Sophia hatte Tränen in den Augen. "Das wird jetzt furchtbar klingen, aber-... wir haben leider keine Wahl. Die Leute vom Forschungszentrum haben uns gesagt, dass es sehr gefährlich sein kann, wenn du nichts über deine Herkunft und deine Fähigkeiten lernst... Sie können zu einer Gefahr werden, sowohl für dich als auch für andere."
"Die können mich nicht zwingen!", stieß Jay empört hervor und stand vom Tisch auf, schlug mit den Händen auf die Platte. "Das geht nicht...! Das ist doch Irrsinn!!"
Doch die Erinnerung an das Video mit dem schwebenden Häschen lähmte ihn, er konnte nicht wegrennen, obwohl er sich jetzt am liebsten in seinem Zimmer eingesperrt und vergraben hätte. Ein fliegendes Kuscheltier... Es klang harmlos, aber er konnte nicht fassen, dass eine übernatürliche Kraft in seinem Inneren schlummerte und er keine Ahnung davon hatte. Verkrampft versuchte er zu verdrängen, was ihm vor ein paar Jahren mal passiert war. Als Teenager hatte er mal eine schlimme Phase gehabt, er war in seinen Lehrer verliebt gewesen, richtig heftig. Und die doppelt- und dreifache Aussichtslosigkeit dieser Verliebtheit hatte ihn verzweifeln lassen. Einmal war er vor dem Spiegel in seinem Zimmer gekauert und hatte sich verflucht, sein Aussehen, seine Pickel, seine zotteligen Haare, sein zu junges Alter. Er hatte so eine Wut im Bauch gehabt, noch nie war es so schlimm gewesen. Und dann... dann war der Spiegel zerbrochen, vor seinen Augen. Aber er hatte das im Nachhinein völlig verdrängt, hatte sich eingeredet, er hätte gegen das Glas geschlagen vor Zorn. Das wäre auch die einfachere, sinnvollere Erklärung gewesen.
Nun ergab dieses Phänomen zwar einen Sinn, aber... trotzdem war das alles so verrückt, dass ihm die Worte fehlten. Er drückte sich die Hände vors Gesicht und fing an zu weinen.
Seine Eltern standen auf und umarmten ihn liebevoll, sodass er sich wenigstens ein bisschen besser fühlte, trotz der heftigen Botschaft, die sie ihm überbracht hatten.
"Hättet ihr mir nicht stattdessen einfach sagen können, dass ihr euch scheiden lasst, so wie das normale Kinder zu hören kriegen? Das hätte mich deutlich weniger fertig gemacht...", schluchzte er und lachte und weinte zugleich und seinen Eltern ging es genau so.



Zwei Wochen waren seit dieser heftigen Konfrontation vergangen. Mittlerweile hatte Jay von seinen Eltern dutzende Dossiers der Forschungsorganisation GODGUARD erhalten und durchgelesen. Die Texte der Hochglanzbroschüren, die Fotos des Internats in Nevada, die Beschreibungen des Forschungsstandes – all das hatte die Sache für Jay allmählich von Stunde zu Stunde realer gemacht.
Doch als er schließlich im Flugzeug nach Nevada saß, fühlte er, wie ihm sein altes Leben entglitt.
Er hatte noch die Wärme der Umarmung seiner Eltern im Herzen, aber sie kühlte rasch ab und er fühlte sich schrecklich allein. Als er nach draußen starrte, auf die kleinen Ameisenstädte da unten, fühlte er sich noch einsamer.
Viele Kinder und Jugendliche träumten von solchen Abenteuern, er hatte ja selbst dazu gehört. Manchmal hatte er im Spiegel die Muttermale an seinem Nacken angeschaut und sich gewünscht, sie würden etwas bedeuten und ihn zu etwas Besonderem machen. Aber... was brachte es denn, besonders zu sein? Es riss ihn von seiner Familie weg, von den erwachsenen Träumen, die er zu hegen begonnen hatte. Er hatte nach New York gewollt, verdammt! Und nicht in die Wüste Nevadas!
Seine Eltern hatten das GODGUARD-Internat bereits einmal besucht – damals hatten sie es vor Jay als einen Trip nach Las Vegas getarnt. Er hätte es wissen müssen... Was hatten diese beiden denn in Vegas verloren!? Flippige Partylöwen waren die beiden ja nicht gerade. Jedenfalls hatten sie ihm erzählt, dort würde alles mit rechten Dingen zugehen, man dürfe es sich nicht wie Area 51 vorstellen. Viel eher war es ein kleines, niedliches Städtchen mit vielen Grünflächen mit einer Schule, die keineswegs an ein gruseliges Sperrgebiet erinnerte, wo erschreckende Experimente durchgeführt wurden. Die Schüler wurden allesamt bestens behandelt, es gab tolles Essen in der Kantine und freundliche Lehrkräfte. Jaja. Das behauptete ja jede Schule am Anfang, bevor man dann jeden Montag undefinierbares Gulasch runterwürgen und sich auf dreckigen Klos die Nase zuhalten musste.
Jay seufzte. Er war so froh gewesen, dass die Highschool vorbei war und er hatte sich auf einen lockeren College-Alltag in der aufregendsten Stadt der Welt gefreut. Doch dieses Internat würde ihm mit Sicherheit nicht die Freiheiten bieten, die er sich herbeisehnte. Da würde man bestimmt jeden Schritt seiner "göttlichen" Person verfolgen.
Jay holte den Lehrplan aus seiner Tasche und faltete ihn auf. So richtig schlau wurde er daraus noch nicht. Da gab es einige Stunden, die nur mit "Fokus" und "Introspektion" beschrieben waren. Und er würde anscheinend im Fach "Götterlehre" einiges über diese komischen Götter lernen, deren Existenz wissenschaftlich bewiesen worden war.
Dazu hatte er einige Passagen in den Broschüren gelesen, die ihm aber noch rätselhaft geblieben waren. Nur so viel wusste er genau: Wissenschaftler hatten entdeckt, dass es auf dem amerikanischen Kontinent vor mehr als 7000 Jahren eine Hochkultur gegeben hatte. Die angehörigen Menschen dieser Hochkultur, die Vaelkario, hatten Götter angebetet, deren Mächte tatsächlich existierten und den Lauf der Welt bestimmten. In einem komplexen Verfahren hatte man festgestellt, dass die meisten großen Naturkatastrophen der Erde auf die Launen dieser Götter zurückgingen.
Das hörte sich für Jay noch immer nach einem völlig durchgeknallten Fantasy-Roman an. Aber die Leute im GODGUARD-Internat würden ihn sicher über alles aufklären können, sie waren schließlich die Experten. Und er würde wenigstens Menschen treffen, die genau so waren wie er. Mit ihnen konnte er sich über diese unfassbaren Ereignisse austauschen, die sein Leben überrumpelt hatten.
Ein bisschen freute er sich sogar darauf... Aber da war auch ein riesiger Knoten in seinem Magen und ein Teil von ihm wünschte sich, er würde niemals landen und sich dieser Realität stellen müssen. Aber leider endete der Flug wie geplant am Reno–Tahoe International Airport.
In der Eingangshalle empfing ihn ein knalliges Schild, sein Name stand darauf in leuchtend pinken Buchstaben, umrandet mit Rot, verziert mit Smileys. Jay fühlte, wie ein Lächeln seine Lippen umfasste – er hätte nie erwartet, von einer Forschungsorganisation so herzlich und rücksichtsvoll empfangen zu werden. Aber dann glitt sein Blick nach oben und er sah in das tödlich grimmige Gesicht eines mageren, genervt wirkenden Mannes. Seine Laune war augenblicklich ruiniert.
Seufzend lief Jay weiter und schleppte seinen riesigen Koffer hinter sich her.
"Jason Welsh?", begrüßte der Mann ihn mit tonloser Stimme und streckte ihm seine knochige Hand hin. Jay ergriff sie zögerlich.
"Äh... Ich bin Jay, ja."
"Ich bin Miles Heedy, einer Ihrer neuen Lehrer. Kommen Sie, Mr. Welsh. Ich bringe Sie zum Internat."
Bevor sie den Flughafen verließen, riss der Kerl das Schild mit sichtlicher Wut in Fetzen und stopfte sie in einen Mülleimer. Anscheinend hatte ihn jemand gegen seinen Willen gezwungen, dieses fröhliche Schild für den Neuankömmling hochzuhalten.
Eingeschüchtert verstaute Jay seinen Koffer im Wagen, den Mr. Heedy vorgefahren hatte, dann stieg er hinten ein und saß wie versteinert da.
Statt ihm seine Scheu ein wenig zu nehmen, nahm sein "Chauffeur" einen Anruf über die Freisprechanlage auf.
"Hi Miles! Wie geht's? Na, ist der Neue schon bei dir?" Eine niedliche Frauenstimme erklang etwas zu laut durch den ganzen Wagen.
"Ja, er sitzt bei mir im Wagen. Wir sind auf dem Weg ins Internat."
"Warst du auch freundlich zu ihm? Vergiss nicht, für die Kids ist das sehr schwer, sie sind in einer ganz neuen Umgebung und-"
"Was, die "Kids" haben es schwer, Charlotte?! Ich war Dozent an der Harvard University, ich hatte mit den klügsten Köpfen des Landes zu tun...! Und jetzt kutschiere ich Leute durch die Gegend und muss mich mit hormongeplagten, ekelhaften Teenagern im Klassenzimmer herumplagen...!"
"Miles, hört der Junge das nicht? B-bitte, beruhige dich doch!"
"Beruhigen!? Ich werd dir mal was erzählen von Ruhe!! Früher, da hatte ich noch meine Ruhe, als ich einem ganzen Hörsaal meine Argumentationen unterbreiten und jeder meinen Theorien folgen konnte! Heute bin ich schon froh, wenn mir nur einer von diesen Schwachköpfen mal Gehör schenkt! Von wegen göttliche Wiedergeburten...! Triebgesteuerte Monster sind das! Die interessieren sich nur dafür, welche Götter früher mal miteinander gevögelt haben, damit sie's gleich nachmachen können...!"
"Miles...!"
Mr. Heedy schimpfte sich die ganze Fahrt lang über seine Schüler aus, während Jay auf dem Rücksitz am liebsten im Erdboden versinken wollte. Das war ja mal ein toller Start in seine neue Zukunft...



Tatsächlich musste Jay seinen Eltern recht geben, als sie in das Gebiet von GODGUARD fuhren. Es war wie eine kleine Oase, mitten in der Wüste. Eine idyllische Kleinstadt mit Parks, Geschäften, Restaurants, ähnlich wie die Stadt, in der Jay aufgewachsen war. Dann fuhren sie auf den Campus des Internats und es sah von außen stinknormal aus, so wie einige Colleges, die Jay sich im Frühling mit seinem Vater angesehen hatte.
Heedy brachte ihn in ein Wohnheim, klärte die Anmeldung des Jungen mit der Rezeption und folgte dem Jungen bis auf sein Zimmer. Dort händigte er ihm noch einen aktualisierten Lehrplan und ein paar weitere Infoblätter aus.
"Morgen um 8:00 Uhr geht es los. Im Hauptgebäude im dritten Stock, Klassenzimmer 310. Charlotte wird dich der Klasse vorstellen und dich einführen."
"O-okay...", murmelte Jay überfordert.
Heedy ließ ihn ohne aufmunternde Worte zurück. Doch im Türrahmen hielt er inne, kramte in seiner Hosentasche und schleuderte Jay etwas entgegen. Der Junge reagierte zu langsam und die Dose traf ihn am Kopf.
"Scheiße, was-... was soll das?!", keuchte der Junge und schaute nach unten. Es war ein Deospray.
"Sprüh dich damit ein, bevor du meinen Unterricht betrittst! Ich halte diesen hormongeschwängerten Schweißgeruch von euch Stinktieren langsam nicht mehr aus!", grollte Heedy und schmetterte die Tür zu.
Jay atmete tief durch und ließ sich auf sein Bett fallen. Dieser Kerl musste einen verdammt miesen Tag haben. Oder war der immer so drauf?
"Na, das kann ja ein toller Unterricht werden...", seufzte er. Aber wenigstens lief er bei diesem Grummelmonster von Lehrer nicht Gefahr, sich zu verknallen, so wie es ihm in der Highschool mal passiert war.
Der Flug, die Fahrt und der erste Eindruck von seiner neuen "Heimat" hatten ihn ganz schläfrig gemacht. Jay gönnte sich ein kleines Nickerchen und zu seinem Entzücken war das Bett weich und frisch bezogen. Es roch gut, der Duft erinnerte ihn an die Sommertage, an denen seine Mutter die Wäsche im Garten aufhängte...
Als er wieder aufwachte, waren ein paar Stunden vergangen, aber es war noch immer hell. Mit einem herzhaften Gähnen schlüpfte er in seine Jacke und beschloss, sich noch ein wenig umzusehen.
Er schlenderte über den Campus, der um diese Uhrzeit am Wochenende ganz leer war. Sein Blick glitt nach oben, zum Himmel, der sich langsam rot färbte und wunderschön aussah. Es war gar nicht so übel hier, das musste Jay zugeben. Aber irgendwie weckte dieser weite Himmel doch seine Sehnsucht nach mehr... Er dachte an die gewaltige Skyline von New York, an das pulsierende Leben und an all die Möglichkeiten. Er hatte insgeheim davon geträumt, dort in dieser aufgeschlossenen Umgebung seinen ersten festen Freund zu finden... In der Highschool hatte er nur wenig Glück gehabt, gelinde gesagt.
"Hey...! Du Trottel, pass doch auf, wo du hinläufst!", zischte jemand und Jay schreckte auf. Fast wäre er mit einem Jungen zusammengestoßen! Er sah den Fremden an und war so überrumpelt von allem, dass er nicht wusste, was er sagen sollte. Sogar ein "Entschuldigung" ging ihm nicht über die Lippen.
"Moment... Ich kenne dich nicht...", bemerkte der fremde Junge und beäugte Jay neugierig. Jay war geblendet von den stechend blauen Augen, er war so gefesselt, dass er ansonsten kaum etwas von der Gestalt seines Gegenübers wahrnahm. Das waren Augen, die einen richtig in einen Strudel rissen...
"Du bist ein neuer Wiedergeborener, hm?", hakte der Fremde weiter nach. "Wo ist dein Göttermal?"
"Göttermal...?" Jay begriff es erst verzögert. "Ach so, meine... meine Muttermale?"
Er deutete auf seinen Nacken, der fremde Junge legte den Kopf schief und hob verächtlich die Augenbrauen.
"Worauf wartest du? Zeig sie mir!", forderte er mit harter Stimme und Jay drehte sich verschreckt um, seine Wangen röteten sich. Was war das denn hier nur für eine Begegnung?! So hatte er sich seinen Kontakt mit seinen neuen Kameraden nicht vorgestellt...
"Hmm, nun..." Der Junge trat nah an ihn heran, er konnte seinen Atem am Hals spüren und erschauderte. Dann legte der Kerl ihm den  Zeigefinger auf seine "Göttermale".
"Aah, ich verstehe... Das könnte interessant werden..."
Jay fuhr herum und starrte den Fremden an, er fand noch immer keinerlei Worte, ihm stand der Mund offen. Sein Gegenüber lächelte ein schmutziges, fieses Lächeln und ließ ihn dann ohne eine weitere Erklärung stehen, marschierte munter an ihm vorbei.
Jays Beine fühlten sich an wie Wackelpudding. Verdammt, waren alle auf diesem Internat so verrückt? Auf einmal hatte er verflucht viel Angst vor seinem ersten Schultag in dieser Irrenanstalt...
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