Willenlos

von Eiiskalt
GeschichteDrama / P18
08.03.2019
25.03.2019
4
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Heute gibt es ein längeres Kapitel und ich hoffe auf fleißige Rückmeldungen egal ob anonym oder nicht! :) Ich freue mich auf jeden Fall über Kritik, Lob oder irgendwelchen Inhaltlichen Anmerkungen. Denn dieses geben einem Autor Motivation und Ideen.


An dieser Stelle möchte ich kurz die Chance nutzen und mich für die Abos bedanken.  Ich wünsche euch nun ganz viel Spaß beim lesen.
LG eure Eiiskalt

*


Only you
Can make all this world seem right
Only you*


Ich verzog schmerzerfüllt das Gesicht und stöhnte auf. Mein Kopf fuhr Achterbahn und mein Magen hätte sich am liebsten von innen nach außen gestülpt. Musik ertönte um mich herum und wilde Geräusche waren aus mehreren Richtungen zu hören.

Was war passiert? Wo war ich nur?
Die Fragen rauschten in meinem Kopf vorbei, wie ein Schnellzug durch einen Bahnhof. Beruhigend wollte ich meine Hand an meine Schläfe legen, doch ein Widerstand hinderte mich daran.
„Was?“ krächzte ich und riss etwas zu hektisch meine Augen auf. Grelles Licht blendete mich und ich zuckte mit meinem Kopf erschrocken zurück.

Was sollte das? Unruhig blinzelte ich nochmal und starrte auf meine Hand. Unverkennbar steckte diese in einer Handschelle.
Ich war angekettet worden? An einer verdammten Käfigstange? Panisch fing ich an, an dieser herumzureißen.

„Nein!“ flehte ich und richtete mich abrupt auf. In meinem Kopf begann sich alles zu drehen, doch das war mich egal. Meine Hand ruckte immer wieder an der Handschelle herum. Wollte sich befreien, doch vergebens.

„Das bringt nichts!“ ertönte eine Stimme rechts neben mir und ich blickte erschrocken in das Gesicht eines schwarzhaarigen Mädchens.
„Die halten dich so fest, wie ein Puma seine Beute“. Ihr Gesicht verdeckte eine grüne Kapuze, dennoch konnte ich ihre Züge grob im künstlichen Licht der Baustrahler ausmachen.

„Wo sind wir?“ krächzte ich und schluckte einmal trocken. Mein Mund war so trocken wie die Sahara.
„Im Baron Sägewerk!“ antwortete sie monoton „Hier wird entschieden, was mit dir passiert!“ sie blickte mich an und ich starrte erschrocken zurück.
Ihr Gesicht war völlig entstellt.

„Passiert? Was soll denn mit mir passieren?“ und wie auf einen Schlag kam meine Erinnerung zurück. Der Campingplatz. Die Sekte. Der Verrückte, der mich fast im See ersäuft hatte.
„Oh Gott!“ entfuhr es mir und ich sackte mit dem Rücken gegen die Gitterstäbe meines Gefängnisses. „Nein!“ entfuhr es mir nochmal „Es muss doch einen Weg hier raus geben“ flehend blickte ich zu dem Mädchen.

„Ich will dich ja nicht enttäuschen“ sagte sie „Aber solange die dich hier nicht rausholen, gibt’s auch keine Möglichkeit abzuhauen.“
Tränen bildeten sich in meinen Augen und ließen die Umgebung undeutlicher werden.
Wieso? Warum ich?

„Wo sind die anderen Mädchen? Wir waren mehrere“ murmelte ich erschöpft und drehte meinen Kopf wieder in die Richtung der Schwarzhaarigen.
„Zwei sind dahinten.“ Ihr Kopf ruckte nach rechts von mir.
„Und die anderen… keine Ahnung! Der LKW hat nur euch abgeladen.“ sie zuckte mit den Schultern.

Ich atmete hörbar aus. „Wieso jetzt? Die waren doch eigentlich relativ friedlich“
„Ich hab einen dieser Peggys sagen hören, dass die Ernte begonnen hat. Was auch immer das bedeutet“ sie kroch langsam auf mich zu und blickte mich durch die Gitterstäbe an. „Wenn du mich fragst, landen wir in Jacobs Bunker und werden einer Gehirnwäsche unterzogen! Oder er bringt uns gleich um.“

„Schnauze!“ ein Schlag ertönte und ich zuckte erschrocken zusammen. Einer dieser Sektenanhänger stand neben dem Käfig der schwarzhaarigen und hatte mit einem Rohr gegen diesen geschlagen. Nun blickte der bärtige Mann hasserfüllt auf uns herunter und schwang dabei die Rohrstange angriffslustig hin und her. „Sünder“ murmelte er immer wieder leise und irre vor sich her, ehe er seinen Rundgang fortsetzte.

Ich sah ihm noch kurz nach und legte meine Stirn nachdenklich in Falten. Alle hielten diese Leute für verrückt. Hier und da hatte es mal kleinere Zwischenfälle gegeben, aber eigentlich waren sie bis jetzt immer „friedlich“ gewesen.
Die meisten Vorfälle gingen eher von den Einheimischen aus, was wahrscheinlich daran lag,  dass sich diese Sekte  das halbe County unter den Nagel gerissen hatte. Verständlicherweise stieß das bei den Leuten nicht gerade auf Zustimmung. Aber dass die Sekte soweit gehen würden, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.

Im Grunde hatte ich diese Leute in der Vergangenheit  nur belächelt.  Sollten die doch an das Glauben was sie wollten, solange sie mich damit in Ruhe ließen. Meine Familie hat das genau so gesehen. Das war ein riesengroßer Fehler gewesen, wie ich jetzt verbittert feststellen musste. Was wohl aus ihnen geworden ist? Ging es ihnen gut? Oder saßen sie genau so fest wie ich?

Meine Gedanken wurden durch einen wilden Tumult vor den Zäunen des Sägewerks unterbrochen. Lautes Schreien, wildes Hundegebell, verzweifeltes Flehen, Schüsse fielen, dann war es wieder still. Wie in Trance blickte ich auf die Stelle des Vorfalls.

„Du kannst nicht fliehen!“ die Worte meiner Gefängnisnachbarin durchschnitten meine Gedanken wie ein Schwert. „Sie fangen dich bevor du überhaupt die Straße erreichst.“

„Er ist tot!“ murmelte ich verbittert und blickte sie an. „Anscheint. Aber jeder hier kennt das Risiko, wenn man versucht abzuhauen“ war ihre Antwort und sie rutschte einige Zentimeter dichter an mich heran. „Ich bin Jess!“ flüsterte sie.
„Ava“ antwortete ich ihr erschöpft und schloss meine Augen. Das waren also meine Optionen? Leben: Gefangen in einem Hundekäfig unter unmenschlichen Bedingungen oder vielleicht Sterben: Wenn ich versuchte zu fliehen?!

Das durfte nicht alles sein!
Die waren verrückt!
Einfach Bekloppt!
Nicht mehr Normal! Meine Hände ballten sich zur Fäuste.

„Die Polizei wird kommen und das Ganze beenden!“ stellte ich entschlossen fest und sah Jess dabei in die Augen.
Diese hingegen verzog spöttisch das Gesicht. „Oh Gott, Mädchen! In was für einer Welt lebst du?“, die Frage klang ziemlich abfällig und ich kniff dabei wütend die Augen zusammen. „Die haben die Tunnel blockiert! Es wird keiner kommen!“

Jegliche Farbe wich aus meinem Gesicht und die Welt begann sie unnatürlich schnell um mich zu drehen.
„Was?“ fragte ich fassungslos und Jess‘s Antwort hallte wie ein Echo in meinen Ohren wieder „Wir sitzen Knietief in der scheiße und das nicht erst seit dem die Sekte die Tunnel blockiert hat“.

Ich war so dumm. Verzweifelt blicke ich in den dunklen Nachthimmel. Kein Stern war zu sehen. Nur vollkommende Schwärze.
Eine kleine Träne hatte sich aus meinen Augenwinkel gelöst, schnell wischte ich diese beiseite. Ich  durfte die Hoffnung nicht aufgeben! Alles hatte seinen Sinn im Leben und dieser würde sich noch früh genug zu erkennen geben.
Lange Zeit saßen wir schweigend Rücken an Rücken gelehnt da, ehe ich langsam vor Erschöpfung meine Augen schloss.

Vielleicht auch mit der kleinen Hoffnung am nächsten Morgen einfach festzustellen, dass alles nur ein verstörender Traum gewesen war. Aber spätestens als ich immer wieder von den lauten Geräuschen der Nacht aufgeweckt wurde, hatte sich meine Illusion schnell von selbst wieder zerstört. Ich fühlte mich wie gerädert, mein Rücken schmerzte von dem sandigen Boden und ich konnte mich mittlerweile selber riechen.

Meine Gedanken kreisten wie Aasgeier in meinem Kopf herum und ließen mein Einschlafen in eine immer weitere Ferne rücken. In meinen Gedanken gefangen, malte ich wie in Trance kleinere Kreise in den sandigen Untergrund nur um sie ein paar Sekunden später wieder wegzuwischen. Ironischerweise beruhigte mich das Ganze ein bisschen. Müdigkeit kroch meinen Knochen herauf und ich schloss langsam meine Augen.

Das Erste was ich wieder wahrnahm, war viel zu laute Kirchenmusik die aus den Lautsprechern an den Sägewerkwände tönte. Erschrocken fuhr ich hoch, schaute mich panisch um. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals.
Was war das?

Mein Kopf wanderte automatisch zu Jess, die sich umständlich hochrappelte und dann gelangweilt an das andere Ende ihres Gefängnisses blickte. „Was passiert hier?“ raunte ich zu ihr und sie zuckte teilnahmslos mit den Schultern.

„Das ist jeden Morgen so“ antwortete sie genervt. „Wenn sie dich für würdig anerkennen, kommst du später woanders hin, oder du stellst dich als vollkommenes Stück Scheiße heraus und die verwenden dich als Kanonenfutter.“ Sie zog die Kapuze ein Stück tiefer ins Gesicht als ein paar Peggys vor unseren Zellen stehen blieben.

„Zelle 6 und 7 sind am Leben“ säuselte der eine zu seinem Kameraden und wartete bis dieser zwei Haken auf einem Klemmbrett gesetzt hatte. Dann gingen beide zu den nächsten Käfigen.

Ich atmete hörbar aus. Etwa eine halbe Stunde später erschien eine weitere Gruppe und schmiss jedem Gefangenen gehässig grinsend eine kleine Plastikschüssel mit irgendeiner komisch riechenden Pampe in die Zelle.

Skeptisch beäugte ich die diese, griff danach und verzog angeekelt das Gesicht. Das Zeug stank furchtbar!
„Was ist das?“ stieß ich aus und sah wieder zu meiner Zellennachbarin.
„Hundefutter“ antwortete sie schmatzend und ich blickte sie ungläubig und angeekelt an. „Gewöhn dich dran, hier gibt’s nichts anderes“.

War das ihr Ernst? Da kam mir ja glatt die Galle hoch!
Widerwillig schob ich die Schüssel beiseite und ließ meinen Kopf mit einem Ruck gegen die Gitterstäbe knallen. Das war Unmenschlich! Bevor ich das Essen würde, müssten die mich Kopfüber aufhängen! Nie im Leben würde ich das anrühren!
„Isst du das noch?“ flüsterte Jess mir zu und ich schüttelte schnell den Kopf. Gierig griff sie durch die Gitterstäbe nach meiner Portion und schlang diese innerhalb weniger Sekunden herunter.

Ich unterdrückte ein würgen.
„Ich gebe dir genau 2 Tage.“ sagte sie „dann wirst du dich darauf stürzen!“.
„Nein! Ganz bestimmt nicht!“ stieß ich angeekelt aus und verzog das Gesicht. Doch mein Magen, dieser kleine Verräter, knurrte wie aufs Stichwort. Beruhigend legte ich meine Hand auf meinen Bauch und begann diesen zu massieren. Ich würde dieses Zeug nicht anrühren, schwor ich mir und legte meinen Kopf wieder an die Gitterstäbe.

Das Knallen von Wagentüren ertönte. Dann liefen hastig ein paar Peggys an unseren Zellen Richtung Tor vorbei.
„Und jetzt?“ skeptisch versuchte ich, soweit es meine Handschellen zuließen, aus meinem Gefängnis zu spähen.
„Das ist neu!“ hörte ich es hinter mir immer noch schmatzen. „Kannst du nicht leiser essen? Das ist verdammt nochmal echt widerlich “ stieß ich wütend aus und versuchte etwas zu erspähen. Jess grunzte hinter mir beleidigt auf. Mein Magen knurrte.

Eine Gruppe Peggys hatte sich um jemanden versammelt und bildeten am Eingang eine riesige Traube. Unsicher starrte ich auf diese.

Plötzlich lichteten sich die Reihen und der rothaarige Mann vom Campingplatz trat hervor. Leise stieß ich die Luft aus, die ich bis eben unbewusst angehalten hatte. Abschätzig ließ er seinen Blick über den Innenhof des Sägewerkes gleiten. Auf meinen Armen bildete sich eine Gänsehaut.

„Oh Shit!“ murmelte Jess hinter mir und packte durch die Gitterstäbe meine Schulter. „Weg da, mach dich unauffällig.“. Doch ich starrte nur weiter den rothaarigen Mann an. Mein Herz fing vor Nervosität schneller an zu Klopfen. Seine kalte Ausstrahlung ließ jeden in seiner Nähe wie ein verängstigtes Reh im Scheinwerferlicht wirken.

„Bist du taub?“ fluchte es hinter mir weiter „Das ist Jacob!“. Mit einem Schlag erwachte ich aus meiner Trance. Mein Kopf fuhr  herum.

„Der?“ entfuhr es mir ungläubig und blickte sogleich wieder in seine Richtung.
Er wirkte gar nicht wie diese anderen Fanatiker von Eden’s Gate, stellte ich nüchtern fest und ignorierte Jess‘s Überzeugungsarbeit mich unauffällig in die letzte Ecke meines Gefängnisses zu verziehen. Stattdessen saß ich in einer unnatürlichen Pose auf dem Sandboden und starrte den rothaarigen Mann mit einer Mischung aus Unglauben und leichter Faszination an.

Das ist krank! Schimpfte ich mich selber aus und presste meine Lippen zu einer dünnen Linie zusammen.

Jacob hingegen schritt langsam durch die Reihe der Käfige und inspizierte jeden einzelnen von Ihnen mit einer unheimlichen Gelassenheit. Fast so, als ob er gerade dabei war sich einen neuen Hund als Haustier auszusuchen. Auf der Höhe meines Gefängnisses blieb er stehen.

„Die da“ sagte er gelangweilt zu einem seiner Handlanger und meine Zellentür wurde aufgerissen, die Handschellen von dem Gitterstab entfernt und ich mitten auf den Weg geschupst. Leicht taumelte ich, fing mich jedoch schnell wieder von selbst und richtete mich unsicher auf.

„Nehmt sie mit“ sein Blick durchbohrte meinen und eine leichte Gänsehaut bildete sich auf meinen Armen. Musternd wanderten seine Augen über meinen Körper und ich begann mich jede Sekunde, die sein Blick auf mir haftete, unwohler zu fühlen.

Jess hingegen hatte sich in die hinterste Ecke ihres Käfigs zurückgezogen und blickte stur auf den Boden vor ihr. Ich konnte es ihr nicht verübeln. Was hätte sie auch schon machen können?

Jacob hatte seinen Weg fortgesetzt und blieb in einiger Entfernung vor einem anderen Käfig stehen. Ich konnte seine Worte nicht verstehen, doch als eine weitere Zellentür aufgerissen und der Insasse ebenfalls auf den Weg geschupst wurde, wusste ich dass Jacob irgendeine kranke Scheiße plante. Nachdenklich starrte ich auf das offene Tor vor mir. Ich könnte versuchen zu fliehen! fuhr es mir durch meinen Kopf. Aber eine kleine und penetrante Stimme schrie in mir ich solle es sein lassen. Hin und Her gerissen von mir selbst verpasste ich die Chance zur Flucht.

Ein Peggy griff nach meinem Arm und stieß mich nach vorne in die Richtung eines Geländewagens. Ergeben folgte ich ihm und stieg in das Transportmittel welches mich vielleicht zu einem viel schlimmeren Ort als diesen hier bringen würde.

Hoffnung ist das einzige was uns keiner nehmen kann. Ironischerweise fielen mir genau jetzt die Worte meiner Großmutter wieder ein. Auf meinem Gesicht bildete sich ein kleines Lächeln. Ich würde kämpfen egal was dieser Kerl mit mir vorhatte! Ich war eine Green und als solche gab man nicht auf!



*


*The Platters – Only you
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