Oneshots in München -Neues von Manuel und Tobi

von Ratisbono
GeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
FC Bayern München
08.03.2019
23.10.2019
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24.12.2015

"Tobias?"
"Ja, Mama?"
"Wo willst du hin?"
"Nur noch ne Runde frische Luft schnappen -is` so mild draußen."
"Denk dran, um halb fünf geht`s zur Kirche."
"Ja, da bin ich wieder da." Mit einem resignierenden Augenaufschlag ziehe ich meine Sneakers an und werfe mir die Lederjacke über. Die reicht völlig. Heiliger Abend und es sind milde zwölf Grad. Ich stapfe die Stichstraße neben unserem Haus bergan und folge dem Feldweg einige Minuten, bis ich meine Bank erreiche. Nun gut, es ist nicht wirklich meine Bank, aber ich beanspruche das windschiefe Teil schon gewohnheitsrechtlich. Hab schließlich oft genug drauf gesessen und talwärts Richtung Stuttgart gestarrt. In guten wie in schlechten Zeiten. Im dämmerigen Halbdunkel knutschend und ansatzweise fummelnd, soweit in einer halböffentlichen Umgebung vertretbar, ohne dass den Hasen, Kaninchen und Feldmäusen die Augen rausfallen...aber auch vor Liebeskummer heulend. Die Bank hat schon viel gesehen und gehört.

Hah-Glück gehabt. Die Leute haben kurz vor der Bescherung besseres zu tun als Spaziergänge zu machen und mein Plätzchen ist frei. Ich lasse mich fallen, meine Blicke schweifen und meinen Gedanken freien Lauf. Weihnachten 2015. Ich hab`s wieder geschafft, at Christmas in festen Händen zu sein. Und diese Hände sind nun wirklich was besonderes...mögen sie mich ebenso festhalten wie die ganzen Bälle, die in den großen behandschuhten Tigerpfoten landen.

KLINGEL-LÄUT-SCHEPPER. Spricht man vom Bär, tappt er daher. Oder sinniert man vom Goalie, ist er am Ohrli. Was bin ich witzig. Naja, ich schiebe es auf meine nach wie vor vorhandene Verliebtheit, dass ich ohne mit der Wimper zu zucken schlimme Knüttelverse verfasse.
"Hey Tiger."
"Tobi." Der Ton sagt alles. Nicht geschäftsmäßig festgestellt, nein, die Vokale werden doppelt betont. Sehnsüchtig. Toobii. Meine Mundwinkel legen die Steigeisen an und klettern empor.
"Schon vorfreudig, Tiger?"
"Auf morgen?"
"Auch das. Natürlich. Vor allem morgen mein ich. Aber jetzt erst mal...."
"...ja doch. Bescherung daheim. Klar. Meine Mutter steht in der Küche, mein Vater deckt den Tisch und Marcel stopft seine Last-Minute-Geschenke in Papier."
"Und du...?"
"Ich lieg auf dem Bett und warte aufs Christkind."
"Wer spielt das? Asamoah?"

"Der mimt den dritten Heiligen König. Bene könnte sich auch die Perücke überstülpen und mich beglücken. Ich meine..."
"Yep. Beglückung nur durch mich." brumme ich in den Hörer. Nicht dass ich wirklich davon ausgehe, dass der Schalker mit dem Ö mit einem Sack Geschenke ins Neuersche Anwesen stürmt und Manuel auspacken lässt...also sich selbst...aber es kann nicht schaden darauf hinzuweisen, dass ich derjenige bin, der das exklusive Nutzungsrecht an Manuels Körper hat. Zu sexuellen Zwecken, ansonsten dürfen die Physios darauf rumtatschen.

"Weiß ich. Freu ich mich auch drauf."
"Schon Entzug?"
"Allerdings." Das kommt trocken unverzögert.

"Nach zwei Tagen??"
"Ich vermiss das Kuscheln und deinen Hintern. Deine Küsse und deinen Arm um meinen Bauch beim Schlafen. Ich vermiss sogar...."
"Ja?"
"Deinen Schwanz."
"Ich bin entsetzt." Die Direktheit ist tatsächlich etwas ungewohnt, weil sich der Tiger ansonsten in dieser Hinsicht gewählter ausdrückt. Außer in der Hitze des Gefechts. Dann würde in einer
amerikanischen Hörbuchvariante unseres Geschlechtsverkehrs jedes zweite Wort mit einem Quäk-Laut ausgexxt. "Und ansonsten natürlich angenehm erfreut."
"Klar doch. Wenn ich auf meinem Bett liege und an dich denke..."
"Geht mir genauso. Auf meinem Bett."

Wir schweigen kurz. "Wo bist du gerade, Felix?"
"Ein Stück den Hang rauf. Oberhalb vom Haus meiner Eltern auf einer Bank am Feldrand."
"Oh schön. Gleich in der Natur."
"Genau. Da seh ich den Schlitten kommen, auf dem der Opa mit dem Rauschebart und dem bekifften Rentier sitzt."
"Ich glaube, das Rentier sitzt nicht auf dem Schlitten, sondern zieht ihn. Und es ist maximal besoffen, nicht bekifft." Manuel klingt aber weniger belehrend als vielmehr belustigt. Vielleicht stellt er sich gerade die Rudolf-Santa-Combo auf schwäbischer Flur vor.
"Man muss mit der Zeit gehen. Aus gesundheitlichen Gründen ist Rudolf dem Alkohol abhold geworden und hat sich dem fetten Joint zugewandt."
"Aber sitzt trotzdem nicht drauf."
"Doch. Bei dem Sommerwetter heute bleiben die beiden im Schlamm stecken. Deswegen hat der Schlitten Räder. Und nen Motor. Und Rudi steuert."
"Ich glaube, der Bekiffte bist du, Felix, nicht der Hirsch."

"Rentier."
"So was ähnliches."
"Sag das mal einem Rentier, dass es ein Hirsch ist. Die Hufabdrücke im Gesicht wirst du dein Leben lang nicht mehr los."
"Schon mal mit einem Rentier kommuniziert?"
"Yep. In Lappland auf dem Weg zum Nordkap. Eins beinahe überfahren und zwei andere interessierten sich auf dem Rastplatz für meine harten Äpfel."
"Solange es nicht deine harten Eier waren."

"Tiger! Was hast du heute?"
"Weiß nicht. Ab und zu bin ich..."
"Lüstern."
"So in etwa."
"Dann beherrsch dich mal, sonst musst du zur Beichte."
"Geh heute nicht zur Kirche."
"Echt nicht? Du bist doch katholisch."
"Eben."
"Ach so."
"Genau. Die haben`s nicht so mit unsereins."
"Hm. Da hab ich`s mit meinen Lutheranern einfacher."
"Außerdem hab ich keinen Bock darauf, dass mich alle anstarren, wenn ich eigentlich paar besinnliche Momente haben will."

"Versteh ich."
Manuel hatte die ersten Tage so eine Trotz-Mentalität entwickelt. Ich geh trotzdem zum Bäcker. Ich geh trotzdem zum Geschenke-Einkaufen. Ich geh trotzdem auf den Weihnachtsmarkt. Ab und zu war das aber blöd...weil...nun ja...nicht jeder seine Anti-Begeisterung über Manuels Outing zurückhalten konnte und er -teils auch wir zusammen- leise angemault wurde. War bisher keine direkt konfrontative Situation dabei, aber es nervt halt trotzdem. Deswegen hat er nach paar Tagen die Taktik geändert und sucht die Öffentlichkeit, wenn es ihm passt und meidet sie, wenn er keine Lust darauf hat. Sind ja erst knapp zehn Tage her....
"Gehst du, Tobi?"
"Ja. Ist immer ganz nett. Wir singen viel." Freu ich mich sogar drauf.

"Du kannst singen?"
"Kann ich. Für einen Kerl halt."

"Ich brumme nur."
"Das mag ich aber. Wenn du für mich brummst."

"Mach ich ab morgen wieder -bis es dir zuviel wird."
"Wird mir bei dir nie zuviel, glaub ich." Ich beiße mir dabei sofort selber auf die Zunge, weil ich den Schmalz merke, den ich da in den Hörer absondere. Aber das Gewöhntsein kommt noch viel zu früh, wenn solche spontanen Bemerkungen in spontane Phrasen übergehen. Man es zwar noch irgendwie so meint, aber es nicht mehr aus einem rausdrängt und man es nicht mehr am liebsten in Großbuchstaben an die schöne Wolke da oben schreiben mag. Mit roter Lebensmittelfarbe. Oder orange. Sieht bestimmt gut aus...ein kräftiges Orange auf weißem Kumulus vor blauem Himmel. Dem bayerischen, den ich ja 95% meiner Zeit angucke.

Manuel schnauft zärtlich in den Hörer. "Lieb dich, Felix."
"Vermiss dich, Tiger."
"Ich hab heute morgen 232 Euro zum Fenster rausgeworfen."
"Wieso? Wolltest du für
Rettet die Vögel spenden? Obwohl die sich eher über was essbares freuen als über einen Hagel Münzen." Ich stell mir gerade Familie Spatz vor, die mit einem 50-Cent-Stück im Schnabel auf der Bäckertheke landet. Sponsored by Neuer.
"Das war eine Redensart, Felix."
"Und wofür war das jetzt?"
"Für ein Flugticket."
"Oh."
"Ja. Der 17-Uhr Flug von Düsseldorf nach Stuttgart."

Ich brauche drei Sekunden, um die Information zu sortieren. "Du wolltest...?"
"Ja. Zu dir kommen. Ganz spontan. Weihnachten mit Felix."
"Wow. Wie cool." Jetzt bin ich gerührt. Echt gerührt. Mit der linken Hand streichele ich versonnen einen verblühten Halm, der sich zwischen den Brettern der Bank durchgedrückt hat. "Aber...."
"Genau. Aber. Das wollte ich meiner Familie nicht antun. Deswegen wird der Flug verfallen. Leider."

"Ich hätte mich wahnsinnig gefreut, aber deine Mutter...."
"Ich würde es ja Mama ausrichten, dass du dir Gedanken um sie machst, aber ich erzähl ihr lieber nichts von dem Ticket."
"Besser is` das. - Wie geht`s ihr so?"
"Sie tut so, als ob`s ihr gut geht. Aber als ich angekommen bin, hat sie mich so fest gedrückt, dass ich bestimmt eine halbgeprellte Rippe habe. Dann hat sich weggedreht und ich hab gesehen..." Manuel stockt.

"....sie hatte Tränen in den Augen, stimmt`s?"
"Hm."
"Meine auch."

"Mütter."
"Genau."

Wir schweigen wieder. Nun ja. Jede Mutter freut sich, wenn der Filius zu Weihnachten erfolgreich den Chris-Rea-Song Driving home for Christmas umgesetzt hat, aber unsere beiden sind in einer Sondersituation. Ich befürchte, dass Marita tatsächlich Angst um ihren Sohn hat. Also nicht nur, dass es karrieretechnisch schwieriger würde, sondern tatsächlich...dass ihm jemand weh tun könnte. So ganz aus der Welt sind solche Gedanken nicht. Bisher nix passiert. Ich klopfe instinktiv auf Holz. Sitze ja auf einer Menge davon.
"Was gibt`s bei euch zu essen?" Manuel hat wohl keinen Bock, dem Trübsinn einen festen Platz in unserem Gespräch einzuräumen und scheucht ihn zur Tür hinaus.
"Schweinemedaillons mit Prinzessinnenpasteten."
"Was ist das denn?"
"Ein Schwein ist ein rosafarbenes, im wesentlichen schmackhaftes...."
"Depp." Manuel grinst durchs Handy. "Die Pasteten da..."
"Das sind so halbhohe Blätterteig-Dinger, die man füllen kann. Gibt`s hier massig, kann man auch
beim Bäcker kaufen."
"Noch nie gesehen."
"Soll ich welche mitbringen? Mama hat noch welche rumstehen."
"Klingt fettig."
"Is es auch, aber es ist ja Weihnachten. Da darf man das."

"Hm. Willst du dann kochen? Wir haben gar kein Fleisch da."
"Doch. Haben wir. Ich hab Geschnetzeltes eingefroren und Pilze...hab ich in Dosen da."

"Okay. Wenn du willst...?"
"Ich hab dich gefragt. Ich hab die Teile heute schon."
"Bring mal mit. Du hast mich neugierig gemacht."
"Ah-tropft des Keepers Zahn?"
"Teilweise. Aber vor allem, wenn ich an Mamas Kartoffelsalat denke, den ich dann in großen Mengen verputzen werde. Zusammen mit den leckeren Wienern, die der Fleischer ums Eck selber macht."

"Klingt auch gut."
"Soll ich davon was mitbringen?"

"Hm. Machen wir dann Resteessen, wäre doch auch ne Idee."
"Sag bloß meiner Mutter nicht, dass ihr Kartoffelsalat
Reste darstellt."
"Tu ich nicht -und du auch nicht. Sag ihr doch, dass du mir so davon vorgeschwärmt hast, dass ich unbedingt mal probieren will. Schwiegermütter sind doch bei sowas immer total stolz und geizen auch nicht beim Einpacken." Da schwebt mir Daniels Mutter vor, die ihren Schwiegersohn ständig aufpäppeln will und nicht einsehen mag, dass muskulöse 82kg auf 1,84m eine nahezu perfekte Sportlerfigur abbilden und keine wärmende Plautze brauchen.

Seltsam. Vor zwei Monaten hätte ich mir Marita in der vergleichbaren Situation als kaltlächelnde Cersei Lannister vorgestellt, die mir Engelstrompeten zwischen die Mayonaise streut und mich gedanklich röchelnd auf den Küchenboden sinken sieht. Jetzt schiebt sich das Bild der gütig lächelnden pausbäckigen Mama Miracoli drüber. Na gut -beides verzerrte Bilder, denn die schlanke Frau mit der weißen Kurzhaarfrisur ist nun nicht gerade eine klassische Italia-Mutter. Aber schön, dass ich immerhin damit rechne, nicht vergiftet zu werden, sondern im Gegenteil geschmacklicher Zeuge Gelsenkirchener Hausmannskost zu werden.
"Mach ich glatt -das krieg ich in der Kühltasche mit."
"Damit die Mayonaise nicht sauer wird."
"Nix Mayonaise." Ich sehe den Keeper sozusagen indigniert die Nase rümpfen. "Fleischbrühe. Total lecker."

Jetzt werd ich munter. Solche gut durchgezogenen Salate sind tatsächlich gut. "Haben will."
"Mitbringen werde." Dann höre ich Stimmen. "Ja, ich komme. -Felix, hier geht die Party los."
"Alles klar. Dann genieße den Abend mal und verdräng mal alles negative außenrum, ja? Sag allen einen ganz lieben Gruß und ich freu mich so, wenn ich dich morgen wieder in die Arme nehmen kann."
"Freu ich mich auch drauf."

"Meine Mutter wollte bei euch daheim noch anrufen."
"Oh. Das wird Mama freuen." Naja. Solange sie nicht wieder unisono in den Hörer schluchzen. "Grüß auch mal Brigitte und Martin, ich schick eine Weihnachts-Fernumarmung nach Süden."
"Tu ich." Das wird meiner Mutter ein
Hach und ein seliges Lächeln ob ihres Muster-Schwiegersohns entlocken, der schon eine handschriftliche Karte geschickt hat. Ich umgedreht auch.
Mist. Warum bin ich nicht auf die Idee mit der Fernumarmung gekommen? Weil Marita vermutlich misstrauisch schauen würde, wenn ich ihr eine virtuelle Umarmung anbieten würde. Da muss die Chemie zwischen uns noch ein wenig wachsen und gedeihen, bis das ernst gemeint gesendet und auch so empfangen wird. "Bis morgen, Tiger."
"Ciao, Felix."

Ich schaue noch zwei Sekunden auf das Display, bevor es sich wieder verdunkelt. Eine meiner ersten Amtshandlungen als offizieller Neuer-Partner war das Auswechseln des Joghurtbechers als Kontaktbild in ein schönes, selbst geschossenes Foto. Manuel im Bett mit verschlafenem Gesichtsausdruck. Niedlich und verpeilt, ohne dass man außer seinem Gesicht noch was sieht. Wenn jemand trotzdem draufguckt, falls es irgendwo liegt und klingelt.

"Oh du fröhliche, oh du selige gnadenbringende Weihnachtszeit...." Mutter und Sohn Bergmann schmettern im Verbund aus der Kirchenbank. Mama war lange im Kirchenchor und ich habe wohl paar Gen-Teilchen davon geerbt. Auf Vaters Seite sieht es dagegen mau aus mit der Fähigkeit, Töne sinnvoll aneinander zu reihen und das Produkt auch noch als Weihnachtslied erkennbar zu machen. Folgerichtig macht Papa einen auf Playback, starrt angestrengt auf den Textzettel und bewegt die Lippen. Volume auf Null.

Entsprechend weihnachtsbeschwingt verlassen wir die Kirche und marschieren heim. Ich hab mich beim Betreten der Kirche und auch während des Krippenspiels immer mal umgesehen. Nun ja. Ich bin prominenter als noch im Vorjahr. Unter den Nachbarn hat sich schnell rumgesprochen, was der Bergmann-Junge da getrieben hat. Vor allem mit wem und mit welchem Resultat. Meine Mutter nimmt das aber alles ungerührt hin, wenn sie im Dorfladen scheinheilig darauf angesprochen wird.
"Und wie gehts dem Tobias so?"
"Der ist jetzt mit dem Manuel Neuer zusammen."
Und schon öffnen sich Ohren, recken sich Hälse und quellen Augen. Mama beginnt dann immer von Manuel zu schwärmen -was das für ein netter, zuvorkommender Mann sein und sie sich ja so für mich freue....Die Beliebtheitswerte des Nationaltorhüters sind im beschaulichen Botnang sicher deutlich angestiegen angesichts dieser Öffentlichkeitsarbeit und der bürgerlichen Kulisse, die sie von unserer Beziehung aufbaut. Wobei das ja kein Theaterdonner ist. Mein Gott, es gibt auch jede Menge schwuler Männer, die sich`s mit einer Flasche Bier daheim in der Jogginghose auf der Couch gemütlich machen und nicht die nächste Federboa bestellen oder den handgemachten Rauhputz zärtlich und dekorativ über die Wohnzimmerwand verteilen. Alles ganz normal.

Es folgt ein ziemlich ruhiger Weihnachtsabend. Jürgen und Sabine sind da, Mutters leckeres Essen mit den adligen Pasteten schmeckt zum Niederknien und entsprechend gevöllert schleifen wir uns auf die Wohnzimmersessel und -couchgarnitur, um müde den Weihnachtsbaum anzustieren, SWR4 zu lauschen und die kleinen Geschenke auszupacken. Die Vereinbarung steht seit Jahren -nicht mehr als 50 Euro auszugeben. Klar ist, dass sich niemand dran hält. Meine Eltern kriegen Essensgutscheine für zwei leckere Kneipen in Soller und in Estellencs auf Mallorca, die ich im Sommerurlaub mit DaTo besorgt hatte. Ich bekomme einen neuen edlen Schal mit passenden Handschuhen...okay, das ist was, was ich mir im Gegensatz zu Hemden und Sneakers nie massenhaft kaufe...und ein VfB-Waffeleisen. Ich liebe Waffeln! Und wenn sie aus einem Backteil meines Herzensvereins kommen, müssen sie einfach schmecken. Noch zwei Flaschen Sekt killen...und dann ist auch schon Schluss mit lustig...ähm...besinnlich meine ich.

Am ersten Feiertag halte ich um elf mit kreischenden Bremsen vor dem wohlbekannten blauen Häuschen in der weiteren Nachbarschaft.
"Ach sieh an -der uneheliche Sohn vom Weihnachtsmann ist da!" Torti grinst mich aus der Haustür an.
"Ich geb dir gleich - was hast du denn an?" Torti steht in dunkelblauer Hose und hellblauem Langarmhemd da und windet sich aus meiner Umarmung.
"Mach mir keine Knitter rein." Er glättet sein Kittelchen. "Schwiegermama steht doch auf festliche Klamotten am Weihnachtstag." Ach stimmt. Der erste Feiertag gehört Daniels Eltern und Torti mimt dann immer den Musterschwiegersohn. Viel muss er dafür nicht tun. Daniels Mama hat einen Narren an ihm gefressen und Torti macht es sichtlich Spaß, beschwiegermuttert zu werden und so revanchiert er sich eben mit den gewünschten Klamotten.
"Komm rein."
Ich trete meine Schuhe in die Ecke und stopfe die Jacke an den Haken.
"Hey Tobi."
"Ah - der Enthüller des Jahres." Daniel guckt mittlerweile sehr süßsauer, wenn ich ihn damit aufziehe. Aber sein Bekanntheits- und damit auch sein Marktwert in der Branche sind nach dem Neuer-Interview natürlich explodiert.

"Wie geht`s, Tobi?"
"Frag meinen Magen, der rülpst noch vor sich hin nach der futtertechnischen Vergewaltigung vom gestrigen Menü. Ansonsten gut."
"Schön."

Ich mustere Tortis Freund. "Was ist mit dir? Keine stilechte Verkleidung?" Ich deute auf sein dunkelblaues Langarmshirt auf grauer Jeans.
Daniel lacht auf. "Nee. Ich muss im Job schon immer so aufgebrezelt erscheinen, da komm ich zu meinen Eltern sicher nicht im Smoking."
"Torti hat aber ganz schön aufgerüstet."

"Ich konnte ihm mit Mühe die Krawatte ausreden."
"Die hätte sehr gut drauf gepasst, Langer." Torti setzt mir würdevoll einen Becher Kaffee hin. Die Maskerade färbt auf sein Verhalten ab -oder er hat Angst vor Koffeinflecken auf der Garderobe.

"Du kannst nicht mal einen ordentlichen Knoten, Toto."
"Das kannst du doch. Reicht. Außerdem sag nicht, dass dir das Schlipsbinden letztens nicht gefallen hat."

Aus dem Zwinkern von Torti und den rosa Wangen von Daniel schließe ich, dass sich Torti mit irgendwelchen semisexuellen Gefälligkeiten revanchiert hat. Oder auch nur mit einem intensiven Knutschen. Kann er. Also konnte er damals schon.

"Habt ihr schon gepackt?" Ich muss mal das Thema wechseln.
"Klar." Torti deutet auf einen Rucksack im Flur.

"Kumpel, auch der Urlaub auf den Kanaren erfordert mehr als zwei Tangas und ein paar Flip-Flops."
"Nicht, wenn..." Er stockt und wirft einen Seitenblick zu seinem Freund.
"...Mats Hummels dabei ist." vervollständigt der den Satz. Mit einem resignierenden Grinsen.

"...vor dem ich dich dermaßen intensiv küssen werde, dass ihm ganz anders wird. Und seiner Cassandra." Torsten grient ihn entschuldigend an.
"Cathy." Ich muss aufpassen, dass sich Tortis spontane Namensverwechslungen nicht verfestigen. Cassy-Cathy könnte das übelnehmen und Matsi vielleicht auch.

"Ach ja...aber klingt doch ähnlich. - Das wird nur das Handgepäck. Aber es reicht, wenn wir morgen packen."
"Der Flug hat sich übrigens um eine Stunde nach vorn verschoben." Daniel hat die wichtigen Sachen im Blick.
"Das heißt dann, dass eure Stuttgart-Maschine..."
"...vor dem Jet aus Munich landet, exakt." Torti reckt den Daumen hoch. "Erster. Wir kriegen 60 Minuten mehr Palmen und Sonne."
"Du kriegst vielleicht die Höhensonne im Terminal, denn du kannst schon mal die Autos klarmachen, damit wir nur noch unterschreiben brauchen, wenn wir kommen."

"Das muss Daniel machen, der quatscht in dem iberischen Dialekt. Ich stell mich vor`s Gebäude und genieße die Aussicht."
"Auf den Parkplatz und Tausende Touristen."
"Egal. Ich bin im Süden und weiß es."
"Wenn du mir die Autoreservierung mailst, kann ich die wirklich schon vorbereiten lassen. Extra-Versicherungen wollt ihr sicher keine?" Daniel schaut mich fragend an, während er sich einen Espresso macht.

"Nö. Aber einen zweiten Fahrer."
"Manuel oder...der Hummels?" Daniel kann nicht verbergen, dass ihm so kurz vorm Start doch nicht ganz wohl dabei ist, wenn Tortis Schwarm die Reisegruppe bevölkert.

"Manuel. Mats hat gesagt, dass er keinen Bock auf Gebirgskurven hat und ich ihn notfalls fahren muss."
"Kann ich auch machen." Torti grinst seinen Freund provozierend an.

"Abgelehnt. Deine Augen sind mit Sicherheit mehr auf dem Beifahrersitz." Daniel lächelt, aber nur im Gesicht außenrum. Die Augen gucken anders.
"Tja, dann freu ich mich mal auf euch und den Urlaub in zwei Tagen. Da, euer Geschenk." Ich zerre aus dem Rucksack einen Umschlag. Schön verpackt -einen Gutschein für einen Boulder-Kurs für beide. Torti wollte das mal ausprobieren und Daniel macht das sicher auch Spaß. Da können sie wieder zusammen sporteln -macht eh einen Großteil ihrer Beziehung aus.
"Und hier ist deins." Torti schiebt mir ebenfalls einen Gutschein rüber. Geh ich von aus, denn ich kriege auch einen Umschlag. "Für euch beide." Daniel nickt aus dem Hintergrund.
"Okay. Dann machen wir das zusammen heute Abend auf." Ich packe das Ding in den Rucksack. One Gutschein out, one Gutschein in. "Was gab`s bei euch an Geschenken?"
"Was nützliches. Ich hab Toto neue Laufschuhe gekauft..."
"Adidas Ultra Boost -die neuen!" Torti freut sich offensichtlich.

"....und ich hab eine äußerst coole Softshelljacke bekommen." Daniel wirkt auch zufrieden.
"Da sieht mein Langer richtig sportlich-scharf drin aus." Torti grinst und schaut dann auf die Uhr. "Und jetzt verpfeif dich. Wir müssen los." Er macht scheuchende Bewegungen in meine Richtung, als ob er die Nachbarskatze verjagen will, die immer auf den Rosmarin im Vorgarten pieselt.
"Toto -wir haben noch Zeit. Wir sollen 11:45 kommen." Daniels Stimme bekommt einen beruhigenden Unterton. Da könnte er Psycho-CD`s damit aufnehmen.
"Aber wenn es glatt ist...."
"Es sind zehn Grad, da wird es schwierig mit Eisbildung, du Physik-Ass." Ich weise dezent auf die meteorologischen Gegebenheiten hin.
"Mann- ich will nicht zu spät kommen."
"Dann starten wir halt auch..." Daniel pfeift resiginierend vor sich hin und schlüpft in weiße Nikes, während Torti allen Ernstes polierte schwarze Halbschuhe anzieht und dazu mal nicht die üblichen weißen Adidas-Socken trägt! Daniel macht hinter ihm wischende Bewegungen vor der Stirn und grient mich an.

"Sind das deine oder hast du die von Daniel geborgt?"
"Ich hab schon selber welche. Ab und zu muss ich auf die Uniform ja auch normale Schuhe anziehen." Torti schaut hoch und als Daniel im Flur verschwindet, flüstert er rüber. "Die Treter sind neu. Hab ich beim Breuninger für die Hälfte geschossen und die kann ich zur Hochzeit anziehen."
"Wolltest du nicht im Alltagsdress..." Ich breche ab, weil der zweite Bewohner wieder kommt und seinerseits ungeduldig guckt. "Was jetzt, du geschniegelter Staatsdiener? Erst drängeln und dann trödeln."
Torti zieht ihm einen Flunsch, steht auf und streicht das Hemd glatt. Ich nutze die Gelegenheit und schieße ein Pic. So sieht man meinen besten Kumpel wirklich selten.

"Also -next Stop Teneriffa." Wir verabschieden uns draußen und dann trennen sich unsere Wege -mein Benz biegt links Richtung Autobahn ab, Daniels neuer BMW rauscht den Berg zu seinen Eltern runter.

Eineinhalb Stunden später und nach einigen Schimpftiraden auf Weihnachtsverkehrsteilnehmer, die ansonsten das ganze Jahr nicht rausgelassen werden und dann am 25.12. auf dem Weg zur Schwiegermutter erstmals eine deutsche Autobahn befahren und dabei keine dreistellige km/h-Zahl erreichen wollen, biege ich in meinen Münchner Kiez ein. Sagt hier keiner. Ähm...doch. Die Zugezogenen. Wir sind die stille Münchner Mehrheit -hier Geborene sind echt vom Aussterben bedroht. Zumindest gentrifizieren und infiltrieren wir die Münchner City. Also die mit den besseren Gehältern, wobei ich selbst mit meinem IG-Metall-Tarifvertrags-Einkommen als Single echte Wohnungsprobleme hätte.

Tür auf, Reisetasche ins Eck. Kontrollblick. Post sichten. Was ich vorsichtig tue...denn tatsächlich hab ich schon eklige Sachen dabei gehabt. Allen Ernstes einen Briefumschlag mit...nun ja. Genau das. Ich bin eben nicht mehr anonym und damit auch adressierbare Zielscheibe für Vollidoten. Es war ja auch keine große Ermittlungsleistung der Medien, genau festzustellen, wie der Tobias, den Manuel in der Bayern-Pressekonferenz vorgestellt hat, richtig heißt. Dass er auch im selben Haus wohnt...und im Internet findet man allerhand, auch die Adressen einiger Bayern-Stars. Na jedenfalls hab ich heut Glück und es sind nur echtgemeinte Weihnachtsgrüße drin plus der übliche Werbekram. Ich postiere die Karten zu den übrigen auf dem Sideboard neben dem Weihnachtsbaum im Wohnzimmer, als mir die Karte von Andrea und Florian auffällt, die da steht. Die beiden haben tatsächlich ein Bild von sich gebastelt -im Hintergrund eine Collage aus der Münchner Frauenkirche und der Eisenacher Wartburg. Oh Mann...wenn die wirklich mal geht...die wird mir fehlen. Die Arbeit macht dann weniger Spaß. Überhaupt...die Arbeit...nachdenklich drehe ich die Karte um und erinnere mich an den ersten Arbeitstag nach dem Outing.

Vorsichtig schleiche ich mich ins Büro. Nein, natürlich schleiche ich nicht wirklich, aber es ist 7:15 und damit für meine üblichen Verhältnisse nachtschlafene Zeit. Ich bin mit der U-Bahn gefahren, aber in der Morgendunkelheit und mit Mütze würde mich keiner erkennen, selbst wenn es jemand drauf anlegen würde. Auch im Gebäude bin ich kaum jemandem begegnet.
"Morgen, Schätzchen. Wie geht`s dir denn?"
"Du schon da??" Sieh an. Der Morgen schlägt auch auf mein Sprachzentrum durch, das die Ausgabe von Verben noch blockiert. Es ist aber auch ungewöhnlich, dass Andrea schon hier hockt. Genauer gesagt hockt sie nicht mehr, sondern ist aufgesprungen und kommt mir besorgt entgegen. Ich kriege sogar die Umhängetasche abgenommen. Gleich wird sie mir noch aus der Jacke helfen und mir angewärmte Pantoffeln bringen.
"Ja, ich muss heute eher weg. Noch die restlichen Geschenke besorgen. Ich fahre ja schon am Donnerstag nach Dresden."
"Ach so."
Ich lasse mich auf den Stuhl fallen.

"Und??" War klar. Andrea ist ungeduldig.
"Ja. Geht so." Ich schiele sie entschuldigungsheischend an. Ich mag jetzt eigentlich wirklich nichts erzählen, aber bei ihr muss ich wohl. Weiß sie auch. Entsprechend schweigt sie erwartungsvoll im Wissen, dass ich eh gleich alles gestehen werde.
"Ja...komisch halt. An sich schön -wir haben unsere Türschilder rangenagelt." Ich hab ihr schon mal davon erzählt.
"Ach wie süß...hast du..?"
"Nein, Manuel hat von sich aus dran gedacht. Kam mir fast so vor, als ob er drauf gewartet hätte, das endlich machen zu können. Der hat so richtig festlich geschaut dabei."

"Der freut sich. Mann, hast du ein Glück mit dem Goldjungen. Zum Anbeißen aussehend und dann noch so was für dich durchzuziehen..."
"Ich weiß." Ich schaue etwas unglücklich, denn am Wochenende ist mir das ganze Ausmaß bewusst geworden, das er mit seiner Entscheidung angerichtet hat. Und ich hab das Gefühl, ich kann ihm nichts adäquates zurückgeben. "Gestern sind wir erst abends mal auf einen Spaziergang raus, dann wurde es medienmäßig etwas weniger vorm Haus. Sind aber trotzdem erkannt worden."
"Und..?"
"2:2 unentschieden."
"Wie?" Andrea schaut planlos.

"Erst hat uns ein junger Kerl angehalten, hat ihm auf die Schulter gehauen und gratuliert."
"1:0." Andrea nickt fachmännisch.

"Exakt. Dann kam der sofortige Ausgleich, weil durch das Gespräch paar andere Typen aufmerksam wurden, die meinten, sich mit paar Sprüchen aus der homophoben Mottenkiste unbeliebt machen zu müssen...so quasi im Vorbeigehen...ne Viertelstunde später haben ihn paar Jungs am Glühweinstand erkannt -also ich hab den Null-Promille-Punsch geholt, er stand ein Stück daneben...die haben ihn hochleben und sich mit ihm fotografieren lassen...." Was echt witzig war. Die Teenies -so 16,17- haben zwar paar gutmütige Sprüche gemacht, waren auch ziemlich angeschickert, aber einer, der mindestens 1,95m war, hat erklärt, für die Aktion liebt er ihn noch viel mehr und hat ihn allen Ernstes geküsst. Also so auf die Wange geknutscht. Manuel hat geschaut, als wenn ihn ein Elch anrempelt.
"...und die letzte Begegnung?"
"...das war echt eine der dritten Art. Wir waren schon fast daheim, da läuft uns ein Weihnachtsmann über den Weg.So`n Typ im Nikolaus-Kostüm halt...bleibt hinter uns stehen, brüllt "Neuer!?!" und macht ihn rund -wäre ja klar, dass bei den Roten nur Schwuchteln rumrennen und die echten Münchner wären die Löwen."
"...und über die Roten beschwert sich einer, der selber in ner roten Kutte steckt?" Andrea hat offensichtlich von den Bayern-Kenntnissen ihres Florians profitiert und kann rot und blau auch fußballtechnisch in München auseinanderhalten.

"Ich sag ja, war irgendwie surreal, sich mit einem homohassenden Dickwanst in Weihnachtsmannkostüm rumärgern zu müssen. Manuel war kurz davor, ihm die Rute aus der Hand zu reißen und eine aufzuzimmern, aber ich hab ihn noch zurückgehalten."
"Um selber zuzuschlagen." Andrea kennt mich.

"Nö. Ich hab nur gemeint, immerhin hätten wir die Eier, während er nen leeren Sack hätte."
"Was? Ach so...Geschenkesack..."

"Manuel musste grinsen und wir sind weiter."
"Aber schon heftig, oder?"
"Hm."


Ja. Der Abend war übel. Ich war mir nicht sicher, ob nicht viel gefehlt hätte und die ganze Sache wäre uns um die Ohren geflogen. Der Tiger saß auf der Couch vor seinem Becher Tee und starrte die Wand an. Minutenlang. Ich saß daneben und hab ihn hilflos gestreichelt. Dann endlich kam die erlösende Aussage. "Wir schaffen das, ja? Felix? Zusammen kriegen wir das hin." Langsam drehte er seinen schönen Kopf zu mir und ich konnte noch sehen, wie sich der leise Zweifel in seinen Augen verdünnisierte und einer grimmigen Entschlossenheit Platz machte. Vermutlich hatte er keinen Bock, sich zukünftig von anderen kostümierten Jahreszeitenanzeigern runter- und anmachen zu lassen. Heute der Weihnachtsmann -an seinem Geburtstag sülzt ihn ein Osterhase voll. Und später der Pfingstochse.
"Klar. Die kriegen uns nicht klein, Tiger."

Ja. So begann der erste Arbeitstag. Andrea hatte mich vorgewarnt, dass zumindest ihr Quatsch-Comedy-Club aus den aktivsten Plaudertaschen der Firma davon wüsste und sich die heiße Info quer durch alle BMW-Whats-App-Gruppen verbreiten würde.

"Oh nein. Doch nicht so schnell." Ich knalle meinen Kopf auf den Schreibtisch.
"Besser in einem Rutsch als scheibchenweise. Wir gehen dann in die Kantine, 500 Leute starren dich an und morgen ist das schon wieder vergessen."
"Bist du des Wahnsinns fette Beute??? Ich geh doch nicht in die Kantine!!" No way. Und wenn ich mich mit allen Gliedmaßen im Türrahmen verbarrikadiere.

"Tobi." Jetzt krieg ich Gänsehaut, denn sie hat den gleichen Tonfall wie Daniel drauf, wenn sein Toto wieder mal das große Rad dreht. Als ob man mit einem hyperventilierenden Fuchs redet, der mit Maulkorb im Hühnerstall sitzt. "Sieh`s doch mal so. Du kommst aus der Nummer eh nicht raus. Lieber ein Ende mit Schrecken..."
"..du meinst Schreckschrauben!"

"...als ein Schrecken ohne Ende." Andrea ignoriert mich und quatscht einfach weiter. "Dich haben vorgestern 30.000 Leute im Stadion gesehen, da werden dir doch die paar Figuren hier wurscht sein." Gut. Ganz so weit sind ihre Kenntnisse noch nicht gediehen, dass es 75.000 sind, die mich gesehen haben könnten. Aber irgendwie hat sie recht.
"Okay." gebe ich kläglich zu.
Selten hab ich mich auf eine Mittagspause so negativ gefreut wie heute. Immerhin gehen wir im Team hin, so zehn Kollegen. Aus den Blicken habe ich entnommen, dass sie es alle wissen. Zwei Mädels haben mir gratuliert, ein Kollege nach einem Autogramm gefragt. Meins. Nicht Manuels. Ich sei ja jetzt sowas wie Dschungelcamp-Material. Allerdings war ich zu nervös, um ihm eine passende Antwort zu geben.
Und wie prophezeit...zunächst interessiert es keine Sau. Dann kann man allerdings sekündlich runterzählen, wie der Geräuschpegel im Saal abnimmt -und was den Tuschel-Faktor betrifft wieder zulegt. Ich kann das "Guck mal- ist das nicht der..." förmlich aus Dutzenden Kehlen hören.
"Alles gut, Tobi. Vergiss den Pudding nicht, den magst du doch so." Andrea schiebt mich sanft in der Essensschlange weiter.
"Pudding??" Ach so. Was ess ich überhaupt? Wenn die mir die Bissen reinzählen? "Schau mal, der Typ vom Neuer- der isst Schnitzel! Naja, wird er zuhause nicht kriegen bei dem Spitzensportler".
"Ja, gekochte Milch mit Stärke, Farbe, Chemikalien und wenn du Glück hast, schmeckt`s nach Vanille. Steht da vorn. Und außer dem Salat solltest du noch was nehmen." Andrea deutet auf mein Tablett, auf dem sich verschämt das Grünzeug herumdrückt und mit dem Dressing parliert.
"Hab keinen Hunger."
"Doch.- Der Kollege hier nimmt die Tortellini, danke!"

Klatsch, ein Pastateller drängelt sich neben den Salat. Gute Wahl.
Ich schaff`s immerhin, selber zu bezahlen und verstaue umständlich meine Chipkarte wieder in der Brieftasche. So, jetzt das Tablett nicht fallen lassen, sind nur zwanzig Meter bis zu unserem Tisch. Ich latsche mit verbissener Miene hinter meinem Kollegen Paul her, der eine Figur wie Mike Tyson hat und mir Sichtschutz nach vorn bietet. Wenn ich verstohlen nach rechts und links gucke, sehe ich neugierige Augen über mich huschen. Manche schauen ertappt weg, manche starren regelrecht.
Aber auch das überstehe ich -allerdings muss ich zwischendurch aufstehen und mit einem gekünstelten Lächeln einen besonders blickestalkenden Typen am Nachbartisch fragen, ob ich mit einem Foto aushelfen kann. Hastig schnappt er sich seine Essensreste und verzieht sich. Das bricht irgendwie das Eis -und Andrea hat recht. Die erste Neugierde ist befriedigt und das war`s auch.

Am Nachmittag erlebe ich noch eine Überraschung. Andrea ist bereits weg, als es klopft.
"Ja?"
Zögernd geht die Tür auf. "Hallo Tobias."
"JO??"

"Störe ich?" Der IT-Junge, mit dem ich beinahe mal was angefangen hätte, steht da und tapst von einem Fuß auf den anderen. Sieht irgendwie putzig aus. Nicht so aggressiv wie beim letzten mal. Das ist schon ewig her -anscheinend hat er seine Essenszeiten geändert, jedenfalls hab ich ihn nicht mehr gesehen, als wir bei meinem erfolgreichen Versuch, Modellautos für Julian bei dem Marketingdrachen zu erwerben, ineinander gerannt sind.
"Nö-komm rein. Setz dich."
Jo lässt sich auf einen Stuhl am kleinen Besprechungstisch fallen und schaut mich neugierig an. "Bist jetzt ne große Nummer, hm?"
"Fühl mich eher wie unterm Mikroskop. Ist gerade schwierig für uns."
"Glaub ich." Das kommt mitfühlender rüber als ich dachte.

Erwartungsvoll beäuge ich ihn.
"Ich wollte dich...was blödes fragen.."
"Dann frag mal blöd."
"War Manuel Neuer der Grund, warum du damals...also ich meine, dass du...."
"Ja. War er."
"Ihr hattet da schon was?"
"Nein. Aber ich wusste, was ich für ihn fühle und das wäre unfair gewesen, dich als Ablenkung mit reinzuziehen."
"Aber der Versuch war schon so gedacht?" Jo grinst schüchtern.

"Ja, sicher." Ich nicke ertappt. "Aber du warst bei unserem....Date...so sympathisch, dass ich...ich meine, ich wollte nicht, dass du dir hinterher Hoffnungen machst..."
"Soso. Ich dachte schon, es läge an mir, dass du mit mir nicht ins Bett wolltest nach dem Clubbing."
"Gewollt hätte ich schon." Das weiß ich noch.

"Okay. Gut zu wissen. Ich meine, gegen den Neuer hatte ich ja nie eine Chance."
"Wenn ich nicht verliebt gewesen wäre, schon."
Jo schaut mich nachdenklich an und lächelt dann. "Du hältst mich wahrscheinlich für einen Vollidioten, das ich jetzt damit herkomme."
"Überrascht bin ich schon." gebe ich zu.

"Ich hab das am Wochenende gelesen und dann das Bild von euch gesehen und hab mich beinahe am Croissant verschluckt...der Bergmann und der Torwart. Schönes Pic übrigens."
"Danke." Ich weiß- ich liebe das Foto auch.

"Da ist mir plötzlich eingefallen...ob er das damals war. Sorry, will ich dich nicht länger nerven." Jo springt auf. "Viel Glück. Das wird ne harte Nummer für euch, hm?"
"Ich befürchte es.-Wie geht`s dir?"

"Ganz gut." Ein undefinierbarer Gesichtsausdruck unterstützt die Aussage nicht gerade.
"Noch mit dem aus Gran..."
"Nein. Das war ziemlich bald vorbei. Urlaubsflirts halten meistens eh nicht."
"Keine Ahnung. Ich hab sowas nie nach der Heimreise weiterverfolgt. Und jetzt?"
"Hab ich wieder jemanden. Vielleicht." Jo schaut kurz aus dem Fenster, grinst ganz kurz verliebt in sich hinein und schaut wieder her. "Ist kompliziert." Er dreht sich Richtung Tür und dann wieder zurück. "Wenn du mal jemanden zum reden brauchst..." Jo lässt das zögernd fallen und setzt dann -als er mein überraschtes Augenbrauenheben sieht, schnell hinzu. "Nicht, dass ich mich ranschleimen will -schon gar nicht, weil du mit ihm, ich meine, Fußball interessiert mich null, das war nur so...wegen der alten Zeiten...ach vergiss es." Er wendet sich zur Tür.

"Stop!"
"Ja?"
"Danke. Das war jetzt mal was positives heute."
Jo grient. "Das mein reines Erscheinen mal so viel Freude verursacht..."

Und weg.
Äh. Nummer? Ich hab seine gelöscht, als ich vor kurzem mal gelangweilt durch meine Kontakte gescrollt bin und sozusagen durchgeputzt hab. Aber er ist ja in der Firma erreichbar.

Ich schüttele mich kurz bei der Erinnerung an diesen Tag. Vorsichtig drapiere ich die Karte von Andrea und Flo wieder an der alten Stelle. Jetzt sollte ich mal anfangen auszupacken. Zunächst meine Tasche, dann die Tupperdose mit dem Geschnetzelten aus dem Tiefkühler. Das taut schön auf bis heute Abend. Meine Mutter hat mir noch Creme fraiche eingepackt, damit das Futter cremiger wird. Am liebsten hätte sie vermutlich selber gekocht, damit der liebe Schwiegersohn was ordentliches zwischen die Zähne bekommt -und wichtiger- es auch ohne Folgeschäden hinunterwürgt. Meinen Kochfähigkeiten traut sie in etwa so wie den Sangeskünsten meines Vaters.

Endlich. Drei Stunden später höre ich den Schlüssel in der Tür und rappele mich von der Couch auf.
Manuel steht schon halb im Wohnzimmer -noch mit Jacke und Schuhen- und schaut mich an.
"Felix..."
"Tiger...du bist da."
Ich weiß nicht, wessen Worte sehnsüchtiger klingen. Zumindest lausche ich meinen eigenen nicht nach, aber ich höre ganz deutlich, was der Torwart fühlt. Und ich sehe es. Er lächelt und seine Augen sind eigentlich die kommunikativen Spots in seinem Gesicht. Vielleicht ist es das ganze Medientraining über zehn Jahre hinweg, dass er verschiedene Masken aufsetzen kann. Aber seine blaugrauen Augen schaffen es nicht, sich in den Maskentanz einzureihen. Die reden Klartext.

Wir fallen uns in die Arme. Waren nur drei Tage, aber in der aktuellen Situation kam mir das dreimal so lang vor und so, wie mich der Torwart an seine breite Brust presst, sieht er das wohl ähnlich. Erst mal gibt`s nur Umarmung pur, bevor wir uns anschauen und endlich in einen Kuss versinken. Der aber hat`s in sich und macht die Gaußsche Glockenkurve mit. Zärtliches Stupsen, dann intensives Geknutsche, das alles wieder reinholen will, was wir in den letzten Tagen an Lippenkontakt aussetzen mussten und schlussendlich einfach nur verliebtes klassisches Küssen...Lippen rauf und runter.

Irgendwann docken wir mal ab.
"Du bist gekommen, um zu bleiben, Tiger?"
"Hm??"
"Dann mal raus aus den Klamotten."
"Allen? Sofort?"
Ich streichele vorsichtig seine Stirn. "Alles gut. Erstmal die Jacke - und deine Boots tropfen mein Laminat voll."
"Oh." Manuel betrachtet den Siff.

"Macht nix. Dich erstmal wieder zu fühlen, war wichtiger. Zieh dich aus, ich mach das weg."

Gesagt, getan.

"Soll ich den Kartoffelsalat in den Kühlschrank stellen oder machen wir gleich Essen?"
"Hunger?"
"Schon. War jetzt sechs Stunden unterwegs."

"So lange?"
"Wäre schon schneller gefahren, aber die anderen Kinder wollten partout nicht mitspielen und sind auf der linken Spur geblieben."
"Ich hoffe, du hast dir keine 25 Strafverfahren wegen Nötigung und vier Abstandsblitzfotos eingefangen."
"Glaub nicht. Bin mit einer Mats-Hummels-Maske gefahren." Manuel grinst und stellt feierlich die nächste Tupper-Dose auf den Tisch. "Das sind die Wiener."

"Handmade by the Fleischer deines Vertrauens."
"Eher dem Vertrauen meiner Mutter."

Wir begutachten das Futter.
"Das als Vorspeise und die Pasteten als Hauptgang oder umgekehrt?" Ratlos gehen meine Augen zwischen dem aufgetauten Geschnetzelten und dem Gelsenkirchner Mampf hin und her.
"Machen wir doch Buffet und packen alles zusammen auf den Tisch."
"Okay. Ich brat dann mal das Zeug an und füll`s in die Pasteten. Die müssen dann noch kurz backen."
"Wo sind die Dinger?" Manuel schaut sich suchend um.
"Da hinten."
"Ah. Ach so...die hab ich schon mal gesehen."
"Aber nicht diese. Und schon gar nicht gegessen. Keine Industrieware -die sind vom Botnanger Meisterbäcker."

"Ich merk schon, wir essen heute sehr bodenständig und traditionell mit Zutaten aus der Region."
"Nur dass die Regionen 200 und 500 km weit weg sind."
"Egal. Was mach ich in der Zwischenzeit?" Manuel hat sich hinter mich gestellt, während ich die Pfanne am Herd befülle, seine Hände um meinen Bauch gelegt und sein Köpfchen auf meiner Schulter geparkt.

"Du kannst wahlweise so bleiben und mir gelegentlich ins Ohr flüstern, was für ein toller Hecht ich bin -oder du haust dich auf die Couch und kommst runter. Besinnliche Weihnachtsstimmung und so."
"Hm." Der Tiger knabbert an meinem Ohr. "Vorspeise."
"Eher `n Amuse Gueule."

"Na gut -dann dusch ich mal und mach das Wohnzimmer weihnachtlich."
"Indem du dir dein tolles Mützchen aufsetzt?" frotzele ich und werde mit einem Kniff in den Bauch bestraft. Etwa dahin, wo gestern die letzten drei Pasteten gelandet sind.

"Frecher Kater. Is`nich besser geworden im Heimaturlaub."
"Wie sollte es -im verbalen Kleinkrieg mit Papa werd ich nicht unterwürfiger."

Manuel klatscht mir auf den Hintern und trollt sich, das gibt mir die Gelegenheit zum ungestörten Werkeln. Das Zeugs gabs bei uns seit Menschengedenken, also bin ich mir sicher, dass ich es auch hinkriegen werde. Inklusive des Erwärmens der Wiener.

Zwanzig Minuten später -den Pasteten wird gerade oben und unten eingeheizt- taucht ein gespülter Tiger auf. In Jeans, aber im feinen Hemd.
"Wow- siehst scharf aus."
"Echt?" Ja ja, tu nur so. Du weißt genau, wie ich auf Hemden an dir stehe. Das Aufknöpfen ist einfach geil.

"Muss ich mich auch umziehen?" Bevor Manuel, der unschlüssig die Backen aufbläst, meine Frage beantworten kann, mach ich das gleich selbst. "Gut, ich tu`s. Etwas festlichen Look auftragen."

Während ich mich auch in Jeans und Hemd hülle -das Sweatshirt von gerade hatte sowieso den Bratgeruch angenommen und in Jogginghose hätte ich nicht wirklich unser erstes gemeinsames Weihnachtsessen anfangen wollen- höre ich geschäftiges Geklapper. Da deckt jemand den kleinen Esstisch im Wohnzimmer. Brav.

"Und?"
"Hm. Das Kompliment von vorhin geb ich zurück." Manuel mustert mich zufrieden. "Und den Partnerlook farbig vermieden." Stimmt. Absichtlich. Er im hellgrauen, ich im dunkelblauen Hemd.
"Ich hab von unten noch einen Rotwein geholt und sogar den Dekanter."
"Sind wir edel heute." Ich betrachte den wirklich toll gedeckten Tisch. Und der Rotwein schwappt bereits in der großen Glasblase und kriegt somit ausreichend aromafördernde Luft. Ich hoffe, es ist einer, der welche kriegen muss, manche werden ja auch eher blasser.
Das Pling meines Küchenweckers zitiert mich wieder in die Küche. Als ich mir die riesigen Küchenhandschuhe überstreife, um das Blech aus dem Ofen zu ziehen, grient mein Torwart. "Meine Handschuhe sind stylischer."
"Geschmackssache. Versuch`s doch mal denen -vielleicht fängst du mehr."

"Noch mehr?"
"Werd nicht übermütig. Ich muss nur das Backwerk vorm Verglühen schützen und keine Elfmeter aus dem Eck pflücken."
"Oder Flanken aus der Luft."
"Ich kann dir paar Pasteten zuwerfen und du hechtest danach."
"Macht die Stimmung kaputt."
"Da hast du mal recht."
Manuel fischt die badenden Wiener aus dem Wasser und wir trotten gemeinsam ins Wohnzimmer. Der dreiarmige Kerzenleuchter auf dem Tisch hat auch schon Feuer bekommen und zusammen mit der Weihnachts-CD macht es atmosphärisch echt was her.

"Frohe Weihnachten, Tobi."
"Frohe Weihnachten, Lieblingstiger."

Wir stoßen an.
"Hau mal rein."
"Ebenfalls -das Zeugs muss weg."

"Kein Problem."

Tatsächlich sind die Ruhrpott-Würstchen inklusive des Marita`schen Kartoffelsalats episch lecker. An der ebensolchen Qualität meiner Pastetchen bestand sowieso kein Zweifel, so dass wir uns gegenseitig zur grandiosen Geschmacksvielfalt gratulieren und eine Stunde später satt und zufrieden auf der Couch lümmeln.
"Wie wär`s denn mit Bescherung?"
"Hm." Ich bin mir unsicher, was besser ist. Manuels Geschenk auszupacken und ihm seins zu geben oder meine Position an seiner Schulter beizubehalten. Andererseits ist Weihnachten und da sind Geschenke nun mal dabei. "Okay." Ich rappele mich wieder auf. "Ich hol`s mal."
Als Manuel sitzen bleibt, frage ich vorsichtshalber mal nach. "Und meins?"
"Ich habe heute leider kein Geschenk für dich." kommt`s mit piepsiger Stimme zurück.

"Macht nicht`s. Du bist Geschenk genug." Ich drehe mich um und feixe in mich rein. Ich weiß doch, dass er was hat.
"Ach Gott, bei soviel Schmalz muss ich ja ganz schnell noch `n Gutschein pinseln.- Nein, deins liegt ja schon da."
"Wo?" Ich vollführe die nächste Kehrtwende und scanne das Umfeld. "Oh." Tatsächlich, unterm Weihnachtsbaum- da, wo es hingehört.
"Bin gleich wieder da." Ich wetze ins Arbeits-/Gästezimmer und schleife mein unförmiges Geschenk -so 60x40cm - herbei.
"Wow. Was`n das?" Manuel begutachtet interessiert das Paket.
"Mach`s auf. Gehört dir." Ich beuge mich vor und küsse ihn. Manuel küsst zurück, schielt aber bereits auf das Präsent. Immerhin packt er es vorsichtig aus und reißt nicht in einem Ratsch das Papier runter, das hasse ich. Ich geb mir immer Mühe beim Einpacken -das soll gefälligst gewürdigt werden.
"Ein Bild?" Noch ist es von der letzten Lage Papier verdeckt.
"Hm."
"Oh. Cool!" Manuel schaut tatsächlich begeistert auf das Werk. Unser Foto in schwarz-weiß hinter Glas mit einem stylischen breiten Aluminiumrahmen außenrum.
"Gefällt`s dir?"
"Tolle Optik, die Typen drauf sind scharf, vor allem der linke..." Das ist er. War ja klar. "...nee, wirklich...und in schwarz-weiß sieht das nochmal besser aus." Manuel betrachtet es zufrieden. "Wo hast du das machen lassen? Internet?"
"Wollte ich erst, dann dachte ich mir, dass ich keinen Bock drauf hab, dass die Vorlage dann rumkursiert inklusive meiner Adresse...nee, ich war in so nem Fotoladen in Allach. Hat mir ein Kollege empfohlen, der seine Bergbilder dort machen lässt."
"Die werden aber auch ganz schön geschaut haben?"
"Allerdings. Ich war schon froh, dass ich allein im Laden war, aber als das Mädel an der Theke die Datei geöffnet hat, hab ich schon neugierige Blicke bekommen. Aber die war ganz professionell. Super Beratung."
"Ich hoffe, auch super Preise." Manuel beäugt mich kritisch. "Das sieht teuer aus."

War`s auch. Aber...mein Tiger ist mir das wert. "Passt schon. Ist super gelungen...ich hab das zwei mal machen lassen."
"Wo ist das andere?"
"Wird hier in der Wohnung aufgehängt. Bin mir noch unschlüssig, wo...aber das gefällt mir einfach zu sehr."
"Toll. Das hier kommt..." Manuel überlegt. "Ins Schlafzimmer...wenn du mal nicht da bist, hab ich dich trotzdem im Blick. Oder in den Flur...immer wenn ich gehe und komme, seh ich das."
"Klingt beides gut. Solange es nicht das Badezimmer ist..."
"Wieso? Auch das kann was bewirken..." Manuel grinst.

"Was-verstopfungslösende Wirkung oder was?"
"Nee...wenn ich in der Dusche stehe und dich auf dem Bild angucke..." Verschwörerischer Blick.

"Ach so. Genehmigt. Is ja abwaschbar."
"Nein, war nur`n Joke. Schlafzimmer denk ich." Manuel stellt das Bild vorsichtig neben die Couch und angelt das Päckchen unter dem Weihnachtsbaum hervor. Hab mich kurzfristig entschieden, einen größeren zu kaufen und so strahlt ein 1,80m großes Exemplar in meiner Bude anstelle des kleinen eingetopften Bäumchens, das auf dem Balkon vor sich hin blinkt und durch die Glastür ins Innere linst.

"Da. Für dich."
"Danke."

Ich betaste es. Fühlt sich weich an. "Ein Handtuch -wie geil."
"Blödmann. Wenn ich`s dir wieder wegnehme, bedauerst du es. Definitiv."

"Oh." Das kam sehr überzeugt. Jetzt bin ich gespannt. Vorfreudig packe ich es mit der gebotenen Zurückhaltung aus und kriege tatsächlich große Augen, als mir ein VfB-Stuttgart-Logo entgegenflimmert. "Das ist...ein Trikot?"
"Ja. Mit allen Unterschriften der aktuellen Spieler. Und Widmung." Manuels Stimme ist voller Stolz.

Ich schüttele es auf. Tatsächlich. "Frohe Weihnachten, Tobias" steht auf der Brust und außen rum sind alles originale Unterschriften drauf.
"Wo hast du das her?" Ich ahne es.
"Gekauft hab ich`s selber -den Rest hat Sven für mich erledigt. Der hat es Christian Gentner gegeben und der hat die Unterschriften besorgt."
"Wie geil." Zwischenzeitlich hab ich auch entdeckt, dass unten am Rand ein "Frohe Weihnachten und alles Gute- Ulle" steht. Ziemlich klein. "Das ist echt ne Rarität." Ich betrachte das Polyester-Teil ehrfürchtig, das durch alle Hände meiner Stuttgarter gegangen ist. "Das war aber noch vor dem Outing?"
"Ja, ich hab das schon im Oktober machen lassen."

"Danke- Tiger. Das ist echt der Hit."
Dankeskuss. Etwas länger als üblich.
"Wir haben noch ein Geschenk."
"Von wem?" Manuel wird hektisch -wahrscheinlich befürchtet er, dass meine Eltern ihm irgendwas besorgt haben und er nichts hatte. Das hatten wir aber vorher so ausgemacht, dass es präsentfrei gehandhabt werden soll.

"Von Torti und Daniel."
"Für dich."
"Nein, Daniel hat ausdrücklich gesagt, für uns."

"Oh."
Ich hole den Umschlag und reiche ihn meinem Torwart. "Mach auf."
"Sind doch deine Freunde."
"Und jetzt sind es auch deine -zumindest hab ich den Eindruck, dass Daniel und du...ganz gut miteinander könnt, oder?"
"Der ist richtig gut drauf -und vor allem hat der was im Hirn."
Ich verbeiße mir mehrere Bemerkungen. Eine misstrauisch-angepisste, was meinen Geisteszustand betrifft -und eine halbfiese, was die täglichen intellektuellen Herausforderungen im Gespräch mit manchen Mannschaftskollegen angeht. Aber sein Spruch war nicht auf mich gemünzt und Daniels weltläufiger FAZ-Kosmos ist einfach mal ne andere Spielwiese.

"Also?"
"Okay." Entschlossen schiebt Manuel einen Daumen in den Umschlag und reißt ihn auf. Neugierig hocke ich neben ihm und betrachte die Klappkarte, die zum Vorschein kommt.
"Gutschein für ein Wochenende inklusive Übernachtung mit uns im Elsass -Kultur, Wein und Natur."
"Tolle Idee. Warst du da schon mal?" Manuel guckt mich fragend an.
"Klar. Ist von Stuttgart ja nicht so weit. Straßburg, Colmar, die ganzen Weindörfer -echt ein schönes Eck."
"Die Idee hatte Daniel, oder?"
"Unterschätze meinen Kumpel nicht." Ich deute auf ein gefaltetes Blatt, das in der Karte liegt.

"Oder wenn`s zuviel Kultur wird -gehen wir zu einem Spiel von Racing Strasbourg." Ein fetter Smiley ist drunter gedruckt. "Ich würde sagen, davon weiß Daniel nichts." Wir grinsen beide.
"Hatten wir was für die beiden?"
"Naja." Ich kratze mich am Hinterkopf. "Ich hab halt mein Weihnachtsgeschenk überreicht...früher was das immer Torti-bezogen, seit das was festes mit den beiden ist, hab ich versucht, immer was zu schenken, wo Daniel dabei sein kann. Diesmal einen Boulder-Kurs. Aber du stehst nicht drunter, ich war jetzt nicht so pärchenmäßig drauf in meiner Überlegung."
"Kein Problem -konnte ja keiner wissen. Markus und Claudia haben auch nur was von mir bekommen. Ich lass mir im Urlaub was einfallen- und wenn`s ein simples Essen ist."
"Genau."

"Bescherung beendet, oder?"
"Mist." Ich nicke. "Aber ich hab was schönes." Ich fühle nochmal am Trikot herum.

"Kommt das auch hinter Glas?"
"Aber sowas von. Panzerglas."
"Da wirst du umdekorieren müssen?"
"Stimmt." Die Wand gehört momentan dem Trikot von Manuel -damals noch als
Freundschaftsgeschenk- und dem von Ulle signierten VfB-Trikot. "Aber das krieg ich hin."


Wir schweigen dann eine Weile, während wir auf der Couch sitzen und in die Kerzen starren. Jeder hängt seinen Gedanken nach -über dieses Jahr vermutlich, das zu diesem Abend geführt hat. Plötzlich legt Manuel einen Arm um mich, zieht mich an sich ran und drückt seine Nase in meine Haare. Die andere Hand streichelt meinen Arm, der sich um seine Hüfte gelegt hat. Auch wenn wir immer noch nichts sagen - wir fühlen wohl dasselbe.

"Weißt du, was jetzt gemütlicher wäre?" brummt Manuel in meine Strubbelhaare.
"Ein Himmelbett an einem karibischen Strand."
"Auch. Ich meine hier. Kuscheln unterm Weihnachtsbaum."
"Was hindert uns daran?"
"Wie?"
"Na...warte." Ich zerre die Decke von der Lehne und breite die vor dem Baum aus. "Hm. Dünn." Dann wetze ich ins Schlafzimmer und hole eine der dicken Schlafdecken. "Tata. Saubequem."
Manuel grinst mich zärtlich an. "Süß."
"Herkommen." Ich ignoriere das süß. Stört nicht mehr. Manuel darf das sagen, vor allem, wenn es in diesem liebevollen, ironiefreien Ton kommt.

Tatsächlich wuchtet sich der Torhüter nach unten, stopft uns zwei Couchkissen unter den Kopf und macht es sich neben mir bequem. "Coole Idee. Von hier sieht der Baum so groß aus." Na, wenn 1,93m liegen, sieht auch ein Gartenzwerg groß aus.
"Ich mag die Lichter." Hab schon immer gern in den Kerzenschein geschaut-das warme Flackern hat was. Das ist Romantik, keine Pyromanie.

"Das Spiegeln in den Kugeln." Auch Manuel trägt was zur Stimmung bei.
"Die sind uralt. Von meiner Großmutter."
"Sind schön. Die haben Charakter."
Jetzt starren wir beide von unten in das warme Kerzenlicht am Baum, auch wenn das elektrisch befeuert wird, während im Hintergrund Michael Bublé seine Weihnachtsarien schmettert. Ich mag sowas semikitschiges zum Fest, auch wenn heute schon der 25.12. ist. Für den Tiger und mich ist heute der nachgeholte gemeinsame Heilige Abend.

Irgendwann drehe ich den Kopf zu Manuel, der ebenfalls herschaut. Dann lächeln wir uns an und setzen mal das Knutschen fort. Das von einem Streicheln begleitet wird. Manuel liegt auf dem Rücken, ich halb auf ihm und sowas bringt auch in der romantischsten Stimmung andere Gedanken mit sich. Ich weiß nur nicht, was Manuel davon hält. Aber das finde ich nur raus, wenn ich`s ausprobiere. Also bleibt die Hand, die ziellos über seinen linken Arm und den Bauch gestreichelt hat, bei der nächsten Runde mal an der Knopfleiste hängen und macht mal zwei auf. Manuels Augen bleiben geschlossen. Okay. Noch ein Knopf, dann schiebe ich den Stoff ein wenig zur Seite und kann endlich nackte Tigerhaut befühlen. Erst mit den Fingern, dann mit den Lippen, was ein wohliges Brummen verursacht. Na gut. Langsam, aber entschlossen, knöpfe ich auch den Rest auf und schiebe die linke Hemdseite weg, so dass ich noch mehr Fläche zum Liebkosen habe. Inklusive einer auf den Brustmuskeln erkennbar fest gewordenen Brustwarze. Hallo Kleine. Lange nicht mehr gesehen, aber gleich wieder erkannt. Als ich daran zu knabbern beginne, holt oben jemand seufzend Luft und streckt sich genießerisch.
"Felix...?"
"Hm?"
"Mir ist warm."
"Deine Brust aber nicht so richtig..."
"Aber an den Beinen ist mir warm."

Ich stutze, muss dann aber leise lächeln. Das war der Freibrief zum Ausziehen. Ich lasse meine Finger langsam nach unten gleiten, nicht hektisch, kleine Umwege über seine Hüften und den Bauchnabel nehmend. Gürtel öffnen, Knopf auf, Reißverschluss langsam herunterziehen. Dabei spüre ich, dass der Tiger unten tatsächlich warm läuft. Die Unterhose ist platzmäßig ausverkauft. Ich muss mich aufsetzen, sonst komme ich nicht weiter. Manuel hebt die Hüfte an und ich schäle seinen Hintern aus der Jeans, die schließlich von seinen Beinen veschwindet.
"Füße auch warm?"
"Hm."

Was immer das heißen soll. Ich schiebe die dunkelgrauen Socken über seine Füße und massiere kurz mit dem Daumen über die Sohle, um zu prüfen, ob er friert. Kräftig, nicht sanft, sonst tritt er. Fußkraulempfindlicher Tiger. Nee -tatsächlich warm.
Wenn ich schon gerade so bewegungsfrei bin, strampele ich mir die Jeans ebenfalls runter und ziehe das Hemd aus. Im Gegensatz zum Tiger hab ich noch ein dünnes T-Shirt drunter. Manuel beobachtet stumm und leise lächelnd meine Bemühungen, während eine Hand mein Bein streichelt.

Schließlich liege ich wieder in Ausgangsposition und hab nun natürlich mehr zum Küssen und Streicheln. Kopf auf der Brust liegend, bekommen alle erreichbaren Tigeroberflächen Streicheleinheiten. Schließlich betaste ich sanft auch mal die Beule in der schwarz-orange gemusterten Boxer. Die kenne ich noch nicht, muss neu sein. Ganz weicher Stoff, der sich eng an das anschmiegt, was er verhüllen soll. An den genießerischen Geräuschen erkenne ich, dass mein Gekraule an Eiern und Tigerschwanz für zustimmende Begeisterung sorgt.
"Tobi..."
"Ja?"
"Du hast doch vorhin gesagt, ich sei dein Geschenk."
"Hm."
"Geschenke muss man vollständig auspacken."
"Ach so. Wieder was gelernt." Erneut schmunzele ich in mich hinein. Ich stütze mich auf, schiebe die jetzt verknitterte Hemdseite, auf der ich lag zur Seite, knöpfe die Ärmel unten auf und mit einer schnellen Bewegung schlüpft Manuel heraus, lässt sich sofort wieder fallen und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Scharfer Anblick. Zumal eine gepflegt-rasierte Männerachsel, die von Brust- und Oberarmmuskeln umgeben ist, was antörnendes hat. Noch besser, wenn der Besitzer da sehr erregbar ist. Ich mag zwar den Geschmack von Deo auf der Zunge nicht so sehr, aber Manuel duftet einfach nach ihm selbst und so muss ich diesem schönen Körperteil auch mal hallo sagen, bevor der Rest an Kleidung weg muss.

Ich wandere mit den Lippen über das Schulterblatt, den Hals, das Brustmuskel-Valley herunter, umkreise den Grand Canyon, folge dem Härchen-Trail und komme an die Baumwollgrenze. Vorsichtig nehme ich den textilen Schlagbaum mit den Zähnen auf und ziehe die Shorts ein Stück über Manuels Steifen. Dann müssen die Hände zu Hilfe genommen werden und schließlich liegt ein nackter Torwart unterm Weihnachtsbaum.
"Holla.Wenn sowas im Krippenspiel auftaucht, ist die Kirche ausverkauft."
Manuel grinst, hat die Augen aber nur kurz geöffnet und liegt in seiner passiven Genießerposition einfach mal sexy und vernaschungswürdig da.

Zum dritten Mal lege ich mich wieder neben ihn, erst mal hab ich Bock auf Lippen und Zunge meines Torwarts. Widerstandslos bekomme ich beides geboten, während meine Hand durch die kurzrasierten Schamhaare krault und den warmen Schwanz massiert. Als ich meine Finger tiefer schiebe, bin ich erstaunt, wie bereitwillig die Schenkel auseinandergeschoben werden und sich Manuel kurz darauf meinem erkundenden Finger entgegenschiebt.
"Sag mal Tiger, kann das sein, dass du Lust auf Sex unterm Baum hast?"
"Du nicht?"
"Doch...selbst wenn nicht, das, was hier so lecker geboten wird, lehne ich nicht ab."

"Dann greif zu." Manuel öffnet die Augen, grinst mich liebevoll-verschleiert an und nimmt einen Arm unter dem Kopf hervor, um mich an der Wange zu streicheln. "Schlaf mit mir."
"Gerne." Schlaf mit mir ist was anderes als fick mich. Also wird das so gemacht.
Da ich keine Lust habe, diese intime Nähe durch einen technischen Zwischenstopp zum Holen des Gleitgels zu unterbrechen, muss ich auf alternativem Wege weiterkommen. Ich knie mich zwischen Manuels Beine, die er soweit es geht, öffnet, ohne seine Hände zum Halten zu Hilfe zu nehmen, und befeuchte zwei Finger im Mund. Das reicht noch nicht völlig, aber es hilft, dass die kreisenden und drängenden Bewegungen an seinem Hintern nicht unangenehm sind. Parallel bekommt Manuels Pimmel die genügende Aufmerksamkeit und wenige Bewegungen reichen aus, um die Spitze feucht und dann nass werden zu lassen. Etwas davon nach unten transferieren...klappt. Wir keuchen beide gleichzeitig auf -Manuel vom Gefühl des kreisenden Fingers, ich vom Anblick allein. Als ich zum ersten Mal den kleinen elastischen Knubbel erwische, geht ein Zucken durch den ganzen Körper, die Hände kommen runter und ziehen die Knie nach oben. Mach! Mehr! Klare Aussage bei so einer passiven Öffnungsgeste. Ich ziehe die dunkle Haut mit zwei Fingern auseinander, gebe noch mal Spucke nach und lasse dann zwei Finger in ihm massierend tanzen. Ich könnte allein vom Anblick kommen und dem Gefühl der weichen Haut um meine Finger und dem was ich damit auslöse. Keuchen....das in ein leises Wimmern übergeht, wenn ich mehrfach auf seinen Hotspot taste. Bevor das passiert, muss ich zu was Härterem greifen. Ich streife meine Unterhose runter und beginne mich langsam in ihn zu schieben. Manuel hat nur kurz die Augen geöffnet, als plötzlich Leere war, aber jetzt wirft er den Kopf wieder zurück. Nach einigen vorsichtigen Bewegungen stoße ich tiefer, aber langsam und beuge mich nach vorn. Manuel spürt mein Gewicht und schaut mich lustverhangen an. Unsere Lippen treffen sich, lösen sich, treffen sich wieder...in einem sanften Rhythmus. Passend zur Musik. Die Reizung ist enorm, wenn ich mich langsam zurückziehe und ebenso verzögert wieder hineinschiebe. Mittlerweile hat sich mein hocherregter Torwart begonnen, selber zu schrubben. Etwas schneller als ich in ihn stoße, aber nicht hektisch rubbelnd. Dann gehen seine Augen langsam auf, werden dunkler, seine vollen Lippen öffnen sich, die Wangenmuskeln verkrampfen sich...den Anblick kenne ich und genieße ihn jedesmal erneut. Unwillkürlich werde ich schneller, härter, hole einiges nach und das treibt uns beide in den Orgasmus. Fast schmerzhaft zieht es in mir, als ich mich endlich in ihn entlade, das Muskelzucken spüre und die Schübe aus seinem Schwanz schießen sehe. Ich hab nur ein Rauschen in den Ohren, sehe aber seine Lippen meinen Namen formen -und dann höre ich es auch wieder.
Erschöpft lasse ich mich fallen. Auf die Brust-Seite, die nicht über und über spermabedeckt ist.
"Jetzt wird dir noch wärmer sein, Tiger."
"Ja. Außen und innen." Ruhe. "Tobi?"

"Ja?"
"Das war...ein Genuss."

"Danke. Ebenso."
"Du warst so...zärtlich. Hast nicht losgehämmert. Genau so hab ich mir das gewünscht."

"Dachte ich mir. Wollte ich auch. Der Sex sollte zum Anlass passen." Ich hebe den Kopf und griene ihn an. "Das Loshämmern heben wir uns für andere Gelegenheiten auf."
"Aber sicher."

Stille.
"Tobi...ich lieb dich. Vergiss das nicht."
"Auf keinen Fall. Du bist das Beste...." Ich summe sein Lied.

Manuel lacht leise. "Aber ich glaub dir das."
Ich angele mir von hinten meine Jeans, ziehe das Tempopäckchen aus der Hosentasche und mache einige Notreinigungsmaßnahmen unten und auf der Tigerbrust, bevor ich mich wieder an ihn kuschle.
"Wollen wir hier schlafen? Ich bin gerade so dösig." Manuels Stimme ist schon ganz leise.
"Ich mach die Kerzen aus."
"Aber lass den Baum an."
"Okay." Noch mal aufstehen, alle Echt-Kerzen löschen -dann schnell aus dem Schlafzimmer die zweite Decke holen und wieder andocken.

"Frohe Weihnachten, Tiger." Ich breite die Decke über uns aus und küsse Manuels Genick.
"Dir auch, Felix."
Mit einem Blinzeln auf die Lichterkette am Weihnachtsbaum drifte ich ins Reich der Träume ab, während ich den warmen Körper meines Freundes an mich presse.

Der nicht mehr da ist, als ich aufwache. Durch meine halbgeschlossenen Lider sehe ich vor mir...nichts. Die Decke hab ich offensichtlich runtergestrampelt -dank der aufgedrehten Heizung im Wohnzimmer war die wohl auch zuviel. Der Baum leuchtet noch -aber ebenso ein wolkenzerfetzter hellgrauer Himmel durch die Wohnzimmerfenster. Muss also schon mindestens acht sein. Bevor ich mich entschließen kann, meinen linken Arm zu heben, um auf die Uhr zu schauen, höre ich ein leises Klicken hinter mir. Ich strecke den Kopf in die klickende Richtung und sehe meinen Tiger auf der Couch sitzen, das Handy in der Hand.
"Morgen." gähne ich raus. "Was machst du da?"
"Guten Morgen, Kater. Fotos von dir."
"Was?"
"Ja, zur Erinnerung. An den coolen Weihnachtsabend gestern und meine erste Nacht unterm Weihnachtsbaum."

"Aha." Ich strecke mich. "War auch sensationell schön."
Manuel hockt sich vor mich hin. "Mach das noch mal."
"Was?"
"Das Strecken gerade."
"Warum?"
"Mach einfach."
"Na gut." Während der Wiederholung klickt es wieder.

"Häh?" Ich stütze mich auf und schaue ihn fragend an.
"Da. Dein T-Shirt rutscht hoch und das sieht sexy aus, wenn zwischen der Unterhose und dem Shirt so ein Streifen Haut zu sehen ist." Er hält mir das Handy hin und ich starre aus verschlafenen Augen drauf. Tatsächlich. Man sieht mein Gesicht nicht, weil ein Arm davor ist, aber die ganze Szene fände ich auch anregend, wenn...Manuel da zu sehen wäre.
"Genehmigt. Das dient...?"
"Zum Abreagieren in einsamen Zeiten."

"Es macht mich ziemlich an, wenn ich weiß, dass du dir auf Fotos von mir einen runterholst."
"Oder manchmal zwei oder drei."
"Ja ja, klar."
"Doch, manchmal schon."

"Aha."
Wir starren uns an und plötzlich ist da eine knisternde Stimmung. Ich weiß nicht, ob ich vorher schon eine Morgenlatte hatte oder die erst jetzt entstanden ist, aber jedenfalls bin ich spitz. Der Tiger auch.
"Zieh dein Shirt aus." Keine Ahnung, ob es an der Morgenmüdigkeit liegt, aber ich hab kein Problem damit, jetzt mal den Passiven zu geben. Folgsam komme ich hoch und pelle mich aus dem Hemdchen. Als ich es weglegen will, beugt sich Manuel vor und schnappt es mir aus der Hand. Überrascht sehe ich, wie er seine Nase drin vergräbt. "Felix pur." Dann legt er es zur Seite und deutet auf meine Unterhose. Ich ruckele mich heraus, während Manuel ohne hinzusehen meine Socken auszieht. Hab ja gestern nur Hemd und Jeans verloren.
Die Tigerblicke, die er über mich gleiten lässt, sagen alles. Und mich erregen sie ebenfalls.
"Ich hätte jetzt Lust auf dich, Felix."
"Seh ich."
"Hätte dich gern auf dem Bauch."

"Sei vorsichtig, ja?" Ich drehe mich in die gewünschte Position und spüre fast sofort das Gewicht meines Freundes, der sich auf mich schiebt und mich erst im Nacken küsst und dann sanft beißt. Mit einem Fuß drückt er gegen meinen Knöchel und ich spreize die Beine. Nochmal überraschter bin ich, als ich das bekannte Klacken der Geltube höre. Hat er die also schon aus dem Schlafzimmer geholt, als ich noch geschlafen hab. Alles geplant. Immerhin hat er gewartet, bis ich wach bin. Wir haben uns ja auch schon gegenseitig quasi wachgebumst.
Ganz gegen meine sonstige Einstellung genieße ich die folgende Nummer. Und im Gegensatz zur echten Liebesnummer von gestern ist das hier Lustabbau pur. Aber ich hab durchaus Spaß und als eine Serie von harten Treffern auf meiner Prostata landet, kann ich mich fast gleichzeitig mit Manuel freudig in die Decke ergießen. Die können wir nach beiden Aktionen reinigen.

"Jetzt haben wir Weihnachten aber mal gründlich durchgelüftet und traditionsmäßig renoviert, hm, Tiger?"
"Kann man wohl sagen. Nach der Bescherung wird immer eine Nummer geschoben, komme, was wolle."
"Ich befürchte, deine Mutter schaut pikiert, wenn ich ihren Ältesten befriedige und die Familie außen rum sitzt."
Manuel wälzt sich von mir runter und schaut mich neugierig an. "Reden wir jetzt von eigenen Traditionen oder klemmen wir uns an die Familie?"

"Willst du eigene schaffen?" Ich hoffe, er meint richtige. Ich kann mich zwar an den Christmas-Sex gewöhnen, aber....
"Ja. Sicher. Du nicht?"
"Hab mir noch keine Gedanken drüber gemacht."
"Aber es wäre doch schön, wenn wir...was machen würden, was unser Ding ist. Nicht so eingelaufen wie bei den Eltern."
"Weihnachten gehören doch die Eltern irgendwie dazu...? Ich meine, das ist doch das klassische Familienfest?"
"Ja, schon. Aber..." Manuel dreht sich wieder her, stützt sich auf und guckt. "Wir sind eine Familie."
"Ähm...du und ich?"
"Ja. Eine kleine Familie. Aber wir werden ja...." Der Tiger stockt. "...du willst doch noch?"
"Ja, ich will den Hund." Vielleicht klappts ja und ich umschiffe das Thema.

Manuel feixt. "Den sowieso. Ich freu mich schon drauf. Auf jeden Fall aus dem Tierheim. Aber darum geht`s nicht und du weißt das."
"Hm. Dich gelüstet es nach Nachwuchs."

Der Tiger nickt. "Weißt du doch."
Ich seufze. "Momentan gibt`s in Deutschland keine legalen Möglichkeiten für sowas, das ist dir schon klar?"
"Na und? Erstens ist das momentan und wir haben noch fünf Jahre Zeit, zweitens....."
"Wo kommt die Timeline her??"
"Da werd ich 35, die EM ist vorbei und mein Vertrag bei den Bayern läuft Mai 2021 aus."

"Aha. Und dann hütest du kein Netz mehr, sondern die Kiddies."
"Genau. Auch da freu ich mich drauf. Und du hast Kidiiiies gesagt."
"Soviel iiiii hab ich nicht verwendet."
"Ich wollte damit den Plural betonen. Mehrere."
"Klar. Neuer-Zwillinge."
"Nee. Du hast gesagt, dass du auch..."
"Tiger, in fünf Jahren bin ich 40+."

"Na und? Gibt viele Väter in dem Alter." Mein Torwart setzt sich im Schneidersitz hin. Nackt. "Du hast gesagt..."
"Hab ich. Hab nur nicht gedacht, dass ich mich kurz nach deinem Outing und bei den ganzen Problemen gerade damit beschäftigen muss, wann und unter welchen Umständen wir die Krippe aufbauen müssen. Oder in dem Fall die KrippEN." Ich betone die Mehrzahl.

"Aber grundsätzlich bist du bereit, auch was zur Familienmehrung beizutragen?"
"Samenspende?" frage ich hilflos. Das ganze überfordert mich gerade.

"Mann. Ich hab schon selber, wie du weißt." Manuel schüttelt den Kopf.
"Ja, hab ich gesagt. Steh ich zu. Ich will keine Adoption. Wenn schon, eigene Kids. Wenn wir das biologisch und rechtlich so sauber hinkriegen, dass wir weder Probleme mit dem Staatsanwalt kriegen noch irgendjemandem weh tun." Der Leihmutter nämlich.
"Kriegen wir hin, also...Deal? Kids von Felix und Manuel?" Ich bekomme eine ausgestreckte Hand hingehalten. Oh. Das ist jetzt kein Geplänkel mehr, das ist eine Entscheidung, die mich binden wird. Mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Ich schaue zwei Sekunden auf die Hand, dann in Manuels Augen, die mich erwartungsvoll betrachten. Okay. Ich will den Mann für`s Leben und dann gehören wohl auch die Kinder dazu. "Gut. Werden wir eine Familie."

"Super." Manuel beugt sich vor und küsst mich stürmisch. "Frühstück?"
"Aber sicher. Nach der Dusche."
"Pancakes?Rührei?" Manuel ist schon auf dem Weg in die Küche.

"In der Reihenfolge. Und...neben dem Eiweißnachschub noch paar Vitamine." rufe ich ihm hinterher, bevor ich wieder auf mein Kissen falle. Ich habe gerade mein weiteres Leben neu justiert -vorausgesetzt, meine Bedingungen werden erfüllt...und wir sind in fünf Jahren noch zusammen. Tobi Bergmann, Vater von zwei Quälgeistern? Stiefpapa von zwei weiteren? Ich hoffe, Manuel plant keine eigene Neumannsche Fußballmannschaft. Andererseits -das Kinderthema war ja für mich früh erledigt. Bis auf die Gedanken, die ich mir bei Manuels erstem Anlauf gemacht hab, war das nie eine Sache, die mir als Lebensperspektive realistisch erschien. Mama wird ausflippen, wenn sie Oma wird. Und noch mehrfach. Papa wird sich freuen, dass die Bergmannsche Linie nicht ausstirbt. Ich setze mich auf und starre auf den Weihnachtsbaum -unter dem ich ein Krippe platziert hab, die ebenfalls noch von meiner Oma stammt. Das Jesuskind scheint mich anzugrinsen.
"Ihr Kinderlein kommet...." murre ich und schraube mich in die Höhe...das Weihnachtslied passt dann mal zum Thema gerade.

Geduscht und umgezogen hocke ich 30 Minuten später am Frühstückstisch und begutachte die Pancakes, die mein Freund und Co-Vater meiner zukünftigen Kinder schon produziert hat.
"Seit wann kannst du sowas?" Ich stelle mich neben ihn und schaue in die zischende Pfanne.
"Ist ja nicht so schwer."
"Na ja."

"Du meinst, für meine sonstigen Küchenkenntnisse?"
"Das hast du gesagt."
Manuel tritt mir auf den Fuß.
"Vorsicht. Wenn ich zurücktrampele, könnten deine teuren Füßchen leiden."
Der Tiger zieht einen entsetzten Flunsch. "Würdest du mir nie antun!?"
"Nein." Ich beuge mich rüber und küsse ihn. "Kann dir gar nicht weh tun, Tigerchen."
Manuel grient und küsst mich noch mal. "Soll ich mal ne Wende probieren?"
"Wo?"
"Na hier, den Pfannkuchen da. Mit so`m Schwung."
"Versau mir nicht meine Küche!"

"Ich mach einfach mal, ja?"
"Warte." Ich prüfe den Ölstand in der Pfanne -gut, fast leer. Sonst platscht das Ding rein und wir kriegen Brandflecke. "Los."
Manuel klemmt die Zunge zwischen die Lippen und beginnt, den armen Pancake mit kreisenden
Bewegungen in der Pfanne rumzujagen. "Und..." Dann kriegt der Teigling Schubkraft...dreht sich...und landet wieder in der Pfanne.

"Hey- Pfannenwender erster Klasse." Ich klopfe ihm auf die Schulter. "Rück mal zur Seite. Ich mach mal die Rühreggs."

Geht ratzfatz. Wichtig ist der Parmesan -da schmeckt das richtig würzig. Einträchtig brutzeln wir nebeneinander und vergewissern uns immer wieder mal, dass der Knabe nebenan noch küssen kann.
Schließlich sitzen wir am Tisch, futtern uns die Plautze rund -gab ja bisher kaum was zu essen an Weihnachten- und besprechen den weiteren Ablauf.
"Um drei müssen wir in Otterfing sein. Das dauert ne halbe Stunde bis dahin." sinniert mein mampfender Freund. Die Einladung zum Weihnachts-Kaffee bei den Müllers -zusammen mit Freunden von ihnen- hat uns beide gefreut.
"Um sechs sollten wir dann wieder los -ich muss noch packen."
"Ich auch."
"Na-für sechs Tage Teneriffa brauchen wir ja nicht so viel Zeugs."
"Vor allem ne Badehose."
"Auf deren Einsatz hoffe ich doch."
"Aber denk dran, das Haus ist ein Stück weg vom Meer."
"Aber hat nen Pool."

"Ah-Wärme und Sonne."
"Und paar andere Bilder...und sechs Tage, an denen ich meinen pfannkuchenwendenden Freund um mich rumhaben werde." Ich smile ihn an und bekomme postwendend das erwartete verliebte Lächeln zurück.
"Das heißt, wir können gegen Mittag noch ne Runde Laufen gehen." Manuel stopft ein Stück Erdbeermarmelade-bestrichenen Pancake in sich rein.

Ich betrachte mürrisch seine proaktive Art der Nahrungsaufnahme. "Wenn du den wieder rauswürgst, sparst du soviel Kohlenhydrate, dass wir nicht laufen müssten."
"Ach Quatsch. Das reißts auch nicht raus. Ich muss was machen -daheim in Buer war ich nur einmal joggen. Und du?"
"Ich war nicht in Buer joggen." gebe ich kund und dezimiere das Rührei.

"Und in Botnang?"
"Hey- du kannst es aussprechen!"
"Na klar. Also?"
"Botnangs Pfade blieben unbejoggt, der Tobi in der Bude g`hockt." deklamiere ich mit halbvollem Mund.

"Dann musst du auf jeden Fall raus. Im Urlaub muss ich eh was fitnessmäßiges machen."
"Kein Thema. Da sind`s 19 Grad -da lauf ich mit. Außerdem geht`s auch mal in die Berge."
"Berge??" Manuel linst misstrauisch über seinem Milchkaffee rüber.

"Ja-oben am Teide. In der Caldera bist du so auf 2000m und kannst locker bis auf 2500m...für den Teide bräuchten wir eine Sondergenehmigung, die kriegen wir nicht mehr. Außerdem sind das 3700m und da müssten wir noch mehr Klamotten mitschleifen. Is kalt da."
"Deswegen wird schön in der warmen Ebene geblieben."
"Du hast es echt nicht so mit den Bergen?"
"Schön geschwungene Hügel mit Almen und Hütten sind okay, nackte Felsen sind mir suspekt."

"Du weißt nicht, was du verpasst."
"Ich kann`s verkraften. Außerdem kannst du mir was vorschwärmen und dir bleibt was für Torsten."

Ich schaue ihn interessiert an und er zwinkert mir zu. Soso. Ist das jetzt ein Zugeständnis an meine Symbiose mit Torti oder mag er wirklich nicht rauf auf die Berge? Ist immer ganz gut, wenn dem besten Kumpel des Partners genügend Raum gelassen wird und die Beziehung nicht gelartig alles an Aktivitäten überzieht. Auch wenn ich tatsächlich gerne mit meinem Freund bergwandern würde, aber für längere Spaziergänge scheints nach seiner Almdefinition ja zu reichen.
"Also laufen, ja?" Manuel feixt.
"Okay." seufze ich. Schaden kann es definitiv nicht.
"Gut. Dann geh ich mal runter und kümmere mich um meine Post und meine Emails...sind immer noch ein Haufen...und dann rennen wir um zwölf?"
"Toll. Ein High-Noon-Lauf am zweiten Feiertag."


Zum Glück sehen wir beide in Sportklamotten auch ganz fotogen aus. Brauchen wir, denn überraschenderweise stehen wieder mal zwei Figuren vorm Haus und haben Linsen vor der Optik. Knips und knips...und ein freundliches Winken von Manuel und einen verbissenen Blick von mir -inklusive eines halbversteckten Mittelfingers, den ich noch rechtzeitig einklappe. Muss ja nicht derart unhöflich in den Medien erscheinen. Nicht wegen mir -aber es soll niemand denken, Manuel hätte sich einen verkniffenen Troll angelacht.
"Die machen sich eine Mühe....unglaublich." Manuel schüttelt den Kopf.
"Wer weiß, was das für Kohle bringt." mutmaße ich. "Feiertagszuschlag?"
"Der Gewinn wird höher sein, wenn das Foto was besonderes ist."
"Und was soll das sein....HEY!!!" Manuel hat mir eine nonverbale Antwort gegeben und an den Arsch gelangt. Nur kurz und im Abbiegen an der Kreuzung, aber die Chance ist da, dass es auf Festplatte gebannt ist und demnächst im Netz erscheint. Obwohl...is mir wurscht. Soll die Welt ruhig sehen, dass mein Hintern Gelüste beim Bayern-Torwart weckt. Erst vor vier Stunden, was ich zugegebenermaßen heute mal noch merke. Aber ich ja kein Weichei.
"Du bist gut drauf, hm?" frage ich rüber.
"Klar. Morgen sind wir in der Wärme...und...." Manuel smilt mich von der Seite an. "...ich freu mich über deine Zusage heute früh."
"Oh." Ich jogge vor mich hin. "Das heißt, du hast erwartet, ich...zicke irgendwie rum?"
"Hatte mit mehr Ausflüchten gerechnet."

"War so`n spontanes Bauchgefühl, dass es richtig sein könnte."
Manuel lacht. "Ich hoffe nicht, dass es das Magenknurren war."
"Oder dein rebellierendes Sperma in mir."

Der Torwart stolpert. "Häh? Das kannst du doch nicht sagen!"
"Wieso? Werden wir abgehört? Ich meinte...vielleicht hat der Input ja für Elterngefühle gesorgt." Ich muss das Erlebnis noch verarbeiten. Schwachsinnig drüber witzeln könnte helfen.
"Du kannst aber nicht schwanger werden!"
"Genauso wenig wie du nach der Empfängnis gestern Abend."
Manuel schweigt und hoppelt neben mir her. Dann doch wieder mit verbalem Upload. "War ich gestern sehr gefühlsduselig?"
Verdutzt fixiere ich meinen Laufpartner. Da war also doch mehr dahinter...ich hab`s geahnt. "Weihnachten?"
Manuel schaut rüber und lächelt leise. "Na ja. Nicht allein."
"Weihnachten mit mir?" Ich ziehe eine Grimasse um zu verhindern, dass er das zu ernst nimmt.

"Ja. Genau das."
"Oh."
"Wie hast du das gestern empfunden?"
"Als wunderschön. Klingt jetzt doof, als wenn ich von Elfen und Einhörnern rede...aber..." Ich umkurve einen Lampenmast. "...ich bin Weihnachtsfan. Und das gestern mit dir war einfach toll. Ich hab mir das übrigens schon lange vorgestellt, wie das wird. Die Lichter, wir beide...und gestern kam hinzu, dass wir uns paar Tage nicht gesehen haben und ich dich vermisst hab. Und dann dieser gefühlige Abend. Genau richtig. Deswegen...also...ich hab erwartet, dass du das ähnlich siehst?"
"Tu ich auch. Dachte nur, ich wäre zu soft gewesen..." Manuel schaut mich unsicher von der Seite an.
"Zu soft? Tiger, zeig was du fühlst, okay? Vor mir musst du nicht den starken Mann markieren -ich lieb beide Seiten an dir. Und ich mag`s nicht, wenn du dich einbunkerst oder maskierst oder so. Ich fand den Manuel gestern schön, der da lag und mich so nachdenklich-verschossen angeguckt hat."
"Und der Spaß daran hatte, von dir beglückt zu werden."
"Das war nebensächlich. Ich hab mich dir selten so nahe gefühlt wie da."
Ich befürchte erneut einen sexuell unterfütterten flapsigen Spruch, aber ich werde positiv enttäuscht. Manuel bleibt stehen. "Ich auch. Das war...Liebe machen, oder? Kein simpler Sex?"

"Ich war froh, dass du das auch so wolltest. Ich glaube, wir haben das beide gebraucht...tat der Seele gut, hm?"
Der Tiger schaut nach links und rechts, aber allzuviel ist hier auf den ersten Metern im Englischen Garten nicht los, dann lehnt er sich vor und legt seine Stirn an meine. "Ich lieb dich, Felix."
"Du kommst mir in letzter Zeit mit dem Spruch zuvor. Und ich dich auch klingt so abgedroschen."
Manuel löst sich und feixt mich an. "Schon wieder Erster?"

"Aber nur da."
"Wollen wir`s ausprobieren?"
"Heute nicht. Lass uns schön genussjoggen, ich hab keinen Bock auf abgehetzt daheim ankommen."
"Hey, da sprechen 35 reife Jahre."

"Und aus dir sprechen...brechen... gleich 32 Zähne." knurre ich.
"Dann kann ich dir aber nicht mehr sagen, dass ich dich liebe." Manuel dreht die Augen raus und guckt beifallheischend.
"Aber du kannst mir zahnlos besser einen blasen."
Sofort verliert er das gefakte Grinsen. "Das wär`s dir wert?"
"Hm. Müsste man ausprobieren. Is aber leider irreversibel, wenn die Beißerchen hier in den Matsch plumpsen."

"Dann lassen wir das und wir hopsen hier schön gemütlich durchs Gelände."
"Das machen wir."
"Aber einen kleinen Zwischensprint bis Höhe Eisbach?"


Ich blase theatralisch die Luft aus - und renne los. Nur so hab ich ne Chance. Allerdings bin ich nicht so untrainiert wie ich immer verbal tue und so hat der Herr Nationaltorhüter seine liebe Mühe, ranzukommen. Immerhin muss er als Goalie auch nicht permanent sprinten.
Zufällig oder nicht, wir erreichen beide gleichzeitig die kleine Brücke.
"Und...gemeinsam...erreichen...sie...den...Hof...mit Müh....und Not." ächze ich und stütze mich gebeugt auf den Oberschenkeln ab.
"...die Pancakes... im Magen behalten... tut jetzt not." japst Manuel.
"Hey -aus dir spricht ein Dichterfürst."
"Du steckst an."
"Löblich. Dein Humor kommt wieder."
"Ja. Das tut auch not. Nach den ganzen Deppenerlebnissen die letzte Zeit...manchmal möchte ich gerne einfach kotzen oder wahlweise rumbrüllen."
"Mach beides. Am besten erst kotzen, dann hast du Grund zum Brüllen."

"Weißt du, was ich meine?"
"Ja, klar." Is witzig. Wir stehen uns beide in der gebückten Entspannungshaltung gegenüber und sind schon wieder bei ernsten Themen. Fäkalig verpackt. "Ich hab letzten Montag noch das dringende Bedürfnis verspürt, von der Arbeit heimzulaufen, weil ich dachte, in der U3 erkennt mich jede Sau und motzt mich an."

"Oh." Manuel guckt bedröppelt.
"Genau. Dann dachte ich mir -fickt euch doch alle. Ich hab den besten Kerl der Welt, hab tollen Sex, ne schöne Wohnung und nen geilen Job. Und den besten Kerl der Welt. Ach so...und...ich bin verliebt in..."
"...den besten Kerl der Welt." vervollständigt Manuel grienend.

"Stimmt. Woher weißt du das?"
"Redet mir mein Freund ständig ein."
"Toller Bursche. Muss ich mal kennenlernen."
"No way. Du spannst ihn mir aus."
"Nö. Sex mit mir selbst liegt jetzt Meilen hinter mir."
"Ach was. Sicher?"
"Na -fast. Wenn du nicht da bist, geht`s ja nicht anders."

"Kenn ich."
"Wir haben eigentlich schon lange keinen Telefonsex mehr gehabt." beschwere ich mich.

"Das war geil. Gleich in der ersten Woche, oder?"
"Ja. Seitdem...Fehlanzeige."
"Hm. Momentan...hätte ich das Gefühl, dass ich vielleicht abgehört werde, verstehst du? Total paranoid."
"Na...könntest richtig liegen. Vielleicht kannst du dich ja beherrschen, Tiger."
"Will mich nicht beherrschen." Manuel schaut sich um und betrachet die vermutlich japanischen Touristen, die so fünf Meter entfernt an uns vorbeigehen. "Hey -I`m Manuel Neuer und this is Tobi-my boyfriend. The cutest Felix in town."


Ich kippe vor Schluckauf bald um. Die Herrschaften aus dem Land der aufgehenden Kirschen...ähm..Sonne...auch, als er sie grinsend anbrüllt. Bis der Mann guckt wie ein Auto...hektisch mit seiner Frau tuschelt und in unsere Richtung fuchtelt.
"Ähm...Tiger...kann das sein, dass man dich auch im Land von Sake und Toyota kennt?"
"Oh...aber doch nicht jeder?" Er schaut unsicher auf den näherrückenden Touri.
"Manuel Neuer?" Also es klingt anders, wie der es sagt, aber eindeutig weiß er, wen er vor sich hat, denn er reckt uns das Handy entgegen, auf dem mein Freund im DFB-Trikot zu sehen ist. Da hat jemand blitzgegoogelt.
"Ähm...ja. Yes. Hai." Deutlich gebremster als gerade noch seine Lauthals-Vorstellung.
Jetzt krieg ich Kieferfallsucht. "Du kannst japanisch???"
"Nee, aber hai kennt doch jeder. Aus`m Manga oder so."
"Ich kenn nur Tanga." Oder Tonga. Da wäre ich jetzt gern. Ganz weit weg und Mister Torwart kann die internationalen Beziehungen alleine pflegen.
Der Touri labert jetzt wie ein Wasserfall auf seine Frau ein, die ebenfalls auf ihrem Handy klimpert und dann in meine Richtung zeigt. Ich ahne böses.

"Your friend?"
"Hai." brumme ich und verschränke abwehrend die Arme. Mir wäre ein Sayonara lieber.
"Make a picture?" Er schaut uns bittend an.
"Okay." Manuel ist sofort dabei, ich schaue ihm ungläubig zu, wie er den kurzen Zugereisten zwischen uns schiebt. "Los, Tobi, schau mal freundlich."
"Erzähl mir schnell `n Witz." Allerdings ist das ganze so surreal, dass ich tatsächlich grinsen muss -bei der Erinnerung, wie meinem Freund eben die Gesichtszüge eingeschlafen sind, als der Ferne Osten ihn erkannt hat.
Es klickt mehrfach, dann will seine Frau auch. Na logo, der schöne Goalie und sein nicht unansehnlicher Freund sind keine schlechte Gesellschaft auf`m Bild.
"Arigato!"
"Ähm...?"
"Ich glaub, die wollen sich bedanken."
"Your welcome." Da spricht die Weltläufigkeit aus dem Goalie. Unsereiner schaffts ja nur in Telefonkonferenzen mit South Carolina.
Die beiden verabschieden sich unter freundlichen Nicken und klickern schon auf den Handys herum. Gleich plingen die Newsalerts.
"Tiger, du hast nen formidablen Sockenschuss -aber dafür lieb ich dich." Ich muss ihn einfach küssen und wenn hinter mir die Enten quiekend in den Bach rutschen. Oder die Touris aus Saudi-Arabien.
"Eigentor, oder?"
"Glaub nicht. Das Bild ist bestimmt witzig und vielleicht kannst du jetzt den Kahn aus den Werbeverträgen mit Japan kegeln."

"Macht der nicht Reifen?"
"Dann machst du Kimonos. Das nimmt man dir jetzt ab -als Geisha." Ich könnte mich kringeln bei der Vorstellung. Manuel findet das nicht so lustig wie ich und langt nach mir. Ich weiche aus und muss leider Vollspeed geben, um ihm zu entkommen. Wie Hase und Igel jagen wir über die Wiese, bis ich nicht mehr kann und einen schnaufenden Tiger herankommen lasse.

"Blödmann." Manuel feixt.
"Ich lieb dich auch, Tiger. Frohe Weihnachten, du Eumel."

Manuel nimmt mich grinsend in den Schwitzkasten und ich fühle mich plötzlich total wohl. Was so`n Weihnachtslauf alles lösen kann...

Eigentlich sollten der Müller-Kaffee und der Silvester-Urlaub mit rein, aber das wird ein gesonderter Oneshot :-)
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