Maskerade

von Jadina
GeschichteDrama, Romanze / P16
Adrian Pucey Graham Montague Marcus Flint OC (Own Character) Terence Higgs
08.03.2019
03.11.2019
14
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~~ Kapitel 2: Eine ungewöhnliche Zugfahrt ~~



Er war es tatsächlich. Irrtum ausgeschlossen, obwohl Jade sich sicher war, dass das gar keinen Sinn ergab. Ihr ehemaliger Mitschüler Marcus Flint, der frühere Kapitän der Slytherin-Quidditchmannschaft, stand direkt vor ihr und hob in diesem Augenblick ihren Koffer hoch. Ihre Frage war absolut berechtigt. Eigentlich hatte er im vergangenen Jahr seinen Abschluss gemacht und Geschwister, die er heute hätte zum Zug begleiten können, gab es nicht. Er war ein Einzelkind.

„Freust dich ja sehr, mich zu sehen, Runcorn“, murrte er grinsend. Die Slytherins sprachen sich alle, insofern sie nicht so eng waren wie Zoe und Jade, mit dem Familiennamen an. Sofort fiel ihr auf, dass er irgendwie anders aussah, und nein, damit war nicht gemeint, dass er erst vor Kurzem beim Friseur gewesen sein musste. Sein Grinsen wirkte irgendwie anders als sonst.

Zoe schien etwas Ähnliches gedacht zu haben und brachte den Stein ins Rollen, indem sie fragte: „Hast du was an deinen Zähnen machen lassen, Flint?“

Ein kaum wahrnehmbares Zucken in seinem Gesicht verriet, dass sie einen Volltreffer gelandet hatte. Jade musste ihrer besten Freundin stillschweigend Recht geben. Flint war von klein auf mit ungeraden Zähnen gesegnet gewesen, und dass ihm so mancher Klatscher das Pucey-Grinsen versaut hatte, war auch kein Geheimnis. Nun aber strahlten seine Zähne nicht nur blendend weiß, sondern standen in absolut gerader Linie beisammen.

„Ja. Ich hatte in den Ferien einen Trainingsunfall und musste ins St. Mungos, um es richten zu lassen. Also habe ich es gleich richtig in Auftrag gegeben“, erklärte er. Ob das mit dem Trainingsunfall nur ein Vorwand oder eine Notlüge war, das vermochte keiner der Anwesenden herauszuhören. „Los, rein in den Zug, sonst sind alle Abteile voll. Wollt ihr wirklich mit kleinen Scheißern zusammensitzen?“

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, trug er Jades Koffer hinein und großzügig (eingebildet), wie er war, ignorierte er sogar ihren Dank. Zoe fand schnell eins der wenigen Abteile, das noch leer war. Zu Jades Missmut hatten sie gerade ihre Koffer verstaut, die Mäntel ausgezogen und sich gesetzt, da kehrte Warrington zurück und parkte seinen Koffer mit allergrößter Selbstverständlichkeit in der Ablage neben den von Zoe.

Die Verwirrung wurde allerdings perfekt, als auch Flint zurückkehrte und ebenfalls einen Koffer dabeihatte. Grinsend lehnte er im Türrahmen. „Ist hier noch frei? Dankeschön!“ Natürlich wartete er ihre Antwort nicht ab, sondern trat einfach ein. Er ging zur Ablage und rückte Jades Koffer beiseite, um seinen daneben zu verstauen. In diesem Augenblick ertönte der letzte Pfiff und die Zugfahrt nach Hogwarts begann.

„Äh, Flint? Ich will ja nicht unhöflich sein, aber was wird das? Du hast doch letztes Jahr deinen Abschluss gemacht“, sagte Jade irritiert. Damit war sie wohl direkt in das Fettnäpfchen des Tages getreten. Das Grinsen verschwand augenblicklich von seinem Gesicht und ließ eine versteinerte Miene zurück.

„Gewöhnt euch besser dran, dass ich da bin“, murrte er und ließ sich neben sie auf die Sitzbank fallen. „Ich habe leider alle Abschlussprüfungen verkackt. Dumbledore hat es glücklicherweise auf die Sache mit der Kammer des Schreckens geschoben, sodass entschieden wurde, dass ich das siebte Schuljahr wiederholen darf.“

Jade nickte schweigend. Sie wusste nur zu genau, von was er sprach. Im letzten Schuljahr war die legendäre Kammer des Schreckens geöffnet worden. Mehrere Personen, Filchs Katze sowie ein Geist waren versteinert worden, bevor der Angreifer unschädlich gemacht werden konnte. Es gingen eine Menge Gerüchte um, wie das gelungen war, und eines davon war, dass der nervige Potter-Junge irgendwie darin verstrickt war und die armen Malfoys deshalb jetzt keinen Hauself mehr besaßen.

Kaum, dass der erste Schock überwunden war, prustete Warrington los: „Was? Du hast keinen einzigen UTZ geschafft?“

Bei Flints Gesichtsausdruck war Jade sich absolut sicher, dass, wenn er Kapitän der Hausmannschaft geblieben war, Warrington in diesem Jahr sicherlich nicht mit einer Position im Kader rechnen durfte. Sie sollte in die richtige Richtung gedacht haben.

„Schnauze, Warrington“, knurrte Flint und seine Augen blitzten gefährlich auf. „Ich bin immer noch der Käpt'n unserer Hausmannschaft, also überleg' dir zweimal, ob du dich darüber lustig machen willst.“

Warringtons Mund, schon zu einer Erwiderung geöffnet, klappte augenblicklich zu, als Zoe ihm den Ellenbogen in die Seite stieß. Sie warf sich das dunkelblonde Haar über die Schulter zurück und wechselte geschickt das Thema. „Was hast du in den Ferien sonst so gemacht? Ihr wart gar nicht bei unserer Gartenparty.“

„Ja, stimmt“, schloss Jade sich an. „Wart ihr weg? Hattest du ein Probetraining?“

Es war sehr deutlich zu sehen, wie Flint vor Stolz die Brust anschwoll. Er betonte: „Ich hatte ein Probetraining bei den Falmouth Falcons. Sie waren auch sehr begeistert, aber im Vertrag stand leider, dass man zumindest einen UTZ haben muss. Sie haben mich daher eingeladen, im nächsten Sommer wiederzukommen, um den Vertrag zu unterschreiben.“

„Dein Ziel lautet dieses Jahr also einen UTZ in irgendetwas zu bekommen“, lächelte Zoe ohne böse Hintergedanken. „Na, immerhin einer, der sich nicht allzu sehr stresst. Meine Eltern erwarten mindestens fünf UTZs und auf jeden Fall den in Zaubertränke.“

„Einen UTZ und den Quidditchpokal“, korrigierte Flint.

Seine Betonung ging völlig unter, weil Warrington lieber Zoe anhimmelte: „Wow, ich hatte ganz vergessen, dass du bei den ZAGs ein Ohnegleichen in Zaubertränke erreicht hast. Snape nimmt ja nur die besten der Besten.“

Zoe lächelte Warrington geschmeichelt an und bei Jade stellte sich ein Déjà-vu ein. Dieselbe Atmosphäre, die sich nun zwischen dem Fünftklässler und ihrer besten Freundin ausbreitete, war auch bei der Gartenparty aufgekommen, kurz bevor die beiden zusammen verschwunden waren, um heimlich irgendwo herumzuknutschen. Flint merkte glücklicherweise gar nichts. Was Zwischenmenschliches anging, war er definitiv kein Rennbesen.

Viel zu schnell schlug die Atmosphäre jedoch in eine unangenehme Richtung um, da Zoe errötete und Warrington nichts weiter sagte, während Flint immer noch mit gerunzelter Stirn auf die beiden Mitschüler starrte. Jade hätte es nie für möglich gehalten, das einmal zu sagen, aber sie war heilfroh, als die Abteiltür aufging und Pucey hereinspazierte. Das lenkte die Aufmerksamkeit aller Personen auf ihn, zumal er seine Uniform bereits trug.

Falls Pucey erstaunt darüber war, Flint zu sehen, ließ er es sich kein bisschen anmerken. Sein perfekt einstudiertes Lächeln ließ Jade die Galle hochkommen, und zu allem Überfluss wandte er sich auch noch an sie: „Hier steckst du also, Jadelynn. Wir müssen vor ins Abteil der Vertrauensschüler, schon vergessen?“

Ja, sie hatte es vergessen. Aber zugeben würde sie es niemals vor seiner Nase. Schnell stand sie auf und holte das Abzeichen aus ihrer Handtasche, steckte es sich an die Bluse. Mit entschuldigendem Gesichtsausdruck sah sie zu Zoe: „Also, ich muss los. Wir sehen uns später bei den Kutschen. Haltet mir einen Platz frei.“

Sie verabschiedete sich weder von Warrington noch von Flint, als sie das Abteil hinter Pucey verließ, und für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie den Kapitän mit den beiden Turteltauben alleine ließ.

„Hätte nicht gedacht, dass die Gerüchte stimmen und Dumbledore ihn das letzte Schuljahr wiederholen lässt. Er hat wirklich Glück gehabt“, sagte Pucey mit geschäftlicher Stimme, wobei er seinem Vater glich. „Hallo Graham!“

Graham Montague gehörte nicht zu den Glücklichen, die es geschafft hatten, einen Platz in einem gewünschten Abteil zu ergattern. Er kam ihnen auf dem Gang entgegen, seinen Koffer hinter sich herziehend. Pucey grüßte er mit einem Handschlag, Jade mit einem Küsschen auf die Wange. Er war jünger als sie und sie hegten eine sehr innige, aber mehr geschwisterliche Beziehung zueinander. Zumindest verspürte sie bei ihm nicht ständig den Wunsch, ihm einen Fluch auf den Hals zu hetzen, so wie es bei Pucey der Fall war.

„Alles voll“, beschwerte Graham sich. „Malfoy hat zwar angeboten, dass ich mit bei ihm im Abteil sitzen kann, aber da sitzt auch Parkinson. Die ist unerträglich. Sie schleimt die ganze Zeit bei ihm rum, noch schlimmer als letztes Jahr.“

„Nun, sie sind jetzt in der Dritten, oder? Könnte ja sein, dass sie den ersten Ausflug nach Hogsmeade als Date mit Malfoy abgreifen will.“ Pucey grinste mitleidig. „Ein paar Abteile weiter sitzen Accrington, Warrington und Marcus. Geh doch zu ihnen, Jadelynns Platz ist dort gerade frei geworden.“

„Der Käpt'n?“, wiederholte Graham ungläubig. „Guter Scherz, Adrian, ehrlich.“

Jade schloss aus diesen Worten, dass Flints Sonderrunde keine allgemein verbreitete Information war. Das war wirklich seltsam angesichts der Tatsache, dass sich unter Slytherins alles wie ein Lauffeuer verbreitete. Vielleicht war es eine kurzfristige Entscheidung der Schulleitung gewesen?

„Oh, das war kein Scherz“, erwiderte Pucey selbstgefällig. „Er wiederholt das siebte Schuljahr. Aber danach fragst du ihn am besten selbst. Jadelynn und ich müssen jetzt weiter.“

„Hör auf, mich bei diesem Vornamen zu nennen, Pucey“, fauchte Jade, kaum dass ihr bester Freund weitergezogen war und sie sich dem Abteil der Vertrauensschüler näherten. Er reagierte nicht auf ihre Worte, sondern klopfte an und trat ein.

Alle anderen Vertrauensschüler waren bereits anwesend und Jades Freude auf das letzte Schuljahr erreichte ihren Tiefpunkt, als sie sah, dass niemand Geringeres als die Blutsverräter-Obernervensäge Percy Weasley zum Schulsprecher ernannt worden war. Neben ihm saß seine Freundin, Penelope Clearwater, die keinen Deut besser war als das Wiesel.

„Da wir ja nun endlich vollzählig sind, können wir die Planungen für das kommende Schuljahr besprechen“, begann Weasley mit seiner oberlehrerhaften Stimme, ihnen einen Vortrag zu halten. Clearwater machte sich erst gar nicht die Mühe, sich an der Rede beteiligen zu wollen, und so schweiften Jades Gedanken bereits wenige Minuten später ab.

Sie musste Pucey neidlos anerkennen, dass er wesentlich besser als sie darin war, seine Emotionen zu verbergen. Er saß stumm da und tat, als lausche er Weasleys Vortrag. Lediglich der Ausdruck in seinen Augen verriet, dass er sich keinen Deut für das Gerede interessierte. Ihr hingegen stand die Abneigung ins Gesicht geschrieben. Als würde sich in diesem Schuljahr irgendetwas ändern. Regelmäßige Patrouillengänge, die Betreuung der Erstklässler, das Maßregeln anderer Schüler, wenn sie sich daneben benahmen - das war doch immer dasselbe.

Jade dachte an die bevorstehende Einwahl der Erstklässler und das Bankett. Zugleich überlegte sie, Flint zu fragen, wann er vorhatte, die Auswahlspiele für die Hausmannschaft anzusetzen. Wenn sie schon selbst nicht spielen durfte, würde sie wenigstens zuschauen. Monique und Zoe begleiteten sie manchmal, wenn sie beim Training zugucken wollte, aber hatten nichts Besseres zu tun, als über die Spieler zu reden statt über Quidditch an sich. Vielleicht würde sie in diesem Jahr alleine gehen.

Irgendwann war Weasley mit seinem Vortrag fertig und Clearwater teilte die Aufgabenlisten für die Patrouillengänge aus. Sie stellte fest, dass sie nicht immer mit Pucey zusammen eingeteilt war. Teilweise waren Strecken nur für eine Person ausgelegt und einige Termine hatte sie mit David McClelland zusammen, dem neuen Vertrauensschüler aus Jahrgang fünf. Sie würde Pucey nicht vor Dezember ertragen müssen. Was für ein Glück!

Kaum, dass sie die Liste zusammengefaltet hatte und Weasley sagte, dass alle gehen konnten, wenn keine Fragen mehr wären, sprangen die Slytherins auf und verließen fluchtartig das Abteil. Jade rempelte sich zwischen Pucey und McClelland durch, die auf dem Gang anhielten, um einen Schwatz zu halten. Kurz vor ihrem Abteil stieß sie wieder auf Flint, der draußen stand.

„Wieso bist du nicht drinnen?“, fragte sie irritiert. Er sah mehr als nur genervt aus.

Der Eindruck bestätigte sich, als er erwiderte: „Keine Lust, Accrington und Warrington beim Knutschen zuzuschauen. Montague ist deshalb auch schon wieder abgezischt.“ Er sah sie mit seltsamem Blick an. „Wusstest du es?“

Jade antwortete gar nichts auf seine Frage. Ja, natürlich hatte sie es gewusst. Aber bisher hatte sie auch angenommen, dass es eben nur auf der Gartenparty passiert war. Sie und Zoe hatten ja noch nicht frei reden können, und anscheinend war es ernster, als sie angenommen hatte. Das würde sie Flint jedoch nicht wissen lassen.

„Komm“, entgegnete sie schließlich und drehte sich um. „Lass uns Monique suchen. Die habe ich heute noch gar nicht gesehen.“

Sie ging den Gang weiter nach hinten ab in Richtung Zugende und Flint, der wohl keine bessere Wahl hatte, folgte ihr schweigend. Ein paar Abteile später wurden sie fündig und so verbrachten sie die restliche Zugfahrt im Abteil bei ihrer Freundin Monique Rosier. Sie saß mit Bletchley, Higgs und Greengrass zusammen, die wohl keine Lust auf ihre gleichaltrigen Hauskollegen gehabt hatte. Auch Graham war hierher geflüchtet, daher wunderte es ihn nicht, dass Jade und Flint kurz nach ihm hereinkamen.

Es war voll im Abteil, aber unterhaltsam. Sirius Black und sein Ausbruch aus Askaban waren auch hier ein großes Gesprächsthema. Während Jade und Monique Neuigkeiten über ihre Ferien austauschten, diskutierten die übrigen Schüler eifrig darüber, wo Black jetzt wohl gerade sein mochte und wie Dumbledore vorhatte, das Schulgelände zu schützen. Kurz darauf vertieften Graham, Higgs, Bletchley und Flint sich jedoch in ein Gespräch über die ersten Quidditchspiele der Saison, und so war es nicht verwunderlich, dass Jade Monique und Greengrass ihre Unterhaltung über französisches Essen alleine führen ließ und sich lieber den männlichen Hausgenossen zuwandte.

Draußen wurde es inzwischen dunkel, was hieß, dass sie nicht mehr weit von der Schule entfernt waren. Gut so, sie bekam nämlich Hunger. Schlechtes Wetter herrschte nach wie vor. Der Regen donnerte unaufhörlich gegen die Scheiben, daher dachte sich niemand etwas bei dem vielen Nebel draußen.

Higgs berichtete gerade von dem Eröffnungsspiel der Appleby Arrows gegen die Tutshill Tornados, das er mit seinem Vater besucht hatte, als der Hogwarts-Express urplötzlich eine Vollbremsung hinlegte und die Lichter ausgingen. Jade, die gerade gestanden hatte, um das kleine Fenster zu schließen, wurde abrupt nach hinten geschleudert und landete auf irgendjemandes Schoß, der sie reflexartig festhielt. Grahams Tüte Bertie Botts Bohnen verteilte ihren Inhalt auf dem Abteilboden und Bletchley gab einen lauten, schmerzerfüllten Fluch von sich, da er sich irgendwo gestoßen hatte.

Dann stand das Geschehen für den Bruchteil einer Sekunde still. Schließlich ertönte Greengrass' schrille Stimme: „Was war das? Wieso halten wir an?“

Jemand stolperte nach vorne und riss die Abteiltür auf. „Ich sehe nichts. Es ist zu dunkel. Lumos!“

Grahams Zauberstab brachte ein wenig Licht in die Dunkelheit um sie herum. Mehrere Schülerschemen liefen auf dem Gang auf und ab. Jade erkannte, dass sie auf Flints Schoß gelandet war, und errötete unweigerlich. Ihr Versuch, von ihm herunterzurutschen, war jedoch sinnlos. Er hielt sie nach wie vor krampfhaft an den Hüften fest. Sie drehte den Kopf zu ihm herum, um ihm zu signalisieren, dass er sie sofort loslassen sollte. Dabei bemerkte sie, dass er nicht zur Abteiltür herausstarrte, so wie alle Anderen. Seine Augen fokussierten die Fensterscheibe, an der sich allmählich Eiskristalle bildeten.

„Was geht hier vor sich?“, stieß Monique nervös hervor, die Jades Blick gefolgt war. „Ein Eissturm am ersten September? Unmöglich!“

Jade teilte ihre Meinung. Zwar konnte sie die Tatsache, dass es abscheulich kalt geworden war und sie fror, nicht leugnen, aber ein Eissturm am ersten September war tatsächlich so gut wie unmöglich. Es musste mit Magie zu tun haben, aber das erklärte noch immer nicht, warum der Zug eine Vollbremsung hingelegt hatte.

„Da steigen Leute ein“, sagte Graham plötzlich und klang mindestens ebenso nervös wie Monique. „Ich kann nicht sehen, wie viele es sind oder wer. Sie tragen schwarze Kapuzenmäntel.“ Völlig unvorhergesehen ging sein Zauberstab aus. „Was zum ...“

„Still!“, knurrte Flint alarmiert. „Montague, setz' dich wieder hin. Haltet die Klappe und rührt euch nicht vom Fleck.“ Nicht umsonst war er der Kapitän der Hausmannschaft. Graham reagierte sofort und befolgte seine Anweisung, ohne zu murren. Überhaupt war das einzig weitere Geräusch, das ertönte, während er sich setzte, die Beschwerde von Higgs, weil ihm jemand auf den Fuß getreten war.

Im Raum wurde es immer kälter. Jade spürte, dass auch Flint mittlerweile zitterte. Schlimme Gedanken drängten sich in ihren Kopf. Was, wenn der Express überfallen wurde? Wenn das Sirius Black war? Moment, das ergab keinen Sinn, weil Graham gesagt hatte, es wären mehrere Personen.

„Meint ihr, sie suchen nach Black?“, flüsterte Jade und spürte, wie Flint bei der Nennung des Namens zusammenzuckte.

„Im Hogwarts-Express? Das ist lächerlich, Runcorn“, entgegnete Greengrass wiehernd und unter normalen Umständen hätte Jade der jüngeren Hexe für diesen Tonfall eine Lektion erteilt. Jedoch wurde sie abgelenkt, als jemand von außen die Abteiltür ein Stück weiter aufschob.

So schnell, wie die Endzeitstimmung in ihr aufkam, war sie auch schon wieder verschwunden. Irgendwo hinten im Zug ertönten ein lautes Rumpeln und ein Aufschrei, aber das war es bereits gewesen. Die Eiskristalle an den Scheiben verflüssigten sich und rannen mit den übrigen Regentropfen vermischt zur Seite weg. Der Zug fuhr wieder an. Nach und nach flackerten die Lampen und funktionierten kurz darauf wie gehabt. Licht erhellte das Abteil und Jade rutschte schnell von Flints Schoß, bevor irgendjemand etwas bemerken konnte.

„Das war gruselig!“, brachte Bletchley es auf den Punkt, der eine hübsche Beule an der Stirn vorweisen konnte. „Was immer jetzt los war, ich hoffe, es kommt nie wieder vor!“

Das Schweigen, das auf seinen Ausspruch folgte, hielt an, bis es Zeit war, die Schuluniformen anzuziehen. Daher machten Jade und Flint sich auf den Rückweg zu ihrem Abteil, wo ihre Koffer lagerten. Warrington und Zoe hatten sich bereits umgezogen und hockten glücklicherweise nicht mehr aufeinander. Auch ihnen stand der Schreck ins Gesicht geschrieben.

Es schien, als wäre ungelogen die gesamte Schülerschaft heilfroh, als der Express an der Station einfuhr und sie den Zug verlassen konnten. Wenigstens hatte es aufgehört zu regnen, sodass sie die Kutschen zum Schloss trocken erreichten. In der Nähe konnte Jade Malfoy sehen, wie er irgendeinen Schabernack trieb, aber es war ihr in diesem Augenblick schnurzpiepegal. Sie wollte die Auswahl hinter sich bringen, sich den Bauch vollschlagen und sich anschließend unter ihrer Bettdecke verkriechen.

Ihre beste Freundin hatte die letzte Zugfahrt zum Schloss lieber mit ihrem Schwarm knutschend statt mit ihr verbracht. Weasley war der neue Schulsprecher und seltsame Vorkommnisse hatten die Zugfahrt gestört. Ach ja, nicht zu vergessen, dass sie bei der Vollbremsung auf Flints Schoß gelandet und dort geschätzt eine Viertelstunde sitzen geblieben war.

Das waren eindeutig genug Katastrophen für den Beginn des siebten Schuljahres. Noch ahnte Jade nicht, dass dies bloß ein Vorgeschmack auf das restliche Schuljahr gewesen war und sie das Schicksal noch mehr als einmal verfluchen würde.

Bereits während die Schülerschaft die Große Halle erreichte und sich auf die vier Haustische verteilte, machte Malfoys Neuigkeit die Runde: Es waren Dementoren gewesen, die den Zug tatsächlich nach Sirius Black durchsucht hatten, und Harry Potter war bei der Kontrolle seines Abteils zusammengebrochen.

Vor allem am Haustisch der Slytherins sorgte diese Neuigkeit für viel Gelächter und theatralische Imitationen seitens Malfoys wie Potter möglichst absurd zusammengebrochen sein könnte. Jade fiel dabei insbesondere auf, dass Flint dem Geschehen keinerlei Aufmerksamkeit schenkte, dabei verstand er sich mit Malfoy eigentlich ganz gut.

Um dem auf den Grund zu gehen, sorgte sie dafür, den Sitzplatz neben ihm zu ergattern. Während die stellvertretende Schulleiterin und Lehrerin für Verwandlung, Minerva McGonagall, die Erstklässler hereinführte und die Einwahl begann, beugte sie sich kaum merklich zu ihm und wisperte: „Nicht amüsiert angesichts dieses herausragenden, schauspielerischen Talents deines Suchers?“

Flint grinste nicht. Für einen Augenblick schien es, als würde er sie gar ignorieren wollen, bevor er flüsterte: „Bin eigentlich froh, dass die Aufmerksamkeit gerade auf ihm und Potters Zusammenbruch liegt. Dann fragen nicht alle, warum ich wieder hier bin. Meine Mutter hat versucht, es möglichst lange geheim zu halten.“

Jade wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, und tat es deshalb auch nicht. Flint war sowieso kein redseliger Typ. Es war ja auch nicht so, als wüsste sie nicht um die Bedeutung seiner Worte. Ihr war nicht bekannt, dass jemals jemand das letzte Schuljahr wiederholt hatte.

Flint war nur in vier Fächern gut genug gewesen, um überhaupt die UTZs anzustreben: In Verteidigung gegen die dunklen Künste, in Verwandlung, in Kräuterkunde und in Astronomie. Dass er mit seiner Wiederholung quasi in die Geschichte von Hogwarts eingehen würde, war nicht besonders ruhmreich und der Familie Flint wohl sehr peinlich. Nein, das Gespräch mit seinen Eltern, als er den Brief mit den Prüfungsergebnissen erhalten hatte, wollte sie sich wirklich nicht im Detail ausmalen.

„Greengrass, Astoria!“, verkündete Professor McGonagalls Stimme in diesem Augenblick und alle Augen am Tisch der Slytherins richteten sich auf Daphne Greengrass' Schwester. Da der Hut nur wenige Sekunden brauchte, um sich für Slytherin zu entscheiden, stimmte Jade in das Klatschen mit ein. Erst jetzt, wo sie all ihre Mitschüler rund um sich versammelt sah, fiel ihr auf, dass es auch im sechsten Jahrgang nicht viele Mädchen gab. Das würde ja eine spaßige Angelegenheit für sie werden, da es nun hieß, sich hinsichtlich einer Vermählung in bestem Licht darzustellen und Zoe wegen Warrington quasi aus dem Rennen war.

Hoffentlich kommt Dad nicht auf dumme Ideen, dachte sie, als ihr Blick kurz über das Seitenprofil von Pucey flackerte.
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