Maskerade

von Jadina
GeschichteDrama, Romanze / P16
Adrian Pucey Graham Montague Marcus Flint OC (Own Character) Terence Higgs
08.03.2019
19.10.2019
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~~ Kapitel 1: Auftakt der Katastrophen ~~



31. August 1993



Die drei Stimmen, die den Salon im Anwesen der Runcorns erfüllten, waren nur gedämpft durch die Wände zu hören. Die magische Isolation, welche die Gespräche abschirmte, ließ langsam nach, aber es machte nicht wirklich einen Unterschied. Jade – eigentlich Jadelynn, aber sie hasste ihren vollständigen Vornamen - kannte die Stimmen gut genug, um sie auseinanderhalten zu können. Diese drei Herrschaften kamen schließlich einmal im Monat in diesem Haus zusammen, um Neuigkeiten auszutauschen. Es gab einen bestimmten Grund, warum sie diese Gespräche belauschte, trotz des Risikos, dabei erwischt zu werden und einen Heidenärger mit ihrem Vater zu bekommen. Darüber wollte sie momentan jedoch nicht nachdenken. Angestrengt spitzte Jade die Ohren, um nichts zu verpassen.

„Ich weiß nicht, wie er das geschafft hat“, dröhnte Alistair Montagues Stimme in diesem Augenblick und klang aufgebracht. Er erinnerte sie sehr an seinen Sohn, ihren jüngeren Hauskameraden Graham, der auch immer diesen Unterton verlauten ließ, wenn er sich aufregte. „All die Dementoren zu täuschen, nach den vielen Jahren, die er nun schon einsaß. Das ist ein Wunder!“

„Das ist ein abgekartetes Spiel“, widersprach Earnest Pucey und Jade meinte beinahe, den Rauch seiner Zigarre selbst durch die Wände riechen zu können. „Niemand schafft es alleine aus Askaban heraus. Jemand muss ihm geholfen haben. Jemand, von dem die Dementoren Anweisungen entgegennehmen, vor dem sie Respekt haben.“

Ihr Vater lachte knapp auf. „Das klingt fast, als würdest du das Zaubereiministerium beschuldigen, ihm bei seinem Ausbruch geholfen zu haben.“ Er räusperte sich. „Ich bin jedenfalls froh, dass morgen der erste September ist. In Hogwarts sind die Kinder sicher. Lucius mag von Dumbledore halten, was er will, aber auf das Schulgelände wird er sich nicht trauen.“

Jade stieß sich von der Wand ab, drehte sich um und ging. Auf dem Weg kam ihr Agie entgegen, die Hauselfe der Runcorns. Sie trug ein Tablett vollgestellt mit Gläsern, einer Flasche Feuerwhiskey und Gebäck. Trotzdem schaffte sie es, sich vor Jade zu verneigen, doch diese ignorierte die Hauselfe, nahm sich einen Keks und stieg wortlos die Treppenstufen hinauf in den ersten Stock. Dort betrat sie ihr Zimmer und schloss die Tür ab.

Sie konnte all das Gerede nicht mehr hören. Seit Wochen sprach die Zauberwelt über nichts anderes mehr als Sirius Blacks Ausbruch aus dem Zauberergefängnis Askaban. Die Titelseite des Tagespropheten schwebte förmlich vor ihren Augen. Was für eine Schande, sich eine derartige Katastrophe eingestehen zu müssen. Zuzugeben, nicht einmal kompetent genug zu sein, um einen wahnsinnigen Massenmörder wegzusperren. Wohlbemerkt: Einen Massenmörder, der frei herumlief und sich nicht zu schade sein würde, jeden umzubringen, der ihm im Weg stand.

Jade konnte ihrem Vater nur heimlich zustimmen, dabei war sie selten seiner Meinung. Albus Dumbledore würde dafür sorgen, dass Sirius Black nicht auf das Gelände der Hogwartsschule für Hexerei und Zauberei kam. Sowieso war Dumbledore kompetenter als das halbe Zaubereiministerium zusammen. Senil und ein ekelhafter Liebhaber von Muggeln und Schlammblütern, aber immerhin kompetent, was seine eigene Zauberei anging.

Rücklings ließ sie sich auf ihr großes Bett fallen, sank in dem weichen Stoff der Decke ein. Neben dem Kopfkissen lag der jüngste Brief ihrer Freundin Zoe, den sie am Vortag erhalten hatte. Auch bei ihr war Sirius Black das Gesprächsthema Nummer eins gewesen, und abgesehen davon, hatte sie ihr lediglich knapp berichtet, dass sie bei der Gartenparty vergangene Woche doch tatsächlich mit Cassius Warrington geknutscht hatte. Selbstverständlich ohne Augenzeugen, das war ja wohl klar.

Bei dem Gedanken daran, wie der grobschlächtige Fünftklässler ihr die Zunge in den Hals steckte, schüttelte Jade sich. Was ihre Freundin mit dem wollte, war ihr ein Rätsel. Übers Aussehen ließ sich streiten, Geschmack war individuell, aber er war nicht nur jünger, sondern auch nicht besonders hell im Köpfchen. Er konnte nicht einmal besonders beachtenswert Quidditch spielen. Damit war er für Jade in allen Punkten raus. Nicht, dass sie wirklich ein Mitspracherecht hatte, was das anging. Die Runcorns gehörten zu den wenigen reinblütigen Zaubererfamilien Großbritanniens. Wenn das letzte Schuljahr vorbei war, würde sie eine Verlobung hinsichtlich einer Vernunftehe erwarten. Irgendwie hofften ihre Eltern wohl, eines Tages den Fehler ihres Ururgroßvaters, sich mit einer Muggelfrau einzulassen, bereinigen zu können – das würde ihnen wieder ein höheres Ansehen in ihren bevorzugten Kreisen einbringen.

Hoffentlich keine Ehe mit Pucey, schoss es Jade wieder einmal durch den Kopf. Das war im Übrigen auch der Grund dafür, warum sie seit Beginn der Sommerferien damit begonnen hatte, die Gespräche ihres Vaters mit Earnest Pucey zu belauschen. Wenn ihr schlimmster Albtraum wahr wurde, wollte sie sich vorher wenigstens mental darauf vorbereiten können. Das Thema Heirat war einige Mal angeschnitten worden, aber konkret hatte sie nichts darüber in Erfahrung bringen können. Die Runcorns waren mit den Puceys quasi seit Anbeginn der Zeit befreundet, aber bisher hatten beide Familien stets nur Söhne hervorgebracht. Die Chancen, dass sich Jack Runcorn und Earnest Pucey um eine Verlobung ihrer Kinder einig werden wollten, standen ziemlich hoch. Leider.

Adrian Pucey war ihr Klassenkamerad und der Schönling des Jahrgangs. Ach was, nicht nur des Jahrgangs, des gesamten Hauses Slytherin. Auch sie fand, dass er attraktiv aussah, aber das war es bei ihm auch leider schon. Als Kinder waren sie befreundet gewesen, doch das gehörte schon lange der Vergangenheit an. Jade waren ihre Noten durchaus wichtig, aber von jemandem, der schon ein Jahr vorher freiwillig aufhörte, in der Hausmannschaft zu fliegen, bloß damit er mehr Zeit in die Vorbereitung für die UTZs investieren konnte, wollte sie gar nichts wissen. Statt seiner würde sie sogar lieber Marcus Flint nehmen. Der sah zwar nur halb so gut aus und war auch nicht besonders schlau, aber immerhin ehrgeizig und ein leidenschaftlicher Quidditchspieler. Ob er schon den Vertrag mit einem namenhaften Verein in der Tasche hatte? Bei der Gartenparty der Accringtons war die Familie Flint nicht anwesend gewesen. Sie würde die Anderen danach fragen müssen, weil Flint seinen Abschluss gemacht hatte und sie ihn daher nicht mehr im Schloss sehen würde.

Jade blickte zu ihrem Schreibtisch hinüber und zu dem Brief, der geöffnet darauf lag. Leider würde sie Pucey in ihrem siebten und letzten Schuljahr nicht so gut aus dem Weg gehen können, wie sie anfangs noch gehofft hatte. Das wie nagelneu glänzende Vertrauensschülerabzeichen, das ihre Mutter damals für mehrere Tage in Hochstimmung versetzt hatte, vermieste Jade die Aussicht auf das, was ihr ab morgen wieder bevorstand. Pucey war sicher nicht durch irgendwen ersetzt worden, und da Gemma Farley ebenfalls ihren Abschluss gemacht hatte, bedeutete das für Jade nur eines: Sie würde mit Pucey gemeinsam auf Patrouillengänge gehen müssen. Nachts, wenn der Rest der Schülerschaft schlief (oder schlafen sollte). Hinzu kamen gemeinsame Besprechungen mit allen Vertrauensschülern und den Schulsprechern, die viel Zeit fressen würden. Vor allem bedeutete es, dass sie noch mehr Arbeit als eh schon haben würde.

Ein Laut der Unmut entfuhr Jade und sie rollte sich auf den Bauch, nahm ein weiteres Mal Zoes Brief zur Hand. Ihre Augen huschten über die fein geschwungene Handschrift, die wie gemalt wirkte, aber wirklich lesen tat Jade die Worte nicht. Sie hatte diesen Brief schon so oft angesehen, allein den Absatz über Warrington mindestens dreimal gelesen, um sicherzugehen, dass sie alles richtig verstanden hatte. Eine Antwort war unnötig, sie würden sich sowieso morgen im Zug sehen, aber aus irgendeinem Grund verspürte sie das dringende Bedürfnis, Zeit mit ihrer besten Freundin verbringen zu wollen. Von Monique hatte sie nicht viel gehört, weil die Familie Rosier die gesamten Ferien über in Frankreich verweilte, wo irgendein Verwandter seine Hochzeit ausrichtete. Alles in allem waren es Jades einsamste Sommerferien überhaupt gewesen, und das war besonders bitter in Anbetracht der Tatsache, dass es auch ihre letzten Sommerferien waren.

Das letzte Schuljahr, dachte sie wehmütig, als sie aufstand, den Brief von Zoe wegräumte und dabei das Vertrauensschülerabzeichen vom Schreibtisch nahm, um es sich an die Bluse zu stecken und sich probehalber im Spiegel anzusehen. Natürlich ehrte es sie, dass sie damals ausgewählt worden war. Sie wusste auch nicht, wer es sonst hätte werden können. Neben ihr und Zoe gab es nur noch zwei andere Mädchen ihres Jahrgangs in Slytherin. Sie hießen Viola Richmond und Katherine Carter. Beide waren nicht nur bloß halbblütig, sondern auch in keiner Weise scharfsinnig genug, um einen Dienst als Vertrauensschülerin zu leisten. Ja, es war schon logisch, dass sie bestimmt worden war.

Jade sah auf die Uhr und stellte fest, dass es bereits kurz nach elf war. Zeit, um sich bettfertig zu machen. Binnen weniger Minuten hatte sie ihre Kleidung gegen den seidenen Morgenmantel getauscht und ging hinüber in das kleine Badezimmer, das an ihr Zimmer grenzte und ihr alleine gehörte.

Agie hatte ein neues Shampoo mit einem leckeren, fruchtigen Duft besorgt. Bevor Jade jedoch die Dusche betrat, kam der wichtigste Teil ihrer abendlichen Routine. Sie zog den Hocker heran und setzte sich an ihren Schminktisch. Dort holte sie eine Flasche Reinigungsmilch mit Rosenwasser und Wattepads aus der Schublade, bevor sie vorsichtig begann, sich abzuschminken.

Heute hatte sie nicht viel Lidschatten getragen, deshalb brauchte sie ein Wattepad weniger als sonst. Im Endeffekt waren es vier, die sie in den Mülleimer warf, bevor sie Morgenmantel und Unterwäsche auszog, um unter die Dusche zu steigen.

Schminke war etwas, ohne das Jade nicht leben konnte. Schon als kleines Kind hatte sie begeistert ihre Mutter beobachtet, wenn diese sich für eine Veranstaltung fertiggemacht hatte. Es war faszinierend, wie Farbe das Gesicht eines Menschen verändern konnte. Sie liebte den Effekt, wie alles Störende aus ihrem Gesicht verschwand, wenn sie Foundation auftrug. Sie liebte das seidene Gefühl, wenn sie gutes Puder benutzt hatte, und wie ihre grünbraunen Augen funkelten, wenn sie den richtigen Lidschattenton wählte. Concealer, Eyeliner, Mascara, Rouge und Lippenstift durften natürlich auch nicht fehlen. Ihre Begabung auf diesem Gebiet war königlich. Kein anderes Mädchen konnte sich so gut zurechtmachen wie sie. Kunststück, sie hatte ja auch früh damit angefangen. Seit dem Tag ihrer Einschulung war Jade niemals ungeschminkt gewesen. Nur Zoe kannte die Wahrheit, da die beiden Freundinnen keine Geheimnisse voreinander hatten.

Prompt, da sie an Zoe gedacht hatte, erschien wieder Warringtons Gesicht vor Jades innerem Auge und sie musste halbherzig grinsen. Was auch immer ihre beste Freundin an ihm fand, mit Sicherheit war sie die einzige Person, der Zoe von der Knutscherei erzählt hatte. Warrington aber war ein strohdoofer Angeber. Jade würde ihre Schminkpinsel essen, wenn er nicht mindestens vor Montague oder Bletchley damit geprahlt hatte. Aber das ließ sich schnell herausfinden. Alle drei genannten Jungen waren in Moniques Jahrgang. Es würde nicht einmal fünf Minuten dauern, bis sie herausgefunden hatte, was Sache war. Hauptsache keiner von den Erwachsenen bekam Wind davon, damit war nicht zu spaßen. Das Risiko war jedoch relativ gering. Bei einer Gartenparty waren die ausschließlich mit sich selbst beschäftigt. Außerdem klang es seltsam, wenn sie von den Erwachsenen sprach, immerhin wurde sie selbst in etwas mehr als einem Monat volljährig.

Jade wusch sich, cremte sich ein und föhnte anschließend mit einem Zauber ihre dunkelbraunen Haare trocken und glatt. Von Natur aus waren diese leicht gewellt, aber sie trug sie lieber ordentlich zurechtgemacht. Bevor sie zu Bett ging, checkte sie noch einmal, ob sie auch ja alle nötigen Schulbücher und Utensilien eingepackt hatte. Morgen früh würde sie lediglich ihren Schminkkoffer hinzufügen, den brauchte sie schließlich noch. Als sie dann endlich im Bett lag, spürte sie das beklemmende Gefühl in ihrer Magengegend ganz deutlich.

Es war nicht nur das letzte Schuljahr, es war auch ihr letztes Jahr in Freiheit. Eine reinblütige Hexe hatte Aufgaben und Erwartungen in der Gesellschaft zu erfüllen, und sie war davon nicht ausgenommen. Sie hoffte bloß, ihr Vater würde eine Entscheidung in ihrem Sinne treffen.


~~*~~*~~


Der köstliche Geruch von frisch zubereitetem Kakao weckte Jade am nächsten Morgen. Es war ihre tägliche Dosis Schokolade, die Agie ihr stets ans Bett brachte, zusammen mit einem Keks. Die Hauselfe wuselte kaum hörbar im Zimmer herum und öffnete die Vorhänge, sodass Jade sah, wie der Regen gegen die Fensterscheibe prasselte.

Super!, fluchte sie innerlich, während sie sich im Bett aufsetzte und die Tasse Kakao an die Lippen hob. Sie störte sich nicht daran, wenn es draußen kalt war. Schnee und Eis waren schön und ihr irgendwie vertraut. Aber Regen war fürchterlich! Regen barg die Gefahr, dass ihre sorgfältig aufgetragene Schminke verlief und ihre Haare sich kräuselten. Sie würde am heutigen Morgen mit ein bisschen Zauberei nachhelfen müssen. Was für ein Glück, dass sie aus einem reinblütigen Haushalt stammte. Es musste schrecklich sein für all die Schlammblüter, daheim nicht zaubern zu dürfen. Gut, aber dafür waren sie ja auch Schlammblüter. Irgendeinen Unterschied musste es geben.

„Miss, das Frühstück ist angerichtet“, piepste Agie und verbeugte sich, bevor sie aus dem Zimmer huschte. Jade nickte abwesend und tunkte in aller Ruhe ihren Keks in den Kakao. Erst, als die Tasse geleert war, stand sie auf.

Neben Zoe waren ihre Eltern die einzigen Personen auf dieser Welt, die sie ungeschminkt sahen. Sie würde sich erst nach dem Frühstück fertigmachen. So zog Jade sich nur um, bevor sie die Treppe hinabstieg und im Esszimmer erschien.

Es war wie jeden Morgen auch. Ihr Vater saß mit dem Tagespropheten in der Hand am Tisch, eine leere Tasse Kaffee vor sich und bereits auf dem Sprung ins Ministerium. Jack arbeitete in der Abteilung für Magische Spiele und Sportarten, genauer gesagt in der Zentrale für die britische und irische Quidditch-Liga. Es war ein absoluter Traumjob, um den Jade ihn total beneidete. Vor allem deshalb, weil er oft vergünstigt an Karten für bedeutungsvolle Quidditchspiele kam, die sie dann besuchen konnten. Leider war es Frauen aus Familien wie der ihren nicht erlaubt, einem Beruf nachzugehen. Sie würde sich später um die Kinder kümmern müssen. Ein Grund mehr also, auf eine Hochzeit mit irgendwem zu hoffen, der den Sport genauso liebte wie sie.

„Guten Morgen, Dad, Mum“, begrüßte Jade ihre Eltern und setzte sich neben ihre Mutter, die bereits zurechtgemacht war und eine Schale Obstsalat frühstückte. „Etwas Spannendes im Tagespropheten?“

„Nur die übliche Berichterstattung um Sirius Blacks Ausbruch aus Askaban“, erwiderte ihr Vater und erhob sich. Sofort war Agie zur Stelle und brachte ihm seinen Mantel sowie seine Aktentasche. Die Zeitung legte er auf den Tisch, bevor er seine Frau auf den Mund und seine Tochter auf die Stirn küsste. „Viel Spaß bei deinem letzten Schuljahr, Jadelynn. Ich erwarte gute Noten bei den UTZs und regelmäßige Briefe von dir.“

„Natürlich.“ Jade umarmte ihn hastig, bevor er endgültig aus dem Speisezimmer verschwand und sie ihn beinahe ein ganzes Jahr nicht mehr sehen würde, schließlich plante sie, ihre letzten Weihnachtsferien in der Schule zu verbringen. Kaum hatte er den Raum verlassen, langte sie nach der Zeitung.

Während sie sich mit der rechten Hand ein Marmeladenbrötchen schmierte und ihre Mutter ihr irgendetwas von einem Abendessen bei den Montagues nächste Woche erzählte, überflog Jade die Titelseite. Sirius Blacks Gesicht prangte in Form seines Fahndungsplakats darauf und stierte sie mit aufgerissenen Augen an, während er sich verzweifelt die Haare raufte. Zum Glück waren magische Fotos stumm, sonst hätte er noch das ganze Anwesen zusammengeschrien, da war Jade sich sicher.

„Fürchterlich“, sagte ihre Mutter plötzlich mit einem Seitenblick auf die Zeitung. „Sie haben noch immer keine Spur von ihm. Ich bin sehr froh, dass du heute zurück in die Schule fährst. Dort wirst du sicher sein, Jadelynn.“

„Ich bin auch froh, Mum.“ Jade schlug kurz den Sportteil auf und überflog die Ergebnisse der ersten Quidditchspiele der neuen Saison. Da es aber keine nennenswerten Sensationen gab, legte sie den Tagespropheten weg und versuchte, ihrer Mutter noch etwas über das gestrige Beisammensein mit den Oberhäuptern der befreundeten Familien zu entlocken. „Waren Mister Montague und Mister Pucey gestern noch lange da?“

„Etwa bis Mitternacht“, antwortete ihre Mutter einsilbig. Jades Neugierde stand ihr wohl etwas zu offensichtlich ins Gesicht geschrieben, jedenfalls fügte sie noch hinzu: „Sie haben ebenfalls über den Ausbruch geredet. Lass deinen Vater nicht wissen, dass ich dir das erzählt habe, ja? Alistair arbeitet doch im Büro für internationale magische Zusammenarbeit. Er sagt, es gäbe auch viel Aufregung in Frankreich wegen des Ausbruchs. Es scheint, als wäre die gesamte Zaubererwelt in Aufruhr. Nicht, dass es nicht angemessen wäre. Black ist eine Gefahr für die Allgemeinheit.“

Flugs war ihre Mutter in eine Schimpftirade auf Sirius Black vertieft, der die altehrwürdige Familie Black erst damit entehrt hatte, dass er zu Schulzeiten im Hause Gryffindor gelandet war, mit Schlammblütern Kontakt gepflegt hatte, bevor er die Familie Potter schließlich an Du-weißt-schon-wen verraten hatte. Schimpfen war generell etwas, das Catriona Runcorn sehr gut konnte, und Jade ließ ihre Mutter reden. Ab und an nickte sie, manchmal murmelte sie: „Das stimmt.“

Dementsprechend zog sich das Frühstück gefühlte Ewigkeiten hin. Irgendwann schreckte Catriona von selbst auf, da sie feststellte, dass sie nur noch rund eine Stunde Zeit hatten, bis sie zum Bahnhof Kings Cross apparieren mussten, damit Jade den Zug pünktlich bekam.

Beide Frauen standen vom Tisch auf und prompt erschien Agie, um abzuräumen. Während Catriona in das Arbeitszimmer ihres Mannes eilte, um den Montagues per Eulenpost die Einladung zum Abendessen zu beantworten, kehrte Jade in ihr Zimmer zurück.

Nur eine Stunde, das war verdammt wenig Zeit dafür, dass das Schminken eigentlich ihre liebste Morgenroutine war. Aber sie würde es hinbekommen. Nicht umsonst hatte sie ja eine Menge Übung darin.

Da es beständig regnete und die Farbe des Himmels darauf schließen ließ, dass die Ergüsse so schnell auch nicht aufhören würden, kramte Jade ausnahmslos wasserfeste Produkte aus ihrer immens großen Tasche, die mehr einem Koffer glich. Im eigentlichen Koffer nahm sie am meisten Platz ein, aber immerhin, so argumentierte Jade gegen Kritiker, wussten ihre Freunde stets ganz genau, womit sie ihr zu Weihnachten oder zum Geburtstag eine Freude machen konnten. Gutscheine mochten für den Großteil der reinblütigen Gesellschaft einen faden Beigeschmack von Ahnungslosigkeit oder fehlender Wichtigkeit für die Gemeinschaft sein, aber für Jade waren sie hervorragend. Damit konnte sie sich in der magischen Parfümerie in der Winkelgasse alles kaufen, was sie wollte.

An diesem Morgen entschied sie sich für ein elegantes Erscheinungsbild mit klaren Linien. Das Gesicht schminkte sie grundsätzlich immer gleich, dieses Mal legte sie allerdings einen Wasser abweisenden Zauber auf. Lidschatten trug sie keinen auf, dafür zog sie einen akkuraten Lidstrich und verdunkelte den unteren Wimpernkranz mit schwarzem Kajal. Ihre Augen waren heute mehr grün als braun, aber das war Zufall und konnte sich vom einen auf den anderen Tag ändern. Sowieso war es egal, denn beides passte zu ihrem dunkelbraunen Haar. Rouge in einem frischen Apricot und dazu passender Lippenstift rundeten ihre kreative Vision ab.

Keinen Moment zu früh war Jade fertig geworden und hatte ihr Schminkköfferchen in den Schulkoffer gepackt. Noch gut fünf Minuten bis zur Abreise. Sie überflog ein letztes Mal die Packliste, die sie stets anfertigte, um nichts zu vergessen. Dann sagte sie laut und deutlich: „Agie!“

Mit dem typisch lauten Ploppen des Apparierens erschien die Hauselfe in ihrem Zimmer. „Miss hat Agie gerufen?“

„Trage mein Gepäck nach unten und bringe mir meinen Regenmantel und einen Schirm“, wies Jade sie an. Natürlich hätte sie dies selber tun können, doch wozu besaß die Familie schließlich eine Hauselfe?

Pünktlich und auf die Minute genau verließen die beiden Runcorn-Frauen das Haus. Unter dem Vordach stehenbleibend, die Schirme aufgespannt, umfasste Jade den Griff ihres Koffers fester, bevor sie sich bei ihrer Mutter unterhakte. Catriona apparierte in eine Seitengasse in der Nähe des Bahnhofs Kings Cross und schreckte dabei einige Tauben auf. Mit schnellen Schritten gelangten die beiden zur Bahnhofsvorhalle und kurz darauf auf den Bahnsteig zwischen Gleis neun und Gleis zehn.

Da Jade weder eine Eule noch eine Katze oder eine Kröte besaß und auch keinen Besen dabeihatte, da Frauen von der Hausmannschaft der Slytherins ausgeschlossen waren, erregten sie nicht halb so viel Aufmerksamkeit wie manch anderer Schüler. Mehr als einmal bemerkte sie, wie ihre Mutter angesichts der Muggel um sie herum die Nase rümpfte, bevor sie durch die Steinwand gingen und auf dem Gleis Neundreiviertel herauskamen.

Viele Schüler und ihren Eltern tummelten sich bereits dort. In der Nähe entdeckte Jade ihre Freundin Zoe und sagte: „Schau, Mum. Dort vorne sind die Accringtons. Sollen wir zu ihnen gehen?“

„Oh ja“, stimmte Catriona erfreut zu und brachte Jade somit zum Lächeln. Ein Glück, dass ihre und Zoes Mutter sich so gut verstanden.

Die beiden drängelten sich zwischen den anderen Familien hindurch, bis sie die Accringtons erreichten. Zoe und Jade fielen sich etwas enthusiastischer und herzlicher in die Arme und zeigten dabei mehr Emotionen als Reinblüter normalerweise in der Öffentlichkeit zu pflegen taten, doch die Erwachsenen ließen sich etwaigen Ärger über diesen Ausbruch nicht anmerken und straften die Mädchen mit Ignoranz. Dennoch begrüßte Jade Maribella und Artus Accrington höflich, ehe sie sich wieder Zoe zuwandte und die beiden Mädchen kichernd die Köpfe zusammensteckten, was seitens der Erwachsenen einmal mehr unkommentiert gelassen wurde. Jade wunderte sich nur kurz. Vermutlich lag es daran, dass die Familien etwas abseits der übrigen Menschen standen, unter denen sich viel zu viele Halb- und Schlammblüter befanden.

„Hast du meinen letzten Brief bekommen?“ Zoe kicherte mit verschwörerischem Unterton. „Ich muss es dir später in allen Einzelheiten erzählen.“

„Will ich das wirklich wissen?“, erwiderte Jade neckisch und flüsternd. „Warum er?“

„Warum nicht?“ Zoe sah sie herausfordernd an. „Jade, wir sind im letzten Schuljahr. Es wird langsam Zeit, sich einen Favoriten zuzulegen. Du willst doch nicht mit Lackaffe enden, oder?“ Lackaffe war ihr Codename für Adrian Pucey.

„Mädchen, ihr solltet in den Zug steigen, sonst findet ihr kein freies Abteil mehr“, sagte Artus zu den beiden und riss sie aus ihrem Gespräch. Daraufhin verabschiedete Jade sich höflich von den Accringtons und umarmte ihre Mutter, ehe sie und Zoe sich dem Zug näherten, ihre Koffer hinter sich herziehend.

Glücklicherweise mussten sie sich nicht einmal damit abmühen, sie selbst in den Zug zu wuchten. Als hätte er nur darauf gewartet, dass die Accringtons außer Sichtweite waren, erschien wie von Zauberhand Cassius Warrington hinter ihnen. Für einen Fünftklässler war er ziemlich breit gebaut und es schien Jade, als wäre er über die Sommerferien auch einen ganzen Kopf gewachsen. Sie war nicht gerade klein, doch Warrington überragte sie nicht unerheblich.

„Hallo Zoe, hallo Jade. Darf ich den Damen behilflich sein?“, grinste er, und ohne eine Antwort abzuwarten, griff er nach Zoes Koffer und hievte ihn in den Zug. Bevor er jedoch dazu kam, sich auch Jades Koffer zu schnappen, spürte sie die Präsenz von jemand anderem hinter sich und hörte, wie derjenige bestimmend sagte: „Ich mache das schon, Warrington.“

Jade glaubte, sich verhört zu haben, und Zoe sah ebenfalls mehr als nur überrascht drein. Wie von der Tarantel gestochen fuhr Jade zum Redner herum und starrte ihn ungläubig an. „Flint! Was machst du denn hier?“




~~*~~*~~



Hallo!

Herzlich Willkommen bei Jades Geschichte. Ich hoffe, der Einstieg hat Dir gefallen und Du bist gespannt auf das nächste Kapitel.

Ich möchte vorab eigentlich gar nicht viel sagen, nur zwei Dinge:
Erstens halte ich mich sehr an die Originalvorlage. Nur Adrian Puceys Alter habe ich verändert und damit auch seine Zeit in der Hausmannschaft der Slytherins.
Zweitens wird es in dieser Geschichte – selbstverständlich ;-) - ein Hauptpairing geben. Allerdings steht dieses nicht von Anfang an fest, sondern entwickelt sich mit der Geschichte. Mal sehen, wer am Ende an Jades Seite übrig bleibt.

Reviews beantworte ich immer öffentlich und auch sehr regelmäßig. Wenn Du deine Antwort lieber als PN bekommen willst, auch kein Problem, sag mir einfach Bescheid.

Einen großen Dank aussprechen möchte ich an Ira, die mir als Betaleserin zur Seite steht! :-)

Ich bin nicht der Typ, der sich bei jedem Kapitel mit Anmerkungen zu Wort meldet. Also bleibt nur noch eines übrig: Viel Spaß beim Lesen!

Jadina
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